Der Zthronmische Krieg - Matthias Falke - ebook

Der Zthronmische Krieg ebook

Matthias Falke

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Opis

Als Jennifer Ash bei einem Aufklärungsflug nach Zthronmia mit der Enthymesis abstürzt, möchten Laertes und Norton den Kriegszustand ausrufen. Doch das wird von den anderen Völkern verhindert. Gleichzeitig beginnt in den kargen aber rohstoffreichen Wüsten Zthronmias eine gewaltige Schlacht.

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Matthias Falke

Der Zthronmische Krieg

© 2014 Begedia Verlag

© 2009 Matthias Falke

Umschlagbild – Alexander Preuss

Covergestaltung und Satz – Begedia Verlag

Lektorat – André Piotrowski

ebook-Bearbeitung – Begedia Verlag

ISBN-13 – 978-3-95777-031-8 (epub)

Besuchen Sie uns im Web:

http://verlag.begedia.de

Das ENTHYMESIS-Universum

Eine Science-Fiction-Saga in sieben Trilogien

1. Laertes

2. Exploration

3. Gaugamela

4. Zthronmic

- Torus der Tloxi

            - Der Zthronmische Krieg

        - Palisaden von S'Deró

5. Tloxi

6. Jin-Xing

7. Rongphu

Laertes I

Die Ordonnanz brachte die Getränke und stellte sie auf das zierliche gravimetrische Tischchen: einen Scotch in einem Tumbler aus echtem Kristall und einen alten spanischen Rotwein in einem Römer aus Elastalglas.

»Haben die Herren sonst noch einen Wunsch?«

Die beiden Männer verneinten wortlos. Dann sahen sie der jungen Offiziersanwärterin mit versonnenem Blick nach, wie sie mit elegantem Hüftschwung ihren Slalom zwischen den anderen Tischen und Sitzgruppen absolvierte und zu ihrer Bar zurückkehrte. Dort schmolz sie in die Silhouette einiger Palmen und genmanipulierter Ficusgewächse ein, die sich als filigrane Scherenschnitte von dem Hintergrund des Raumes abhoben. Die mächtige Kuppel aus polarisierendem Elastal war – wie immer zu dieser späten Stunde – vollkommen durchscheinend. Während man ihr tagsüber ein milchiges Aussehen zu geben pflegte, das einen hellen Erdhimmel imaginieren ließ, wurde die Polarisierung am Abend aufgehoben. Der Blick in den Kosmos wurde so zu einem »nächtlichen« Firmament – wenn auch zu einem, dessen Pracht die klarsten irdischen Winter- und Hochgebirgsnächte verblassen ließ. Millionen Sterne überstrahlten die Erinnerung an die paar Tausend, die man von der Erde aus hätte sehen können. Hinzu kamen die gewaltigen Artefakte, die scheinbar regungslos im Raum hingen: mächtige Schiffe, deren Parkraum eine Ebene von vielen Quadratkilometern bildete. Und in der Flucht stand die Hälfte des Torus als Regenbogen aus glitzerndem Titanstahl. Die Bewegung dieser Massen war vollständig synchronisiert. Sie teilte sich den Besuchern der Bar nur indirekt am gemächlichen Wandern des Sternenhintergrundes mit. Und daran, dass die roten und blauen Strahlen der Doppelsonne dieses Systems bisweilen zwischen den schweigenden Schiffskörpern durchbrachen und seltsame Halos auf ihre Flanken warfen.

Die beiden Männer hatten schweigend ihre Gläser gehoben, einander zugenickt und dann den ersten Schluck getrunken.

Die junge Ordonnanz hatte das Licht ein wenig weiter herabgedimmt und dezente klassische Musik angeschaltet. Es war die Stunde der Liebespaare, die nach Schichtende in die SkyLounge kamen, um sich Zärtlichkeiten ins Ohr zu flüstern.

»Seltsam«, sagte der eine der beiden alten Männer, die einander gegenübersaßen und ihre Gläser in den Händen drehten.

Der andere erwiderte nichts, sah aber auch nicht auf. Sein Schweigen ermöglichte es dem ersten, seinen Gedankengang ohne Eile darzulegen.

»Da sitzen wir am anderen Ende der Galaxis, die zu unserer Jugend noch der Inbegriff des Unerreichbaren war, und was machen wir? Wir trinken schottischen Whiskey und spanischen Rotwein, hören Mozart, und die Pracht von tausend Sonnen vermag nicht die Nostalgie zu überstrahlen, die der Anblick einer schlanken Mädchenhüfte in uns auslöst.«

Laertes ließ den Wein in dem Pokal aus synthetischem Glas kreisen und seine Blicke über die halbdunkle Feierabendlandschaft der SkyLounge schweifen. Er wirkte, als versuche er, Augenkontakt zu der Ordonnanz herzustellen. Aber sie hatte sich mit dem Oberkörper über ihre Theke gelehnt und spielte mit ihrem KomGerät. Vermutlich tauschte sie Nachrichten mit ihrem Liebhaber aus.

»Ich weiß, was jetzt kommt«, sagte General a. D. Dr. Randolph Valerian Rogers. Er ließ die Eiswürfel in seinem Tumbler aneinanderklacken und verfolgte ihre Bewegungen dabei, als handle es sich um ein besonders spannendes Baseballspiel. »Warum sind wir hier? Was machen wir hier eigentlich?«

Er sah auf und grinste Laertes spöttisch an. Der selbst ernannte Chefideologe zuckte nicht einmal die Schultern. Die feine Ironie seines alten Weggefährten nahm er schon lange nicht mehr wahr.

»Warum nicht?«, sagte er leise. »Was schadet es, hin und wieder das Ganze infrage zu stellen?«

Er lehnte sich zurück und sah zu der mächtigen, nahezu unsichtbaren Kuppel hinauf, jenseits der das Universum lohte wie ein blauer Brand. Dann schüttelte er die grüblerische Stimmung ab und fasste Rogers scharf ins Auge.

»Wir müssen reden«, sagte er mit verwandelter Stimme.

Rogers musterte wieder die komplizierten Manöver seiner Eiswürfel.

»Dazu sind wir da«, meinte er halblaut, ohne auf Laertes’ neu angeschlagenen Ton einzugehen.

Der weißhaarige Philosoph setzte sich noch eine Spur gerader auf.

»Wir müssen über das Imperium reden«, sagte er eindringlich.

Sein Gegenüber schien noch immer so von dem Inhalt seines Tumblers fasziniert, dass es fraglich blieb, ob er überhaupt zugehört hatte. Nach einer Weile kippte er den Rest seines Getränkes mit einer zackigen Bewegung hinunter und setzte das Glas abrupt auf die Tischplatte aus künstlicher Gravitation.

»Ich bin froh«, sagte er, »dass sie den Ordonnanzen neue Uniformen gegeben haben. Die alten waren zu zivil. Diese hier«, er nickte mit dem Kopf über die Schulter in Richtung Theke, »haben mehr Schneid. Sie sind den Ausgehuniformen der fliegenden Crew nachempfunden, das finde ich wesentlich angemessener.«

Laertes hatte Rogers’ Ausführungen geduldig angehört. Er kannte den alten Schlachtenlenker und bei Generationen von Akademieabgängern gefürchteten Schleifer viel zu gut, als dass er sich von einem solchen Capriccio aus dem Konzept hätte bringen lassen.

Als das Schweigen zwischen ihnen wuchs wie die Feindseligkeit zwischen zwei konkurrierenden Mafiapaten, begegnete der pensionierte General schließlich dem Blick des Philosophen.

»Das ist ja neuerdings ein Lieblingswort«, knurrte er. »Man hört es immer wieder.«

Laertes lächelte schmerzlich.

»Das spiegelt nur die Realität. Wir haben – neuerdings – eine veränderte Situation und ich weiß nicht, ob wir sie schon angemessen reflektiert, ob wir sie überhaupt begriffen haben!«

Dr. Rogers nahm die Schultern zurück und drückte das Kinn auf die Brust. »Jetzt lass aber mal die Kirche im Dorf!«, sagte diese Körperhaltung. Aber er sah, dass der unausgesprochene Vorwurf an Laertes abprallte.

»Das Imperium«, begann dieser, indem er jedes Wort betonte, als spreche er für die Protokollfunktion des StabsLogs, »das Imperium ist Realität. Dieser Tatsache müssen wir ins Auge sehen. Alles andere wäre Selbstbetrug.«

Er fixierte den texanischen Haudegen, bis dieser seinen Blick mürrisch erwiderte.

»Schlimmer: Selbstmord. Wir können es uns in unserer Lage nicht mehr leisten, an der Wirklichkeit vorbeizuschauen. Mit dem Sieg über Sina ist uns eine Macht in den Schoß gefallen, auf die wir nicht vorbereitet waren. Wir kamen dazu wie die Jungfrau zum Kind. Oder«, wieder setzte er das schmerzliche Lächeln auf, das ausdrückte, wie unwohl ihm selber bei der Sache war, »oder wie der Schlafwandler auf den First seines Daches …«

»Da soll man ihn nicht aufwecken«, knurrte Dr. Rogers.

»Doch«, rief Laertes augenblicklich. »Man muss! Denn schon beim nächsten Schritt kann er in den Abgrund stürzen.«

Rogers hatte die Ordonnanz herbeigewedelt und ihr aufgetragen, ihre Getränke zu erneuern. Nachdem das Mädchen der Bestellung nachgekommen war, sahen sie ihm wieder nach, wie es seine Kurven in der straffen weißen Uniformhose zwischen den Gravitischchen schwingen ließ.

»Ich würde ja auch lieber«, sagte Laertes halblaut, als sie zum zweiten Mal an diesem Abend ihre Gläser erhoben, »in einem Altenheim in Pensacola sitzen und meinen Lebensabend damit verbringen, jungen Dingern nachzuträumen. Aber das dürfen wir uns nicht gestatten.«

Rogers hatte die Augen geschlossen und einen Schluck Scotch die Kehle hinuntergleiten lassen.

»Worauf willst du hinaus?«, fragte er endlich, als er einsah, dass Laertes sein Steckenpferd für den Rest dieser Unterhaltung nicht mehr freigeben würde.

»Ich weiß es ja selbst nicht«, sagte der alte Philosoph entwaffnend. »Mir scheint nur, dass wir – seit jener Schlacht – noch nicht einen Tag zur Besinnung gekommen sind. Wir wurden angegriffen. Wir setzten uns zur Wehr. Wir errangen den Sieg. Aber sei doch ehrlich: Niemals hätten wir gedacht, dass wir eine solche Attacke nicht nur zurückschlagen, sondern die Macht, die hinter ihr stand, restlos würden vernichten können!«

Beinahe wäre dem General a. D. die Faust ausgerutscht und auf die Tischplatte gekracht. Der Veteran zweier Kriege war für sein aufbrausendes Temperament bekannt. Und seine Freunde wussten, dass er dieses unter Alkoholeinfluss noch wesentlich schlechter im Zaum halten konnte. Im letzten Augenblick beherrschte er sich aber und besann sich, wo er war und wem er gegenübersaß.

»Wir waren weder unvorbereitet noch unbewaffnet«, knurrte er lediglich. »Schon bei Persephone haben wir ihnen gezeigt, was eine Harke ist.« Er funkelte Laertes finster an. »Ich weiß, wovon ich spreche: Ich darf behaupten, dabei gewesen zu sein. Und Sina City …«

Der Chefideologe und Vorsitzende des verfassunggebenden Konvents wischte das weg.

»Darum geht es jetzt nicht«, sagte er bestimmt. »Nicht mehr. Sina ist zerschmettert. Wer wollte es leugnen? Aber das war gestern.«

Dr. Rogers schlürfte geräuschvoll seinen Whiskey.

»Ich dachte, wir wollten innehalten«, äffte er. »Uns besinnen …«

Er war sichtlich verstimmt. Seine beiden größten Triumphe, die beiden Siege über die Kaiserliche Sinesische Flotte, ließ er sich so schnell nicht madig machen.

»Wir haben das Sinesische Imperium ungespitzt in den Boden gestampft«, grinste Laertes. »So würdest du das doch sagen?!«

Er wartete ab, aber als Rogers nichts entgegnete, wurde er wieder ernst. »Und die Trümmer dieses Imperiums fliegen uns jetzt um die Ohren. Wir müssen das Erbe dieses Imperiums antreten – ob wir wollen oder nicht.«

Der alte General hatte schmollend die Unterlippe vorgeschoben. Sein schwerer Schädel war dunkelrot. Ob von Zorn oder von Whiskey – das würde sich nicht mehr auseinanderhalten lassen.

»Dazu sind wir doch hier«, brummte er und nickte zur Panoramakuppel hinaus, wo die obere Hälfte des gewaltigen Torus sichtbar war. Dort tagte seit Monaten der Galaktische Kongress, der einberufen war, die aus der Knechtschaft der Sineser befreiten Völker an die Union zu binden und das Miteinander in der Galaxis neu zu ordnen.

»Gewiss«, beeilte Laertes sich zu sagen. »Dennoch frage ich mich, ob wir dieser Aufgabe gewachsen sind. Nicht wir paar Politiker und Militärs, Diplomaten und Wissenschaftsastronauten, sondern wir: die ehemalige Union, die Menschheit.«

Das Wort verhallte in einem langen Schweigen. Die Rotation des Torus, der die geparkten Schiffe in unsichtbaren Nachführbewegungen folgten, brachte es mit sich, dass das Licht der beiden fernen Sonne – des blauen Sterns β-Horus und des roten γ-Horus –, komplexe Muster über die riesigen Gebilde wandern ließ. Die Sonnen, die selbst aus dieser Perspektive nicht zu sehen waren, mussten gerade nebeneinander stehen. Ihr Licht vermischte sich. Wo es gemeinsam auftraf, vereinigte es sich zu einem harten Weiß, das unerträglich gewesen wäre, wenn die polarisierenden Elastalglasfelder es nicht selbsttätig gemildert hätten. Wo es sich aber an den Kanten und Aufbauten der Schiffe brach, zersplitterte es zu smaragdblauen und magentafarbenen Höfen, die wie Elmsfeuer um Antennenbäume und Triebwerksdorne spielten.

»Diese Ambition«, setzte Laertes neu an, »haben wir doch in unseren kühnsten Träumen nicht gehabt. Wem könnte ich das eher begreiflich machen als dir, dem letzten noch in Dienst stehenden Angehörigen der goldenen Generation? Dem letzten, der sich noch an die Anfänge der interstellaren Exploration erinnern kann!«

Er fasste Rogers am Arm und zwang ihn, seinem aufrüttelnden Blick standzuhalten.

»Kannst du dich noch daran erinnern?«, fragte er provozierend. »Der Jungfernflug der MARQUIS DE LAPLACE! Zum Sirius! Zehn Lichtjahre!«

Die beiden sanken wieder in ihre Erinnerungen zurück. Viele Jahrzehnte war das her. Auf der Erde waren Jahrhunderte vergangen. Die hohen Geschwindigkeiten im konventionellen Flug mit Hawken-Antrieb und die damit verbundenen langen Flugzeiten hatten in der Anfangszeit zu einem enormen Timeshift geführt. Dann erst kam der Warp. – Und dann kamen die Schiffe der III. Generation mit oszillierendem Warpantrieb, der es ermöglichte, jeden Punkt des Universums innerhalb weniger Tage zu erreichen.

»Alles«, sagte Laertes versonnen, auch wenn diese Erinnerungen für ihn nicht frei von tiefem persönlichen Schmerz waren, »alles im Zeichen der Wissenschaft, der Forschung, der zweckfreien Erkundung des Kosmos, der menschlichen Neugierde auf die unfassbare Pracht der Schöpfung.«

Er wies mit ausgebreiteten Armen zu den großen Panoramafronten hinaus. Seine Augen glänzten feucht und ein feines Lächeln spielte um seine schmalen Lippen, das auszudrücken schien, dass ihm dieser Ausflug in Pathos und Nostalgie ein wenig peinlich sei.

»Von militärischen Belangen war gar nicht die Rede«, fuhr er nüchterner fort. »Wir waren ja die Einzigen und wir kamen in Frieden.«

Dr. Rogers hatte grimmig vor sich hin gelacht.

»Ja«, knurrte er, »und jetzt sind wir Herren über ein galaktisches Imperium.«

Laertes nickte.

»Wir haben es weit gebracht«, sagte der General und seine Stimme blieb vollkommen ausdruckslos.

»Wir sind zu schnell gewachsen«, rief der Philosoph. »Wir sind wie eine Larve, der über Nacht mächtige Flügel gewachsen sind. Aber sie hat keine Zeit, sich ihrer neuen Fertigkeiten zu vergewissern, denn schon stellen ihr die ersten Feinde nach!«

Rogers hob die Schultern und setzte sein breitestes texanisches Haifischgrinsen auf.

»Haben wir Feinde?«, fragte er scheinheilig.

Es war bekannt, dass Laertes in den bisherigen Konflikten immer auf den Verhandlungsweg gesetzt hatte. Auch als der Frachter ENCOURAGE II gekapert und seine Mannschaft massakriert worden war, hatte er daran festgehalten, die Krise auf diplomatischem Wege beilegen zu wollen. Jennifers aus dem Augenblick geborene Entscheidung, das zthronmische Shuttle abzuschießen, in das die Zthronmic mehrere Zehntausend Tonnen Plasma abgepumpt hatten, hatte er intern scharf kritisiert. Und jetzt sprach er von Feinden? In den vierundzwanzig Stunden, die seit dem Vorfall verstrichen waren, schien er seine Meinung modifiziert zu haben.

»Wir sind Herren über ein galaktisches Imperium«, nahm er Rogers’ Formulierung auf, weil er wusste, dass dieser sie in provozierender Absicht gewählt hatte. »Die Union hat mehrere Dutzend neue Mitglieder, friedliche Kulturen – und weniger friedliche. Hochtechnisierte Zivilisationen und Völker, die zur Meditation neigen. Rohstoffreiche Welten und Kulturen, die ihrem eigenen Ethos verpflichtet sind.«

Dr. Rogers saß mit angehobenen Schultern da und starrte ihn unverwandt an.

»Dass es in einer solchen Gemengelage Feinde gibt«, sagte Laertes, »ist so naturgegeben wie, dass es« – auf der Suche nach einem Bild fiel sein Blick auf das regenbogenförmige, in sämtlichen Astralfarben schillernde Tor der nur zur Hälfte sichtbaren Raumstation –, »wie, dass es zentrifugale und zentripetale Kräfte gibt. Wir müssen aufpassen, dass erstere nicht die Oberhand gewinnen.«

»Sonst fliegt uns der ganze Laden auseinander«, brummte Dr. Rogers.

Er nahm die Achseln wieder herunter. Seine Miene war von demonstrativer Gleichgültigkeit. »Sie sollen nur kommen!«, schien der Veteran zweier furchtbarer Schlachten seinen imaginären Feinden zurufen zu wollen.

»Meine Frage ist«, sagte Laertes abschließend, »ob wir darauf vorbereitet sind. Ob wir dieser Aufgabe gewachsen sind.«

Dr. Rogers leckte sich den Whiskey von den Lippen. Seine blauen Augen funkelten angriffslustig.

»Wir sind zweimal mit Sina fertiggeworden«, knurrte er drohend. »Mit diesen – Zthronmic«, er wirkte, als wolle er vor lauter Verachtung ausspucken, »werden wir schon auch noch ein Hühnchen rupfen.«

Laertes musterte ihn aufmerksam. Das verbale Säbelgerassel des alten Veteranen vermochte ihn nicht zu beeindrucken. Vielmehr schien er in dessen Miene lesen zu wollen, wie viel hinter den martialischen Sprüchen wirklich steckte.

»Das meine ich nicht«, sagte er nachdenklich. »Hier eine Polizeiaktion, dort ein kleiner Abschreckungsfeldzug – das traue ich unseren Truppen durchaus zu.«

Rogers hatte sein Glas zur Hand genommen und ließ das Eis darin klacken. Es klang wie das Laden und Präsentieren automatischer Waffen beim Exerzieren.

»Aber wollen wir das wirklich?«, fragte Laertes. »Diesen Belagerungszustand auf Dauer? Dieses Denken in militärischen und strategischen Szenarien? Diesen Kalender, in dem wir die Jahre nicht mehr nach entdeckten Welten und erforschten Planeten zählen, sondern nach Kriegen?«

Dr. Rogers hielt seinem herausfordernden Blick ungerührt stand. Für ihn schien es Schlimmeres zu geben. Ein ganzes ereignisreiches Leben hatte er so geführt. Im Rückblick waren die Jahrzehnte der interstellaren Exploration, in denen es eine zivile Erforschung des Weltraums gegeben hatte, kaum mehr als eine Episode.

»Sind wir dazu bereit?«, insistierte Laertes im Tonfall eines Plädoyers. »Zu dieser ständigen Härte? Zu der Erbarmungslosigkeit, die das notwendigerweise mit sich bringt? Sind wir bereit, immer und immer wieder Blut zu vergießen?«

Der General hatte einen Eiswürfel in den Mund genommen und ihn krachend zerbissen. Jetzt schluckte er die Splitter herunter und spülte mit dem Rest des Whiskeys nach.

»Blut muss fließen«, sagte er.

»Wollen wir das?«, fragte Laertes. Das verzweifelte Vibrieren seiner Stimme war gespielt. Die ganze Szene war ein Planspiel, ein inszeniertes Kreuzverhör von Staatsanwalt und Verteidigung. Und dennoch war es ernst. »Können wir das? Auch das Blut Unschuldiger und Unbeteiligter? Können wir es fließen sehen? Immer und immer wieder? Auch unser eigenes? Das unserer Soldaten, unserer jungen Piloten, unserer Zivilisten?«

Er nickte zu der Ordonnanz, die ihnen den Rücken wies und halblaut auf dem KomLog sprach, vermutlich mit einer Verabredung, die sie nach dem Ende ihrer Schicht am Elevatorschacht erwarten würde.

»Ihr Blut!«

Jetzt wurde es Dr. Rogers zu bunt. Er atmete vernehmlich durch.

»Jetzt mach mal halblang«, sagte er unwirsch. »Die Zthronmic sind nicht die Sineser.«

»Das meine ich auch nicht«, versetzte der Philosoph.

»Auf die eine oder andere Weise werden wir uns mit ihnen ins Benehmen setzen«, knurrte der General a. D. »Ihnen eine Lektion erteilen …« Er blinzelte Laertes pfiffig zu. »Und dann kann Norton endlich zu seiner Ringgalaxis aufbrechen, von der er jede freie Minute schwärmt.«

Laertes schüttelte den Kopf.

»Die ist auch noch in einem Jahr da«, sagte er. »Aber in einem Jahr wird es den nächsten Aufstand geben, den nächsten Übergriff, den nächsten lokalen Separatismus! Begreifst du? Das wird nun immer so weitergehen!«

Rogers schnalzte mit der Zunge, um die Ordonnanz herbeizurufen. Sie brachte die dritte Runde.

»Ihr Philosophen«, sagte er, der mit jedem Glas jovialer wurde, »macht ein Geschäft daraus, euch den Kopf zu zerbrechen. Aber was vielleicht im übernächsten Jahr sein könnte, lässt mir heute keine grauen Haare wachsen.«

Er grimassierte, denn tatsächlich hatte er fast überhaupt keine Haare mehr auf dem schweren, geröteten Schädel. Er hob sein Glas und ließ es brutal gegen Laertes’ zierlichen Weinkelch krachen.

»Wenn da ein Problem ist«, dozierte er im Stil seiner Taktikvorlesungen an der Akademie, »werden wir es lösen.« Er dachte eine Weile nach. »Du hast natürlich recht: Ein Aufstand kann den nächsten nach sich ziehen. Die Union ist ein volatiles Gebilde. Ruhe wird es vermutlich niemals geben. Umso mehr müssen wir darauf achten, dass wir nicht den Eindruck von Schwäche erwecken. Das eine Attentat, das wir aus Weichherzigkeit durchgehen lassen, wird augenblicklich Nachahmer finden.«

Laertes nickte zustimmend.

»Deshalb«, fuhr Dr. Rogers fort, indem er sich in seinem Sessel aufblies, »werden wir uns dieser seltsamen Amish-Zthronmic-Angelegenheit zu widmen haben.« Er zwinkerte seinem alten Weggefährten gut gelaunt zu. »Ich muss gestehen, dass ich die Sache nicht durchschaue. Sie interessiert mich auch nicht. Aber wir werden wohl oder übel ein Exempel statuieren müssen.«

Laertes blickte skeptisch in sein Glas. Auch seine asketischen Züge hatten ein wenig Farbe angenommen.

»Hier ist eine Bürde«, sagte er halblaut, »auf die wir nicht vorbereitet sind.«

Dr. Rogers stieß auf und blies eine saure Alkoholwolke vor sich hin.

»Klingt angelesen«, knurrte er.

Laertes lächelte.

»Der alte Ash«, sagte er. »Er hat das alles kommen sehen. Die Punischen Kriege waren für ihn der Präzedenzfall, den er sich immer und immer wieder wiederholen sah.«

Rogers nickte. Seine Augen verklärten sich und nahmen wieder den feuchten Glanz des Alters an.

»Du hast ihn gekannt …«, sagte er. Es war weder Frage noch Feststellung.

Laertes bejahte mit einem fast unmerklichen Niederschlagen der Lider.

»Auf der Höhe des ersten Sinesischen Krieges sah er die gesamte Entwicklung voraus, die uns nun bis hierher geführt hat. Das hatte für ihn etwas von naturgesetzlicher Notwendigkeit. Wir würden das Schicksal Roms teilen und wiederholen. Verurteilt dazu, ein Imperium zu errichten, ob wir nun wollten oder nicht. Verurteilt dazu, alle Feinde zu besiegen, so lange, bis keine mehr übrig wären. Verurteilt dazu, ein Weltreich zu sein, stehende Legionen zu halten und in jedem Frühjahr an einer anderen Grenze Krieg zu führen – tausend Jahre lang.«

Rogers presste die Lippen zu einer wurstigen Grimasse aufeinander.

»Nicht das schlechteste Beispiel, das man sich aus der Geschichte wählen kann.«

Laertes betrachtete den dunklen Wein, der langsam in seinem Pokal aus künstlichem Tloxi-Glas kreiste.

»Die kleine Ash hat einen Frachter angefordert«, sagte er nach einer Weile.

»Nachschub«, nickte Dr. Rogers. »Treibstoff, Munition, Lebensmittel, Mannschaften. Ich habe die Anforderung gelesen und ausdrücklich gutgeheißen, auch wenn ich nichts mehr zu entscheiden habe.«

»Norton hat zugestimmt«, erwiderte Laertes. »Aber er hat meine Meinung eingeholt.« Er zog süffisant die Lippen kraus. »Das ist der Grund, weshalb ich dich um diese Unterredung gebeten habe.«

»Wir müssen unsere Präsenz vor Ort verstärken«, sagte Rogers schlicht.

Laertes kniff die Augen zusammen und beobachtete den alten General einige Zeit durch die schießschartenschmalen Schlitze.

»Es ist eine Falle«, meinte er dann.

Dr. Rogers entblößte seine Zähne.

»Jetzt können die Zthronmic zeigen, wie tapfer sie sind – oder wie dumm«, brummte er streitlustig. »Diesmal sind wir vorbereitet!«

»Ihr wollt sie in flagranti stellen …«, riet Laertes.

»Wenn sie so dämlich sind.« Der Texaner zuckte die Achseln.

Laertes trank einen Schluck Wein. Dann legte er nachdenklich den Finger an die schmale Nase. Irgendwo hatte sich das blaue Licht der Sonne β Horus in dem Segment eines Schiffes gespiegelt und brach als kalte Flut über die SkyLounge herein. Die Polarisierung der Elastalglaskuppel hatte sich selbsttätig vertieft. Dennoch war der Raum für eine Weile in unwirkliches Gletscherlicht getaucht. Die Gesichtshaut des alten Philosophen wirkte mit einem Mal grau und leichenhaft.

»Die Kleine spielt mit dem Feuer«, sagte er.

Dr. Rogers unterdrückte ein verächtliches Lächeln nur unzureichend. Es sah aus, als sei ihm abermals der Whiskey aufgestoßen.

»Sie hat die Unbeugsamkeit ihres Vaters!«

Laertes schien nicht gewillt, auf den frivolen Tonfall einzuschwenken.

»Muss das wirklich sein?«, fragte er resigniert. »Müssen wir die Zwischenfälle auch noch provozieren?«

»Was willst du?«, brauste Dr. Rogers auf. »Du hast selbst gesagt, dass uns der ganze Laden um die Ohren fliegt, wenn wir einmal nachgeben. Wenn wir nicht einmal mehr Nachschub zu unseren Basen schaffen können, können wir die ganze Veranstaltung namens Imperium gleich abblasen!«

Laertes schüttelte den Kopf.

»Es ist zu offensichtlich«, sagte er. »Selbst wenn es zu einem Scharmützel kommt und selbst wenn wir es für uns entscheiden, gerade dann …«

»Das will ich doch schwer hoffen«, fuhr der pensionierte General ihm übers Wort. »Diesmal sind wir schließlich gewarnt.«

»Gerade dann«, fuhr der Philosoph unbeeindruckt fort, »wird man es uns als böses Kalkül auslegen.«

»Diese Art zu denken«, knurrte Dr. Rogers, »wird sich mir nie erschließen.«

»Man wird sagen«, hob Laertes die Stimme, »wir hätten es darauf angelegt!«

Rogers schlug mit der Faust auf den Tisch, dessen gravimetrisches Feld für einen Augenblick summte und knisterte.

»Dann darf ich mich überhaupt nicht mehr bewegen!«, tobte er. »Ich könnte ja überfallen werden. Und dann könnte man hinterher sagen, ich habe überfallen werden wollen, um einen Vorwand zu haben, nach der Polizei zu schreien.«

Laertes blickte ihn offen an. Sein Schweigen wirkte ernüchternd auf den alten Haudegen, der drauf und dran gewesen war, sich wieder einmal in seine geliebte Rage zu reden.

»Jennifer bekommt den Frachter«, sagte Rogers. »Und ein Geschwader schneller Jäger hält sich mit programmierten Sprungvektoren bereit. Reynolds’ ingeniöse Quantenbox macht es möglich, in Echtzeit Hilfe durch den Hyperraum zu schicken.«

»Ich sage ja nicht«, führte Laertes seinen Gedankengang zu Ende, »dass es logisch oder überzeugend ist. Aber ich fürchte, es wird dennoch so kommen!«

»Dann scheiß drauf!«, polterte der Texaner.

»Es wäre sogar denkbar«, spann Laertes den Faden aus reinem Widerspruchsgeist noch ein wenig fort, »dass sie auf Baisse spielen und sich von unserer Übermacht überrumpeln lassen. Ein paar ihrer Leute zu opfern, stellt für sie ja offensichtlich kein Problem dar. Und wir kämen einmal mehr als diejenigen an den Pranger, die überzogen reagieren und blindwütig um sich schlagen.«

»Wir verteidigen nur unser Eigentum und unsere Rechte«, sagte Dr. Rogers.

»In den Augen der Dritten, aller kleinen und militärisch schwachen Völker, werden wir als die eigentlichen Aggressoren dastehen.«

»Umso besser! Dann werden sie sich in Zukunft zweimal überlegen, mit wem sie anbandeln!«

Die beiden stemmten die Blicke ineinander. Dann entspannten sie sich wieder. Es war nur ein Schaukampf gewesen. Ein Strategiespiel. Ein möglicher Ablauf dessen, was sich vielleicht schon morgen oder übermorgen realiter auf dem Kongress ergeben könnte.

»Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überreizen«, sagte Laertes, als sich die inszenierten Wogen wieder geglättet hatten.

»Wir sind rein defensiv«, gab Dr. Rogers zurück. »Wir verfahren nach der Strategie der flexible Response. Wenn der Gegner eskaliert, eskalieren wir auch. Dann wird man sehen, wer den längeren Atem hat.«

Laertes hatte den Zeigefinger ausgefahren. Jetzt stach er ihn seinem alten Weggefährten mitten in die Brust.

»Siehst du?«, versetzte er mit einem Beigeschmack von rhetorischem Triumph. »Darum ging es mir die ganze Zeit. Müssen wir wirklich mit den Zthronmic darum wetteifern, wer brutaler ist? Wer zu mehr Grausamkeiten fähig ist? Ein erstes Exempel ihrer – Fertigkeiten haben sie schon abgeliefert.«

Rogers schien der Debatte müde zu sein.

»Erstes strategisches Gesetz«, sagte er im leiernden Tonfall einer Vorlesung, die er schon hundertmal gehalten hatte, »den Krieg dorthin tragen, wo er herkommt. Und zweitens: so früh wie möglich klarmachen, dass man zur größtmöglichen Härte entschlossen ist.«

Er senkte einen tiefen Blick in Laertes.

»Alles Appeasement der Geschichte hat nicht einen Krieg verhindert – nur die, die kamen, noch schlimmer gemacht.«

»Dann bekommt Jenny ihren Frachter«, stellte Laertes fest.

»Sie bekommt ihn«, nickte Dr. Rogers. »Und vielleicht fallen uns ja noch ein paar Überraschungen ein.«

Die Gläser waren geleert. Die übrigen Gäste der SkyLounge waren längst gegangen. Nach Bordzeit der MARQUIS DE LAPLACE war Mitternacht vorüber. Die Ordonnanz hatte sich schon einige Male laut und vernehmlich geräuspert, geräuschvoll die Gläser weggeräumt und sich an ihrer Theke zu schaffen gemacht. Ihre via KomLog eingefädelte Verabredung wartete vermutlich schon, zwei oder drei Etagen tiefer im dreidimensionalen stählernen Labyrinth des riesigen Schiffes. Dennoch wagte sie natürlich nicht, die beiden Alten direkt zum Gehen zu drängen. Mit der Schwere von Männern, die zu müde sind, um aufzustehen und nach Hause zu gehen, hockten der pensionierte General und der selbst ernannte Chefideologe da und starrten vor sich hin.

»Wiszewsky liegt im Sterben«, sagte Laertes nach einer Weile.

In Rogers’ gerötetem Gesicht war keine Regung zu erkennen.

»Hab’s gehört«, brummte er.

»Die Komarowa ist bei ihm«, fügte Laertes noch an. Dann musste er schmunzeln, denn das war sie ja all die Jahrzehnte permanent gewesen. Von den Anfängen der interstellaren Exploration bis zur Schlacht um Sina war sie buchstäblich nicht von der Seite des Commodore gewichen. Jetzt begleitete sie ihn auf seinem letzten Gang.

Auch Rogers hatte unwillkürlich grinsen müssen, als er sich das ungleiche Paar vor Augen führte. Der stets zerstreut wirkende Wiszewsky, der die MARQUIS DE LAPLACE mehrere Dezennien lang wie ein Duodezfürst regiert hatte – und die püppchenhafte Weißrussin, die während der ganzen Zeit wie nur je eine Mätresse an ihm geklebt hatte.

»Die Goldene Generation stirbt aus«, sagte der Veteran der beiden größten Schlachten, die die raumfahrende Menschheit je geschlagen hatte.

»Wir sind die Letzten«, nickte Laertes.

Nach einer Weile erhoben sie sich schwankend und taumelten, einander unterfassend, zum Elevatorschacht. Das Kraftfeld baute sich selbsttätig auf, als sie die unsichtbare Sperre der KI durchschritten. Dann glitten sie einige Hundert Stockwerke senkrecht hinunter zu den Wohntrakten und Offiziersunterkünften der MARQUIS DE LAPLACE.

Pater Bel I

Pater Pu Rhea Bel hatte die Nacht vom 4. auf den 5. Shalem der Periode 10-294 in Gebetshaltung vor seinem Meditationskaktus verbracht. Zwar war er am Abend zur gewöhnlichen Stunde zu Bett gegangen, aber kurz nach Mitternacht hatten ihn ferne Erschütterungen und Detonationen geweckt. Er hatte sich den Morgenmantel übergeworfen und war auf das Vordach seines Pueblos gestürzt, dessen weiß gekalkte polyedrische Flächen in der klaren sternenhellen Nacht bläulich geleuchtet hatten. Im Frost der Stunde leicht zitternd, hatte er zum Himmel aufgesehen, der von mächtigen Explosionen durchzuckt wurde. Eine Art Wetterleuchten pulste und blitzte naturwidrig am wolkenlosen Firmament. Aus den Feuerbällen lösten sich rußig rote Meteoriten, die langsam in parabelförmigen Bahnen nach Westen zogen und dort, tief in der Großen Ngév und weit jenseits des Horizontes, zerschellten. Von dort kam auch das ferne Rumpeln und Grollen, das ihn aus dem Schlaf geweckt hatte. Es vereinte das Unheimliche eines Erdbebens oder Vulkanausbruchs mit dem regelmäßig mahlenden Takt eines großen Walzwerkes. Die Meteore oder Asteroiden schlugen mehrere Tagesmärsche weit hinter den Westbergen in die Ebene, daran konnte kein Zweifel sein. Doch was flackerte und brannte da am Himmel? Pater Bel musste widerstreitende Assoziationen zurückdrängen. War es ein Stern von Betlehem – oder ein flammendes Zeichen der Apokalypse? Beide Erinnerungen waren blasphemisch; er musste sie in sich zum Schweigen bringen. Denn das Zeichen von Betlehem war nur einmal erschienen, es hatte nur einmal erscheinen können; auf eine Wiederkehr zu hoffen, war Gotteslästerung. Und kein kosmisches oder historisches Ereignis konnte den Jüngsten Tag evozieren, wenn der Herr und Heiland die Himmel aufrollen und Gericht halten würde.

Nach einer Weile kamen die lautlosen Explosionen in der hohen Atmosphäre zum Erliegen. Und auch das ferne Donnern aus den lebensfernen Weiten der Ngév verstummte beinahe; es ebbte zu einem fast unhörbaren Grummeln ab, wie wenn ein Gewitter vorbeigezogen war und sich jenseits der Gebirge austobte. Die Brände, die über den Einschlagkratern lohten, schienen anzuhalten. Der westliche Horizont war von einem tiefroten, wabernden Schein überwölbt, einer Art schmutzigen Zodiakallichtes. Niemand wusste, was sich dort in dieser Stunde zutrug, wie viel Blut in diese Feuersbrunst vermischt war.

Der Pater hätte es sich nicht durchgehen lassen, sich nach diesem Schauspiel wieder zu Bett zu begeben. Er kehrte in seine Wohnung zurück und schloss die Tür aus wärmedämmendem Elastil, die die Verbindung zum terrassenförmigen Vordach bildete. Aber er verweigerte sich für den Rest dieser Nacht den Schlaf. Vermutlich hatte es Tote gegeben. Menschliche oder andere Seelen irrten im Raum zwischen den Welten umher. Er musste für sie beten.

Er ließ sich auf dem hölzernen Bänkchen vor seinem Meditationskaktus nieder und versenkte sich in Trance. Dabei liefen die Gedanken auf unterschiedlichen Ebenen weiter. Wie die Satelliten einer Welt, die diese auf den verschiedensten Bahnen umkreisen und einander niemals berühren, kreisten seine Überlegungen um das nächtliche Phänomen, das seinerseits die unterschiedlichsten Deutungen und Interpretationen erlaubte. Er glaubte ausschließen zu können, dass es ein natürliches Ereignis gewesen war. Ein Asteroid, der an den hohen Atmosphäreschichten zerschellt wäre, hätte niemals ein solches lang anhaltendes Feuerwerk geboten. Und Kometentrümmer oder Meteore, die auf die Wüste eingehagelt wären, hätten nicht zu solchen Bränden geführt. Was sollte brennen, in der Stein- und Geröllwüste der Großen Ngév? Es mussten enorme Treibstoff- oder Munitionsmengen im Spiel sein. Eines oder mehrere Schiffe mussten aus einem Orbit abgestürzt sein. Vermutlich war dem ein Gefecht vorausgegangen. Ihm war von einer politischen Krise oder einer sonstigen Bedrohungslage nichts bekannt. Aber die Situation auf dem geteilten Planeten war in den letzten Tagen und Wochen immer noch prekärer geworden. Auch ein Kampf im Raum über der Lufthülle konnte da nicht ausgeschlossen werden.

Er wusste nichts. Und er verbat sich alle Spekulation. Er ahnte nur eines: Im großen schwarzen Buch der Geschichte wurde wieder einmal ein neues Kapitel aufgeschlagen. Er fürchtete, es werde auf dieser Welt spielen, auf dem so überaus reichen und kargen, umkämpften und verlassenen, schönen und erbarmungslosen, gesegneten und verfluchten Zthronmia.

Pater Pu Rhea Bel betete zu Gott, dass der Konflikt glimpflich ablaufen und dass sein Hunger nach menschlichen und anderen Seelen nicht unersättlich sein würde. Er erteilte allen, die in der Nacht womöglich den Tod gefunden hatten, die Absolution. Dann verharrte er in durchlässiger Trance bis zum Morgen.

Nachdem er das Morgengebet gesprochen und die rituelle Verneigung vor seinem Kaktus absolviert hatte, widmete er sich im ersten Frühlicht seinen Übungen. Man sollte dem Körper nicht zu viel an Aufmerksamkeit widmen; aber ihn zu vernachlässigen, war dennoch Sünde. Schließlich war er das Gefäß des Geistes. Nachdem er sich gewaschen und angekleidet hatte, nahm der Pater sein knappes Frühstück aus getrocknetem Fladenbrot und dünnem Synthetkaffee zu sich. Eines seiner wenigen Zugeständnisse an die Zeit künstlicher Genussmittel. Er hatte sich eben die weiße Toga aus handgewebtem Tuch umgeworfen, um sich zu seiner Gemeinde zu begeben, als die Sirenen ertönten. Das war zwar in den letzten Wochen zu einer beinahe täglich wiederkehrenden Prüfung geworden, dennoch durfte es – auch in der inneren Haltung, die man dazu einnahm – niemals Routine werden.

Er trat auf die Plattform seiner Pueblos hinaus und beschattete die Augen vor der Sonne, die in diesem Augenblick über den staubigen Horizont kam. Im Westen war ihm gerade noch ein dünner schwarzer Rauchfaden aufgefallen, dessen Wurzel tief in der Großen Ngév stehen musste und der sich im Morgenwind zusehends zerfaserte. Doch jetzt loderte im Osten ein neuer Morgen. Es bestand kein Zweifel, dass es ein blutiger sein würde. Denn aus dem Strahlenfächer der aufgehenden platinfarbenen Sonne brach ein Geschwader Scyther hervor, das in weit auseinandergezogener Formation im Tiefflug auf den Kibbuz zuhielt. Wie es ihrer gewöhnlichen Taktik entsprach, bildeten die Scyther ein asymmetrisches Delta, dessen einer Balken aus drei, der andere jedoch aus mindestens einem halben Dutzend Maschinen bestand. So pflegten sie in geringer Höhe auf ihr Zielgebiet zuzuhalten und es dann in rollenden Angriffen ins Visier zu nehmen.

Der Pater konnte sehen, wie die Menschen überall den Schutz der Bunker und festen Unterstände aufsuchten. Er selbst blieb an seinem Platz, auf dem weit vorspringenden Terrassendach seines Pueblos. Die Angriffe der Zthronmic galten für gewöhnlich der Unterstadt, wo ihre Bomben im Gewirr der engen Gassen wie auch auf den weiten volkreichen Plätzen, Märkten und Foren mehr Schaden anrichten konnten als bei den vereinzelt stehenden Häusern der Oberstadt, die sich an den Hang des Hügels lehnte. Er fühlte sich einigermaßen sicher. Zugleich schämte er sich dieses Gefühls, das einen Beigeschmack von Überheblichkeit barg. Weidete er sich an der Illusion seiner Unversehrbarkeit – und am Anblick der Katastrophe wenige Steinwürfe unter seinen Füßen?

Der Pater beschloss, es diesmal nicht bei der Rolle des Zuschauers zu belassen. Während unten die ersten Einschläge krachten, hangelte er sich an der Außenleiter seiner Pueblos nach unten und tauchte in die kühle Gasse ein, die zu dieser frühen Stunde noch im Schatten lag. Dann begann er, die verwinkelten Treppen und Wege hinunterzueilen, die zur bevölkerungsreichen Unterstadt führten. Detonationen ließen die Gebäude erbeben. Scheiben aus Elastalglas gingen zu Bruch. Explosionen, Sirenen, Schreie ertönten und vermischten sich zu einem panischen Durcheinander. Das Gellen der Verwundeten wurde von den ohnmächtigen Rufen der Mütter durchdrungen, die ihre Kinder sterben sahen. Dazwischen schollen die Kommandos der Rettungskräfte und die anklagenden Laute der unfreiwilligen Zeugen, die mit ansehen mussten, wie der Kibbuz ein weiteres Mal angegriffen wurde, ohne sich zur Wehr zu setzen.

Je weiter er im kegelförmigen Bau der verschachtelten Siedlung nach unten kam, umso voller waren die Straßen von hin und her eilenden Menschen. Und immer noch krachten Einschläge. An der Ecke zum großen Markt kam ihm ein Mann der Schutztruppe entgegen, warf sich über ihn und zog ihn zu Boden. Während der Pater noch verwirrt um Atem rang, von der schweren Gestalt des Mannes fast erdrückt, bebte die Erde unter ihm und der Himmel verwandelte sich in flüssiges Blut. Eine Pilzwolke aus rotem Feuer blühte über ihnen auf, während der Boden wankte und der Explosionsdruck den Staub in seltsam ästhetischen Mustern um die Kanten der Gebäude tanzen ließ.

Brennende Schwaden troffen auf sie herab. Die Luft war geschwängert vom widrigen Dunst explodierten Treibstoffs und verkohlten menschlichen Fleisches. War eines der Depots getroffen worden?

Während sie sich mühsam erhoben und überall Leute dabei waren, die vom Himmel regnenden flüssigen Brände zu löschen, starrte der Pater den Mann an, der ihm das Leben gerettet hatte. Zwei Schritte weiter, aus dem Schutz des steinernen Gebäudes heraus, und der feurige Atem der Katastrophe würde ihn in Asche verwandelt haben.

»Was war das?«, stammelte er und erschrak darüber, wie heiser seine Stimme klang.

Der bullige Schutzmann, der nicht das traditionelle weiße Gewand der Amish trug, sondern eine Uniform aus Hitze abweisendem Elastil, lugte vorsichtig um die Ecke und auf den getroffenen Markt hinaus.

»Eine Aerosolbombe«, hustete er, sich Staub und Ruß aus dem Anzug klopfend.

Pater Bel schob ihn aus dem Weg und trat auf den Platz hinaus. Er erstarrte. Ein Bild des Grauens bot sich ihm, das die schrecklichen Szenen der vergangenen Wochen verblassen ließ. Der Sprengsatz von der Stärke einer thermischen Granate war in das Schulgebäude gefallen, das den südlichen Abschluss der großen Freifläche bildete. Mehrere Dutzend Kinder waren verbrannt. Auch auf dem Vorplatz wälzten sich zahllose Verletzte und Sterbende. Manchen hing die Haut in verkochten Fetzen vom entkleideten Leib. Andere verröchelten mit geplatzten Lungen. Wenige Schritte vor ihm starb ein zehnjähriges Mädchen. Der Explosionsdruck musste sie quer über den riesigen Platz geschleudert haben. Ihr Rücken war aufgerissen und verbrannt. Man sah die rohen Lungenflügel zwischen den zerschmetterten Schulterblättern arbeiten. Ihr Haar war abgesengt. Ihre Beine bildeten zerknickte Muster wie die Gliedmaßen einer zerbrochenen Puppe. Hier kam jede Hilfe zu spät. Dennoch dauerte es erschreckend lange, bis das letzte gequälte Leben aus dem winzigen, zerstörten Leib gewichen war.

Die Scyther waren abgedreht. Während der Pater das sterbende Mädchen in seinen Armen barg, fragte er sich, was diese Zunahme der Gewalt bedeuten mochte. Der Angriff stellte eine neue Qualität dar. Auf den ersten Blick war klar, dass er mehr Opfer gekostet hatte als alle Terrormaßnahmen der letzten Wochen zusammen. Allein in der Schule … Er rang nach Luft, während er spürte, wie das kleine Herz in seinen Armen aufhörte zu schlagen. In dieser Stunde der Verzweiflung konnte er nur ahnen, dass der Angriff etwas mit den nächtlichen Vorgängen zu tun hatte. Stellten sie eine Antwort dar, eine Vergeltung? Worauf? Wofür?

Der Pater schloss dem toten Mädchen die von der Qual geweiteten Augen. Eine Frau kam auf ihn zu. Auch ihr Haar war angesengt. Ihre weiße traditionelle Tracht, von Brand- und Blutflecken besudelt, hing in Fetzen.

»Warum?«, schrie sie, in deren Augen der Schock brodelte. »Warum, Pater?«

Auch Pu Rhea Bel wusste, dass er unter Schock stand. Er war beinahe froh darum. Sich von solchen Ereignissen nicht schockieren zu lassen, wäre eine noch größere Sünde gewesen als die Hilflosigkeit, in der er jetzt Shorena gegenübertrat.

»Ich – weiß es nicht …«, stammelte er rau.

Er versuchte, die verstümmelte Leiche des kleinen Mädchens auf den von Staub bedeckten Steinboden zu betten. Dann erhob er sich unter Schmerzen. Er musste am ganzen Körper grün und blau sein von den zweieinhalb Zentnern des Hünen, der ihn umgeworfen hatte. Doch was war das gegenüber den Verletzungen derer, die verbrannt und gestorben waren?

Während er feststellte, dass er zitterte und sich kaum auf den Beinen halten konnte, sah er die Frau ben Cyrions, der seit Monaten in der Ferne war, traurig und ratlos an.

Auch mehrere Männer kamen auf sie zu und bildeten einen Halbkreis um ihn. Die meisten erwachsenen Amish arbeiteten in den Minen. Die wenigen, die sich im Kibbuz aufgehalten hatten, hatten bei der ersten Sirene alles stehen und liegen gelassen und waren zu den Schutz- und Sanitätsstaffeln gelaufen. Doch was konnten sie ausrichten?

»Warum lassen wir das zu?«, fragte der Hüne, der ihm das Leben gerettet hatte und der jetzt mit verbranntem Gesicht von der Löschung der letzten Brände zurückkam. Es war Ari ben Guron, der Führer der Freiwilligen, die turnusgemäß bei ihren Familien geblieben waren.

Der Pater zuckte die Schultern. Theologische Sophismen zuckten durch seinen Geist. Im Seminar hätte er sich eine brillante Rechtfertigung zurechtlegen können. Aber hier, im wüsten Gestank Dutzender verbrannter Leichen, wurde sie zu Nichts.

»Gott …« Er schüttelte den Kopf. Ein hysterisches Schluchzen rang sich in ihm los.

»Warum lässt Gott es zu?!«, rief Shorena und stemmte die Fäuste in die rußverschmierten Hüften, die nackt unter ihrem zerfetzten Gewand hervorschienen.

Der Pater wagte nicht, sie anzusehen. Er hätte sie fragen müssen, wie viele ihrer sieben Kinder in der Schule gewesen waren …

»Wir müssen uns bewaffnen«, sagte Ari. Der ruhige Bass seiner Leibesfülle gab seinen Worten ein Gewicht, das keine noch so ausgeklügelte Argumentation hätte widerlegen können.

Mehrere andere Männer stimmten ihm zu und schüttelten die Fäuste.

»Wir dürfen uns nicht abschlachten lassen wie Vieh!«, riefen sie. »Ohne etwas zu unternehmen. Ohne uns zur Wehr zu setzen!«

»Wir sollten den Rat einberufen«, schlug Shorena vor. »Ich werde Cyrill schreiben, dass wir ihn hier vor Ort brauchen.« Sie funkelte den Pater zornig an. »Was kümmern uns diese Verhandlungen Gott weiß wo? Sie machen unsere Kinder nicht wieder lebendig!«

Dann bohrte sie den entschlossenen Blick ihrer schwarzen Augen, deren Lachen einst so unwiderstehlich schön gewesen war, in den Pater, bis er begriff. Er trat zur Seite und gab den Leichnam ihrer Tochter frei. Ohne erkennbare Regung bückte sie sich zu dem schwärenden Bündel, lud es auf ihre nackten Arme und ging damit davon.

Norton I

Die Anfrage kam am nächsten Morgen. Sie überraschte mich nicht; ich hatte damit gerechnet. Allenfalls der Zeitpunkt hätte einen irritieren können. Hatten wir nichts anderes zu tun?

Das Dossier war um fünf Uhr morgens auf den Teil des StabsLogs überschrieben worden, der dem Zugriff des Kommandanten vorbehalten blieb. Ich wusste daher auch, von wem er stammte.

Die Mauretanier galten als Frühaufsteher. Ihre Arbeitsessen konnten sich den ganzen Vormittag hinziehen. Aber sie legten Wert darauf, das erste Tagewerk schon vorher zu erledigen.

Die Codierung zeigte an, dass die Anfrage persönlich auf meinen gesicherten Bereich des StabsLogs gestellt worden war und nicht etwa mittels einer programmierten Terminierung. Es musste also ein chronischer Nachtarbeiter wie zum Beispiel Direktor Reynolds gewesen sein – oder eben einer der unsympathischen Angehörigen des Mauretanierordens. Ich gab im Stillen einen Tipp ab und öffnete dann das Dokument.

Auch diese Wette hätte ich gewonnen!

Die Anfrage stammte von Dr. Flitebuca, dem weißhaarigen Rat und Stellvertreter Xanda Salanas. Während Salana als Hoher Repräsentant den protokollarischen Pflichten nachkam, Empfänge eröffnete und Sonntagsreden hielt, wirkte Moran Flitebuca im Verborgenen. Er kümmerte sich um die Ausarbeitung der Schriftstücke und Verträge, deren Verabschiedung Salana dann mit viel Champagner und noch mehr Händedrücken feierte. Flitebuca war der Herr des Kleingedruckten. Ein Aktenfresser, Paragrafenreiter, Strippenzieher. Ein Mauretanier eben. Denn dieser Orden hatte es sich zum Ziel gesetzt, einerseits die Schaltstellen der Macht zu besetzen, andererseits aber unter der Oberfläche zu wirken. Es hieß, dass er nur wenige Hundert Mitglieder habe und dass ihre Zahl seit mehreren Jahrhunderten konstant sei. Sterbe ein Mitglied, werde ein neues aufgenommen. Diese wenigen Hundert Männer hielten die Fäden von Politik, Industrie und Militär in der Hand und kontrollierten so – ohne sich um Dinge wie demokratische Legitimierung zu kümmern – die Geschicke der Union seit ihrer Gründung und ihrem Aufbruch ins Zeitalter der interstellaren Exploration.

Es wurde gemunkelt, Jorn Rankveil gehöre dem Orden ebenfalls an. Zumindest würde mich das nicht wundern. Er war der Typ dafür. Und vermutlich war auch Commodore Wiszewsky ein Mauretanier gewesen. Die selbstverständliche Art, wie er das Amt des Kommandanten der MARQUIS DE LAPLACE angetreten hatte, und die gleichzeitig seltsam unspektakuläre Art, wie er es jahrzehntelang geführt hatte, deuteten darauf hin. Bewiesen würde es nie werden. Es schickte sich auch nicht, danach zu fragen. Er würde auch dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen, und wahrscheinlich schon recht bald. Denn sein Gesundheitszustand hatte sich in den letzten Tagen rapide verschlechtert. Der Bordarzt der MARQUIS DE LAPLACE sah mehrmals täglich nach ihm. Und natürlich wich die Komarowa nicht von seiner Seite. Wann hätte sie das je getan?

Das alles erfuhr ich, als ich mich an diesem Morgen in die Kommandantenebene der Schiffsprotokolle einloggte.

Aber das Auffälligste war die Anfrage Dr. Moran Flitebucas. Ihm war aufgefallen, dass sämtliche Flugbewegungen rund um Torus und Parkraum, aber etwa auch im Bereich der Baustellen der MARQUIS DE LAPLACEs II und III, vom telepathischen Kontinuum der Tloxi gesteuert und überwacht wurden. Für einen Zivilisten und Sesselfurzer wie ihn war das eine enorme Leistung. Wahrscheinlich erwartete er im Stillen, dass man ihm Anerkennung zollte.

Tatsächlich war es – seit wir Sina zerschlagen hatten und die Tloxi der Union beigetreten waren –so, dass sämtliche Aktivitäten unserer Schiffe – von Shuttleflügen bis hin zu den intergalaktischen Operationen unserer Lambda-Ionensonden und von Frachtdrohnen bis zu den Missionen unserer schweren Kreuzer –, vom Tloxi-Kontinuum erfasst, koordiniert, gesteuert, überwacht und auch gespeichert wurden.

Dr. Flitebuca hatte nun zu rechnen begonnen und herausgefunden, dass wir unsere eigene Flugsicherung doch eigentlich einsparen könnten. Große Schiffe wie die MARQUIS DE LAPLACE unterhielten bislang einen eigenen Tower, untergebracht im 127. Stockwerk über dem Großen Drohnendeck, der alle Flugbewegungen von EVAs bis zu den Missionen der ENTHYMESIS-Explorer steuerte und überwachte. Und das galt auch für unseren Wartungsraum im Neptunorbit, für unsere Basen vom Asteroidengürtel bis zu den Kolonien im Eschata-Nebel und für Raumstationen wie die Ikosaeder, die wir von den Sinesern übernommen hatten.

Allein auf der MARQUIS DE LAPLACE waren mehrere Dutzend Planstellen dafür vorgesehen. Im Einflussbereich der Union summierten sie sich auf einige Tausend. Flitebuca vertrat die Auffassung, man könne sie sich sparen. Natürlich enthielt das Dokument umfangreiche Anlagen. Aufstellungen und Rechenbeispiele, in denen der Hohe Rat dokumentierte, wie sich – über einen entsprechenden Zeitraum gesehen – Milliarden Dollar freibekommen ließen, die man für andere Aufgabenfelder einsetzen könne, etwa für den Aufbau einer galaktischen Verwaltung.

Xanda Salana und Jorn Rankveil hatten sich dem Vorschlag bereits angeschlossen. Flitebuca hatte ihr Statement ebenfalls angehängt, in dem sie die Maßnahme nicht nur als Effizienzsteigerung priesen, sondern auch als Akt der Vertrauensbildung. Da wir mit den Tloxi ohnehin eng zusammenarbeiteten, könnten diese die Aufrechterhaltung einer Parallelstruktur als Dokument unseres Misstrauens interpretieren. Dem würden wir begegnen, wenn wir die Parallelen beseitigten.

Als Kommandant der MARQUIS DE LAPLACE – immerhin des größten Schiffes, über das die Union verfügte – und ranghöchster diensttuender Offizier eben dieser Union bekam ich die Anfrage zur Kenntnisnahme. Mein Urteil war erwünscht. Entscheiden würde jedoch ein politisches Gremium. Ein unmittelbares Mitspracherecht hatte ich dabei nicht.

Es war klar, dass das Harakiri war. Eigentlich musste es jedem denkenden Menschen einleuchten. Aber wann hätten Politiker je zu den denkenden Menschen gezählt? Wir begaben uns nicht nur in eine noch tiefere technologische Abhängigkeit von den Tloxi. Wir verloren auch jeden Handlungsspielraum für den Fall, dass sie einmal nicht mehr so wollten wie wir. Das Sinesische Imperium war zusammengebrochen, als die Tloxi gemeutert hatten. Ich wollte ja nicht ständig den Teufel an die Wand malen, aber es wäre mir lieb gewesen, die Union hätte die Einsatzbereitschaft ihrer Flotte auch dann bewahrt, wenn die undurchschaubaren kleinen Wesen es sich wieder einmal anders überlegten.

Ich setzte ein entsprechendes Memorandum auf. Die Union … – Aber wir alle waren jetzt die Union, sogar Sineser, Zthronmic und Amish gehörten dazu. Man musste sagen: die alte Union, der Teil der raumfahrenden Menschheit, der vor mehreren Jahrhunderten terrestrischer Zeit beschlossen hatte, die interstellare Herausforderung anzunehmen. Das war ein bisschen umständlich, zumal für ein Schriftstück, das anderthalb bis zwei Leseminuten auf keinen Fall überschreiten durfte. Ich nahm Zuflucht zu einem Trick. Statt »Der Teil der raumfahrenden und so weiter« schrieb ich: »Wir«. Sollte jeder für sich selbst entscheiden, ob er zu diesem Wir gehörte oder nicht.

»Wir können es uns«, schrieb ich, »nicht leisten, organisatorisch und technologisch in noch weiter gehendem Maße von den Tloxi abhängig zu werden, als wir das ohnehin schon sind. Darin ist kein Misstrauen ausgedrückt, sondern lediglich der Ansporn formuliert, dass wir – und das heißt letztlich: jeder Einzelne – unsere Fähigkeiten jeden einzelnen Tag unter Beweis stellen und fortentwickeln müssen. Gerade wenn wir den Anspruch erheben, die Galaxis zu verwalten« – das hässliche Wörtlein »beherrschen« hatte ich ausgespart; es hätte in diesem Kontext kontraproduktiv gewirkt – »und die Hinterlassenschaft des Sinesischen Imperiums in ein friedliches und ziviles Miteinander zu überführen, können wir es uns nicht leisten, einer Haltung der Bequemlichkeit und der kurzfristigen Effekte Vorschub zu leisten. Gez. Commodore Frank Norton, Kommandant der MARQUIS DE LAPLACE.«

Ich schickte das Memorandum an meinen gesamten Verteiler im StabsLog der fliegenden Crew und der Planetarischen Abteilung, unter anderem also an Dr. Rogers und Direktor Reynolds, von denen ich mir Unterstützung erhoffte, und natürlich auch an die abwesende Jennifer, die sich mit anderen Problemen herumschlug. Aber wer wusste es zu sagen? Vielleicht waren ihre Probleme gar nicht so weit von dem entfernt, worum es hier ging. Die Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit der »alten« Union, die sich gerade anschickte, die Galaktische Karte zu spielen, und die sich dabei nicht selbst unnötige Fesseln anlegen durfte – weder technologisch noch organisatorisch, weder wissenschaftlich noch militärisch, weder politisch noch juristisch, weder ideologisch noch moralisch. Wir standen im Begriff, ein neues Zeitalter zu eröffnen, und mir war sehr daran gelegen, dass wir dies ohne Einschränkungen oder Hypotheken taten.

Anschließend begab ich mich auf den Torus. Für gewöhnlich trat ich die kurze Passage erst nach Feierabend an, wenn ich meinen Dienst als Kommandant der MARQUIS DE LAPLACE beendet hatte. Aber auf dem Schiff gab es vorderhand wenig zu tun. Die Geschehnisse auf dem Kongress schienen dagegen einer Entscheidung zuzustreben. Das hatte sich mir schon morgens aufgedrängt, als ich die aktuellen Meldungen des StabsLogs abgerufen hatte. Der Eindruck bestätigte sich, als ich unterhalb der großen Agora aus der Schleusenkammer trat.

Der Torus war kaum wiederzuerkennen. Schon nach dem Attentat auf unseren Frachter waren die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden. Wachen waren verdoppelt, Kontrollen verstärkt, die Bewegungsfreiheit eingeschränkt worden. Doch war das im Rückblick kaum ein Vorspiel zu dem, was mich jetzt erwartete.

Ich hatte das Shuttle verlassen, hatte mich ausgewiesen, war durchleuchtet und sogar abgetastet worden. Jetzt kam ich auf den Hauptweg innerhalb des Torus hinaus, die mehrere Hundert Meter breite, hundert Kilometer über unseren Köpfen in sich zurückgekrümmte Halle, die die transparente Weite eines Raumhafenhangars und das kosmopolitische Gewusel eines galaktischen Basars in sich vereinigte. Patrouillierende Tloxi-Trupps und Wachmannschaften der Union waren allgegenwärtig. Dazwischen bildeten die Delegationen der einzelnen Völkerschaften abgeschottete Grüppchen, die wie Inseln aus dem Meer der Sicherheitskräfte aufragten. Boten, Zuträger, Referenten und Angehörige des protokollarischen Dienstes liefen dazwischen herum. Die Delegationsleiter hielten kurze Ansprachen an ihre Fraktionen und schworen sie auf die kommende Sitzung ein. Es war wie bei einem Turnier, bei dem die Trainer ihrer Teams noch einmal um sich scharten und sie mit ritualisierten Schlachtrufen für die anstehenden Auseinandersetzungen aufpeitschten. Statt eines sportlichen Wettkampfes, so hatte ich den Eindruck, standen jedoch Auseinandersetzungen auf Leben und Tod an.

Von einem fröhlichen oder auch nur geschäftsmäßigen Ton, wie er dem gemeinschaftlichen und vertrauensvollen Aufbau einer galaktischen Großorganisation entsprochen hätte, war endgültig nichts mehr zu spüren. Stattdessen herrschte eine eisige und feindselige Atmosphäre vor. Wenn zwei Delegationen einander auf ihrem Weg durch die weiten Ebenen des Torus kreuzten, gifteten und fauchten sie einander in den abenteuerlichsten Idiomen der Galaxis an. Tloxi-Aufpasser, die dazwischenzugehen versuchten, wurden von Zthronmic oder Sinesern mit äußerster Brutalität beiseitegeschoben. Einige zerschellten, als sie durch die Luft geschleudert wurden. Ihre emsigen Geschwister bargen die Trümmer und brachten sie zur Rekonstruktion in Sicherheit. Aber auch die Hostessen und Wachmänner der Union mussten sich hüten, den aufgebrachten Gesandtschaften nicht zu nahe zu treten.

Andere – wie die Amish oder die Prana-Bindu – würdigten den ganzen Aufruhr keines Blickes und schritten mit stolzem Schweigen durch das Tohuwabohu. Mein Blick fiel auf Cyrill ben Cyrion, der mir mit der Kargheit eines englischen Butlers zunickte.

Als die gravimetrischen Tore sich zur Großen Agora öffneten und die Delegationen eingelassen wurden, sah ich, dass Cyrill sich sofort zum Podium begab, wo Laertes den Platz des Vorsitzenden eingenommen hatte. Die Sitte, den Leiter des Konvents vor Beginn einer Debatte zu begrüßen, war von den meisten Abordnungen still und leise fallen gelassen worden. Cyrill schien einer der Letzten zu sein, der sich ihrer noch erinnerte. Er nutzte die steife und formelle Begrüßung, um Laertes etwas zu überreichen. Es war ein faustgroßer Kristall, in den ein Qchip eingelassen war. Vermutlich eine Protestnote oder ein Memorandum. Der Träger bestand aus reinem kristallinen Zthrontat. Allein der materielle Wert musste unermesslich sein. Ein exquisiter Traum der Materie, geträumt in den Tiefen eines gewaltigen Gebirges auf einem abweisenden Planeten irgendwo in den östlichen Quadranten der Galaxis.

Der Kristall war von großer symmetrischer Perfektion. Er glich einem Diamanten von einigen Tausend Karat. Allerdings war sein Feuer nicht ganz so reich wie das eines natürlichen Brillanten. Schiefrige Splitter oder Substrukturen schienen in den hexagonalen Stein eingesprengt zu sein.

Einen Quantenchip, auf dem eine Note von wenigen Sätzen zu Protokoll gegeben wurde, in ein solches Kleinod einzubetten, kam einer Arroganz gleich, die selbst im Fall der Amish beeindruckte. Ich sah, dass Laertes Cyrill die Hand reichte und den Vorsitzenden der amishen Delegation, der sich sofort hatte abwenden wollen, zu einem kurzen Gespräch beiseite nahm. Unser alter Chefideologe wirkte ernst und besorgt. Er schien ben Cyrion ins Gewissen zu reden. Natürlich konnte ich nicht verstehen, was gesprochen wurde.

Die Sitzung war öffentlich. Deshalb konnte ich in einer der Besucherboxen Platz nehmen, die auf halber Höhe über den Sitzgruppen und Tribünen der offiziellen Delegationen und ihrer nachgeordneten Mitarbeiter und Referenten schwebten. Laertes war auf die Idee verfallen, in regelmäßigen Abständen offene Aussprachen abhalten zu lassen. Da die Sitzungen, die der Verabschiedung der einzelnen Paragrafen der neuen Charta dienten, regelmäßig in Grundsatzdiskussionen auszuarten drohten, waren hin und wieder freie Debatten angesetzt, in denen die Delegationen ihre Sicht der Dinge ausführlich und im Zusammenhang darlegen konnten. Diese Debatten konnten von allen Angehörigen der beteiligten Völker besucht werden; sie wurden unzensiert im StabsLog übertragen. Deshalb wurde das Instrument rasch angenommen und die einzelnen Völker nutzten es, um sich vor der noch weitgehend virtuellen Öffentlichkeit der neuen Union in Szene zu setzen.

Der Zufall wollte es, dass an diesem Vormittag kein Geringerer als Zthron Muqa Zthé das Rederecht hatte, der Vorsitzende der zthronmischen Delegation. Er wirkte wie ein Säbelzahntiger, den man in eine von Orden lastende Uniform gezwängt hatte und der sich unbeholfen am aufrechten Gang versuchte. Allerdings war seine Erscheinung beeindruckend, um nicht zu sagen: einschüchternd genug. Hoch aufgerichtet, überragte er jeden erwachsenen Mann um mehrere Haupteslängen. An Manschetten und Kragen quoll struppiges gelbes Raubtierfell aus seinem Kampfanzug. Und handlange Reißzähne brachen aus seinem Furcht einflößenden Maul, das unablässig ein geiferndes und bebendes Brüllen ausstieß. Dass die übersetzende KI eine smarte junge Frauenstimme wählte und die Tiraden des Anführers in geschliffener Diktion vortrug, machte einen nicht unwesentlichen Anteil an der hochgradig skurrilen und grotesken Anmutung des Auftrittes aus.

In letzter Sekunde drückte ich mich in die Besucherbox. Das Haifischgrinsen eines Dr. Rogers strahlte mir entgegen, der auf einem der wenigen freien Sitze in der hintersten Reihe Platz genommen hatte. Er wies neben sich und ich beeilte mich, mich auf den gravimetrischen Sessel zu quetschen.

Die Vorderfront der Box bestand aus gewölbtem Elastalglas. Wir vergewisserten uns, dass es einseitig polarisiert war, sodass man uns vom Plenum aus nicht sehen konnte. Zwar war der Blickwinkel ungünstig – wir sahen über die Tribünen der Delegierten hinweg und vom Rednerpodium aus war man von Scheinwerfern geblendet –, aber wir wollten sichergehen, dass uns die Angehörigen der fremden Abordnungen nicht bemerkten. Für einige von ihnen – die Sineser natürlich und in ihrem Gefolge Zthronmic und Laya – waren wir Militaristen und Kriegsverbrecher. Hätten sie unsere Anwesenheit geahnt, hätten sie sich nicht zu der Freimütigkeit hinreißen lassen, die die einzige Rechtfertigung der zu erwartenden Veranstaltung sein konnte.

Ich musste Laertes im Stillen zu seinem Schachzug gratulieren: den Führern der zwielichtigsten Völkerschaften eine Plattform bieten, auf der sie sich ungehemmt produzieren konnten. Man wusste dann immerhin, woran man mit ihnen war. Die meisten Äußerungen, die hier fielen – und Muqa Zthés Rede würde mit Sicherheit nicht enttäuschen –, waren haarsträubend, hatten aber den Vorzug der Offenheit. Wenn einem einer mitten ins Gesicht sagte, dass er einen hasste oder dass er einen auszulöschen wünschte, war das mehr wert als die tausend und abertausend Druckseiten an diplomatischem Gesäusel, die der Kongress in den vergangenen Monaten angehäuft hatte.

Ich begrüßte Dr. Rogers mit einem kantigen Händedruck und zwängte mich neben ihn in die erstaunlich schmale gravimetrische Bank. Auf einem kleinen Display vor mir öffnete sich die Protokollfunktion des StabsLogs. Wir sahen die Tagesordnungspunkte, die Reihenfolge der Redner, die vorgesehene Agenda.

In einer Leiste am unteren Rand des sensorischen Monitors liefen sonstige Meldungen durch. Ich kannte sie teilweise schon von meiner morgendlichen Abfrage auf der Brücke der MARQUIS DE LAPLACE. Es war wieder zu mehreren schweren Übergriffen auf Zthronmia gekommen. Zthronmische Scyther – ich konnte mir darunter wenig vorstellen, es musste sich um einen Typ schneller Jagdbomber handeln – hatten mehrere amishe Kibbuzim bombardiert. Darunter befand sich auch der Pueblo S’Deró, aus dem Cyrill ben Cyrion stammte. Ich begriff die selbst für seine Verhältnisse ungewöhnlich strenge Haltung, die er an diesem Morgen zur Schau getragen hatte. Er musste in großer Sorge um die Seinen schweben. Oder wusste er schon mehr, als in den offiziellen Kommuniqués verlautbarte?

Unten ertönte die Glocke. Die wenigen Delegationen, die den Schein eines einvernehmlichen Miteinanders mitspielten, erhoben sich und versuchten, dem Vorgang einen Rest von Würde zu geben. Laertes trat ans Rednerpult. Die Abgeordneten nahmen ihre Plätze wieder ein.

Laertes sprach einige unverbindliche Worte, in denen er die Vision einer friedlichen und zivilen Union beschwor, in der gemeinsame Werte galten, Gewalt geächtet war und Konflikte auf dem Verhandlungswege beigelegt wurden. Dünner Applaus erfolgte vonseiten der alten Union und einiger anderer Fraktionen. Sein Tröpfeln sagte mehr über den Zustand der Veranstaltung aus als alle Reden, die hier noch gehalten werden konnten. Nicht einmal alle Delegierte der alten Union stimmten mehr ein. Auch durch diese Fraktion ging seit dem Rücktritt Kommissar Rankveils ein tiefer Riss. Sineser und Zthronmic, aber auch Laya und Amish verzogen keine Miene.

Laertes räusperte sich. Er schien stark gealtert. Auch er, musste ich im Stillen denken. Commodore Wiszewsky lag im Sterben. Sein Ableben war nach allem, was man hörte, nur noch eine Sache von Tagen. Und auch der alte Haudegen und Schlachtenlenker General a. D. Rogers war nur noch ein Schatten seiner selbst, was besonders in den Vormittagsstunden sichtbar wurde, wenn der Whiskey des letzten Abends seine Augen rötete und er sich die Dosis des neuen Tages noch für eine oder zwei Stunden verkniff. Vom Elan des Helden von Persephone war wenig übrig. Und als Laertes jetzt das Wort an Muqa Zthé abgab und zu seinem Platz auf der rückwärtigen Empore schräg hinter dem Rednerpult schlich, war es, als trete eine ganze Generation ab. Die Goldene Generation verließ die Bühne der Galaxis, die sie selbst erschaffen hatte. In Besitz nehmen vermochte sie sie – wie Moses das Gelobte Land – nicht mehr.

Die Übertragung des StabsLogs schrillte und pfiff, als Zthrons erste, nach Raubtierart herausgebrüllte Sätze das System übersteuerten und an den Rand des Zusammenbruchs brachten. Dann hatte die KI die Übertragung heruntergeregelt. Zthrons Bellen und Röhren wurde unhörbar. Wir verstanden die emotionslose und unverbindliche Stimme der Übersetzungsintelligenz, deren Kontrast zu dem sich löwenhaft gebärdenden Anführer der Zthronmic kaum hätte drastischer sein können.

Muqa Zthé begann mit einem wohlberechneten Sarkasmus.

»Ich sollte mich jetzt vermutlich bei dem Vorsitzenden dafür bedanken, dass er mir das Wort erteilt hat. Aber wir Zthronmic lassen uns nicht das Wort erteilen, sondern wir nehmen es uns, wann immer wir etwas zu sagen haben, und wir bedanken uns nicht dafür, dass wir unsere Meinung aussprechen dürfen. Wir sind heute hier zu einer Generaldebatte zusammengekommen. Zu einer Grundsatzdiskussion, einer Aussprache ohne vorher festgelegtes Thema. Ich möchte die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, meine Sicht der Dinge ausführlich und vorbehaltlos darzustellen. Meine Ansicht im Besonderen und die des heroischen Volkes der Zthronmic – für das ich in Gänze zu sprechen behaupte – im Allgemeinen.

Die Zthronmic haben sich vor einiger Zeit der Union angeschlossen. Wir sind dem Beispiel der Sineser und einiger anderer Völker gefolgt, denen wir uns seit vielen Jahrhunderten eng verbunden fühlen. Aus unserer Skepsis gegenüber diesem Schritt haben wir nie einen Hehl gemacht. Wir wollten es darauf ankommen lassen, wir wollten – wie es in Ihrer Sprache heißt – die Probe aufs Exempel machen. Das Ergebnis war vorhersehbar. Leider muss ich konstatieren, dass wir enttäuscht wurden. Wir hatten es nicht anders erwartet. Wenn Sie gestatten, möchte ich diesen Gedanken etwas ausführlicher darstellen.

Die Union gibt sich den Anschein eines Zusammenschlusses freier Völker, der von gegenseitiger Achtung und Respekt getragen sein soll. Sie garantiert Würde und Leben jedes einzelnen Angehörigen jedes einzelnen Volkes. Sie sichert Glaubensfreiheit und kulturelle Selbständigkeit zu. Sie ächtet die Gewalt und den Krieg. Sie verpflichtet sich auf ein friedliches Miteinander, bei dem allen Völkern und allen Individuen – soweit dieser Begriff bei ihnen tragfähig erscheint – umfassende Rechte zukommen. Alle sollen gleich vor dem Gesetz und der Charta der Union sein. Es gibt keine Vorrechte, keine Privilegien, keine geborenen Führer oder führenden Nationen, sondern es herrscht Gleichberechtigung und die Einklagbarkeit objektiver Garantien vor unabhängigen Gerichten.«

An dieser Stelle schwieg Zthron für einen Augenblick. Es war erstaunlich still im Saal. Selbst die für ihren Radau bekannten Delegationen hörten aufmerksam zu. Die Amish saßen mit stocksteifen Rücken da und verzogen keine Miene, während auf den Fratzen der Zthronmic und Sineser schon der Triumph des nahen Gegenstoßes glitzerte.

»Das alles«, fuhr Muqa Zthé nach einer Atempause fort, »hat man uns in Aussicht gestellt. Man hat es uns versprochen