Die Beste zum Schluss - Michel Birbæk - ebook

Die Beste zum Schluss ebook

Michel Birbæk

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Opis

Als Mads mal wieder unfreiwillig Single wird, beschließt er, sich nie mehr zu verlieben. Das sei ein überschätztes Konzept. Stattdessen zieht er lieber mit seiner besten Freundin und ihren Kindern zusammen. Endlich hat er den schönen Beziehungsalltag, den er immer wollte, auch wenn die Beziehung platonisch ist, aber das werden die meisten ja eh irgendwann. Mads ist glücklich. Alles läuft bestens. Und dann trifft er Eva. Und Eva trifft ihn. Voll. Und er muss sich entscheiden: Soll er sein Leben noch mal komplett verändern? Und das auch noch in dem Moment, in dem seine beste Freundin dringend seine Hilfe braucht? Was ist wichtiger? Freundschaft oder Liebe? Oder geht gar beides? Es gibt keinen perfekten Augenblick für Liebe - außer man macht ihn perfekt!

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Buch

Als Mads mal wieder unfreiwillig Single wird, beschließt er, sich nie mehr zu verlieben. Das sei ein überschätztes Konzept. Stattdessen zieht er lieber mit seiner besten Freundin und ihren Kindern zusammen. Endlich hat er den schönen Beziehungsalltag, den er immer wollte, auch wenn die Beziehung platonisch ist, aber das werden die meisten ja eh irgendwann. Mads ist glücklich. Alles läuft bestens. Und dann trifft er Eva. Und Eva trifft ihn. Voll. Und er muss sich entscheiden: Soll er sein Leben noch mal komplett verändern? Und das auch noch in dem Moment, in dem seine beste Freundin dringend seine Hilfe braucht? Was ist wichtiger? Freundschaft oder Liebe? Oder geht gar beides? Es gibt keinen perfekten Augenblick für Liebe – außer man macht ihn perfekt!

Autor

Michel Birbæk, geboren in Kopenhagen, lebt seit vielen Jahren in Köln. Als Sänger war er fünfzehn Jahre mit Rockbands unterwegs. Danach arbeitete er unter anderem als Kolumnist für mehrere Frauenmagazine und seit zwanzig Jahren als Drehbuchautor für einige der erfolgreichsten deutschen TV-Serien. Seine bisherigen Romane haben sowohl die Kritiker als auch eine große Fanbase erobert.

Weitere Informationen unter: www.birbaek.de

Von Michel Birbæk bereits erschienen:

Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen. Roman

Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr. Roman

Nele & Paul. Roman

Beziehungswaise. Roman

Das schönste Mädchen der Welt. Roman

Michel Birbæk

Die Beste zum Schluss

Roman

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© 2018 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkterstr. 28, 81673 München

Zuerst erschienen 2010 bei Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln

Umschlaggestaltung und -abbildung: semper smile, München

NG · Herstellung: sam

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-22672-5V001www.blanvalet.de

Wenn ich bedenke, wie anstrengend es ist, einen Seitensprung zu verheimlichen, wie mühsam muss das erst bei einer Affäre sein? Das Lügen, die Terminkoordination, die SMS, der Geruch, und allem voran: das Verbergen des Glücks. Damit dem Partner nichts auffällt, muss man täuschen, verschweigen und schauspielern können. Man muss den Menschen, dem man noch Ich liebe dich sagt, gleichzeitig an der Nase herumführen und akzeptieren, dass er sich anschließend wie ein Idiot fühlen wird. Schließlich gilt immer noch der als Trottel, der die ganze Zeit nichts gemerkt hat. Ich.

Manche Menschen spüren, wenn ihr Partner sie vielleicht verlässt, und kommen dem zuvor, um sich die Qualen des Verlassenwerdens zu ersparen. Manchmal liegen sie allerdings falsch, dann ersparen sie sich bloß eine großartige Beziehung, aber immerhin treffen sie selber ihre Wahl. Ich hatte keine. Es gibt Rauchmelder, Warnblinker und Tsunami-Frühwarnsysteme, aber was ich bräuchte, ist ein Beziehungsende-Frühwarnmeldesystem.

Vor vier Wochen kam ich von der Arbeit nach Hause und fand eine leere Wohnung vor. Meine bessere Hälfte fehlte. Auch die bessere Hälfte der Möbel. Meine Therapeutin sagt, das sei eine Chance. Allerdings meint sie auch, Krankheit sei eine Chance. Vielleicht hat sie recht, vielleicht sollte ich froh sein, dass Isabella weg ist, denn wir passten nicht zueinander, und ich wusste das vom ersten Moment an. Ich wollte Wirtschaftsverbrechen aufdecken, Isa wollte die Innenstadt leer shoppen, und selbst in meiner wildesten Verliebtheitsphase war mir klar, dass auch Sex nicht unser Motor sein würde − dennoch konnte ich plötzlich nicht mehr ohne sie leben. Nach sechs Monaten zogen wir schon zusammen, und keiner meiner Freunde warnte mich. Wir passten überhaupt nicht zusammen, aber alle fanden es toll, dass wir so verliebt waren. Wenn ich in dieser Zeit eins gelernt habe, dann das: Es ist den meisten Leuten schnurzegal, in wen man verliebt ist, Boris, Paris, Adolf – egal. Hauptsache verknallt.

Wie konnte Verliebtheit bloß eine solche Ikone werden? Sie ist der Grund für die idiotischsten Handlungen meines Lebens. Wäre sie verpackt, müsste eine Warnung draufstehen: Achtung! Diese Hormonstörung verursacht Beziehungen, die zu gesundheitlichen Schäden führen können! Daneben ein Foto von einem Typen, der sich die Pulsadern öffnet. Gut, von solchen Aktionen bin ich zwar so weit entfernt wie Lothar Matthäus von einer funktionierenden Ehe, dennoch müsste Verliebtheit langsam als Krankheit klassifiziert werden. In meinen dreiunddreißig Lebensjahren war ich achtzehn Jahre sexuell aktiv und habe mich währenddessen siebenmal verliebt. Daraus sind Enttäuschungen, Verletzungen und halb leere Wohnungen hervorgegangen, aber kein einziges Mal eine lange schöne Beziehung, um die mich irgendjemand beneidet hätte. Manchmal denke ich, ich bin beziehungsgestört, manchmal denke ich, wir alle sind beziehungsgestört – aber eigentlich gibt es nur ein Problem: falsche Partnerwahl durch Verliebtheit. Niemand würde seine Organe spenden, Geld anlegen oder die Führerscheinprüfung machen, wenn er gerade randvoll mit Drogen ist. Aber für die Entscheidung, mit wem man sein Leben verbringen und vielleicht eine Familie gründen will, wird genau dieser Zustand als perfekt propagiert. Wenn man sich verliebt, werden fast die gleichen Gehirnschaltkreise aktiviert wie bei einem Drogensüchtigen, der der nächsten Spritze entgegenfiebert. Das Alarm- und Angstsystem des Gehirns wird von den auf Hochtouren laufenden Liebesschaltkreisen weitgehend ausgeschaltet, und es gibt wirklich Intelligenteres, als bei der Partnerwahl den gesunden Menschenverstand auszuschalten.

Es gibt ebenfalls Intelligenteres, als deprimiert auf einem Partyschiff rumzuhängen. Achthundert fröhliche Menschen – und ich. Ich hatte irgendwie gehofft, die gute Laune der anderen wäre ansteckend. Das Gegenteil ist der Fall. Mit jeder Minute, die ich hier bin, isoliert mich die überbordende Fröhlichkeit der anderen, aber das hätte ich mir überlegen sollen, bevor wir ablegten. Jetzt ist das Thema für zwei Stunden durch.

Ich schiebe mich durch die Menschenmenge und suche nach einem bekannten Gesicht. Stattdessen schaue ich in eine Million unbekannte. Beide Rheinufer sind voller Fremdkörper, die gut gelaunt auf das Feuerwerk warten. Manche beneiden mich vielleicht um den Platz auf dem Schiff. Wo ist ein Eisberg, wenn man ihn braucht?

Auf dem Oberdeck finde ich einen freien Thekenplatz. Ich bestelle zwei Wodka auf Eis und zünde mir eine Zigarette an. Gott, ich erinnere mich nicht, wann ich mich zuletzt so beschissen gefühlt habe. Was ist bloß los? Es ist ja wirklich nicht das erste Mal, dass ich verlassen wurde, und es ist beileibe auch nicht das schlimmste Mal. Wieso zieht mich die Sache diesmal so runter? Liegt es am Alter? Wenn man mit fünfzehn verlassen wird, bricht die Welt zusammen, und man glaubt, man übersteht das nicht. Mit fünfundzwanzig tut es immer noch höllisch weh, aber man kennt es ja schon, und irgendwo unter dem Schmerz piepst eine Stimme, dass man sich wieder erholen wird. Und dann, mit dreißig, gerade wenn man glaubt, man hat nun wirklich alles erlebt und das Schlimmste hinter sich, passiert es: Irgendjemand bricht dir das Herz wie noch nie zuvor. Man dachte, man hätte den größten Schmerz überstanden − und dann das. Ab da bleibt ein nagendes Gefühl der Unsicherheit zurück, denn wenn man mit dreiunddreißig noch nach Hause kommen und eine halb leere Wohnung vorfinden kann, besteht die Möglichkeit, dass man es auch mit fünfzig kann. Vielleicht hört das ja nie auf. Gott, werde ich mit siebzig noch ausgeräumte Wohnungen vorfinden? Muss ich mein Leben lang damit rechnen, hinterrücks verlassen zu werden? Gibt es keine Altersgrenze für Verrat? Hätte Isa mir nicht einfach sagen können, dass sie einen anderen liebt? Vielleicht hätte ich sogar beim Umzug geholfen, stattdessen frage ich mich, ob sie mich in letzter Zeit deshalb so kalt behandelt hat, damit sie mir jetzt nicht fehlt. Und ob sie sich immer gründlich gewaschen hat, wenn sie von ihm kam …

Jemand lacht. Ich werfe einen Blick in die Runde. Zu meiner Linken steht ein frisch verliebtes Paar und knutscht. Rechts steht eine Gruppe Menschen, die in Anzüge gekleidet sind und zu mir herüberstarren.

Ich senke den Blick und brauche vier Atemzüge, bis ich merke, dass ihre missbilligenden Blicke meiner Zigarette gelten. Das ist ein weiterer Nachteil vom Verlassenwerden: Man bezieht alles nur darauf. Jemand hält dir die Tür nicht auf? − Er weiß, dass du zu doof bist, um deine Freundin zu halten. Jemand nimmt dir den Parkplatz weg? − Er weiß, dass du beziehungsunfähig bist. Halle Berry ruft nicht an? − Sie weiß, dass deine Ex dich wegen eines Fußballers verlassen hat. Wegen eines Fußballers. Ich habe mir ein Spiel von ihm aufgenommen und mehrmals angeschaut, wie er gefoult wurde. Immer wieder knallte er in Zeitlupe, mit schmerzverzerrtem Gesicht, auf den Rasen, doch er stand jedes Mal wieder auf und spielte weiter …

Die Bedienung bringt mir zwei Wodka. Ich leere das eine Glas, kippe die Eiswürfel in das andere und stelle das erste aufs Tablett. Ich lege einen Schein daneben und bestelle zwei weitere. Die Bedienung wirft mir einen amüsierten Blick zu.

»Meine Freundin hat mich verlassen«, erkläre ich ihr. »Wobei, nein, es kann nicht meine Freundin gewesen sein, denn Freunde gehen ja freundlich miteinander um – also gut, meine Ex-Irgendwas. Jetzt treibt sie es mit einem Fußballer. Hätte sie nicht einen Skinhead nehmen können oder einen Atomlobbyisten? Aber nein, ein Fußballer. Sie verlässt mich und macht mir auch noch die Sportschau kaputt. Okay, er spielt bloß zweite Liga, aber dennoch, oder?«

Sie geht wortlos. Am Nebentisch knutscht das Pärchen immer noch. Total verknallt, die Ärmsten. Soll ich sie warnen? Ihnen sagen, dass wenn sie jetzt nicht aufpassen, sie irgendwann nach Hause kommen und ihre afrikanischen Lieblingsskulpturen suchen werden? Dass mindestens einer von ihnen sein Selbstwertgefühl verlieren wird und, wenn er Pech hat, auch noch seine Lieblingssendung?

Ich kippe den Wodka runter. Das Pärchen knutscht immer weiter. Keiner unternimmt was. Niemand steht auf und bittet die anderen Anwesenden gemeinsam dagegen vorzugehen. Tschüss Zivilcourage.

Die Bedienung bleibt mit zwei Wodkas vor mir stehen, ohne mir in die Augen zu schauen. Ich trinke einen, fülle das Eis ins andere Glas, halte der Bedienung einen Schein hin und bestelle zwei neue. Sie schnappt sich das Geld und zieht schnell weiter, bevor der Spinner sie wieder volljammern kann. Was, zum Henker, mache ich hier?

Ich zünde mir eine neue Zigarette an. Um mich herum steigt die Spannung und Stimmung. Das jährliche Monsterfeuerwerk heißt Kölner Lichter und entstand als Ableger von dem Koblenzer Rhein in Flammen. Heute ist es Deutschlands größtes musiksynchrones Feuerwerk und hat seinen neuen Namen von einem hellen Kopf erhalten, damit ältere Kölner nicht befürchten, dass die Alliierten noch eine Runde Brandbomben spendieren.

»Entschuldigen Sie!« Eine Frau um die fünfzig, in einem Kleid für Dreißigjährige, wedelt am Nebentisch mit ihrer Hand herum. »Sie da … Ja, Sie mit der Zigarette!«

Ich starre sie an.

»Herrgott, ich stehe auf dem Oberdeck eines Schiffes mitten auf dem verfluchten Rhein! Was soll ich machen, ein Viereck auf den Boden malen und mich reinstellen?«

Sie deutet auf meinen Ärmel.

»Sie brennen sich gerade ein Loch in den Anzug.«

Ich folge ihrem Fingerzeig und sehe, dass meine Zigarette tatsächlich gerade ein Loch in den Ärmel meines Anzugs schmort. Scheiße. Ich werfe die Kippe über Bord und begutachte das Loch. Ich kann mein Hemd sehen. Endlich Durchblick.

Ich schaue die Frau an.

»Tut mir leid.« Ich versuche ein Lächeln. »Es gibt so Tage.«

Sie nickt.

»Wochen«, verbessere ich mich. »Eigentlich Monate.«

Sie dreht mir den Rücken zu. Ihre männlichen Begleiter gucken böse. Alles klar. Ich schnappe mein Glas und ziehe Richtung Backbord. Die Musik schwillt an. Gleich geht das Feuerwerk los. Am Rhein entlang und auf den Schiffen sind Boxen aufgebaut. In den nächsten Minuten werden über eine Million Menschen dieselben Lieder hören. Gut, das passiert in Köln öfter, aber diese hier sind auf das Feuerwerk abgestimmt.

Es knallt! Ein unfassbar vielstimmiges Ohhh dringt aus Tausenden Kehlen. Alle schauen in den Himmel. Ich nutze das, um mich bis zur Reling durchzuschieben, wo man einen grandiosen Ausblick hat. Direkt vor uns treibt eine mit Sand gefüllte Barke, die Raketen abfeuert. Bei vielen Feuerwerken geht es darum, möglichst laut und bunt zu sein, aber dieses hier folgt einer Dramaturgie. Es kracht und donnert, während die Musik auf- und abschwillt. Der Himmel hängt voller Sterne, und die Raketen hüllen alles in vierfarbige Wolken. Ein schöner Anblick. Erinnert mich an Silvester. Und Silvester erinnert mich an Freunde. Und Freunde wären jetzt echt schön.

Noch mehr Raketen. Immer wenn man denkt, mehr geht nicht, legen die noch einen drauf. Am anderen Ufer brandet Jubel auf. Auch das passiert in Köln öfter, aber jetzt stimmen die unzähligen Menschen auf den Schiffen und den überfüllten Brücken ein und legen einen atonalen, berührenden Begeisterungsteppich über den Rhein. Alle gucken staunend in den Himmel, fotografieren und freuen sich. Wie das wohl von oben aussieht? Was würde ein Alien denken, wenn eins vorbeiflöge? Dass die Menschheit einen Haufen Spaß hat und sich alle lieben? Aber, he, warte mal, wer ist denn dieser mies gelaunte Typ an der Reling? Und wieso bumst seine Ex jetzt einen Zweitligakicker?

Ich nehme einen Schluck aus dem Glas und merke, dass es leer ist. Als ich mich nach der Bedienung umschaue, blicke ich in ein Frauengesicht, das mich fassungslos anstarrt.

»Mads?«

Vor mir steht eine schlanke Frau mit blondem Strubbelkopf. Die Raketen werfen flackernde Schatten auf ihr Gesicht, aber dieses Scheißegallächeln ist unverkennbar. Grundgütiger!

»Nein!!«

Eine Sekunde später liegen wir uns in den Armen.

»Mann, das gibt’s doch nicht!!«, brülle ich und schlenkere sie herum.

»Hey! Wir gehen gleich über Bord!«, lacht sie.

»Mann, das gibt’s doch nicht!«, wiederhole ich. Ich glaube, ich sage das noch oft, bevor ich sie wieder loslasse. Es ist nicht zu fassen. Meine Jugendfreundin, Rene. Da steht sie. Direkt vor mir. Sie trägt ein weißes Hemd zum schwarzen Anzug und grinst von einem Ohr zum anderen.

»Was zum Teufel machst du hier?«, platze ich heraus.

»Arbeiten.« Sie breitet die Arme aus. »Das hier ist mein Werk.«

Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

»Du bist Pyrotechnikerin?«

»Presseagentin. Das hier ist mein erster großer Auftrag.«

»Gratuliere.«

»Danke!«

Über uns schwillt das Feuerwerk zu einem letzten donnernden Crescendo an, das einem die Eingeweide verdreht. Alles wird in Farben und Licht getaucht. Keiner von uns schaut hoch, wir scannen uns. Wiedersehens-CT. Wir haben uns fünfzehn Jahre nicht mehr gesehen, seitdem ich sie in Aachen zum Bahnhof brachte und ihr viel Glück in Berlin wünschte. Sie sieht aus, als hätte sie in der Zwischenzeit einiges erlebt. In ihrem Gesicht befinden sich Falten, die ich nicht kenne, aber das ist bloß ihr Äußeres. Wirken tut sie immer noch wie damals, fit, energiegeladen und wach, auch wenn sie Ringe unter den Augen hat.

Mit einem letzten magenverschiebenden Knall verstummen die Kölner Lichter. Ein ohrenbetäubender Applaus brandet auf.

»Ich dachte, du bist in Berlin!«, schreie ich durch den Lärm.

Sie sagt irgendwas, das in dem Lärm der Millionen untergeht. Ich zeige auf meine Ohren und schüttele den Kopf. Sie verstummt. Wir schauen uns weiter lächelnd an und warten, bis der Jubel sich legt. Mir ist danach mitzujubeln.

Nach und nach beruhigen sich die Ufer, Brücken und schließlich auch das Schiff. Es beginnt, sich in der Strömung zu drehen, um uns wieder an Land zu bringen.

»Berlin«, erinnere ich sie.

»Ist ewig her«, sagt sie und winkt ab. »Seitdem war ich in Hamburg, München, London, und jetzt bin ich seit zwei Jahren in Köln.«

»Seit zwei Jahren? Und wieso haben wir uns nie getroffen? Das geht doch eigentlich gar nicht. Wo treibst du dich rum?« Statt zu antworten, wirft sie einen Blick auf ihre Armbanduhr.

»Ich muss noch ein bisschen arbeiten. Was machst du später?«

»Och, nein«, stöhne ich, »bitte nicht …!«

»Keine Angst«, lacht sie. »Das eine Mal reicht mir immer noch.«

»Gott sei Dank«, seufze ich.

Was mir einen Fausthieb einbringt. Ewig her, dass mir jemand eine reingehauen hat, ohne es böse zu meinen. Hab ganz vergessen, wie gut sich das anfühlt.

»Ich arbeite, bis die Pressekollegen von Bord sind, und dann gehen wir was trinken. Und weil ich dich kenne …« Sie zückt ihr Handy. »Nummer.«

Ich nenne sie ihr. Sie tippt sie ein und ruft an. Mein Handy beginnt in meiner Tasche zu summen.

»Okay«, sagt sie zufrieden. »Ich lasse dich orten, falls du verschwindest.«

Sie verpasst mir ihr Scheißegallächeln, dann verschwindet sie in der Menge. Ein Freund. Und plötzlich ist alles anders. So verdammt anders. Ich zünde eine Zigarette an und atme durch. Die Stimmung auf dem Boot ist plötzlich gut, die Laune der Leute ansteckend. Fremde lächeln, ich lächele zurück. So was kann ein Freund.

Die Bedienung kommt vorbei. Ich bestelle ein Bier und lächele sie an.

»Entschuldige wegen vorhin. Ich bin jetzt drüber hinweg.«

Sie zieht schnell weiter. Ich lehne mich an die Reling und schaue übers Wasser. Rene. Nicht zu fassen. Wir sind fünfzig Meter voneinander entfernt aufgewachsen und sahen uns fast täglich. Als wir Kinder waren, schliefen wir fast täglich bei mir oder ihr, und dann, als wir fünfzehn waren, schliefen wir miteinander. Der schlechteste Sex meines Lebens. Hoffe ich. Am nächsten Morgen beschlossen wir, das nie, nie wieder zu tun, und von da an waren wir endgültig die besten Freunde. Ich wünschte, schlechter Sex würde immer zu so etwas führen.

Das Schiff legt an. Von dem Geschaukel ist mir ein bisschen schlecht, also gehe ich von Bord und stelle mich neben den Laufsteg. Mein Handy klingelt.

»Ja?«

»Du Arsch, ich sehe dich! Wenn du noch einen Schritt weitergehst, bist du tot!«

Ich schaue mich grinsend um, entdecke sie aber nicht.

»Ich wollte nur an Land.«

»Ich hab dich gewarnt!«

Die Verbindung ist tot. Ich bleibe stehen und warte, bis Rene mit energischen Schritten den Steg herunterkommt und sich meine Hand schnappt.

»Komm mit«, sagt sie und marschiert los.

Ich halte ihre Hand und folge. Wohin? Egal. Es gibt nichts Schöneres, als jemandem zu folgen, der es gut mit einem meint.

Zehn Minuten später stehen wir im Früh-Brauhaus. Wegen der Kölner Lichter ist die Altstadt noch voller als an normalen Wochenenden, und das Brauhaus erst recht. Jeder Stuhl ist besetzt, zwischen den Tischen stehen Leute und trinken. Die Luft ist zum Schneiden dick und erfüllt mit einem Stimmengewirrteppich.

»Es ist voll. Lass uns woanders …«, beginne ich, aber Rene hebt eine Hand und schaut sich suchend um. Sie mustert einen Ecktisch, an dem ein älteres Touristenpaar sitzt und ratlos auf das Display seiner Digitalkamera schaut. Sie geht los. Ich schaue zu, wie sie am Tisch stehen bleibt und dem Ehepaar irgendwas mit der Kamera erklärt. Die beiden freuen sich und rutschen zusammen. Schon haben wir Sitzplätze auf der Bank und ich ein Déjà-vu. Mit so etwas hat sie mich damals immer wieder verblüfft. Gratis auf Festivals, Eintritt bei VIP-Partys, Upgrades im Flugzeug. Sie zog einfach los und kam mit Tickets, Tipps oder Rabatten wieder. Kommunikation − die Zauberei der Gegenwart.

Ich winke dem Köbes und halte zwei Finger hoch, doch Rene schüttelt den Kopf und bestellt ein Wasser. Nachdem der Köbes das gepflegt kommentiert hat, bringt er uns die Getränke. Er stellt das Wasser mit einem zweifelnden Gesichtsausdruck vor Rene ab und erkundigt sich nach ihrem Wohlbefinden. Sie sagt, sie sei schwanger. Er sagt, dass er sich nicht an sie erinnere. Sie sagt, das hinge mit seinem weiten Heimweg nach Düsseldorf zusammen. Er schweigt kurz, was bei einem Köbes selten vorkommt. Schließlich verabschiedet er sich mit einem schlappen Mit-dem-Zeug-wasch-ich-meine-Füße-Spruch. Das Touristenpaar an unserem Tisch freut sich über das Stück Lokalkolorit.

Rene hebt ihr Glas.

»Auf uns.« Sie stößt ihr Glas gegen meines, trinkt einen Schluck, setzt es wieder ab, lehnt sich zurück und mustert mich. »Trottel. Wieso hast du dich nie gemeldet?«

»Du weißt, wieso.«

»Ja, aber nie wieder?«

Ich hebe die Schultern und lasse sie wieder fallen.

»Tut mir leid. Ich wollte damals einfach …« Tja, was wollte ich eigentlich? »Ich brauchte Abstand. Ich habe versucht, dich zu erreichen, aber deine Handynummer war abgemeldet und deine Mailadresse funktionierte nicht mehr.«

Sie gibt ein Geräusch von sich, als hätte ich eine Quizfrage falsch beantwortet.

»Es ist heutzutage absolut unmöglich, jemanden nicht wiederzufinden. Außerdem hättest du jederzeit meine Eltern anrufen können.«

»Wohnen sie immer noch da?«, lenke ich ab.

Sie nickt.

»Sie bleiben auch da. Mama geht’s nicht gut, sie hat Brustkrebs.«

»Scheiße. Schlimm?«

Sie atmet tief ein und schaut weg. Ich lege meine Hand auf ihre.

»Tut mir leid.«

Als sie mich wieder ansieht, sind ihre Augen trocken.

»Und du? Bist du drüber weg?«

»Geht so, aber ich werde es überleben, ist ja nicht meine erste Trennung.«

Sie runzelt die Stirn, lässt mir aber den Themenwechsel durchgehen.

»Frisch getrennt?«

Ich nicke.

»Irgendwie hab ich es nicht so mit langen Beziehungen.«

»Hat sich ja echt viel geändert«, sagt sie und grinst leicht.

Ich gebe ihrer Hand einen Klaps.

»He, er war immer sehr bemüht. Und selbst? Was macht die Liebe?«

»Och.«

»Ah.«

»Jaja.«

»Tut mir leid.«

»Und mir erst.«

Wir grinsen uns an. Gott, tut das gut. Endlich wieder jemand, den ich kenne. Und der mich kennt. Meine Güte, Rene.

Unser Touristenehepaar zahlt, wünscht uns einen schönen Abend und geht. Seine Plätze werden sofort durch ein Touristenehepaar ersetzt, das genauso angezogen ist. Vielleicht ist es dasselbe, und sie haben es sich an der Tür noch mal überlegt. Während das Ehepaar umständlich beim Köbes bestellt, was dieser mit einem üblen Touri-Spruch quittiert, scannen wir uns weiter. Sie hat Falten in den Augenwinkeln bekommen. Wir werden älter. Sogar sie.

Ihr Lächeln wird breiter.

»Die Zeit vergeht, hm?«

Ich lächele. Schön, dass sie weiß, was ich denke. Isa wusste es meistens nicht mal, wenn ich es sagte.

Sie mustert mich aufmerksam.

»Und, kommst du nun darüber weg oder nicht?«

»Klar«, sage ich, und es ist nicht mal so richtig gelogen. Meistens bin ich darüber weg, und ein- bis zweimal im Monat überfällt mich die Vergangenheit. Manchmal für einen Augenblick, manchmal für eine Stunde, manchmal für einen Tag, aber irgendwann verzieht sich die Wolke wieder. »Mir geht’s gut, wenn ich nicht gerade nach Hause komme und eine halb leere Wohnung vorfinde.«

»Autsch«, sagt sie und lässt mir zum zweiten Mal einen Themenwechsel durchgehen. »Wieso hat sie dich verlassen? Gab es einen anderen?«

Ich nicke.

»Einen Sportler.«

Sie lächelt.

»Und was hat er, was du nicht hast, also bis auf einen durchtrainierten Körper und tolle Ausdauerwerte?«

»Prima Spermien.«

Ihr Lächeln verschwindet, und ihre Augen wirken plötzlich dunkler.

»Im Ernst?«

Ich nicke.

»Ich bin zeugungsunfähig.«

Jetzt ist sie dran, ihre Hand auf meine zu legen.

»Tut mir leid.«

Ich zucke die Schultern.

»Hat auch Vorteile. Wäre ich zeugungsfähig, hätte ich jetzt Kinder mit Isa, denn wir haben nie verhütet. Das wären weitere tolle Besuchsrechtsfälle fürs Jugendamt geworden. Und du …« Ich nicke zu ihrem Bauch. »Kennst du den Vater?«

Sie schaut mich einen Moment lang überrascht an, dann lacht sie.

»Ja, du Trottel, natürlich kenne ich den Vater.«

»Und wie ist er so?«

»Weg«, sagt sie trocken. »Wir haben uns getrennt. Ich werde die Kinder alleine großziehen.«

Ich hebe die Augenbrauen.

»Plural?«

»O ja«, sagt sie und strahlt mich an. »Ich habe eine einjährige Tochter.«

Sie beginnt in ihrer Handtasche zu wühlen, holt ein Handy hervor und hält es mir vors Gesicht. Das Display ist klein, und meine Augen sind nicht mehr die besten, aber ein paar Dinge über Mütter habe ich schon begriffen.

»Mann, ist die süß!«

»Nicht wahr?« Rene strahlt. »Und in fünf Monaten bekommt sie einen Bruder.«

»Beide von demselben Kerl?«

»Das blöde Arschloch«, sagt sie aus voller Überzeugung, und in der nächsten halben Stunde erfahre ich, wie sie in München den Regisseur Volker traf, sich verliebte, seinetwegen nach Köln zog, er sie schwängerte, sie ein Kind bekam, er sie noch mal schwängerte und sie ihn vor zwei Wochen dabei erwischte, wie er seine Hauptdarstellerin in ihrem gemeinsamen Bett flachlegte. Seitdem wohnt sie bei ihren Eltern in Aachen und pendelt täglich nach Köln. Während sie redet, beobachte ich ihre energische Gestik und lache über ihre Beschimpfungen. Wenn mich jemand verlässt, werde ich traurig, sie wird wütend. So hat jeder seine Bewältigungsstrategie. Ihre gefällt mir besser.

»Dieser verdammte Idiot«, schimpft sie. »Er bumst sie in unserem Bett. Denkt der, ich merke das nicht? Glaubt der, ich rieche nichts? Der hat nicht mal die Bettwäsche gewechselt. Männer …« Sie schüttelt den Kopf. »Manchmal denke ich, er wollte mich einfach loswerden und war zu faul für ein Gespräch. Also nimmt er diese Bulimietussi mit nach Hause und erniedrigt mich so sehr, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als ihn zu verlassen.«

»Wow! Es geht doch nichts über das Gespräch mit einem Freund. Plötzlich sehe ich positive Seiten an Isa. Immerhin war sie so rücksichtsvoll, nicht in unserem Bett fremdzugehen.«

Rene lacht.

»Ja, es hilft doch immer, mit jemandem zu sprechen, dem es noch beschissener geht.«

Sie wirkt nicht, als würde es ihr beschissen gehen, aber okay, sie war noch nie der Typ, der jammert. Als wir sieben oder acht waren, belauschten wir eines Tages ihre Eltern und erfuhren, dass die lieber einen Sohn gehabt hätten, doch nach Renes Geburt konnte ihre Mutter keine Kinder mehr bekommen. Von da an wurde sie tougher als alle Typen, die ich kannte, und versuchte, der Junge zu werden, den ihre Eltern sich gewünscht hatten. Sie kickte mit den größeren Jungs, und wenn einer einen Spruch riskierte, kämpfte sie, bis ihr die Puste ausging. Sie war die Erste bei den Mutproben und immer die Letzte, die nach Hause ging. Unsere Jugendclique war die einzige in Aachen, die eine weibliche Anführerin hatte, und wer darüber Witze machte, konnte sich warm anziehen. Und nun, Mutter. Das Bild passt irgendwie nicht zusammen.

»Und nun alleinerziehend? Hast du dir das gut überlegt? Vielleicht lohnt es sich ja doch, um die Beziehung zu kämpfen, ich meine, er ist der Vater deiner Kinder.«

Sie winkt ab.

»Gerade deswegen ist es die richtige Entscheidung. Ich wusste gleich, dass er ’ne Lusche ist. Er weigert sich, erwachsen zu werden, er wäre bestimmt kein guter Vater.« Sie leert ihr Glas und mustert es genervt. »Das Schlimmste ist, dass ich auf Alkohol verzichten muss. Frisch getrennt – und man kann sich nicht mal besaufen.«

Ich schaue zu dem Köbes rüber, der den Blick sofort bemerkt. Ich deute auf den Tisch und lasse meinen Finger rotieren. Er zieht eine Grimasse. Ich wende mich wieder Rene zu.

»Was ich nicht ganz verstehe …«, beginne ich. »Wenn dieser Volker so ’ne Lusche ist, wieso hast du dich dann noch einmal von ihm schwängern lassen?«

Sie lächelt.

»Ich war verliebt!«

»Da ist es wieder«, stöhne ich. »Verliebtheit – der 1-A-Beziehungsberater.«

Sie runzelt die Stirn.

»Sag nichts gegen Verliebtheit. Das Gefühl war großartig, nur der Typ war falsch.«

»Prima. Das ist, wie wenn ein Bergsteiger unbekleidet den Mount Everest besteigt, auf halber Strecke erfriert und dann sagt: He, sag nichts gegen FKK-Bergsteigen. Das Gefühl war großartig, nur das Wetter war falsch …« Sie lacht nicht, stattdessen seufzt sie und lehnt sich zurück.

»Erzähl mir von ihr.«

In der nächsten halben Stunde erfährt sie alles über meine großen vierundzwanzig Monate mit Isabella, von denen die letzten sechs zweitligareif waren. Wie ich Isa kennenlernte, sie lustig und zugleich oberflächlich fand und eigentlich nur Spaß wollte, aber plötzlich zu verliebt war, um gegensteuern zu können. Wie ich mich immer mehr ihren Wünschen unterordnete, wie ich zustimmte, zusammenzuziehen, wie ich zustimmte, mir einen besser bezahlten Job zu suchen, und wie ich sogar zustimmte, mit ihren bescheuerten Freunden in Urlaub zu fahren, die allesamt in der Werbung arbeiteten und den ganzen Tag in Werbeslogans sprachen. Und wie ich schließlich eines Tages nach Hause kam und in einer halb leeren Wohnung einen halbseitigen Brief fand.

»Nicht mal einen richtigen Brief, sie hat einfach ein paar Worte auf eine Serviette geschmiert.«

Rene zuckt mit den Schultern.

»Immer noch besser als fremde Haare im Bett.«

»Ich Hirni habe wirklich geglaubt, dass sie am Wochenende immer müde vom Arbeiten war. Dabei brauchte sie wahrscheinlich nur einen freien Tag, um sich von dem Torschusstraining unter der Woche zu erholen.«

Rene lacht hämisch.

»Bei Volker hieß das Cutten. Die Zeit im Studio hat ihn immer völlig ausgesaugt.« Sie grinst böse und steht auf. »Bin gleich wieder da. Wehe, du verschwindest.«

Stattdessen verschwindet sie Richtung Toiletten. Ich sitze da und fühle mich so gut wie schon lange nicht mehr.

Der Köbes bringt Wasser und Bier und scheint enttäuscht zu sein, dass Rene nicht da ist. Wahrscheinlich hat er seit der letzten Bestellung an einem Gag gefeilt. Er zieht unbefriedigt wieder ab. Das Lokal wird immer voller. Es strömen mehrere Jungs herein, die T-Shirts tragen, auf denen Selbst ich habe eine abbekommen steht. Junggesellenabschied. Die meisten sind besoffen und singen eine sehr laute Sha-na-na-na-na-na-na-Version von irgendeinem Hit.

Rene kommt von der Toilette zurück. Sie setzt sich und wirft einen Blick auf die Männergruppe.

»Lass uns hier abhauen.«

»Wohin?«

»Hat deine Ex zwei Stühle dagelassen?«

»Zu mir?«, frage ich überrascht und nicke dann sofort, als mir klar wird, was für eine grandiose Idee das ist. Geister vertreiben. »Okay, aber mach dir keine Hoffnung: Ich schlafe nicht mit dir.«

»Schwein gehabt«, grinst sie und steht auf. Sie wirft einen Zehner auf den Tisch, schnappt sich meine Hand und zieht mich zum Ausgang.

Draußen erwartet uns eine laue Sommernacht. Wir schlendern Händchen haltend los und tauschen ein paar Schuldzuweisungen aus, um uns schließlich darauf zu einigen, dass es eben Konstellationen gibt, die sexuell nicht füreinander geschaffen sind, was eine echt nette Umschreibung für den furchtbaren Sex ist, den wir hatten. Wir spazieren Hand in Hand durch die Straßen. Nichts nervt. Im Gegenteil. Ich freue mich aufs Nachhausekommen. Lange her.

In Köln auf Wohnungssuche zu gehen heißt: sehr viel Geld ausgeben oder sehr viel Zeit und Kompromissfähigkeit mitbringen. Ich kenne Menschen, die seit Jahren auf der Suche sind, weil sie sich weigern, ein Drittel ihrer Gesamteinnahmen für die Miete einer Wohnung auszugeben, in der sie nicht mal gerne wohnen. Dieses Los umging ich mit einem Glücksfall, als ich meine Wohnung fand. Während ich Kaffee mache, tigert Rene durch die Wohnung und kommentiert die Raumaufteilung. Sie ist auf Wohnungssuche, da sie auf Dauer nicht täglich zwischen Aachen und Köln pendeln will, und meine Wohnung wäre perfekt für eine Alleinerziehende mit zwei Kindern, ob ich denn nicht vorhätte auszuziehen, nach der Geschichte mit Isa. Sie findet allerhand Argumente dafür, wieso ich ausziehen sollte, und bringt mich mehrmals zum Lachen.

Den Kaffee trinken wir auf dem Minibalkon. Da meine Hollywoodschaukel Isa gefiel, sitzen wir auf Holzkisten und schauen über die nächtlichen Dächer. Ich habe ein paar Kerzen und eine Zigarette angezündet. Nähe ohne Unruhe. Hatte fast vergessen, wie das ist.

»Wie konnten wir uns so lange aus den Augen verlieren?«

»Weil du aufgehört hast, dich zu melden, du Trottel.«

»Und wieso hast du dich nicht gemeldet?«

»Weil ich beleidigt war, dass du dich nicht meldest.«

»Ach so. Na ja, jetzt habe ich ja deine Nummer.«

»Und ich deine«, sagt sie. »Und ich werde nicht zögern, sie einzusetzen!«

Wir wärmen ein paar alte Anekdoten auf und bringen uns dann auf den neuesten Stand, wer von unserem alten Freundeskreis verheiratet, geschieden, arbeitslos, erfolgreich, durchgeknallt oder spießig geworden ist. Wir reden über die Krankheit ihrer Mutter, die Geburt ihrer Tochter, ihre Beziehungen vor Volker, meine Beziehungen vor Isa. In Liebesdingen scheinen wir nicht das beste Händchen zu haben. Keine Beziehung länger als zwei Jahre, keinen Kontakt zu unseren Exfreunden. Wir entwickeln die These, dass es in unserer Gegend früher militärische Versuche gab, in denen biologische Waffen ausprobiert wurden, die beziehungsunfähig machen. Das wäre zumindest eine Erklärung, die hübsch bequem wäre. Die unbequeme wäre die, dass wir beide einfach zu blöd sind. Daran glauben wir beide nicht. Also, das verdammte Militär mal wieder.

Die Nacht wird kühler. Ich hole ein paar Decken raus, dann sitzen wir eingemummelt auf den Holzkisten, mit den Füßen auf der Balkonbrüstung. Ein Schweigen guckt vorbei, fühlt sich wohl und macht sich breit. Renes Kopf lehnt an meiner Schulter. Seit Minuten hat niemand mehr was gesagt. Ich spüre ein leichtes Lächeln in meinem Gesicht. Freundschaft. Es schlägt alles. Auch die Liebe. Freundschaft ist größer. Weil es beides ist. Liebe dagegen ist manchmal nicht mal freundlich.

»Bleibst du heute hier?«

»Klar«, sagt sie und stupst mich leicht mit ihrem Kopf an. »Lass uns wieder Freunde sein, ja?«

»Ja.«

»Ich meine es ernst. Lass uns eine Front bilden. Lass uns Feuer und Verderbnis über die Arschlöcher bringen. Lass uns zusammenhalten und jedem in den Arsch treten, der einem von uns wehtut.«

»Okay.«

Sie nickt ernst, dann lehnt sie sich wieder an meine Schulter und schaut über die Dächer. Das Schweigen nimmt erneut Raum ein. Ich rauche eine und versuche, mir den Moment zu merken. Renes Atem wird schwer und gleichmäßig. Gott, fühle ich mich gut.

Hinter den Bäumen und Hausdächern wird der Horizont langsam heller. Das graue Licht wird nach und nach farbiger und wirft Leben auf die Stadt. Das Morgenlicht ist wirklich schön. Und müde sein. Und nicht alleine sein, das ist das Schönste. Ich schließe die Augen und lausche auf das Atmen eines anderen Menschen, der noch da sein wird, wenn ich wieder die Augen öffne. Endlich wieder gerne aufwachen.

Etwas zieht mich an der Nase. Ich öffne ein Auge und kneife es gegen das Licht zusammen, das durch das Schlafzimmerfenster hereinfällt. Renes Gesicht hängt vor mir in der Luft. In dem Morgenlicht schimmern ihre Augen. Sie sieht hellwach aus und trägt meinen Bademantel.

»Du bist ja immer noch so ’ne Schlafnase«, sagt sie und drückt mir eine heiße Tasse in die Hand, die nach Kaffee duftet. »Was hast du eigentlich mit den leer stehenden Zimmern vor?«

»Weiß nicht«, sage ich und probiere den Kaffee. Hm. Sie kann immer noch keinen guten Kaffee kochen. »Wieso?«

»Das wäre perfekt für uns, für den Übergang. Es hat ja sogar ein eigenes Bad. Von hier aus wäre die Wohnungssuche wesentlich leichter.«

»Hm«, mache ich und nehme noch einen Schluck. »Solche Entscheidungen sollte man gründlich überlegen. Der Ersatzschlüssel hängt neben der Haustür.«

Sie grinst breit.

»Sicher?«

»Gestern hing er noch da.«

»Und was kostet mich die Sache?«

Ich sage ihr, was ich zahle, und ernte einen ungläubigen Blick, was in Köln normal ist, wenn man erzählt, was man an Miete zahlt. Ich erkläre ihr, dass ich fest angestellter Redakteur bei einem Frauenmagazin bin, weil Isa darauf bestand, mir einen Job zu besorgen, in dem ich genug verdiene, um mit ihr dreimal im Jahr in Urlaub zu fliegen. Ich erkläre ihr auch, dass ich lieber auf zwei Urlaube verzichte, als sie hier wieder rausmarschieren zu lassen. Wenn sie nicht einzieht, müsste ich ja auch die Wohnung alleine bezahlen. Dennoch mustert sie mich unschlüssig.

»Hast du schon mal mit einem Baby zusammengelebt?«

»Noch nicht.«

»Es kann die Hölle sein. Sie schreien, kacken und werden krank, und das meistens im falschen Augenblick. Vergiss Schlafen, ins Kino gehen, Freunde treffen. Außerdem werde ich noch ein Baby bekommen. Noch mehr Kacken und Schreien, und es gibt keinen Vater, der mich entlastet. Ich werde also gestresst und launisch und übermüdet sein, und es kann eine Weile dauern, bis ich beruflich so belastbar bin, dass ich die volle Miete aufbringen kann.«

Sie versucht, mir Angst zu machen. Wie erkläre ich ihr, dass nichts schlimmer sein kann als die letzten Wochen? Seit drei Jahren habe ich keine Medikamente mehr genommen, doch am Kühlschrank hängt ein Rezept, das ich mir vorgestern vom Arzt geben ließ. Damals, nach dem Unfall, verschrieben die Ärzte mir Antidepressiva und versprachen mir, dass ich mich bald wieder normalisieren würde. Aber ich konnte mich nicht normalisieren, denn meine alte Normalität war zerstört und meine neue bestand aus schmerzlichen Erinnerungen. Ich nahm immer mehr Tabletten, bis ich mir schließlich eingestand, dass ich süchtig war. Ich ging auf Entzug, doch es dauerte zwei Jahre, bevor ich morgens aufwachen konnte, ohne an Tabletten zu denken. Seitdem habe ich nie wieder verschreibungspflichtige Medikamente eingenommen, und alles, was mich davor bewahrt, dieses Rezept einzulösen, ist unbezahlbar.

»Versuchen wir es doch einfach eine Zeit lang.« Ich stelle die Tasse auf den Nachttisch und ziehe mir die erste Zigarette des Tages aus der Schachtel. »Wenn’s nicht klappt, kannst du immer noch weitersuchen.«

»Unter einer Bedingung«, sagt sie.

»Ich weiß«, grinse ich und stecke mir die Kippe zwischen die Lippen. »Kommt mir sehr entgegen.«

»Keine Zigaretten.«

Wir mustern uns einen Augenblick, dann nehme ich mir die Zigarette aus dem Mund.

»Wollte eh aufhören.«

Nach einem Augenblick streckt sie die Hand aus und lächelt. Ich schlage ein. Und schon wohne ich nicht mehr alleine, und meine größte Angst löst sich in Luft auf. Wie einfach das Leben manchmal sein kann. Ich habe wieder einen Menschen in meinem Leben, dem ich vertraue.

Wir lächeln uns an, und Zuversicht breitet sich in mir aus, dass nun das Schlimmste vorbei ist. Zum ersten Mal seit Langem freue ich mich auf die Zukunft.

5 Jahre später …

Atemnot. Ich öffne ein Auge. Auf mir liegt eine Sechsjährige im Blümchenpyjama. Sie muss heute Nacht rübergekommen sein. Vielleicht ein Albtraum. Als sie klein war, haben wir sie manchmal zum Einschlafen auf meinen Bauch gelegt, seitdem kommt sie phasenweise vorbei. Ich schiele zum Wecker. Kurz vor sieben. Für einen Moment will ich wieder die Augen schließen, dann fällt mir ein, welcher Tag heute ist. Mist.

»Aufwachen, Süße.«

Sie bewegt sich nicht. Ich halte ihre Nase zu. Ihre Augenlider zucken, aber sie bleibt regungslos liegen und atmet durch den Mund.

»Weißt du eigentlich, wie schwer du bist?«

Sogar in diesem Alter ignorieren Frauen solche Kommentare, also drehe ich mich zur Seite. Lola rutscht auf die Matratze, greift nach der Decke und windet sich zwischen die Laken. Ich steige aus dem Bett und bleibe einen Augenblick stehen, um sie mir anzusehen. Wenn es eines Tages Zeitreisen gibt, wird das mein erster Ausflug. Als Kind, halb schlafend im Bett liegen bleiben, während meine Eltern aufstehen. Einfach vor sich hinträumen und mit einem Ohr zuhören, wie das Frühstück zubereitet und der Tag begonnen wird, bis mich irgendwann jemand ruft … Was das angeht, war früher wirklich alles besser.

In der Küche empfängt mich fahles Morgenlicht. Am Küchentisch sitzt ein Fünfjähriger in Unterhose und lässt ein quiekendes Meerschwein auf dem Tisch herumlaufen.

»Schwein vom Tisch.«

Oscar dreht überrascht den Kopf. Ich bleibe schlagartig stehen.

»Was zum Henker …«, ich schaue mich um. »Wo zum Teufel ist mein Kaffee?«

»Du warst ja nicht wach!«, sagt er empört und nimmt das protestierende Tier in die Arme.

»Aber jetzt bin ich wach, also Kaffee her und weck deine Mutter. Und Zähne putzen. «

»Manno«, nölt er, während sein Blick an mir herunterwandert. »Wieso heißt es Meerschwein? Susi ist ein Mädchen, das muss doch Sau heißen.«

»Kaffee …«, stöhne ich und verziehe mich ins Bad.

Während ich dusche, höre ich ihn in die andere Wohnungshälfte flitzen und rumschreien, bis seine Mutter wach wird und ihn anschnauzt, dass er aufhören soll, so einen Lärm zu machen. Darauf folgt noch lauteres Geschrei.

Als ich aus der Dusche steige, fliegt die Badezimmertür auf, und Rene kommt im Morgenmantel hereingeschlurft. Ihr Gesicht ist vom Schlaf verquollen, und ihre blonden Struppelhaare stehen in alle Richtungen. Sie lässt den Mantel zu Boden fallen, drängt sich an mir vorbei und verschwindet in meiner Duschkabine, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. Vielleicht der Beweis, dass es doch eine platonische Freundschaft zwischen Mann und Frau geben kann. Vielleicht sollte ich bloß öfter ins Fitnessstudio gehen.

»Dein Sohn interessiert sich übrigens mehr für meinen Körper als du«, erkläre ich dem Duschvorhang.

Nichts.

»Wird er halt schwul«, lege ich nach. »Was soll’s, dann müssen die Enkelkinder eben adoptiert werden.«

Keine Antwort. Obwohl das weibliche Sprachzentrum um elf Prozent aktiver ist als das männliche, liegt Rene morgens mit achtzig Prozent im Rückstand. Die Differenz holt sie nachher im Büro auf.

Ich bin fast glatt rasiert, als das Wasser zugedreht und der Vorhang zur Seite gezogen wird. Sie streckt die Hand aus.

»Was ist mit deiner Dusche?«, frage ich und reiche ihr ein Handtuch.

»Kaputt. Ich rufe einen Handwerker«, murmelt sie, und wir beide wissen, dass sie es vergessen wird und so lange bei mir duschen wird, bis ich einen rufe.

Sie stellt einen Fuß auf die Badewannenkante, beugt sich vor und trocknet ihre Füße ab. Muskeln und Sehnen spielen unter ihrer Haut. Der Freiberuflerstress hat sie gnadenloser abgekocht als jede Schlankheitskur. Die neue Superdiät: Mutter und selbstständig.

»Glotz nicht so, Perverso.«

»He, das ist mein Badezimmer.«

Sie richtet sich auf und trocknet ihren Oberkörper ab.

»Kein Grund, mich … autsch.« Sie lässt das Handtuch sinken, fasst sich an die linke Brust und zieht eine Grimasse. »Ich glaube, ich kriege einen blauen Fleck. Oscar hat sich voll auf mich draufgeworfen … «

»Ist nur fair. Deine Tochter klebte die halbe Nacht an mir.«

»Was ist daran fair?« Sie beginnt sich wieder abzutrocknen. »Lola will bloß schmusen, aber Oscar … Woran liegt es nur, dass Jungs immer so grob sind?«

Ich antworte nicht, denn sie kennt die Fakten. In Oscars Alter wird das männliche Gehirn permanent mit Testosteron überschwemmt, und zu viel davon tötet Gehirnschaltkreise für emotionale und soziale Sensibilität ab.

Rene wickelt sich in das Handtuch, lehnt sich vor zum Spiegel und untersucht ihre Nase.

»Du glotzt wieder.«

»Das ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen. Wir wissen eine nackte Frau auch dann zu würdigen, wenn wir mit ihr befreundet sind.«

»Glotzen ist nicht Würdigen.«

Bevor mir dazu etwas einfällt, hat sie das Bad verlassen. So sind sie, die Pressefrauen: verbal zu schnell für diese Welt.

Als ich in ein Handtuch gewickelt aus dem Bad komme, sitzt eine moderne Familie am Küchentisch und frühstückt, sprich: ein abwesender Vater, eine gestresste Alleinerziehende und zwei Trennungskinder. Rene liest die Süddeutsche Zeitung, Oscar versucht, an einem Käsebrötchen zu ersticken, und Lola hängt über ihrem Müsli wie eine Grippekranke über einem Erkältungsbad.

»Morgen, Hübsche«, sage ich und küsse sie auf den Scheitel. »Hast du gut geschlafen? War ich bequem?«

Sie ignoriert mich und löffelt weiter Müsli.

»Aha«, sage ich und schnappe mir die dampfende Tasse, die vor meinem Platz steht. Ich probiere einen Schluck und nicke Oscar anerkennend zu. »Hmm, der ist gut.«

Er kaut, Rene liest, Lola schlürft. Keiner sagt was.

»Ist das so ein Wer-zuerst-spricht-hat-verloren-Ding? Dann macht mal ’ne Ausnahme, immerhin seid ihr hier in meiner Küche, da kann man auch mal Konservation machen.« Ich warte einen Augenblick. Niemand verbessert mich. Ich beuge mich vor und schaue Rene ins Gesicht. »Ich habe gestern eine tolle Nacht gehabt. Frag mich doch mal, wie toll.«

Sie liest weiter. Oscar schluckt einen Brocken runter und mustert mich neugierig.

»Was hast du denn gemacht?«

»Frag deine Mutter. Sie hat so etwas auch gemacht. Vor langer, langer Zeit.«

Er kichert. Er weiß nicht genau, worüber wir reden, aber er weiß, dass es so ein Erwachsenending ist.

»Mama? Was hast du gemacht?«

Rene lässt die Zeitung sinken und schaut mich genervt an. Ich wackele mit den Augenbrauen und verschwinde ins Schlafzimmer. Ich ziehe gerade meinen schwarzen Anzug aus dem Schrank, als sie hereinkommt und sich gegen den Kleiderschrank lehnt.

»Du bist was trinken gegangen und hast eine tolle Frau kennengelernt, aber dann hast du Schiss bekommen, weil sie ja toll war, also hast du sie stehen lassen und bist weitergezogen, um dir eine Frau zu suchen, die nicht so toll ist. Aber das macht ja auch keinen Sinn, also bist du schließlich besoffen nach Hause gewankt, und worauf bist du nun stolz?«

Ich erinnere mich daran, sie nie wieder beim Frühstück zu stören.

»Und, wie war dein Abend?«, sage ich und ziehe mir ein dunkelblaues Hemd an, damit ich nicht aussehe wie ein Bestattungsunternehmer.

Sie zuckt mit den Schultern. Soll heißen: wieder mal zu lange gearbeitet, Schuldgefühle wegen der Kinder, Schlafstörungen wegen des Jobs und schließlich beides mit Rotwein vor der Glotze bekämpft.

Sie nippt am Kaffee und mustert mich von oben bis unten.

»Du musst nicht mitkommen …«

»Ich mochte Edith.«

»Ich weiß«, sagt sie und sieht mich prüfend an. »Ich schaffe das schon alleine.«

Sicher tut sie das, aber manche Dinge sind zu zweit viel leichter, was sie nie zugeben würde. Sie hat mehr Männlichkeitsmacken abbekommen als ich.

»Was ziehst du heute Abend an?«, lenke ich ab und steige in die Anzughose.

Sie schaut fragend drein, und ich erkläre ihr sicher zum fünften Mal, dass heute Abend der große Zehn-Jahre-ANNA-Kostümball steigt. Es ist eine dieser Partys, auf der man sein muss, weil anschließend alle ein Jahr lang darüber reden. Eine riesige Kontaktbörse. Nicht nur beruflich. Man kann dort Jobs ergattern und Familien gründen. Letztes Jahr wurde eine Kollegin von der Bunten dort schwanger. Man erfuhr nie, wer der Vater war, aber die Gerüchte hielten den Flurfunk ein halbes Jahr in Schwung.

»Ich kann nicht. LOLA, OSCAR, FERTIGMACHEN!«, ruft sie, ohne sich die Mühe zu machen, dabei in Richtung Küche zu schauen.

»Du hast es versprochen«, erinnere ich sie.

Sie versucht, schuldbewusst dreinzuschauen, was misslingt. Sie gibt den Versuch auf und verpasst mir stattdessen einen Klaps auf die Schulter.

»Wir müssen los.«

Sie geht raus. Ich schlüpfe in das Jackett und betrachte mich im Spiegel. Der Anzug passt immer noch. Mein The Sixth Sense-Anzug. Wenn ich den trage, sehe ich tote Menschen. Ich habe ihn lange nicht mehr aus dem Schrank holen müssen. Eine schöne Aussage über die letzten Jahre.

Als ich klein war, gehörte der Mai zum Frühling. Jetzt nieselt es aus einem dunklen Himmel unaufhörlich auf uns herab, und eine Windböe lässt mich frösteln. Der Friedhof ist leer, nur um ein Erdloch herum drängen sich die Menschen und kondolieren Renes Vater, der heute seine Schwester Edith verabschiedet. Es wird geschnieft, gehüstelt und leise gesprochen. Der Wind weht Satzfetzen herum, aus denen man eine universelle Trauerrede zusammensetzen könnte: Guter Mensch … so freundlich … aufgeopfert … auch in schweren Zeiten …

Renes Vater lässt eine Blume ins Grab fallen. Dann legt er seinen Kopf in den Nacken und schaut in den grauen Himmel. Ich lege meinen Arm um Renes Schultern und spüre, wie ihr Handy tonlos in ihrer Tasche vibriert. Sie macht gerade die Pressearbeit für eine TV-Castingshow, die nächste Woche in die neue Staffel geht. Gestern hat ein Reporter rausbekommen, dass der Moderator doch nicht schwul ist, und seitdem steht die Medienwelt kopf. Dass jemand seine Heterosexualität verheimlicht, ist die Hammernachricht, auf die alle gewartet haben, um diesen Tag als unvergesslich in die Annalen der Menschheit zu manifestieren. Und der Show natürlich gute Quoten zu garantieren.

Ein älteres Paar tritt ans Grab, lässt Erde auf den Sarg fallen und wechselt ein paar Worte mit Renes Vater, der regungslos dasteht wie eine knorrige Eiche. Der Wind bauscht sein weißes Hemd auf und wirbelt seine grauen Haare durcheinander. Er trägt weder Jackett noch Regenschirm. Fünfzig Jahre auf dem Bau haben ihn abgehärtet. Er ist mittlerweile siebzig, wirkt aber immer noch genauso unverwüstlich wie damals, als ich ihn zum ersten Mal sah.

Wir rücken langsam vor. Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Um achtzehn Uhr habe ich Redaktionsschluss, bis dahin muss ich einen Text abliefern, für den mir noch der Schluss fehlt. Im selben Moment wird mir klar, dass ich auf einer Beerdigung stehe und auf die Uhr schaue. Aber so ist das Leben. Es geht immer weiter. Als meine Eltern starben, habe ich das gelernt. Man denkt, die Welt müsste stehen bleiben, aber sie dreht sich weiter. Man hat weiterhin Hunger und Durst, und irgendwann ertappt man sich dabei, sich wieder über einen Sonnentag zu freuen. Zeit heilt. Eines der Weltwunder, die auf keiner Unesco-Liste stehen. Vielleicht weil es nicht immer funktioniert. Manche Dinge heilen nie wirklich, man lernt nur, so zu tun, als ob.

Wir rücken Schritt für Schritt vor und bleiben schließlich vor dem offenen Grab stehen. Rene umarmt ihren Vater, flüstert ihm etwas ins Ohr, während ich sie im Auge behalte. Ich habe sie noch nie weinen sehen, doch auf Beerdigungen kann alles Mögliche passieren. Niemand weiß das besser als ich.

Sie küsst ihn auf die Wange und löst sich. Ich trete vor und drücke seine brettharte Hand.

»Hallo, Herr Hacke. Tut mir leid um Edith.«

»Danke, Junge. Schön, dass du kommen konntest.«

Ich schaue in seine ruhigen hellen Augen. Vor fünf Jahren standen wir an einem Sommertag hier und verabschiedeten seine Frau. Da wirkte er genauso unerschütterlich.

»Passt du gut auf meine Kleine auf?«

»Ich gebe mir Mühe.«

»Gut.« Er schaut ins offene Grab, in dem jede Menge Blumen auf der Kiste liegen. »Jeder braucht jemanden, der auf ihn aufpasst.«

»Ja«, sage ich und kann plötzlich nicht mehr weitersprechen. Etwas drängt durch meine Brust und schnürt mir die Kehle zu. Tränen schießen mir in die Augen.

Er legt seine Pranken auf meine Schultern und mustert mich eindringlich.

»Alles in Ordnung, Junge?«