Die Farben des Mörders - Miriam Rademacher - ebook

Die Farben des Mörders ebook

Miriam Rademacher

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Opis

Die 'kleinen Gefälligkeiten', die Ex-Tanzlehrer Colin von Pfarrer Jasper Johnson für verlorene Dartpartien auferlegt bekommt, sind ihm inzwischen fast zur lieben Gewohnheit geworden. Doch ausgerechnet Tanztherapiestunden? Für die Senioren in Hodge House? Immerhin ein Trost ist es da, dass er Jasper dazu verdonnern kann, am gleichen Ort Malstunden zu geben. Aber dann stolpert Colin am Rande des Seniorenheims über die nicht mehr ganz frische Leiche einer Frau. Doch wer von den alten Leuten könnte die Tote auf dem Gewissen haben? Und wird sich der Täter in den Tanz- und Malstunden verraten? Zusammen mit Jasper, seiner jungen Freundin Lucy und Krankenschwester Norma macht sich Colin auf die Jagd nach dem Mörder – auch wenn er findet, dass man sowas eigentlich der Polizei überlassen sollte.

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© 2016 Carpathia Verlag GmbH, Berlin

Umschlagillustration: Christoph N. Fuhrer, www.fuhrer.me

ISBN 978-3-943709-10-0 (Print)

ISBN 978-3-943709-11-7 (EPUB)

ISBN 978-3-943709-12-4 (MOBI)

ISBN 978-3-943709-13-1 (PDF)

www.carpathia-verlag.de

Inhalt

Prolog

Goldgelb

Lehmbraun

Maigrün

Butterblumengelb

Marineblau

Ocker

Purpurrot

Indischgelb

Bordeauxrot

Schneeweiß

Staubgrau

Mausbraun

Nebelgrau

Aquamarin

Pechschwarz

Mahagoni

Geisterweiß

Stahlgrau

Hanfgrün

Lichtweiß

Tieforange

Ackerbraun

Blutrot

Rezept: Julstärnor

Christine stand auf ihrem Balkon und sah in den Innenhof des Hauses hinab. Der nächtliche Himmel über ihr war sternenklar. Obwohl es bereits recht spät am Abend war, sah sie viele Lichter hinter den Fenstern des zweistöckigen, u-förmigen Gebäudes, in dem auch sie sich befand. Dieses Haus schlief nie. Ganz egal, zu welcher Uhrzeit sie auf ihren Balkon hinaustrat, das Haus lag niemals in völliger Dunkelheit. Der Theorie, dass alte Menschen weniger Schlaf benötigten, schien viel Wahrheit anzuhaften. Doch außer Christine stand im Moment keiner der Heimbewohner auf seinem kleinen Balkon. Und auch der Vorplatz, stets beleuchtet von langweiligen weißen Kugellampen, die den Weg zum Haupteingang flankierten, lag verlassen da.

Christine umklammerte die eiserne Brüstung ihres Balkons, als wollte sie sie erwürgen, und war dabei zutiefst unzufrieden mit sich selbst. In der letzten Stunde hatte sie intensiv an einem Brief gearbeitet. An einem Brief, mit dem sie sich vieles von der Seele schreiben, vieles erklären wollte. Doch was sie zustande gebracht hatte, erinnerte eher an die schwülstigen Liebesbekenntnisse eines unreifen Teenagers und erklärte so gut wie nichts. Das Geschreibsel war die Tinte nicht wert und sie hatte keine Zeit für einen zweiten Versuch. Sie hatte eine Verabredung. Sie ließ von dem unschuldigen Eisengeländer ab und trat zurück in ihr übersichtliches Reich. Ein Zimmer, kaum größer als eine Garage, ausgestattet mit einem Bett, einem Schreibtisch und einem Bücherregal.

Auf dem Schreibtisch lag noch immer der läppische Brief auf gelbem Büttenpapier. Sie sollte ihn wegwerfen. Er enthielt nichts von Bedeutung. Nur ihre Liebe. Und was zählte schon die Liebe in einem Moment wie diesem? Trotzdem würde der Brief seinen Adressaten erreichen, denn wer konnte schon wissen, ob sie jemals wieder den Mut finden würde, auch nur den Ansatz einer Erklärung abzuliefern?

Sie faltete den Brief zusammen und schob ihn in die Tasche ihres maigrünen Bademantels. Während sie den Ausschnitt des Mantels zurechtzupfte, sah sie sich aufmerksam in ihrem Zimmer um. Was konnte ihr von Nutzen sein? Ein schweres Buch oder der Porzellanhund auf dem Nachttisch erschienen ihr lächerlich. Damit konnte sie eine Fliege erschlagen, aber heute Abend ging es um ein größeres lästiges Geschöpf. Vielleicht konnte ihre Nagelschere Wunder wirken, wo Worte nicht geholfen hatten? Wie effektiv war wohl eine Nagelschere, wenn sie als Stichwaffe eingesetzt wurde? Sie verspürte einen Anflug von Ungeduld, als ihr Blick zufällig auf den nichtssagenden Druck an ihrer Zimmerwand fiel. Ein kitschiger Sonnenuntergang mit Fischerboot in einem schlichten Rahmen. Das Interessante war für sie in diesem Moment aber nicht das Motiv oder der Rahmen. Das Interessante war die Bildaufhängung. Das Bild hing an stählernen Strippen von einer verblendeten Schiene an der Decke. Das dünne Stahlseil war lang und machte einen stabilen Eindruck auf sie.

Entschlossen nahm Christine das Bild von der Wand und ließ eines der jetzt nutzlosen Seile seitwärts aus der Schiene flutschen. Während sie es aufrollte, spürte sie, wie gut sich der Draht in ihrer Hand anfühlte. Er war sogar mehr als gut. Er war perfekt.

Während sie die Stahlseilrolle in die Tasche ihres Bademantels schob, warf sie einen prüfenden Blick in ihren Garderobenspiegel. Christine hatte zeitlebens auf ihr Äußeres geachtet, die mehr als siebzig Jahre sah man ihr noch immer nicht an. Die Haut ihres spitzen Gesichts war weich und gepflegt, die lockige Haarpracht glänzte derzeit in dunklem Braun. Wie immer trug sie ein dezentes und teures Make-up. Und selbst in diesem wenig schmeichelhaften Bademantel konnte man ihre wohlproportionierte Figur erahnen.

»Du böses, böses Mädchen«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild und schob die Hände in die Taschen des Bademantels. »Willst du nicht doch lieber davonlaufen? Das kannst du doch so gut.« Doch sie wusste, dass sie sich bereits anders entschieden hatte. In der rechten Tasche spürte sie das aufgerollte Stahlseil, in der linken ihre Schachtel Zigaretten, ein Feuerzeug und den lächerlichen Brief. Sie hatte alles, was sie brauchte. Es war Zeit für ihre Verabredung.

Leise zog sie die Zimmertür von außen zu und stand auf dem langen, verlassenen Flur mit seinen vielen Türen. Hinter jeder dieser Türen schlief oder wachte ein Mensch, und sie tat sicher gut daran, den Fahrstuhl und die große Eingangshalle zu meiden, wenn sie ungesehen aus dem Haus kommen wollte. Noch immer konnten sich schlaflose Wanderer auf der Suche nach Leidensgenossen auf den Fluren herumtreiben. Kurz bevor sie eines der weniger genutzten Treppenhäuser erreichte, bückte sie sich und schob ihren Brief unter einer Tür durch. Seiner Tür. Sie lauschte einen Augenblick. Alles blieb still. Sicher schlief er schon. So schnell es ihr in den lächerlichen Gesundheitsschuhen möglich war, huschte sie die Treppe herunter, stieß die Tür auf und trat hinaus in die Nacht. Vor ihr lag der verlassene Innenhof, nicht weit von ihr erstrahlte der Haupteingang im Licht der Kugellaternen. Christine hielt sich dicht an der Mauer und schlich so schnell sie konnte davon. Mit dem Gefühl, ungesehen entkommen zu sein, bog sie um eine Ecke.

Die einsame Gestalt, die nur wenige Augenblicke zuvor auf einen der Balkone des Gebäudes getreten war, hatte sie nicht bemerkt. Auch nicht den Schatten an der Wand, der dem ihren unbeirrt folgte.

Goldgelb

Als Pfarrer Jasper Johnson die Augen öffnete, wünschte er sich von ganzem Herzen, er hätte es bleiben lassen. Auch wenn er es als beruhigend empfand, dass das Bett, in dem er lag, sein eigenes war, konnte er nicht umhin, alles andere sehr befremdlich zu finden. Angefangen mit der einzelnen Socke auf dem Schirm seiner Nachttischlampe, bis hin zu der leeren Whiskyflasche neben dem Kopfkissen.

Am seltsamsten aber fand er seinen neuen Wandschmuck. Gleich neben seiner Schlafzimmertür hatte ein Unbekannter eine Reihe Bierdeckel mit Dartpfeilen an seine weiße Wand gepinnt. Bierdeckel, die augenscheinlich eine mit einem schwarzen Filzstift geschriebene Botschaft trugen. Zudem bedeutete die Tatsache, dass er dies alles erkennen konnte, dass er mit seiner Nickelbrille auf der Nase eingeschlafen sein musste.

Leise fluchend setzte er sich in seinem Bett auf und bereute auch dies augenblicklich. Das eben noch zarte Klopfen hinter seinen Schläfen steigerte sich zu einem empörten Wummern, und er fürchtete, dass weder eine kalte Dusche noch ein schwarzer Kaffee da Abhilfe schaffen konnten. Unsicher fragte er sich, welcher Wochentag heute war und ob die Möglichkeit bestand, den Vormittag einfach zu verschlafen. Er fand keine Antwort in seinem pochenden Schädel. Es wurde allerhöchste Zeit, sich Hilfe zu suchen.

»Mrs Hobbs! Mrs Hobbs! Sind Sie irgendwo dort draußen?«

Missmutig stellte Jasper fest, dass auch lautes Rufen seine Kopfschmerzen förderte. Zu seiner Erleichterung öffnete sich nun die Tür seines Schlafzimmers und eine dralle Dame mittleren Alters in geblümtem Polyester stemmte die Fäuste in die Hüften.

»Wie nett. Ist der Herr Pfarrer wieder unter den Lebenden, ja? Ich weiß wirklich nicht, wer hier mehr die Tracht Prügel verdient hat, Sie oder Ihr Freund!«

»Leiser, Mrs Hobbs. Können Sie mich bitte leiser maßregeln? Ganz davon abgesehen, dass es jetzt auch nichts mehr ändert. Wo ist denn Colin? Liegt der hier auch noch irgendwo herum oder hat er es nach Hause geschafft?«

Dem Pfarrer war es zur lieben Gewohnheit geworden, seine freien Abende in der Dorfkneipe Lost Anchor zusammen mit seinen Freunden, dem Tanzlehrer Colin Duffot und der quirligen Krankenschwester Norma Dooley, zu verbringen. Im Laufe eines solchen Abends konnte es schon mal feuchtfröhlich zugehen, doch für gewöhnlich konnte er sich am nächsten Morgen an den Heimweg und die ungefähre Länge des Abends erinnern. An diesem Morgen aber war Jasper ein wenig aufgeschmissen und schloss aus der leeren Whiskyflasche in seinem Bett, dass er eine denkwürdige Party vergessen hatte, die bis in sein Schlafzimmer vorgedrungen war.

»Ihrem Freund geht’s gut, um den machen Sie sich mal keine Sorgen. Der hat Sie ja hergebracht. Und eine Nachricht hat er Ihnen auch dagelassen. Sehen Sie mal!« Sie deutete vorwurfsvoll auf die Bierdeckel neben sich an der Wand.

Ja, die Bierdeckel fand Jasper besonders irritierend. Für gewöhnlich war es Colin, der Bierdeckel aus dem Lost Anchor mit nach Hause nahm. Darauf standen stets von Jasper notierte Adressen und Uhrzeiten, die Colin zu neuen Aufgaben führten. Aufgaben, die Jasper seinem Freund für verlorene Dartpartien aufs Auge zu drücken pflegte. Jasper war im Pfeilewerfen nahezu unschlagbar, spielte aber niemals um Geld, sondern um gemeinnützige Tätigkeiten in seiner Gemeinde. In den letzten Wochen hatte Colin eine ganze Reihe solcher Aufgaben durch Verlieren gewonnen – nicht immer zu seinem Vergnügen.

Jasper wagte eine vorsichtige Gewichtsverlagerung und kam schwankend auf die Füße. Träge wühlte sich jetzt auch ein brauner Cockerspaniel unter der Bettdecke hervor. Dewey, ein Waisenhund, der vor einigen Monaten im Pfarrhaus eingezogen war, begrüßte den Tag auf seine Weise und gähnte herzhaft.

»Morgen, Kumpel. Na? Auch eine wilde Nacht gehabt?«, fragte Jasper. Der Hund sah ihn aus trüben Augen an und ließ sich wesentlich eleganter als sein Herrchen auf die Füße fallen.

Der Weg bis zur Zimmertür erschien Jasper länger als sonst. Doch schließlich hatte er die finster dreinblickende Mrs Hobbs und die ominösen Bierdeckel erreicht.

Leise und leicht nuschelnd las er: »Herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten verlorenen Dartspiel, alter Freund.« Jasper rieb sich den Nacken und warf Dewey einen fragenden Blick zu, den dieser mit Gleichmut erwiderte. Dunkel stieg jetzt eine Erinnerung in ihm auf. Pfeile, die weit am Ziel vorbeischossen und in einem Blumenfenster landeten. Goldgelber Whisky, der in seinem Glas funkelte. Er las den nächsten Deckel. »Mit großer Freude verkünde ich deine Aufgabe … Der hat sie ja wohl nicht alle!« Voll böser Vorahnungen las er den dritten Bierdeckel und sah diese bestätigt. »Mistkerl! Das hat der mit Absicht gemacht! Er hat mich mit Whisky abgefüllt und dann herausgefordert. Zum letzten Spiel des Abends unter Freunden … wehe, wenn ich den erwische! Der hat wahrscheinlich seine eigenen Whiskys alle in die blöde Kübelpalme neben unserem Tisch geschüttet, nur um nüchtern zu bleiben. Nur, um einmal gegen mich zu gewinnen! Wenn ich den in die Finger kriege, dann kann er aber …« Noch während Jasper ungeachtet seiner Kopfschmerzen herumbrüllte, schmolz sein Ärger und machte einem Anflug von Heiterkeit Platz. Er war in eine gut vorbereitete Falle getappt. Und er hatte verloren. Na gut. Das hatte er wohl irgendwie verdient, nach all den unliebsamen Aufgaben, die er Colin in letzter Zeit aufgetragen hatte. Und er würde sich nicht drücken. Spielschulden waren Ehrenschulden. Auch, wenn die Nachricht des Bierdeckels nicht Gutes versprach. »Du darfst sechs Wochen lang den Kurs für ›Therapeutisches Malen‹ in Hodge House leiten. Viel Spaß!«, las Jasper weiter vor. Den Abschluss der Notiz bildete ein fetter Smiley.

»Das hat sich Ihr sauberer Freund aber nicht gut überlegt, Herr Pfarrer. Weiß der denn nicht, dass Sie nicht mal ein Strichmännchen zustande bringen?«, fragte Mrs Hobbs und zog verärgert einen der Pfeile aus der Wand, wobei ein Bierdeckel zu Boden fiel.

»Doch. Vermutlich schon. Deswegen hat er es ja getan. Das ist seine Rache für die Tanztherapie, die ich ihm in Hodge House aufgenötigt habe.«

»Der Tanzlehrer therapiert seinen Tanz?«

»Nein. Er therapiert andere mit seinem Tanz. So war es zumindest gedacht«, erwiderte Jasper und fuhr sich durch die langsam ergrauenden Kringellocken.

Auf den letzten beiden Bierdeckeln stand: Bis heute Abend um fünf und Pack deine Badehose ein. Jasper runzelte nachdenklich die Stirn und warf Dewey ein letztes Mal einen fragenden Blick zu. Der Hund, offensichtlich überfordert, vollführte eine Drehung und dackelte zurück ins Bett. Jasper wäre ihm gern gefolgt.

»Was hat Ihr Freund sich nur dabei gedacht? Die Löcher, die die Pfeile in der Wand hinterlassen haben, werden für immer sichtbar bleiben! Eine Sauerei ist das«, schimpfte Mrs Hobbs und rupfte bereits am zweiten Pfeil herum.

»Lassen Sie sie einfach stecken. Es ist zwar eine ungewöhnliche Wanddekoration, aber sie wird mich stets ermahnen, nicht zu viel zu trinken und Colin nicht zu vertrauen, wenn er Whisky spendiert.«

»Hütet euch vor Griechen, die mit Geschenken kommen«, zitierte Mrs Hobbs und drehte den bereits aus der Wand gezogenen Pfeil zwischen den Fingern. »Sie wollen diese Dinger wirklich in der Wand stecken lassen, Herr Pfarrer? Gehören die nicht dem Lost Anchor?«

Jasper deutete auf die Metallspitze des Pfeils und schüttelte den Kopf. »Nein. Dort spielen wir mit Plastikspitzen. Colin muss diese Dinger extra zu diesem Zweck gekauft haben. Vielleicht ergibt sich eines Tages die Gelegenheit, sie ihm auf gebührende Art zurückzugeben. Ich muss darüber nachdenken.«

Während Jasper finstere Rachepläne schmiedete, schien Mrs Hobbs noch immer über die perforierte Zimmerwand nachzudenken. Die Türklingel schreckte beide auf. Zum zweiten Mal an diesem Morgen überfiel Jasper eine dunkle Ahnung.

»Welcher Tag ist heute, Mrs Hobbs?«

»Dienstag. Warum?«

»Weil das bedeutet, dass ich die Beerdigung von Graham Norton verschlafen habe.«

»Ach du liebe Güte! Und jetzt?«

»Halb so wild.« Jasper sah sich nach seinem Talar um, um ihn über seine zerknitterte Kleidung zu werfen. An Tagen wie diesen fand er seine Dienstkleidung enorm praktisch. »Zumindest die Hauptperson wird geduldig auf mich gewartet haben.«

Nicht weit entfernt legte Lucy gerade ihr Honigbrötchen zur Seite und sah Colin über den Frühstückstisch hinweg streng an. »Ich kann das gar nicht lustig finden. Ausgerechnet malen. Wenn man dem Dorfklatsch glauben darf, hat sich Jasper letztes Jahr am Bühnenbild für das Krippenspiel selbst versucht. Angeblich konnte man den Engel der Verkündung nicht wirklich von den Schafen unterscheiden. Und jetzt soll er einen therapeutischen Malkurs leiten? Für Senioren? Darf er das überhaupt? Ich meine, braucht man dafür nicht irgendwelche Qualifikationen?«

»Natürlich braucht man die. Genau wie für die Leitung eines Tanztherapiekurses. Und eine solche Qualifikation fehlt mir ebenso sehr wie Jasper jegliches Gefühl für Malerei. Doch in Hodge House ist man diesbezüglich recht schmerzfrei. Die nennen alles Therapie, damit es nach Wellness und Gesundheit klingt. Das Anwesen liegt so weit ab vom Schuss, dass sie sich freuen, wenn überhaupt irgendwer zu ihnen rauskommt und sich mit den alten Leuten beschäftigt. Jasper wird dort interessante Stunden verbringen, da bin ich mir ganz sicher. Genauso interessante wie ich.«

Colin grinste schon seit dem Aufstehen unablässig vor sich hin. Seine Revanche war mehr als überfällig gewesen. So gerne er auch mit Jasper Darts spielte, seine Wettschulden hatten sich in jüngster Vergangenheit immer öfter als Schikanen entpuppt. Jasper war einfach fällig gewesen. Und da der Pfarrer einem guten Tropfen nur schwer widerstehen konnte, hatte Colin diese Schwäche am gestrigen Abend nach Strich und Faden ausgenutzt. Und Jasper hatte ihm tatsächlich den Gefallen getan, ihm auf den Leim zu gehen. Colin war stocknüchtern geblieben, während Jasper ein Glas nach dem anderen geleert hatte. Die Maltherapie hatte er absichtlich gewählt. Der Pfarrer hatte sie sich verdient. Vor einem Vierteljahr hatte einer von Jaspers Samariteraufträgen Colin sogar in einen Mordfall verwickelt. Doch nicht einmal diese Erfahrung konnte toppen, was er derzeit in Hodge House durchmachte. Das kleine Seniorenheim, idyllisch gelegen inmitten der grünen Hügel Mittelenglands, befand sich nur wenige Autominuten von dem Dorf entfernt, in dem Colin einst ein beschauliches Leben für sich geplant hatte.

Nach seinen vielen Jahren als Tanzlehrer im reizüberfluteten London hatte ein hartnäckiges Rückenleiden ihn dazu ermutigt, sein Leben noch einmal umzugestalten. Doch die Umgestaltung war nicht so richtig in Fahrt gekommen. Statt eine neue Richtung einzuschlagen, war er wieder auf dem Tanzparkett gelandet. Seinem Rücken ging es inzwischen sogar wieder so gut, dass einer Rückkehr in den Beruf nichts mehr im Wege gestanden hätte. Doch seine neue Freundin Lucy und Jasper mit seinen zeitraubenden Wetteinsätzen hatten bisher verhindert, dass er sich ernsthaft um einen neuen Wirkungskreis bemüht hätte. Ein lethargischer Cockerspaniel namens Huey, den Jasper ihm vor einigen Monaten überantwortet hatte, hatte ebenfalls seinen Teil dazu beigetragen. Der Tanztherapiekurs im Altenheim war allerdings meilenweit von allem entfernt, was Colin sich für seine Zukunft wünschte. Doch Wettschulden mussten beglichen werden. Egal, wie unbequem sie auch waren.

Und so hatte Colin sich der völlig fremden Materie genähert und dabei einen schweren Kulturschock erlitten. Zwar hatte er geahnt, dass Tanztherapie nur ganz entfernt etwas mit dem zu tun hatte, was er unter Tanz verstand, doch das volle Ausmaß der Katastrophe war ihm erst nach einigen kostengünstig erworbenen Lehrvideos und einer umfangreichen Internetrecherche klargeworden. Jetzt zockelte er an zwei Tagen in der Woche mit den vom Alter gebeugten Bewohnern von Hodge House im Kreis herum, schunkelte, klatschte und litt lächelnd zu psychedelischer Musik. Nichts davon hatte seiner Meinung nach etwas mit Tanz zu tun, und auch der therapeutische Effekt erschloss sich ihm nicht. In Colins Augen war Jasper mit dem Malkurs noch viel zu gut weggekommen.

Lucy, seine wesentlich jüngere Freundin, war hingegen ganz anderer Meinung. »Jasper kann nichts dafür, wenn dir das Tanzen mit den alten Leuten keinen Spaß macht«, sagte sie gerade und rührte in ihrer Kaffeetasse.

»Das ist kein Tanzen. Das ist Beschäftigungstherapie für debile Bewegungslegastheniker. Und wer bitteschön kann dann etwas dafür, wenn nicht Jasper?«

»Nur du selbst. Du bist ja auch schuld daran, dass wir jeden Morgen diesen widerlichen Instantkaffee trinken müssen. Wenn du mir erlauben würdest, eine gute Kaffeemaschine anzuschaffen, wäre der Morgenkaffee für uns beide ein Hochgenuss.«

»Und das sagt die Frau, die ihren Kaffee bisher beim Bäcker in einem Pappbecher erwarb. Hier ist kein Platz für eine Kaffeemaschine«, erwiderte Colin und wies auf die schmale Küchenzeile, die Teil seines Zimmers war. Seines ganzen Lebensraumes. Auch Lucy bewohnte ein solches Einzimmerappartement mit Siebzigerjahrecharme auf dem gleichen Flur. Seit einer Weile überlegten die beiden, wie sie ihre kleinen Haushalte sinnvoll kombinieren könnten. Ihre Hauswirtin Mrs Grey, die das Erdgeschoss bewohnte, stand dieser Idee grundsätzlich positiv gegenüber. Doch noch waren ihnen keine sinnvollen Ideen zur Umgestaltung der Räume gekommen.

»Die Kaffeemaschine könnte ja bei mir stehen«, fabulierte Lucy weiter. »Meine Küchenzeile könnte die Frühstücksmeile werden. Und deine Küchenzeile stellt abends das warme Buffet.«

»Überzeugt mich nicht wirklich. Obwohl es natürlich sehr luxuriös klingt, über zwei Küchenzeilen verfügen zu können, ist es aber irgendwie albern, meinst du nicht?«

»Dann ändere es. Genauso wie diesen Kaffee und deine Tanztherapie!«

Colin stocherte mit dem Messer im Marmeladenglas herum und attackierte eine unschuldige Erdbeere. »Ich kann das nicht einfach so ändern! Tanztherapie ist nun mal anspruchslos und albern! Meine Güte, Lucy, ich habe mich beim Kindertanz mehr amüsiert, als bei diesem Mist! Bei Ententanz und Sitzboogie gibt es immerhin noch so etwas wie Entwicklungspotenzial! Aber das hier ist einfach nur schwachsinnig! Ich wette, die Tanztherapie wurde von irgendwelchen Hippies im Drogenrausch entwickelt, während sie um Stonehenge herumhopsten. Und dann diese Musik!«

»Du hast einfach die falsche Einstellung«, erwiderte Lucy mit Nachdruck. »Die falsche Einstellung und den falschen Kaffee.«

»Nichtsdestotrotz werde ich jetzt nicht mehr die einzige Fehlbesetzung in Hodge House sein. Und ich werde nicht allein mit meinem Schicksal hadern. Glaub mir, das fühlt sich richtig gut an«, sagte Colin und erlegte die Erdbeere mit einem gezielten Stich.

»Kindereien«, murmelte Lucy und rümpfte die Nase. »Das hat man eben davon, wenn man sich mit einem älteren Mann einlässt. Nahe der Midlifecrisis versuchen die anscheinend nicht einmal mehr, sich wie Erwachsene zu benehmen.« Lucy saß ihm noch eine ganze Weile mit strengem Gesicht gegenüber. Doch dann gab sie auf. Stattdessen zog sie den müden Spaniel an den Vorderpfoten aus seinem Versteck unter dem Sessel hervor und sagte: »Los, du fauler Hund. Wir gehen jetzt Gassi.« Der triefäugige Blick Hueys gab ihr offensichtlich den Rest. Sie stemmte die Hände in die schmale Taille und fauchte los: »Schlechter Kaffee, ein fauler Hund und ein zickiger Mann, das ist mehr als ich um diese Uhrzeit verkrafte. Ich gehe und kaufe mir einen neuen Hut.«

Entschlossen stand sie auf, strich sich das blonde Haar zurück und das altmodische sonnengelbe Petticoatkleid glatt und stolzierte hocherhobenen Hauptes aus der Wohnungstür, die hinter ihr ins Schloss flog. Wenigstens hatte die Tür wieder eines. Nach seinem mörderischen Abenteuer im Frühsommer hatte es noch Wochen gedauert, bis Colin wieder eine funktionstüchtige Tür sein Eigen nennen konnte.

Colins Blick haftete noch eine Weile an der geschlossenen Tür. Er war sich ganz sicher, dass Lucy mit mehr als einem Hut heimkommen würde, auch wenn sie nur einen Kopf hatte. Lucy liebte Hüte.

Lehmbraun

»Graham Horton! Nicht Graham Norton. Seine ganze Beerdigung lang habe ich den Mann mit dem Talkmaster aus dem Fernsehen verwechselt! Mann, war das peinlich. Und die versteinerten Gesichter der Hinterbliebenen, während alle anderen in ihre Taschentücher glucksten! Was für ein Albtraum. Merk dir das Colin: Man darf den Pfarrer nicht betrunken machen!«

»Ich schreibe es zur Strafe hundert Mal auf dein Zeichenpapier.«

»Hast du eine Ahnung, was für einen Kater ich habe? Und warum musste es ausgerechnet ein Malkurs sein? Warum nicht Seilspringen? Darin war ich in meiner Schulzeit ganz gut.«

»Seilspringen für Senioren. Das nenne ich wirklich innovativ«, gab Colin zur Antwort und umfuhr elegant eine Reihe von Schlaglöchern auf der schmalen Teerstraße vor ihrer Motorhaube. Die gewundene Zufahrt zu Hodge House hatte schon bessere Tage gesehen. Der wendige kleine Seat, den er sich für seine Ausflüge zu dem Seniorenheim von seiner Zimmerwirtin lieh, auch. Doch er erfüllte seinen Zweck und brachte ihn und Jasper ihrem Ziel am Ende der Straße zuverlässig näher.

»Und was sollte das eigentlich mit der Badehose?«, erkundigte sich Jasper. »Ich hoffe sehr, dass ich nicht auch noch selbst Modell stehen muss!«

»Das wäre mal etwas Neues für die alten Leutchen: Heute malen wir den Pfarrer in der Badehose! Nein, die Badehose ist für unseren wohlverdienten Feierabend gedacht. Rose Halligan, die Leiterin von Hodge House, erlaubt mir, zu meiner Entspannung das Therapieschwimmbecken im Keller zu nutzen. Ab dem frühen Abend ist dort niemand mehr und das Wasser ist kuschelig warm. Ich dachte, das könnte dir auch gefallen.«

Jasper schwieg einen Moment und murmelte dann: »Das tut es auch. Ja, das gefällt mir wirklich. Das versöhnt mich schon fast mit dem Malkurs. Wenn mir nur ein gutes Thema für die erste Stunde einfallen würde. Wie lautet ein therapeutisches Thema?«

»Mach es dir nicht so schwer. Maltherapie ist anspruchsloser als du denkst. Wie wäre es beispielsweise mit blau?«, schlug Colin vor. »Sag deinen Schäfchen, dass sie heute nur Blautöne verwenden dürfen. Weil blau so beruhigend ist.«

»Genial!« Jasper schlug sich auf die Schenkel. »Und nächste Woche nehme ich dann gelb und übernächste grün und so weiter!«

»Das könnte dann doch etwas eintönig werden. Im wahrsten Sinne des Wortes«, gab Colin zu bedenken.

Als sie die nächste Kurve hinter sich gebracht hatten, lag vor ihnen auf einer Anhöhe inmitten grüner Hügel das u-förmige Gebäude namens Hodge House. Ein früher Herbst färbte die Blätter der umstehenden Bäume bereits bunt, doch der Rasen vor dem und um das Gebäude war sauber geharkt worden. Das Gelände rund ums Haus machte einen gepflegten Eindruck. Einen Augenblick lang genossen sie den friedlichen Anblick schweigend.

»Hodge House ist eigentlich recht hübsch«, bemerkte Colin dann. »Kein großer moderner Kasten. Eher schlicht und übersichtlich gehalten. Ich frage mich allerdings, was die Mauerreste entlang der Grundstücksgrenze zu bedeuten haben. Sie scheinen uralt zu sein.« Er wies mit dem Finger auf schmutzig-gelbe Steinmauern, die wie vereinzelte Zähne aus dem Rasen herausragten.

»Sind sie auch. Hodge House ist keine dreißig Jahre alt. Es steht auf den Ruinen einer alten Klosteranlage. So ein idyllischer Bauplatz bleibt ja nicht unbemerkt über die Jahrhunderte. Lange Zeit standen hier nur diese Mauerreste. Dann setzte man Hodge House einfach in die Mitte. Ein nettes Seniorenheim, auch wenn es sich nicht für schwere Pflegefälle eignet. Seine Bewohner kommen alle auf ihren eigenen zwei Beinen hinein. Es sind Menschen, denen der Haushalt zu viel wurde. Oder die Einsamkeit. Oder beides.«

»Es ist nur ein wenig abgelegen. Hier gibt es rein gar nichts in der Nähe«, erwiderte Colin. »Nichts außer Bäumen und nochmals Bäumen. Von hier in die Zivilisation gelangt man eigentlich nur mit einem Wagen. Und die meisten der Bewohner tun gut daran, nicht mehr aktiv am Straßenverkehr teilzunehmen, fürchte ich.«

Jasper zuckte mit den Achseln. »Es ist ein Altenheim. Sie haben ihr eigenes Café mit Marzipantorte, einen Canasta-Club und Deppen wie dich und mich, die hier freiwillig das Unterhaltungsprogramm bestreiten. Was sollten die Bewohner also vermissen?«

»Hast du gerade freiwillig gesagt?«, knurrte Colin. »Und wie kommt es eigentlich, dass du Hodge House hier draußen entdeckt hast?«

»Kunststück. Sie haben auch eine eigene Kapelle. Ich habe dort einige Male gepredigt. Durch diese Besuche kam ich doch erst auf die Idee, dass den alten Leuten hier ein Tanzlehrer fehlt. Und wer könnte hier besser Schwung in die alten Knochen bringen als du?«

»Aber warum musste es denn ausgerechnet eine Tanztherapie sein?«, stöhnte Colin und steuerte den Seat auf einen Besucherparkplatz nahe dem Eingang.

»Weil man dazu keine Paare braucht, Colin. Männer sind hier nämlich Mangelware. Die Zahl der weiblichen Insassen übersteigt die der männlichen bei Weitem. Dass Frauen älter werden als Männer, ist nicht nur eine miese kleine Statistik, die uns ärgern will. Es ist das wahre Leben.«

»Mein Leben verkürzt die Tanztherapie mit Sicherheit mit jeder Stunde, die ich damit verbringe.«

Der Seat kam mit einem Ruck zum Stehen. Jasper stieß die Beifahrertür auf und quälte sich aus dem niedrigen Sitz. Nach einigen Dehnübungen holte er tief Luft. »Ist schön hier, oder? Es riecht so wunderbar nach Wald und Wiese. Hier seinen Lebensabend zu verbringen, hat durchaus Charme. Wir sollten uns einen Platz reservieren.«

»Das hat ja wohl noch etwas Zeit«, protestierte Colin halb scherzhaft, halb im Ernst und zog einen tragbaren CD-Player und eine CD-Tasche vom Rücksitz des Seat. Ungelenk schloss er die Wagentür mit einem Schubser und ging auf den Eingang zu, wo eine schlanke Blondine mittleren Alters mit Pagenkopf auf ihn und Jasper zu warten schien. Ihr Lächeln wurde breiter, als die beiden Männer auf sie zukamen. Colin fragte sich, was für ein Bild sie beide an diesem Morgen boten. Er, der hochgewachsene schlanke Mann mit vollem eisgrauem Haar, der sich gerade hielt. Und der rundgesichtige und kugelbäuchige Jasper, dem man den mangelnden Schlaf der letzten Nacht mit jedem Schritt anmerkte.

»Pfarrer Johnson! Wie schön, dass Sie uns Ihre wertvolle Zeit opfern. Mr Duffot sagte mir bei seinem letzten Besuch, dass er Sie mitbringen würde, und ich war gleich begeistert von der Idee einer Maltherapie.«

Jasper warf Colin einen schiefen Blick zu. »Du musst dir deiner Sache ja sehr sicher gewesen sein. Alle Achtung.«

Colin erwiderte nichts und grinste nur zufrieden. Mrs Rose Halligan hatte sich ihm nur ein paar Wochen zuvor mit ähnlichen Worten vorgestellt. Seitdem hatte er mit ihr nie mehr als einige wenige Begrüßungsfloskeln gewechselt, und doch glaubte Colin, die Heimleiterin bereits gut zu kennen. Die Jahre auf dem Tanzparkett hatten ihn zwar nicht zu einem unfehlbaren Menschenkenner gemacht, doch er vermochte Körpersprache und Bewegungen eines Menschen zu deuten und lag dabei nur selten daneben.

Rose Halligan hatte sich eine leitende Position bestimmt nie erträumt. Sie hatte schwache Schultern, die immer leicht nach vorn fielen und oft bis zu den Ohren hochgezogen wurden. Am liebsten, so vermutete Colin, wäre sie bis zum Scheitel zwischen ihnen verschwunden. Aber ein Hauch von Mut oder ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein hielten sie auf ihrem Posten und das bewunderte Colin an der zarten Frau.

»Vielen Dank für die Begrüßung, Mrs Halligan. Schön, wieder einmal hier zu sein«, antwortete Jasper und schüttelte der Heimleiterin die Hand.

»Wir kommen sehr gerne«, ergänzte Colin und lächelte dazu. Wenn er jetzt in das freundliche Gesicht der Heimleiterin blickte und die herrliche Landschaft ihre beruhigende Wirkung auf ihn entfaltete, hatte er nicht einmal das Gefühl, dass er log. Ein leichter Wind strich ihm über die Haut und rauschte in den Laubbäumen nahe der Grundstücksgrenze. Es hätte alles perfekt sein können, wäre da nicht der Anlass ihres Besuches gewesen.

»Ich habe für jeden von Ihnen eine Namensliste. Kontrollieren Sie bitte, ob alle Personen, die dort aufgeführt sind, auch an ihrem Kurs teilgenommen haben, und haken Sie sie ab.« Rose Halligan hielt Jasper und Colin zwei beschriebene Zettel hin, die Jasper mit einem Stirnrunzeln an sich nahm.

»Das klingt ja fast so, als wären nicht alle freiwillig in den Kursen.«

Die Heimleiterin lächelte verkniffen. »Die meisten von ihnen schon. Diese Anmeldeliste hängt immer an unserem Informationsbrett in der Halle. Jeder, der möchte, kann sich eintragen und somit ein gesundes und belebendes Freizeitangebot nutzen. Es gibt jedoch einige, sagen wir mal, Spezialfälle in unserem Heim, die man gelegentlich zu ihrem Glück zwingen muss. Sonst würden sie freiwillig nicht einmal aufstehen, obwohl sie es könnten. Diese Personen habe ich heute auf der Liste nachgetragen und über ihre Chance informiert, an Ihren Angeboten teilzunehmen. Wenn sie nicht erscheinen sollten, möchte ich das natürlich wissen.« Rose Halligan hatte sehr schnell gesprochen und ihr Hals hatte sich während ihrer Worte wieder auffallend verkürzt. Sie erinnerte Colin an eine Schildkröte, kurz vor dem ultimativen Rückzieher in den eigenen Panzer.

Jasper warf Colin einen Blick mit hochgezogenen Brauen zu, den dieser mit einem fast unsichtbaren Nicken quittierte. Dann rückte er seine Nickelbrille zurecht und fragte in sanftem Ton: »Und wenn die alten Leutchen nicht zur Tanzstunde erscheinen, zu der sie verdonnert wurden, was passiert dann? Wird ihnen der Nachtisch gestrichen?«

»Aber nein, Pfarrer Johnson! Wo denken Sie hin? Wir wollen hier nur das Beste für unsere Schützlinge. Wenn sie sich aber nicht aufraffen können, ihre geistige und körperliche Gesundheit zu erhalten, geleite ich sie beim nächsten Termin höchstpersönlich zum Kursangebot und rede ihnen ins Gewissen. Manche Menschen brauchen einen kleinen Anreiz von außen. Vitalität wird uns nicht geschenkt, Herr Pfarrer. Wer sich nicht bewegt, kann sich eines Tages gar nicht mehr bewegen. Wer sein Gedächtnis nicht trainiert, wird irgendwann bemerken, dass ihm plötzlich vieles schwerer fällt. Wir müssen für uns sorgen, in jedem Alter. Aber das ist so schwer einzusehen, wenn das Bett so warm und gemütlich ist, nicht wahr?«

So sehr Jasper ihr im letzten Punkt sicherlich zustimmte, so wenig schien ihn ihre restliche Argumentation zu überzeugen. Doch er atmete einmal tief durch und klemmte sich die Listen unter den Arm. Rose Halligan wandte sich zum Gehen und Jasper und Colin folgten ihr durch die Glastür.

»Keine Sorge. Sie werden alle erscheinen«, raunte Colin ihm zu. »Niemand ist scharf auf einen Vortrag über Gesundheit von Rose.«

Rose Halligan, die diese Worte nicht gehört zu haben schien, erklärte Jasper im Tonfall einer automatischen Bandansage die Abläufe: »In einer Viertelstunde beginnt die Maltherapie. Unsere Bastelstube liegt fast gegenüber dem Gymnastikraum, in dem die Tanztherapie stattfindet. Gleich hier unten im Erdgeschoss.« Sie wackelte auf ihren hohen Absätzen und in ihrem engen Bleistiftrock vor ihnen her. Colin war sich sicher, dass sie sich in dieser Aufmachung sehr unwohl fühlte, doch sie schien zu glauben, als Heimleiterin einem bestimmten Bild entsprechen zu müssen.

Die Halle hinter der Eingangstür bildete das Zentrum des ganzen Hauses. Großzügig angelegte Sitzecken mit Ausblick auf den Rasen durch die lange, gegenüberliegende Fensterfront ließen Hodge House offen, hell und freundlich wirken. Ein hauseigener Kiosk, der von der Zahnbürste bis zum Eisbecher alles im Angebot hatte, belebte das Bild mit seinen farbenfrohen Auslagen. Zur Linken befand sich ein klobiger Empfangstresen, hinter dem ein freundlich lächelnder Mann mit pechschwarzem Haar stand und an seiner Krawatte zupfte.

Rose Halligan winkte ihm kurz zu. »Ich bringe den Pfarrer nur rasch in die Bastelstube und zeige ihm, wo er seine Utensilien findet«, rief sie.

»Guten Tag, Pfarrer Johnson! Wie schön, Sie wieder hier zu haben! Guten Tag, Mr Duffot! Ich habe den Gymnastikraum bereits aufgeschlossen.«

»Vielen Dank, Mr Simms«, antwortete Colin und lächelte unwillkürlich. Der Mann am Empfang hatte immer schon aufgeschlossen, egal zu welcher Zeit Colin im Heim ankam. Er hatte auch immer schon das Licht angemacht und ein paar Hocker für die Erschöpften bereitgestellt. Mr Simms war nach Colins Meinung die Seele des ganzen Hauses. Egal, was man brauchte, Mr Simms besorgte es. Egal, was man suchte, Mr Simms wusste, wo es zu finden war. Mr Simms vergaß nie einen Namen und kein Gesicht. Mr Simms war genau die Art Mensch, die an einem Ort wie diesem nicht fehlen durfte, fand Colin.

Der Heimleiterin folgend, verließen sie die Eingangshalle über einen Korridor zur Linken und erreichten bald eine Tür mit einem großen, augenscheinlich selbst gebastelten Schild mit der Aufschrift Bastelstube. Darunter hatte ein Witzbold mit rotem Edding geschrieben: Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren! Rose Halligan begann augenblicklich, an der roten Farbe herumzukratzen.

»Das war vorhin noch nicht da«, erklärte sie. »Und ich weiß natürlich, wer es war. Keiner ist so schwer zu seinem Glück zu zwingen wie Nathan Biggles. Na, Sie werden ihn ja gleich selbst kennenlernen, Herr Pfarrer. Ich habe Biggles auf die Liste für die heutige Malstunde gesetzt und so dankt er es mir. Am besten setze ich ihn gleich für alle Termine auf die Liste. Das kann ihm nur guttun. Er ist so unausgeglichen.«

Sie kratzte noch einen Moment lang mit ihren kurzen Fingernägeln an der Farbe herum, dann gab sie es auf und öffnete die Tür. Ein Geruch, der Colin an seine Schulzeit erinnerte, schlug ihnen entgegen. Eine Mischung aus Reinigungsmittel, Sägespänen und Klebstoff. Colin beobachtete, wie Jasper zögernd über die Schwelle trat und den Blick über die zu Gruppen zusammengeschobenen Tische gleiten ließ, deren Arbeitsplatten bereits unter dem häufigen Gebrauch bunter Farben gelitten und eindeutige Spuren davongetragen hatten. Vor einem Fenster standen ein paar wenige Staffeleien und in Regalen entlang der Wände zeugten seltsame Gebilde aus verschiedenen Materialien von der Kreativität in Hodge House.

Mit einem wie er hoffte unschuldigen Augenaufschlag klopfte Colin seinem Freund noch einmal auf die Schulter. »Du packst das schon. Und wenn du Hilfe brauchst, ich bin gleich gegenüber. Genau dort, wo die New-Age-Musik erklingt.«

Jasper war anzusehen, dass er nach einer bissigen Antwort suchte, doch Colin trat rasch den Rückzug an und eilte in die Gymnastikhalle, wo er bereits erwartet wurde.

Die Halle war dank einer langen ebenerdigen Fensterfront lichtdurchflutet. Trotzdem hatte Mr Simms bereits die Deckenbeleuchtung eingeschaltet und auch wieder Hocker bereitgestellt. Auf einem dieser Hocker saß Colins einziger männlicher Teilnehmer der letzten Stunden. Waldemar.

Colin kannte weder seinen vollen Nachnamen, noch wusste er, wie alt Waldemar war und woher er stammte. Mit Sicherheit jedoch gehörte Waldemar zu den freiwilligen Teilnehmern seines Kurses. Sein hingekritzelter Name stand stets ganz oben auf Colins Liste.

Als Colin eintrat, schenkte Waldemar ihm ein höfliches Lächeln, blieb aber stocksteif auf dem Hocker sitzen. Er war klapperdürr. Sein graues Haar sah aus, als würde es nur zu Feiertagen mit einem Brotmesser eingekürzt werden. Seinen Kinnbart trug er wie ein chinesischer Kaiser aus dem Puppentheater zu einem Zopf geflochten, an dessen unterem Ende eine winzige rosa Schleife baumelte. Colin hatte sofort und auf den ersten Blick Vertrauen zu diesem Mann gefasst. Menschen mit rosa Schleifen im Bart konnten nur durch und durch positiv eingestellt sein. Ein längeres Gespräch zwischen ihnen hatte sich seit ihrer ersten Begegnung allerdings nicht ergeben, obwohl Waldemar stets der Erste im Gymnastikraum war. Doch der Althippie, wie Colin ihn gern bezeichnete, war von zurückhaltendem Wesen.

Während Colin seine Arbeitsmaterialen abstellte, den CD-Player anschloss und die CDs bereitlegte, saß Waldemar lächelnd auf seinem Hocker und sah ihm schweigend zu. An diesem Tag schien er jedoch etwas auf dem Herzen zu haben. Colin vernahm zunächst nur ein Räuspern.

»Wir brauchen eine Mitte.«

Colin hielt inne und wandte sich Waldemar zu. Einen Moment lang versuchte er, der Bedeutung der Worte selbst auf die Schliche zu kommen. Ging es Waldemar um etwas Religiöses? Nach kurzem Grübeln gab Colin auf und echote unintelligent: »Eine Mitte?«

»Blumen oder Zweige. Vielleicht eine Kerze?«

Colin sah in die freundlichen Augen Waldemars und versuchte noch einmal, die rätselhafte Botschaft zu entschlüsseln, doch er kam nicht drauf.

»Blumen für die Mitte? Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz.«

Auf Waldemars faltigem Gesicht erschien ein freundliches Lächeln. Dann erklärte er mit seiner knarzenden Stimme: »Ein Jahr ist es vielleicht her, da kam ein junges Mädchen zu uns. Auch sie tanzte mit uns. Auch sie nannte es Tanztherapie.« Waldemar machte eine Pause und Colin lag ein sehr ehrlicher Kommentar zum Thema Tanztherapie bereits auf der Zunge, als Waldemar fortfuhr: »Wir fassten uns an den Händen und tanzten im Kreis herum. Genau wie jetzt. Doch es ist einfacher, den Kreis beizubehalten, wenn man eine Mitte zur Orientierung hat. Deswegen legte das Mädchen Blumen und Zweige auf den Boden. In unsere Mitte. Das war schön und nützlich.«

Colins erster Gedanke war, dass er einen Tanz um sterbendes Grün und flackerndes Kerzenlicht zu weinerlicher Musik nur mit Beruhigungsmitteln würde ertragen können. Doch dann dämmerte ihm, dass die Idee tatsächlich etwas für sich hatte. Während der Kreistänze, bei denen sich die alten Leutchen gern gegenseitig gleichermaßen stützten wie behinderten, eierte seine Truppe oft unkontrolliert herum. Mit einer sichtbaren Mitte würde es ihnen sicher leichter fallen, den Kreis beizubehalten. Colin öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Waldemar war schneller.

»Ich hole eine Kerze. Sie gehen derweil durch diese Tür« – er wies auf die Glasfront hinter sich – »und suchen uns ein paar Blumen. Blumen verbreiten so eine angenehme Stimmung … Wir haben noch genug Zeit. Wir werden beide pünktlich wieder hier sein.«

Mit diesen Worten erhob sich der alte Hippie und schlurfte zur Tür hinaus. Colin sah ihm einen Augenblick lang nach. Seinetwegen hätte es auch ein Hocker als Mittelpunkt des Kreises getan, aber wenn Waldemar gerne Blumen hatte, dann sollte er seine Blumen bekommen. Colin sah er auf seine Armbanduhr. Ihm blieben noch zehn Minuten und er konnte durch die Fenster die Grundstücksgrenze hinter dem gepflegten Rasen liegen sehen. Dort wuchsen Büsche und Gräser hoch und wild. Mit etwas Glück würde er dort sicher irgendetwas Blühendes finden.

Colin öffnete die in die Glasfront integrierte Außentür, trat hinaus in den lauen Tag und schritt entschlossen über den Rasen. Das Gelände stieg hier leicht an. Vereinzelt standen vergessene Gartenliegen herum, unter einer großen Platane stand eine verlassene Bank. Ganz am Ende des Rasens befand sich eine Holzhütte, eine Art Gartenpavillon, um welchen ebenfalls Bänke drapiert worden waren. Es war ein beschauliches Plätzchen. Dort, wo der gepflegte Rasen endete, begann abrupt und ohne jeglichen Übergang die Wildnis. Froh darüber, dass er seine Tanzschuhe daheim gelassen und in normalen Straßenschuhen unterwegs war, stieg Colin in das hohe Gras und ging jetzt langsam und sich sorgfältig umschauend weiter. Hier fiel das Gelände plötzlich steil ab. Er stand auf dem Kamm einer Böschung und blickte hinunter in eine Mischung aus Unterholz und Gartenabfällen. Die Gärtner von Hodge House