Dichterleben - Ludwig Tieck - ebook

Dichterleben ebook

Ludwig Tieck

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Opis

In "Dichterleben" erzählt Tieck vom Leben und Sterben der beiden englischen Poeten Marlowe und Greene. Während sich der Stern des William Shakespeare dem Zenit nähert stehen beide bald krank und mittellos vor den Scherben ihres Daseins.

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Dichterleben

Ludwig Tieck

Inhalt:

Ludwig Tieck – Biografie und Bibliografie

Dichterleben

Erster Teil

Zweiter Teil

Dichterleben, L. Tieck

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN:9783849637668

www.jazzybee-verlag.de

www.facebook.com/jazzybeeverlag

[email protected]

Ludwig Tieck – Biografie und Bibliografie

Dichter der romantischen Schule, geb. 31. Mai 1773 in Berlin, gest. daselbst 28. April 1853, Sohn eines Seilermeisters, besuchte seit 1782 das damals unter Gedikes Leitung stehende Friedrichswerdersche Gymnasium, wo er sich eng an Wackenroder anschloß, und studierte darauf in Halle, Göttingen und kurze Zeit in Erlangen Geschichte, Philologie, alte und neue Literatur. Nach Berlin zurückgekehrt, lebte er von dem Ertrag seiner schriftstellerischen Arbeiten, die er größtenteils im Verlag des Aufklärers Nicolai veröffentlichte. So erschienen in rascher Reihenfolge die Erzählungen und Romane: »Peter Lebrecht, eine Geschichte ohne Abenteuerlichkeiten« (Berl. 1795, 2 Bde.), »William Lovell« (das. 1795–96, 3 Bde.; vgl. Haßler, L. Tiecks Jugendroman »William Lovell« und der »Paysan perverti« des Rétif de la Bretonne, Dissertation, Greifsw. 1903) und »Abdallah« (das. 1796), ferner Novellen meist satirischen Inhalts in der Sammlung »Straußfedern« (1795–98), worauf er, seinen Übergang zur eigentlichen Romantik vollziehend, die bald dramatisch-satirische, bald schlicht erzählende Bearbeitung alter Volkssagen und Märchen unternahm und unter dem Titel: »Volksmärchen von Peter Lebrecht« (das. 1797, 3 Bde.) veröffentlichte. Den größten Erfolg errangen unter diesen Dichtungen die unheimlich düstere Erzählung »Der blonde Eckert« und das phantastisch-satirische Drama »Der gestiefelte Kater«. Die Richtung, die in seinen Schriften immer deutlicher hervortrat, mußte ihn in schroffen Gegensatz zu Nicolai sowie zu Iffland, dem Leiter des Berliner Theaters, bringen, während die Romantiker ihn begeistert anpriesen als ein Genie, das Goethe ebenbürtig sei. Nachdem er sich 1798 in Hamburg mit einer Tochter des Predigers Alberti verheiratet hatte, verweilte er 1799–1800 in Jena, wo er zu den beiden Schlegel, Hardenberg (Novalis), Brentano, Fichte und Schelling in freundschaftliche Beziehungen trat, auch Goethe und Schiller kennen lernte, nahm 1801 mit Fr. v. Schlegel seinen Wohnsitz in Dresden und lebte seit 1802 meist auf dem Gute Ziebingen bei Frankfurt a. O., mit dessen Besitzern (erst v. Burgsdorff, dann Graf Finkenstein) er eng befreundet war. Doch unterbrach er diesen Aufenthalt durch längere Reisen nach Italien, wo er die deutschen Handschriften der vatikanischen Bibliothek studierte (1805), sowie nach Dresden, Wien und München (1808–10). Während dieses Zeitraums waren erschienen: »Franz Sternbalds Wanderungen« (Berl. 1798), ein die altdeutsche Kunst verherrlichender Roman, an dem auch sein Freund Wackenroder Anteil hatte, »Prinz Zerbino, oder die Reise nach dem guten Geschmack« (Jena 1799), und »Romantische Dichtungen« (das. 1799–1800, 2 Bde.) mit dem Trauerspiel »Leben und Tod der heil. Genoveva« (separat, Berl. 1820) sowie das nach einem alten Volksbuch gearbeitete Lustspiel »Kaiser Octavianus« (Jena 1804), weitschweifige Dichtungen, in denen das erzählende und namentlich das lyrische Element überwiegt, aber aus einem Gewirr mannigfaltigster metrischer Ausdrucksformen gelegentlich doch echte Schönheit hervorleuchtet (vgl. Ranftl, L. Tiecks »Genoveva« als romantische Dichtung betrachtet, Graz 1899). Von den zahlreichen Übersetzungen und Bearbeitungen fremder Werke, die T. damals veröffentlichte, seien erwähnt: die fehlerhaften »Minnelieder aus der schwäbischen Vorzeit« (Berl. 1803), die gelungene Verdeutschung des »Don Quichotte« von Cervantes (das. 1799–1804, 4 Bde.), die wertvolle Übersetzung einer Anzahl Shakespeare zugeschriebener, aber zweifelhafter Stücke u. d. T.: »Altenglisches Theater« (das. 1811, 2 Bde.) u. a. Auch gab er u. d. T.: »Phantasus« (Berl. 1812–17, 3 Bde.; 2. Ausg., das. 1844–45, 3 Bde.) eine Sammlung früherer Märchen und Schauspiele, vermehrt mit neuen Erzählungen und dem Märchenschauspiel »Fortunat«, heraus, welche die deutsche Lesewelt lebhaft für T. interessierte. Das Kriegsjahr 1813 sah den Dichter in Prag; nach dem Frieden unternahm er größere Reisen nach London und Paris, hauptsächlich im Interesse eines großen Hauptwerks über Shakespeare, das er leider nie vollendete. 1819 verließ er dauernd seine ländliche Einsamkeit und nahm seinen Wohnsitz in Dresden, wo nun die produktivste und wirkungsreichste Periode seines Dichterlebens begann. Trotz des Gegensatzes, in dem sich Tiecks geistige Vornehmheit zur Trivialität der Dresdener Belletristik befand, gelang es ihm, hauptsächlich durch seine fast allabendlich stattfindenden dramatischen Vorlesungen, in denen er sich als Meister in der Kunst des Vortrags bewährte, einen Kreis um sich zu sammeln, der seine Anschauungen von der Kunst als maßgebend anerkannte. Als Dramaturg des Hoftheaters (seit 1825) gewann er eine bedeutende Wirksamkeit, die ihm freilich durch Angriffe der Gegenpartei mannigfach verleidet wurde. In der Novellendichtung, der sich T. in dieser Dresdener Zeit vor allem widmete, leistete er zum Teil Vortreffliches; aber er bahnte auch jener bedenklichen Gesprächsnovellistik den Weg, in der das epische Element fast ganz hinter dem reflektierenden zurücktritt. Zu den bedeutendsten zählen: »Die Gemälde«, »Die Reisenden«, »Der Alte vom Berge«, »Die Gesellschaft auf dem Lande«, »Die Verlobung«, »Musikalische Leiden und Freuden«, »Des Lebens Überfluß« u. a. Unter den historischen haben »Der griechische Kaiser«, »Dichterleben«, »Der Tod des Dichters« und vor allen der großartig angelegte, leider unvollendete »Aufruhr in den Cevennen« Anspruch auf bleibende Bedeutung. In allen diesen Novellen befriedigt nicht nur meist die einfache Anmut der Darstellungsweise, sondern auch die Mannigfaltigkeit lebendiger und typischer Charaktere und der Tiefsinn der poetischen Idee. Sein letztes größeres Werk: »Vittoria Accorombona« (Bresl. 1840), entstand unter den Einwirkungen der neufranzösischen Romantik und hinterließ trotz der Farbenpracht einen überwiegend peinlichen Eindruck.

T. übernahm in Dresden auch die Herausgabe und Vollendung der von A. W. v. Schlegel begonnenen Shakespeare-Übertragung (Berl. 1825–33, 9 Bde.), doch hat er selber nur die Anmerkungen beigesteuert. Die Übersetzungen A. W. v. Schlegels (s. d.) wurden zum Teil mit eigenmächtigen Änderungen wieder abgedruckt, die übrigen Stücke übersetzten Tiecks Tochter Dorothea (geb. 1799) und Wolf Graf von Baudissin (s. d.). Diese beiden verdeutschten auch noch sechs weitere Stücke des alten englischen Theaters, die T. als »Shakespeares Vorschule« (Leipz. 1823–29, 2 Bde.) mit ausführlicher literarhistorischer Einleitung herausgab. Ebenso stammen aus dieser Zeit mehrere mit Einleitungen versehene Ausgaben von Werken deutscher Dichter, auf die er die Aufmerksamkeit von neuem hinlenken wollte. So hatte er schon 1817 eine Sammlung älterer Bühnenstücke u. d. T.: »Deutsches Theater« veröffentlicht (Berl., 2 Bde.). Dann gab er die hinterlassenen Schriften Heinrichs v. Kleist (Berl. 1821) heraus, denen die »Gesammelten Werke« desselben Dichters (das. 1826, 3 Bde.) folgten, ferner Schnabels Roman »Die Insel Felsenburg« (Bresl. 1827) und die »Gesammelten Schriften« von J. M. R. Lenz (Berl. 1828, 3 Bde.). Aus seiner dramaturgisch-kritischen Tätigkeit erwuchsen die wertvollen »Dramaturgischen Blätter« (Bresl. 1825–26, 2 Bde.; Bd. 3, Leipz. 1852; vollständige Ausg., das. 1852, 2 Tle.). 1837 verlor T. seine Frau, seine Tochter Dorothea starb 21. Febr. 1841. In demselben Jahre wurde er vom König Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin berufen, wo er, durch Kränklichkeit zumeist an das Haus gefesselt, ein zwar ehrenvolles und sorgenfreies, aber im ganzen sehr resigniertes Alter verlebte. Sein Bildnis s. Tafel »Deutsche Romantiker« (Bd. 17). Seine »Schriften« erschienen in 20 Bänden (Berl. 1828–46), seine »Kritischen Schriften« in 2 Bänden (Leipz. 1848), »Gesammelte Novellen« in 12 Bänden (Berl. 1852–54), »Nachgelassene Schriften« in 2 Bänden (Leipz. 1855). »Ausgewählte Werke« Tiecks gaben Welti (Stuttg. 1886–1888, 8 Bde.), Klee (mit Biographie, Einleitungen und Anmerkungen, Leipz. 1892, 3 Bde.) und Witkowski (mit Einleitung, das. 1903, 4 Bde.) heraus. Aus Tiecks Nachlaß, der sich in der Berliner Bibliothek befindet, veröffentlichte Bolte mehrere Übersetzungen englischer Dramen, unter andern »Mucedorus« (Berl. 1893). Die Ungleichheit von Tiecks Leistungen ist z. T. auf sein improvisatorisches Arbeiten zurückzuführen, das ihn selten zu reiner Ausgestaltung seiner geist-, phantasie- und lebensvollen Entwürfe gelangen ließ; die Gesamtheit seiner Schriften verrät deutlich die Weite und Größe seines Talents. R. Köpke, der T. in den letzten Berliner Jahren nahe stand, veröffentlichte eine ausführliche Biographie u. d. T.: »Ludwig T., Erinnerungen aus dem Leben etc.« (Leipz. 1855, 2 Bde.). Vgl. außerdem H. v. Friesen, Ludwig T., Erinnerungen (hauptsächlich aus der Dresdener Zeit, Wien 1871, 2 Bde.); »Briefe an Ludwig T.« (hrsg. von K. v. Holtei, Bresl. 1864, 4 Bde.); Ad. Stern, Ludwig T. in Dresden (in dem Werk »Zur Literatur der Gegenwart«, Leipz. 1880); Steiner, Ludwig T. und die Volksbücher (Berl. 1893); Garnier, Zur Entwicklungsgeschichte der Novellendichtung Tiecks (Gieß. 1899); Mießner, L. Tiecks Lyrik (Berl. 1902); Ederheimer, Jak. Böhmes Einfluß auf T. und Novalis (Heidelb. 1904); Koldewey, Wackenroder und sein Einfluß auf T. (Leipz. 1904); Günther, Romantische Kritik und Satire bei Ludwig T. (das. 1907). – Tiecks Schwester Sophie T., geb. 1775 in Berlin, verheiratete sich 1799 mit Aug. Ferd. Bernhardi (s. d.), von dem sie 1805 wieder geschieden wurde, lebte dann in Süddeutschland und mit ihren Brüdern, dem Dichter und dem Bildhauer, längere Zeit in Rom, später in Wien, München und Dresden. 1810 schloß sie eine zweite Ehe mit einem Esthländer, v. Knorring, dem sie in dessen Heimat folgte, und starb dort 1836. Sie hat außer Gedichten, z. B. dem Epos »Flore und Blanchefleur« (hrsg. von A. W. v. Schlegel, Berl. 1822), auch Schauspiele und einige Romane, wie »Evremont« (hrsg. von Ludw. T., das. 1836), geschrieben.

Dichterleben

Erster Teil

»Ha! meine lieben täglichen Gäste!« rief der runde Wirt mit seiner tönenden Stimme; »seid mir gegrüßt, werte, geehrte Herren! der Platz ist schon für euch zubereitet.«

Zwei Männer waren in den geräumigen Saal getreten, dessen Kühlung ihnen bei der zunehmenden Hitze der Sommertage angenehm dünkte. Der Tisch stand am großen Fenster, welches um einige Schuhe in die Straße hinausgebaut war; das Morgenlicht glänzte durch die runden in Blei gefaßten Scheiben, und malte sich auf dem Boden, den man mit frischen grünen Binsen bestreut hatte. Der älteste von den Fremden war ein Mann von mittlerer Größe, mit schönen braunen Augen, einer fein gebogenen Nase und kräftigen, freundlichen Lippen. Der jüngere Mann war höher und schlanker, seine Augen glänzten feuriger, und seine Gebärden sowie sein Gang waren rasch und heftig. »Ist der fremde Mensch, der immer da hinten sitzt, noch nicht wieder erschienen?« fragte dieser mit hochfahrendem Ton.

»Seitdem nicht wieder«, antwortete der Wirt, »als Ihr ihn neulich etwas hart angelassen habt. Er wird sich wohl haben wegschüchtern lassen, denn er scheint eine stille Seele.«

»Das sollte mir leid tun«, sagte der heroische junge Mann, »sowohl um ihn, als um Euch. Ich spreche auch manchmal selbst gern mit dergleichen mittelmäßigen Gesellen, denn man lernt auch von diesen furchtsamen Geistern. Und ich muß keine Vogelscheuche für Eure Gäste werden. – Aber wer ist er denn eigentlich?«

»Darauf kann ich Euch nicht dienen« – sprach der Wirt mit unterdrückter Stimme, indem er sich furchtsam umsah, ob auch der Fremde, von dem die Rede war, nicht unbemerkt eintrete; »denn er läßt sich nicht ausfragen. Ich kann nur soviel melden, daß ich ihn schon so ein sechs oder sieben Jahre über die Straßen wandeln gesehn; und wenn ich mich nicht sehr irre, so ist er eine Zeitlang Schreiber und Gehülfe bei einem Sachwalter gewesen, und dieselbe Würde mag er auch wohl noch bekleiden.«

»Wie? neugierig! Freund Christoph?« sagte der ältere Mann der sich indessen schon behaglich niedergesetzt hatte; »es freut mich, daß doch auch eine weibliche Tugend Eure männliche heroische Kraft etwas mildert und mäßigt.«

»O Robert! trinklustiger Robert!« rief der jüngere, indem er sich zu ihm setzte; »dir währt es zu lange, den Wein im Becher rieseln zu hören. Dein Gemüt ist ganz auf die Flasche gerichtet, und die Nachrichten, die sie dir mitteilen kann, scheinen dir die einzig wichtigen. – Aber ist sonst nichts Neues vorgefallen?« so wandte er sich wieder an den Wirt, der das Zimmer schon verlassen wollte.

»Ein reicher Squire aus Yorkshire ist gestern abend angekommen, mit Pferden und Leuten«, antwortete der Wirt, »und hat meine besten Zimmer da droben gemietet. Übrigens ein vernünftiger Mann, der mit allen Dingen zufrieden ist. Er sagt, er sei schon vor vier Jahren hier in London gewesen, damals, als wir mit der unüberwindlichen spanischen Armada zu tun hatten; er will sogar hier gewohnt haben, aber ich kann mich seiner nicht erinnern. Ein Patriot ist er, wie es nur einen geben kann; denn von unserer Königin Elisabeth spricht er nur mit Verbeugungen und der Hand auf dem Herzen.«

»Das muß ein echter Engländer sein«, sagte Robert, als der Wirt hinausgegangen war. »Aber trinkt doch, Christoph, Ihr scheint mir heut nicht so heiter, als gewöhnlich.«

»Ich bin es auch nicht«, sagte jener, »indem er den vollen Becher nachdenkend erhob. Ist es dir wohl schon vorgekommen, daß du das Ende eines Gedichtes nicht finden konntest, welches du mit Begeisterung angefangen hattest?«

»Nein«, sagte Robert, »denn ich kann gar nicht schreiben, wenn es mir nicht leicht wird, und von allen Dingen ist mir der Schluß am leichtesten, ich fange gewissermaßen mit ihm an, denn er ist fast das erste, worüber ich mit mir selber einig werden muß, und so strebt denn nachher alles von selbst diesem Ziele zu.«

»So ist es nicht gemeint«, sagte der heftige Mann, »und du hast die Gabe, mich mißzuverstehn. So im wachen Schlummer weiterdichten, und das Ding nun endlich auch schließen, je nun, das kann ich wohl ebenfalls, wenn ich diesen schläfrigen Fleiß einmal in Anspruch nehmen will. Aber neu zu sein am Schluß, mit großen Gedanken zu endigen, mit Gefühlen und Erschütterungen, die bis dahin in der Tragödie selbst noch nicht auftraten, und die doch in der Sache liegen, so ein Gemälde hinzustellen, das nun noch endlich, nach allen vorhergegangenenen Rührungen, die ganze Seele umwühlt und das Herz wie zerschmettert: das Bild dieser erhabenen Angst steht mir so lebhaft vor Augen, daß ich mich selbst verwundern muß, wie ich es nicht schon längst viel mächtiger irgendwo habe abzeichnen können.«

»Ja, ja«, sagte Robert wie gerührt, »dies verwünschte Theaterwesen, das uns unsre Bemühungen doch so wenig dankt und belohnt, es reibt unsere besten Kräfte auf; und dich nun gar mit deiner Teufelstragödie, diesem Faust, den dir selbst ein böser Geist als Arbeit hingeschoben hat. Du bist seit dieser Anstrengung, die dich quält, niemals wieder so übermütig gewesen, wie im Frühjahr. Ich erlebe es noch, daß er sich vor seinen eignen Teufeln fürchtet und von den Mißgeburten seiner Phantasie bekehren läßt.«

»Wenn ich Robert Greene hieße!« erwiderte jener; »o du zerknirschter Sünder, der du immer nur in dem Eise der Untugend und im Auftauen der Reue und Buße lebst, wie Aprilwetter, Schnee und Sonnenschein im unbefestigten Gemüt, der sich nur im Hin-und Herschwanken seiner selbst bewußt wird, der nur daran weiß, daß er lebt, alle Morgen die besten Vorsätze zu fassen und sie alle Mittage beim ersten Glase Wein in schlaffer Begeisterung zu vergessen. Deine Tugend ist ein Tagesschmetterling, der das Abendrot nicht leuchten sieht. Wenn ich dich noch einmal stark und konsequent sehen sollte, so würde ich ohne Bedenken alle Wunder glauben.«

Robert lachte herzlich, indem er sagte: »Du bist noch niemals zur Reue und Buße reif geworden, deine Verstocktheit hältst du für Kraft, und doch ist sie eben die schlimmste Schwäche. Wenn dein Herz einmal aufginge und sich zerknirschen lernte, so würdest du über die Macht und Fülle erstaunen, die von dort aus dein ganzes Wesen kräftigte. Aber der gebrechliche Mensch hält den Felsenstein für stärker, als die Blüte der Pflanzen, und doch sind es die Wurzeln des Baumes, die jenen sprengen, wenn dieser allgemach und unmerklich in die Klippe hineinwächst. Doch laß deinen Hohn, ich schweige und will durch meine Worte den Teufel nicht um sein rechtmäßiges Eigentum bringen.«

»Wenn er sich noch um mich bemüht«, sagte jener, laut auflachend, »so hat er dich schon vergessen, und das ist es eben, was dich kränkt, so daß du ihn täglich bettelnd anläufst und ihn mit Tränen anflehst, er möge dich doch nicht ganz verschmähen, du seist ja ein ganz gutes Stück Menschenwesen und ein trefflicher Kopf, wie sie alle sagen, und tragest Inklination zu ihm und Liebe; er möge sich also durch das bißchen Reue und Frömmigkeit, das du der schwachen Gesundheit wegen alle Morgen beim Frühstück zu dir nehmen müssest, nicht irremachen lassen, denn es sei so böse nicht gemeint; kenne er doch selbst dein beständiges Herz, das von seiner alten Liebe nicht lasse. Nicht wahr, du Dreiviertel-Epikuräer und Einachtel-Puritaner, so ist dein Verhältnis zu deinem Lehnsherrn, der höchstens einmal mit dir mault, wenn er an dich denkt?«

Als sie sich umsahen, hatte sich der junge Mann, den sie für einen Schreiber hielten, wieder still mit seinem Wein in den Hintergrund des Zimmers gesetzt. »Glaubt Ihr auch einen Teufel?« rief der Redende zu jenes Tisch hinüber.

Der Unbekannte, nachdem er den Fragenden erst anständig begrüßt hatte, antwortete mit einem stillen Lächeln: »Herr Marlowe, wenn man ihn glaubt, muß man sich nur hüten, nicht an ihn zu glauben, und wenn man ihn leugnet, daß er es nicht selber sei, der uns die Worte in den Mund legt.«

»Sieh, lieber Greene«, sagte Marlowe, »da hat uns der gute junge Mann eine nachdenkliche Rede zur Antwort gegeben.«

»Eines Doktors nicht unwürdig«, antwortete Greene, »ob sie gleich deiner Frage nicht genugtut.«

Das Gespräch wurde unterbrochen, indem sich oben im Saal die Glastür öffnete, die einen Altan verschloß. Der Wirt zeigte sich oben, und mit ihm ein fein gekleideter Mann, der auf die Gesellschaft unten mit großer Aufmerksamkeit herniedersah, sie dann höflich begrüßte und sich mit dem Wirt wieder entfernte. Man hörte hierauf im obern Zimmer sprechen. Nicht lange, so erschien unten ein zierlich gekleideter Page, der auf einem silbernen Teller eine Flasche alten Rheinwein, Zucker und eingemachte Früchte trug. Der junge Mensch sah sich verlegen im Saale um, musterte die Sitzenden, und ging dann mit bäurischem Wesen auf den jungen unbekannten Mann am Nebentischchen zu, indem er stotternd sagte: »Mein gnädiger Herr, der Squire Wallborn von Eschentown in Yorkshire, empfiehlt sich und bittet in dieser geringen Gabe um die Erlaubnis, mit dem werten Herrn durch Besuch und Gespräch eine Bekanntschaft anzuknüpfen.«

»Mit mir?« sagte der Mann im schwarzen Kleide; »Ihr irrt Euch, junger Freund.«

»Gewiß nicht«, antwortete der Page, »mein Herr hat mir Euch deutlich beschrieben und mir noch obenein gesagt: ich könnte gar nicht fehlen, denn der Herr sei gemeint, der solch edles königliches Wesen habe.«

Die beiden Freunde am Fenster, die das Mißverständnis sogleich begriffen, konnten ein lautes Lachen nicht unterdrücken, und der Fremde, der darüber weder verlegen noch beleidigt schien, ergötzte sich ebenfalls an demselben. Nur der Squire, den das Gelächter, welches er nicht erwartet hatte, wieder auf den Altan lockte, teilte die frohe Stimmung nicht, sondern rief mit lauter Stimme von oben herab: »Dummkopf!« und winkte mit heftiger Gebärde, so daß der Page, noch verlegener, stumm und unentschlossen in der Mitte des Saales stand, indem sein Herr fortfuhr: »Dorthin! zum Herrn im roten Mantel sollst du gehn, zu dem großen majestätischen Mann!« Der Page folgte, im ganzen Gesichte blutrot, der ungestümen Anweisung, konnte aber jetzt kein Wort mehr hervorbringen, sondern setzte zitternd das Silbergeschirr mit allem, was darauf stand, auf den Tisch und entfernte sich dann mit einer stummen Verbeugung. Beschämt über die eigne Heftigkeit, hatte indessen auch der Squire den Altan wieder verlassen, er trat jetzt zu den übrigen in den Saal und nahte sich der Gruppe am Fenster, indem er sagte: »Verzeiht, meine geehrtesten Herren, die Ungeschicklichkeit meines jungen, noch unerfahrenen Dieners, und haltet es für keine Anmaßung, wenn ein Fremder, der keine Verdienste für sich kann reden lassen, von dem Rufe so ausgezeichneter Geister angezogen, den Wunsch hegt, mit Männern in Bekanntschaft zu treten, die ihrem Vaterlande so große Ehren machen.«

Greene verbeugte sich stillschweigend, und Marlowe, der wohl gesehen, daß nur ihm eigentlich die Botschaft des Edelmannes gegolten hatte, nahm das Wort und drückte mit Beredsamkeit die große Freude aus, die ein Dichter empfinden müsse, wenn es seinen Versuchen gelänge, ihm auch in der Ferne und unter angesehenen und ausgezeichneten Männern Freunde zu erwerben, unter denen der Beifall eines Verständigen das unbestimmte Urteil Unzähliger aus der unwissenden Menge aufwiege.

Der Squire, der ein Mann von Erziehung war, hielt es für notwendig, auch jenem Unbekannten eine kleine Entschuldigung zu sagen; doch dieser kam ihm, als er seine Rede eben erst begonnen hatte, mit Freundlichkeit zuvor, indem er sprach: »Bemüht Euch nicht, Sir, mir tut nur der arme junge Mensch leid, den Ihr beschämtet; laßt Euch nicht stören, ein Gespräch fortzusetzen, das Euch zu wichtig sein muß, um die Zeit mit einem Unbekannten zu verlieren.«

Diese Worte, höflich, aber sorglos hingesprochen, vermochten den Edelmann, auch diesen Unbekannten mit an jenen Tisch zu laden, welchen die Aufwärter von neuem mit Wein und Früchten besetzten. Der gleichgültige Greene machte dem Schreiber, wie man ihn nannte, freundlich an seiner Seite Platz; doch Marlowe rückte mit einer kleinen Empfindlichkeit weiter zurück und dem Edelmanne näher. Diesem entging diese Unart nicht und er sagte gutmütig: »Wer sich nicht selber als Dichter zeigen kann, der wird wenigstens dadurch geadelt, wenn er die Werke edler Geister versteht und liebt; und darum dränge ich mich mit halbem Vertrauen in Eure Gesellschaft und bitte diesen jungen Mann, sich uns zu nähern, da seine Worte und sein Wesen wohl deutlich verraten, daß er die Dichter seines Landes zu würdigen weiß.«

Der Wein und heitere Gespräche machten bald alle, die sich bis dahin fremd gewesen waren, miteinander bekannt. Der hochfahrende Marlowe vergaß es endlich, daß der Edelmann ihn nach seiner Meinung durch das Herbeiziehen des Fremden ebensosehr gedemütigt, als durch seine zuvorkommende Höflichkeit ihm geschmeichelt hatte. »Wie wohl ist es mir«, sagte der Squire, »jetzt wirklich neben dem Manne zu sitzen, der mein ganzes Herz schon lange bewegt hat, der unter den Dichtern, die jetzt leben, oder von denen ich wenigstens Kunde habe, unbedingt den ersten Platz einnimmt!«

»Es gibt Stunden«, antwortete Marlowe errötend, »in denen sich mein berauschter Geist auch wohl dergleichen träumen läßt; aber noch habe ich weder die Muße noch die Stimmung gefunden, um etwas von dem ausrichten zu können, was die Begeisterung meiner Jugend sich vorgesetzt hat. Alles, was die Welt von mir kennt, sind nur Spiele und Übungen.«

»Ihr seid zu bescheiden«, erwiderte der Squire; »wo haben wir nur etwas Ähnliches, wie Eure Übersetzungen des Ovid, oder des Musäus? Ihr macht unsere Sprache erst mündig, daß sie die Töne der Kraft, Bedeutsamkeit und Tiefe lieblich aussprechen lernt. Eure Lieder sind zart und wohllautend, Eure Tragödien donnernd, und in allem, was Ihr dichtet, regiert ein Ungestüm, ein Sturm der Leidenschaft, der uns auch wider unsern Willen in fremde Regionen hinüberreißt, was mir eben das wahre Kennzeichen eines echten Dichters zu sein scheint.«

»Ich kann auch nur dichten«, fuhr Marlowe fort, »wenn eine Stimmung mich aufregt und unwiderstehlich zu Versen und Erfindungen zwingt. Scheint es mir doch manchmal in süßer Täuschung, als führe ein fremder, höherer Geist dann meine Feder. Ich kann wohl selbst, wenn diese edle Raserei mich wieder verlassen hat, über das erstaunen, was ich niedergeschrieben habe. Ich glaube auch nicht, daß man in der Tragödie auf andere Art etwas leisten kann; denn wie soll das Übermenschliche zur Sprache kommen, wenn der Dichter nicht selbst außer sich versetzt wird, und in jenem zitternden Zustand des prophetischen Wahnsinns mit seinem unsterblichen Auge die Dinge wahrnimmt, die seinem irdischen immerdar verschlossen bleiben? Glaubt mir, von allen Trefflichkeiten, die ich an meinem Freunde Greene hier bewundere, beneide ich ihm die Gabe am meisten und begreife sie am wenigsten, daß er in allen Stunden und Stimmungen, sowie er sich nur dazu entschließt, schreiben und dichten kann.«

»Wenn das nur irgend Wahrheit enthält«, antwortete Greene mit furchtsamer Stimme, »was Ihr kurz vorher geäußert habt, so dürfte dies Talent kein beneidenswertes sein, da es mir durch dieses ja eben auf ewig unmöglich wird, das Höchste oder die wahre Krone der Poesie zu erfassen. Ich bleibe gewiß nicht darin zurück, den Schwung Eures Geistes zu bewundern, und es mag seine vollkommene Richtigkeit haben, daß nur in Stunden der Weihe, wenn der Himmel unsers Innern ganz klar und blau ist, dieser Adler am freudigsten seine Schwingen entfaltet, um in der höchsten Region die Strahlen der Sonne zu trinken: – aber, es ist nicht zu leugnen, daß Ordnung, Ausdauer und Festigkeit viel über uns vermögen, die Ihr, mein edler Freund, bei Euern Arbeiten eben allzusehr verschmäht. Diese Ordnung, wenn Ihr sie Euch aneignen möchtet, würde Euch wohl jene Begeisterung selbst zugänglicher machen, so daß Ihr, der freieste und kühnste aller Menschen, nicht fast täglich der Sklave Eurer Laune und Stimmung zu sein brauchtet.«

»Gar recht«, erwiderte Marlowe, »wenn es ein anderer sagt; für mich aber unpassend, weil ich eben ein anderer sein müßte, als der ich bin, um solchem guten Rate Folge leisten zu können.«

»Ich im Gegenteil«, fuhr Greene fort, »fühle mich fast immer in einer gewissen gerührten, poetischen Stimmung; mein äußeres und inneres Leben, Wirklichkeit und Phantasie sind gar nicht so getrennt, wie bei Euch und vielen andern Menschen: darum arbeite ich ganz leicht und ohne andere Unterbrechung, als die ich mir selbst willkürlich mache. Daher kommt es auch, daß ich Lust und Spaß in meinen Dichtungen besser brauchen kann als Ihr: denn so viel Euch die Natur auch mag geschenkt haben, so ist Euch denn doch der Scherz versagt, und sooft Ihr, der Minerva zum Trotz, das Lachen habt erregen wollen, ist es Euch niemals damit geglückt.«

»Nein«, fiel der Edelmann ein, »vielleicht ist es auch unmöglich, das Heroische, Große und Furchtbare so schön ausdrücken zu können, und zugleich so leichtes Blut zu haben, daß Witz, Scherz und Lust aus dem schäumenden Becher der Begeisterung sprudeln. Ich glaube fast, ohne irgendeinem geehrten Talent zu nahe zu treten, diese Lust sei auf einer niedrigern Stufe zu finden, und verlange auch darum nicht so die Anstrengung des ganzen Menschen und aller seiner Kräfte. Ein Riese kann nicht zugleich, wenn er Bäume entwurzelt, ein zierlicher Tänzer sein.«

Der junge Mann im schwarzen Wams lächelte still vor sich hin. »Ihr scheint nicht ganz meiner Meinung«, sagte der Squire zu ihm, indem er ihm von neuem einschenkte. – »Verzeiht«, antwortete dieser, »mir fiel nur ein, ob der Mensch nicht mehr sei, als der Riese; wir freuen uns wenigstens in den Gedichten, wenn der Gigant von der edlern Kraft bezwungen wird, und ein Alexander oder Heinrich der Fünfte von England kann nach der gewonnenen Schlacht schwärmen und trinken, ohne sich zu entadeln; und so gibt es auch vielleicht eine Poesie, die alles verbinden mag.«

»Wenn der Blinde von der Farbe spricht«, fuhr Marlowe dazwischen und sah den Unbekannten mit einem zornigen Blicke an, »so erfahren wir freilich neue Dinge, die aber von der Sache selbst weit entfernt sind.«

Der Squire, welcher Streit vermeiden und seinen Liebling bei guter Laune erhalten wollte, wendete das Gespräch auf die weichen Verse und üppigen Schilderungen, in welchen Marlowe damals den größten Ruhm genoß, deswegen aber auch von Gegnern und moralischen Lesern getadelt wurde, so daß das geistliche Gericht selbst seine Übersetzungen der Ovidischen Gedichte verbieten wollte. »Der Streit«, fuhr der Edelmann fort, »über die Unmoralität der Poesie ist noch nie so lebhaft als in unsern Tagen geführt worden, und wenn die Gegner derselben nur einigermaßen recht haben sollten, so muß man zugestehen, daß ein frommer Wandel, bürgerliche Tugend und Unbescholtenheit sich nicht mit der Dichtkunst vereinigen lassen.«

»Diese Gegner«, sagte Marlowe sehr lebhaft, »sind doch nur jene puritanischen Reiniger und Ausfeger, die nicht nur die Poesie, sondern alle Kunst, selbst Wissenschaft, ja wenn man ihnen folgte, den Unterschied der Stände, Adel, König und Geistlichkeit aus dem Staate hinausreinigen möchten. Wie es aber bei der großen Gliederung der menschlichen Gesellschaft nicht möglich ist, die scheinbaren Gebrechen, Armut, Druck, Gewalttätigkeit, Laster, völlig aus dem Ganzen herauszunehmen, weil man dadurch nicht nur die Tugenden zugleich mit vernichten, sondern auch das Gebäude der majestätischen Weisheit zertrümmern würde: so ist es auch auf ähnliche Weise mit der Poesie beschaffen. Wir wissen es alle und beklagen es in vielen Stunden, daß der Reiz der Sinne so mächtig über uns walte, aber wir müssen auch zugleich im Bereuen gestehen, daß es unmöglich ist, ihn zu vernichten: denn die Erscheinung des Lebens selbst müßte mit ihm zugleich zugrunde gehen. Wo sich das Bewußtsein des Lebens in kräftiger Brust erhebt und in Bildern, süßen Tönen und Akkorden seine Regung kundgeben will, da nimmt es diesen innigsten Trieb in seinen glänzenden Banden gefangen und führt ihn an die höchste Grenze des Sichtbaren, in Üppigkeit, Reiz und Wollust hinein, dahin, wo die reinste und heißeste Flamme des Lebens brennt. In dieser Flamme schwingt sich der Geist der Dichtkunst kühn und in allen Farben und Gestalten um; und so wie Liebe, Sehnsucht, Schmerz und das geistigste Verlangen sinnlich in Befriedigung, in irdischer Sättigung erlöschen und sich sänftigen: so kann das Himmlische, Lautere, Wundervolle nicht anders als in Reiz und sinnlicher Üppigkeit seine Blumenkrone und seinen farbigen Ausdruck finden. Wie die verschiedenen menschlichen Geister auch gestimmt oder mißtönend sein mögen, hier verstehen sich alle, wenn sie noch unbefangen und natürlich sind. Diejenigen, die mich also hierüber tadeln, schelten nur die Begeisterung selbst, jene Lebenskraft, die im geheimen Dunkel der Seele in Sehnsucht sich erhebt und um sich schaut, mit klaren und immer glänzendern Augen das Wunder ihrer Bestimmung erkennt, und so den süßen Trieb, der die ganze Welt erregt, in Liebe mit sich nimmt, um das in Bild und Figur zu setzen, was sonst ewig tot und formlos sein würde. Ist es nun anders mit der Sehnsucht nach Schmerz und Leid? In einem geheimnisvollen Gelüste, aus Furcht, Grauen und Mitleid gemischt, greift die Seele zum Schrecklichen und sättigt ihren furchtbaren Hunger an Gebilden von Blut und Mord; Grausamkeit, Mordlust, die in der Brust des Menschen schlafen, werden von ihren Ketten gelöst, und in der Erhabenheit triumphiert die wilde Natur, rot von Blut, in Schauder und Graus. Und dieser Trieb, der den Menschen, in der Wirklichkeit wie in der Poesie, hoch über sich selbst hinausreißt, ist innigst mit jener schmelzenden Wollust verwandt, ist wohl derselbe magische Wunsch, zu schaffen und zu vernichten, in der höchsten Liebe zu verderben und in der Blutgier mit den feinsten Herzensfibern zu schwelgen. Daher sind der Tragödie die Tyrannen so notwendig; daher die Liebe keinem Gedicht fehlen darf, das unsere Seele vom Schlaf erwecken soll; darum wird auch die Liebe, wenn ihre Begeisterung gestört, wenn ihr Genuß gehindert wird, in wilden Gemütern Mord, und darum sind alle Tyrannen wollüstig gewesen und in der Gier der Liebe am furchtbarsten.«

»Trefflich!« rief der Squire; »dies grauenhaft Gespenstische, innigst mit dem Lieblichen vermählt, zieht mit feingeistigen Schauern durch die fernsten Tiefen unserer Seele. Wie habt Ihr soeben herrlich Eure große Tragödie. ›Die Herrschaft der Lust‹ charakterisiert, in welcher wir den gräßlichen Mohren hassen und bewundern, uns vor ihm entsetzen und ihn doch gewissermaßen lieben müssen. Dieses ganz in Blut getauchte Trauerspiel, so wie Euer ›Jude von Malta‹, haben mir immer vorzüglich gefallen.«

So willig und mit leichtem Sinne Greene in alle diese Bewunderung einstimmte, so mochte es ihn doch etwas verdrießen, daß von ihm so wenig die Rede sei; er sagte daher mit einem launigen Lächeln, das ihm sehr gut stand: »Ich wette, unser junger Gast dort, wenn er nur reden dürfte, hat auch hierüber manches zu sagen: denn auf seiner hohen Stirn schienen mir einige Gedanken und Zweifel wie leichte Wolken hinzuschweben, und in den feingezogenen Augenbraunen wandelten Einwürfe aller Art, die der Mund nur verschweigen muß.«

Der Squire sah den Fremden nachdenkend an, und Marlowe rief: »Er rede! das soll von mir nicht gesagt werden, daß ich wie ein Tyrann das Gespräch beherrsche; daß in meiner Gegenwart, er sei auch, wer er sei, wenn er einmal zu unserer Gesellschaft gehört, irgendeinem Manne nicht zu sprechen erlaubt sei.«

»Nun?« sagte der Squire; »laßt hören, junger Freund, ob sich Herr Greene in Ansehung Eurer Mienen nicht geirrt hat, und ob Ihr wirklich von der Sache etwas versteht.«

»Der Gegenstand ist zu wichtig«, antwortete der Unbekannte, »als daß ich mir einbilden könnte, über ihn, besonders Meistern gegenüber, etwas Bedeutendes zu sagen. Herr Marlowe hat Gedichte geliefert, die wir alle bewundern, das ist die Hauptsache. Jener Sinnenreiz, von welchem er behauptet, daß er gewissermaßen den Einschlag unsers Lebens ausmacht, so daß ohne ihn kein Gewebe, und noch weniger künstliche Figuren in demselben möglich sind, ist gewiß nicht abzuleugnen. Nur fragt es sich, ob er an sich selbst, als Naturtrieb, in seiner Wirkung und Kraft, seien sie auch gewaltig, eben schon eine Aufgabe für die Poesie, oder gar die Krone derselben sei. Wie alles Schaffen doch nur ein Verwandeln ist, so dünkt mir, wäre es der Zweck des Dichters und sei es von je gewesen, denselben Trieb, der das Tier roh und stark und die Blume geheimnisreich erregt und entwickelt, in himmlische Klarheit, in Sehnsucht nach dem Unsichtbaren zu steigern, so das Leibliche mit dem Geistigen, das Ewige mit dem Irdischen, Cupido und Psyche, im Sinne des alten Märchens, auf das innigste in Gegenwart und mit dem Beifall aller Götter zu vermählen.«

»Seht!« sagte Marlowe, »der junge Freund ist nicht ganz ohne Belesenheit; nur muß ich glauben, daß auf diesem Wege Leidenschaft und Feuer sich in ein Nichts hinein verflüchtige und zerstreue. Wer das Leben auf diese Art auflösen will, findet immer nur den Tod. Das möchte denn eben wohl das Gegenteil aller Poesie werden und in jene kalten Allegorieen ausarten, die als leere Schemen jedes Herz mit Frost ernüchtern. So waren die alten Moralitäten, deren wir noch einige besitzen; so sprachen die hochgepriesenen Gedichte jenes petrarkischen Surrey, des Freundes von unserm achten Heinrich; daran leidet, seine Bewunderer mögen sagen was sie wollen, die herrliche Feenkönigin unseres Spenser, den viele, die sich selbst die Bessern nennen, zum größten, ja zum einzigen wahren Dichter Englands stempeln wollen. Da würdet Ihr, Sir, mit der Bewunderung Eures armen Marlowe nur übel ankommen, der sich zwar selbst gern in diesen grünen Waldschatten der spenserschen Dämmerung ergeht, die so lieblich vom Bachgeriesel und fernem Nachtigallenton erfrischt, von Duft durchhaucht und Mondlicht durchspielt wird, aber auch im Genuß mit Schlummermüdigkeit und schweren Träumen nicht selten bedrückt.«

»Diese ersten drei Bücher, die nur noch erschienen sind«, sagte der Squire, »sind plötzlich so wundersam da, wie zuweilen der Frühling mit allem Laube und seinen Blüten. Das Wunder erstaunt, entzückt und betäubt gewissermaßen; ob Sommer und Herbst schöner, oder in anderer Art herrlich sein könnten, fällt uns fürs erste nicht ein. Das scheint mir ausgemacht, ein neuer Ton, ein neues Streben, eine so noch nie vernommene Sprache und Versart erklingt bezaubernd; ja selbst jene Dämmerung und süße Ermattung, von welcher Ihr eben spracht, scheint mir diesem Werke und seinen dunkeln Schatten und tiefen, harmonischen Farben unentbehrlich.«

»Zwölf solcher Bücher«, sagte Marlowe, »und jedes Buch von zwölf Gesängen soll das Ganze enthalten, wenn es vollendet ist. Wer wird es lesen können? Werden nicht eine Menge leerer Lückenbüßer, viele allegorische nüchterne Schilderungen und Reden sich einfinden müssen, um nur das weitläufige Gebäude, welches hier einen Flügel, dort eine Kolonnade der Symmetrie wegen alsdann notwendig macht, völlig auszubauen? Schon jetzt ist dergleichen prosaische Notdurft, die aus der Poesie nicht entspringt, nicht zu verkennen. Aber Ihr habt recht, diese Gesänge berauschen, wie ein neuer Wein, die ganze Nation. Wenn ich über diesen Punkt etwas verschieden denke, so geht es mir mit der gepriesenen Arkadia unsers Philipp Sidney nicht anders. Meiner Ungeduld sind dergleichen Bücher zu lang; am wenigsten kann sie der oft lesen, der selbst etwas hervorbringen will. Von der Feenkönigin wollen viele jetzt behaupten, sie werde die Grundlage unserer wahren Nationalpoesie für die Zukunft ausmachen; und ich schmeichelte mir oft, daß ich und meine Freunde diese auf unsere Weise befestigen würden: denn wie jene, wenn auch poetischen, doch sonderbaren Gesänge jemals vom Volke ganz sollen verstanden und mit Wohlgefallen genossen werden, bin ich nicht fähig einzusehen. Seit unserm Chaucer, denk ich, ist nichts gedichtet worden, was eben dem ganzen Volke gehöre, und von dem herrlichen Alten sind es doch auch eigentlich nur die Canterbury-Erzählungen, die ich hier meine, und unter diesen wieder die witzigen und komischen, samt der unvergleichlichen Schilderung der Personen, die jedem Engländer für alle Zeiten als Muster gelten sollten. Das ist die hellste Lustigkeit und der klarste Verstand, die mir in allem, was ich nur gelesen habe, jemals vorgekommen sind.«

»Ihr habt«, fing der Edelmann wieder an, »schon genug getan, auch Eure Freunde stehen Euch darin bei, und Eure Schüler und Nachkommen werden hoffentlich darin fortfahren, das Ferne, Unbestimmte, Vergeistigte zu vermeiden. Wie erfreulich, daß Ihr in Eurem Eduard dem Zweiten unsere vaterländische Geschichte, die reich an großen und tragischen Begebenheiten ist, so edel habt auftreten lassen! Herr Greene hat einige märchenhafte Sagen trefflich bearbeitet, so leicht und behaglich, daß man mehr dergleichen wünscht. Auch Euer Freund Georg Peele wandelt auf demselben Wege, und man hat mir erzählen wollen, daß einige Unbekannte noch mehr vaterländische Gegenstände schon mit dem größten Beifall dem Theater gegeben haben.«

»O ja!« rief Greene spöttisch: »es wird bald dahin kommen, daß der Schüler der Chroniken entbehren und die englische Geschichte lustiger vom Theater lernen kann. O die Bühne, die liebe vortreffliche Anstalt! könnten wir armen Autoren nur wenigstens von dieser erlöst werden!«

»Warum?« fragte der Squire.

»Wir«, fuhr der sonst freundliche Mann zornig fort, »sind fast die ersten gewesen, die den Komödianten und ihren einfältigen Vorstehern etwas Vernünftiges gegeben und in den Mund gelegt haben; aber das haben sie nun, nachdem das Volk zugelaufen ist und Lust am Theater bekommen hat, längst vergessen. Nun glauben sie unser nicht mehr zu bedürfen, und Werke von Stümpern, von unbekannten Pfuschern, sind ihnen ebenso lieb, ja noch lieber, und die armseligen Versuche, die oft nur so wie gedankenlos hingeschrieben sind, erhalten nicht weniger Beifall, als die Gedichte, die uns Zeit und Nachtwachen gekostet haben. Wir haben die Theaterunternehmer erst zu dem gemacht, was sie sind, und sie auch zugleich verdorben. – Und was ist es auch am Ende um das beste Theaterstück? Mein und meines Freundes wahrer Ruhm kann doch nur auf unsern andern Werken beruhen: denn es zeigt sich immer deutlicher, daß fast jeder Mensch ein unterhaltendes Schauspiel schreiben kann, besonders wenn es die Komödianten gut spielen; und es ist nicht zu leugnen, daß diese mit jedem Tage besser werden und in ihrer sogenannten Kunst etwas viel Höheres leisten, als man vor zehn Jahren für möglich halten konnte.«

»Diese geistlosen Schauspieler«, fuhr Marlowe fort, »werden bald darauf verfallen, selber alles zu schreiben, was ihre Bühnen bedürfen. Uns kann es gleichgültig sein: denn unser Leben und Ruhm hängt nicht von diesem augenblicklichen und wechselnden Beifall ab. Einige Sachen aus unserer englischen Historie haben schon Glück gemacht, weil man eben alte Erinnerungen, das Wohlwollen für gewisse Männer und die sogenannte Vaterlandsliebe in Tätigkeit setzte, und durch alle diese Würzen die blöde und unwissende Menge bestach. Was geht aber den wahren Dichter sein sogenanntes Vaterland an? Der Boden, auf welchem er zufällig geboren ist? Das ganze Reich der Phantasie, Süden und Norden, die Welt der Geister dazu steht ihm offen und ist seiner Herrschaft unterworfen. Wer sich, wenn er für Glück und Unglück, Großmut, Bosheit und furchtbare Begebenheiten sich begeistern will, noch für jenen kleinen Fleck interessieren kann, auf welchem er das Licht erblickte, und nicht ablassen mag, jene Erinnerungen aus der Kindheit willkürlich in die großen Gemälde zu verflechten, der ist gewiß das vollkommene Gegenteil eines Poeten. Darum habe ich meinen Tamerlan mit mehr Schmuck und Herrlichkeit ausgestattet, als jene nur jemals ihrem Talbot, Gloster, oder dem schwachen sechsten Heinrich geben können, oder gar den alten vergessenen Märchenfiguren, die eine kränkliche Erschlaffung uns wieder vorzuführen strebt. Darum ist mir meine letzte Tragödie, die Fabel vom deutschen Zauberer Faust, so wert, weil hier das Entsetzen, Grauen und alle Furchtbarkeit im Wechsel mit fratzenhaften komischen Begebenheiten so ganz selbstständig auftritt, sich in seinem eignen Elemente bewegt und keine Sitten unserer Zeit oder Stadt bedarf. Auch in meinem Eduard habe ich es vermieden, das sogenannte Vaterland, oder Bedrückung, Volk und dergleichen mitspielen zu lassen; der Kampf der Parteien und das unsägliche Unglück des schwachen Königs genügt, und erregt jeden Zuschauer zu Mitgefühl und Entsetzen, eben weil er nur ein Mensch ist.«

Der Unbekannte stand jetzt auf. »Schon wieder böse?« fragte Marlowe mit rauher Stimme. – »Ich bin es noch niemals gewesen«, sagte jener mit dem freundlichsten Tone, »und fühle mich im Gegenteil hochgeehrt, daß ich am Gespräch so trefflicher Männer habe teilnehmen dürfen. Meine Zeit aber ruft mich ab, da ich nicht so unabhängig bin, wie Ihr soeben von Euch gerühmt habt.«

»Wenn es Euch«, sagte Marlowe, »Euer Sachwalter, oder sonstige Beschäftigung irgend erlaubt, so sagt noch jetzt, was Ihr irgend einzuwenden habt.«

»Euer Verlangen«, antwortete jener, »soll mir als Befehl gelten, und als dramatischer Dichter müßt Ihr ja auch die Meinung, die von der Eurigen ganz verschieden ist, besser brauchen können, als die gewöhnlichen Menschen. Erst wolltet Ihr jenen Grundtrieb unserer Natur, den Sinnenreiz, unbedingt als die höchste Aufgabe der Poesie gelten lassen, ihn, den alle Menschen miteinander, ja sogar mit den Tieren teilen. In dieser Befangenheit glaubtet Ihr die höchste Freiheit zu finden; dagegen verwerft Ihr, als ein fesselndes, das Gefühl des Patriotismus und wollt als Dichter kein Vaterland und keine Zeit anerkennen. Und dennoch könnt Ihr den Elementen, die Euch ernährt, den Umgebungen, die Euch erzogen haben, nicht entfliehen. Wenn der Mensch kein Mannesalter finden wird, der keine Kindheit gehabt hat, worauf soll denn die Welt, die der Dichter uns gibt, feststehen, wenn er selbst den notwendigsten Stützpunkt, der ihn tragen muß, wegwirft? Die Vaterlandsliebe ist ja ein gebildetes, erzogenes Naturgefühl, ein zum edelsten Bewußtsein ausgearbeiteter Instinkt. Wie sie nur da möglich wird, wo ein wahrer Staat ist, ein edler Fürst regiert, und jene Freiheit gedeihen kann, die dem Menschen unentbehrlich ist, so bemächtigt sie sich auch in diesen echten Staaten der edelsten Gemüter und gibt ihnen die höchste Begeisterung, diese unsterbliche Liebe zum Boden, zur überlieferten Verfassung, zu alten Sitten, frohen Festen und wunderlichen Legenden. Wenn sie sich nun mit der innigsten Verehrung zum Herrscher verbindet, so wie es uns Engländern vergönnt ist, unserer erhabenen Königin zu huldigen, so erwächst aus diesen mannigfaltigen Kräften und Gefühlen ein solcher Wunderbaum von Leben und Herrlichkeit, daß ich mir kein Interesse, keine erfundene Dichtung, keine Liebe und Leidenschaft denken kann, die mit dieser höchsten Begeisterung in den Kampf treten dürften. Auch findet hier der Dichter schon die Poesie, die seinem Gemüte, wenn er sie nur erkennen will, im glänzendsten Schmucke entgegenschreitet. Wem schlägt denn wohl das Herz nicht höher, wenn er Cressy und Azincourt nennen hört? Welche Gebilde, dieser dritte Eduard, der fünfte Heinrich, die Bürgerkriege der Rosen, der redliche Gloster, der hohe Warwick, der furchtbare Richard! oder die Riesengestalt des Gaunt, neben dem zu leichtsinnigen und unglücklichen Richard von Bordeaux! der schwarze Prinz, den der Feind mit Ehrfurcht nannte, jener Löwenherz, oder dessen größerer Vater, der glücklichste und unglücklichste der mächtigen Monarchen! Und welch Wunder haben wir denn selbst nur vor wenig Jahren erlebt, als die fremde Tyrannei mit jener ungeheuren Flotte schon zu unsern Schwellen herüberschwamm? Welch Gefühl wehte und rauschte damals durch das Land, in den Ebenen, Wäldern und Bergen! Welche Wünsche und Gebete! Jung und alt drängte sich wohlgemut und mit Herzklopfen in die tapfern Reihen, um zu fallen, oder zu siegen. O damals, damals fühlten wir es wohl, ohne der Worte zu bedürfen, welch ein edles Gut, welch ein Kleinod, höher als alle irdische Schätzung, unser Vaterland sei. Und wie nun unsere hohe Königin im Glanz ihrer Majestät mit Liebe und Huld, selbst gewappnet, sich zu Roß den jauchzenden Scharen der Landesverteidiger darstellte, und ihr Mund von der gemeinsamen Not sprach, von dem furchtbaren Feinde, den nur der Himmel und die Eintracht begeisterter Söhne des Vaterlandes schlagen könnten – wer, der diese höchsten Augenblicke des Daseins erlebt hat, kann sie jemals vergessen? Und dennoch schienen wir verloren, so hoch uns das unsterbliche Gefühl auch erhob, wenn nicht das Glück, die Rettung unmittelbar vom Himmel gefallen wäre. Aber Elisabeth, Howard, Drake, Raleigh, und alle jene Namen, die an den verhängnisvollen Tagen herrschten und schlugen, müssen mit Dankbarkeit genannt werden, solange noch ein englischer Laut auf dieser glückseligen Insel erklingt! – Verzeiht meiner Bewegung: – doch dies, mein Verehrter, wäre keine Welt für den Dichter? Muß ich doch beinah fürchten, teurer Marlowe, daß in jenem Bestreben, nur seiner selbst, ohne Land und Zeit, zu bedürfen, der Mensch sich, wie Ihr Euch kurz vorher ausdrücktet, in Nichts zerstreut und verflüchtiget. – Aber habt Nachsicht mit dem Laien, der sich dennoch, sosehr er es vermeiden wollte, Euch mit langer Rede und Widerspruch aufgedrängt hat.« – Noch einmal allen für ihre Gunst dankend, verließ der Fremde den Saal.

Der Squire sah ihm mit ernstem Blicke, selbst mit Rührung nach; Greene nickte beifällig, aber Marlowe sagte, ohne gestört zu sein: »Aus dieser Rede kann man allein abnehmen, daß dieser gute Mann keine gelehrte Erziehung genossen hat und auf keiner Universität gewesen ist. Denn das haben wir alle dem Umgang mit den Wissenschaften und der Kenntnis der klassischen Autoren zu danken, daß wir von frühster Jugend an in einer größern Welt einheimisch werden, als uns die neuere Zeit bieten kann. Es ist gut, wenn die Menge so denkt, wie jener: aber der ausgebildete oder freie Mann holt seinen wahren Lebensatem aus den alten Republiken herüber, und der hohe Olymp muß immer noch die Wohnung unserer Götter bleiben.«

»Ihr seid in allen Dingen stark und mächtig«, sagte Greene: »aber ich muß meine Schwachheit bekennen, ich war gerührt und bin es oft bei solchen Veranlassungen. Auch dacht ich an den Schluß meines Roger Baco, den ich prophetisch mit dem Lobe unserer Königin schließen lasse, das ich jetzt, nach der Rede jenes talentvollen Schreibers, wohl in ganz andere Verse umsetzen könnte.«

»Da wir nun allein sind«, sagte der Squire, »so laßt mich zu Euch wie zu einem Freunde sprechen, und vergebt mir im voraus, wenn ich von diesem Titel vielleicht schon zu früh einen etwas freien Gebrauch mache. Ich habe zum Teil, werter Herr Marlowe, die Reise gemacht, um Euch kennenzulernen; es ist mir gelungen, und ich würde noch glücklicher sein, wenn ich Euch auf irgendeine Art nützlich werden könnte. Ich bin wohlhabend, und da ich gehört habe, daß Ihr zuweilen um jenes armseligen Metalls willen in Verlegenheit seid, so sagt mir, mit wieviel ich Euch dienen kann, und es stehen meinem geehrten Freunde, wenn er mir über mein Vertrauen nicht zürnen will, zweihundert Pfund zu Gebote.«

Marlowe hatte mit sichtlicher Verlegenheit zugehört, sein ganzes Gesicht war brennend rot, die feurigen Augen waren halb geschlossen und zur Erde gewendet, die etwas zu vollen Lippen wie im Trotze aufgeworfen; Greene betrachtete den Fremden erst mit großen Blicken, dann räusperte er, ungewiß, was sein Freund sagen würde, und trank in langsamen Zügen. Nach einer Pause erst antwortete Marlowe:

»Ihr seid ein edler, freundlicher Mann, und wer wäre ich, wenn ich mit einem solchen um seine Großmut zürnen wollte? Vertrauen aber um Vertrauen; so nehmt mein Wort, daß ich Eurer Hülfe nicht bedarf, daß Ihr aber der erste sein sollt, bei dem ich sie suche, sobald ich sie nötig habe. Wenn Ihr aber so mein Freund sein wollt, wie Ihr Euch anbietet, so laßt mich diesem Ablehnen eine Bitte hinzufügen, wodurch ich Euch mehr zu ehren denke, als wenn ich selbst Euer Schuldner würde. Seht, mein teurer Greene dort ist schon seit lange in der drückendsten Not; so leicht sein Sinn ist, so fühlt er sich doch durch sie in Fesseln geschlagen, und, was am meisten zu bejammern ist, sein herrliches Talent wird dadurch gelähmt, das (mag ich auch vorher etwas prahlerisch gesprochen haben) es zum mindesten mit dem meinigen aufnehmen darf, wenn es nicht überwiegt, denn wenigstens muß ihm der Vorzug einer größeren Vielseitigkeit unbestritten bleiben. Diesen wackern Mann könnt Ihr durch Eure Großmut wahrhaft beglücken, denn er triumphiert dann über die Mißhandlungen gemeiner Geister, die wohl schadenfroh sein Elend verspotten, aber niemals seinen hohen Sinn begreifen können.«

Der Squire stand auf und umarmte den verehrten Dichter mit Herzlichkeit; darauf kehrte er sich zu Greene, der über diese Wendung des Gespräches höchst betroffen war, und sagte mit Rührung: »So habe ich mir immer die Freundschaft unter Dichtern gedacht, und nicht ich, nein, Euer Freund Marlowe, werter Greene, schenkt Euch hiermit diese zweihundert Pfund. Wenn die Summe Euch aus der Verlegenheit reißt, so dankt ihm dafür, nicht mir; doch kann ich in Zukunft noch etwas hinzufügen, um Euer Leben einzurichten, so werde ich stolz darauf sein, wenn Ihr Euch mir nachher auch einigermaßen verpflichtet glaubt.«

Greene erhob sich, überrascht, verwirrt, ja in Freude vernichtet. »Christoph!« rief er aus und fiel dem schlanken Manne um den Hals; »du bist ein ausbündiger – –« Er wollte noch mehr sprechen, aber Tränen und Schluchzen unterbrachen seine Rede. Etwas gesammelter wendete er sich zum Edelmann: »Ihr nehmt mich aus der Hölle«, rief er begeistert, »großmütiger Mann! Erst jetzt, da ich erlöst bin, kann ich die ganze Größe meines Elends überschauen; erst jetzt darf ich es wagen, ein Glück für möglich zu halten, dem ich schon auf ewig den Rücken zugekehrt hatte.«