Dichter und ihre Gesellen - Joseph von Eichendorff - ebook

Dichter und ihre Gesellen ebook

Joseph von Eichendorff

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Opis

Barone, Fürsten und Gräfinnen, fahrende Komödianten, Schauspielerinnen, Dichter und Musikanten – sie alle finden sich in diesem romantischen Roman, teils in ihrer wirklichen Gestalt, teils unter Verkleidung oder einem falschen Namen, zu einer wahren Turbulenz zwischenmenschlichen und abenteuerlichen Geschehens zusammen. Coverbild: © Igor Zakowski / Shutterstock.com

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Joseph von Eichendorff

Dichter und ihre Gesellen

Roman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Erstes Buch

1.Kapitel

 

In den letzten Strahlen der Abendsonne wurde auf der grünen Höhe ein junger Reiter sichtbar, der zwischen dem Jauchzen der Hirten und heimkehrenden Spaziergänger fröhlich nach dem freundlichen Städtchen hinabritt, das wie in einem Blütenmeere im Grunde lag.

Er sann lange nach, was ihn hier mit so altbekannten Augen ansah, und sang immerfort ein längst verklungenes Lied leise in sich hinein, ohne zu wissen, woher der Nachhall kam.

Da fiel es ihm plötzlich aufs Herz, wie in Heidelberg lagen die Häuser da unten zwischen den Gärten und Felsen und Abendlichtern, wie in Heidelberg rauschte der Strom aus dem Grunde und der Wald von allen Höhen!

So war er als Student manchen lauen Abend sommermüde von den Bergen heimgekehrt und hatte über die Feuersäule, die das Abendrot über den Neckar warf, in die duftige Talferne gleichwie in sein künftiges, noch ungewisses Leben hinausgeschaut.

»Mein Gott«, rief er endlich, »da in dem Städtchen unten muss ja Walter wohnen, mein treuer Heidelberger Kamerad, mit dem ich manchen stillen, fröhlichen Abend auf den Bergen verlebt! Was muss der wackere Gesell nicht alles schon wissen, wenn er fortfuhr, so fleißig zu sein wie damals!«

Er gab ungeduldig seinem Pferde die Sporen und hatte bald das dunkle Tor der Stadt erreicht.

Walters Wohnung war in dem kleinen Orte leicht erfragt: ein buntes, freundliches Häuschen am Markte, mit hohen Linden vor den Fenstern, in denen unzählige Sperlinge beim letzten Abendschimmer einen gewaltigen Lärm machten.

Der Reisende sprang eilig die enge, etwas dunkle Treppe hinan und riss die ihm bezeichnete Tür auf, die Abendsonne, durch das Laub vor den Fenstern zitternd, vergoldete soeben die ganze, stille Stube, Walter saß im Schlafrock am Schreibtische neben großen Aktenstößen, Tabaksbüchse, Kaffeekanne und eine halbgeleerte Tasse vor sich. Er sah den Hereintretenden erstaunt und ungewiss an, seine Gipspfeife langsam weglegend.

»Baron Fortunat«, rief er dann, »mein lieber Fortunat!«, und beide Freunde lagen einander in den Armen.

»Also so sieht man aus in Amt und Brot?,« fragte Fortunat nach der ersten Begrüßung, während er Waltern von allen Seiten umging und betrachtete; denn es kam ihm vor, als wäre seit den zwei Jahren, dass sie einander nicht gesehen, die Zeit mit ihrem Pelzärmel seltsam über das frische Bild des Freundes dahingefahren, er schien langsamer, bleicher und gebückter.

Dieser dagegen konnte sich gar nicht satt sehen an den klaren Augen und der heiteren, schlanken Gestalt Fortunats, die in der schönen Reisetracht an Studenten, Jäger, Soldaten und alles Fröhliche der unvergänglichen Jugend erinnerte.

Fragen und Gegenfragen kreuzten sich nun rasch, ohne eine Antwort abzuwarten. Walter pries vor allem sein Glück, das ihn hier so schnell eine leidliche Stelle hatte finden lassen, es fehlte nicht an größeren Aussichten, und so sehe er einer heiteren, sorgenlosen Zukunft entgegen. Dazwischen hatte er in seiner freudigen Unruhe bald noch einen Brief zusammenzufalten, bald ein Paket Akten zu binden, bald draußen etwas zu bestellen, beide konnten den alten, vertraulichen Ton gar nicht wiederfinden.

Unterdes war eine alte Frau hereingetreten und fing an, eine altmodische Kaffeeserviette zierlich auszubreiten und Teller, Gläser und Weinflaschen aufzustellen, wobei sie von der Seite ehrerbietige Blicke auf den vornehmen fremden Herrn warf, der eine solche Revolution in der einförmigen Junggesellenwirtschaft verursachte.

Fortunat aber überschaute am Fenster den heitern Markt, und eine leise Wehmut flog durch seine Seele über die langsam zersetzende und zerstörende Gewalt der Verhältnisse, wie sie ihm auf Walters treues Gemüt wirksam zu sein schien.

»Lass uns nach guter, alter Art im Freien trinken!«, rief er, sich schnell umwendend, aus, da er die Zurüstungen hinter sich erblickte.

Walter hatte Bedenken, das sei hier nicht gewöhnlich, man werde in kleinen Städten zu sehr bemerkt.

Fortunat aber hatte unterdes schon unter jeden Arm eine Flasche genommen, und wanderte damit die Treppe hinunter.

Walter folgte verlegen lachend, die Alte brachte voll Verwunderung Tisch und Gläser nach, und bald war die ganze fröhliche, funkelnde Wirtschaft unter den Bäumen vor der Tür aufgeschlagen.

Die Sonne war indes untergegangen, und die Dächer und die Gipfel der Berge über der Stadt glühten noch, von denen ein erquickender Strom von Kühle durch alle Straßen und Herzen ging. Kinder jagten sich und schwärmten in den Gassen, die Vornehmen, ihre Hüte nachlässig in der Hand und sich den Schweiß abtrocknend, kehrten, von allen Seiten ehrerbietig begrüßt, von ihren Spaziergängen zurück.

Andere traten in bequemen Nachtkleidern mit den Pfeifen vor die Türen und plauderten mit dem Nachbar, während junge Mädchen, kichernd und in lebhaftem Gespräch, Arm in Arm über den Platz schlenderten und neugierig an dem Fremden vorüberstrichen.

Waltern ging bei den Erinnerungen an die fröhliche Studentenzeit und bei dem langentbehrten weiteren und reichen Gespräch recht das Herz auf, er hatte gar bald alle Scheu und blöde Rücksicht abgeschüttelt.

»Wie glücklich bist du zu preisen«, rief er seinem Freunde zu, »dass dir vergönnt ist, so mit den Vögeln durch den Frühling zu ziehn und die Reise nach Italien nun wirklich anzutreten, die wir in den heitersten Stunden in Heidelberg so oft miteinander besprachen. Das waren schöne Jugendträume!«

»Das verhüte Gott!«, versetzte Fortunat lebhaft. »Warum denn Träume? Die Ahnung war es, der erste Schauer des schönen, überreichen Lebens, das gewisslich mit aller seiner geahnten und ungeahnten herrlichen Gewalt über uns kommen wird, wenn wir nur fröhlich standhalten. Wo wären wir denn aufgewacht von den sogenannten Träumen? Was hätte sich denn seitdem verändert? Aurora scheint noch so jung über die Berge wie damals, die Erde blüht alljährlich wieder bis ins fernste, tiefste Tal – warum sollte denn unsere unsterbliche Seele, die alle den Plunder überdauert, allein alt werden?

Was hindert denn zum Exempel dich, alle den Ballast von Vor-, Neben- und Rücksichten frisch wegzuwerfen und frei mit mir in das offene Meer zu stechen? – Reise mit, alter Kumpan!«

Walter fasste lächelnd die ihm dargebotene Rechte.

»Was mich eigentlich zwischen diesen Bergen festhält«, sagte er, »das sollst du künftig erfahren. Doch – du magst immerhin lachen – das kann ich außerdem ehrlich sagen: Es wäre mir schwer, ja gewissermaßen unmöglich, den einmal mit Ernst und Lust begonnenen Geschäften zu entsagen, die wie ein stiller, klarer Strom in tausend unscheinbaren Nebenarmen das Land befruchten und mich so von meiner stillen Stube aus in immer wechselndem, lebendigen Verkehr mit den entferntesten Gegenden verbinden.«

Fortunat sah ihn nachdenklich an.

»Du meinst es immer brav«, sagte er nach einer Pause, »darum glaube ich dir, wo ich dich auch nicht recht verstehe. Aber in welchem gräulichen Rumor lebt ihr Beamte dabei! Keiner hat Zeit zu lesen, zu denken, zu beten. Das nennt man Pflichttreue; als hätte der Mensch nicht auch die höhere Pflicht, sich auf Erden auszumausern und die schäbigen Flügel zu putzen zum letzten, großen Fluge nach dem Himmelreich, das eben auch nicht wie ein Wirtshaus an der breiten Landstraße liegt, sondern treu und ernstlich und mit ganzer, ungeteilter Seele erstürmt sein will.

Ja, ich habe schon oft nachgedacht über den Grund dieser zärtlichen Liebe so vieler zum Staatsdienst. Hunger ist es nicht immer, noch seltener Durst nach Nützlichkeit. Ich fürchte, es ist bei den meisten der Reiz der Bequemlichkeit, ohne Ideen und sonderliche Anstrengung gewaltig und mit großem Spektakel zu arbeiten, die Satisfaktion, fast alle Stunden etwas Rundes fertig zu machen, während die Kunst und die Wissenschaften auf Erden niemals fertig werden, ja in alle Ewigkeit kein Ende absehen.«

»Da rührst du«, entgegnete Walter, »an den wunden Fleck, wenigstens bei mir. Dass ich, aus Mangel an Zeit, zu beiden Seiten die schönen Fernen und Tiefen, die uns sonst so wunderbar anzogen, liegen lassen muss, das ist es, was mich oft heimlich kränkt, und was ich hier nicht einmal einem Freunde klagen kann. Dazu kommt die Abgelegenheit des kleinen Orts, wo alle Gelegenheit und aller Reiz fehlt, der neuesten Literatur zu folgen.«

»Ist auch nicht nötig«, versetzte Fortunat. »Was willst du jedem Fantasten in seine neumodischen Parkanlagen nachschreiten! Das rechte Alte ist ewig neu, und das rechte Neue schafft sich doch Bahn über alle Berge, und – wie ich oben bemerkt – auch in diesen Gebirgskessel. Denn wenn ich nicht irre, sah ich vorhin bei dir neben dem Corpus juris die neuesten poetischen Werke des Grafen Victor stehen.«

»Nun«, sagte Walter, »meinen großen Landsmann muss ich doch in Ehren halten, seine Heimat liegt ja kaum eine Tagereise von hier.«

Fortunat sprang überrascht auf.

»Da reit ich hin«, rief er, »den muss ich sehen.«

»Geduld«, erwiderte Walter lächelnd, »er ist schon seit mehreren Jahren auf Reisen.«

»Und ich reite doch hin!«, entgegnete Fortunat fröhlich, »wer einen Dichter recht verstehen will, muss seine Heimat kennen. Auf ihre stillen Plätze ist der Grundton gebannt, der dann durch alle seine Bücher wie ein unaussprechliches Heimweh fortklingt.«

Walter schien einem Anschlage nachzudenken.

»Wohlan«, sagte er endlich, »wenn du durchaus hin willst, so begleite ich dich, ich bin dort wohlbekannt, und wir bleiben dann umso länger beisammen.

Ich muss dir nur gestehen, ich hatte mich eigentlich schon selbst darauf eingerichtet, in diesen Tagen hinzugehen. Hier kann ich dir nicht viel Ergötzliches bieten, und wenn's dir recht ist, so reisen wir morgen.«

Fortunat schlug freudig ein.

Walter aber fing nun an, einige Lieblingsstellen aus Victors Werken zu rezitieren, was Fortunaten immer störte, weil ein gutes Gedicht keine Stellen, sondern eben nur das ganze gute Gedicht gibt, gleichwie eine abgeschlagene Nase oder ein Paar abgerissene Ohren der Mediceischen Venus für Kenner recht gut, aber sonst ganz nichtswürdig sind.

»Du kennst doch Victors Werke? Du liebst ihn doch auch?«, unterbrach sich endlich Walter selbst, da Fortunat schweigend ein Glas nach dem andern hinunterstürzte.

»Ich liebe ihn«, sagte dieser, »wie ich ein nächtliches Gewitter liebe, das alles Grauen und alle Wunder in der Brust regt, ich kenne ihn, weil er von den geheimnisvollsten, innersten Gedanken meiner Seele, ja ich möchte sagen, von dem Waldesrauschen meiner Kindheit wunderbaren Klang gibt.

Friede dem großen dunklen Gemüt«, fuhr er sein Glas erhebend fort, »und freudiges Begegnen mit ihm!«

Die Freunde hatten über dem lebhaften Gespräch gar nicht bemerkt, dass unterdes der Platz allmählich öde geworden war. In der wachsenden Stille hörte man nur noch eine Geige aus einiger Entfernung und dann das einförmige Stampfen von Tanzenden dazwischen herüberschallen.

Beides klappte so wenig zusammen, und die Geige wurde so unaufhörlich und entsetzlich schnell gestrichen, dass Fortunat laut auflachte und ungeachtet Walters Einwendungen sogleich dem Tanzplatze zueilte.

Der verworrene Klang kam aus einem niedrigen Häuschen, über dessen Türe ein Strohbüschel als Wahrzeichen eines Weinschanks im Nachtwinde hin und her baumelte.

Walter war in anständiger Ferne stehen geblieben, während Fortunat durch das Fenster in die seltsame Tanzgrube hineinblickte.

Ein langes, dünnes Licht, das wie ein Peitschenstiel aus einem eisernen Leuchter hervorragte, warf ungewisse Scheine über das dunkle Gewölbe eines Kellers, an dessen Seitenwänden eingeschlafene Trinker über den langen, plumpen Tischen umherlagen. In der Mitte tanzten eifrig mehrere Paare lustigen Gesindels, bald mit den zierlich gebogenen Armen wie zum Fliegen ausholend, bald in den auserlesensten Figuren und Windungen sich nähernd und wieder trennend, bevor sie einander endlich zum Walzer umfassten.

Der dicke Weinschenk ging mit aufgestreiften Hemdärmeln dazwischen herum, ahmte mit dem Munde den Wachtelschlag nach, schnitt den vorübertanzenden Frauenzimmern lächerliche Gesichter oder wagte zuweilen selbst einen künstlichen Sprung.

Am Auffallendsten aber war der Musikant: ein anständig gekleidetes, lebhaftes Männchen mit einem scharfen, geistreichen Gesicht, emsig in den wunderlichsten Laufern die Geige spielend, während seine Augen mit unverkennbarem Wohlbehagen die Tanzenden verfolgten.

Vergebens riefen diese ihm zu, sich zu moderieren, der Unaufhaltsame drehte mit wahrem Virtuosenwahnsinn die Töne, wie einen Kreisel, immer schneller und dichter, die Tanzenden gerieten endlich ganz außer Takt und Atem, es entstand ein allgemeines Wirren und Stoßen, bis zuletzt alle zornig auf den Musikus eindrangen.

Dieser erhob sich nun und retirierte besonnen in künstlichen Fechtparaden nach der Tür, immerfort mit dem Fiedelbogen in den dicksten Haufen stoßend. So kam er glücklich auf die Straße heraus, die Schlafmütze des Wirts, die er im Getümmel aufgespießt, hoch auf seinem Bogen. Der lustige Wirt folgte schimpfend und vermehrte den Lärm von Zeit zu Zeit durch das Prasseln von Feuerwerk, das er täuschend mit dem Munde nachmachte.

Jetzt bemerkte der Musikus plötzlich die beiden Freunde auf der Gasse und sah sie mit seinen klugen Augen durchdringend an, während der Wirt, mit der einen Hand seine wilden Gäste in den Keller zurückdrängend, mit der andern ruhig die ihm zugeworfene Schlafmütze wieder auf den Kopf stülpte.

Walter war einen Augenblick in Verlegenheit, ob und wie er den ihm unbekannten Fremden anreden sollte, und äußerte endlich seine Verwunderung über diese heillose Fertigkeit auf der Geige.

»Kleinigkeit! Kleinigkeit!«, erwiderte der Musikus. »Nichts als Taranteln, womit ich die Leute in die Waden beiße und den St. Veits-Tanz erfinde.«

Mit diesen Worten empfahl er sich, nahm die Geige unter den Arm und schlenderte, noch einige Mal furchtsam nach dem Keller zurückblickend, rasch durch die Nacht über den Marktplatz fort.

Fortunat, der bisher kein Auge von ihm verwendet hatte, trat nun schnell auf den Wirt zu, um etwas Näheres über das wunderbare Männchen zu erfahren.

»Ein Fremder«, sagte der Wirt, »ein Partikulier, wie er sich nennt, mit dem ich schon manchen Verdruss gehabt habe. Er kommt zuweilen in die Stadt, aber immer nur grade zu mir, und wenn ich reelle Gäste habe, die nach getaner Arbeit ihr Gläschen trinken und vernünftig diskurrieren wollen, setzt er sich zu ihnen, und eh' ich's mich versehe, hat er Händel unter ihnen angestiftet, und hat dann keine Courage, sie auszufechten. Wenn er recht vergnügt ist, zieht er gar seine verfluchte Geige hervor und spielt tolles Zeug auf. Hol der Teufel alle Fantasten!«

Hiermit kehrte der Wirt wieder in seine Höhle zurück, und die beiden Freunde bemerkten bei dem hellen Mondschein, wie der unbekannte Musikus soeben zum Stadttor hinauswanderte.

»Ein herrlicher Narr!«, rief Fortunat aus, dem Wanderer noch immer nachsehend.

»Lass die Fledermäuse«, erwiderte Walter, »sie geraten uns sonst noch in die Haare. Komm nun nach Haus, es ist schon spät, und ich habe noch alle Hände voll zu tun für morgen.«

Auf Walters Stube ging nun ein fröhliches Rumoren an. Die alte Aufwärterin wurde herbeigerufen, Befehle wurden erteilt, Briefe versiegelt und Akten und Wäsche gepackt, wobei Fortunat, in der Vorfreude der bevorstehenden, unerwarteten Fahrt, zur Verwunderung der Alten wütend half.

Der weitgestirnte Himmel sah indes durch die offenen Fen­ster herein, der Brunnen rauschte vom einsamen Markte, während die Nachtigallen in den Gärten schlugen, und Fortunaten war es dazwischen, als ginge draußen das Geigenspiel des wunderlichen Musikanten noch einmal fern über die stillen Höhen.

 

 

2. Kapitel

 

Bei dem schönsten Frühlingswetter zogen die beiden Freunde, auf ihren Pferden fröhlich von den alten Zeiten miteinander schwatzend, in das morgenrote Land hinein.

Sie hatten den weiteren, aber anmutigem Weg durch das Gebirge eingeschlagen, auf welchem sie Hohenstein, den Sitz des Grafen Victor, nach Walters Versicherung noch vor Nacht bequem erreichen konnten.

Das Städtchen mit seiner grünen Stille lag schon weit hinter ihnen, ein frischer Wind ging durch alle Bäume, und Walter fühlte sich recht wie ein Vogel, der aus dem Käfig entflohen. Er war fast ausgelassen heiter, schwenkte den Hut in der Luft und stimmte alte Studentenlieder an, sodass es den beiden Reitern vorkam, als wären sie nie getrennt gewesen und zögen nur eben wieder aus dem Tor von Heidelberg den grünen Bergen zu. In dieser Stimmung ließ er sich gern von dem unruhigen Fortunat verlocken, der bald dem fremden Schall eines unbekannten Gebirgsvogels folgte, bald mit den Hirten plauderte, dann wieder einen schönen Berggipfel oder eine reizend gelegene Ruine zu erklettern hatte.

So waren sie lange aufs Geratewohl umhergeschweift, als Walter endlich zu seinem Schrecken bemerkte, dass schon die Abendsonne schräg durch den Wald funkelte. Jetzt fand er auch, dass sie alle Richtung verloren hatten, er wusste nicht, wo er war.

Vergebens schlug er den ersten besten Pfad ein, die Wege teilten sich bald von Neuem wieder, kein Dorf war ringsumher zu sehen, je tiefer sie in den Wald kamen, je ungeduldiger wurde er, erwollte durchaus noch heut nach Hohenstein.

Unterdes war die Nacht völlig hereingebrochen, sie mussten absteigen und ihre Pferde hinter sich herführen, da der Holzweg sich nach und nach in einen verwachsenen Fußsteig verlor.

Walter war verdrießlich und sprach wenig. Fortunat aber wurde immer vergnügter, je weiter sie fortschritten, und blickte recht mit frischem Herzen in die wunderbaren Mondlichter und die rätselhaften Abgründe, an denen sie vorüberzogen.

Oft hielten sie horchend still, denn es war ihnen, als hörten sie aus weiter Ferne Hunde bellen und den dumpfen Takt eines Pochhammers dazwischen; aber das einförmige Rauschen der Wälder verschlang immer alles wieder.

Walter schwor endlich, nicht einen Schritt mehr weiterzugehen, er band sein Pferd an und setzte sich maulend daneben. Fortunat hatte sich gleichfalls auf den Rasen hingestreckt, während sein Gefährte nun allerlei Reden über unzeitige Romantik und verlorene Zeit verlauten ließ.

Fortunat antwortete nicht darauf, und da es gar nicht enden wollte, zog er seinen Mantel über den Kopf und schlummerte bald vor Ermüdung ein.

Als er wieder aufwachte, war Walter unterdes vor Ärger fest eingeschlafen. Er sah freudig rings um sich her, die tiefe Einsamkeit, die unbekannte Gegend, der Schlafende und die Pferde im Mondschein, alles war ihm so neu und wunderbar; er ging unter den Bäumen auf und nieder und sang halb für sich:

 

»Wie schön, hier zu verträumen

Die Nacht im stillen Wald,

Wenn in den dunklen Bäumen

Das alte Märchen hallt.

 

Die Berg' im Mondesschimmer

Wie in Gedanken stehn,

Und durch verworrne Trümmer

Die Quellen klagend gehn.

 

Denn müd' ging auf den Matten

Die Schönheit nun zur Ruh,

Es deckt mit kühlen Schatten

Die Nacht das Liebchen zu.

 

Das ist das irre Klagen

In stiller Waldespracht,

Die Nachtigallen schlagen

Von ihr die ganze Nacht.

 

Die Stern' gehn auf und nieder –

Wann kommst du, Morgenwind,

Und hebst die Schatten wieder

Von dem verträumten Kind?

 

Schon rührt sich's in den Bäumen,

Die Lerche weckt sie bald

So will ich treu verträumen

Die Nacht im stillen Wald.«

 

Und wie er aufblickte, hörte er wirklich schon den Klang einer früherwachten Lerche durch den Himmel schweifen.

»Frisch auf!«, rief er fröhlich Waltern zu. »Frisch auf, ich wittre Morgenluft!«

Walter erhob sich taumelnd und konnte sich lange nicht in dem wunderlichen Schlafsaal zurechtfinden. Der kurze Schlummer hatte ihn neu gestärkt und verwandelt, er schämte sich seines gestrigen Missmuts, und bald saßen die beiden Freunde wieder rüstig zu Pferde, um, wo möglich, noch vor Tagesanbruch aus dem Labyrinth der Wälder herauszukommen.

Nach einem kurzen Ritt hatten sie die Freude, unerwartet wieder einen ordentlichen Weg zu erreichen.

»Land! Land!«, rief endlich Walter vergnügt aus. »Dorthin zu liegt Hohenstein!«

Sie verdoppelten nun ihre Eile, und gelangten bald völlig aus dem Walde in das weite, geheimnisvolle Land hinaus.

Immer tiefer und freudiger stiegen sie von den Bergen in das Blütenmeer, schon hörten sie von fern eine Turmuhr schlagen, zahllose Nachtigallen schlugen überall in den Gärten.

Am Ausgang des Gebirges schien ein großes Dorf zu liegen, zerstreute Hügel, dunkele Baumgruppen und ein hohes, prächtiges Schloss hoben sich nach und nach aus der verworrenen Dämmerung, alles noch unkenntlich und rätselhaft, wie in Träumen.

So waren sie in eine hohe Kastanienallee gekommen, als Walter plötzlich an einem zierlichen Gittertor stillhielt.

»Sie schlafen noch alle«, sagte er, »wir wollen indes hier in den gräflichen Garten gehen und die Erwachenden überraschen. «

Sie banden nun ihre Pferde an den Zaun und schwangen sich von den steinernen Sphinxen, die den Eingang bewachten, über das Gitter in den Garten hinein. Da war noch alles still und duftig, einzelne Marmorbilder tauchten eben erst aus den lauen Wellen der Nacht empor.

Das alte, finstere Schloss im Hintergrunde mit seinen dichtgeschlossenen Jalousien stand wie eine Gewitterwolke über einem freundlichen Nebengebäude, von dem man vor lauter Weinlaub fast nur das rote Ziegeldach sah.

Unter den hohen Bäumen vor dem Letztem fanden sie einen Tisch und mehrere Stühle, als wären sie eben erst von einer Gesellschaft verlassen worden.

»Da hat sie schon wieder ihre Gitarre draußen vergessen«, sagte Walter kopfschüttelnd.

»Wer denn?«, fragte Fortunat. »Die schöne Amtmannstochter, von der du mir erzählt hast?«

»Ja, Florentine«, erwiderte Walter; »das ist des Amtmanns Wohnung und dort oben nach dem Garten hinaus ihre Schlafstube.«

»Du weißt hier gut Bescheid«, entgegnete Fortunat.

Walter wurde rot und schwieg verlegen.

Fortunat aber ergriff ohne Weiteres die auf dem Tische liegende Gitarre, stellte sich vor das bezeichnete Fenster und sang:

 

»Zwei Musikanten ziehn daher

Vom Wald aus weiter Ferne,

Der eine ist verliebt gar sehr,

Der andere wär' es gerne.«

 

»Ich bitte dich«, unterbrach ihn Walter, »was singst du da für dummes Zeug!«

»Wart nur, 's kommt gleich klüger«, erwiderte Fortunat und sang weiter:

 

»Die stehn allhier im kalten Wind

Und singen schön und geigen:

Ob nicht ein süßverträumtes Kind

Am Fenster sich wollt' zeigen?«

 

Sein Wunsch ging wirklich in Erfüllung. Ein schönes Mädchen, noch ganz verschlafen, wie es schien, fuhr oben ans Fenster, schüttelte die Locken aus dem Gesichtchen und sah neugierig mit großen, frischen Augen durch die Scheiben. Als sie aber unten einen unbekannten, wohlgekleideten Mann erblickte, war sie ebenso schnell wieder verschwunden.

Walter wurde nun in der Tat unwillig, Fortunat aber griff immer lustiger in die Saiten und sang wieder:

 

»Mein Herz ist recht von Diamant,

Eine Blum' von Edelsteinen,

Die funkelt fröhlich übers Land

In tausend bunten Scheinen!

 

Und durch das Fenster steigen ein

Waldsrauschen und Gesänge,

Da bricht der Sänger mit herein

Im seligen Gedränge.«

 

Unterdes war es im Hause nach und nach lebendig geworden, Türen gingen auf und zu, im Innern hörte man dazwischen das kräftige Lachen eines Mannes, das immer näher zu kommen schien.

Endlich wurde die Haustür von innen geöffnet, und, mit einer langen Pfeife im Munde, stand ein schon völlig angekleideter, großer, starker Mann vor ihnen, dessen gebräuntes, lebenslustiges Gesicht von der Morgensonne hell beschienen wurde.

Es war der Amtmann selbst. Er war voller Freude, Waltern so unerwartet wiederzusehen, und konnte gar nicht aufhören, über das lustige Ständchen zu lachen, durch das sich Fortunat sogleich in seine entschiedene Gunst gesetzt zu haben schien.

Mit schallender Stimme rief er nun alles im Hause wach, es mussten eilig Kaffee und Pfeifen ins Freie herausgebracht werden, sie lagerten sich um den Tisch auf dem grünen Platz vor der Tür, den die beiden Gäste noch vor Kurzem so einsam gesehen hatten, und Walter musste ausführlich ihre nächtlichen Irrfahrten vortragen.

Unterdes war auch die Frau Amtmännin dazugekommen. Sie hatte sich vor dem unbekannten Gaste sorgfältig und beinahe festlich angetan und empfing Fortunaten mit umständlicher, wortreicher Feierlichkeit.

Fortunat, dem bei solcher Gelegenheit unwillkürlich alle Bewillkommnungskomplimente einfielen, die er in seinem ganzen Leben gehört oder auch nicht gehört hatte, konnte nicht widerstehen, mit einem unerschöpflichen Schwalle der auserlesensten Redensarten zu entgegnen, und erweckte dadurch bei der Dame eine nicht geringe Meinung von sich und seiner feinen Lebensart.

»Das ist heute ein rechter Freudentag!«, sagte der Amtmann. »Da soll es auch einmal hoch hergehen.«

Er erzählte nun, wie sie heut gegen Abend auch noch ihren jungen Neffen Otto hier erwarteten, der von der fernen Universität zurückkehre, um sich zu seiner Anstellung vorzubereiten.

Die Amtmännin ließ mit zufriedener Miene noch einfließen, dass Otto, der Sohn ihrer verstorbenen Schwester, aus Herrn Walters Städtchen sei, dass er schon auf der Schule immer für den Stillsten und Geschicktesten galt und nun ein wahrer Gelehrter geworden sei.

Fortunat bemerkte während dieses Gesprächs, dass sich Walter unterdes verloren hatte. Der Garten, der nun in voller Morgenpracht herüberfunkelte, lockte auch ihn schon lange, und er sagte endlich dem Amtmann, wie er Waltern vorzüglich in der Absicht hierher begleitet habe, um die Heimat des berühmten Grafen Victor einmal in der Nähe zu sehen.

Der Amtmann lächelte.

»Ich weiß nicht«, sagte er, »ob Sie auch solcher Meinung sind, aber wenn die andern von dem berühmten, gelehrten Grafen sprechen, denken sie sich ihn immer mit der Zipfelperücke, wie den Hilmar Curas vor seiner Grammatik. Das kann mich immer ärgern. Was da Gelehrter! Zu Pferde muss man den Grafen Victor sehen, im Walde auf der Jagd, auf den Felsen, wo allen andern schwindelt – mit einem Wort: Das ist ein rechter Mann! Das Berühmtsein und Versemachen ist nur so Lumpenzeug daneben, wie eine Schabracke auf einem schönen Ross, und er gibt selber nichts darauf. Doch wir sprechen ein andermal mehr davon.«

Er stand nun auf und beschrieb Fortunaten die Gänge, die er im Garten einschlagen sollte, um zu den schönsten Punkten zu gelangen, da ihn selbst die Wirtschaftsanordnungen für den anbrechenden Tag in das Haus hineinriefen.

Fortunat wandte sich nun allein in den Garten, wo er zu seinem Erstaunen ringsumher nur architektonische Formen altmodischer Gänge, hohe, feierliche Buchenalleen, Springbrunnen und künstliche Blumenbeete erblickte, von denen dunkelglühende Päonien und prächtige Kaiserkronen glänzten. Es war, als hätte ein wunderbarer Zauberer über Nacht seine bunten Signaturen über das Grün gezogen und säße nun selber eingeschlummert in dem Labyrinth beim Rauschen der Wasserkünste und träumte von der alten Zeit, die er in seine stillen Kreise gebannt.

Schon waren Schloss und Amtmannswohnung hinter Fortunaten versunken, als er plötzlich einen wohlgekleideten jungen Mann bemerkte, der an den Marmorstufen eines einsamen Gartenhauses eingeschlafen war. Er wollte umkehren, aber der Schläfer, von dem Geräusch erweckt, fuhr soeben rasch auf, blickte verworren ringsumher und fragte Fortunaten, wer er sei.

Dieser erzählte nun sein nächtliches Abenteuer und seinen langgehegten Wunsch, diese Gegend einmal zum Angedenken des Dichter-Grafen Victor zu durchstreifen.

»Vortrefflich«, erwiderte der andere, »so will ich Sie sogleich herumführen!«

»Kennen Sie den Grafen Victor?«, fragte Fortunat.

»Nicht sonderlich«, erwiderte jener, »doch weiß ich eben genug von ihm, um Ihnen hier überall genügende Auskunft zu geben.«

Fortunat nahm das unerwartete Anerbieten dankbar an und betrachtete, als sie nun miteinander weitergingen, mit freudiger Überraschung das schöne, aber etwas bleiche und wüste Gesicht des Unbekannten, über das die Morgenlichter durch das Laub wunderlich wechselnde Scheine warfen.

Er äußerte endlich seine Verwunderung über die, wie es schien, absichtlich und sehr sorgfältig festgehaltene Altmodigkeit dieses Gartens.

»Der Graf«, entgegnete sein Begleiter, »will es so haben. Buchsbaumene Kindlichkeit! Wie es in seiner Kindheit gewesen, so soll es hier ferner verbleiben, selbst dieselben Blumen müssen jährlich an denselben Plätzen wieder gepflanzt werden, wie damals.«

»Er hat recht«, sagte Fortunat, »was soll ein Garten, wenn er nicht ein Gedicht von ganz bestimmtem Klange ist! In diesem einförmigen Plätschern der Wasserkünste, in dieser geisterhaften Symmetrie der Laubwände und stummen Marmorbilder ist eine Wehmut, die einen wahnsinnig machen könnte.«

Jetzt standen sie an dem Abhang des Berges, dessen obere Fläche das Schloss und der eigentliche Ziergarten einnahmen. Von der mit Efeu umrankten Felswand sah man hier plötzlich in tiefe Schluchten und Wiesenplätze hinab, wo im kühlen Schatten uralter Bäume Rehe und Damhirsche weideten, die scheu die Köpfe nach ihnen emporhoben und dann pfeilschnell im tieferen Dunkel verschwanden.

»Sehen Sie da«, rief Fortunats Begleiter aus, »das Großartige und Kühne dieser Komposition. Ich betrete diesen Ort nie ohne Ehrfurcht vor dem seltenen Genius dieses Dichter-Grafen – oder sagen wir es nur lieber gerad' heraus: Dichterkönigs!

Besonders muss ich Sie hier auf jene leichtgeschwungenen Brücken aufmerksam machen. Sie führen, wie Sie sehen, über die Wipfel der Bäume hinweg nach einzelnstehenden, hohen, abgerissenen Felsen hinüber, die, mit ihren bunten Gärtchen auf den Gipfeln, wie funkelnde Blumenzinnen über die Waldeseinsamkeit emporragen.

Diesen Einfall hat der liebenswürdige Graf vor dem lieben Gott voraus, er legte diese hängenden Gärten an; das waren die Blocksberge seiner Fantasie. Hier pflegte er als Knabe, wenn ein Gewitter heraufzog und im Schlosse alles ängstlich durcheinander lief, vor der unermesslichen Aussicht zu sitzen, mit den Beinen über dem Abgrunde baumelnd, bis ihm die ersten dicken Regentropfen an die seidenen Strümpfe klatschten.«

»Es freut mich«, erwiderte Fortunat, der, ganz in den Anblick des wunderbaren Grundes versunken, die letzten Worte fast überhört hatte, »es freut mich recht, dass Sie Victors poetische Erscheinung so hochhalten.«

Der Begleiter sah ihn aus den schönen Augen scharf und zweifelhaft an.

»Ich bedaure ihn aufrichtig«, sagte er dann, »denn ich halte die Anstellung als Genie für eine der epinösesten in der Welt. Ein anderer stopft sich seine Pfeife, zieht seinen Schlafrock an, setzt sich auf dem Schreibesel zurecht und macht seine Arbeiten ab und geht dann zufrieden in die Ressource, wo er wieder ganz Mensch sein kann.

Aber so ein Genie, zumal ein Dichter, kann das Genie gar nicht loswerden; wie ein Spaziergänger, der im Herbst über Feld gegangen, schleppt er die Sonnenfäden seiner Träume an Hut und Ärmeln bis auf die Ressource nach. Ist dort gar das Fenster offen, so sind die Nachtigallen und Lerchen draußen recht wie versessen auf ihn und rufen ihn ordentlich bei Namen, ja zuweilen spielt ihm seine kaum halbfertig gedichtete Geliebte den fatalen Streich und blickt ihn plötzlich aus den Augen irgendeiner albernen Dame an.«

Hier stand er plötzlich selber überrascht still. Sie waren in das Felsental hinabgestiegen und an einen einsamen Weiher gelangt, in dessen Mitte sich eine, wie es schien, unzugängliche Insel im frischen Schmuck des Morgentaues spiegelte.

Spuren ehemaliger Gänge und Blumenplätze waren von hohem Grase und Unkraut überwachsen, fremde Blütengewächse schlangen sich an den Baumstämmen empor, nur einzelne hohe Blumen funkelten noch hier und da aus der bunten Verwilderung, in der unzählige Vögel sangen.

»Das war sonst Victors Lieblingsplatz«, sagte der Fremde nach einem Weilchen, »hier hat er den Namen seines ersten Liebchens in die Bäume geschnitten. Das Mädchen ist tot, der Nachen zu der Insel lange zertrümmert und versenkt, und Wipfel und Zweige, Unkraut und Blüten schlingen sich drüben verwildert durcheinander und können doch nicht in den Himmel wachsen.«

Ein seltsames Leuchten flog bei diesen Worten über sein geistreiches Gesicht. Dann auf einmal zu Fortunaten gewandt, sagte er:

»Aber Sie sind am Ende selbst der Graf Victor – leugnen Sie nur nicht!«

Fortunat brach in lautes Lachen aus und bat den Unbekannten, der ihm wohl behagte, zu wechselseitiger näherer Bekanntschaft sogleich mit zum Amtmann hinaufzukommen.

Der Fremde besann sich einen Augenblick und fragte dann, ob noch mehrere Gäste dort wären? Da er hörte, dass auch Walter droben sei, entschuldigte er sich, er habe zu lange am Brunnen geschlafen und müsse nun schnell wieder weiter.

»Sind Sie denn nicht hier aus dem Hause?«, fragte Fortunat erstaunt.

Aber jener eilte schon fort, winkte noch einmal mit dem Hute und war bald zwischen den Bäumen verschwunden.

 

 

3. Kapitel

 

Als Fortunat wieder die Anhöhe erreichte, traute er seinen Augen kaum. Der schönste Morgenglanz blitzte jetzt über die gezirkelten Rasenfiguren und Tulpenbeete, an den Statuen hingen Mieder, Poschen und Schleier umher, ein frischer Wind ging durch den Garten, und ließ, die Zweige teilend, bald ein paar bloße Mädchenarme, bald ein ganzes zierliches Bildchen flüchtig erblicken. Und so glich der Garten mit den bunten Tüchern, die wie Frühlingsfahnen von den Büschen flatterten, mit den funkelnden Strahlen der Wasserkünste und dem heiteren Sonnenhimmel darüber auf einmal jenen alten Landschaften, wo alle Hecken von schwärmenden Nymphen wunderbar belebt sind.

Erstaunt drang er weiter vor, da sah er eine junge Dame in wunderlichem Schmuck, mit Reifrock, Mieder und gesticktem Fächer vor einem Springbrunnen stehen, sie bespiegelte sich, fröhlich plaudernd, im Wasser, schüttelte lachend die schweren blitzenden Ohrgehänge und sah wieder hinein.

Auf einmal wandte sie sich, er glaubte in dem frischen Gesichtchen Florentine, die Amtmannstochter, zu erkennen, die er vorhin am Fenster gesehen.

Aber nun erschallte ein lauter Schrei, und aus allen Hecken, in Taft und Seide rauschend, fuhren erschrocken fliehende Mädchengestalten durchs Grüne, als hätte der Wind Aprikosenblüten umhergestreut.

Fortunat folgte ihnen zu der Amtmannswohnung, wo sie verschlüpft waren. Aber hier hielt ihn neue Verwirrung fest, er fand auch dort alles in lebhafter Bewegung.

Aus dem Mörserstampfen im Hause und dem ernstwichtigen Durcheinanderrennen der Mägde, zwischen dem man von Zeit zu Zeit die Kommandostimme der Amtmännin vernahm, schloss er sogleich auf ein großes Kuchenbacken im Innern.

Draußen aber auf dem Rasen sah man große Teppiche ausbreiten, Sofas und Polsterstühle ausklopfen, überall wurden die verdunkelnden Doppelfenster ausgehoben, die Morgensonne schien lustig durch das ganze Haus, und einzelne Schwalben kreuzten jauchzend über dem Platze.

Ein langer, hagerer Mann mit dünnem Hals und hervorstehenden Augen schien besonders selig in dem Rumor, man sah ihn überall im dicksten Haufen schreiend, helfend und anordnend.

Von diesem erfuhr Fortunat endlich, nicht ohne Müh' und wiederholte Fragen, dass die Pächtertöchter aus der Nachbarschaft angekommen und mit Florentinen im Garten den alten gräflichen Hofstaat ausprobiert hätten, und dass alle diese Anstalten auf den feierlichen Empfang des heute erwarteten Studenten Otto zielten, der nach den eingelaufenen Nachrichten früher hier eintreffen könnte, als man anfangs glaubte.

Der Mann aber war der Förster des Orts, der früher selbst das Gymnasium frequentiert und seitdem eine wütende Vorliebe für Studenten hatte.

Fortunaten war diese unverhoffte Wirtschaft ein willkommenes Fest. Er mischte sich ohne Verzug in das bunte Getümmel, um den Lärm womöglich noch größer zu machen.

Dem Förster stellte er vor, wie unerlässlich es sei, den Gefeierten durch ein Triumphtor einzuführen, worauf beide sogleich voll Eifer forteilten, um die nötigen Materialien zu dem neuen Werke herbeizuschaffen.

Unterwegs begegneten sie Waltern, der soeben mit einem Buche in den Garten ging.

»Ich muss mich ein wenig sammeln«, sagte er flüchtig zu Fortunat, »ich freute mich so auf den stillen Tag im Freien, und nun bricht aller Plunder herein, es ist mir einmal nicht gegeben, mit den Leuten über nichts zu schwatzen, es ist unleidlich!«

Inzwischen verzögerte sich Ottos Ankunft von Stunde zu Stunde. Walter hatte nicht lange gelesen, sondern revidierte in seiner praktischen Lust mit dem Amtmann die Höfe, Scheunen und Ställe.

Im Garten wurden die Vögel schon still, Florentine und ihre jungen Freundinnen, wieder bequem in ihren gewöhnlichen Kleidern, flüchteten vor der steigenden Sonne aus einem Schatten zum andern, die immer kürzer wurden, jede hatte ein Stück frischen Kuchen in der Hand, sie wussten nicht, was sie in der Hitze anfangen sollten mit der langen Zeit.

Auch ein junger Wirtschaftsschreiber mit Sporen und neuem Frack hatte sich eingefunden. Er trug den Mädchen die Tücher nach, focht mit seiner Reitgerte galant in die Luft und wusste durch Schnalzen auf Lindenblättern und andere artige Kunststücke sich bei den Frauenzimmern angenehm zu machen.

Plötzlich versetzte der Knall eines Böllers alles in die größte Verwirrung, aus allen Hecken und Türen stürzten die Erwartenden nach der Richtung hin, wo die Explosion erfolgt war. Dort gewahrten sie schon von fern den Förster am Abhange des Gartenberges, wie er soeben durch ein altes Perspektiv, das er wütend immer länger und länger hervorschob, in die Gegend hinausblickte.

Als die andern endlich atemlos und fragend anlangten, warf er auf einmal das Fernrohr fort, ergriff eine neben ihm stehende Lunte und löste, zum Schrecken der laut schreienden Damen, einen zweiten Böller.

Und in der Tat, in demselben Augenblick wurde durch den sich teilenden Pulverdampf zwischen den Kornfeldern am blaugewundenen Strom im Tal ein Reiter in bunter studentischer Tracht sichtbar, der nun auch seinerseits die Harrenden auf dem Berge erblickte, und, freudig seinen Hut schwenkend, die Sporen einsetzte.

»Otto! Otto!«, rief alles fröhlich durcheinander und winkte ihm mit den Schnupftüchern entgegen.

Der Reiter hatte unterdes den Fuß des Berges erreicht, schwang sich vom Pferde, und auf dem nächsten Wege zwischen den grünen Rebengeländern aufsteigend erschien ein schöner Jüngling von etwas kleiner, zierlich schlanker Gestalt mit einem feinen Gesicht und fast träumerischen Augen.

Aber am Eingang zur ersten Allee wurde er plötzlich durch eine seltsame Erscheinung aufgehalten. Ein schöner Tannenbaum stand dort am Abhang von alters her, wie ein dunkler Ritter auf der Wacht, und ragte mit dem Wipfel bis über die Anhöhe hinauf. Auf einmal rauschte er mit den grünen Kronen und zeigte sein Riesenhaupt mit rotbraunem Gesicht und langem Schilfbart, das Haar fantastisch von wilden Blumen und Eichenlaub umkränzt.

»Salve!«, redete das Haupt, die Augen sichtbar bewegend, den erstaunten Studenten an:

 

»Salve! Herr Doktor oder Magister!

Bin ein alter Bursch und hass die Philister,

Bin der Waldmann aus dem Gebirge hier,

Darf nicht näher treten zu dir,

Kann nicht zu dir kommen in Haus und Zimmer,

Trät' dort alle den Plunder in Trümmer,

Drum schau ich über die Wipfel hier hinaus;

Und bist du der Alte noch immer,

So lad' ich dich wieder in mein grünes Haus!

Da gehn, wie damals, noch mit Gefunkel

Die Quellen verworren durchs kühle Dunkel,

Waldhornsklänge und Vögelschall,

Von fern dazwischen der Wasserfall,

Und über uns rauschend die Buchen und Fichten,

Erzählen dir wieder die alten Geschichten.

Doch hast du über Pandekten und Latein

Seitdem vergessen die Sprache mein,

So magst du über deinem Buche hocken und lesen!

Das meine ist doch gescheiter gewesen!

Dann halt' ich auf ewig meinen großen Mund,

Wir sehen uns nimmermehr wieder – und –«

 

Und – hier blieb der Gebirgsgeist plötzlich stecken, man hörte eine andere Stimme immer lauter, aber vergeblich soufflieren. Darüber geriet das Haupt nach und nach ins Wackeln, auf einmal kollerte es zwischen den Zweigen auf die Anhöhe herunter, und prasselnd hinterdrein der Förster und Fortunat zu großem Gelächter und Ergötzen der Umstehenden.

Otto stürzte dem schimpfenden, sich abstäubenden Waldmann herzlich in die Arme, dann sah er mit den schönen Augen Fortunaten nachdenklich an.

»Gott weiß es«, sagte er, »ich verstehe die Waldessprache noch immer, und was ich auch seitdem hinzugelernt habe, sie ist und bleibt doch meine rechte Muttersprache!«

Nun bemerkte er erst die andern in der Allee und fiel jubelnd dem Amtmann und seiner Frau und endlich auch den Mädchen in die Runde um den Hals, die errötend und verlegen sich des Ungestümen nicht erwehren konnten.

Aber kein Mensch konnte zu Worte kommen, denn der unermüdliche Förster, der in seinem Eifer gar keine Notiz von der Rührung nahm, hatte insgeheim Pauken und Trompeten herbestellt, die jetzt furchtbar in die Ohren der Damen schmetterten, Böller auf Böller wurde dazwischen gelöst, er selbst aber rührte sehr künstlich die Pauken, auf die er zuletzt hinaufsprang und, Schlegel und Hut hoch über sich in die Luft werfend, unaufhörlich hurra schrie.

Die Amtmännin wurde ganz zornig in dem Lärm, auch Otto schien verlegen und gestört.

Da war der tolle Förster endlich mit seinem Empfange fertig geworden, und, noch ganz erhitzt von dem pappenen Riesenkopfe, in dem er vorhin gesteckt, führte er nun mit einer wunderlichen, ungelenken Grandezza die fremden Mädchen nach der Amtmannswohnung hin.

Hier unter den Bäumen standen auf einer altmodischen Kaffeeserviette, in welche verschiedene Städte und Hirschjagden rot gewirkt waren, unzählige kleine chinesische Tassen aufgepflanzt, ein ungeheurer Kaffeekrug dampfte einladend dazwischen, die junge Dienstmagd im Sonntagsputz brachte eine Schüssel mit den in Kuchen gebackenen Namenszügen Ottos herbei und küsste dem neu angekommenen jungen Herrn hocherrötend die Hand.

Der Förster, der alte Junggesell, war inzwischen in den vollen Redestrom seiner Feiertagslaune geraten und brachte alle seine alten Jagdspäße und lateinischen Brocken wieder aufs Tapet, worüber die Pächtertöchter, die ihn insgeheim für einen gewandten Weltmann und Gelehrten hielten, jedes Mal in ein unmäßiges Lachen ausbrachen.

Bald aber nahm Otto die Aufmerksamkeit ausschließlich in Anspruch, noch in der vollen Heimatfreude des ersten Wiedersehens erzählte ervon seinem Studentenleben in Halle, er sprach so frisch, und als nun gar der Amtmann die funkelnden Weinflaschen auf den Tisch setzte, glitten alle Gedanken fröhlich mit dem bunten Studentenschifflein am Giebichenstein und den blühenden Kirschgärten die Saale hinab in das gelobte Land der Jugend.

So war unvermerkt der Abend herangekommen, der Förster und die Mädchen hatten sich heimlich ins Haus geschlichen, Otto erzählte noch immer, als plötzlich die Tür sich weit auftat und bei dem Geschwirr einer Geige ein ganzer Hofstaat von Damen und Herren in Reifröcken, Haarbeuteln und altfranzösischen Fräcken sich rauschend herausbewegte.

Man erkannte sogleich den Förster unter ihnen, er führte feierlich die jungen Leute vom Tisch den verlegen knicksenden Damen auf, die Geige schwirrte von Neuem, und so entspann sich unversehens ein Tanz auf dem Rasen.

Waltern wollt' es gar nicht gelingen, er wurde immer verlegener, je mehr die andern über ihn lachten, auch diebeiden Pächtertöchter konnten sich in ihren Staat nicht finden, in dem sie sich, wie in einem Gehäuse, nur schwerfällig bewegten und alle Augenblicke verwickelten.

Jeder sprang, so gut er konnte, und als nun vom Schwung der Reifröcke die Lichter verlöschend flackerten, ergriff der Wirbel endlich auch die Alten am Weintisch, der Förster führte die sich vergebens sträubende Amtmännin zu einer Sarabande, jeder der Übrigen wählte gleichfalls seine Dame, und es entstand eine wundersame, künstliche Verschlingung, wobei der Förster durch kühne Schwenkungen alles in Erstaunen setzte.

Auf einmal fuhr Florentine aus dem leuchtenden Kreise wieeine Sternschnuppe in den finstern Garten hinaus. Ihre Brust flog über dem knappen, seidenen Mieder, sie atmete erschöpft in der kühlen Nachtluft, dabei blickte sie immerfort nach den Bäumen zurück, als erwartete sie noch jemand.

Fortunat bemerkte sie, ihn hatte unter den abenteuerlichen Gestalten nach und nach die Hofluft der alten Zeit unwiderstehlich ergriffen, er folgte rasch dem Mädchen nach, fasste sie zierlich an den äußersten Fingerspitzen und promenierte so feierlich mit ihr auf den geschnörkelten Gängen.

Sie ließ ihm lachend die Finger, sah aber immer ungeduldiger zurück. So waren sie in galantem Diskurs an eine einsame Grotte gekommen, noch ein Überbleibsel jenes grillenhaften Schmuckes altmodischer Gärten. Bunte Muscheln blitzten im Mondschein von Decke und Wänden, ausgestopfte Reiher und Wasservögel standen mit weit aufgesperrten Schnäbeln auf Kristallriffen umher.

»Süßer Gott der Liebe«, sagte Fortunat, »das ist recht eine Grotte zum Schnäbeln, o wären wir doch jetzt zwei Turteltäubchen!«

Sie sah ihn einen Augenblick verschmitzt an, dann drehte sie leise einen verborgenen Kran, auf einmal spritzten alle Schnäbel funkelnde Wasserstrahlen grade auf Fortunat, und eh' er sich noch besinnen konnte, war seine wilde Taube in dem Sprühregen verflogen.

Er schüttelte sich lachend ab, und als er zu der Gesellschaft zurückkam, stand Florentine schon wieder am Tisch vor der Mutter, die ihr besorglich die Locken aus der heißen Stirn strich.

Sie hatte die langen Augenwimpern tief gesenkt, denn estat ihr nun heimlich leid um Fortunats neuen Frack, die flackernden Lichter spielten auf ihrem Gesicht und dem glitzernden Mieder, so sah sie in den rauschenden Wogen von Taft und bunten Schleifen wie ein Elfchen aus, das aus einer Tulpe guckt.

Walter sah sie lange unverwandt an, dann fasste er Fortunaten unter dem Arm und führte ihn rasch in den Garten.

»Ist sie nicht wunderschön? O wie bin ich doch glücklich!«, rief er aus und erzählte nun dem Freunde, dass er seit längerer Zeit mit Florentinen verlobt sei, dass sie auf den Rat der Eltern nur noch eine bevorstehende Gehaltserhöhung Walters abwarteten und dann in dem Städtchen Haus und Garten mit der Aussicht auf Hohenstein kaufen und dort im Grünen sich für die ganze Lebenszeit miteinander einrichten wollten.

Kaum eine Stunde darauf aber war alles verklungen, aus den Tälern schallte das Zirpen der Heimchen herauf, man hörte nur noch die Kalesche der Pächtertöchter auf dem steinigen Wege durch die Nacht fortrumpeln, in der Ferne zerplatzten einige Leuchtkugeln, die der unermüdliche Förster noch aus seinem Gärtchen warf.

O glückselige, bangsame Einsamkeit, dachte Fortunat, wer es wie Walter über sich gewönne, sich ganz darin zu versenken!

 

 

4. Kapitel

 

Schöne, stille Zeit, du liebste Heimatgegend mit deinen frischen Morgen und mittagschwülen Tälern, und ihr rüstigen, nun nach allen Weltgegenden hin zerstreuten Jugendgesellen, die damals von den Bergen so ernst und fröhlich mit mir in das Leben hinausgesehen – ich grüß euch alle aus Herzensgrund! Denn alles wird mir wieder lebendig hier auf den kühlen Waldbergen, wie ich den Amtmann zwischen den Kornfeldern wandern sehe und Florentinen, bald oben am Fenster beim ersten Morgenlichte singend und ihre Haare flechtend und sich streckend und putzend um die Wette mit den erwachenden Vögeln in den Bäumen vor dem Hause, bald wieder im Garten über einer französischen Grammaire eingeschlafen, die Walter ihr gegeben, um sich für das Stadtleben auszubilden.

Vor allen aber hat Fortunat, der seine Abreise von einem Tage zum andern verschiebt, sich behaglich im Garten eingerichtet.

Im Grün zwischen hohen Blumen, die weite Landschaft unter sich und über ihm die rauschenden Wipfel, setzt er sich jeden Morgen mit dem Schreibzeug an dem steinernen Fußgestell eines etwas verwitterten Apollos zurecht, um einige Novellen, die er in glücklichen Reisestunden auf seinem Pferde ersonnen, endlich einmal recht in Ruhe zu Papier zu bringen.

Aber da geht es ihm wunderlich. Der lustige Morgenwind wirft ihm die Blätter ins Gras, wo sich die Hühner drum raufen, hinter ihm aber stimmen die Wipfel ihr uraltes Lied wieder an, das in keine Novelle passt, die Waldvögel singen ganz fremde Noten dazwischen und Wolken fliegen über das Land und rufen ihm zu: »Menschenkind, sei doch kein Narr!« Und zog dann gar der Förster unten zur Jagd und schwenkte seinen Hut und rief hurra hinauf, da warf er gewiss Feder und Papier fort und schwang sich auf seinem Pferde mit in den frischen, glänzenden Morgen hinaus.

Auf einem solchen Morgenritt tröstete er sich einmal mit folgendem Liedchen:

 

»Ich wollt' im Walde dichten

Ein Heldenlied voll Pracht,

Verwickelte Geschichten,

Recht sinnreich ausgedacht.

Da rauschten Bäume, sprangen

Vom Fels die Bäche drein,

Und tausend Stimmen klangen

Verwirrend aus und ein.

Und manches Jauchzen schallen

Ließ ich aus frischer Brust,

Doch aus den Helden allen

Ward nichts vor tiefer Lust.

 

Kehr ich zur Stadt erst wieder

Aus Feld und Wäldern kühl,

Da kommen all die Lieder

Von fern durchs Weltgewühl,

Es hallen Lust und Schmerzen

Noch einmal leise nach,

Und bildend wird im Herzen

Die alte Wehmut wach,

Der Winter auch derweile

Im Feld die Blumen bricht–

Dann gibt's vor Langeweile

Ein überlang Gedicht!«

 

Bei seiner Rückkehr fand er im Hause alles ausgeflogen, und streckte sich ermüdet im Garten an dem hohen Bogengange ins Gras.

Er hatte aber noch nicht lange geruht, als er Stimmen neben sich vernahm, an denen er die Amtmännin und Waltern erkannte, die, ohne ihn zu bemerken, in dem Gange auf und nieder wandelnd, in lebhaftem Gespräch begriffen schienen.

»Das kommt bei dem Überstudieren heraus«, sagte soeben die Amtmännin, »nichts als Verse im Kopf, Reisen und dergleichen unkluges und kostspieliges Zeug.«

»Ich glaube gar«, rief Fortunat, »die spricht von mir!«

»Beruhigen Sie sich«, hörte er nun Waltern entgegnen, »ich werde versuchen, die eigentlichen Absichten dieses verschlossenen, rätselhaften Gemüts zu erforschen.«

»Bei Nacht möchte er spazieren gehen«, fing die Amtmännin wieder an, »den Tag verträumt er! Und warum verbirgt er sich vor uns?«

Hier verlor sich der Diskurs in der Ferne. Fortunat sprang hastig auf.