Die Box - Charles C. Nox - ebook

Die Box ebook

Charles C. Nox

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Opis

Eine unheilvolle Prophezeiung schwebt über Leipzig: Die Box gewinnt immer! Wer wird ihr nächstes Opfer? Claras Leben scheint perfekt: Sie schreibt einen Bestseller nach dem anderen und ist glücklich verheiratet. Bis eines Nachts auf der Landstraße ein Lieferwagen ihr Auto frontal rammt. Claras Mann stirbt hinter dem Steuer und sie verliert ihre rechte Hand - und ihre Fähigkeit zu schreiben. Während Holger, der Fahrer des Lieferwagens, ungeschoren davonkommt, versinkt Clara in Bitterkeit. Da begegnet sie Karl Master, Inhaber eines zwielichtigen Antiquariats. Er verspricht ihr neue Lebensfreude - wenn sie bereit ist, sich an Holger zu rächen. Clara geht auf den Handel ein und erlebt mit, wie Holger auf magische Weise in einem großen schwarzen Steinquader verschwindet ... Und tatsächlich - Clara findet ihren Lebensmut wieder. Doch sie ahnt nicht, dass ihre Rache sich in grausamster Form gegen sie selbst kehren wird ...

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Dieses Buch widme ich meiner Familie. In guten, wie in anstrengenden Zeiten.

Inhaltsverzeichnis

Karl Master

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Karl Master

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Karl Master

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Karl Master

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Karl Master

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Karl Master

Holger Retzer

Karl Master

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Karl Master

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Holger Retzer

Clara Sarker

Karl Master

Holger Retzer

Clara Sarker

Karl Master

Clara Sarker

Karl Master

Holger Retzer

Clara Sarker

Karl Master

Karl Master

Der Regen goss in Strömen herunter und verwandelte den Maltheimer Friedhof in ein Terrain aus Dreck und schlammiger Erde. Auf einem Hügel, in der Nähe einer Gruppe von Bäumen, deren kahle, nasse Äste im Wind peitschten, stand Karl Master und hielt einen orangefarbenen Regenschirm, der aus der grauen Umgebung herausstach. Karl trug Handschuhe, die ihm die Finger wärmten, und einen braunen Wollschal um den Hals. Der Mantel, der ihm bis zu den Knien reichte, war genauso schwarz wie die nagelneuen Stiefel, in denen seine Füße steckten. Der langanhaltende Regen hatte den Boden durchweicht und aufgelöst. Gras war nicht mehr zu sehen. Erdklumpen schwemmten über den Grund, trieben durch Pfützen und rutschten den Gipfel hinunter. Karl fuhr sich über das Gesicht und fegte Dutzende Tropfen von der Nase.

Er wartete auf jemanden. Und sie würde bald kommen. Das wusste er.

Karl steckte die linke Hand in die Manteltasche und sah sich um. Der Friedhof war verlassen. Der Himmel war grau. Ein heftiger Wind wehte, der das herabgefallene Herbstlaub aufwirbelte. Aus der Ferne war das Röhren eines Busses zu hören, der irgendwo anhielt und Fahrgäste aus- und einsteigen ließ. Karl sah den Hügel hinunter zum riesigen Eingangstor des Friedhofs. Der Friedhof war von einer mannshohen Steinmauer umzogen, auf der ein Stahlzaun gespannt war. Die Spitzen des Zauns ragten abwehrend in die Luft. Das breite Eingangstor bestand aus zwei Torflügeln aus Metall. Eine Seite war geöffnet. Karl hatte sie offen gelassen.

Als er den Friedhof betreten hatte, hatte es nur leicht geregnet. Doch plötzlich hatten sich die Wolken verdunkelt und der Regen hatte zugenommen. Karl hatte sich geärgert, aber nicht viel. Es war nicht übermäßig schlimm, denn er tat das hier nicht für sich, sondern für den Meister. Gerade war der Meister nicht da, aber er konnte erscheinen, wenn er wollte.

Und wenn sie kam.

Karl blickte auf seine Uhr. Sie verspätete sich. Eigentlich sollte sie längst aufgetaucht sein.

Ein brausender Wind fegte ihm über die Schultern und ließ ihn erschauern. Gleichzeitig merkte Karl, wie ihm langsam die Nässe die Beine hochkroch. Er stellte die Füße zusammen und blickte auf den Schlamm, der seine Schuhe bedeckt hatte. Karl murrte verärgert vor sich hin. Erneut sah er zum Eingang hinüber.

Dort stand eine Frau. Sie war gekommen. Karls Mund verzog sich zu einem Lächeln. Er starrte auf die Person. Sie trug ein weißes Kleid. Es bedeckte ihre Knie, aber sie war ohne Schuhe. Barfuß lief sie herum. Sie war bis auf die Haut durchnässt. Das Wasser tropfte aus ihren Haaren, die ihr nass über die Stirn und die Wangen hingen. Sie sah mitgenommen aus. Selbst aus der Distanz.

Karl grinste und reckte das Kinn. Sie würde zu ihm kommen. Denn sie wollte etwas von ihm. Mal sehen, was sie zu sagen hatte. Lustvolle Erregung packte ihn. In der Manteltasche bildete er eine Faust und drückte, so fest er konnte. Diese Frau hatte den Meister verraten, und sie war bestraft worden. Deshalb kroch sie. Denn sie wollte Vergebung.

Die Frau wankte über den Platz. Sie taumelte, als wäre sie betrunken. Ihre Augen waren auf ihn gerichtet. Ihr Blick starr apathisch. Karl sah ihr entgegen. Er fragte sich, ob er sie schlagen sollte. Verdient hatte sie es. Verräter wurden so behandelt, warum sollte er bei ihr eine Ausnahme machen?

Sie näherte sich langsam. Einmal fiel sie hin. Das Kleid war transparent. Es war so feucht, dass es wie eine zweite Haut an ihr hing. Er bemerkte, dass sie einen Slip trug, aber keinen BH. Ihre Brüste zeichneten sich unter dem Stoff ab. Sie war noch jung.

Die Frau erreichte den Hügel und sank in die Knie. Schlamm, Erde und Dreck klebten an ihren Beinen. Sie sah hoch und fuhr sich über das verschmierte Gesicht. Blut tropfte ihr von der Stirn. Der Regen wusch es immer wieder weg, aber jetzt erreichte es ihre Nase.

Sie fing es auf und betrachtete ihre Hände. Die rote Farbe tropfte von ihren Fingern.

Eine Verletzung, dachte Karl. Dann war die Bestrafung heftig ausgefallen.

Er hob seine behandschuhte Hand und winkte ihr zu. Dabei lächelte er. Die Frau verzog keine Miene. Er wartete, bis sie sich aufgerappelt hatte. Sein Schirm wurde schwer. Aber er hielt den Regen ab. Sein Meister hatte sich noch nicht gezeigt. Er war verbittert. Karl wusste das. Karl konnte fühlen, was sein Meister dachte.

Die Frau setzte eine Faust auf den Boden und stemmte sich hoch. Dann die andere. Der Dreck rann über sie wie eine Lawine. Sie spuckte und würgte und ging weiter. Ein glasiger Ausdruck war in ihr Gesicht getreten, der viel bedeuten konnte und gleichermaßen nichts. Sie hatte die Zähne zusammengebissen. Der Hügel war steil. Hier gab es keine Grabsteine. Sie waren unten verteilt. Die Gräber – bestehend aus unterschiedlichen Steinkonstruktionen.

Manche neuer, andere älter.

Die Erde in den Gräbern verwaschen. Wasser lief zwischen den Fundamenten. Blumen versanken oder wurden fortgespült. Es war ein heftiges Unwetter.

Die Frau hatte die halbe Höhe des Hügels erreicht. Sie klagte. Karl sah zu, wie sie näherkam. Er trat einen Schritt zurück. Der Boden war glatt. Seine Socken waren feucht. Trotz der Stiefel. Dass gefiel ihm nicht, aber zu Hause würde er ein gemütliches Feuer haben und es würde warm werden. Sobald diese Sache fertig war.

Die Frau kämpfte sich weiter. Sie hechelte. Ihre Wangen waren dreckig und blutverschmiert. Ihre Haare hingen ihr über die Ohren. Sie starrte ihn an und er sah zurück. Karl versuchte, ernst zu gucken. Er wollte, dass sie wusste, für wen sie arbeitete. Sie war unterlegen. Er war der Sprecher. Das war der Unterschied.

Ihre Hand streifte über die Kante des Hügels. Die Frau würgte und erbrach einen Haufen weißer Masse auf den Boden. Das Zeug wurde vom Regen erfasst und fortgespült. Karl blickte indigniert drein. Die Arme, dachte er ironisch. Denn sie tat ihm nicht leid. Sie war eine Verräterin.

Die Frau erreichte die Kuppe des Hügels und ließ sich auf den Bauch sinken. Ihr Gesicht tauchte in die Brühe und versank im Schmutz. Karl trat näher. Er musste langsam gehen, damit er nicht ausrutschte. Er hob einen Schuh und tippte ihr gegen die Schulter. Sie fuhr hoch, sah ihn an, wie ein aufgeschrecktes Tier. Karl beugte den Kopf und sah zurück. Dieser Blick war kalt und abgestoßen, dachte er. Ein gefühlsleeres Wesen.

Er lächelte. Die Frau starrte ihn an. Ihre Brüste wippten unter dem Stoff. Karl dachte daran, sie anzufassen. Sie zu packen und zu kneten. Er würde es tun – in seinen Träumen. Hier nicht, denn der Meister würde es nicht dulden. Außerdem war er höflich und ein Gentleman. Er wusste, wie er sich zu verhalten hatte.

Er neigte das Kinn, als würde er eine latente Forderung stellen.

Die Frau senkte den Blick. Ihre Hände steckten im Dreck, der an ihr vorbeiglitt wie Meereswellen.

Der Regen prasselte auf ihr Haupt. Ihre Haut war weiß. Einer der Träger war ihr von der Schulter gerutscht. Sie war beinahe nackt.

Karl elektrisierte das. Er stellte sich vor, wie der Dreck in sie eindrang und sie ausfüllte. Der Gedanke bereitete ihm eine Gänsehaut.

»I-ich … bin gekommen«, sagte sie mit erhobener Stimme. Von oben blitzte es. Ein Donnern brach über die Landschaft. Karl sah in die Wolken. Sie hatten sich noch weiter verdichtet. Schwarze Schatten zogen über den Himmel. »Das sehe ich«, sagte Karl und ließ sie nicht aus den Augen. »Warum hat es so lange gedauert?«

»I-ich … konnte nicht fliehen«, sagte die Frau. Sie kratzte sich am Hals. »Er tat mir weh.«

»Das glaube ich. Du hast ihn verlassen.« Karl versuchte, mitfühlend zu klingen. Er überlegte, sie am Kopf zu tätscheln, aber vielleicht griff sie ihn an und zerrte ihn in den Schmutz. Das durfte nicht passieren.

»Aber, das wollte ich gar nicht.«

»Nein? Wie nennst du es dann, die Koffer zu packen, in ein Auto zu steigen und die Stadt zu verlassen?«

»Er hat mich angehalten«, sagte sie. Karl nickte jovial. »Ich verstehe das.«

Sie sah auf. Ein trüber Glanz lag in ihrem Antlitz. »Nein«, sagte sie. »Du verstehst es nicht. Du hast keine Ahnung.«

»Sag mir nicht, was ich weiß und was nicht! Ich kenne seine Macht. Der Meister ist unerschütterlich, und ich diene ihm schon seit Langem.« Ihre Aussage machte ihn so wütend, dass er ausholte und ihr ins Gesicht schlug. Ihr Kopf fuhr zurück. Haare auf den Augen. Ein roter Fleck erschien auf ihrer Wange. Karl schüttelte die Hand. Es war ein fester Schlag gewesen.

Die Frau taxierte den Boden. Eine Starre hatte ihren Körper erfasst. Karl fragte sich, ob sie noch da war.

»Hall-«

»Ich fühle nichts«, sagte sie und rieb sich die traktierte Stelle. Karl meinte eine Träne zu sehen, die ihr aus dem Auge kroch, aber es war wohl eher der Regen. »Nichts!«, meinte sie und blickte zu ihm. Ihre Lider zuckten, die Mundwinkel gespannt. Sie warf sich vor und klatschte in den Dreck. »Hey!«, rief Karl und wich zurück. Die aufgespritzte Erde flog durch die Luft und traf ihn am Mantel. Verärgert wischte er darüber.

»Was ist bloß in dich gefahren?«, fragte er.

»I-ich kann nicht mehr«, sagte sie. »Bitte … bitte, du musst mir helfen, ich flehe dich an.«

»Bekenne, was du getan hast! Du musst ihm klarmachen, dass du schuldig bist.«

Ihre Stirn hatte einen Stich ins Rote erhalten. Sie klatschte sich die Hände ins Gesicht und verteilte Dreck und Erde in ihren Haaren. »I-ich … bin schuldig.«

Karl lächelte. »Was wolltest du tun?«

»Ich wollte fliehen. Abhauen, damit er mich nicht findet.«

»Und warum?«

Sie tauchte ihr Gesicht in den Matsch und verharrte so. Karl sah beeindruckt auf sie hinunter. Sie konnte lange die Luft anhalten. Als sie das Gesicht wieder hob, zog sie die Luft ein und sagte gleichzeitig: »Weil ich Angst hatte.«

»Der Meister duldet dieses Verhalten nicht. Er weiß, was du tust, er weiß, wo du bist, er weiß, wie du dich verhältst. Du … bist mit dem Meister verbunden! Und du kannst ihn nicht betrügen!« Karl merkte, dass er angefangen hatte zu brüllen. Seine Miene hatte sich verzerrt. Die Augen waren ihm aus den Höhlen getreten, und er spürte das Ziehen seiner Zähne, nachdem er den Kiefer verkeilt hatte. »Du ...«, begann er leiser, »bist es ihm schuldig. Er hat dir geholfen, weißt du das nicht mehr?«

Die Frau sah ihn an. »Ich weiß«, meinte sie. »Bitte, ich fühle nichts mehr – nichts. Er hat mir alles genommen.«

»Alles?«, fragte Karl amüsiert.

»Ich nehme nichts wahr. Nicht einmal das Wasser. Mir ist weder kalt noch warm. Ich fühle keine Angst, keinen Schmerz. Nicht einmal Trauer, obwohl meine Augen weinen. Bitte, Karl, du musst es beenden.«

»Du weißt, dass der Meister das entscheidet. Nicht ich. Ich diene ihm nur.« Er lächelte. »Und du …« Er beugte sich hinunter und brachte sich mit ihr auf eine Höhe. Er hatte keine Angst mehr vor ihr. Sie würde ihm nichts tun. Ihre Qualen waren zu schrecklich. »Du tust das auch.« Seine Augen strahlten entzückt. Er zog die Mundwinkel hoch und grinste ausgelassen.

»Bitte, ich will wieder fühlen können. Ich kann so nicht leben.«

»Das verstehe ich, mein Kind«, sagte Karl. »Und der Meister wird es auch verstehen, sobald du einsiehst, dass du falsch gehandelt hast.«

»Das tue ich«, sagte die Frau. Sie legte die verschmierten Hände zusammen. »Bitte. Ich tue es.«

»Dass du es niemals wieder tust!«, fügte Karl an.

Sie nickte. »Ja … ja, ich schwöre.«

»Und ...« Er reckte einen Finger. »Dass du ihm weiterhin zur Verfügung stehst. Egal, was passiert!«

Sie zögerte. Dann nickte sie vehement und senkte den Kopf. »Ich schwöre es.«

»Gut.« Karl berührte sie am Kopf. Es fühlte sich matschig und feucht an, als würde er einen Schwamm drücken. Er zog die Hand zurück und deutete nach rechts. »Dann geh. Und denke daran: Die Box gewinnt immer.«

Er begann zu lachen. Er lachte, als sich die Frau erhob und aufrichtete. Den Kopf hielt sie gesenkt.

Dann marschierte sie den Hügel hinunter zu einer bläulich glimmenden Steinbildung, die schlagartig erschienen war. Es war ein imposanter Quader. Fast so groß wie die Bäume. Als die Frau näherkam, fuhren Steinplatten zurück und enthüllten ein schwarzes Loch, das ins Innere führte.

Die Box hatte sich geöffnet. Karl lachte, als die Frau mit hängenden Schultern in die Box ging und sie sich hinter ihr schloss.

Clara Sarker

Versuch es doch!, raunte die Stimme in ihren Gedanken. Clara hatte die Arme verschränkt und starrte aus dem Fenster. Das Wetter hatte sich verschlechtert; die Bäume, die die Einfahrt säumten, hingen tief. Nebel war aufgekommen, er schwebte über der Landschaft wie ein Bündel Wolken.

Der Wind wehte Blätter hoch, sie kräuselten über den asphaltierten Weg und prallten gegen das Auto, das vor der Garage stand. Es war der Honda Typ R S, der Wagen ihres Mannes.

Ihr Mann, Kai, war tot. Der Wagen war noch da. Ein unfairer Tausch, dachte Clara und wischte sich eine Träne von der Wange. Sie fühlte einen brennenden Schmerz in der Brust und beschloss, das Bild an ihren Mann zu verdrängen. Gerade wollte sie nicht an ihn denken. Sie wollte an nichts denken.

Das Fenster wirkte stabil. Dabei war es so brüchig wie ihre Mentalität. Clara stellte sich vor, wie sie einen Finger hob und die Scheibe berührte. Und wie sie dann zerbrach und sich die Splitter zu ihren Füßen sammelten. Die Geräusche von splitterndem Glas. Das Krachen des Windes, der in die Wohnung rauschte.

Sie schüttelte den Kopf. Sie müsste es mit der linken Hand machen. Die rechte fehlte. Sie fehlte seit dem Unfall, bei dem sie ihren Mann, ihre Hand wie auch einen Großteil ihres Lebenswillens verloren hatte. Zwei Monate war er her und es ging ihr schrecklich. Sie aß nicht viel. Sie schlief nicht und sie schrieb nicht mehr.

Das war das Schlimmste. Es war wie ein Stich ins Herz.

Die Trauer um ihren Mann war stark. Sie sehnte sich nach ihm. Genauso verging sie nach der Schreiberei. Die große Autorin Clara S. Stalker – ihr Pseudonym – brachte seit Wochen kein Wort auf Papier. Der Gedanke überschüttete sie mit Kummer.

Dabei war alles so gut gewesen. Ihre Familie, das neue Haus, die Ruhe, die Bücher. Lesen konnte sie seit dem Unfall auch nicht. Es war, als hätte sich mit dem Aufprall eine Tür in ihrem Kopf geschlossen, die seitdem nicht mehr aufging.

Clara konnte es verstehen, dennoch fühlte sie Wut. Einen Zorn, der sie beinahe umwarf.

Sie wollte schreien und heulen und alles beenden, aber sie tat es nicht.

Stattdessen stand sie vor dem Fenster ihres Arbeitszimmers und blickte auf die Einfahrt, die bis auf den Wagen leer war. Das Haus war ruhig seit Kai gestorben war. Zwar kümmerte sich ihre Familie um sie, aber sie waren nicht ständig da. Oft war sie allein. Eine nicht so gute Entscheidung, hatte sie ihren Vater am Telefon flüstern hören, als Clara mit ihrer Schwester geredet hatte. Sie hatte so getan, als hätte sie seine Worte nicht gehört. Doch Clara wusste, was er meinte. Paul, ihr Vater, hatte Angst, dass sie sich etwas antat.

Eine nachvollziehbare Angst. Clara lächelte. Sie hatte schon oft daran gedacht, es zu tun. Ein Messer, ein Sprung vom Dach. Einmal, es war vor einer Woche gewesen, hatte sie ferngesehen, ihr iPad hatte auf dem Schoß gelegen. Der Film war nicht spannend gewesen und aus Langeweile hatte sie spontan nach Selbstmord gegoogelt und Informationen bekommen. Dutzende Seiten setzten sich damit auseinander. Die wenigsten waren Seiten, die versuchten, jenen, die Selbstmord begehen wollten, bei der Ausführung zu helfen.

Die meisten bezweckten das Gegenteil. Auf einer Seite war sie hängen geblieben und hatte über einen siebzehnjährigen Mann gelesen, der beschlossen hatte, mit dem Leben aufzuhören. Er hatte etwas von Liebeskummer geschrieben. Schlechten Noten und Mobbing. Ab der Hälfte der Seite hatte sie die Zeilen überflogen. Dann hatte sie aufgehört und sich dem Film zugewandt. Sie hatte sich elend gefühlt. Genau wie jetzt. Eigentlich fühlte sie sich immer elend, aber während des Films war es ihr wieder aufgefallen, wie schrecklich es ihr ging. Der Text hatte ihr nicht geholfen. Sie hatte Mitleid für den Jungen empfunden, aber auch Verdruss, da er über Dinge klagte, die veränderbar waren.

Ihr Schicksal, Claras Vergangenheit, war das nicht. Ein Mensch war ums Leben gekommen. Die Liebe ihres Lebens. Und die andere Liebe – ihre Leidenschaft, das Schreiben, war kurz davor, verloren zu gehen. Wenn wenigstens das eine funktionieren würde, dachte sie.

Früher hatte sie im Schreiben eine Art Medizin gesehen. Einen Wall, der sie gegen die Mühen des Tages und Krankheiten des Lebens verteidigte. Depressionen, schlechte Laune – diese Dinge. Das Schreiben hatte sie beschützt und beruhigt. Jetzt, da sie nicht mehr arbeitete, schienen diese schlechten Dinge wie eine Welle über sie zu rollen.

Sie war im Rückstand. Ihr neustes Buch war nicht fertig. Die Geschichte über ein Mädchen, das sich in einen Baum verliebte. Sie hatte sie nicht beenden können.

Der Unfall war passiert. Der Verleger hatte sie nach den Ereignissen angerufen, ihr Mut zugesprochen und gesagt: »Du bekommst so viel Zeit, wie du brauchst.«

Clara hatte ihm gedankt und gewusst, dass er das nicht meinte. Er wollte das Buch auf den Markt bringen. Sie war erfolgreich. Ihre Bücher verkauften sich gut. Auch jetzt noch. Deshalb war sie angehalten, neue zu schreiben. Ihre Fans wollten es. Ihr Verleger wollte es, die Agentin und ihr Bankkonto wollten es auch.

»Verdammt«, zischte sie abfällig und presste die Lider so stark zusammen, dass es wehtat. Sie trat mit einem Fuß auf und wandte sich um. Dort stand ihr Schreibtisch. Darauf der Computer. Der Tisch stand vor dem Fenster, das eine schöne Aussicht bot, wenn sie schrieb. Deshalb hatte sie diesen Platz gewählt. Er ermöglichte Behaglichkeit und gleichzeitig Inspiration durch die schöne Landschaft.

Clara verdrehte die Augen. Sie hasste das Wort schön. Sie nahm sich vor, es für eine Weile nicht mehr zu verwenden. Niedergeschlagen sah sie auf den Stumpf, den sie unter dem Ärmel verborgen hatte. Er tat noch weh, wenn sie ihn zu fest berührte. Dann spürte sie ein Ziehen, das bis in ihren Ellenbogen reichte. Sie begann zu weinen.

Das war bisher immer so gewesen. Jedes Mal, wenn sie ihn angeschaut hatte, hatte sie weinen müssen. Einfach so. Ihre Tränen schienen sich dafür bewahrt zu haben. Betrübt setzte sie sich auf den Holzstuhl, der neben dem Fenster stand. Sie starrte geradeaus und fand kein Ziel.

Der Stumpf ruhte auf ihrem Bein. Sie hasste ihn. Tränen liefen über ihre Wangen.

Es war so schwer gewesen. Der Anfang, nach dem Aufwachen. Als wäre sie aus einem Albtraum hochgefahren und hätte gemerkt, dass er nicht zu Ende war. Ein grässliches Aneinanderreihen von Verpflichtungen, Worten, Ärzten, die kamen und gingen. Kein Kai, der sie tröstete. Die bindende Wahrheit, die sich in ihren Verstand gebrannt hatte. Das erste Mal, als sie gesehen hatte, dass ihre Hand fehlte. Es hatte sie überfallen, als wäre ihr etwas auf den Schädel gestürzt. Clara hatte die Augen aufgerissen und geschrien …

»Was ist das? W-was … wo kommt das her?« Clara stieß einen heiseren Schrei aus und rappelte sich hoch. Sie packte die Decke, schlug sie zurück und stellte sich auf die Beine. Die Pulsmesser, die an ihren Armen und der Brust befestigt waren, lösten sich und hinterließen rote Abdrücke.

Eine fremde Frau mit Zopf fuhr hoch und rief: »Scheiße.« Sie drückte einen Knopf, der auf dem Stuhl lag und rannte auf sie zu. Beschwichtigend hob sie die Hände und berührte sie an der Schulter.

Clara würgte nach Luft. Ein infernalischer Druck lastete auf ihrer Stirn und presste ihr die Kraft aus den Beinen. Sie humpelte und stürzte. Die Frau fing sie auf und hielt sie. »Ganz ruhig«, sagte sie. »Bleiben Sie ruhig.«

Diese Schmerzen. Clara riss die Augen auf. Sie waren so gewaltig, dass sie meinte, ihr Körper würde in Flammen stehen. Sie spitzte die Lippen und schrie, so laut sie konnte. »KAAAAAAAAAI!« Die Frau verzog das Gesicht. Es war sehr laut.

Clara starrte sie an, sah in die mitfühlenden Augen und empfand Hass für diese Person. Wer war sie, was wollte sie? Warum behandelte sie sie, als wäre sie krank? Ich bin nicht krank, dachte Clara. Nein, ich bin einfach nur verwirrt.

Dann fiel ihr der Stumpf auf. Sie hatte sich durch die Haare streichen wollen. Sie war Rechtshänderin. Aber ihre rechte Hand fehlte. Dort war nur Verband. Weißer, opaker Stoff, auf dem ein roter Fleck klebte.

Für einen Moment sah Clara nur schwarz, ihre Gedanken setzten aus und drohten sie in ein düsteres Loch zu stoßen. Sie meinte am Rand des Loches zu stehen und sich mit letzter Kraft zu halten. Stimmen, die in den Raum drangen. Menschen. Männer. Sie kamen und packten sie. Sie trugen weiße Kittel. Clara versuchte zu sprechen, aber ihre Zunge war erlahmt. Die Frau stand in der Nähe. Sie sah besorgt drein. Clara wandte sich ihr zu. »Sahhgen … Siehh ihnhnen, daff sieh meeech looohs laa…« Weiter kam sie nicht. Ein heftiges Pochen umspannte ihren Brustkorb und sie wurde hochgezogen. Jemand redete mit ihr. Es war nicht die Frau. Ein Mann mit Glatze und matten Augen. Er schien müde zu sein. Die Männer packten sie und legten sie auf das Bett.

Sie fühlte etwas am linken Handgelenk, dann an den Füßen. Sie versuchte, sich zu bewegen, aber es ging nicht gut. Die Männer hatten sie fixiert. Ihre Stimme kam zurück. »W-was soll das?«, brüllte sie. »Wo ist mein Mann, wo ist Kai?«

Die Männer traten zurück. Es waren vier. Der Mann mit der Glatze wandte sich an die Frau. Sie redeten miteinander. Die Bewegungen ihrer Lippen schienen synchron zu laufen.

Clara packte Zorn. Sie wollte Antworten, und was war mit ihrer Hand? War sie taub? Sie war sicherlich noch dran. Nur unter dem Verband. Es tat weh, wenn sie die Hand reckte, also war noch Leben drin. Anders konnte es nicht sein.

Der Glatzkopf ging mit den anderen hinaus. Sie knallten die Tür zu. Die Frau blieb zurück. Sie trug einen grauen Rollkragenpullover. Sie war so jung. Vielleicht zwei Jahre jünger als sie. Clara sah sie näherkommen. Clara rüttelte an den Fesseln und fühlte die Schmerzen in ihrem Körper.

Erst jetzt wurde ihr klar, dass nicht nur die Hand wehtat. Ihre Füße, die Arme, ihr Nacken taten auch weh. Sogar die Stirn. Der Druck auf ihren Kopf war immens. Sie hatte den Eindruck, als würde ein Hammer gegen ihren Schädel klopfen.

Die fremde Frau trat neben das Bett und legte ihr eine Hand auf den Arm. »Beruhigen Sie sich, bitte«, sagte sie.

Clara fauchte. »Wer sind Sie? Sagen Sie es oder ich schreie!« Ihr Gesicht war verzerrt. Die Brauen zusammengezogen.

Die Frau presste die Lippen zusammen. Nachsicht zeichnete sich in ihren Augen ab. »Mein Name ist Theresa Mayer. Sie sind Clara Sarker und seit zwei Tagen Patientin im städtischen Krankenhaus. Ich bin die Haustherapeutin, Frau Sarker, und spezialisiert auf Unfallopfer.«

Clara starrte sie an. »Waaaas? Ich hatte keinen Unfall, was reden Sie da? Wo ist mein Mann, er wird das bezeugen. Er ist gefahren!«

Theresa seufzte und zog den Stuhl heran. Sie setzte sich und blätterte in einer Akte, die sie vom Boden aufhob. »Können Sie sich an irgendwas erinnern? An irgendwas?«

Clara presste den Kopf in das Kissen und starrte an die Decke. Sie fühlte sich missverstanden und wollte diesen Ort verlassen. Kai war bestimmt zu Hause und wartete auf sie. Das hier war ein furchtbares Missverständnis. »Ich möchte sofort meinen Anwalt sprechen«, sagte Clara. »Haben Sie eine Ahnung, wer ich bin? Ich bin Clara S. Stalker − erfolgreiche Autorin. Sie können so was nicht machen.«

»Sie brauchen keinen Anwalt, Frau Sarker. Sie stehen weder vor Gericht noch bedroht Sie jemand. Sie sind in einem Krankenhaus.« Theresa lächelte. »Und ja, ich weiß, wer Sie sind. Ich habe alle Ihre Bücher gelesen. Sie sind eine meiner Lieblingsautorinnen.«

Clara hielt inne und lächelte verkniffen. »Wirklich?«, fragte sie.

Theresa nickte. »Natürlich.«

»Das ist sehr nett von Ihnen.« Clara fühlte Wärme, die sich ausbreitete. Sie war nicht sicher, ob die Frau das gesagt hatte, um sie zu beeindrucken, aber es freute sie trotzdem. Jedes Mal, wenn jemand ihre Werke lobte, fühlte sie sich besser.

»Schön, dass Sie sich an Ihre Person erinnern können«, fügte Theresa hinzu. »Das ist ein gutes Zeichen.«

»Wofür?«, fragte Clara.

»Es zeigt, dass Ihr Erinnerungsvermögen intakt ist. Es kann vorkommen, dass bei Unfällen mehr als nur die letzten Tage gelöscht werden. Manche vergessen sogar ihr ganzes Leben. Das ist abhängig von der Kopfverletzung.«

Clara gurrte. »Kopfverletzung. Ich habe keine Kopfverletzung.« Sie blickte hoch und stockte. Über ihren Augen, knapp oberhalb der Brauen, ragte ein Verband hervor. Clara flüsterte. »Was ist das?«

»Das ist ein Verband. Sie haben sich den Kopf angestoßen, als die Wagen zusammenstießen. Aber keine Sorge, die Ärzte sind zuversichtlich.«

»Als die Wagen zusammenstießen?« Clara legte die Stirn in Falten. Es tat weh. »I-ich weiß nicht, was Sie meinen.«

Theresa rückte näher. »Was ist das Letzte, woran Sie sich erinnern können?«

Clara sah ihr in die auffordernden Augen. Sie bewegte unschlüssig die Lippen und blies die Luft aus. »I-ich kann mich an meinen Mann erinnern … Wir sind zu Hause und wollen auf eine Verlagsveranstaltung gehen. Er ist fertig, aber ich brauche noch …

»Schatz, kommst du?«

Sie kann ihn von unten rufen hören. Er wartet auf sie. Clara blickt in den Spiegel. Sieht das silberne Kleid, das ihre Schultern bedeckt und sich anmutig um ihre Hüfte legt. Sie winkelt ein Bein an und bewundert sich im Glas. Es sieht gut aus. Clara freut sich.

Sie dreht sich um, öffnet den Schrank und holt einen Wollschal. In dieser Nacht könnte es kühler werden. Sie legt ihn an und eilt zur Treppe. Auf dem Weg nimmt sie ihre Handtasche.

Dort steht er. Am Fuß der Treppe. In seinem schicken Anzug. Der blauen Krawatte, die er sich gebunden hat. Als sie sich kennenlernten, hat er es nicht selbst gekonnt. Sie hat ihm damals geholfen.

Clara steigt die Stufen hinunter. Dabei geht sie langsam und setzt eine verführerische Miene auf. Kai lächelt. »Ich warte schon eine Weile auf dich«, sagt er freundlich.

Er sieht so gut aus. Die blonden Haare hängen hinter den Ohren. Die braunen Augen. Der Ansatz eines Bartes entlang des Kinns. Sie streckt die Arme aus und schließt ihn in eine Umarmung. Sie halten sich. Dann vereinigen sich ihre Lippen.

»Meine Lieblingsautorin«, sagt Kai und schwenkt sie nach hinten.

Clara gibt ein überraschtes Keuchen von sich. Dann lächelt sie. Kai hält sie fest. Er küsst sie erneut und schlendert zur Tür. »Wir sollten uns beeilen, sonst kommen wir noch zu spät. Mir macht das nicht so viel aus, aber du solltest nicht zu spät kommen.« Er muss lachen. »Was würde der Verlag nur ohne seine Starautorin machen?«

Sie zwinkert ihm verschwörerisch zu. »Was du nicht sagst. Fährst du oder soll ich fahren?«

»Ich mach das schon«, sagt Kai und öffnet. Ein sanfter Wind weht hinein und bläst gegen das Kleid. Clara ist froh. Heute hat sie hohe Schuhe angezogen, was das Fahren schwierig gestalten würde. Sie tritt hinaus und Kai öffnet die Garage mit einem Knopfdruck auf die Fernbedienung. Das Tor fährt zurück. Es knarzt in der Nacht.

Von oben strahlt der Mond.

»Ist es nicht herrlich?«, fragt Clara und dreht sich mehrmals um die eigene Achse.

»Du bist herrlich«, sagt Kai und stapft zum Wagen. »Sollen wir deinen nehmen?«

Clara nickt. »Mach nur.«

»Ich freue mich, dass du so viel Erfolg hast.«

»Es bedeutet mir wirklich viel«, sagt Clara. Sie steigt in den weißen Honda Type R GT. Kai von der anderen Seite.

»Das weiß ich doch«, sagt Kai und drückt ihre Hand. »Du schaffst das heute Abend. Es wird aufregend. Es wird spannend, und es geht um dich. Genieße es.«

»Und du bleibst bei mir?«, fragt Clara bittend.

Kai nickt. Seine Augen strahlen im Licht der Wagenleuchte. »Natürlich. Warum denn nicht?«

Er startet den Motor und fährt los. Aus der Garage, auf die Einfahrt und zum Eingangstor des Anwesens. »Willst du etwas Musik hören?«, fragt Clara.

Kai nickt. Sie drückt einen Knopf und das Radio beginnt zu spielen. Sie fahren auf die Straße und Kai gibt Gas.

»I-ich kann mich daran erinnern. An meinen Mann. Wir sind losgefahren.« Clara blinzelte hektisch.

»W-was bedeutet das?«

Theresa blickte sie sanft an. »Es heißt, dass Sie die Bruchstücke langsam zusammensetzen.«

»Ich habe Angst«, sagte Clara. Sie lauschte auf ihr Herz und konnte es in ihrer Brust schlagen hören. Ein wilder, nachhaltiger Laut. Der Mut hatte sie verlassen. Theresas Anwesenheit bereitete ihr Kummer. Zweifel entstanden, und Clara war sich nicht mehr sicher, ob sie in einem Traum war. Sie blickte sich um. Zum ersten Mal fing sie den Raum ein. Er war nicht groß. Das Bett war da. Ein paar Geräte in der Ecke, von denen Kabel ausgingen. Die Tür war weiß und solide. Es gab nur ein Fenster. Ein Vorhang war zugezogen, der andere nicht.

Das Zimmer strahlte eine aseptische Atmosphäre aus, die Clara mürbe machte. Am liebsten wäre sie rausgegangen, zwischen die Bäume oder in die Stadt.

Was hatte sie vergessen? Was war ihr nicht eingefallen?

»I-ich glaube, Sie sollten besser gehen«, meinte Clara zitternd. Sie unterdrückte den Impuls, nach ihrer rechten Hand zu tasten. Ungebärdig klammerte sie sich an den Gedanken, dass ihre Finger unter dem Verband waren.

Theresa seufzte. »Das kann ich nicht. Noch nicht. Meine Aufgabe ist, bei Ihnen zu bleiben und mich um Sie zu kümmern. Glauben Sie mir, Sie brauchen das jetzt.«

Clara schüttelte den Kopf. »Nein, ich brauche Ruhe.«

»Sie brauchen beides. Besonders Frieden. Den bekommen Sie nur, wenn Sie sich mit der Realität konfrontieren. Deshalb bin ich da.«

»Wo ist mein Mann?«, fragte Clara direkt. Sie riss die Augen auf. »Wo ist er?«

Theresa öffnete den Mund, schloss ihn und setzte sich. Sie schlug die Akte auf und schrieb etwas hinein. »Bitte, erinnern Sie sich. Wie ging es weiter?«

Beschissen, dachte Clara und stand auf. Sie war in Erinnerungen versunken gewesen. Zurück an jenem Moment, der ihr das Herz gebrochen hatte. Ihr Leben war am Ende, und sie fühlte sich elend.

Sie überlegte, ob sie hinuntergehen und etwas essen sollte, entschied sich jedoch dagegen. So stark war der Hunger nicht. Der Himmel war dunkler geworden. Wolken waren aufgezogen. Vermutlich würde es bald regnen. Das passte ja, dachte sie. Dunkelheit und seelische Finsternis. Der Himmel zeichnete ein Abbild ihrer Seele. Anders konnte es nicht sein.

Natürlich hatte sie sich wieder erinnert. Es war gekommen, als sie sich konzentriert hatte. Als würde ein verriegeltes Schloss brechen und das Tor öffnen.

Dann war alles da gewesen. Der Schmerz, die Qualen. Sie hatte geweint und nicht mehr aufgehört.

Irgendwann hatte sie nichts mehr mitbekommen: ihre Entlassung, die Worte der Ärzte, die sie ihr zugeworfen hatten, die Übungen im Krankenhaus, um ihre linke Hand zu trainieren, die sie fortan benutzen musste. Ihre Familie, die aufgetaucht war. Der Verleger, die Nachrichten ihrer Agentin. An diese Ereignisse hatte sie sich erst Wochen nach ihrer Rückkehr in das Haus erinnert. Nach und nach hatten sie sich aus der Dämmerung gelöst und waren in den Vordergrund gerückt. Schließlich hatte sie ihre Zeit im Krankenhaus nachzeichnen können. Eine lange Phase.

Clara fasste sich an die Stirn und nahm einen tiefen Atemzug. Sie musste das mit der linken Hand machen. Die rechte war nicht mehr da. Diese Umgewöhnung war enorm. Sie hatte immer Probleme mit der linken Hand gehabt. Beim Schreiben, beim Kochen. Sie war Rechtshänderin. Immer schon. Erst nach dem Unfall hatte sie die Vorzüge einer Ambidexterity kennengelernt. Jener Fähigkeit, mit beiden Händen gleichermaßen talentiert zu sein. Sie war nicht ambidexter.

Manchmal war sie so wütend über ihren Verlust, dass sie etwas umwarf oder zertrat. Die Hälfte des Glasmülls, den der Müllmann die letzten Wochen geholt hatte, war deswegen entstanden.

Sie setzte sich vor den Computer und schaltete ihn ein.

Der Bildschirm sprang an. Blaues Licht leuchtete. Der moderne Mac hatte ihr immer gute Dienste geleistet. Sie gab ihr Passwort mit der linken Hand ein und wartete, bis der Desktop offen war.

Dort lag es. Auf der rechten Seite. Die Datei, die ihr Leben bestimmte: das Manuskript des nächsten Buches. Clara fühlte eine bange Beklemmung. Sie machte einen Doppelklick auf die Datei und wartete, bis sie aufsprang.

Dann lag er da. Der Text. 157 Seiten ausgereifter Worte. Schön formulierte Sätze. Ein gutes Buch. Nur nicht fertig. Clara biss sich auf die Unterlippe. Sie blickte am Bildschirm vorbei hinaus. Der Wind hatte zugenommen. Blätter flogen vor dem Fenster.

Du schaffst es. Versuch es wenigstens.

»Ich kann das«, sagte Clara selbstbewusst, wenngleich sie sich nicht so fühlte. Sie zitterte, als sie die linke Hand hob.

Theresa hatte ihr nach einer Woche Aufenthalt im Krankenhaus Optionen aufgezeigt, mit denen sie das Schreiben fortsetzen könnte: über eine Prothese für die rechte Hand, mit der sie fähig wäre, einzelne Buchstaben zu tippen, oder einen Fokus auf die linke Hand, was Übung voraussetzte.

Sie hatte sich für die linke Hand entschieden. An jenem Tag hatte sie matt und ausgelaugt gewirkt. Die Tatsache, dass sie ihre rechte Hand für immer verloren hatte, hatte sie schließlich hingenommen und beschlossen, ihre linke Hand zu fördern.

Die Anfänge waren lästig gewesen. Ständig hatte etwas nicht funktioniert, und sie war langsam gewesen. So langsam, dass Clara überlegt hatte, das Schreiben aufzugeben – wofür sie sich, als sie allein gewesen war, geschämt hatte.

Irgendwann war es besser gegangen. Aber nur leicht. Sie hatte einen Satz in wenigen Sekunden hingekriegt, aber dann eine Pause machen müssen, da ihre Kraft nachgelassen hatte.

Ständig hatte sie geweint, und Clara wollte wieder weinen. Betrübt sah sie auf ihre Hand. Das Schicksal hatte sie missbraucht und ausgespuckt, wie einen Klumpen Dreck.

Sie legte die Hand auf die Tastatur und fühlte die Platten unter den Fingern. Den Stumpf hielt sie unter den Tisch. Sie wollte ihn nicht sehen.

Sie nahm einen tiefen Atemzug und begann zu tippen. Clara wusste, was sie schreiben wollte. Sie hatte es immer gewusst, und die Tage, die sie nicht geschrieben hatte, hatte sie genutzt, um ihre Handlung zu bearbeiten. Jetzt war die Handlung fertig. Sie musste nur in das Schreibprogramm.

Clara tippte ein Wort, drückte mit dem Daumen die Leertaste und sprang zum nächsten. Sie gab sich Mühe. Ihre Augen funkelten. Sie war schlagartig aufgeregt. Hoffnung mischte sich in den Wunsch, wenigstens eine Seite zu schaffen.

Ihre Finger sprangen hin und her, drückten die Tasten. Manche Tippfehler ließ sie stehen. Die ersten Sätze gingen. Sie brachte sie schneller in das Programm. Dann vertippte sie sich. Mehrmals. Die Buchstaben verrutschten. Clara ächzte und blickte auf die Tastatur. Ihre Hand war so schnell geworden, dass sie Zeichen und Zahlen einbrachte. Neeeeein, rief ihr Verstand.

Clara schrie. Sie bildete eine Faust und donnerte sie auf die Tastatur. Es knackte. Ein Zucken im Bildschirm.

»Neeein«, klagte sie niedergeschlagen und lehnte sich zurück. Sie drückte sich vom Bildschirm weg und rauschte mit dem Stuhl an die Wand.

Als sie aufschlug, zuckte sie zusammen. Kummervoll begann sie zu weinen und schluchzte in ihren Schal. Sie senkte das Kinn und starrte auf ihren Arbeitsplatz.

Nichts war, wie sie es kannte. Sie hatte alles verloren. Wie sollte sie das Buch jemals fertigstellen?

Ferne Geräusche. Motoren. Clara hob die Brauen. Jemand näherte sich dem Gebäude. Sie stand auf und eilte zum Fenster. Mit dem rechten Ärmel fuhr sie sich über das Gesicht. Ein Wagen fuhr durch das Tor und auf die Einfahrt. Sie erkannte den Wagen ihres Vaters.

Paul kam sie besuchen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Eigentlich hätte er morgen kommen sollen.

Niedergeschlagen löste sie sich vom Fenster und ging zur Tür.

Sie warf dem PC einen letzten Blick zu und wandte sich ab. Mit hängenden Schultern lief sie die Treppe hinunter und zur Haustür, um Paul zu öffnen.

Es klingelte. Clara öffnete. Sie hatte vor der Tür gewartet, bis ihr Vater die Klingel drückte. Seinen Schatten hatte sie schon vorher durch das Glas bemerkt.

Paul trug einen Karton in der Hand, der offenbar leer war, und lächelte freundlich, als er hereinkam.

»Hallo, Liebes. Ich bin einen Tag früher gekommen.« Er küsste sie auf die Stirn. Clara erwiderte nichts. Sie sah zu, wie er an ihr vorbei in die Küche ging.

Deshalb war er gekommen. Es war ihr wieder eingefallen. Sie folgte ihm und blieb in der Tür stehen, die Arme verschränkt.

Paul stellte die Kiste auf den Tisch. Er wischte sich den Schweiß von der faltigen Stirn und zog seinen Wollpullover aus. Darunter trug er ein schwarzes Hemd, das seinen korpulenten Bauch betonte und in die Hose gestopft war. Er war breit gebaut und wirkte zielstrebig. Gleichermaßen umgänglich und besonnen. Clara hatte ihn für diese Eigenschaften immer geschätzt.

Paul nahm ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit Leitungswasser. Er trank einen Schluck und ächzte erleichtert, als die Flüssigkeit seine Lippen befeuchtete.

An Clara gewandt sagte er: »Du siehst fürchterlich aus, Clara. Wann hast du das letzte Mal geschlafen?«

Clara zuckte die Achseln. »Vor einer Woche vielleicht. Oder letzten Dienstag?«

Paul schüttelte missmutig den Kopf. »Das gefällt mir nicht. Isst du denn wenigstens ausreichend?« Er sah sie mitfühlend an. »Deine Mutter würde sich freuen, dich wieder zu bekochen. Hättest du Lust …«

»Nein!«, rief Clara. »Ich habe keine Lust.«

»Hm.« Paul tippte sich an das Kinn. »Du igelst dich ziemlich ein, Clara. Du lässt fast niemanden an dich ran, und du verfaulst – wortwörtlich.« Er breitete die Arme aus. »Sag mir bitte, dass es so nicht weitergeht.«

Clara musterte ihn abfällig. »Du erwartest von mir, dass ich das ändern soll? Wie denn?« Sie hob die Stimme. »Ich habe mir das nicht ausgesucht, Vater. Ich bin machtlos.« Sie schnappte nach Luft. »Bist du deswegen gekommen? Um mir zu sagen, wie schrecklich ich bin? Wenn ja, kann ich darauf verzichten.«

Paul schürzte die Lippen. Seine winzigen Augen leuchteten beklommen. »Na ja, ich will dir nur sagen, was ich sehe, Liebes, nicht mehr, nicht weniger. Du wohnst allein, also ist es, glaube ich, nicht das Dümmste, zu hören, was andere denken.«

»Ich weiß, was andere denken«, beharrte Clara.

»Sicher? Es erscheint mir, als hättest du nicht sonderlich viel Kontakt zu anderen. Wann hast du das letzte Mal mit deiner Schwester geredet?«

Clara verdrehte die Augen. »Was soll das jetzt?«

»Wann?«, hakte Paul nach.

»Vor drei Wochen?«

»Richtig«, betonte Paul. »Vor … drei … Wochen. Das ist ewig her. Sie hat hundert Mal versucht, dich zu erreichen, aber du gehst nicht ran. Wenn ich ihr nicht jedes Mal sagen würde, dass du noch lebst, würde sie durchdrehen. Du weißt, dass sie sich Sorgen macht. Wir alle tun das.«

»Mir passiert schon nichts.«

»Clara«, sagte Paul mitfühlend. Er berührte ihren Arm, aber sie zog ihn zurück.

»Lass mich. Mir passiert schon nichts. Ich bin allein und habe alles verloren. Hier.« Sie reckte den nackten Stumpf in die Luft. »Das ist alles, was mir geblieben ist.«

Tränen traten in ihre Augen. Paul stand zerknirscht da. Er faltete erschüttert die Hände.

»I-ich weiß, was das für dich bedeutet«, sagte er. »Es tut mir leid, dass das passiert ist. Jedem tut es leid.«

»Ja«, kläffte Clara. »Jedem tut es vermutlich leid.« Sie band den Ärmel wieder um den Stumpf.

Die hässlichen Hautfetzen, die wie Teig zusammengedrückt waren, ekelten sie an.

Paul seufzte. »Du musst nicht so sein«, sagte er leise.

Clara winkte ab. »I-ich musste nur an ihn denken.«

»Wen? Kai?«

»Nein«, schluchzte Clara, riss sich zusammen und zog die Nase hoch. »An ihn … Holger.«

Paul nickte einsichtig. »Ich verstehe. Möchtest du darüber reden?«

Clara drehte sich im Kreis und lehnte sich an einen Schrank. Ihre Füße rutschten über den Boden. »Eigentlich nicht, nein … ich habe mich nur gefragt, was er wohl denkt?«

»Na ja, das weiß ich nicht, aber ich meine, dass er sich ziemlich schuldig fühlen wird.«

»Meinst du?« Clara lachte auf. »Er ist komplett unbestraft, Vater. Nicht mal eine Geldstrafe. Er sonnt sich bestimmt in seinem Glück und fliegt in den Urlaub.«

Paul drückte die Seiten der Kiste auseinander. »Ich denke nicht, Clara. Er ist auch Teil des Traumas gewesen. Glaub nicht, dass der nicht etwas abbekommen hat.«

»Er hat nichts verloren«, zischte Clara. Ihre Augen wurden glasig. »Nichts. Ihm geht es so gut, wie seit jeher auch. Und während ich im Boden versinke, läuft er über die Wiese.«

Paul räusperte sich. Clara sah ihn an. »Ich höre sehr viel Hass in dir, Clara. Das wird dir Kai auch nicht wiedergeben.«

Darauf sagte sie nichts. Sie beobachtete, wie Paul zum nächsten Regal stapfte und die Türen öffnete. Bevor sie den Inhalt sehen konnte, drehte sie sich um und pustete die Wangen auf. Die linke Hand legte sie auf ihre Brust. Ihr Atem ging schnell. »Fängst du an?«, fragte sie.

»Ja«, sagte Paul. »Ich fange jetzt an. Es ist alles gut, Clara. Kein Grund zur Sorge.«

Clara lehnte sich an den Tresen, der den Herd mit einem Schrank verband und fuhr sich über die Nase. Sie versuchte, nicht zu lauschen, aber ihre Sinne fokussierten sich auf die Regungen ihres Vaters. Verächtlich biss sie die Zähne zusammen. Sie konnte gehen, aber wollte nicht.

Dadurch lief sie Gefahr, es zu hören: das Umräumen.

Paul begann. Sie konnte es fühlen. Er gab sich Mühe, leise zu sein, aber sie konnte das Klickern wahrnehmen. Und dieses Geräusch drang in ihre Ohren und ließ sie schaudern. Bilder entstanden. Zuckungen der Vergangenheit, als ein dröhnender Knall ihr Leben für immer verändert hatte.

Sie hatte aufgeschaut und Sterne gesehen. Ein Schlag. Noch einer. Dann viel Glas auf ihrem Gesicht, in den Händen.

Clara schloss die Augen. Sie wollte nicht daran denken.

»Clara, vielleicht solltest du gehen, solange ich hier beschäftigt bin? Ich habe kein Problem damit«, sagte Paul von hinten.

Clara wollte nicht. Sie wollte stark sein und kämpfen. Sprühender Wille loderte in ihr. Doch Zweifel mischte sich in ihren Mut. »I-ich … nein, mach nur. Ich schaffe das schon«, sagte Clara.

»Sicher?« Er hielt inne. Clara konnte sich vorstellen, wie er sie ansah. Unsicher.

»Ja, mach nur.«

»Okay.« Er machte weiter. Die nächste Fuhre. Wieder das Zittern in der Luft. Bilder, die ihre Erinnerungen weckten. Das Kneifen in den Schultern und das Drücken in der Brust, als würde sie jemand packen und schütteln. Clara atmete schwer.

»Sag mal, darf ich offen mit dir sprechen?«, fragte Paul und übertönte die Geräusche.

Clara rief erleichtert: »Ja, mach nur. Sprich.«

»Es … es geht um dich, Clara, und wie es weitergehen soll. Deine Mutter und ich, wir haben eine Weile nachgedacht und fanden es gar nicht schlecht.«

»Was?«

»Hast du schon darüber nachgedacht, einen Psychologen aufzusuchen?«

Clara schluckte. Die Frage war nicht neu. Dass ihr Vater sie stellte, war neu. Ihre Schwester hatte es vorgeschlagen, Theresa in der Klinik. Dutzende Ärzte und viele Verwandte. Aber sie hatte die Angebote zurückgewiesen. Clara wollte keinen Psychologen. Sie fragte sich, was es bringen sollte. Kai war tot und kam nicht zurück. Und die Tatsachen ließen sich nicht umschreiben. Die Wagen waren zusammengestoßen und es war zu dem Unfall gekommen. Kein Arzt konnte diese Bilder aus ihrem Gedächtnis brennen. Wozu also die Kosten, die Zeit, der kommunikative Austausch? Was würde er ändern?

»Danke, aber ich brauche keinen.«

»Hm, Clara, denk noch mal darüber nach. Jemand, der sich auskennt, würde dir sicher helfen können. Du siehst doch selbst, dass du Probleme hast.«

Clara knurrte. »Und ein Arzt soll mir diese Probleme nehmen?«, fragte sie zornig.

»Er soll dir helfen, besser mit ihnen umzugehen. Deine Gefühle zu ordnen, die Sache für dich begreifbar zu machen.«

»Hör auf!«, brüllte Clara und fasste sich an die Stirn. »Bitte, lass das. Das ist totaler Quatsch.«

»Du musst nicht wütend wer…«

»Doch muss ich. Wenn du so etwas sagst. Was glaubst du, was ich hier tagtäglich mache? Glaubst du, ich laufe im Kreis und frage mich, was morgen für ein Tag ist?«

»Mittwoch, falls du es wissen willst«, sagte Paul tonlos.

»Ich tue das doch bereits«, rief Clara. »Ich mache es doch schon – Vater. Jeder Moment, jeder Augenblick ist mein Umgehen mit Gefühlen und der Versuch, es einzuordnen. Da wird mir kein Psychologe helfen können.«

Kurzes Schweigen. Paul arbeitete weiter.

»Ich denke, du liegst falsch, Clara. Du unterschätzt das Potenzial an Hilfe, das dir diese Menschen geben können. Erinnerst du dich, als ich dir von meinen …«

»Deinen Zwängen, ich weiß«, säuselte Clara. Sie konnte sich sogar an die Zwänge erinnern. Paul hatte sie gehabt, als sie klein gewesen war. Dann war er mehrmals in der Nacht aufgestanden, um zu prüfen, ob der Herd aus war. Einmal hatte sie ihm dabei zugeschaut. Den Ritualen, die er vollzogen hatte. Es hatte bis zu einer halben Stunde gedauert, bis er fertig gewesen war.

»Ja, sei bloß nicht eingeschnappt. Mir hat es sehr geholfen, und heute bin ich faktisch geheilt. Dir könnte es auch helfen, wenn du es zulässt. Es muss auch kein Mann sein, sondern eine Frau, was hältst du davon?«

Clara überlegte, ob sie gehen sollte. In ihr Arbeitszimmer, um es mit dem Schreiben zu versuchen. Sie ließ es bleiben, da sie keine Schwäche zeigen wollte. Paul sollte nicht glauben, sie sei nicht fähig, zu diskutieren.

»Egal ob Mann oder Frau. Es geht doch nicht darum, wer es ist, sondern was er anbietet, Vater«, erklärte Clara. »Ich bin fest davon überzeugt, dass mir diese Leute nicht helfen werden. Niemand kann das. Was passiert ist, ist passiert. Daran lässt sich nichts wegtherapieren.«

Das Klickern im Hintergrund. Clara beugte den Nacken und verzog das Gesicht. Das Geräusch war fürchterlich.

»Schau dich doch mal an«, sagte Paul von hinten. »Glaubst du, das ist normal? Ich habe mal irgendwo gelesen, dass das Abstreiten der Geisteskrankheit ein Indiz für sie ist.«

Clara fuhr herum. »Willst du damit sagen, ich wäre geisteskrank?«

Sie sah Paul neben dem Tisch. Die Kiste offen. Beinahe bis zum Rand gefüllt. Zwischen den Händen hielt er einen Stapel Porzellanteller. Sie wippten.

Paul machte eine überraschte Miene. »Oh, sieh mal einer an – verdammt!« Er trat zurück und riss die Augen auf, als sich ein Teller vom Stapel löste und zu Boden fiel. Clara konnte die Sekunden zählen. In ihrem Kopf schloss sich eine Türe. Eine andere öffnete sich. Sie stockte. Der Schrei blieb ihr in der Kehle hängen, bohrte sich hinunter und ergriff ihr Herz. Ein vehementer Schmerz presste sich ihren Arm entlang zum Stumpf. Sie packte ihn und drückte zu. Ein Flackern in den Augen.

Clara wich zurück, und dann brach der Schrei aus ihrem Mund. Der Teller zerplatzte. Dutzende Splitter flogen an die Wände, verteilten sich über den Boden. Paul reagierte. Er stellte den Stapel ab und eilte zu ihr. Clara war auf den Boden gesunken, die Arme um die Brust geschlagen. Sie zitterte am ganzen Körper. Ihr war heiß und Schweiß verteilte sich auf ihrer Stirn. Die Lider bebten. Sie spürte Pauls Berührung als entfernte Griffe ohne Bedeutung.

Er raunte ihr etwas ins Ohr. Ein loses Zusprechen. »Atme … alles gut … ich ...« Clara sank zusammen. Paul stützte sie. Er hielt sie fest und Clara beruhigte sich langsam. Ihre Gedanken tobten wie Gewitterstürme. Sie hatte den Zusammenprall vor Augen. Als ihr Leben verändert und Kais beendet wurde. Der Schmerz, die krachenden Geräusche, die fliegenden Teller, die mit Wucht aus dem Lieferwagen drangen und die Windschutzscheibe zerschmetterten.

Draußen hatte es angefangen zu regnen. Clara bemerkte die perlenden Tropfen auf der Fensterscheibe, als sie sich erinnerte, wie die ersten Teller sie trafen.

Holger Retzer

Holger steckte den Schlüssel in die Tür und machte auf. Das Licht der untergehenden Sonne strahlte auf den Flur. Er schloss die Tür und zog die Jacke aus. Geräusche aus der Küche. Eine Stimme, die seinen Namen rief. Dann noch eine. Zwei Gestalten flitzten um die Ecke und rannten zu ihm.

Holger beugte sich hinunter und nahm seine Töchter in den Arm. Anna war zehn Jahre alt, Herta neun. Sie warfen sich ihm um den Hals und drückten ihn.

»Hallo Kinder, was ist denn los?«, fragte Holger überwältigt. Er strich Anna über die blonden Haare, die sie zum Zopf gebunden hatte. Anna lächelte verschmitzt und deutete den Flur entlang. »Mama hat einen Kuchen gebacken und wir haben ihr geholfen«, rief sie begeistert.

Holger nickte anerkennend. »Deshalb riecht es hier so gut.« Es war ihm schon vor der Tür aufgefallen. Der Geruch von Zucker und Karamell war ihm entgegengekommen, als er vom Fahrrad gestiegen war. Auto fuhr er im Moment nicht, außer für die Arbeit.

Er nahm seine Töchter bei der Hand und sie führten ihn in die Küche. Hier war der Geruch am stärksten. Magda, seine Frau, hatte eine Schürze angezogen und stand vor dem glühenden Ofen.

Eine Dunstwelle schoss aus der oberen Öffnung. Anna und Herta sprangen im Kreis und eilten ins Wohnzimmer. Sie kicherten.

Holger näherte sich seiner Frau und küsste sie auf den Mund. Sie war warm, durch die Hitze im Raum. Magda schob sich ein Bündel Haare hinter die Ohren und blickte in den Ofen.

»Wie war es?«, fragte sie.

Holger lehnte sich an den Tresen. Er stellte seinen Rucksack ab und knetete die lange Nase.

»E-es … es war aufschlussreich. Wie jede Runde. Sie ist echt gut, wie du gesagt hast.«

Magda nickte zufrieden. »Ich glaube, dass sie dir helfen wird, Holger. Mach dir keine Sorgen. Sie ist gut in dem, was sie tut.«