Die betrogene Jugend Oder: Sechs Jahre in Uniform - Heinz Tiedeken - ebook

Die betrogene Jugend Oder: Sechs Jahre in Uniform ebook

Heinz Tiedeken

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Opis

Nie wieder Krieg – dies ist das Credo des Autors Heinz Tiedeken, der in diesem Buch seine traumatischen Kriegserlebnisse während des dritten Reichs aufarbeitet. Ausführlich beschreibt er die Unterbringung und Verpflegung; die Befehlsgewalt; die Angst und den Tod während der Gefechte; die Kameradschaft untereinander aber auch Missverständnisse, die in dieser Zeit häufig zum Tod durch Erschießen führten. Er ist einer der wenigen Zeitzeugen, die der Nachwelt ihre Erfahrungen eindringlich nahe bringt und den Leser in eine Epoche eintauchen lässt, die wohl niemand mehr so erleben will.

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Heinz Tiedeken

Soldat im 2. Weltkrieg von 1939 bis 1945

Die betrogene Jugend oder Sechs Jahre in Uniform

Engelsdorfer Verlag

Impressum eBook:

ISBN 978-3-86901-712-9

Copyright (2009) Engelsdorfer Verlag

Impressum Printausgabe:

Bibliografische Information durch

die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86901-615-3

Copyright (2009) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

I. Vorwort
II. Der Autor
III. Krieg
IV. Krieg mit Russland
V. Winterkrieg und Sommerhitze
VI. Genesungsurlaub – Heimatgarnision
VII. Bei der Panzerbwehr
VIII. Wieder bei der Artillerie und erste Gefangenschaft
IX. Letzter Einsatz und zweite Gefangenschaft
X. Flucht und dritte Gefangenschaft
XI. Nachwort

I. Vorwort

Verehrte Leserinnen und Leser, Sie werden sich fragen, warum ich 65 Jahre nach dem Ende des schlimmsten aller Kriege, die je in Europa geführt wurden, dieses Buch geschrieben habe. Es gibt mehrere Gründe. Ein in München stationierter Oberstleutnant, mit dem ich mich vor einigen Jahren über diese schreckliche Zeit unterhalten habe, hat mich gebeten, meine Erlebnisse schriftlich festzuhalten mit der Begründung, ich sei doch einer der wenigen überlebenden Zeitzeugen und beim Bund suche man authentische Berichte dieser schrecklichen Zeit.

In den Medien erscheinen in regelmäßigen Abständen Serien von Historikern, die alles aus der Zeit des so genannten Tausendjährigen Reichs genauestens recherchiert haben. Was der einzelne Soldat erlebt, und wie er überlebt hat, darüber spricht man wenig. Man spricht nicht über das Leid der Eltern, die einen Sohn, mitunter das einzige Kind, verloren haben oder über die, die zwei und mehr Söhne verloren. Auch über die jungen Kriegerwitwen die, oft mit einem oder mehreren Kindern, von einer kümmerlichen Witwenrente leben mussten, spricht man nicht. Es gibt nur wenige, die über das, was sie an vorderster Front erlebt haben, reden. Man will nicht mehr daran erinnert werden und trotzdem wird man im Traum von Zeit zu Zeit in diese Zeit zurückversetzt. Der Soldat wird zum TÖTEN erzogen, er hat so viele FEINDE wie möglich zu töten. Je mehr er tötet, umso größer sein Ansehen und umso höher seine Auszeichnungen.

Wieder zurück ins zivile Leben darf er nicht mehr töten. Leider gab es nach dem letzten Krieg einige wenige Soldaten, die, meist aus der Gefangenschaft in die Heimat zurückgekehrt, mit der neuen Situation nicht fertig wurden und das getan haben, was sie gelernt hatten und sechs Jahre lang tun mussten, und wofür sie gelobt wurden. Sie haben getötet, aber jetzt war es Mord, und das ist verboten und wird hart bestraft.

Seit ich meine Erlebnisse niedergeschrieben habe, werde ich nur noch sehr selten durch Träume in diese Zeit zurückversetzt.

Wer weiß denn schon, wie viele Soldaten damals traumatisiert in ihre Heimat zurückgekehrt sind, aber darüber spricht man nicht und hat auch nicht darüber gesprochen. Das bringt keine höheren Einschaltquoten und auch keine höheren Zeitungsauflagen.

All die, die über den Einsatz unserer Soldaten im Ausland, besonders in Asien zu befinden haben, sollten einmal ihr parteipolitisches Denken abschalten und ihrer inneren Stimme folgen.

II. Der Autor

Das erste Jahr in Uniform hatte ich im Reichsarbeitsdienst (RAD), Lager 9/244 zweiter Zug, Truppe fünf in Schoden Ockfen an der Saar zugebracht. Eigentlich sollten es nur sechs Monate, vom 1. April 1939 bis zum 25. September 1939, werden. Aber wie so oft im Leben kam vieles anders als man denkt.

Der zweite Zug war der so genannte Nürnbergzug. Für den Aufmarsch zum Reichsparteitag in Nürnberg wurden wir getrimmt. Der Dienstverlauf sah folgendermaßen aus: Drei Tage Arbeit am Westwall, Bunker gießen, Kabelgräben ausheben und nach Verlegen der Kabel wieder zuschütten. Am vierten Tag wurde zunächst exerziert, Üben für den Aufmarsch in Nürnberg. Der Rest des Tages war mit Sport, Unterricht und irgendwelchen Übungen ausgefüllt. In den ersten drei Wochen durften wir uns innerhalb des Lagers nur im Laufschritt bewegen. Führte der Weg an zwei oder mehr sich unterhaltenden Vorgesetzten vorbei, musste man anhalten und in strammer Haltung sagen: „Bitte vorbeigehen zu dürfen.“ Außer bei Regen oder Schnee war 5 Minuten nach dem Wecken für 20 Minuten Frühsport, in den ersten Wochen nur leichte Turnübungen, später Geländelauf. An meinem linken kleinen Zeh hatte ich ein Hühnerauge. Eines Morgens bin ich ohne Socken in meine Turnschuhe gestiegen und hatte nach dem Frühsport kein Hühnerauge mehr, dafür aber am nächsten Tag eine böse Entzündung. Die ärztliche Versorgung durch unseren Sanitäts-Feldmeister war sehr dürftig. Einige Tage später war der kleine Zeh derart geschwollen, dass ich für einige Tage das Bett hüten musste. Obwohl die Entzündung noch nicht ganz abgeklungen war, musste ich beim Dienst wieder mitmachen. Nach einigen Tagen war der kleine Zeh so dick wie der Große, ich musste aber weiter arbeiten. Einige Wochen zuvor hatte ich einen Antrag auf Senkfußeinlagen gestellt. Als der Zeh wieder so dick war wie der Große, wurde ich zum RAD Lazarett nach Koblenz geschickt, um die Einlagen anmessen zu lassen. Der behandelnde Arzt wollte wissen, wie lange ich schon dienstunfähig sei. Als er hörte, dass ich nicht wegen der Entzündung bei ihm sei, sondern wegen der Senkfußeinlagen, ging er sofort ins Nebenzimmer und ich hörte ihn lautstark telefonieren. Mein kleiner Zeh wurde behandelt, das linke Bein bis zur Hüfte geschient und ich musste 6 Wochen im Lazarett bleiben. Nach meiner Genesung wurde ich zum ersten Zug versetzt, der Zug der Langen, obwohl ich mit 1,75 m Körpergröße einer der Kleinsten war.

Vorab ein paar Worte zu meiner Person. Als Kind genoss ich eine sehr autoritäre Erziehung. Mein Vater, in der Kaiserzeit groß geworden, war obrigkeitshörig, was für die damalige Zeit für einen Großteil der Bevölkerung etwas ganz Normales war. Ich selbst war ein Spätentwickler. Mit fünfzehn Jahren begann ich eine Schlosserlehre, eine Ausbildung, zu der ich nicht die geringste Neigung hatte. Doch dieses Angebot musste ich annehmen, denn 1934 erhielt nur jeder zehnte Volksschulabgänger eine Lehrstelle. Den eigenen Berufswunsch musste man zurückstellen und zugreifen, sobald sich eine Lehrstelle in einem anderen Beruf bot.

 Damals war ich gerade mal 1,20 m groß und musste mich folglich auf eine Kiste stellen, um am Schraubstock oder an der Bohrmaschine arbeiten zu können. Von den Kollegen wurde ich nur das „Mäusken“ genannt. Ich hatte Minderwertigkeitskomplexe und fühlte mich nicht dazugehörig.

Nicht von meinen Eltern, sondern von Erwachsenen der näheren Umgebung und besonders von den Gesellen im Lehrbetrieb wurde mir zweierlei immer wieder eingebläut:

Erstens, was du bist, sei ganz oder gar nicht.

Zweitens, ein kleiner Mann ist auch ein Mann, es kommt auf seine Leistung an.

Diese Sprüche hatten mich geprägt. Sie waren im Unterbewusstsein immer präsent, leider auch als ich später die feldgraue Uniform als Soldat trug. Vieles wäre mir erspart worden, wäre ich kein „ganzer“ Soldat gewesen.

 Zum anderen Geschlecht zog mich noch nichts hin. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass sich ein Mädchen für mich interessieren könnte. Im November 1938 musste ich, ich war noch Lehrling, mit zwei Gesellen unseres Betriebes nach Wismar. Wir hatten dort am neu erbauten Luftwaffenlazarett Balkongeländer zu montieren. Auf dem Weg von der Baustelle zu unserer Unterkunft, ich teilte mit dem Gesellen Hans Sch. ein Zimmer, kamen wir immer an einer kleinen Bäckerei vorbei, wo wir dann Brötchen für den nächsten Tag einkauften. Die Bedienung in der Bäckerei war eine sehr nette junge Dame von etwa 18 Jahren. In der Unterkunft angekommen, musste ich dann wiederholt feststellen, dass ich mehr Ware bekommen hatte als bezahlt. Nachdem das ein paar Mal passiert war, habe ich zum Hans gesagt: „Die Bedienung scheint nicht richtig rechnen und zählen zu können, andauernd vertut die sich, entweder beim Bezahlen oder Einpacken.“

Darauf Hans: „Hast du denn immer noch nicht begriffen, dass die in dich verliebt ist?“ Das musste ich erst einmal verdauen. Am letzten Sonntag haben wir, die beiden Gesellen und ich, einen Bummel durch Wismar gemacht. Nach einiger Zeit begegnen wir der netten Verkäuferin aus der Bäckerei, sie hat sich sofort bei mir eingehängt und machte mit uns den weiteren Stadtbummel. Später sind wir noch irgendwo eingekehrt und es wurde noch ein recht schöner Abend. Später musste ich Elfriede, so hieß die junge Dame, nach Hause bringen. Irgendwie beschlich mich ein komisches, aber sehr angenehmes Gefühl, trotzdem war ich froh, aber auch sehr erleichtert als ich mich vor der Haustüre von ihr abschieden konnte. So langsam begriff ich, dass es außer Arbeit auch noch etwas anderes gibt, – Liebe –, aber dazu war ich noch nicht reif genug. Einig Monate später im Arbeitsdienst, konnte ich feststellen, dass ich da keine Ausnahme war.

 Im Dezember 1938, nach Beendigung meiner Lehrzeit, hatte ich mich freiwillig als frühzeitig Dienender zum Militär gemeldet. Nicht, weil ich gerne Soldat werden wollte, sondern um schnell meine Dienstpflicht hinter mich zu bringen. Anschließend war es mein Traum gewesen, eine Ingenieurschule zu besuchen, um Maschinenbau zu studieren. An einen eventuellen Krieg hatte ich, so wie viele andere auch, nicht gedacht. Chamberlain, der damalige englische Premierminister, hatte sinngemäß erklärt, er habe für viele Jahre den europäischen Frieden gerettet. Hitler hatte verkündet, dass er nun keine territorialen Ansprüche mehr habe.

Nicht nur für mich sah die Zukunft sehr friedlich aus. Im Westen, ab der Grenze zu unserem so genannten Erbfeind Frankreich, hatten wir den Westwall. Von den übrigen Staaten drohte keinerlei Gefahr. Ein trügerischer Frieden, denn nur wenige Monate später, im März 1939 hatte Hitler die Tschechei dem Deutschen Reich einverleibt.

Was hatte sich in den zurückliegenden fünf Jahren nicht alles geändert. Es ging uns gut und es gab keine Arbeitslosen mehr. Noch 1934 hatten die Ärmsten der Armen kein Geld, um einen Zentner Kohle (Hausbrand, die billigste Kohle überhaupt) für einen Preis von 1,18 Reichsmark für den Küchenherd zu kaufen. Die übrigen Räume wurden außer an hohen Feiertagen nicht geheizt. Zum Heizen holten sich die Ärmsten Kohlenschlamm von den Zechen. Dieser Schlamm hatte, wenn überhaupt, nur etwa zehn Prozent Kohlenstaub und dazu musste vorab die nötige Glut mit reichlich Holz entfacht werden. Mit viel Glück begann der Schlamm zu glühen. Wer das nicht erlebt hat, kann sich diese Schweinerei nicht vorstellen.

Schulbrote waren mit Margarine und Marmelade bestrichen, mitunter auch mal mit Streichkäse. Wurst gab es nur für den Vater, falls dieser Arbeit hatte. Der Stundenlohn für einen guten Handwerker betrug 0,90 bis 1,00 RM. Fleisch gab es nur an Sonn- und Feiertagen. Eine Fleischscheibe war etwa einen halben Zentimeter dick und wurde von der Mutter in möglichst kleine Stückchen geschnitten und großflächig auf dem Teller verteilt, damit es nach einer größeren Portion aussah. Bei sieben Kindern mussten sich die Mütter einiges einfallen lassen.

Bohnenkaffee gab es nur zu besonderen Anlässen und auch nur für Erwachsene. Die Bohnen wurden abgezählt, eine bestimmte Anzahl pro Tasse, und noch mit etwas Malzkaffee (gebrannte Gerste) verlängert. Hatte die Mutter einen Kaffeeklatsch mit ihren Schwestern, was äußerst selten vorkam, wurde für jeden Gast eine Scheibe Käse gekauft. Rosinenstuten mit Käse galten als eine Delikatesse.

Im ersten Lehrjahr hatte ich einen Stundenlohn von 0,10 Reichsmark. Den Begriff „37-Stunden-Woche“ gab es nicht, in der Regel wurden sechzig bis fünfundsechzig Stunden gearbeitet. Von zu Hause bis zu meinem Arbeitsplatz hatte ich einen Weg von sechs Kilometer. Ab dem zweiten Lehrjahr wurde der Weg bei jedem Wetter mit dem Fahrrad gefahren.

Ab etwa 1936 ging es uns besser. Gefreut hatten wir uns immer auf samstagabends. Da gab es richtigen Kaffee für alle, Wurst, Käse mitunter auch Schinken. Anschließend saßen wir gemütlich zusammen und es wurde meist ein richtig lustiger Abend. Alkohol war dazu nicht nötig, wir waren einfach glücklich und zufrieden.

Grund für die Vollbeschäftigung war natürlich überwiegend die Hochrüstung. Laut Propaganda musste Deutschland aufrüsten, weil England und Frankreich eine bestens ausgerüstete Armee hatten. Damit wir das glaubten, waren in Zigarettenschachteln kleine Bildchen von den modernsten Waffen der Nachbarstaaten. Für diese Bilder gab es kostenlose Alben am Kiosk, das Ganze lief unter der Überschrift: „Wie die anderen gerüstet sind, trotz vertraglicher Abrüstungskonferenz“.

Die Bilder hatten wir gesammelt und waren daher genauestens über unsere „Feinde“ unterrichtet. Wie sich später herausstellte, waren ihre Waffen veraltet und unseren neuen weit unterlegen. Doch für den Fall der Fälle mussten wir gerüstet sein. Die Propaganda lief auf Hochtouren und war gekonnt. Der kleine Mann hatte sich kaum dafür interessiert, denn zum einen war man ein wenig stolz, dass Deutschland wieder wer war, und zum anderen hatte man genug zu essen. Mit vollem Magen fällt das Denken oft etwas schwer. Natürlich gab es auch Mahner, aber sie wurden als ewige Querulanten abgestempelt.

III. Krieg

Anfang August 1939, ich war noch im Arbeitsdienst, bekam ich meinen Gestellungsbefehl zur Luftwaffe nach Straubing an der Donau. Am 1. Oktober hätte ich einrücken müssen. Meiner Zukunftsplanung kam das sehr entgegen. Es war seit langem mein Traum, später einmal in den Zeppelinwerken in Friedrichshafen zu arbeiten. Zwei Jahre Erfahrung, eventuell bei der Flugzeugwartung oder als Bordmechaniker, wären sicher eine gute Voraussetzung gewesen. An einen Krieg hatte ich auch zu dieser Zeit noch nicht gedacht.

Wenn ich mich recht erinnere, war es in der Nacht vom 25. auf den 26. August, als die Alarmglocke ging. Nachtalarm hatte es öfter gegeben, das gehörte zur allgemeinen Ausbildung und Schikane. Dieser Alarm war anders, die Art wie die Alarmglocke geschlagen wurde, ließ nichts Gutes ahnen. Ein komisches Gefühl durchfuhr meinen Körper und augenblicklich wurde ich sehr nervös. Was uns im Folgenden alles erklärt wurde, habe ich vergessen. Einige Tage mussten wir stets abmarschbereit sein, was vor allen Dingen bedeutete, in voller Montur zu schlafen. Nur die Stiefel durften am Abend ausgezogen werden. Wir hätten eventuell nach Polen verlegt werden sollen, was wir allerdings erst später erfahren hatten.

Einige Jahrzehnte später erfuhr ich von einem Bekannten, was die RAD-Männer in Polen machen mussten. Sie mussten Massengräber für erschossene Juden und Intellektuelle ausheben und später wieder zuschaufeln. Mit einer Unterschrift wurden sie verpflichtet, absolutes Stillschweigen zu wahren. Bei Verstoß drohte schwerste Bestrafung, die meist mit dem Tod endete.

Von der Außenwelt wurden wir sofort isoliert, die Vorgesetzten gaben nur noch ein paar fein gefilterte Informationen weiter. Bis Mitte November durften wir das Lager nicht verlassen, danach bekamen kleine Gruppen für jeweils zwei Stunden Ausgang.

Mit dem Ausbruch des Krieges gegen Polen begann am 1. September 1939 das Elend. Als Kriegsgrund wurde uns die Sprengung des Senders Gleiwitz und die dauernden Grenzübergriffe durch polnisches Militär genannt. An die übrigen vorgelesenen Begründungen kann ich mich nicht mehr erinnern. Später hatte man erfahren, dass diese Schandtaten von der deutschen SS in polnischen Uniformen durchgeführt wurden.

Nach sechs Wochen war der Krieg zu Ende, Polen hatte bedingungslos kapituliert. Hitlers Rede zum Kriegsende endete mit dem alten Spruch: „Mit Mann und Ross und Wagen hat sie der Herr geschlagen.“ Bei uns gab es keine Jubelrufe, wir waren alle sehr still. In den anschließenden Nachrichtensendungen kamen nochmals die Meldungen der bedingungslosen Kapitulation der polnischen Regierung. Zum Schluss wurde gemeldet, dass Warschau weiter bombardiert werde. Einige von uns fragten sich „warum“. Warum wird die Hauptstadt eines Landes, welches bedingungslos kapituliert hat, weiter bombardiert? Eine Erklärung hierfür habe ich nie gehört noch anderweitig erfahren.

Viel Zeit zum Nachdenken blieb uns nicht, es hatte sich zu viel verändert. Am Westwall wurde mit Hochdruck, jetzt auch in drei Schichten, weiter gearbeitet. England und Frankreich hatten Deutschland am 3. September den Krieg erklärt, so dass wir jetzt im Frontgebiet waren, wofür wir pro Tag eine Reichsmark Gefahrenzulage bekamen. Kriegshandlungen hatten wir, außer ein paar Luftkämpfen, so gut wie gar nicht erlebt.

Unsere Gestellungsbefehle hatten wir zurückgeben müssen und die Dienstzeit im Arbeitsdienst wurde um fünf Monate verlängert. Der Dienst selbst änderte sich auch. Nach drei Arbeitstagen diente der vierte Tag zur militärischen Ausbildung, Unterricht am Gewehr, Zielübungen und ähnliches. Mitte November bekam ich mit drei weiteren Kameraden zum ersten Mal seit Mitte August für zwei Stunden Ausgang.

Bis zu meiner Entlassung aus dem Reichsarbeitsdienst am 21. Februar 1940 hatte sich nichts Nennenswertes ereignet, außer dass wir einen sehr kalten Winter mit Temperaturen bis minus 30 Grad mit sehr viel Schnee erlebten. Nach meiner Entlassung hatte ich mich innerhalb von achtundvierzig Stunden beim zuständigen Wehrbezirkskommando zu melden. Dort wurde ich darauf hingewiesen, dass inzwischen Krieg sei, ich könne daher meine Meldung als frühzeitig Dienender zurücknehmen. Das wollte ich natürlich nicht, denn blauäugig wie die meisten anderen auch, war ich davon überzeugt, der Krieg sei so gut wie vorbei. Als mir aber mitgeteilt wurde, dass ich in vier Tagen meinen Dienst bei der Luftwaffe in Straubing antreten müsse, hatte ich doch einen Rückzieher gemacht. Ich wollte wenigstens zwei bis drei Wochen Zivilist sein, daraus wurden allerdings doch sechs Monate.

Nun war ich Zivilist, mittlerweile zwanzig Jahre alt, und hatte keine Ahnung vom zivilen Leben. Bevor ich eingezogen wurde, hatte ich meine Freizeit mit Lernen zugebracht. Nach Feierabend besuchte ich verschiedene Kurse. Im letzten Lehrjahr nahm ich an einem Umschulungskurs teil und lernte zusätzlich Dreher bei einem Arbeitstag von achteinhalb Stunden, dazu zwei Überstunden plus zwanzig bis dreißig Minuten, um aufzuräumen. Morgens um halb sieben fuhr ich mit dem Fahrrad zum sechs Kilometer entfernten Betreib und kam am Abend nach zweiundzwanzig Uhr zurück. Alles freiwillig.

Ich wollte das Leben genießen, an Sonntagen hatte ich die ersten Tanzversuche gemacht, das ging mehr schlecht als recht. Das Vergnügen war auch nur von kurzer Dauer und wurde mit Beginn des Frankreich-Feldzuges verboten.

Der Krieg war noch lange nicht vorbei, es folgten noch böse Überraschungen. Obwohl Deutschland mit Dänemark 1939 einen Nichtangriffspakt geschlossen hatte, hatte Deutschland im April 1940 Dänemark und gleichzeitig Norwegen überfallen und besetzt. Dieses strategische Meisterstück wurde allgemein bewundert, man war den Engländern zuvorgekommen.

Am 10. Mai 1940 begann der Frankreich-Feldzug. Frankreich hatte uns gemeinsam mit England den Krieg erklärt, nun ging es gegen unseren so genannten Erbfeind. Über die Maginotlinie konnten wir Frankreich nicht angreifen, die Befestigung war uneinnehmbar. Unsere Armee musste gegen jedes Völkerrecht die Be-Ne-Lux-Staaten überfallen und unterwerfen. Erst danach konnte Frankreich von Luxemburg und vor allem von Belgien aus angegriffen werden. Ich muss gestehen, damals hatte ich mich über die Erfolge unserer Soldaten mächtig gefreut, ich war stolz auf sie. Dass wir dabei die Neutralität von drei Staaten verletzt hatten, ging in der allgemeinen Begeisterung über den Sieg des Erbfeindes unter. Wir hatten Helden, eine Sondermeldung jagte die andere, dabei ging es meistens um die Erfolge unserer Jagdflieger und U-Boote.

Obwohl mir Sport immer ein Gräuel war, hatte ich im Sommer 1940 angefangen, mich sportlich mit Ringen und Gewichtheben zu betätigen. Schon am dritten Trainingsabend hatte ich mir bei einem Schulterwurf den rechten Fuß gebrochen. Gehgips gab es damals noch nicht, mit einem normalen Gipsverband musste ich drei Wochen im Krankenhaus das Bett hüten. Am 25. September 1940 wurde ich entlassen und einen Tag später bekam ich meinen Gestellungsbefehl für den 4. Oktober zur Artillerie in Osnabrück. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich normalerweise schon mein erstes Dienstjahr beim Militär hinter mir gehabt. Noch am gleichen Tag suchte ich meinen Hausarzt, der mich auch ins Krankenhaus eingewiesen hatte, auf. Ich konnte noch nicht richtig laufen und wollte zurückgestellt werden. Es war aber nichts zu machen, ich wurde mit der Bemerkung abgewiesen, beim Militär gäbe es auch Ärzte.

Der Traum vom Fliegen war ausgeträumt, aber Artillerie war ja auch nicht unbedingt das Schlechteste. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass diese Einheit eine Bespannte war, d.h. die Fahrzeuge und Geschütze wurden von Pferden gezogen. Vorher hatte ich immer die nötige Distanz vor diesen Tieren gewahrt. Schließlich weiß man nie, wie ein Pferd auf einen Fremden reagiert.

Die ersten Tage in Osnabrück waren ausgefüllt mit Prüfungen. Entsprechend der Prüfungsergebnisse wurden wir in drei Gruppen eingeteilt. Die Fahrer waren meist Leute aus der Landwirtschaft, die den Umgang mit Pferden beherrschten. Die zweite Gruppe waren Kanoniere, überwiegend Handwerker, die die Geschütze bedienen mussten. Die dritte Gruppe kam zum Nachrichtenzug und wurde nach einer letzten Prüfung unterschieden in Fernsprecher und Funker, berittene Funker, ich gehörte auch dazu.

Nach gut einer Woche, es war ein wunderschöner Herbstsonntag, mussten wir im Hof antreten. Es wurden Freiwillige gesucht, die zu einer Einheit in das besetzte Frankreich versetzt wurden und dort ihre Rekrutenausbildung zu machen hatten. Ich hatte mich freiwillig gemeldet, im Hinterkopf die wage Hoffnung eventuell zu einer motorisierten Einheit zu kommen. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass Osnabrück die Heimatgarnison der in Frankreich stationierten Einheit war. Am nächsten Tag hieß es, alle Sachen packen und per Bahn über Holland und Belgien nach Frankreich reisen. Die Fahrt durch Holland in Richtung Belgien war nur kurz, alles sah recht friedlich aus. Bei einem Halt an einem kleinen Bahnhof konnten wir noch Leckereien kaufen die in Deutschland schon recht knapp waren. Kriegsschäden waren kaum zu sehen, eigentlich sah alles recht friedlich aus. Von den durch unsere Bomber in Trümmer gelegten Ortschaften war in diesem Streckenbereich nichts zu sehen. In Belgien war einiges an Kriegsschäden zu sehen, an Einzelheiten kann ich mich aber nicht erinnern. Anders in Frankreich, da waren überall nicht nur abgeschossene Panzer und sonstiges Kriegsgerät zusehen, schlimmer waren die zum Teil völlig zerstörten Ortschaften.

Die neue Einheit war natürlich eine Bespannte, die 6. Batterie vom Artillerie Regiment 253 und lag in Épernay in der Champagne. An den Ort selbst habe ich keine Erinnerung, alles sah so trostlos aus. Bei der Ankunft wurden wir gleich darauf hingewiesen, dass das Wasser verseucht sei und wie ja nicht davon trinken sollen, auch zum Zähne putzen sei es nicht geeignet. Das war nicht schlimm, wir waren doch in der Champagne und Champagner ist ein leckerer Wasserersatz, eine Flasche kostete 0,90 RM. Viel Dienst gab es noch nicht, denn schon nach wenigen Tagen wurde unsere Batterie (= vier Geschütze, 10,5 Zentimeter Haubitzen) in ein größeres Dorf bei Chalons-sur-Marne verlegt. Der Name des Dorfes wurde „Rössi“ ausgesprochen, die richtige Schreibweise habe ich leider vergessen. Bis Chalons waren es etwa fünf Kilometer.

Wir, die auszubildenden Rekruten, waren in einer Baracke untergebracht. Der Waschraum war ebenfalls eine Baracke ohne Dusche. Zum Duschen mussten wir nach Chalons, dort gab es eine öffentliche Badeanstalt. Wir waren aber nur einmal dort. Das nächste Bad haben wir an einem herrlichen Frühlingstag bei einem Manöver in einem kleinen Fluss genommen, einen angenehmen Duft werden wir bis dahin sicher nicht verbreitet haben. Für die Notdurft gab es eine luftige Latrine, im Winter besonders angenehm und äußerst gesund für Blase und Nieren. Wieso wir keine größeren gesundheitlichen Schäden davontrugen, bleibt mir für immer ein Rätsel.

Die allgemeine Ausbildung war hart, die Reitausbildung oft entwürdigend. So hatte ich mir den Dienst nicht vorgestellt. Der Rest von Menschenwürde wurde oft mit Füßen getreten. Besonders schlimm war es, wenn ein Montagmorgen mit Stalldienst begann. Die Aufsicht hatte der Stallmeister, Oberwachtmeister K., ein Schwein. Auch nach mehr als sechzig Jahren finde ich für diesen Mann keine andere Bezeichnung. Wenn er am Wochenende keine willige Französin fand, bedeutete das für uns die Hölle. Der Pferdestall lag etwas ab von der Straße, hatte einen großen, nur von einer kleinen Lampe beleuchteten Hof. Auf dem Hof gab es außer einem großen Misthaufen eine Unmenge Pfützen mit einem Gemisch aus Regenwasser und ausgeschwemmten Urin aus dem Misthaufen.

An einem solchen Montagmorgen, es war Winter und noch dunkel, ließ er uns antreten. Wir standen angetreten, es wurde abgezählt und dann kam das Kommando: „Zu den Boxen wegtreten, marsch, marsch.“ Wir waren angeblich nicht schnell genug, also wurde das Ganze wiederholt. Wieder waren wir angeblich nicht schnell genug, nun hatte er endlich einen Grund, um für eine bestimmte Zeit (Dauer nach Belieben) Strafexerzieren anzusetzen. Dabei überschlugen sich seine Kommandos, „Laufschritt marsch marsch, hinlegen, auf, hinlegen, auf, volle Deckung“, usw. Nach etwa fünf Minuten wieder antreten. Er musterte uns kurz und brüllte gleich wieder los: „Heute ist Montag, wieso habt ihr keine sauberen Drillichanzüge an?“ Also wieder Strafexerzieren. Danach sahen wir nicht nur aus wie die Schweine, wir rochen auch so. Anschließend durften wir die Boxen ausmisten, die Pferde putzen und satteln. Beim Abmarsch zur Reithalle rief er uns noch nach: „Passt ja auf, dass den Pferden nichts passiert. Wenn einer von euch krepiert, genügt eine Postkarte und es kommt Ersatz, aber Pferde sind knapp.“ Über diesen „Herrn“ könnte ich noch einiges berichten, er soll im letzten Kriegsjahr in Russland gefallen sein, aber nicht durch eine russische Kugel. Natürlich waren nicht alle Vorgesetzten von diesem Kaliber, aber davon später mehr.

Ich musste lernen, mit Pferden umzugehen und sie zu reiten. Jeder bekam sein Pferd zugeteilt. Nach welchen Gesichtspunkten das geschah, weiß ich nicht. Ich bekam die Stute „Nonne“. Solange Nonne in der Box stand, konnte ich sie nicht so recht begutachten. Beim Satteln kam sie mir irgendwie komisch vor. Erst als ich mit ihr draußen war, konnte ich sie in Augenschein nehmen. Sie war treu wie Gold, das war sofort ersichtlich. Figürlich war sie von Natur arg benachteiligt. Was ihr an Körpergröße fehlte, hatte sie in der Breite und dazu waren die Beine auch noch etwas zu kurz geraten. Nonne sah gar nicht aus wie ein Reitpferd, eher wie ein zu groß geratenes Pony, was kurz vor dem Wurf von Zwillingen stand. Traben konnte sie nur mit Widerwillen, eine schnellere Gangart lehnte sie ab und war weder durch gutes Zureden noch mit Gewalt dazu bereit.