Die Frauen von Istanbul - Gaye Boralıoğlu - ebook

Die Frauen von Istanbul ebook

gaye boralıoğlu

0,0

Opis

Istanbul – Zentrum für Handel, Finanzen, Medien und Kultur. Doch zwischen Hochhäusern und Moscheen, zwischen Europa und Asien, zwischen Moderne und Tradition, pocht das Herz einer patriarchalischen Gesellschaft, in der die Frauen tagtäglich ihren Platz finden müssen. Die Köchin übernimmt Verantwortung, um den besten Reis zu servieren, und die Schneiderin träumt beim Nähen gefährlich vor sich hin. Die Demonstrantin kämpft gegen das Establishment und die Toilettenfrau überwindet ihre Tätigkeit mit Kinobildern im Kopf. Die Tante entpuppt sich als Mörderin ihres Ehemannes und die Verkäuferin behauptet plötzlich, lesbisch zu sein. Die Frauen von Istanbul leben mit Träumen, Wünschen und Lügen, mitten in einem gefährlichen politischen System. Mit schwarzen Wimpern, großen Mandelaugen und gemalten Lippen lernen sie, außerordentlich erfinderisch zu sein. Um zu überleben. Ein Prozess, der seinen Preis hat. Bis in den Tod hinein. Gaye Boralıoğlu, eine der bekanntesten und erfolgreichsten türkischen Autorinnen der Gegenwartsliteratur, hebt den Schleier der islamisch-konservativen Herrschaft und erlaubt uns einen Blick in eine unbekannte Gesellschaft. In ihren Erzählungen erheben sich Frauencharaktere zwischen der Sehnsucht nach Freiheit und den kulturellen Normen und Gesetzen ihres Landes. Geschichten, die Mut und Vertrauen aufbauen, und Geschichten, die Trauer und Wut auslösen. Geschichten einer Stadt mit ihren Frauen als Protagonisten. Frauen, die leben, lieben, sterben und sich stets nach ihren Rechten sehnen.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 218

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Die Frauen von Istanbul Reihe: Via Egnatia

Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buchin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2016© Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, 2016www.groessenwahn-verlag.deAlle Rechte vorbehalten.ISBN: 978-3-95771-108-3eISBN: 978-3-95771-109-0

Gaye Boralıoğlu

Die Frauen von Istanbul

Erzählungen

Aus dem Türkischenvon Wolfgang Riemannund Monika Carbe

IMPRESSUM

Die Frauen von IstanbulReihe: Via Egnatia

AutorinGaye Boralıoğlu

Erschienen 2014 bei Iletisim Yayinlari Verlag, Istanbul/TROriginalausgabe: ›Mübarek Kadinlar‹© Copyright: Gaye Boralıoğlu

ÜbersetzungWolfgang Riemann und Monika CarbeSeitengestaltungGrößenwahn Verlag Frankfurt am Main

SchriftConstantia

CovergestaltungMarti O´Sigma

Coverbild© Christos Koliousis, Privatarchiv

LektoratPatrizia Seibert, August-Paul Sonnemann

Druck und BindungPrint Group Sp.z.o.o. Szczecin (Stettin)

Größenwahn Verlag Frankfurt am MainOktober 2016

ISBN: 978-3-95771-108-3eISBN: 978-3-95771-109-0

INHALT

Die Frauen von Istanbul

Mi Hatice

Die Reisköchin

Alis Frau

Die Träumerin

Die Toilettenfrau

Zwei Verkäuferinnen

Großmutters Vergangenheit

Die Gefangene

Die Sängerin

Tante Nurhayat

Die Schaufensterpuppe

Die Mörderin

Das verschollene Mädchen

Biographisches

Mi Hatice

Heute war Hatice früher als gewöhnlich zum Bahnhof gekommen. Sie hatte ihre Arbeit beizeiten beendet und wartete wie jeden Tag auf ihren Mann. Sie stand am Rande des Sirkeci Bahnhofs vor den Schaltern der Gepäckaufbewahrung, wo sie die Duftschwaden einhüllten, die von den Würstchen der Imbissbuden herüber waberten. Hatice wartete hier wie gestern, wie vorgestern, wie an den Tagen zuvor, wie an den Hunderten von Tagen zuvor – an die genaue Zahl erinnerte sie sich nicht.

Als zum Nachmittagsgebet gerufen wurde, griff sie instinktiv zu ihrem Kopftuch und band es sich flink und geschickt mit nur einer Hand unter dem Kinn zusammen. Dann neigte sie den Kopf nach vorne und wartete weiter. Dabei fiel ihr Blick auf ihre Zehen, die aus ihren Pantoffeln hervorschauten. Die dünnen Strümpfe hatten eine Laufmasche, die an ihrem großen Zeh begann. Sie versuchte die Zehen einzuziehen. Aber es fiel ohnehin niemandem auf, dass Hatices Strümpfe eine Laufmasche hatten.

Hatice konzentrierte sich auf den Gebetsruf und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit darauf, die Worte des Geistlichen zu verstehen. Es gelang ihr nicht. Eigentlich kannte sie den Ruf, denn sie hatte die Worte als Kind auswendig gelernt. Man hatte ihr zwar den Wortlaut beigebracht, doch jetzt bekam sie ihn nicht mehr zusammen. Sie konnte die einzelnen Wörter nicht erfassen. Sie führte das darauf zurück, dass ihr die Wörter nichts sagten. Doch dann fürchtete sie sich vor diesem Gedanken. Wie konnten Gottes Worte denn für sie bedeutungslos sein? Es waren doch nur Wörter in einer anderen Sprache, die Hatice nicht verstand. Aber sie hatten die gleiche Bedeutung, die Hatice, wenn sie nur wollte, in ihrem Herzen spüren konnte. Hatte ihr Großvater nicht gesagt: »Wenn du sie nicht verstehst, dann nimmst du sie mit dem Herzen wahr.« Damit Hatice den Gebetsruf mit dem Herzen verstehen konnte, müsste dieser sie wie auf einer großer Hand aus Wolken emporheben, immer höher hinauf, über diese laut herumschreienden und umhereilenden Menschen hinauf, höher als die Minarette, die Häuser und die Satellitenantennen … weg von diesem Würstchengeruch … doch es gelang Hatice nicht. Mit aller Kraft versuchte sie, sich von den Wörtern zu lösen, und sie hoffte, der Ruf des Muezzins würde sie mit seiner jenseitigen Melodie gefangen nehmen. Doch ihre Mühe war vergeblich. Der Gebetsruf zog an ihr vorbei. Seine Wirkung auf sie war nicht einmal so groß wie die der Duftschwaden vom Imbissstand.

In diesem Augenblick empfand Hatice ein seltsames Gefühl des Verlassenseins, das sie jedoch nicht in Trauer versetzte. Ganz im Gegenteil: Sie fühlte eine nicht genau zu beschreibende Beruhigung, ja eine kaum merkliche Erleichterung, und dies bereitete ihr Unbehagen. Wie immer in solchen Situationen begann sie auch jetzt, an ihren Großvater zu denken. Er war ein großer, riesiger Mann mit kräftigen Knochen und einem harten Gesicht. Der Großvater drückte Hatices kleine Hand ganz fest an seine Brust – als wolle er sie vor einer Gefahr schützen, die sie von überallher bedrohen konnte, und ohne ein Wort zu sagen, brachte er sie mit einem besorgten Ausdruck im Gesicht zur Schule. Hatice mochte es sehr, wenn er diese Miene machte. So gefiel er ihr sogar noch besser als wenn er lachte. Wenn Hatice dem Großvater sagte, ihr tue der Arm weh und er solle ihn herunterlassen, hörte dieser gar nicht hin und führte sie bis zum Tor der Grundschule. Dort wartete er, bis seine Enkeltochter in der Schule verschwunden war und er sie nicht mehr sah. Wenn die Glocke das Ende des Unterrichts anzeigte, war Hatice unter den ersten Schülern, die im Tor der Schule erschienen. Blitzschnell suchten ihre Augen den Garten ab, denn ganz bestimmt hielt sich dort irgendwo ihr Großvater auf. Sie wurde nie enttäuscht. Dennoch wurde ihr Herz von Unruhe erfüllt, sobald sich der Zeitpunkt des Klingelns näherte. Dieses Gefühl legte sich erst, wenn sie hinaus gestürzt war und ihn gesehen hatte, wenn sie ihre Hand in seine riesige Handfläche gelegt hatte. Hatice schloss kurz die Augen und versuchte, diese Situation mit allen Einzelheiten im Geiste noch einmal zu erleben. Als sie die Augen wieder öffnete, stand ihr Sacit gegenüber. Sie war versucht ihn anzulächeln, glaubte sogar, ihn mit einem Lachen zu begrüßen, aber in Wahrheit zeigte ihr Gesicht keinerlei Regung. Auch Sacit schenkte Hatice kein Lächeln.

Erst bei Sacits Eintreffen nahm Hatice auch die vielen hundert Menschen im Bahnhof wahr. Verschwitze Gesichter, hängende Schultern, eindringliche Blicke, graue Haare, hohe Absätze, zweireihige Sakkos, Aktenkoffer á la James Bond, Hosenträger, Schlitze in Röcken, Schirmmützen, Hände mit Tüten, müde Füße … viele Füße. Sacit war schon losgegangen. Um ihn nicht zu verlieren, beschleunigte sie ihre Schritte. Ohne ein Wort zu wechseln kauften sie die Fahrkarten. Schnellen Schrittes liefen sie den Bahnsteig Nummer drei entlang. Sie gingen durch halb besetzte Abteile, setzten sich aber nicht auf die freien Plätze. Im Gedränge trat ihr ein Mann aus Versehen auf die Pantoffeln. Hatice stolperte, doch alle gingen weiter, als sei nichts passiert. Der Zug pfiff, Sacit betrat das letzte Abteil. Hatice folgte ihm und der Zug fuhr los.

Hatice und Sacit setzen sich nebeneinander ans Fenster — mit dem Rücken in Fahrtrichtung. Rückwärts zu fahren und dabei zu beobachten, wie sich die Welt von ihr entfernte, gefiel Hatice gar nicht. Ihr wurde schlecht. So wie der Zug in einem festen Rhythmus über die Gleise rumpelte, wurden auch Hatice und Sacit durchgerüttelt, und ihre schlaffen Knie berührten einander. Doch die beiden nahmen das gar nicht wahr. Auch die anderen Reisenden im Waggon bemerkten nicht, dass die Knie der beiden aneinander stießen.

Moscheen, Paläste und Möwen zogen am Fenster vorbei und blieben zurück. Gemächlich rumpelnd verließ der Zug den Bahnhof.

In Cankurtaran, der ersten Station, an der der Zug anhielt, stieg niemand aus. Aber ein paar Leute stiegen zu. Im Waggon war es inzwischen recht voll. Es war heiß. Unter Hatices Kopftuch sammelten sich Schweißperlen. Als der Zug in Cankurtaran wieder abfuhr, stach Hatice ein seltsamer Geruch in die Nase. Auf ihren Fahrten, die seit vielen Tagen, seit Monaten, ja seit Jahren immer gleich abliefen, fiel ihr heute zum ersten Mal dieser fremde Geruch auf. Sie versuchte das Fenster an ihrer Seite zu öffnen. Mit aller Kraft hängte sie sich an den Griff, doch der Staub, der sich hier in hundert Jahren festgesetzt hatte, erlaubte ihr nicht, das Fenster zu öffnen. Hatice schaute Sacit an. Er hatte seine halb geschlossenen Augen auf einen festen Punkt gerichtet und sich ganz dem Schaukeln des Zuges hingegeben. In der Hoffnung, jemanden zu finden, der ihr beim Öffnen des Fensters behilflich sein würde, blickte Hatice sich um. Doch niemand außer ihr schien sich an dem Geruch zu stören — keiner außer Hatice schien ihn überhaupt wahrzunehmen. Als Hatice sich erhob, um das Fenster zu öffnen, trafen sich ihre Blicke nur mit denen einer weiteren Person: Es waren die Augen einer etwa gleichaltrigen Frau, die auf Hatices Platz schielten. Sie schienen Hatice aufzufordern, sie solle zur Seite treten, wenn sie sich nicht setzen wolle. Da wandte sich Hatice vom Fenster ab und nahm ihren Platz wieder ein. Nach kurzer Zeit vergaß sie den Geruch und vertiefte sich in den Anblick ihrer Hände. Sie sahen nicht wie die Hände einer Putzfrau aus. Sie hatte lange Finger mit kurzen aber regelmäßigen Nägeln. Ihre Hände waren so makellos, wie die eines jungen Mädchens. Hatices Augen suchten die Hände des Mädchens, das ihr gegenüber saß. Sie hatte eine Hand aufs Knie gelegt, die andere hielt der Junge neben ihr. Hatice fragte sich, ob Sacit je ihre Hand gehalten hatte. Doch an eine solche Situation konnte sie sich nicht erinnern. Ihre Augen konzentrierten sich wieder auf ihre eigenen Hände. Mit diesen Händen wollte sie ihren Großvater umarmen. Sie wollte sich an seine Hosenbeine klammern und ihm laut zurufen: »Lass mich nicht allein, verlass mich nicht!« Hatice ballte die Hände zu Fäusten und drückte sie an ihre Brust. Ihr saß ein Kloß im Hals, das betrübte sie sehr.

Bei einem plötzlichen Ruck des Zuges kam Hatice wieder zu sich. Ohne ersichtlichen Grund war der Zug zwischen Yenikapı und Kocamustafapaşa zum Stehen gekommen. Es war keine Station zu sehen, auch kein anderer Zug oder sonst etwas Außergewöhnliches. So lange der Zug hielt, ging auch kein Wind und die Hitze hatte den Waggon fest im Griff. Niemand schien sich zu fragen, was passiert war. Sacit seufzte tief, sagte jedoch kein Wort. Auch Hatice schwieg. Lediglich ein paar Jungen in der Nähe des Ausgangs übernahmen es, die Türen aufzuschieben. Sie streckten den Kopf hinaus und warteten auf die Weiterfahrt. Trotz des fehlenden Windes, der drückenden Hitze und des Schweißgeruchs, der von Sacit ausging, empfand es Hatice als angenehm, dass der Zug stoppte. Dass sie nicht mehr rückwärtsfuhr und dass der Zug still stand, verringerte ihre Übelkeit. Sie ließ ihren Blick über die alten, unansehnlichen Lampen, über die schmutzigen, grünen Wände des Waggons schweifen. Auch der Wagen schwitzte, denn von der Unterkante der Fenster und von der Decke tropften graue, mit Staub vermischte Schweißperlen. Einige Male sah es so aus, als wolle der Zug weiterfahren, doch dann blieb er wieder stehen. Alle Insassen wurden - der Laune des Zuges folgend - hin und her geworfen. Auch die Schweißtropfen an den Wänden änderten die Richtung, in die sie flossen. Nach fünfzehn Minuten fand der Zug seinen alten Rhythmus wieder und fuhr genauso unvermittelt weiter, wie er angehalten hatte.

Als sie in Kocamustafapaşa ankamen, war Sacit eingeschlafen. Hatice betrachtete verstohlen sein Gesicht. Seine geröteten Wangen hingen herunter, seine Lippen waren leicht geöffnet. Zwar schienen seine Augen nicht ganz geschlossen zu sein, dennoch war sich Hatice sicher, dass er schlief. Er nahm nämlich weder den Mann wahr, der in Kocamustafapaşa einstieg und für eine Lira Zitronensaft verkaufte, noch den Jungen, der in Yedikule hereinkam und Plüschpuppen anbot. Und Sacit bemerkte auch das Mädchen nicht, das Kämme verkaufte und den Zug in Zeytinburnu betreten hatte. Mit jeder Station, die sie passierten, schnarchte Sacit ein wenig mehr. Als sie in Yenimahalle anlangten, konnte er seinen Kopf schon nicht mehr halten. Durch das Schaukeln des Zuges wurde sein Kopf viel heftiger und schneller hin und her geworfen. Seine Beine waren weit nach beiden Seiten geöffnet, die Arme hingen ihm am Körper herunter. Hatice betrachtete aus den Augenwinkeln die Schweißtropfen, die von seinen Armen rannen. Sie schämte sich seiner. Wie gut, dass wir nicht miteinander gesprochen haben, dachte sie. So konnte niemand wissen, dass sie Mann und Frau waren. Ja nicht einmal, dass sie sich überhaupt kannten, war für Außenstehende zu erkennen.

Hatice erinnerte sich an die erste Fahrt, die sie mit diesem Zug gemacht hatte. Sie waren damals in Menekşe eingestiegen. Zu jener Zeit hatte sie zusammen mit ihrem Großvater in einer Wohnung mit Garten ganz in der Nähe des Highlife-Strandes gelebt. Sie erinnerte sich an die Gerüche ihrer Kindheit … an den Geruch von Moos und Sand, an den Honigduft des Geißblatts und an den Duft des blonden Jungen, der schwarzgrauen Katze. Auch dachte sie an ihre ein wenig nach Schweiß riechenden, am Rand eingerissenen Plastiklatschen und an den Geruch der Kieselsteine … Nachdem ihr Großvater gestorben war und sie Sacit geheiratet hatte, waren sie nach Halkalı gezogen. Seitdem pendelten sie dann immer nur zwischen Sirkeci und Halkalı und zwischen Halkalı und Sirkeci. Ihr ganzes Leben lang hat sie die dazwischen liegenden Stationen immer nur aus dem Zugfenster gesehen.

Nach Kocamustafapaşa stiegen nicht mehr so viele Leute ein. Die Zahl derer, die ausstiegen, nahm dagegen zu. Hatice versuchte sich vorzustellen, was das für eine Musik ergäbe, wenn jeder einzelne Mensch im Zug für eine Note stünde. Zunächst herrschte ein großes Durcheinander, dann hörte man einen lärmenden Anfang, darauf die Töne, die ihre Plätze tauschten und schließlich würde der Klang langsam verebben. Eine Melodie, die ständig leiser würde und langsam verhallte.

Was wäre Hatice wohl für eine Note? Oder Sacit? Als sie die fünfte Klasse der Grundschule besuchte, hatte der Großvater Hatice eine Flöte gekauft. Trotz seiner großen Hände fiel es dem Großvater ganz leicht, die Löcher der Flöte zuzuhalten. Wenn er mit aufgeblasenen Wangen Luft in die Flöte blies, erklang ein Ton nach dem anderen – und alles sehr harmonisch. Hatice dagegen schaffte es mit ihren kleinen Fingern nicht ganz die Löcher der Flöte zu verschließen und konnte deshalb so manchen falschen Ton nicht vermeiden. Der alte Mann zeigte ihr wieder und wieder behutsam, wie sie spielen sollte. Als Hatice die Flöte schließlich gar nicht mehr aus der Hand legte, begann das Instrument ihre kleinen Finger zu akzeptieren: Do, Re, Mi. Kurz vor dem Tod ihres Großvaters gelang es Hatice schließlich der Flöte doch noch die richtigen Töne zu entlocken. Einzig am Mi … Am Mi blieb sie immer hängen. Hatice dachte noch einmal über die Töne der Flöte, über sich selbst und über Sacit nach. Ihm ordnete sie das Do zu. Alle Finger fest verschlossen, stark, kräftig, lärmend. So wie er eben war … Sich selbst verglich Hatice mit dem Mi. Ein Ton, der irgendwie nie glatt herauskam, immer brüchig, beunruhigt und ohne Vertrauen war.

In Bakırköy verließen die meisten Noten den Zug. Auch das Paar, das ihnen gegenüber saß, stieg aus. Jetzt konnte man die Menschen, die noch im Wagen waren, an einer Hand abzählen. Niemand musste stehen und viele Sitze waren frei.

Als der Zug weiter nach Yesilyurt fuhr, zuckte Sacit seltsam. Es war ein Zucken, das nicht zu den rhythmischen Bewegungen des Zuges passte, ein Zucken wie eine falsch gespielte Note. Aus seinem Rachen erklang ein seltsames Röcheln und im gleichen Augenblick klammerte er sich an Hatices Bein. Hatices Herz schlug wie wild. Schnell schaute sie sich um. Doch es waren kaum noch Reisende im Zug, die sie hätten beobachten können. Zwischen den Leuten am anderen Ende des Wagens und ihnen gab es nur ein paar Sitze, die jedoch in Bakırköy frei geworden waren. Die verbliebenen Passagiere saßen ganz hinten und waren mit sich selbst beschäftigt. Niemand kümmerte sich um Hatice und Sacit. Sacits Finger klammerten sich mit aller Kraft um Hatices Knie. Sein Gesicht war dunkelviolett angelaufen. Hatice war wie zu Stein erstarrt. Sie war unfähig sich zu bewegen, nicht in der Lage, etwas zu sagen. Ohne mit der Wimper zu zucken saß sie einfach nur da. Der Zug hielt in Florya. Wieder stiegen Leute aus und wieder stieg niemand zu. Sacit saß jetzt bewegungslos auf seinem Platz. Wieder fuhr der Zug an, um die Station zu verlassen. Sacits Kopf fiel nach hinten. Er röchelte nun nicht mehr und er roch auch nicht mehr schlecht. Seine Finger, mit denen er Hatices Knie umfasste, erschlafften. Diese Kraftlosigkeit verbreitete sich allmählich auch in Hatices Seele. Mit einem Mal wurde Hatice zu einem makellosen Mi. Danach empfand sie sich nicht mehr nur als Mi, sondern gleichzeitig auch als Si. Ja sogar als Fa und als Sol … Alle Noten sprangen in ihrem Innern durcheinander und trafen in Hatices Empfinden ungezügelt und dissonant aufeinander. Nun spielte in ihrem Kopf nur noch ihre eigene Musik: Eine rabenschwarze Symphonie, in der kein Do vorkam.

An der Station Menekşe erhob sich Hatice. Dabei fiel Sacits Hand zur Seite. Niemand hatte bemerkt, dass Sacit auf dieser Welt nie mehr Atem holen und nie mehr ausatmen würde. Auch dass Hatice in Menekşe ausstieg, fiel keinem auf. Während sie in Richtung Ausgang ging, versammelten sich alle Noten in Hatices Kehle und bildeten einen Knoten. Ganz instinktiv führte sie ihre Hand an ihren Hals. Sie öffnete den Knoten. Das Tuch auf ihrem Kopf glitt ihr langsam über die Schultern und fiel zu Boden. Sie ließ es hinter sich, ging mit ruhigen Schritten davon und entschwand den Blicken in den Straßen von Menekşe.

Die Reisköchin

Ich habe mein ganzes Leben Hühner zerteilt. Wenn ich Tausende sage, dann können Sie von Hunderttausenden ausgehen – so viele waren es. Früher mussten auch noch ihre Federn gerupft werden und diese Arbeit wurde natürlich auch mir aufgehalst. Zuerst rupft man sie, dann werden sie in den Rauch gehängt und schließlich stundenlang gekocht. Später waren die Hühner dann verschwunden: Ich weiß nicht, wo sie abgeblieben sind. Früher stand sogar hinter unserem Haus der Stall des Nachbarn. Also, das war in meiner Kindheit. Heute sind sie alle verschwunden. Inzwischen werden sie in der Fabrik gezüchtet. Das ist wirklich gut, denn damit ist wenigstens die Plackerei beim Rupfen und Räuchern weggefallen. Und wenn man die heutigen Hühner auf den Grill legt, dann sind sie schon nach zehn Minuten fertig.

Ich will es gleich erklären, mein Herr, ich komme sofort auf dieses Thema. Ob meine Worte Ihnen etwas vermitteln oder ob Sie nichts verstehen, das weiß ich nicht, ich werde Ihnen jedenfalls alles erzählen, was ich weiß.

Mein Mann hat mit einer Fabrik vereinbart, dass die Hühner von dort schon gerupft geliefert werden. Ich koche sie dann in riesigen Kesseln gut durch. In einen Kessel passen zehn bis zwölf Hühner hinein – so groß sind sie. Ich koche sie, ziehe ihnen die Haut ab und dann beginne ich sie zu zerlegen. Das sieht einfach aus und wenn es um ein oder zwei Hühner geht, dann ist das auch einfach. Aber es ist keine leichte Arbeit, wenn man Hunderte, Tausende und tagelang zerlegt, denn dann hat man hinterher Hände, als hätte man tausend Kilo Wäsche gewaschen. Die Hände werden rissig und die Haut ist zerfetzt. Schauen Sie sich nur meine Hände an …

Richtig, mein Herr, meine Hände interessieren Sie nicht, da haben Sie Recht. Verzeihen Sie. Nun, tun wir mal so, als hätten wir nicht von meinen Händen gesprochen – doch was ist mit diesem Geruch? Haben Sie je in einem Haus gewohnt, in dem Tag aus Tag ein Hühner gekocht werden?

Aber gewiss doch. Die Fragen stellen Sie. Ich wollte Sie nicht verhören. Das steht mir nicht zu! Ich wollte ja nur den Geruch erwähnen. Es ist dieser Geruch, der sich in allem festsetzt: In den Sesseln, den Webteppichen, den Gardinen, den Tellern und Schüsseln, dem Waschbecken, den Schuhen und Pantoffeln – überlegen Sie nur, mit wie vielen Gegenständen so ein Haus ausgestattet ist. Und in allen hat sich dieser Geruch festgesetzt! Überall hat er sich eingenistet, der verfluchte

Gestank. Er dringt selbst in den Sinn und den Verstand des Menschen ein und Sie treffen am Ende dort auf ihn, wo Sie nicht mit ihm gerechnet hätten. So beginnt zum Beispiel der Mann, der im Bus neben Ihnen sitzt, plötzlich nach Huhn zu riechen. Ebenso geht es mit den Straßenlaternen, dem Brot vom Bäcker und manchmal sogar mit den Puppen der Kinder …

Man sagt ja, jedes Lebewesen hat seinen ihm eigenen Geruch. Blumen riechen anders als Tiere. Und auch die Frauen … jede erträgt einen anderen, eigenen Blumenduft. Ich wollte diese Düfte sehr gern wahrnehmen. Ich wollte zum Beispiel den Duft eines Mannes riechen. Auch wenn es der meines eigenen Mannes gewesen wäre!

Als ich sagte, dass er sich auch in Geist und Verstand festsetzt, wollte ich nur dies beschreiben, mein Herr, eine andere Absicht hatte ich nicht. Also, dass man, wo man auch hinschaut, woran man auch riecht, immer nur Hühner sieht. Dass man sich sogar im Traum mit diesen verfluchten zweibeinigen Viechern beschäftigt. Du lieber Himmel … ja, man verdient sein täglich Brot damit, natürlich – da soll man nicht meckern. Ich bitte Sie, was ich zuletzt gesagt habe, also die Bezeichnung »verfluchtes Viech«, aus dem Protokoll zu streichen. Aber »zweibeinig« kann stehen bleiben.

Für einige Zeit zupfte ich sie nicht mehr auseinander, sondern zerschnitt sie mit dem Messer. Da ging mein Mann mit diesem Messer auf mich los. Er sagte: »So geht das nicht! Jede Arbeit folgt ihrer eigenen Regel. Willst du mich in den Ruin treiben?« Zwar war es leichter, die Hühner zu zerschneiden, doch da mein Mann das nicht erlaubte, begann ich wieder, sie mit der Hand zu zerteilen. Faser für Faser … in ganz kleine und feine Stücke … Ich zerfaserte sie wie feine Spitze. Deshalb kann ich auch Spitzen nicht leiden. Und Huhn kommt mir ohnehin nicht auf den Teller.

Doch was gibt es außer Huhn? Nun, mein Herr, da gibt es noch die Kichererbsen. Ich koche jeden Tag in einem weiteren Topf kiloweise Kichererbsen. Die Erbsen machen natürlich nicht so viel Mühe wie die Hühner. Man muss nur genau wissen, wann man sie vom Feuer zu nehmen hat. Nimmt man sie zu früh herunter, werden sie hart. Lässt man sie zu lange auf dem Herd, trennt sich das dünne Häutchen ab, das sie umschließt. Das Häutchen soll dem Kunden nicht in den Mund kommen, denn es ist zäh und schmeckt nicht. Wenn mein Mann so etwas mitbekommt, dreht er durch. Wegen dieser dünnen Schalen hat er schon ein paar Mal alles kurz und klein geschlagen. Und wie oft hatte ich schon ein blaues Auge, doch das ist natürlich eine andere Geschichte.

Der Reis … Nun, mein Herr auf den komme ich gleich, davon wird auch noch die Rede sein. Beim Reis geht es um die Feinarbeit. Die Hühner zuzubereiten ist eine grobe Tätigkeit. Eigentlich ist der Reis viel wichtiger. Ihn richtig locker hinzubekommen, ist gar nicht so leicht wie es aussieht. Wie die Alten sagen: »Eine gute Hausfrau könnt ihr an ihrem Reis erkennen!« Und an diesem Spruch ist etwas dran. Welches Maß an Reis und welches an Wasser man aufsetzt, ob man den Reis zuerst wäscht, ob man zu dem mit Wasser bedeckten Reis Salz hinzugibt, ob man ihn wäscht und seine Stärke gut abspült, die Art, wie man Fett und Salz zusetzt, wann man die Hitze herunterdreht – alles das ist sehr wichtig. Ein guter Reis muss Korn für Korn locker rieseln. Jeder kocht Reis, aber nur bei wenigen Leuten schmeckt er gut. Einerseits ist Reis ein Gericht, das überall gekocht wird, doch andererseits ist der Reis ein Lebensmittel, dessen Zubereitung sehr schwierig ist. Man muss die Mengen sehr genau einhalten. Das ist schon der ganze Kniff. Während viele Frauen Reis in winzigen Töpfen kochen und dabei keine gute Konsistenz erreichen, koche ich an jedem Tag, den uns Gott schenkt, Reis in riesigen Kesseln und bisher ist es noch nie vorgekommen, dass ich ihn nicht locker hinbekommen habe. Tag für Tag schaffe ich es, dass er nicht am Boden anbrennt. Für einen besseren Geschmack geben manche sogar Boullion in den Reis. Das mache ich nie. Selbst wenn ich es wollte, ginge das nicht, denn ich darf keine zusätzlichen Kosten verursachen. Wir kommen nämlich gerade so über die Runden.

Den Reis bekommen wir abgefüllt in Säcken. Natürlich besorgt ihn mein Mann. Wo er ihn holt, weiß ich nicht.

Nein, auf den Reissäcken steht keine Firma, ist kein Markenzeichen aufgedruckt. Er kommt in weißen Säcken. Wir lagern ihn unter dem Diwan und unter der Polsterbank. Wenn man im Haus irgendetwas hochhebt, dann kommt darunter immer ein Sack Reis zum Vorschein. Es könnte ja eine Preiserhöhung geben – daher kaufen wir so viel wie möglich im Voraus und lagern die Säcke ein. Doch zu viel Reis zu lagern ist tatsächlich auch gefährlich, denn in der Hitze entstehen darin Käfer. Aber wenn er mit Käfern verunreinigt ist, können wir ihn nicht einfach wegwerfen. Wenn man diesen Reis kocht, erscheinen die Käfer als schwarze Punkte. Ich habe das einmal gemacht. Dabei hatte ich gar keine schlechten Absichten, ich hatte die Käfer nur nicht bemerkt. Als Mustafa, mein Mann das sah, hat er mir einen Topf über den Kopf gestülpt, mein Herr. Gott sei Dank, dass es nicht einer von den ganz großen Kesseln war, sondern nur von dem mittleren Töpfen. Ich flehte und bat ihn um Verzeihung, während die Kinder um mich herumstanden und schrien. Ich war ganz durcheinander, ein Schleier hatte sich vor meinen Augen herabgesenkt. Ich rief, ich könne nichts sehen, aber er hörte nicht auf mich. Er stülpte mir den Topf über den Kopf und die einzelnen Reiskörner rieselten mir die Wangen herunter – zusammen mit den Käfern. Eigentlich ist Mustafa kein schlechter Mann, doch er ist ein wenig grob.

Mein Herr, ich habe zwei Söhne und drei Töchter. Der Älteste ist 32 Jahre alt, der jüngste dreizehn. Und keines der Kinder ist bisher ausgezogen, wir wohnen alle zusammen im selben Haus. Der älteste Sohn arbeitet manchmal, dann wieder nicht. Er ist ein Nichtsnutz. Er lässt sich zwar nicht unterkriegen, aber eine Berufsausbildung hat er nicht. Er arbeitet auch nicht bei seinem Vater. Wie er sagt, hat er auch seinen Stolz und so eine Arbeit will er nicht machen. Er ist eben undankbar!

Seinen Militärdienst hat er abgeleistet, mein Herr. Für Staat und Volk ist er ein nützlicher Kerl, nur für uns nicht.

Natürlich will ich darüber sprechen, wie diese ganze Sache angefangen hat. Wenn ich es Ihnen nicht erzähle, wem soll ich es dann erzählen, Herr Richter! Ich würde sogar sagen, dass mir das erste Mal in meinem Leben von jemandem die Frage gestellt wird, wie ich in die Sache hineingeraten bin. Und da sollte ich nicht antworten? Selbstverständlich gebe ich sehr gern Antwort.