Der Zauber der Ornamente – Erster Teil: Das Archiv der Erinnerungen. Krimi-Märchen - Uta Becker-Fernsler - ebook

Der Zauber der Ornamente – Erster Teil: Das Archiv der Erinnerungen. Krimi-Märchen ebook

Uta Becker-Fernsler

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Opis

Die Geschichte beginnt drei Tage vor Lenas elftem Geburtstag mit den Vorbereitungen der Familie Peters auf den Umzug in das Städtchen Rauschenfelde. Dort wird Lenas Vater, dem die Erinnerungen an seine ersten elf Lebensjahre abhanden gekommen sind, als Direktor des Stadtarchivs arbeiten. Beim Einpacken ihrer Bücher fällt Lena ein buntes »Diabolo«-Spiel in die Hände. Dieses Geschicklichkeitsspiel ist das Einzige, was dem Vater aus seiner vergessenen Kindheit geblieben ist. Das »Diabolo« mit seinen Farben und Ornamenten, ein geheimnisvoller Schlüssel, das Haus am Hang in Rauschenfelde, die neue Nachbarin, die Zahl Elf und Lenas großer Wunsch ihrem Vater zu helfen führen Lena schließlich ins »Archiv der Erinnerungen«, wo sie an ihrem elften Geburtstag, dem ersten Tag am neuen Wohnort, ihre wichtigen Entdeckungen macht.

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Uta Becker-Fernsler

Der Zauber der Ornamente

Erster Teil:

Das Archiv der Erinnerungen

Krimi-Märchen

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2012

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de.

www.becker-fernsler.de

Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Ein Umzug steht bevor
Das Statut wird entdeckt
Lenas Aufnahme in die Gang
Ein Abend, der nicht enden will
Der geheimnisvolle Karton
Lena entdeckt ein Geheimnis
Lena schreibt einen Brief
Der Schlüssel
Die Ankunft
Die Nachbarin
Der zweite Schlüssel
Die Suche beginnt
Lena braucht Unterstützung
Vier mal Zwei
Das hellgrüne Zimmer
Die Mitte
Der Aufstieg
Doppelte Erinnerung
Es gibt zu tun

Ein Umzug steht bevor

Die helle Julisonne scheint Lena mitten ins Gesicht, als sie ihr Zimmer betritt. Unentschlossen bleibt sie neben den drei Umzugskartons stehen, die ihr die Mutter heute Morgen beim Wecken ins Zimmer gestellt hat. Jeder Karton ist beschriftet: »Mitnehmen«, »Weggeben« und »Wegwerfen« heißen die Kartons. Auch für Lenas Eltern stehen schon je drei Kartons für ihre persönlichen Sachen bereit.

»Also los, alle Mann an die Arbeit!«, hat die Mutter nach dem Frühstück befohlen und auch gleich mit ihrem Kleiderschrank angefangen. Wie schnell sie entschieden hat, was in welche der drei Kisten gehört! Im Nu war der Schrank leergeräumt, nur das Nötigste für die zwei Tage bis zur Abreise blieb dort.

Ja, nur noch zweimal schlafen, dann kommt der Umzugswagen. Am Freitag verlassen sie die Stadt!

Und am Samstag, dem ersten Tag am neuen Wohnort, haben Lena und ihr Papa Geburtstag – Lena weiß genau, dass das der schönste Geburtstag ihres Lebens sein wird!

Nachdem der Tag des Umzugs feststand, haben die Eltern immer wieder gesagt, wie leid es ihnen tut, dass Lena ihren Geburtstag nun nicht mit ihren Freunden feiern kann – sie hatten eben beim besten Willen keinen anderen Termin bei der Transportfirma bekommen können.

Nur gut, dass die Eltern nicht gemerkt haben, wie froh Lena ist, dass die Geburtstagsparty ausfällt, denn wie um alles in der Welt hätte sie erklären sollen, warum sie mit diesen »Freunden« nichts mehr zu tun haben will?

Lena, die immer noch neben ihren Umzugskartons steht, gestattet es ihren Gedanken nicht, sich näher mit dieser Frage zu beschäftigen, das ist ja auch nicht mehr nötig; gerade, als sie nicht mehr aus noch ein wusste, erfuhr sie von dem bevorstehenden Umzug!

Wie schnell das alles ging, denkt Lena, und sie erinnert sich ...

Es mag im April gewesen sein, als der Vater seine Bewerbung an das Stadtarchiv von Rauschenfelde, einer Kleinstadt irgendwo im Süden, abschickte. Und vor etwa vier Wochen kam die Einladung zum Vorstellungsgespräch – so aufgeregt hatte Lena ihren Papa noch nie erlebt wie bei der Abreise nach Rauschenfelde. Glückstrahlend kam er zurück: Er hatte die Stelle als Direktor des Stadtarchivs bekommen! Schon am ersten August kann er anfangen.

Für den Abend bereitete er eine kleine Feier vor und am festlich gedeckten Tisch gab es noch eine gute Nachricht:

Der Vater wusste bereits, wo sie wohnen werden und hatte sogar schon den Mietvertrag unterschrieben.

Die Mutter sah nach dieser Mitteilung zunächst nicht gerade begeistert aus, aber er lachte, streichelte ihr Haar und sagte: »Keine Angst, Steffi, da konnte ich gar nichts falsch machen.«

Und er zog ein Foto aus der Brieftasche. »Das ist es.«

Die Mutter riss das Foto an sich, sprang auf und rief ganz laut: »Das glaub ich nicht!«

Auch der Vater sprang auf, nahm die Mutter in den Arm und antwortete nur: »Glaub es ruhig. Und wenn alles gut geht, können wir es kaufen.«

Jetzt weinte die Mutter vor Freude ein bisschen.

Lena stand dabei und begriff gar nichts.

Nachdem die Eltern einigermaßen zu sich gekommen waren, zeigten sie Lena endlich das Foto. Darauf war ein ziemlich großer Garten in Hanglage abgebildet, im oberen Teil mit dichten Sträuchern bewachsen.

Auf halber Höhe, mitten in all dem Grün, war ein Haus zu sehen, ein kleines, etwas altmodisches Haus, mit grünen Fensterläden und einem spitzen Dach mit roten Ziegeln und einem Schornstein – so ähnlich, wie es aussieht, wenn kleine Kinder ein Häuschen malen.

Vor dem Haus sah Lena unter einem Blätterdach eine Terrasse, von der eine Stufe auf eine sonnenbeschienene ebene Rasenfläche führte. Und zu dieser Rasenfläche verlief vom unteren Bildrand her in einem Bogen eine schmale Treppe, deren Stufen einfach nur in den Hang geschlagen und gegraben worden waren. Vorne waren sie mit kurzen Stöcken und geflochtenen Zweigen befestigt – so ähnlich, wie man es bei den Wanderwegen im Wald macht. Der Anfang der Treppe war nicht zu sehen; also hatte der Fotograf auf der Treppe gestanden und von dort aus das Haus und den oberen Teil des Gartens aufgenommen.

Wie weit sich das Grundstück noch nach unten erstreckt, war auf dem Foto nicht zu erkennen.

»Erinnerst du dich denn nicht?« Der Vater war ganz aufgeregt, wie immer, wenn jemand von ihnen sich nicht sofort an irgendetwas erinnern kann.

Nein, Lena fand zwar das Haus sehr hübsch, erinnerte sich aber an nichts.

Da holte die Mutter eins von den Fotoalben aus dem Schrank. Dort gab es eine Seite mit ein paar Bildern von ihnen und dem Haus: alle drei vor der Haustür; die kleine Lena auf der Wiese in einem Planschbecken, im Hintergrund einer der altmodischen grünen Fensterläden; die Mutter rechts vom Haus unter einem mit Rosen bewachsenen Torbogen, durch den man ein Stück von dem Hang mit dem Gesträuch sehen konnte.

Über der Seite stand: »Unser Sommer in Rauschenfelde«.

»Kein Grund zur Sorge, Steffen«, meinte die Mutter, »wie soll sie sich denn erinnern, sie war doch noch so klein.«

Und dann erzählten die Eltern um die Wette: Sie hatten früher schon einmal in diesem Haus gewohnt, aber nur ein halbes Jahr lang. Als sie dann von dort wegziehen mussten, war Lena gerade erst fünf Jahre alt geworden. Sie sind damals sehr ungern weggegangen, denn nirgendwo sonst hatte sich der Vater so zu Hause gefühlt wie in dem Haus am Hang. Auch das Städtchen Rauschenfelde hatte den Eltern sehr gut gefallen, am besten von allen Städten, in denen sie bis dahin schon gewohnt hatten.

Ja, die Familie Peters ist schon einige Male umgezogen, nur kann sich Lena an keinen der Umzüge erinnern. Am längsten haben sie hier gewohnt – fast sechs Jahre lang.

»Gefällt dir das Haus?«, fragte die Mutter vorsichtig.

Lena konnte nur nicken, so stark wurde sie von dem Gedanken gepackt, dass sie wegziehen werden – vielleicht sogar noch in den Ferien! Wenn das klappen würde, dann ...

»Wann soll denn der Umzug sein?«, fragte sie mit belegter Stimme.

Die Eltern schauten einander besorgt an. Und sie begannen zu erklären und zu begründen, warum es ganz schnell gehen müsse, am besten noch im Juli, denn es würde zu teuer, wenn sie erst noch an zwei Orten wohnen – der Vater alleine in Rauschenfelde und Lena und die Mutter hier. Ja, sie entschuldigten sich sogar dafür und baten um Verständnis, dass sie Lena aus der Schule nehmen müssen, an die sie gewöhnt ist, weg von den Freunden ...

In Lenas Kopf drehte sich alles, als sie begriff, dass sie von hier verschwinden wird, dass sie Marko, Dora und die anderen aus der Gang nie wieder sehen wird, dass sie aufatmen kann!

Sie stieß einen großen tiefen Seufzer aus und sagte zu den Eltern: »Macht euch keine Sorgen. Ich krieg es hin.«

Die Eltern waren sogar ein wenig gerührt, weil Lena es ihnen so leicht machte. Sie hatten mit Protest und Tränen gerechnet, Lena aber konnte nur mühsam ihre große Erleichterung verbergen.

Das festliche Abendessen ging weiter, man beratschlagte, was alles zu erledigen sei, damit man noch vor dem ersten August in das Haus am Hang einziehen könne.

In dieser Nacht schlief Lena so gut wie schon lange nicht mehr ...

Jetzt steht sie also vor ihren Umzugskartons und soll ihre Sachen sortieren.

Womit fängt sie am besten an?

Sie betrachtet sich erst einmal eine Weile in der Spiegeltür ihres Kleiderschrankes.

Da steht sie: graue Augen, kurzes braunes Haar, das vielleicht mal wieder gekämmt werden müsste – ein schlankes sportliches Mädchen in Jeans und TShirt. Die Hosenbeine hat sie zweimal umgekrempelt, denn zum Ende des Schuljahres waren sie ihr zu kurz geworden. So hat sie sozusagen eine »Sieben-Achtel-Jeans« daraus gemacht. Lena findet, dass sie damit noch sportlicher aussieht.

Es ist ein warmer Tag, also hat sie keine Schuhe und Strümpfe an und im Spiegel kann sie oben auf ihrem linken Fuß einen großen aufgekratzten Mückenstich bewundern – nicht eben elegant.

Zu den Jeans gehört ein verwaschenes grünliches T-Shirt, bedruckt mit einem ebenso verwaschenen freundlich dreinschauenden Drachen. Das Shirt trägt sie schon den zweiten Sommer. Sie hängt eben an ihren Sachen und in dieser Kluft fühlt sie sich wohl.

In ihrer Klasse gibt es ein paar Mädchen, die sich stundenlang über Kleider unterhalten können. An solchen Gesprächen beteiligt sich Lena nie. Und selbst wenn sie wollte – sie könnte gar nicht mitreden, denn ihre Eltern haben nicht so viel Geld, dass sie ihr ständig etwas Neues kaufen können. Darauf legt Lena auch wenig Wert, ihre Sachen sollen praktisch und bequem sein; ein paar T-Shirts, Jeans, Turnschuhe und Sandaletten – das genügt für den Sommer.

Lena ist zufrieden mit sich und zwinkert ihrem Spiegelbild zu. Dank ihrer Bescheidenheit wird sie mit ihrem Kleiderschrank fast so schnell fertig sein wie die Mutter mit ihrem, sie müsste nur endlich mit dem Sortieren anfangen!

Lena nimmt sich also den Schrank vor und macht die beiden Türen weit auf.

Was da alles zum Vorschein kommt! Sachen, die ihr schon längst nicht mehr passen, von denen sie sich aber nicht trennen konnte. Ab damit in den Karton »Weggeben«. Die Mutter wird alles noch mal waschen, dann kommt es in die Kleidersammlung.

Im unteren Schrankfach liegen ganz verknäult ihre Badesachen: Bademantel, Badelaken und die beiden Badeanzüge.

Lena weiß gar nicht, ob die ihr noch passen, denn in diesem Sommer ist sie noch kein einziges Mal im Freibad gewesen. Das hat sie nur immer behauptet, wenn Marko wieder ein Treffen angesetzt hatte. Und damit es echt aussah, hat sie das Badezeug auch jedes Mal mitgeschleppt und dann im Quartier versteckt.

Die Mutter hat keinen Verdacht geschöpft, nur einmal hat sie gefragt, ob Lena denn nicht ihre Badesachen zum Trocknen auf die Leine hängen wolle. Lena war schnell mit der Ausrede zur Hand, dass sie gar nicht im Wasser gewesen sei, sondern sich nur gesonnt habe. Und die Mutter hatte das ohne weiteres geglaubt, denn zu dem Zeitpunkt war Lena schon eine geübte Schwindlerin geworden.

Aber das ist ja nun vorbei, solche Ausreden wird sie von nun an nicht mehr nötig haben!

Schnell schiebt sie die unangenehme Erinnerung beiseite – schließlich hat sie zu tun!

Sie zieht an dem Badesachen-Knäuel und das rutscht nun im Ganzen aus dem Schrank, direkt vor ihre Füße. Dort fällt es auseinander. Und da kommen plötzlich mehrere Baby-Lätzchen zum Vorschein. Ganz neue Lätzchen sind das, sogar noch mit den Preisetiketten. Es sind die Lätzchen aus dem Supermarkt vor der Tankstelle!

In welchen Karton die gehören, ist ja wohl klar – weg damit!

Lena kniet reglos vor dem Berg aus Badesachen und starrt die unseligen Lätzchen an. Die Erinnerung an die Sache im Supermarkt drängt sich ungefragt in ihre Gedanken ...

Am vorletzten Schultag ist das alles passiert.

Sie sieht sich selbst, wie sie die Lätzchen aus dem Regal nimmt und unter ihre Jacke steckt. Sie sieht sich, wie sie »ganz gemütlich« den Supermarkt verlässt und wie sie dann losrennt, quer über den Parkplatz in Richtung Tankstelle, hinter der Tankstelle entlang durch die Sträucher bis zum Bretterzaun.

Sie hatte den viele Male besprochenen Fluchtweg eingehalten.

Marko und Dora schoben auf das vereinbarte Klopfzeichen hin ein loses Brett im Zaun beiseite und Lena schlüpfte durch die Lücke.

Sie hatte die Probe bestanden. Die Gang war begeistert und Marko lobte Lena sehr für die gelungene Aktion. Doch dieses Lob bedrückte Lena nur.

Sie gingen wie nach jeder Aktion einzeln und auf unterschiedlichen Wegen ins Quartier, verabschiedeten sich dort voneinander und vereinbarten den Einsatz der Lätzchen für das kommende Schuljahr. Klar, in den Ferien waren die Aktionen sinnlos, zu viele von den Kindern verreisten mit ihren Eltern – also tschüs bis später.

Lena hatte nichts davon gesagt, dass sie nicht mehr mitmachen will. Sie war nach Hause gegangen, hatte das Badezeug mit den darin eingewickelten Lätzchen in den Schrank gestopft und die ganze Sache erst einmal vergessen ...

Als die Mutter ihren Kopf zur Tür hereinsteckt, sieht sie ihre Tochter in Gedanken versunken vor einem Berg aus Badesachen auf dem Fußboden knien. Lena bemerkt ihre Mama erst, als sie schon fast neben ihr steht. Entsetzt fährt sie hoch, wirft sich herum und setzt sich mitten in die Badesachen.

»Jaja«, ruft sie, bevor die Mutter überhaupt etwas gesagt hat, »ich beeil mich ja schon!« Dabei bleibt sie auf dem weichen Frotteeberg sitzen und wirft ihrer Mama von unten her einen derart kläglichen Blick zu, dass die es nicht fertig bringt zu schimpfen. »Schon gut«, sagt sie nur. »Nun bleib aber auch bei der Sache.« Und sie geht wieder.

Erleichtert erhebt sich Lena, nimmt die schrecklichen Baby-Lätzchen an sich, wickelt sie ganz fest in eins ihrer alten T-Shirts und wirft dann das Ganze in den Karton »Wegwerfen«.

Das ging noch mal gut!

Langsam beruhigt sich Lena. Jetzt bloß die Mutter nicht verärgern! Lena konzentriert sich auf ihre Arbeit und bringt sie zu Ende. Auch in ihrem Schrank bleiben zum Schluss nur noch die Kleidungsstücke liegen, die sie bis zur Abreise benötigen wird. Die hässliche Erinnerung an das letzte Treffen der Gang ist verblasst, und Lena gelingt es, die Gang und den Supermarkt ganz und gar aus ihren Gedanken zu vertreiben.

Das Statut wird entdeckt

Viel zu schnell vergehen die Stunden und ehe Lena sich’s versieht, ruft die Mutter zum Abendessen.

Leider muss Lena sich am Abend dieses Tages eingestehen, dass sie mit ihrer Arbeit doch nicht so recht vorangekommen ist. Nachdem sie so erfolgreich ihren Kleiderschrank ausgeräumt hatte, hatte sie mit dem Sortieren der Spielsachen begonnen – und war nicht vorwärts gekommen.

Was hatte sie nicht alles hervorgekramt! Viele Spielsachen hatte sie völlig vergessen! Und plötzlich waren ihr gerade diese vergessenen Dinge wieder interessant erschienen! Jeden Gegenstand hatte sie hin- und hergedreht und dabei versucht sich zu erinnern, wann und von wem sie das jeweilige Spielzeug geschenkt bekommen hat. Am liebsten hätte sie gar nichts weggeworfen.

Die Mutter war im Laufe des Nachmittags noch zweimal ins Zimmer gekommen und war dann richtig ärgerlich geworden, weil Lena nicht vom Fleck kam und sich von nichts trennen wollte.

Vorm Abendessen war Lena kurz zum Vater hinübergegangen und hatte gesehen, dass sein Karton mit der Aufschrift »Wegwerfen« noch nicht einmal halbvoll war – dagegen hatte er schon den vierten Karton »Mitnehmen« in Angriff genommen.

Einsilbig sitzt Lena am Abendbrottisch und schaut zum Vater hinüber.

Mit ihm hat die Mutter natürlich nicht geschimpft.

Wie ungerecht!

Bei ihm ist das normal, dass er nichts wegwerfen kann! Aber sie hat eine Predigt zu hören bekommen, dabei hat sie diese Eigenschaft doch von ihm geerbt!

Lena schweigt verbissen, aber die Mutter ist mit all ihren Plänen so beschäftigt, dass sie die schlechte Laune ihrer Tochter gar nicht bemerkt.

Auch gut, denkt Lena trotzig, dann hab ich wenigstens meine Ruhe!

Sie geht gleich nach dem Abendessen ins Bett, doch obwohl sie ziemlich müde ist, findet sie nicht in den Schlaf. Es ist schon fast elf Uhr, als sie noch einmal aufsteht und leise zur Küche geht, um ein Glas Wasser zu trinken.

Die Küchentür ist nur angelehnt.

Lena bleibt stehen.

Am Küchentisch sitzen die Eltern und besprechen, was morgen zu tun ist. Die Mutter will ein paar Behördengänge erledigen und wird also fast den ganzen Tag unterwegs sein.

»Sieh zu, dass ihr beide mit euren Sachen zum Ende kommt«, hört Lena sie sagen. Mutters Stimme klingt müde und ein bisschen traurig.

Der Vater verspricht, dass er sich ranhalten und auch Lena beim Packen helfen wird.

Die Mutter protestiert natürlich gleich. Sie meint, dass Lena schon selbständig genug ist, um ihre eigenen Sachen zusammenzupacken.

»Schließlich wird sie schon elf!«

»Stimmt«, antwortet der Vater und fügt mit einem kleinen Lachen hinzu: »Und ich alter Herr werde schon dreimal elf Jahre alt!«

Ja, denkt Lena, die immer noch vor der Küchentür steht und dem Gespräch lauscht, am Samstag wird Papa 33 Jahre alt, genau dreimal so alt wie ich!

Sie findet es schön, mit ihrem Papa am selben Tag Geburtstag zu haben. Dabei ist es gar nicht sicher, dass dieser Tag sein wirklicher Geburtstag ist. Aber so wurde es festgelegt, damals, als er in das Kinderheim gebracht wurde und sich an nichts erinnern konnte, nicht an seinen Namen und nicht an sein Geburtsdatum, an nichts. Mit dem Alter werden sie sich in dem Heim doch hoffentlich nicht geirrt haben. In einem Kinderheim kennt man sich schließlich mit Kindern aus und wenn sie ihn damals auf elf Jahre geschätzt haben, dann war das bestimmt richtig.

Wie das wohl ist, wenn man nicht sicher weiß, wer man ist?

Viele Male hat sich Lena das vorzustellen versucht, aber es ist ihr nicht gelungen.

Was mag ihm damals nur passiert sein?

Und wie kann es sein, dass ein Kind sein Gedächtnis verliert?

Und warum hat niemals jemand nach ihm gesucht?

Elf Jahre war er damals alt, und am Samstag wird auch Lena elf.

Und wenn plötzlich auch ihr etwas Schlimmes zustößt?

Dass ihr dieser Gedanke noch nie gekommen ist, wo sie doch dem Vater in so vielem ähnelt!

Lena läuft es kalt über den Rücken.

In der Küche ist unterdessen das Gespräch weitergegangen. »Aber Steffen, so etwas darfst du nicht einmal denken!«, hört sie die Mutter sagen. »Das ist doch Aberglaube! Wir werden schon auf sie aufpassen!«

Damit kann nur Lena gemeint sein.

Also machen sich auch die Eltern Gedanken wegen des elften Geburtstages.

»Natürlich passen wir auf sie auf«, antwortet der Vater, »und wenn du mich schon für abergläubisch hältst, dann nehme ich die Elf eben als gutes Zeichen.«

Beide lachen und Lena nutzt diesen Moment um in die Küche zu schlüpfen.

»So spät noch auf Achse?«, fragt der Vater und das Lachen schwingt noch in seiner Stimme mit. »Zehnjährige Damen gehören um diese Zeit ins Bett!«

»Zehnjährige?«, fragt Lena zurück. »Dann darf ich also ab Samstag immer bis nach elf aufbleiben!«

Jetzt muss sie auch lachen. »Ausgetrickst, ausgetrickst!«, ruft sie und hopst dabei um den Tisch. »Und was darf ich noch alles, wenn ich elf bin?«

»In Haus und Garten mit anpacken!«, ruft die Mutter gleich.

»Aber immer, aber gern!«, behauptet Lena etwas leichtsinnig. Sie nimmt sich ein Glas Wasser und setzt sich zu den Eltern an den Küchentisch.

»Dass du dich aber auch gar nicht an das Haus am Hang erinnerst«, wundert sich der Vater erneut, »es war doch so schön dort!«

»Bestimmt fällt mir alles wieder ein, wenn wir dort sind«, sagt Lena tröstend. »Und ich fange ganz von vorn an!«, fügt sie energisch hinzu.

Als sie merkt, dass die Eltern einander erstaunt anschauen, korrigiert sie sich schnell: »Na, also, ich meine – wir fangen ganz von vorn an ...«, und hastig greift sie Vaters kleinen Scherz von vorhin auf: »Nämlich ich als Elfjährige, und Papa als Dreiunddreißigjähriger.«

Die Mutter hat im Oktober Geburtstag. Darum ergänzt Lena in aller Eile: »Mama hat’s gut. Sie kann noch eine Weile so bleiben, wie sie ist.«

Der Vater streichelt Mamas Hand, schmunzelt und sagt: »Einverstanden.«

Lena atmet auf. Fast hätte sie sich verraten.

Aber sie hat noch mal die Kurve gekriegt.

Wie gemütlich es in der Küche ist! Die Mutter schaut zwar einmal kurz auf die Uhr und dann zu Lena hin, doch sie sagt nur: »Ach was, es sind Ferien.« Lena muss trotz der späten Stunde noch nicht wieder ins Bett. Sie sitzen alle drei am Küchentisch, reden über das Haus am Hang, den Garten, das Städtchen Rauschenfelde und sind sich nah.

Es ist schon fast zehn Uhr, als Lena am anderen Morgen erwacht.

In der Wohnung ist es still.

Ach ja, fällt ihr ein, Mama muss ja alle möglichen Ämter abklappern!

Aber auch vom Vater ist nichts zu hören – ob er mitgegangen ist?

Wie lieb von den Eltern, dass sie sie nicht geweckt haben. Lena rekelt sich noch ein bisschen im Bett herum, dann steht sie entschlossen auf, wäscht sich und zieht sich eilig an – die Arbeit ruft! Sie wird ganz schnell frühstücken, und dann wird sie sich wirklich ranhalten und ihre Arbeit erledigen. Sie wird sich konzentrieren und bei der Sache bleiben. Darum hat die Mutter sie gebeten.

Natürlich wäre es nicht schlecht, wenn der Vater ihr noch ein bisschen helfen würde.

Ob er inzwischen mit seinen Sachen weiter gekommen ist? Sie wird einfach mal nachschauen, wie weit er mit dem Einpacken ist und dann wird sie ja sehen, ob sie ihn um Hilfe bitten kann.

Lena geht zum Zimmer ihres Vaters und sieht, dass er doch nicht mit der Mutter zusammen weggegangen ist – unbeweglich steht er am Fenster und starrt hinaus.

Lena räuspert sich vorsichtig. Da dreht sich der Vater ganz langsam zu ihr um. Ein kleines Zögern, als sei er aus einem Traum erwacht, dann sagt er monoton: »Ach, da bist du ja.«

Lena kennt das. Der Vater ist aber gar nicht aus einem Traum erwacht, sondern aus seinen Grübeleien, in die er immer wieder versinkt. Dann sucht er nach seinen Erinnerungen – und kann sie doch nicht finden. Armer Papa!

Lena wollte, dass er ihr hilft. Jetzt wird sie ihm helfen und ihn wieder aufmuntern, das hat sie sich von der Mutter abgeguckt.

Sie fragt also, ob er schon gefrühstückt hat.

Er nickt nur.

Sie nimmt ihn bei der Hand, zieht ihn mit in die Küche und sagt sehr fröhlich: »Zweites Frühstück, der Herr!«

Dann deckt sie schnell den Tisch für zwei Personen.

Folgsam setzt er sich und versucht ein kleines Lächeln. Sie lächelt zurück und spürt schon, dass er seine Traurigkeit bald abgeschüttelt haben wird.

Der Vater will nicht, dass die Mutter und sie unter seinem Problem leiden, und ihnen zuliebe gibt er sich stets große Mühe, seine traurigen Stimmungen zu überwinden. Dann tut er Lena immer besonders leid, noch viel mehr als sonst, wenn ihr aus irgendeinem anderen Anlass wieder einfällt, dass er die Erinnerungen an seine ersten elf Kindheitsjahre verloren hat.

Natürlich denkt Lena nicht fortwährend über Vaters verlorene Erinnerungen nach, das würde er auch gar nicht wollen.

Es geht ihnen ja gut zusammen, sie braucht bloß an gestern Abend zu denken, wie gemütlich sie es da hatten.

Aber wenn sie ihren Papa in solch einer Stimmung wie heute Morgen erlebt, dann möchte sie viel mehr für ihn tun als ihn aufzumuntern.

Wenn sie ihm doch nur helfen könnte sich zu erinnern!

Wenn ihr doch nur jemand sagen könnte, wie sie das machen soll – sie würde alles dafür geben, bis ans Ende der Welt würde sie für ihn gehen!

Jetzt aber fällt ihr nichts anderes ein, als ihm Essen auf den Tisch zu stellen und unwichtiges Zeug zu plappern.

Sie fragt, wo Mama ist – als ob sie das nicht wüsste.

Sie hält ihm den Kaffeefilter hin und tut so, als ob sie nicht wüsste, wie viel Kaffeepulver für eine Tasse benötigt wird.

Aber es hilft.

Er steht auf und bereitet sich seinen Kaffee selbst zu. Dann frühstücken sie zusammen, als wäre nichts gewesen.

Lena ist ein bisschen stolz auf sich, weil es ihr so gut gelungen ist, Vaters Traurigkeit zu vertreiben.

Das kann sie schon fast so gut wie die Mutter.

Nach dem Frühstück gehen beide wieder in ihre Zimmer um zu sortieren und zu packen. Der Vater hat zugegeben, dass er auch nicht vom Fleck kommt und sie haben einander versprochen, dass sie sich gewaltig anstrengen werden. Wenn die Mutter am Nachmittag zurückkommt, soll sie volle Kartons und leere Schränke sehen!

Lena beschließt, sich erst einmal mit den Schulsachen zu beschäftigen – da wird ihr das Wegwerfen leichter fallen!

Sie wirft einen flüchtigen Blick in den Karton »Wegwerfen«. Dort liegen zuunterst die Lätzchen.

Sie prüft noch einmal nach, ob sie fest genug in das alte T-Shirt eingewickelt sind, dann steckt sie das Päckchen zur Sicherheit noch in einen alten Turnbeutel und sorgt dafür, dass der im Karton ganz nach unten kommt.

Danach fängt Lena an, ihre Schulsachen durchzusehen. Da hat sich auch allerhand angesammelt. Am Anfang kommt sie ganz gut voran, aber schon nach kurzer Zeit ertappt sie sich dabei, dass sie in ihren alten Schulheften und -büchern liest, Buntstifte anspitzt, an einer nicht fertig gewordenen Zeichnung herumkritzelt.

Ärgerlich über sich selbst legt sie den Zeichenblock beiseite.

Da ruft der Vater zum Mittagessen.

»Na, wie sieht es aus«, fragt er nach dem Essen, »bist du ein Stück weiter gekommen?«

Lena nickt und seufzt. »Ich bin jetzt beim Schulzeug«, sagt sie und seufzt noch einmal schwer.

Der Vater hat verstanden.

Er lacht und meint: »Ich greife dir ein bisschen unter die Arme – unter einer Bedingung!« Und er deutet auf das schmutzige Geschirr.

Seit dem Morgen ist einiges zusammen gekommen. Das muss natürlich weg, bevor die Mutter wieder nach Hause kommt.

Außerdem ist Lena im Moment tatsächlich mehr nach Geschirrspülen als nach Packen zumute.

»Bedingung angenommen!«, sagt sie, steht auf, gibt ihrem Papa einen Kuss und beginnt den Tisch abzuräumen.

Der Vater geht in ihr Zimmer.

Lena schaltet das Radio ein, spült das Geschirr, summt zur Musik und ist mit sich zufrieden. Sie trocknet das Besteck ab und wischt den Tisch sauber.

Als sie ihr Zimmer betritt, sieht sie den Vater am Fenster stehen. Beide Hände aufs Fensterbrett gestützt, starrt er hinaus, wie heute Morgen schon.

Lena wird es bang ums Herz.

Geht es ihm wieder schlechter?

Langsam dreht er sich um und schaut Lena ins Gesicht.

In einer Hand hält er den Zeichenblock, in der anderen ein einzelnes Blatt Papier.

Lena tritt näher.

Da erkennt sie, was das ist. Es muss in dem Zeichenblock gelegen haben.

Es ist das Statut der Gang.

Und das trägt auch ihre Unterschrift!

Lenas Aufnahme in die Gang

Lena ist vor Schreck außerstande, auch nur einen Schritt auf den Vater zuzugehen. Einen Augenblick lang ist ihr sogar schwarz vor Augen. Jetzt spürt sie, dass sie über und über rot geworden ist. Ihre Hände sind eiskalt und sie bringt kein Wort heraus.

Dafür spricht der Vater.

Mit fremder, kalter Stimme liest er die ersten Sätze aus dem Statut vor:

»Die Unterzeichner dieses Statuts sind freiwillige Mitglieder des Geheimbundes für den Kampf gegen Memmen, Muttersöhnchen und sonstige Weicheier. Dem Bund dürfen keine Erwachsenen beitreten, vor allem keine Eltern. Jedes Mitglied ist verpflichtet, über die Existenz sowie über die Aktionen und Maßnahmen dieses Bundes Stillschweigen zu wahren, andernfalls erfolgt der Ausschluss aus dem Bund und die Zuordnung zur Gruppe der Weicheier.«

Der Vater hat aufgehört zu lesen. Im Zimmer breitet sich ein ungutes Schweigen aus – bedrückend für beide.

»Lena«, sagt der Vater nach einer endlos scheinenden Zeit, und es klingt, als bereite ihm das Sprechen Schmerzen, »sag, dass es nicht wahr ist.«

»Doch, es ist wahr.« Lenas Stimme ist kaum zu hören. Aber dann überstürzen sich ihre Worte und immer lauter werdend ruft sie: »Aber ich wollte doch schon lange nicht mehr ..., es war ein Missverständnis, glaub mir doch ..., und dann, die hätten mich nie gehen lassen ...!«

Entsetzt hält sie inne. Wie laut sie geschrieen hat, das war bestimmt im ganzen Haus zu hören!

»Papa, bitte sag Mama nichts davon«, bringt sie noch hervor und dann fließen Tränen.

»Das ist doch nicht dein Ernst«, sagt der Vater, und wieder klingt seine Stimme kalt, beinahe feindselig, »soll das dann ein neuer Geheimbund werden – für den Kampf gegen wahrheitsliebende Mütter – mit Statut und Unterschriften?«

»Papa, bitte, bitte, sag ihr nichts«, bettelt Lena schluchzend. »Es ist doch vorbei, wir ziehen weg von hier, und so was kommt nie wieder vor! Wozu soll sie denn ...« Weiter kommt Lena nicht.

»Schluss jetzt!«

Es klingt wie ein Donnerschlag.

Lena verstummt sofort.

Der Vater macht einen Schritt auf Lena zu.

Gleich wird er sie in die Arme nehmen und ihr verzeihen! Aber er geht an ihr vorbei zur Tür, er sieht sie nicht einmal an.

An der Tür dreht er sich halb zu ihr um und sagt wie zu einer Fremden: »Bleib in deinem Zimmer, bis wir dich rufen.«

Die Tür klappt zu. Der Vater ist gegangen.

Das Statut hat er mitgenommen.

Lena hat aufgehört zu weinen. Sie steht wie angewurzelt da und rührt sich noch eine ganze Weile nicht vom Fleck.

Keinen klaren Gedanken kann sie fassen.

Was soll sie nur machen?

Gar nichts kann sie machen – es ist zu spät.

Und plötzlich, wie leider schon so oft, packt sie die Wut, so eine richtige Lena-Wut – was hat der Vater auch in ihren Sachen herumzuwühlen!

Doch so schnell die Wut in ihr emporgeschossen ist, so schnell vergeht sie wieder und verwandelt sich in eine tiefe Beschämung.

Nie, niemals haben die Eltern in ihren persönlichen Sachen herumgestöbert – lieber haben sie die Unordnung in Lenas Schränken in Kauf genommen.

Sie haben ihr vertraut.

Deshalb hat sie ja auch das Statut mit nach Hause genommen und es zwischen die Blätter des Zeichenblocks gesteckt. Die meisten anderen aus der Gang hatten es für besser gehalten, ihr Statut im Quartier aufzubewahren.

Ob ihr die Eltern jemals wieder vertrauen werden?

Lena hebt den Kopf und ihr Blick fällt auf ihr Spiegelbild. Ein blasses, ratloses Mädchen schaut sie aus dem Spiegel an. Das ist nicht mehr die Lena Peters von gestern, die sportliche, die meinte, mit sich zufrieden sein zu dürfen.

Aber um alles in der Welt, wer ist das nur gewesen, dieses Mädchen, das das letzte halbe Jahr mit einer Gang herumgezogen ist? Diese andere Lena hat wieder und wieder ihre Eltern belogen, hat ohne Grund andere Kinder gekränkt und ihnen Angst gemacht und schließlich sogar einen Diebstahl begangen.

Und wo ist die wirkliche Lena geblieben?

Wie soll sie den Eltern jemals erklären, warum sie bei alldem mitgemacht hat, wo sie es doch selbst nicht versteht!

Die Wohnungstür wird aufgeschlossen, die Mutter ist aus der Stadt zurückgekommen. Lena hört, dass der Vater eilig sein Zimmer verlässt.

Er spricht leise mit der Mutter, dann gehen beide in die Küche. Die Küchentür, die sonst meistens offen steht, wird mit Nachdruck zugezogen.

Jetzt reden sie über mich, denkt Lena erschrocken.

Sie tappt die paar Schritte bis zu ihrem Bett, setzt sich auf die Bettkante und lauscht.

Kein Geräusch dringt aus der Küche zu ihr.

Sie rutscht bis in die äußerste Ecke des Bettes. Dort kauert sie sich hin und umschlingt die angezogenen Knie fest mit beiden Armen.

Wieder lauscht sie zur Küche hin. Nichts.

Ganz verkrampft hockt Lena in ihrer Ecke.

Noch nie hat sie sich so einsam gefühlt. In ihr ist alles wie taub, nicht einmal weinen kann sie jetzt.

Nein, sie hält es nicht länger aus, gleich läuft sie zu den Eltern in die Küche, sie wird sie um Verzeihung bitten und alles wird wieder gut. Schon richtet sich Lena ein wenig auf, aber da fährt es ihr eiskalt durchs Herz. Der Vater hat gesagt, sie soll hier bleiben, bis sie gerufen wird – er will sie gar nicht sehen.

Die Einsamkeit greift nach Lena, sie schluchzt kurz auf und dann brechen sich endlich wieder die Tränen ihre Bahn. Nur langsam beruhigt sie sich wieder.

Noch nie hat sie so sehr geweint, doch das Weinen hat sie erleichtert.

Wenn nur die Eltern endlich kämen! Sie will ihnen alles erzählen, will es hinter sich bringen ...

Ende Januar hat es angefangen, sie erinnert sich genau. Im Deutschunterricht haben sie mit Herrn Heyse, ihrem Klassenlehrer, darüber gesprochen, dass sie einen Nachmittag für die Omas und Opas gestalten wollen, mit Liedern und Gedichten, vielleicht auch mit einem kleinen Theaterstück.

Da fing Martin plötzlich an zu weinen und rannte aus der Klasse. Alle, auch Herr Heyse, waren ganz erschrocken.

»Was hat er nur?«, fragte er seine Klasse. Lisa sagte leise, dass Martins Oma vor einem Monat gestorben ist und dass Martin immer daran denken muss. Sie wollte ihm hinterherlaufen, aber Herr Heyse sagte, es sei das beste, Martin jetzt in Ruhe zu lassen.

Er bat die Kinder, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren und versprach ihnen, dass er sich in der Pause um Martin kümmern werde.

Das Gespräch über den geplanten Nachmittag ging stockend weiter, aber Lena hörte nicht mehr zu. Sie dachte über Martin nach.

Deswegen ist er also in der letzten Zeit so still gewesen, noch stiller als sonst, ging es ihr durch den Kopf. Und niemand hat davon gewusst, nur Lisa. Niemandem ist aufgefallen, dass Martin traurig ist. Martin fällt sowieso nicht sehr auf, er ist eigentlich immer sehr still.

Lena saß in der Klasse und hing ihren Gedanken nach. Eigentlich kannten sie alle Martin nur wenig. Nur Lisa wusste etwas mehr über ihn – sie hatte Lena auch mal irgendetwas erzählt, doch Lena hatte es schnell wieder beiseite geschoben, weil es so traurig war. Jetzt erst holte Lena Lisas Worte wieder in ihr Gedächtnis zurück: Lisa hatte erzählt, dass Martin keinen Vater mehr hat und – ja, es war auch etwas mit Martins Mutter – sie war sehr krank und musste lange Zeit im Krankenhaus liegen, eine Spezialklinik war das in einer anderen Stadt, weit weg von hier. Damals war Martin erst in einem Kinderheim und dann war seine Oma extra wegen ihm aus ihrem Dorf in die Stadt gezogen und er durfte bei ihr bleiben.

Dann hat er bestimmt ganz besonders an ihr gehangen, dachte Lena jetzt und Martin tat ihr so leid, dass sie selbst mit den Tränen zu kämpfen hatte.

Und Herr Heyse redete und redete ... Lenas Gedanken machten sich selbständig und wanderten zu ihren eigenen Problemen.

Lena dachte an ihre Großeltern ...

Mutters Eltern kennt sie nur wenig, sie sehen sich höchstens zweimal im Jahr. Dann kommen die Großeltern zu ihnen in die Stadt, übernachten aber im Hotel. Eine Einladung zu den Großeltern gab es nie.

Die Mutter hat es nie ausgesprochen, aber Lena ist sich sicher, dass es den Großeltern von Anfang an nicht gepasst hat, dass ihre Tochter »einen aus dem Heim« geheiratet hat.

Und für das Kind von »so einem« interessieren sie sich nicht besonders.

Nun, Lena interessiert sich auch nicht sehr für diese Großeltern.

Aber für die anderen, für Vaters Eltern, interessiert sie sich brennend!

Wie sie wohl sein mögen?

Ob sie noch leben?

Und wenn sie noch leben, warum haben sie nie nach ihrem Sohn gesucht?

Lena hat sich schon die spannendsten Geschichten über das Schicksal der unbekannten Großeltern ausgemalt. Natürlich sind die Großeltern noch am Leben, sie müssen einfach eines Tages kommen und alles wird sich aufklären. In Lenas Vorstellung führen sie ein abenteuerliches Leben als Weltreisende. Und auch jetzt, mitten im Deutschunterricht, ließ Lena ihrer Phantasie freien Lauf: Wie schon so oft sah Lena die Großeltern vor sich – sie hatten sich während einer Expedition im Urwald verirrt und lebten seitdem unter schwierigsten Bedingungen bei einem unentdeckt gebliebenen Indianerstamm.

Doch eines Tages würde es ihnen gelingen sich aus dem Wald herauszufinden und dann ...

»Lena Peters!«, die Stimme des Lehrers holte sie in die Wirklichkeit zurück. »Aufwachen, große Pause!«

Lena lief mit den anderen auf den Schulhof hinaus. Alles Mögliche ging ihr im Kopf herum, ihre Sehnsucht nach den Großeltern, die Ungewissheit, ob sie noch leben, ob Lena sie jemals kennen lernen wird – und dann dachte sie wieder an Martin, der seine Oma verloren hatte.

Dort stand er, neben der großen Kastanie. Alle gafften zu ihm hin, aber keiner sprach ihn an.

Und wo blieb Herr Heyse?

Er hatte doch gesagt, dass er sich um ihn kümmern wollte! Typisch!!

Lena, immer noch aufgewühlt von ihren Gedanken, wurde richtig wütend auf den Lehrer.

Vielleicht konnte sie ja Martin ein bisschen helfen.

Sie ging auf die Kastanie zu, aber da kam ihr Christoph in die Quere. Der hatte ihr gerade noch gefehlt, dieser hinterhältige Mistkerl!

»Na, willst wohl Tränchen trocknen?«, fragte Christoph gehässig. Eigentlich wollte sie ihn ja vornehm übersehen. Sie kann ihn nun mal nicht leiden – und das beruht auf Gegenseitigkeit.