Dharma Coaching - Tineke Osterloh - ebook

Dharma Coaching ebook

Tineke Osterloh

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Opis

Was fördert unser Glück und Wohlergehen miteinander und die Entfaltung unseres positiven menschlichen Potenzials? Wie kann man sein Leben so führen, dass man weder für sich noch für andere unnötig Leiden schafft? Woran kann man sich orientieren? Bei all diesen Fragen geht es um ethische Selbstführung. Aus buddhistischer Sicht hat ethische Integrität wenig mit Vorschriften, Gehorsam oder Ritualen zu tun. Unverzichtbar ist es dafür allerdings, dass wir unser Bewusstsein schulen. Tineke Osterloh wendet als erfahrene Meditationslehrerin und Coach buddhistische Weisheit auf unseren Alltag an und zeigt so, wie wir auf natürliche Weise einen inneren ethischen Kompass entwickeln können.

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Wir bedanken uns herzlich beiDokko-An Kokugyo Kuwahara und der Galerie Sakura(www.galerie-sakura.de) für die Erlaubnis,die Kalligraphie des Zenkreises abzudrucken.

Tineke Osterloh:

Lektorat: Susanne Broos

Dharma Coaching

Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck,

Copyright der deutschen Ausgabe

Coesfeld, www.mbedesign.de

© Theseus in J. Kamphausen Verlag &

Umschlagfoto: © cienpiesnf_fotolia.de

Distribution GmbH, Bielefeld 2013

Layout/Satz: KleiDesign, Bielefeld

[email protected]

www.weltinnenraum.de

1. Auflage 2013

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetüber http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Printausgabe: 978-3-89901-540-9

ISBN E-Book: 978-3-89901-784-7

Dieses Buch wurde auf 100% Altpapier gedruckt und ist alterungsbeständig.Weitere Informationen hierzu finden Sie unterwww.weltinnenraum.de

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen undsonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabesowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Tineke Osterloh

DHARMACOACHING

Klarheit undGelassenheit finden

Meinem Freundund LehrerChristopher Titmuss

Vorwort

1.EINFÜHRUNG IN DIE ETHIK DER FÜNF HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Ethischer Kompass

Harmonie

Der Achtfache Pfad

Lebendige Ethik

2.GRUNDLAGEN

Allseitige Verbundenheit: Wandel und Interdependenz

Leiden

Mitgefühl

3.KLARHEIT FINDEN

Forschergeist und Informationsstaubsauger

Geistesschulung

Lernen und persönliche Entwicklung

4.VERTRAUEN UND FREUNDSCHAFT

Vertrauen, Zuversicht, Hingabe

Vertrauen in sich selbst und zu anderen

Kontrolle

Nähe riskieren

Vertrauensbruch

Freundschaft

5.AVERSION UND GELASSENHEIT

Rache

Sich vertraut machen mit Aversionen

Angulimala

Bewusstsein für Verantwortung

Gelassenheit

EXKURS: Das Töten von Tieren

EXKURS: Gefahren und Grenzsituationen

6.KOMMUNIKATION

Communicare

Die Kunst des Zuhörens

Lügen

Angriffe und Beleidigungen

Grenzen setzen

7.GELD

Geiz

Gier

Innere Ausrichtung

Positive Orientierung

Die persönliche Beziehung zu Geld

Nachwort

Literatur

Über die Autorin

VORWORT

Dieses Buch ist ein Leitfaden für eine lebendige Ethik im Alltag. Er ist konzentriert auf das Wesentliche: den Geist der inneren Freiheit und die Haltung von Respekt und Mitgefühl.

Bei der Entwicklung der einzelnen Kapitel kam es mir darauf an, immer aus mehreren Perspektiven auf die verschiedenen Themen zu schauen. Man erfasst sie dadurch anders, vielleicht spielerischer. Als buddhistische Meditationslehrerin war es mir natürlich wichtig, diesen Leitfaden auf der Basis der Ethik des Achtfachen Pfades und der Weisheit des Dharma zu entwickeln. Als Coach und Beraterin interessierte mich besonders die psychologische Ebene: Wie beeinflusst die Ethik unsere Beziehungen? Woran orientieren wir uns in der ethischen Selbstführung?

Und nicht zuletzt interessierte mich auch die visionäre Seite der Ethik: Wie würde sich unsere Gesellschaft und Wirtschaft verändern, wenn wir eine Kultur pflegten, in der Leistung und Fürsorge gleich viel gelten? Welche Auswirkungen hätte dies auf unser persönliches Leben? Ich vermute, wir würden ein ungeahntes Maß an Klarheit und Gelassenheit erreichen.

Ich wünsche Ihnen beim Lesen viel Freude und Inspiration!

Besonders danken möchte ich allen, die mich bei der Entstehung dieses Buches so großzügig unterstützt haben. Danke.

Hamburg, Juni 2013

Tineke Osterloh

1.EINFÜHRUNG IN DIE ETHIK DER FÜNF HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

 

Menschen teilen mit allen anderen Lebewesen einen existenziellen Wunsch: Sie wollen glücklich sein. Keiner will leiden. Wirklich niemand. Selbst das brutalste und hässlichste Lebewesen nicht. Doch diese Sehnsucht in konkretes Denken, Handeln und Kommunizieren umzusetzen ist im Alltag schwierig. Es stellt uns vor beträchtliche Herausforderungen, mit uns selbst und anderen einen wirklich friedlichen Umgang zu finden.

Was fördert unser Glück und Wohlergehen miteinander und die Entfaltung unseres positiven menschlichen Potenzials? Wie kann man sein Leben so führen, dass man weder für sich noch für andere unnötig Leiden schafft? Woran kann man sich orientieren? Bei all diesen Fragen geht es um ethische Selbstführung. Aus buddhistischer Sicht hat ethische Integrität wenig mit Vorschriften, Gehorsam oder Ritualen zu tun. Unverzichtbar ist es jedoch, dass wir unser Bewusstsein schulen. Wir sollten unseren Geist und unser Herz bewusst zu Rate ziehen, wenn wir über unser Leben nachdenken. Schärfen Sie Ihr Bewusstsein. Lassen Sie uns den Mut und die Beharrlichkeit kultivieren, genau hinzuhören und zu überlegen, was wir aus unseren Lebenserfahrungen ehrlich und ungeschönt lernen können Wenn wir unseren Erfahrungen unvoreingenommen lauschen, kann sich auf natürliche Weise ein innerer ethischer Kompass entwickeln.

ETHISCHER KOMPASS

Die fünf buddhistischen Handlungsempfehlungen sind universelle Empfehlungen, die helfen können, einen ethisch integren Lebensstil zu entwickeln. Der Buddha hat häufig darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, sich an diesen Empfehlungen zu orientieren, um unnötiges Leiden zu vermeiden. Traditionell werden diese Empfehlungen die Fünf Silas genannt. Sila bedeutet wörtlich Sittlichkeit, Tugend oder Harmonie. Mir gefällt als Übersetzung das Wort Anstand am besten, weil es weniger moralische Anklänge hat. Sittlich sind fromme Betschwestern. Aber wenn sich jemand anständig verhält, dann ist damit gemeint, dass er ehrlich ist, Verantwortungsgefühl und Rückgrat hat. Dies trifft eher die Bedeutung der Silas.

HARMONIE

Ziel der Empfehlungen ist, inneren und äußeren Frieden und Harmonie zu stärken. Der Stellenwert der Harmonie wird vielleicht manchmal unterschätzt oder belächelt. Das mag daher kommen, dass wir zu schnell an das Wort Harmoniesucht denken. Tatsächlich aber schätzen Menschen die Harmonie. So halten wir uns gerne an Orten auf, die eine harmonische Ausstrahlung haben, und von Paaren, die in einer wirklich harmonischen Beziehung miteinander leben, geht eine gewisse Faszination aus. Die Kunst der Harmonie ist anspruchsvoll. Sie erfordert ein Mindestmaß an Wissen um Ordnung sowie große Aufmerksamkeit für die Signale der Umgebung und für die Impulse in unserem Körper, unserem Herzen und unserem Geist. Je feiner die Wahrnehmung ist, desto klarer lassen sich Disharmonien aufspüren. Es ist eine Frage des Fingerspitzengefühls, sie zu erkennen und die Situation wieder in „Ordnung“ zu bringen.

Leider haben wir es uns angewöhnt, unsere Skrupel oder Bedenken nicht immer ernst zu nehmen und stattdessen mit Disharmonien zu leben: ob es der rücksichtslose Umgang mit der Natur ist oder mit unserer eigenen Gesundheit, ob es die Unempfindlichkeit gegenüber dem Schicksal der Kinderarbeiter ist, die unsere billige Kleidung herstellen, oder das Leugnen der Langeweile in bedeutungslos gewordenen Beziehungen und Freundschaften. Wir machen einfach weiter und wundern uns, dass wir unglücklich sind.

Die buddhistische Ethik setzt an den Wurzeln von Leiden und Unglück an. Sie gibt wertvolle Orientierungspunkte dafür, sich so auszurichten, dass unser Handeln harmonischer wird, ohne von einem moralischen Zeigefinger Gebrauch zu machen. An Gehorsam und artiger Oberflächlichkeit ist diese Ethik nicht interessiert. Der Gedanke der Strafe oder Sünde ist ihr fremd. Doch sie gibt dem Einzelnen die Verantwortung für sein eigenes Handeln.

DER ACHTFACHE PFAD

Ethik ist Teil der Architektur des Achtfachen Pfades. Dieser ist Bestandteil der Vier Edlen Wahrheiten und gehört damit zu den Kernstücken der buddhistischen Weisheitslehren (Dharma). Mit dem Wort Dharma werden die lebendigen, zeitlosen und oft recht subtilen Weisheitslehren bezeichnet, wie sie der Buddha und große Meisterinnen und Meister nach ihm vermittelt haben. Doch niemand muss sich zum Buddhismus bekennen, um sich von diesen alten Kulturlehren inspirieren und leiten zu lassen. Als Erkenntnisweg wird er nicht geglaubt, sondern praktiziert. Daher steht er allen Menschen offen.

Der Achtfache Pfad besteht aus den folgenden Elementen, die ineinandergreifen:

•Die Geistesschulung fördert intensiv Achtsamkeit, Konzentration und heilsame Geisteskräfte (wie innere Ruhe, Liebe, Großzügigkeit oder Vertrauen).

•Die Ethik stärkt weises Handeln, einen integren Arbeitsstil und Umgang mit Geld sowie einfühlsame Kommunikation. Hier sind die Fünf Handlungsempfehlungen, die Silas, verankert.

•Die Weisheitsschulung verfeinert das Verständnis der Ursachen von Unzufriedenheit und Leiden und zeigt, wie man sich von seinem Kummer befreit. Ein wichtiger Aspekt dieser Schulung betrifft die Kultivierung einer heilsamen inneren Ausrichtung und Haltung.

Interessant ist, dass die drei Bereiche dieser Lebensschulung in intensiver Wechselwirkung (Interdependenz) miteinander stehen. Ohne einen ethischen Lebensstil ist eine klare Geistesschulung (Konzentration, Achtsamkeit) nur schwer möglich, weil man durch Disharmonie und Schuldgefühle mental und emotional zu aufgewühlt und abgelenkt bleibt. Andererseits ist ein ethischer Lebensstil sehr schwierig, wenn Herz und Geist nicht klar und wohlwollend sind.

Ein gut geschulter, geschmeidiger Geist öffnet sich für weise Erkenntnis. Man versteht immer deutlicher, dass die Ursachen von Leid und Unglück in den großen Antriebskräften von Gier, Hass und Orientierungslosigkeit gründen, und ändert dadurch sein Verhalten. Innere Klarheit und eine ethische, harmonische Lebensführung stehen also in dichtem, wechselseitigem Einfluss.

Die Fünf Empfehlungen des rechten Handelns sind traditionell so formuliert, dass sie uns erinnern, welches Verhalten mit Sicherheit zu Leiden führt. Sie dienen als Leitfaden im Alltag und erinnern uns daran, Entscheidungen nicht auf der Basis von Gier, Hass oder Orientierungslosigkeit zu treffen. In den alten Schriften sind die Empfehlungen als Gelöbnisse formuliert:

1. Ich gelobe, mich darin zu üben, kein Lebewesen zu töten oder ihm absichtlich zu schaden.

2. Ich gelobe, mich darin zu üben, nichts zu nehmen, was mir nicht gegeben wird.

3. Ich gelobe, mich darin zu üben, keine ausschweifenden sinnlichen Handlungen auszuüben. Insbesondere verpflichte ich mich, sexuelles Fehlverhalten zu vermeiden.

4. Ich gelobe, mich darin zu üben, nicht zu lügen und wohlwollend zu sprechen.

5. Ich gelobe, mich darin zu üben, keine Substanzen zu konsumieren, die den Geist verwirren und das Bewusstsein trüben.

LEBENDIGE ETHIK

Die ethischen Empfehlungen auf dem Achtfachen Pfad sind knapp gehalten und lassen sehr viel Spielraum für eigene Entscheidung und Verantwortung. Die Empfehlungen sind nicht schematisch anzuwenden, sondern eine Aufforderung, die angemessene Handlungsentscheidung in der konkreten Situation zu erspüren, zu durchdenken und zu treffen. Insofern haben wir es mit einer sehr lebendigen Ethik zu tun.

Die Empfehlungen sollen uns davor bewahren, blind ins Unglück zu laufen. Sie dienen als Kompass, als kurze, klare Anhaltspunkte im Dickicht des Alltags. Es bleibt aber die Verantwortung jedes Einzelnen, seinen Weg damit zu finden.

Ich habe mich in diesem Buch besonders dafür interessiert, wie man basierend auf den Silas eine positive Vision für einen ethischen Lebensstil entwickeln kann. Wie lässt sich ein Leben so führen und gestalten, dass es Harmonie einlädt? Wie können wir wachsam bleiben für die Kräfte von Gier, Hass und Orientierungslosigkeit und gleichzeitig starke Gegenkräfte kultivieren wie Großzügigkeit, Mitgefühl und Freude am persönlichen Wachstum?

Durch die bewusste Ausrichtung können wir Einfluss darauf nehmen, in welche Richtung wir unser Denken, Handeln und Sprechen lenken: Fördern wir Schmerz, Leiden und Zwietracht oder fördern wir Harmonie, Glück und die Überwindung des Leidens? Wichtiger als die Resultate sind das Handeln selbst und die Absicht dahinter. Denn das Leben lässt sich nicht vollständig kontrollieren. Dazu kommen in dem vielschichtigen Lebensprozess stets zu viele einzelne Ursachen und Bedingungen gleichzeitig zusammen – nur unseren eigenen Beitrag können wir beeinflussen. Doch es ist schon sehr viel gewonnen, wenn uns dies mit Anstand gelingt.

Im folgenden Kapitel werde ich Sie mit drei grundlegenden Themen vertraut machen, die bedeutsam sind für alle weiteren speziellen Betrachtungen und Fragestellungen der buddhistischen Ethik.

Es sind

1. das Naturgesetz von Wandel und Interdependenz,

2. die universale Erfahrung von Leiden und

3. die stärkste und zugleich liebevollste Haltung, die ein Mensch kultivieren kann: das Mitgefühl.

2.GRUNDLAGEN

 

ALLSEITIGE VERBUNDENHEIT:WANDEL UND INTERDEPENDENZ

Das Leben strebt kontinuierlich nach Veränderung. Wandel ist sein Markenzeichen. Daher spricht man auch von dem Prozess des Lebens. Das lateinische Wort procedere bedeutet wörtlich fortschreiten. Wenn man auf einzelne Ausschnitte daraus schaut, spricht man ganz selbstverständlich von Wachstumsprozessen, Erkenntnisprozessen, Lernprozessen, Heilungsprozessen, Meinungsbildungsprozessen, Zerfallsprozessen und vielen anderen Formen des Fortschreitens. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie Entwicklung und Veränderung ausdrücken. Eine Geschichte aus Nordamerika erzählt davon in wunderbarer Weise:

Ganz oben in den Bergen erblickte eines Tages ein Rinnsal das Licht der Welt. Flink und unbekümmert hüpfte es über jeden kleinen Stein, der sich ihm auf dem Weg zum Tal in den Weg stellte. Nach und nach wurde es zum Bächlein und lernte, kleine Steinchen zur Seite zu spülen. Es wurde zum Bach und lernte, sich ein Bett zu graben, und nach einer langen Weile wurde es schließlich zum Fluss. Als Fluss lernte es, tief zu graben, gemächlicher dahinzufließen und langsam, aber stetig den Stein zu schleifen, auf dass er seinen Weg nicht mehr behindere.

Und nach einer noch größeren Weile wurde der Fluss sogar zum Strom, der mächtig und sanft dahinfloss und seinen Mäander in die Landschaft grub. Stolz schob er seine Fluten vor sich her, und nichts konnte ihm geschehen.

Aber eines Tages erreichte der Strom die Wüste. So recht fiel ihm nicht ein, wie er diese überwinden sollte – die Gefahr des Versickerns war groß. Da er gelernt hatte, in die Welt zu hören, tat er dies in der Hoffnung auf Rat.

Und tatsächlich blies der Wind ihm eine Antwort zu: „Verdunste!“

„Wer – ich? Der mächtige Strom? Ich soll mich auflösen und einfach verdunsten?“

Es gefiel ihm nicht, sollte sein Weg hier zu Ende sein? Aber er war klug genug, den Rat des Windes zu befolgen, und tat, wie ihm geheißen war. Und so verdunstete er. Die Nebel stiegen auf, sammelten sich und bildeten immer mehr wasserschwere Wolken. Der Wind hub an und blies aus vollen Backen und ließ so die Wolken über die Wüste segeln.

Und da keine Wüste so groß ist, dass nicht irgendwann einmal wieder grünes Gras erscheint, kamen die Wolken schließlich auch dort an. Sie regneten, und Tropfen um Tropfen fiel herab. Nach und nach sammelten sie sich, und schließlich war er wieder ein Strom. Bereit, weiterzufließen. Und um eine wesentliche Erfahrung reicher.“1

In dem unüberschaubaren Prozess des Lebens werden in jeder Sekunde Tausende von Lebewesen geboren oder sterben. Dazwischen liegt eine Phase von Wachstum, Blüte, Reife und Verfall. Nach dem Tod werden die einzelnen Bestandteile wieder neu integriert: Aus dem Fluss wird Nebel, aus dem Nebel werden Wolken. Aus den Wolken wieder ein Fluss. Denken Sie an die Nahrungsketten in der Biologie. Je höher ein Lebewesen in einer Nahrungskette steht, desto mehr Mineralien, Nährstoffe und Atome nimmt es mit der Beute auf, die schon mindestens einmal Bestandteil eines anderen Tiers waren. Allseitige Verbundenheit bedeutet, dass es keine Sache gibt, die aus einem Nichts entstehen könnte oder sich in ein Nichts auflöste. Vielmehr ist alles ständig miteinander in Verbindung, wechselt dabei aber die Form. Dem Prinzip des Wandels unterliegen Lebewesen und Nicht-Lebewesen gleichermaßen. Ausnahmslos alles, was entsteht, löst sich auch wieder auf, indem es sich in etwas anderes verwandelt: Landschaften, Wolken, Bäume, Häuser, Beziehungen, Kulturen, Krisen, das Lachen eines Kindes und so weiter.

Der Prozess des Lebens ist kein linearer Prozess. Er ist multidimensional, verbunden und vernetzt in alle Richtungen über feine und feinste Verbindungen. Wandel und Veränderungen gibt es nur innerhalb dieser Verbundenheit. Niemand kann sich dem Gesamten entziehen. Paradoxerweise erleben die meisten Menschen sich aber in ihrem Alltag genau anders: als Individuen, die sich alleine oder zusammen mit anderen Individuen durchs Leben kämpfen. Man ist wie hineingestellt in dieses Leben und fühlt sich irgendwie getrennt vom Rest. Doch diese egozentrierte Sichtweise vermittelt nur einen kleinen Ausschnitt der Realität.

Mit unserem als so individuell und höchst persönlich empfundenen Leben stehen wir immer in einem interdependenten Gesamtgefüge von Ursachen und Bedingungen. Nichts entsteht aus sich allein heraus, sondern alles ist immer Teil des kontinuierlichen Wandlungsprozesses, in dem alles miteinander in Verbindung steht. Die Grenzen sind fließend. Alles bedingt und durchdringt sich gegenseitig. Ohne alles andere gäbe es auch unser individuelles Leben nicht in genau der Ausprägung, die es von Moment zu Moment annimmt. Ohne meine Eltern, meine Familie, meine Sprache und Kultur gäbe es mich nicht genau so, wie ich jetzt bin. Ich wäre anders. Auch unser jetziges Umfeld wäre im Detail anders, wenn es Sie oder mich nicht gäbe, weil unsere Spuren im Gesamtprozess fehlten. Unser Verhalten, unser Denken und sogar unsere Gefühle und Überzeugungen sind durch eine Vielzahl vorausgeganger Erfahrungen und Bedingungen entstanden – und setzen selbst eine von vielen Ursachen für das, was als Nächstes oder Übernächstes geschehen wird. Bei genauer Betrachtung erscheint daher jeder Augenblick unseres Lebens als der momentane Abschnitt eines Kontinuums. In diesem Moment ist alles so, wie es ist, weil die entsprechenden Ursachen sich dafür in der Vergangenheit herausgebildet haben.

In einer Welt, in der alles miteinander in feiner und allerfeinster Verbindung steht, kann sich nicht einmal der geheimste Gedanke außerhalb des gesamten Kontinuums bewegen. Die Vermutung, man stehe unabhängig in der Welt, erweist sich als Missverständnis.

Der oft im buddhistischen Kontext benutzte Begriff Interdependenz bedeutet wechselseitige Abhängigkeit und beschreibt damit das Verhältnis der Dinge in diesem Prozess zueinander. Interdependenz beruht auf der Tatsache, dass das Leben von Natur aus ein Wandlungsprozess ist, der sich kontinuierlich weiter entfaltet. Innerhalb dieses Kontinuums steht alles miteinander in einem besonderen Verhältnis. Die einzelnen Lebewesen, Dinge und alle anderen Komponenten sind weder unabhängig noch einseitig abhängig – sie sind wechselseitig voneinander abhängig.

Schauen wir in unseren Körper. Die verschiedenen Komponenten wie Organe, Blut, Nerven, Gehirn, sogar Gedanken und Gefühle stehen auf beeindruckende Art alle miteinander in Verbindung und beeinflussen sich gegenseitig in ihren Funktionen. Das Wunder pulsierenden Lebens zeigt sich im Zusammenspiel der einzelnen Aspekte. Nur alles zusammen bildet einen Menschen und ergibt Sinn. Man kann vielleicht einzelne Organe entnehmen und verpflanzen oder ein Bein amputieren. Aber für sich allein können weder die Organe noch das Bein existieren. Sie gehören in das organische Zusammenspiel des menschlichen Körpers.

Wenn man der Sache noch weiter auf den Grund geht, wird man etwas entdecken, was vielleicht zunächst absurd klingt: In dem gesamten Zusammenspiel der einzelnen Aspekte unseres Körpers werden Sie genau genommen kein einziges Ding finden, das der Körper ist. Es gibt diese Essenz einfach nicht. Es gibt nur das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten wie Wärme und Wasser und die einzelnen Atome, die wiederum zusammen das Blut und die Organe bilden. Doch keine dieser einzelnen Komponenten würden wir für sich genommen als Körper bezeichnen. Auch Gefühle und Gedanken bestehen aus einem Zusammenspiel von hormonellen, chemischen und elektrischen Aktionen. Je genauer man schaut, desto größer wird die Fülle an Details, ohne dass man die Essenz findet.

Diese fehlende Essenz bezeichnet man im Buddhismus als Leerheit. Leerheit bedeutet, dass alles aus einer Fülle von Einzelkomponenten in ihrem organischen Zusammenspiel besteht.

Eines Tages ging der berühmt Schwertkämpfer und Zen-Anhänger Tesshu zu Dukuon und berichtete ihm triumphierend, er glaube, dass alles, was existiere, leer sei, es weder „du“ noch „ich“ gebe usw. Der Meister hörte schweigend zu, bis er plötzlich seine lange Tabakspfeife ergriff und Tesshu damit auf den Kopf schlug. Der erzürnte Schwertkämpfer hätte den Meister beinahe auf der Stelle getötet, doch Dukuon sagte ruhig: „Die Leere ist schnell dabei, Ärger zu zeigen, nicht wahr?“ Mein einem gezwungenen Lächeln verließ Tesshu den Raum.

LEIDEN

Unsere Welt des Wandels ist voll von Geschichten, in denen es Menschen durch eigene Kraft oder durch die Hilfsbereitschaft anderer geschafft haben, sich aus Elend, Armut, Vereinsamung oder der Erinnerung an eine traumatische Erfahrung zu befreien. Doch sie ist auch voll von Geschichten, die von Leid erzählen und tragisch enden. Leiden kann sehr intensiv werden und heißt häufig Krebs, Scheidung, Depression oder Burn-out. Es ist immer ein persönliches Schicksal, das hinter dem Leiden steht und das die Angehörigen und Kollegen im unmittelbaren Umfeld berührt, oft auch verunsichert. Denn als Menschen sind wir von Natur aus feinfühlig. Das Leiden eines anderen lässt uns nicht kalt. In dieser Situation ist es nicht immer leicht, eine mitfühlende innere Haltung zu finden, in der das Herz ruhen und Hilfe anbieten kann. Rückhalt und unaufdringliche, liebevolle Zuwendung können den Betroffenen helfen, sich der Situation zu öffnen und sie zu bewältigen. Manche Menschen sind durch die tiefe Fürsorge, die sie erfahren haben, über sich hinausgewachsen.

Kisa Gotami