Der Turm zu Basel - Adam LeBor - ebook

Der Turm zu Basel ebook

Adam LeBor

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Opis

Die unauffälligste Bank der Welt ist gleichzeitig die wichtigste: Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), gleich neben dem Basler Bahnhof gelegen, ist nur den wenigsten ein Begriff, und doch steht sie seit ihrer Gründung 1930 im Mittelpunkt des globalen Finanzsystems. Als Bank der Zentralbanken koordiniert sie die Geldpolitik der wichtigsten Wirtschaftsmächte, verwaltet deren Währungsreserven und prägt die globale Finanzarchitektur. Doch der Institution fehlt jegliche Rechenschaftspflicht: Sie unterliegt nicht der schweizerischen Rechtsprechung und wird durch einen internationalen Vertrag geschützt. Die Diskussionen, die sie fu¨hrt, sind geheim, und ihre Einlagen sind vor dem staatlichen Zugriff sicher. Adam LeBor zeichnet die Geschichte der BIZ detailliert nach, von ihrer zweifelhaften Rolle während des Zweiten Weltkriegs, als sie von den Nazis Raubgold entgegennahm, bis zu ihrer zentralen Funktion beim europäischen Einigungsprojekt - und wirft dabei Fragen auf: zur Transparenz des Finanzsystems und zur Art und Weise, wie in unseren Demokratien Macht ausgeu¨bt wird.

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Adam LeBorDer Turm zu Basel

Adam LeBor

DER TURMZU BASEL

BIZ – DIE BANK DER BANKENUND IHRE DUNKLE GESCHICHTE

Aus dem Englischen übersetztvon Peter Stäuber

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Tower of Basel:

The Shadowy History of the Secret Bank that Runs the World bei

PublicAffairs, New York 2013.

© 2013 by Adam LeBor

© 2014 Rotpunktverlag (deutsche Ausgabe)

www.rotpunktverlag.ch

Umschlagfotos: Wladyslaw Sojka (Das Hochhaus der Bank für

Internationalen Zahlungsausgleich, Basel) und Lightmare/

photocase (Gewitterhimmel)

ISBN 978-3-85869-634-2

1. Auflage 2014

Für Justin Leighton und Roger Boyes,die die richtigen Fragen stellen

INHALT

Einführung

Teil I Kapital über alles

1. Die Banker wissen es am besten

2. Ein gemütlicher Club in Basel

3. Eine überaus nützliche Bank

4. Mr. Norman nimmt den Zug

5. Die genehmigte Plünderung

6. Hitlers amerikanischer Banker

7. Wie man die Wall Street beschwichtigt

8. Eine Vereinbarung mit dem Feind

Teil II Das neue Reich der BIZ

9. Eine erzwungene Einigung

10. Alles ist vergeben

11. Der deutsche Phoenix erwacht

12. Die zweite Karriere der Schreibtischmörder

13. Der Turm erhebt sich

Teil III Der Zusammenbruch

14. Das europäische Einigungsprojekt und der zweite Turm

15. Das allsehende Auge

16. Die Festung beginnt zu bröckeln

Anhang

Bibliografie

Anmerkungen

»DIE BANK ISTVÖLLIG FREI VONJEGLICHERPOLITISCHER UNDSTAATLICHERKONTROLLE«

Gates McGarrah, erster Präsident der Bankfür Internationalen Zahlungsausgleich, 19311

EINFÜHRUNG

Der exklusivste Klub der Welt zählt achtzehn Mitglieder. Sie treffen sich jeden zweiten Monat an einem Sonntagabend um 19 Uhr im Konferenzraum E eines runden Hochhauses, dessen getönte Fenster auf den Basler SBB-Bahnhof blicken. Ihre Sitzung dauert eine Stunde, vielleicht anderthalb. Manche der Anwesenden bringen einen Kollegen mit, doch die Berater erheben ihre Stimme nur selten während dieses vertraulichen »Konklaves«. Wenn die Besprechung zu Ende ist, verabschieden sich die Berater und die Herren ziehen sich zum Abendessen in den Speisesaal im achtzehnten Stock zurück, in der Erwartung, dass das Essen und der Wein wie üblich vorzüglich sein werden. Während des Dinners, das sich bis um 23 Uhr oder Mitternacht hinzieht, findet die richtige Arbeit statt. Es herrscht eine gediegene Atmosphäre, die Umgangsformen, verfeinert über mehr als acht Jahrzehnte, sind makellos. Man ist sich einig, dass nichts von dem, was am Abendtisch gesagt wird, jemals an die Öffentlichkeit dringen darf.

Wenige Passanten würden die Leute erkennen, die hier ihre Haute Cuisine und erstklassige Grand-Cru-Weine genießen, aber unter ihnen befinden sich einige der mächtigsten Männer der Welt. Diese Männer – es sind meistens Männer – sind Zentralbanker. Sie sind nach Basel gereist, um an der Sitzung des Economic Consultative Committee (ECC) der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) teilzunehmen, der Bank der Zentralbanken. Zu seinen derzeitigen Mitgliedern zählen Ben Bernanke, der Präsident der US-amerikanischen Federal Reserve [seit Februar 2014 Janet L. Yellen, d. Verl.]; Mark Carney, Gouverneur der Bank of England; Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank; Zhou Xiaochuan von der Chinesischen Volksbank; und die Präsidenten der Notenbanken von Japan, Deutschland, Frankreich, Italien, Schweden, der Schweiz, Belgien, der Niederlande, Kanada, Indien, Brasilien und Mexiko. Zu ihnen gesellt sich Jaime Caruana, früherer Gouverneur der Bank von Spanien und heute Generaldirektor der BIZ.

Ende 2013 war Agustín Carstens, Präsident der mexikanischen Zentralbank, der Vorsitzende des ECC. Dieses Gremium, früher als Sitzung der G10-Zentralbankpräsidenten bekannt, ist der einflussreichste der zahlreichen Ausschüsse der BIZ und steht nur einer kleinen, auserwählten Gruppe von Zentralbankpräsidenten aus Industrieländern offen. Das ECC gibt Empfehlungen ab über die Mitgliedschaft und Organisation der drei BIZ-Gremien, die sich mit dem globalen Finanzsystem, den Zahlungssystemen und den internationalen Märkten befassen. Darüber hinaus bereitet der Ausschuss Vorschläge für das Global Economy Meeting vor und bestimmt dessen Tagesordnung.

Das Global Economy Meeting beginnt am Montagmorgen um 9.30 Uhr im Raum B und dauert drei Stunden. Carstens führt den Vorsitz über das Treffen, an dem die Notenbankchefs jener dreißig Länder teilnehmen, die als die wichtigsten der globalen Wirtschaft gelten. Nebst den Präsidenten, die bereits am Abendessen vom Vortag teilnehmen, sitzen beispielsweise Vertreter aus Indonesien, Polen, Südafrika, Spanien und der Türkei mit am Tisch. Zentralbankern aus fünfzehn kleineren Ländern, etwa Ungarn, Israel und Neuseeland, ist die Teilnahme als Beobachter gestattet, aber in der Regel reden sie nicht mit. Notenbankchefs dritten Ranges, zum Beispiel jene Mazedoniens oder der Slowakei, dürfen nicht teilnehmen und müssen während Kaffee- und Essenspausen nach Informationsfetzen stöbern.

Im Anschluss gönnen sich die Präsidenten aller sechzig BIZ-Mitgliedsbanken ein Mittagsbuffet im Esssaal im achtzehnten Stock. Der Saal, entworfen vom Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron, das auch für das olympische »Vogelnest-Stadion« in Beijing verantwortlich ist, hat weiße Wände und eine schwarze Decke und bietet einen spektakulären Ausblick über drei Länder: die Schweiz, Frankreich und Deutschland.2 Um 14 Uhr kehren die Zentralbanker und ihre Berater zur Gouverneurssitzung in den Raum B zurück, um bis 17 Uhr Angelegenheiten von Belang zu besprechen.

Als es darum ging, eine Antwort auf die globale Finanzkrise zu finden, spielten die Konklaven der Präsidenten eine entscheidende Rolle. »Während der Krise war die BIZ ein wichtiger Treffpunkt für die Zentralbankpräsidenten, und ihre Existenzberechtigung hat sich dadurch verstärkt«, sagt Mervyn King, ehemaliger Gouverneur der Bank of England. »Wir waren mit Problemen konfrontiert, die wir bis dahin noch nicht kannten: Wir mussten herausfinden, was vor sich ging, was für Instrumente zur Verfügung stehen, wenn die Zinssätze fast bei null liegen, und wie wir unsere Strategie kommunizieren. Wir besprechen dies auch zu Hause mit unseren Mitarbeitern, aber dennoch ist es für die Gouverneure sehr hilfreich, sich zum gegenseitigen Austausch zusammenzusetzen.«

Diese Besprechungen müssen gemäß den Zentralbankern vertraulich sein. »Wenn man sich in einer Spitzenposition befindet, kann es schon mal einsam werden«, fährt King fort. »Da hilft es, wenn man sich mit anderen Spitzenleuten trifft und sagt: ›Dies ist mein Problem, wie geht ihr damit um?‹ Informell und offen über Erfahrungen zu sprechen, ist ungemein nützlich. Hier sprechen wir nicht auf einer öffentlichen Bühne – wir können sagen, was wir wirklich denken, wir können Fragen stellen und von den anderen profitieren.«3

Die BIZ-Geschäftsführung gibt sich Mühe, dafür zu sorgen, dass die Atmosphäre das ganze Wochenende über freundlich und gesellig ist – und es scheint ihr zu gelingen. Die Bank arrangiert eine Flotte von Limousinen, um die Gouverneure am Flughafen Zürich abzuholen und nach Basel zu chauffieren. Separate Mahlzeiten werden bereitgestellt, gemäß der Größe und Art der Volkswirtschaften, über die die Notenbankchefs wachen, sodass sich niemand ausgeschlossen fühlt. »Die Zentralbanker waren entspannter in der Gesellschaft ihrer Zentralbank-Kollegen als in der ihrer eigenen Regierungen«, erinnert sich Paul Volcker, ehemaliger Chef der Federal Reserve.4 Die vorzügliche Qualität des Essens und des Weins sorgte für eine kameradschaftliche Atmosphäre, sagt Peter Akos Bod, früherer Gouverneur der ungarischen Nationalbank. »Die hauptsächlichen Gesprächsthemen waren die Weinqualität und die Dummheit der Finanzminister. Wer nichts von Wein verstand, konnte sich nicht an den Gesprächen beteiligen.«5

Und den Notenbankchefs zufolge waren die Gespräche in der Regel anregend und unterhaltsam. Der Kontrast zwischen dem Offenmarktausschuss der amerikanischen Notenbank und den Abendessen der G10-Zentralbankpräsidenten sei markant, erinnert sich Laurence Meyer, von 1996 bis 2002 Mitglied des Fed-Vorstands; wenn der Vorsitzende der Fed seine Bank an den Basler Sitzungen nicht repräsentieren konnte, sprang Meyer zuweilen für ihn ein. Die Diskussionen in der BIZ waren stets lebhaft und zielgerichtet, und sie regten zum Nachdenken an: »Als ich noch bei der Fed arbeitete, lasen an Sitzungen des Offenmarktausschusses fast alle Teilnehmer Stellungnahmen vor, die im Voraus abgefasst worden waren. Nur selten bezogen sie sich auf Bemerkungen anderer Ausschussmitglieder, und kaum je gab es einen Austausch zwischen zwei Mitgliedern oder gar eine Diskussion über Prognosen oder mögliche Strategien. An den Abendessen in der BIZ hingegen reden die Leute tatsächlich miteinander. Die Diskussionen sind immer anregend und interaktiv, und sie drehen sich um die ernsten Probleme, die sich der globalen Ökonomie stellen.«6

Alle Notenbankchefs, die am zweitägigen Treffen teilnehmen, können sich auf vollständige Vertraulichkeit und Diskretion sowie auf höchste Sicherheitsvorkehrungen verlassen. Die Sitzungen werden auf mehreren Etagen abgehalten, die meist nur dann benutzt werden, wenn die Präsidenten zugegen sind. Ihnen werden persönliche Büros zur Verfügung gestellt, mitsamt Sekretären und jeglichen anderen Hilfskräften, die sie wünschen. Die Gebäude und das anliegende Gelände der BIZ sind außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der schweizerischen Behörden. Gegründet durch einen internationalen Vertrag und darüber hinaus durch das sogenannte Sitzabkommen geschützt, das die BIZ 1987 mit der Schweizer Regierung schloss, genießt die Bank einen ähnlichen Status wie der Hauptsitz der Uno, der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die diplomatischen Vertretungen. Bevor die Schweizer Behörden die Gebäude der Bank – die als »unverletzbar« bezeichnet werden – betreten können, brauchen sie eine Bewilligung von der BIZ-Verwaltung.7

Der BIZ ist es gestattet, ihre Kommunikation zu verschlüsseln und Korrespondenz in speziellen Säcken zu verschicken und zu empfangen, die die gleichen Vorrechte genießen wie Diplomatengepäck – sie dürfen also nicht geöffnet werden. Die BIZ muss in der Schweiz keine Steuern zahlen. Ihre Mitarbeiter sind von der Einkommensteuer befreit, wobei ihr Lohn darauf ausgerichtet ist, mit dem Privatsektor zu konkurrieren, und entsprechend großzügig ausfällt: Das Gehalt des Generaldirektors betrug 2011 763 930 Schweizer Franken, während Abteilungsleiter 587 640 Franken einsteckten, zuzüglich beachtlicher Zuschüsse. Die außergewöhnlichen rechtlichen Privilegien der Bank gelten auch für ihre Mitarbeiter und Verwaltungsratsmitglieder: Leitende Angestellte genießen während ihrer Arbeit in der Schweiz einen Sonderstatus, ähnlich dem von Diplomaten, was bedeutet, dass ihr Gepäck nicht durchsucht und ihre Post nicht geöffnet werden darf (außer es liegen Beweise für klare kriminelle Handlungen vor). Dieser Status wird auch den Zentralbankern gewährt, die während der zweimonatlichen Sitzungen nach Basel reisen. Nach Schweizer Recht genießen alle Bankangestellten Immunität für alle Handlungen, die sie während der Ausübung ihres Berufs vornahmen, und zwar lebenslang.

Die Bank ist ein beliebter Arbeitsort. Nicht nur wegen der Löhne. Rund sechshundert Mitarbeiter aus über fünfzig Ländern sind hier angestellt. Die Atmosphäre ist multinational und kosmopolitisch, wenn auch sehr schweizerisch, was sich im hohen Stellenwert der Bank-Hierarchie zeigt. Wie viele Mitarbeiter der Uno oder des IWF sind manche BIZ-Mitarbeiter, insbesondere die leitenden Manager, von einem Missionsgedanken angetrieben, fühlen sich als die universell zentralen Player und daher erhaben über niedrige Dinge wie zum Beispiel Rechenschaftspflicht oder Transparenzgebote.

Die Geschäftsleitung der Bank hat versucht, für alle Notfälle vorzusorgen, sodass sie nie schweizerische Behörden beiziehen muss: Der BIZ-Hauptsitz verfügt über ein hochmodernes Sprinklersystem mit verschiedenen Sicherungen, medizinische Einrichtungen sowie einen bombensicheren Bunker für den Fall eines Terroranschlags oder einer kriegerischen Auseinandersetzung. Das Eigentum der BIZ ist nach schweizerischem Recht immun gegen zivilrechtliche Klagen und kann nicht beschlagnahmt werden.

Die Geheimhaltung der Banker wird von der BIZ konsequent geschützt: Protokoll, Tagesordnung und Anwesenheitsliste der Global Economy Meetings oder des ECC werden nicht veröffentlicht – überhaupt wird kein offizielles Protokoll geführt. Manchmal gibt es im Anschluss eine kurze Pressekonferenz oder eine nichtssagende Stellungnahme, aber nie irgendwelche Details. Diese Tradition privilegierter Diskretion geht zurück auf die Gründung der Bank.

»Die Ruhe in Basel sowie der absolut unpolitische Charakter der Stadt liefern die perfekte Kulisse für diese genauso ruhigen und unpolitischen Versammlungen«, schrieb ein amerikanischer Vertreter 1935. »Weil die Sitzungen in großer Regelmäßigkeit und fast immer unter der Anwesenheit praktisch aller Vorstandsmitglieder stattfinden, schenkt ihnen die Presse nur geringe Aufmerksamkeit.«8 Vierzig Jahre später hatte sich daran wenig geändert. Charles Coombs, ehemaliger Devisenchef bei der New York Federal Reserve, nahm von 1960 bis 1975 an den Sitzungen der Gouverneure teil; die Banker, denen es gestattet war, dieses innerste Heiligtum der Bank zu betreten, vertrauten einander absolut, schreibt er in seinen Erinnerungen: »Egal, um wie viel Geld es ging, niemals wurde ein Abkommen unterzeichnet oder eine Absichtserklärung abgefasst. Das Wort jedes Amtsträgers genügte, und nie gab es irgendwelche Enttäuschungen.«9

Was hat das Ganze mit uns zu tun? Schließlich halten Banker seit der Erfindung des Geldes vertrauliche Sitzungen ab. Und Zentralbankpräsidenten sehen sich gern als die Hohepriester der Finanzwirtschaft, als Technokraten, die monetäre Rituale einer Finanz-Liturgie vollziehen, die nur einer kleinen, auserlesenen Elite zugänglich sind.

Aber die Zentralbank-Präsidenten, die sich jeden zweiten Monat in Basel treffen, sind Staatsdiener. Ihr Gehalt, ihre Flugtickets, Hotelrechnungen und lukrativen Renten werden aus der Staatskasse bezahlt. Die Währungsreserven, die eine Zentralbank hält, sind öffentliche Gelder – sie sind der Reichtum der Nationen. Die Diskussionen der Zentralbanker in der BIZ, die Informationen, die sie sich gegenseitig liefern, die politischen Maßnahmen, die sie erwägen, die ausgetauschten Meinungen sowie die Entscheidungen, die sie fällen – sie alle sind zutiefst politisch. Notenbankchefs, deren Unabhängigkeit durch die Verfassung geschützt ist, kontrollieren die Geldpolitik der Industrieländer; sie steuern die Geldmenge, die einer Volkswirtschaft zur Verfügung steht; sie legen den Zinssatz fest und bestimmen dadurch den Wert unserer Ersparnisse und Investitionen; sie entscheiden, ob eine Spar- oder eine Wachstumspolitik verfolgt wird. Ihre Entscheidungen bestimmen unser Leben.

Die Tradition der Geheimhaltung in der BIZ reicht Jahrzehnte zurück. Von hier aus wurde in den 1960er-Jahren der Londoner Goldpool verwaltet: Acht Länder verpflichteten sich, den Goldmarkt zu manipulieren, um den Goldpreis bei rund 35 Dollar pro Unze zu stabilisieren, also bei dem Wert, der im Abkommen von Bretton Woods festgelegt worden war – jener Vereinbarung, die das internationale Finanzsystem nach dem Zweiten Weltkrieg prägte. Obwohl der Londoner Goldpool nicht mehr existiert, hat er einen Nachfolger gefunden im Marktausschuss (Markets Committee) der BIZ, der sich jeden zweiten Monat aus Anlass der Gouverneurstreffen zusammensetzt, um Trends in den Finanzmärkten zu besprechen. Vertreter von 21 Zentralbanken nehmen daran teil. Der Ausschuss gibt zuweilen Berichte heraus, aber die Traktandenliste und Diskussionen blieben geheim.

Heute machen die Länder, die an den Global-Economy-Meetings teilnehmen, gemäß BIZ-Statistik zusammen rund vier Fünftel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus – also den Großteil des weltweiten Reichtums. Notenbankchefs scheinen heute »mächtiger als Politiker und halten das Schicksal der Weltwirtschaft in ihren Händen«, schrieb das Wirtschaftsmagazin The Economist.10 Wie ist es dazu gekommen? Die BIZ, die undurchsichtigste Finanzinstitution der Welt, kann es sich zu einem guten Teil als ihr eigenes Verdienst anrechnen. Seit dem ersten Tag ihres Daseins hat sich die BIZ dem Zweck verschrieben, die Interessen der Zentralbanken zu fördern und eine neue Architektur des transnationalen Finanzwesens zu entwerfen. Dabei hat sie eine neue, eng gestrickte Klasse globaler Technokraten hervorgebracht, deren Mitglieder zwischen hochdotierten Positionen bei der BIZ, beim IWF sowie bei Zentral- und Geschäftsbanken rotieren.

Der Gründer dieses Technokraten-Zirkels war Per Jacobsson, ein schwedischer Volkswirt, der von 1931 bis 1956 als ökonomischer Berater, also Chefökonom, bei der BIZ arbeitete. Der eher nichtssagende Titel täuscht über seine Bedeutung hinweg: Jacobsson war enorm einflussreich, gut vernetzt und hoch angesehen unter seinen Kollegen. Er schrieb die ersten BIZ-Jahresberichte, die in den Finanzministerien rund um die Welt eine unverzichtbare Lektüre waren und es noch heute sind. Jacobsson war ein früher Befürworter des europäischen Föderalismus, und er sprach sich unablässig gegen Inflation, übermäßige Staatsausgaben und staatliche Interventionen in die Wirtschaft aus. 1956 verließ er die BIZ, um den Vorsitz des IWF zu übernehmen. Sein Erbe prägt uns noch heute, eine Mischung aus ökonomischem Liberalismus, Preis-Obsession und Abbau von nationaler Souveränität, und lässt sich jeden Abend besichtigen, wenn Nachrichten zur europäischen Wirtschaft über die Bildschirme flimmern.

Die Verteidiger der BIZ bestreiten, dass die Organisation verschlossen oder geheimniskrämerisch ist. Die Archive der Bank sind öffentlich zugänglich, und Forscher dürften die meisten Dokumente einsehen, die mehr als dreißig Jahre alt sind. Tatsächlich sind die Archivare der BIZ herzlich, hilfsbereit und professionell. Auf der Website der Bank lassen sich alle Jahresberichte herunterladen, wie auch zahlreiche Grundsatzpapiere, die die hoch angesehene Forschungsabteilung verfasst hat. Die BIZ veröffentlicht detaillierte Berichte zum Wertpapier- und Derivatemarkt sowie Statistiken zum internationalen Bankwesen. Doch dies sind weitgehend Zusammenstellungen und Analysen von Informationen, die für die Öffentlichkeit auch anderweitig zugänglich sind. Die Einzelheiten zu den Kernaktivitäten der Bank, darunter ein Großteil der Operationen für ihre Kunden – Zentralbanken und internationale Organisationen – bleiben geheim. Die Global Economy Meetings und andere entscheidende Finanztreffen, die in Basel stattfinden, etwa die des Marktausschusses, bleiben Außenstehenden verwehrt. Die Undurchsichtigkeit der Bank, das Fehlen von Rechenschaftspflicht sowie ihr wachsender Einfluss werfen grundlegende Fragen auf – nicht nur zur Geldpolitik, sondern ebenso zu Transparenz, Rechenschaftspflicht und der Art und Weise, wie in unseren Demokratien Macht ausgeübt wird.

Als ich Freunden und Bekannten erzählte, dass ich ein Buch über die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich schreibe, war die übliche Reaktion ein verdutzter Blick, gefolgt von der Frage: »Die Bank für was?« Meine Gesprächspartner waren intelligente Leute, die das aktuelle Zeitgeschehen verfolgen; viele interessieren sich für die globale Wirtschaft und die Finanzkrise, und sie verstehen etwas davon. Doch nur eine Handvoll hatte von der BIZ gehört. Das war seltsam, denn die BIZ ist die wichtigste Bank der Welt und existierte bereits vor dem IWF und der Weltbank. Seit Jahrzehnten steht sie im Mittelpunkt eines weltumspannenden Netzwerks aus Geld, Einfluss und geheimer Machtausübung.

Die BIZ wurde 1930 gegründet. Vordergründig war sie Teil des Young-Plans zur Abwicklung der deutschen Reparationszahlungen für den Ersten Weltkrieg. Die wichtigsten Architekten der Bank waren Montagu Norman, Gouverneur der Bank of England, und Hjalmar Schacht, Präsident der Reichsbank, der die BIZ gern als »meine« Bank bezeichnete. Die Gründungsmitglieder bestanden aus den Zentralbanken von Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien und einem Konsortium von japanischen Banken. Der Federal Reserve wurden ebenfalls Anteile angeboten, aber den Vereinigten Staaten war alles verdächtig, was ihre nationale Souveränität hätte beschneiden können, und sie lehnten ab. Stattdessen wurden die Aktien von einer Vereinigung von Geschäftsbanken übernommen: J. P. Morgan, First National Bank of New York und First National Bank of Chicago.

Der wahre Zweck der BIZ wurde in den Statuten genauer beschrieben: die »Zusammenarbeit der Zentralbanken zu fördern« und »neue Möglichkeiten für internationale Finanzgeschäfte zu schaffen«. Es war die Verwirklichung des Jahrzehnte alten Traums der Notenbankchefs, ihre eigene Bank zu besitzen – mächtig, unabhängig und frei von der Einmischung durch Politiker und neugierige Reporter. Und das Beste daran: Die BIZ war selbstfinanzierend und würde es auf Ewigkeit bleiben. Ihre Kunden waren gleichzeitig auch ihre Gründer und Anteilseigner – die Zentralbanken. Während der 1930er-Jahre war die BIZ der zentrale Treffpunkt einer Gruppe von Zentralbankchefs, dominiert von Norman und Schacht, die beim Wiederaufbau Deutschlands half. Die New York Times beschrieb Schacht, weitherum bekannt als das Genie hinter der wiedererstarkenden deutschen Wirtschaft, als den »stählernen Piloten der Nazi-Finanz«.11 Während des Krieges wurde die BIZ de facto zu einem verlängerten Arm der Reichsbank, als sie geplündertes Nazigold annahm und für Nazi-Deutschland Devisenoperationen ausführte.

Sowohl in Washington als auch in London war man sich der Allianz zwischen der Bank und Berlin bewusst. Doch dass die BIZ weiterhin funktionieren sollte, um die transnationalen Finanzkanäle offenzuhalten, war so ziemlich das Einzige, worüber sich alle Parteien einig waren. Basel war hierfür der perfekte Ort – am nördlichen Rand der Schweiz gelegen, an der Grenze zu Frankreich und Deutschland. Einige Kilometer entfernt kämpften und verendeten die Soldaten der Nazis und der Alliierten. Der BIZ war das alles egal. Die Sitzungen des Verwaltungsrats wurden ausgesetzt, doch die Beziehungen unter den Mitarbeitern der kriegführenden Nationen blieben freundlich, professionell und produktiv. Nationalität war nicht von Belang, denn die übergeordnete Loyalität galt dem internationalen Finanzwesen. Der Präsident, Thomas McKittrick, war Amerikaner. Roger Auboin, der Generaldirektor, war Franzose. Paul Hechler, der stellvertretende Generaldirektor, war ein Mitglied der Nazipartei und schloss seine Korrespondenz mit den Worten »Heil Hitler« ab. Raffaele Pilotti, der Generalsekretär, war Italiener. Per Jacobsson, der einflussreiche Chefökonom der Bank, kam aus Schweden. Sein und Pilottis Stellvertreter waren beide Briten.

Nach 1945 wurden fünf BIZ-Verwaltungsratsmitglieder, darunter Hjalmar Schacht, wegen Kriegsverbrechen angeklagt. Deutschland verlor zwar den Krieg, gewann aber den ökonomischen Frieden, und zwar weitgehend dank der BIZ: Die internationale Bühne, die Kontakte, Banknetzwerke und die Legitimität, die die BIZ zuerst der Reichsbank und danach deren Nachfolgern bot, trug dazu bei, dass immens mächtige finanzielle und wirtschaftliche Interessen von der Nazi-Ära bis heute fortdauern.

Während ihrer ersten 47 Jahre, von 1930 bis 1977, war die BIZ im ehemaligen Grand Hôtel et Savoy Hôtel Univers an der Centralbahnstraße 7 neben dem Basler SBB-Bahnhof untergebracht. Der Eingang lag versteckt neben einem Schokoladeladen, und nur ein kleines Schild wies darauf hin, dass der schmale Zugang zur BIZ führte. Die Leitung der Bank dachte sich, dass jene, die wissen mussten, wo die BIZ lag, sie auch finden würden, und dass der Rest es nicht zu wissen brauchte. Das Innere des Gebäudes änderte sich kaum im Lauf der Jahrzehnte, erinnert sich Charles Coombs: Die BIZ bot »die spartanische Ausstattung eines ehemaligen viktorianischen Hotels, dessen Einzel- und Doppelzimmer in Büros umgewandelt wurden, indem an Stelle der Betten einfach Schreibtische hingestellt wurden«.12

1977 zog die Bank in ihr heutiges Hauptquartier am Centralbahnplatz 2 um. Sie ging also nicht weit und überblickt jetzt den Basler Bahnhof. Ihre heutige Mission ist gemäß der BIZ eine dreifache: »Zentralbanken in ihrem Streben nach Währungs- und Finanzstabilität zu unterstützen, die internationale Zusammenarbeit in diesem Bereich zu fördern und den Zentralbanken als Bank zu dienen.«13 In der BIZ befindet sich zudem ein großer Teil der praktischen und technischen Infrastruktur, die das globale Netzwerk von Zentralbanken und ihren kommerziellen Gegenstücken benötigt, um reibungslos funktionieren zu können. Sie verfügt über zwei verbundene Handelsräume: einen im Basler Hauptquartier und den anderen im Regionalbüro in Hongkong. Die BIZ kauft und verkauft Gold und Devisen für ihre Kunden. Sie dient Zentralbanken als Vermögensverwalter und gewährt ihnen bei Bedarf kurzfristige Kredite.

Die BIZ ist eine einzigartige Institution: Eine internationale Organisation, eine extrem profitable Bank und ein Forschungsinstitut, das durch einen internationalen Vertrag gegründet wurde und durch ihn geschützt ist.14 Sie ist ihren Kunden und Aktionären – also den Zentralbanken – rechenschaftspflichtig, leitet aber auch deren Operationen. Die hauptsächliche Aufgabe einer Zentralbank, so argumentiert die BIZ, ist es, den Kreditfluss und die im Umlauf befindliche Geldmenge zu steuern, was für ein stabiles Geschäftsklima sorgt, sowie sicherzustellen, dass sich die Wechselkurse in einem kontrollierbaren Rahmen befinden, um so den Wert der Währung zu sichern und den internationalen Handel und die Kapitalbewegungen geschmeidiger zu gestalten. Dies ist von großer Bedeutung, besonders in einer globalisierten Wirtschaft, in der die Märkte in Bruchteilen einer Sekunde reagieren und die Wahrnehmung von Werten und ökonomischer Stabilität fast so wichtig ist wie die Wirklichkeit selbst.

Zudem hilft die BIZ bei der Überwachung der Geschäftsbanken, obwohl sie über sie keine rechtliche Verfügungsgewalt besitzt. Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, der bei der BIZ angesiedelt ist, reguliert die Kapitalausstattung und Liquiditätsstandards von Geschäftsbanken. Er verpflichtet die Banken, bei der Kreditvergabe ein Eigenkapital von acht Prozent der risikogewichteten Aktiva zu halten. Das bedeutet, dass eine Bank bei risikogewichteten Anlagen von 100 Millionen Dollar über mindestens 8 Millionen Dollar an Kapital verfügen muss.15 Der Ausschuss hat keine rechtlichen Mittel, diese Bestimmungen durchzusetzen, aber er verfügt über eine enorme moralische Autorität: »Diese Regulierung ist so einflussreich, dass das Acht-Prozent-Prinzip in die nationale Gesetzgebung übernommen wurde«, sagt Peter Akos Bod. »Es ist wie bei der Stromspannung: Sie ist auf 220 Volt festgelegt worden; Sie können sich zwar für bloß 95 Volt entscheiden, aber es würde nicht funktionieren.« In der Theorie sorgen eine vernünftige Haushaltsführung und die gegenseitige, von der BIZ überwachte Kooperation für ein sauber funktionierendes Finanzsystem. In der Theorie.

In Wirklichkeit sind wir von einer Rezession in eine tiefe strukturelle Krise geschlittert – eine Krise, die von der Habgier und Raublust der Banken angeheizt worden ist und die finanzielle Sicherheit aller Bürgerinnen und Bürger gefährdet. Genau wie in den 1930er-Jahren droht in Teilen Europas der ökonomische Kollaps. Die Deutsche Bundesbank und die Europäische Zentralbank, zwei der mächtigsten Mitglieder der BIZ, stehen hinter der manischen Sparpolitik, die Griechenland an den Rand des Abgrunds getrieben hat – mit tatkräftiger Unterstützung der dort herrschenden Klasse. Andere Länder könnten bald schon folgen. Die alte Ordnung zeigt Risse, ihre politischen und finanziellen Institutionen werden von innen zerfressen. Von Oslo bis Athen sind rechte Parteien auf dem Vormarsch, unter anderem begünstigt durch steigende Armut und Arbeitslosigkeit. Wut und Ohnmacht rauben den Bürgern den Glauben an die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit, und erneut löst sich der Wert von Besitz und Vermögen vor ihren Augen in Luft auf. Der europäischen Währung droht der Zusammenbruch, während Gutbetuchte Zuflucht suchen in Schweizer Franken oder Gold. Wer jung, talentiert und mobil ist, wandert aus und sucht im Ausland ein neues Leben. Erneut triumphieren die gewaltigen Kräfte des internationalen Kapitals, die die BIZ ins Leben gerufen und ihr Macht und Einfluss verliehen haben.

Die BIZ sitzt am Scheitel eines internationalen Finanzsystems, das zurzeit aus den Fugen gerät – aber ihre Vertreter behaupten, sie hätten keine Befugnis, um als internationaler Finanzregulierer auf den Plan zu treten. Doch die BIZ kann sich ihrer Verantwortung für die Krise der Eurozone nicht entziehen. Von den ersten Abkommen zum multilateralen Zahlungsverkehr in den späten 1940er-Jahren bis zur Gründung der Europäischen Zentralbank 1998 stand die BIZ im Zentrum des europäischen Integrationsprojekts und unterstützte das Unterfangen mit technischem Fachwissen und den finanziellen Mechanismen zur Währungsharmonisierung. In den 1950er-Jahren verwaltete sie die Europäische Zahlungsunion, die das Zahlungssystem internationalisierte. Die BIZ beherbergte den Ausschuss der Zentralbankpräsidenten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, der 1964 gegründet wurde und dessen Aufgabe darin bestand, die Geldpolitik unter den europäischen Ländern zu koordinieren. In den 1970er-Jahren steuerte sie die sogenannte Währungsschlange – den Mechanismus, durch den europäische Währungen in einer bestimmten Wechselkurs-Bandbreite gehalten wurden. Im folgenden Jahrzehnt traf sich hier der Delors-Ausschuss, dessen Bericht von 1988 der Europäischen Währungsunion und der Einheitswährung den Weg bereitete. Die BIZ war eine Geburtshelferin des Europäischen Währungsinstituts (EWI), Vorgänger der Europäischen Zentralbank. Der Präsident des Instituts war Alexandre Lamfalussy, einer der weltweit einflussreichsten Volkswirte, bekannt als der »Vater des Euro«. Bevor er 1994 zum EWI stieß, hatte Lamfalussy siebzehn Jahre lang bei der BIZ gearbeitet, zuerst als wirtschaftlicher Berater, dann als Generaldirektor.

Wenn man bedenkt, dass die BIZ eine biedere, verschwiegene Organisation ist, hat sie sich als erstaunlich flink entpuppt. Sie überlebte die erste weltweite Depression, das Ende der Reparationszahlungen und des Goldstandards (zwei der Hauptgründe für ihre Existenz), den Aufstieg des Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg, das Bretton-Woods-Abkommen, den Kalten Krieg, das Ende des Warschauer Pakts, die Geburt des IWF und der Weltbank und die Finanzkrisen der 1980er- und 1990er-Jahre. Malcolm Knight, Generaldirektor von 2003 bis 2008, merkt dazu an: »Es ist ermutigend zu sehen, dass es der Bank erstaunlich gut gelungen ist – indem sie klein, flexibel und frei von politischer Einmischung blieb –, sich im Lauf ihrer Geschichte an die veränderten Umstände anzupassen.«16

Die Bank hat sich zu einer tragenden Säule des globalen Finanzsystems entwickelt. Zusätzlich zu den Global Economy Meetings sind bei der BIZ vier der wichtigsten internationalen Gremien untergebracht, die sich mit dem globalen Bankwesen beschäftigen: der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (Basel Committe on Banking Supervision), der Ausschuss für das weltweite Finanzsystem (Committe on the Global Financial System), der Ausschuss für Zahlungsverkehrs- und Abrechnungssysteme (Committee on Payment and Settlement Systems) und das Irving Fisher Committee, das sich mit Zentralbankstatistiken befasst. Dazu kommen drei unabhängige Organisationen: zwei zum Versicherungswesen sowie das Financial Stability Board (FSB). Das FSB, das nationale Finanzbehörden und Regulierungsmaßnahmen koordiniert, wird von manchen bereits als die vierte Säule des globalen Finanzsystems bezeichnet, nach der BIZ, dem IWF und den Geschäftsbanken.

In der Rangliste der größten Goldbesitzer liegt die BIZ auf Platz dreißig – mit ihren 119 Tonnen hält sie mehr Gold als Katar, Brasilien oder Kanada.17 Die Mitgliedschaft bei der Bank ist kein Recht, sondern bleibt ein Privileg. Der Verwaltungsrat ist verantwortlich für die Zulassung von neuen Zentralbanken – Voraussetzung ist, dass sie »wesentlich zur internationalen Währungszusammenarbeit und zur Tätigkeit der Bank beitragen«. China, Indien, Russland und Saudi-Arabien traten erst 1996 bei. Die Bank unterhält zwar Büros in Mexiko-Stadt und Hongkong, aber sie bleibt sehr eurozentrisch. Estland, Lettland, Litauen, Mazedonien, Slowenien und die Slowakei (Gesamtbevölkerung: 16,2 Millionen) sind zugelassen worden, während Pakistan (Bevölkerung: 169 Millionen) außen vor bleibt. Genauso wie Kasachstan, das in Zentralasien eine Wirtschaftsmacht ist. Die einzigen Mitglieder aus Afrika sind Algerien und Südafrika – Nigeria, die zweitgrößte Volkswirtschaft des Kontinents, ist nicht zugelassen worden. (Fürsprecher der BIZ wenden ein, dass sie von neuen Mitgliedern hohe Standards der Regierungsführung fordern und dass Nationalbanken von Ländern wie Nigeria und Pakistan für eine Mitgliedschaft in Erwägung gezogen würden, sobald sie diesen Standards entsprächen.)

In Anbetracht der Schlüsselrolle, die der BIZ in der internationalen Ökonomie zukommt, ist ihre Unauffälligkeit bemerkenswert. In den 1930er-Jahren merkte ein Reporter der New York Times an, dass die Kultur der Geheimhaltung bei der BIZ so ausgeprägt sei, dass es ihm nicht gestattet war, einen Blick ins Sitzungszimmer zu werfen – auch dann nicht, als alle wichtigen Personen bereits draußen waren. Daran hat sich wenig geändert. Journalisten dürfen sich während der Dauer des Global-Economy-Meetings nicht im Hauptquartier aufhalten. Vertreter der BIZ sprechen nur selten in offizieller Funktion mit der Presse, und dann äußerst ungern. Diese Strategie scheint sich auszuzahlen. Die Occupy-Bewegung und die Globalisierungskritiker haben der BIZ noch nie Beachtung geschenkt. Am Centralbahnplatz 2 in Basel ist es ruhig und friedlich, vor dem BIZ-Hauptquartier haben sich keine Demonstranten versammelt, im nahen Park stehen keine Protestcamps, und die Zentralbanker werden von keinen lauten Empfangskomitees begrüßt.

Während die Weltwirtschaft von Krise zu Krise taumelt, werden Finanzinstitutionen unter die Lupe genommen wie nie zuvor. Unzählige Reporter, Blogger und investigative Journalisten verfolgen jede Bewegung der Banken. Doch mit Ausnahme von einigen Erwähnungen in den Finanzteilen der Zeitungen hat es die BIZ irgendwie geschafft, sich einer genaueren Überprüfung zu entziehen. Bis jetzt.

TEIL I

KAPITAL ÜBER ALLES

1.

DIE BANKER WISSENES AM BESTEN

Eines Tages im Sommer 1929 nahm Montagu Norman, Gouverneur der Bank of England, das Telefon zur Hand und rief Walter Layton an, Chefredaktor des Wirtschaftsmagazins The Economist. Norman bat Layton aufgeregt, so schnell wie möglich in sein Büro zu kommen, um eine sehr wichtige Angelegenheit zu besprechen.

Während seiner langen Amtszeit als Gouverneur, von 1920 bis 1944, war Montagu Norman einer der mächtigsten Männer der Welt, eine scheinbar dauerhafte Bastion des globalen Finanzsystems, dessen oft rätselhafte Verlautbarungen sogleich international für Unruhe sorgten. Als er 1932 erneut zum Gouverneur ernannt wurde, schrieb die New York Times, er wache über Großbritanniens »unsichtbares Imperium des Reichtums«. »Goldstandards kommen und gehen, aber Montagu Norman bleibt«, stand im Artikel.1 Normans Einfluss war so groß, dass eine einzige Rede von ihm die Märkte bewegen konnte: Als er 1932 an einem Banker-Dinner in London finster verkündete, dass das Chaos in der Weltwirtschaft jenseits der Kontrolle jeder Regierung, jedes Menschen und jedes Landes liege, gerieten die Werte von Aktien, Anleihen und Dollar in New York sogleich ins Rutschen.

Layton war kaum überrascht von Normans aufgeregter Gemütslage. Der Gouverneur war zwar Nachkomme einer alten und angesehenen Banker-Dynastie, doch die selbstbewusste Gelassenheit seiner Klasse ging ihm ab. Norman war launisch, ein manisch-depressiver Workaholic, berüchtigt für seine Stimmungsschwankungen. Er war schüchtern, überempfindlich und fast schon neurotisch introvertiert. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte Norman den Rat von Carl Gustav Jung gesucht, dem Schweizer Gründer der Analytischen Psychologie, um eine mögliche Behandlung zu besprechen. Doch das Treffen verlief erfolglos – Jung soll angedeutet haben, dass Norman nicht behandelbar sei, was dessen psychischer Gesundheit nicht gerade zuträglich gewesen sein dürfte.

Der mächtigste Banker der Welt verabscheute es, in der Öffentlichkeit aufzutreten, erkannt zu werden oder sich unter die Leute zu mischen. In seinem Arbeitsumfeld waren seine Wutanfälle legendär. Einmal warf er einem Untergebenen ein Tintenfass an den Kopf, weil dieser seinen hohen Ansprüchen nicht genügte. »Er war ein sehr merkwürdiger Banker. Er schien eher wie ein Adliger oder Künstler aus dem 17. Jahrhundert«, erinnert sich sein Stiefsohn, Peregrine Worsthorne. »Er war immer sehr neurotisch und erlitt schlimme Nervenzusammenbrüche. Er war sehr schüchtern und einsam. Für Konventionen interessierte er sich nicht. Er kam ohne Socken zum Abendessen und ging mit der U-Bahn zur Arbeit, was damals sehr ungewöhnlich war.«2

Auch äußerlich sah Norman nicht wie ein nüchterner Financier aus, mit seinem Umhang, seinem ordentlich gestutzten Knebelbart und seiner glitzernden, juwelengeschmückten Krawattennadel. Doch trotz seinem extravaganten Kleidungsstil missbilligte er protziges Benehmen, sagt Worsthorne: »Er lebte sehr enthaltsam und vermied alle Formen von Zurschaustellung. Er hasste Cocktail-Partys.« Aber kraft seiner Funktion hatten Normans Vorkehrungen gegen öffentliche Aufmerksamkeit genau den gegenteiligen Effekt: Wenn er über den Atlantik fuhr, nahm er zwar einen falschen Namen an, weil die Presse jede seiner Bewegungen verfolgte, aber wenn er in New York an Land ging, erwarteten ihn dennoch Horden von Journalisten.

Die milden Sommermonate des Jahres 1929 waren der Schlussakkord der Goldenen Zwanziger. Der amerikanische Bullenmarkt zog noch immer kräftig an, die Aktienkurse stiegen weiter. Der Börsenwert der Radio Corporation of America (RCA) legte in einem einzigen Monat um fast fünfzig Prozent zu, und sogar die Schuhputzer der Wall Street gaben ihren Kunden Börsentipps weiter. Im August kündigte eine Maklerfirma einen neuen Service für Europareisende an: Während der wochenlangen Fahrt auf dem Ozeandampfer würden sie an Bord handeln können.

Als Layton Normans Einladung erhielt, machte er sich sofort auf zum Hauptquartier der Bank of England in der Threadneedle Street, dem Epizentrum der City of London, wie der Finanzdistrikt der britischen Hauptstadt genannt wird. Der Hauptsitz der Bank, umgeben von einer hohen, den ganzen Häuserblock umgebenden Mauer, sollte den Besucher beeindrucken, vielleicht sogar einschüchtern. Hinter dem riesigen Bronzetor lag ein Komplex aus Innenhöfen, Banksälen und einem Garten mit Springbrunnen – eine wahre Alhambra des Geldes, in deren Korridoren Sekretäre und Untergebene umherwuselten. Sogar die Terminologie mutet königlich an: Die Bank wird noch heute nicht von einem board geleitet, sondern von einem court of directors.

Layton wurde in Normans Büro geführt, wo der Gouverneur an einem Mahagoni-Tisch in der Mitte des holzgetäfelten Raumes saß. Norman wollte über eine neue Bank sprechen, die Bank for International Settlements genannt werden sollte, also Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Äußerlich sollte die BIZ-Gründung im Zusammenhang mit dem Young-Plan stehen, dem jüngsten und, wie man allenthalben hoffte, letzten Programm zur Regelung der deutschen Reparationszahlungen. Doch Norman hatte viel ehrgeizigere Pläne. Die BIZ sollte die erste globale Finanzinstitution der Welt werden, ein Treffpunkt der Zentralbanker. Abgeschirmt von den Forderungen der Politiker und den neugierigen Augen der Journalisten, würden die Banker so dem globalen Finanzsystem die dringend benötigte Ordnung und Koordination verleihen. Doch damit die BIZ ein Erfolg sein würde und ihr volles Potenzial ausschöpfen könne, erklärte Norman, brauchte er Laytons Hilfe. Ein Unterausschuss sollte sich bald schon im deutschen Baden-Baden treffen, um die Statuten der Bank zu entwerfen. Der Chefredaktor des Economist, meinte Norman, sei der richtige Mann, um die Verfassung der BIZ zu skizzieren – eine Verfassung, die vor allem sicherstellen musste, dass die Bank unabhängig und frei von politischer Einmischung sein würde.

Um zu verstehen, weshalb die BIZ heute so einflussreich ist, müssen wir zurückgehen zu den frühen 1920er-Jahren und den Diskussionen um die deutschen Reparationszahlungen. Der Erste Weltkrieg hatte eine fast unermessliche Zahl an Todesopfern gefordert. Im Juli 1916, am ersten Tag der Schlacht an der Somme, verlor Großbritannien 60 000 Männer – die Bevölkerung einer mittelgroßen Stadt, niedergemäht innerhalb weniger Stunden. Frankreich hatte am Schluss 1,4 Millionen tote Soldaten zu beklagen, Deutschland 2 Millionen. Die Vereinigten Staaten, die erst 1917 in den Konflikt eingriffen, verloren 117 000 Männer. Insgesamt starben 9 Millionen Soldaten und fast ebenso viele Zivilisten. Den Deutschen wurde nach Kriegsende die Alleinschuld am Krieg zugeschrieben und im Vertrag von Versailles von 1919 festgehalten.

Eine Einigung zu den deutschen Reparationen zu erzielen, war ein langwieriger, komplizierter und von politischen Spannungen geprägter Prozess. Einen internationalen Konflikt dieser Größenordnung hatte es noch nie gegeben, und die finanziellen Konsequenzen waren entsprechend gewaltig. Genau wie der Bevölkerung hatte der Krieg auch den europäischen Volkswirtschaften furchtbare Opfer abverlangt. Das sich herausbildende internationale Finanzsystem war schlecht gerüstet, um mit den komplexen Anforderungen fertigzuwerden. Wo sollte Deutschland das Geld herholen, um die Reparationen zu entrichten? Über welchen Mechanismus würde es dies tun? Wer sollte die Reparationszahlungen regulieren und überwachen? Diese schwierigen Fragen und Diskussionen prägten die Überlegungen bezüglich der Rolle und der Struktur der BIZ.

1919 gab es – wie 1945 – zwei Denkschulen: die Bestrafer und die Wiederaufbauer. Frankreich führte die Bestrafer an. »Les Boches«, wie die Deutschen abschätzig genannt wurden, sollten und würden für ihre Verbrechen bezahlen, von denen viele auf französischem Boden begangen worden waren. Norman und die Wiederaufbauer, zu denen ein Großteil der Wall Street gehörte, waren anderer Meinung: Europa würde wiederaufgebaut werden, doch seine Zukunft liege im Handel und in der finanziellen Zusammenarbeit. Ziel war nicht, Deutschland in die Armut zu stürzen, sondern dem Land dabei zu helfen, seine Wirtschaft auf Vordermann zu bringen und die Handelsaktivitäten so schnell wie möglich wieder aufzunehmen.

Im April 1921 kündigte die Reparationskommission an, dass Deutschland insgesamt 132 Milliarden Goldmark zu entrichten hatte, zahlbar in Raten zu 2 Milliarden Mark pro Jahr. Die Kommission hätte geradeso gut zehnmal so viel verlangen können. Deutschland war am Boden, die Gesellschaft im Zerfall begriffen, die Arbeitslosigkeit stieg massiv an, und das Land hatte mit Nahrungsmittelknappheit zu kämpfen. Rechtsradikale Extremisten – die Freikorps – und marxistische Kämpfer lieferten sich Straßenschlachten. Arbeiterräte übernahmen die Kontrolle in Hamburg, Bremen, Leipzig und im Zentrum von Berlin.

Karl Marx’ Diktum vom unvermeidlichen Zusammenbruch des Kapitalismus schien sich Stunde um Stunde mehr zu bewahrheiten – besonders in seinem Heimatland. Die Angst der Banker, dass Deutschland Russland in den Kommunismus folgen würde, schien berechtigt. Als die Regierung immer mehr Geld druckte, um die Wirtschaft am Leben zu erhalten, setzte auch noch die Hyperinflation ein. Käufer füllten ganze Schubkarren mit Notenbündeln, um Grundnahrungsmittel zu kaufen. Dem Chaos musste ein Ende gesetzt werden. Am 13. November 1923, fünf Tage nach Adolf Hitlers Bürgerbräukeller-Putsch in München, trat ein großgewachsener, befehlshaberischer Norddeutscher den Posten als Reichswährungskommissar an. Hjalmar Schacht forderte – und erhielt – fast diktatorische Machtbefugnisse. Von einem ehemaligen Zimmer eines Hausmeisters aus machte er sich daran, den Wert der neuen deutschen Währung, der Rentenmark, zu stabilisieren. Normalerweise wurden Währungen durch einen Gegenwert in Gold gesichert, doch weil kein Gold zur Verfügung stand, war die Rentenmark durch Deutschlands Grundbesitz aus Industrie, Landwirtschaft und Gewerbe gedeckt. Dies war eine etwas nebulöse Idee – wie konnte der Inhaber einer Rentenmark seinen Geldschein einlösen? Würde man ihm einen kleinen Acker geben?

Diese Bedenken spielten keine Rolle: Solange Schacht im Amt war, würde niemand sein Geld einlösen wollen. Er hatte den Kern der Psychologie des Geldes perfekt begriffen, der heute genauso gilt wie zur Zeit der Hyperinflation in den 1920er-Jahren: Der Anschein von finanzieller Stabilität schafft Geldwert. Wenn die Leute glaubten, dass jemand für Stabilität sorgte, dass das Chaos enden würde und dass die Rentenmark einen Wert hatte, dann hatte sie einen Wert. Die ersten Noten wurden am 15. November 1923 gedruckt, und eine Rentenmark konnte für eine Billion alter Mark (1 000 000 000 000) getauscht werden. Ein US-Dollar kostete 4,2 Rentenmark, was dem Wechselkurs vor dem Krieg entsprach. Ziel war es gemäß Schacht, »Geld in Deutschland wieder knapp und wertvoll zu machen«. Natürlich beinhaltete das Drucken und Verteilen der Banknoten einen gewissen logistischen Aufwand, und zudem mussten Schachts ausländische Kollegen davon überzeugt werden, dass die deutsche Wirtschaft ihre Ordnung wiedergefunden hatte – aber das war es dann auch schon.

Als deutsche Reporter Schachts Sekretärin, Clara Steffeck, fragten, was er den ganzen Tag lang machte, antwortete sie: »Was er getan hat? Auf seinem Stuhl gesessen und (Zigarren) geraucht hat er in dem dunklen Zimmer des Finanzministeriums, in dem es nach alten Putzlappen roch. Briefe gelesen? Nein, Briefe hat er nicht gelesen. Briefe geschrieben? Nein, Briefe geschrieben hat er nicht. Telefoniert hat er viel nach allen Richtungen und nach allen deutschen und internationalen Stellen, die mit Geld und Devisen zu tun hatten … Dazu hat er geraucht. Gegessen haben wir in der Zeit wenig. Meistens fuhren wir erst spät, oft mit der letzten Vorortbahn dritter Klasse nach Hause. Sonst hatte er nichts getan.«3

Nicht gerade nichts. Die Steuern wurden erhöht und 400 000 Angestellte im öffentlichen Dienst entlassen. Doch die Rentenmark vermochte der Inflation so wirkungsvoll ein Ende zu setzen, dass Schacht am 22. Dezember 1923 zum Präsidenten der Reichsbank befördert wurde, während er seine Position als Währungskommissar beibehielt. Von jetzt an konnte er an Kabinettssitzungen teilnehmen. »Innerhalb weniger Wochen«, schreibt sein Biograf John Weitz, »war er praktisch Deutschlands Wirtschaftsdiktator geworden«.4

Schacht sah ganz so aus wie ein strenger preußischer Bankier: Sein Haar wurde in der Mitte durch einen präzisen Scheitel geteilt, über seinem entschlossenen Mund saß ein knapper Schnurrbart, und seine Augen blickten argwöhnisch durch einen Zwicker. Sein steifer Gang war fast schon militärisch, und seine Hemden trug er mit hohem Zelluloidkragen. Tatsächlich war Schacht jedoch gar kein Preuße, sondern wurde in Nordschleswig geboren, einem Land, das dauernd zwischen Deutschland und Dänemark hin und her geschoben wurde. Egal, wer die Provinz gerade regierte, ihre Bewohner waren ein stures, zähes Volk. Sie passten sich leicht den neuen Herrschern an, behielten dabei aber ihre Hartnäckigkeit und Unabhängigkeit – zwei Eigenschaften, die Schacht gut gebrauchen konnte. Sein Großvater, Wilhelm, war Landarzt, der zwölf Kinder großzog und jedem Patienten, reich oder arm, sechzig Pfennige verrechnete. Schachts Vater, ebenfalls Wilhelm, war zunächst Lehrer und wanderte dann in die Vereinigten Staaten aus, wo er in einer Brauerei in Brooklyn arbeitete und die amerikanische Staatsbürgerschaft erlangte. Hjalmars Mutter war eine temperamentvolle Adelige, Baronin Constanze von Eggers.

In New York City kamen die Schachts jedoch auf keinen grünen Zweig, und Wilhelm brachte seine Familie zurück nach Europa. 1876 zogen sie nach Tingleff, im heutigen Dänemark gelegen, wo im folgenden Jahr ihr zweiter Sohn geboren wurde. Zuerst wollten sie ihn nach Horace Greeley benennen, einem einflussreichen New Yorker Journalisten und Politiker, der sich für die Abschaffung des Sklavenhandels eingesetzt hatte (die Baronin war stolz auf ihre radikalen Ansichten – ihr Vater hatte gegen die Leibeigenschaft in Dänemark gekämpft.) Die Großmutter meinte, dass der Junge zumindest einen richtigen dänischen Vornamen haben sollte, und so entschloss sich die Familie für den Namen Hjalmar Horace Greeley Schacht.

Die Familie war ständig unterwegs. Für eine Weile lebte sie in Hamburg, danach zog sie nach Berlin. Hjalmar war ein fleißiger Schüler. Nach seinem Schulabschluss schrieb er sich an der Universität Kiel ein und studierte dort Volkswirtschaftslehre. Zunächst arbeitete er als Journalist, versuchte sich dann in der Öffentlichkeitsarbeit und ging schließlich zur Dresdner Bank. Dank seiner Gewissenhaftigkeit, Detailtreue und strengen Art erregte er bald Aufmerksamkeit. Zusammen mit einigen anderen Bankangestellten reiste Schacht in die Vereinigten Staaten, wo er Präsident Theodore Roosevelt traf und auf ein Mittagessen bei J. P. Morgan eingeladen wurde. Die Tatsache, dass Schacht etwas von der Welt außerhalb Deutschlands verstand und zudem fließend Englisch sprach, stellte sich als unschätzbarer Vorteil heraus. Er wurde zum stellvertretenden Direktor der Dresdner Bank ernannt und trat in den Vorstand der Reichsbank ein.

Als die Reichsmark also 1923 stabilisiert war, bestand der nächste Schritt darin, Goldreserven aufzubauen, um der neuen Währung einen richtigen Gegenwert zu geben. Aus diesem Grund stieg der Reichsbankpräsident am 31. Dezember aus dem Zug im Bahnhof Liverpool Street, im Zentrum Londons. Zu Schachts Verwunderung und Entzückung wurde er auf dem Bahnsteig von Montagu Norman persönlich abgeholt. »Ich hoffe, dass wir Freunde werden«, sagte Norman mit einem schüchternen Lächeln. Schacht teilte Norman mit, dass er die Bank of England um ein Darlehen von 25 Millionen Dollar bat, das einer neuen Tochtergesellschaft der Reichsbank, der Golddiskontbank, gewährt werden sollte. Die neue Bank würde die weltweite Wahrnehmung der finanziellen Lage Deutschlands schlagartig ändern. Das Imprimatur des Gouverneurs der Bank of England würde die Türen der Wall Street und der City of London öffnen.

Und da es ihm an Hartnäckigkeit nicht mangelte, erhielt Schacht sein Geld.

Schacht hatte zwar Norman überredet, aber die Frage der Reparationszahlungen blieb ungelöst. Die Amerikaner hatten genug von den zankenden Europäern, die ihr Haus nicht in Ordnung bringen konnten, und waren sich bewusst, dass ein dauerhafter Wohlstand nicht möglich sein würde, solange Europa von einer Finanzkrise zur nächsten taumelte. Unter dem Vorsitz von Charles Dawes, einem jähzornigen amerikanischen Banker, wurde ein neues Reparationskomitee gegründet. Zum ersten Treffen im Januar 1924 in Paris erschien Dawes in Begleitung von Owen D. Young, dem Präsidenten und Vorsitzenden der General Electric Company und der Radio Corporation of America (RCA). Young war ein vollendeter Diplomat, und seine Fähigkeiten als solcher waren dringend gefordert: Seine Aufgabe bestand darin, Frankreich zu einer Lockerung des Reparationsplans zu bewegen, der Deutschlands Wirtschaft zerstörte und so eine Erholung in ganz Europa verhinderte, und zudem Deutschland zu einer viel strikteren externen Kontrolle seiner Finanzen zu überreden.

Die Dawes-Kommission präsentierte ihre Empfehlungen am 9. April: Die Zahlungen sollten eine Zeit lang reduziert und erst später, wenn sich die Wirtschaft stabilisiert habe, wieder heraufgesetzt werden. Diese Stabilisierung basierte zum Teil auf einer Anleihe von 800 Millionen Goldmark, die an den internationalen Märkten aufgelegt wurde. Die deutsche Regierung hielt das Geld in Mark und zahlte es dann auf ein Treuhandkonto bei der Reichsbank ein. Dieses Konto wurde von einem ausländischen Beamten überwacht, dem Generalagenten, der zu entscheiden hatte, wie das Geld verwendet und wann es freigegeben würde – um so zu vermeiden, dass der Markt überschwemmt und der Wert der Reichsmark beeinträchtigt wurde. Die Reichsbank wurde der Kontrolle eines vierzehnköpfigen Gremiums unterstellt – sieben Ausländer und sieben Deutsche.

Amerikanische Firmen stürzten sich auf deutsche Investitionen. Der Erste Weltkrieg hatte in den Vereinigten Staaten einen Boom ausgelöst, denn anders als Europa war das Land vor Kriegsverwüstungen verschont geblieben. Die Fabriken, Bauernhöfe, Bergwerke und Industriebetriebe waren intakt und arbeiteten bei voller Kapazität. Die Dawes-Anleihe wurde im Oktober in New York und London ausgegeben und war innerhalb kurzer Zeit überzeichnet. Bald rissen sich amerikanische Banken darum, die in Deutschland investierenden Unternehmen zu finanzieren.

Zwischen 1924 und 1928 borgte sich Deutschland jährlich 600 Millionen Dollar, die Hälfte davon bei amerikanischen Banken. Ein Großteil davon kam schnell zurück – wie bei modernen Rettungsaktionen floss das Geld hin und her, erhöhte die Bilanzsumme hier und reduzierte sie dort, stärkte das Vertrauen der Märkte und hielt sie bei Laune. Wie John Maynard Keynes anmerkte: »Die USA leihen Deutschland Geld, die Deutschen transferieren das Äquivalent dieses Geldes an die Alliierten, die Alliierten zahlen es der Regierung der Vereinigten Staaten zurück. Nichts Reales wird transferiert, und niemand ist auch nur um einen Penny schlechter dran. Die Graveure und die Drucker bekommen mehr Arbeit. Aber niemand hat weniger zu essen oder muss mehr arbeiten.«5 Einige Leute, wie beispielsweise Schacht, waren der Ansicht, dass niemand auch nur einen Cent mehr hatte – und er hatte recht: Die riesigen Summen waren lediglich finanzielles Klebeband. Es war offensichtlich, dass das Problem der Reparationszahlungen gelöst werden musste. Sogar Seymour Parker Gilbert, der mit der Umsetzung des Dawes-Plans betraute Generalagent, sprach sich dafür aus, dass Deutschland sein finanzielles Schicksal selbst in die Hand nehmen sollte. Gilbert war nicht beliebt. 1928 hatten Nationalisten sich über ihn lustig gemacht, indem sie seine Krönung inszenierten: Zehntausend Leute sahen zu, wie eine Gilbert-Puppe »als neuer deutscher Kaiser mit einem Zylinder als Krone und einem Couponknipser als Zepter« gekrönt wurde.6

Als Antwort auf die ewige Frage der Reparationszahlungen wurde – selbstverständlich – eine weitere Konferenz einberufen. Der dort ausgehandelte Plan wurde nach dem Vorsitzenden Owen Young benannt. Im Februar 1929, in einem der kältesten Winter des Jahrhunderts, trafen die Delegierten in Paris ein. Die Kluft zwischen Frankreich und Deutschland über die Höhe der Reparationsrechnung war so tief wie eh und je. Schacht unterbreitete sein Einstiegsangebot von 250 Millionen Dollar pro Jahr für die nächsten 37 Jahre. Emil Moreau, der ebenso sture Präsident der französischen Zentralbank, forderte hingegen jährlich 600 Millionen, und zwar für die nächsten 62 Jahre. Und vielleicht sei auch das noch nicht genug, ließ er Young wissen – unter Umständen würde sich Frankreich mit nichts weniger als einer Milliarde zufrieden geben.

Moreau und Schacht gaben nicht nach, und der anfängliche Optimismus war bald verflogen. Die Deutschen ärgerten sich über die französische Geheimpolizei, die die deutschen Telefone abhörte. Schacht und seine Kollegen kommunizierten mit Berlin mittels verschlüsselter Telegramme, und er selbst reiste alle zwei Wochen zurück, um mit der Regierung Rücksprache zu nehmen. Lord Revelstoke, die Nummer zwei der britischen Delegation, schrieb in seinem Tagebuch, dass Schacht wieder seine »negativste Haltung« aufgenommen habe und »in keiner Weise hilfreich« sei. Mit seinem »zerhackten teutonischen Gesicht, seinem stämmigen Hals und dem schlecht sitzenden Hemdkragen« sehe er aus wie ein »Seelöwe im Zoo«.7

Wie groß auch immer die am Ende vereinbarte Summe sein würde, in einem Punkt war man sich einig, nämlich dass eine neue Bank nötig sein werde, um die deutschen Reparationen abzuwickeln. Schacht und Norman argumentierten, dass die neue Bank die Zahlungen vor politischen Streitigkeiten abschirmen und sie nach rein finanziellen Gesichtspunkten verwalten würde. Das war zwar unwahrscheinlich, da es keine politischere Angelegenheit als die Reparationen gab, doch es zeigte, dass beide Zentralbanker den Nutzen einer von politischer Einmischung freien Bank sahen. Jahre später würde Schacht seine englische Autobiografie Confessions of the Old Wizard nennen, »Geständnisse des Alten Hexers« – eine Bezeichnung, die Owen Young treffend gefunden hätte, denn ihn zog er offensichtlich in seinen Bann. Deutschland zahle seine Reparationen, indem sich die Regierung bei anderen Ländern Geld borge, erklärte Schacht dem Vorsitzenden. Ein solches System sei nicht länger praktikabel. Wenn den Alliierten wirklich daran gelegen sei, dass Deutschland seinen Verpflichtungen nachkomme, müsse das Land erneut produktiv werden. Anstatt Deutschland Geld zu leihen, sollten die Alliierten Anleihen an unterentwickelte Länder vergeben, sodass diese ihre industrielle Ausrüstung in Deutschland kaufen können.

Young fragte, wie ein solcher Plan umgesetzt werden könne. Schacht hatte seine Antwort bereit: indem man eine Bank gründet. »Die finanzielle Zusammenarbeit zwischen den Besiegten und den Siegermächten in einer solchen Bank wird zu einer Interessengemeinschaft führen, die das gegenseitige Vertrauen und Verständnis fördern und den Frieden sichern wird«, argumentierte er. Schacht erinnert sich in seinen Memoiren an die Unterhaltung: »In seinem Langstuhl mit hochgelegten Beinen hingestreckt, an seiner brennenden Pfeife saugend, richtete Young ständig seine großen forschenden Augen auf mich, der ich, wie ich es bei solchen Auseinandersetzungen zu tun pflege, das Zimmer mit ruhigen Schritten hin und her durchmaß. Als ich geendet hatte, schloss sich eine kurze stumme Pause an. Dann leuchtete sein Gesicht auf und sein Entschluss entlud sich in den Worten: ›Dr. Schacht, Sie haben mir eine wundervolle Idee gegeben. Ich werde sie der Welt verkaufen.‹ «8

Danach präsentierten die Alliierten ihren Vorschlag: Deutschland sollte während 37 Jahren 525 Millionen Dollar pro Jahr aufbringen und für die nächsten 21 Jahre 400 Millionen Dollar.

Schacht wollte davon nichts wissen. Um diese Auflagen zu erfüllen, so verkündete er, müsse Deutschland alle seine ehemaligen Kolonien wieder in Besitz nehmen, die sich größtenteils in Afrika befanden. Dazu forderte er den Polnischen Korridor, die Verbindung zwischen Polen und der Ostsee, was den Friedensvertrag von Versailles verletzt hätte. Als Moreau davon erfuhr, schlug er die Faust auf den Tisch und schleuderte den Tintenlöscher durchs Zimmer. Ein Cartoon in einer französischen Zeitung fasste die Stimmung treffend zusammen; er zeigte Moreau, der sich bei Schacht erkundigte: »Nun gut, ihre Exzellenz, wie viel schulde ich Ihnen?«

Am 9. April 1929 starb Lord Revelstoke plötzlich, und die Young-Konferenz wurde vertagt. Die Parteien einigten sich schließlich am 7. Juni: Deutschland würde innerhalb der nächsten 58 Jahre insgesamt 29 Milliarden Dollar aufbringen, die Kontrolle der deutschen Wirtschaftspolitik sollte zurück nach Berlin verlegt werden und eine neue Bank würde die Zahlungen abwickeln. Schacht schrieb zu ihrer Geburt: »Meine Idee der Errichtung einer Internationalen Bank für Zahlungsausgleich [sic] war inzwischen bei allen Teilnehmern der Young-Konferenz auf so großen Widerhall gestoßen, daß es bald keinen der Teilnehmer gab, der die Initiative dieser Idee nicht für sich reklamiert hätte.«9 Als die Delegierten die Endfassung unterschrieben, fingen die Vorhänge des Sitzungssaals Feuer.

An der Ersten Haager Konferenz wurde der Young-Plan grundsätzlich angenommen, woraufhin sich sieben Ausschüsse daranmachten, die technischen Details auszuarbeiten. Auf Schachts Vorschlag hin traf sich der siebte, das Organisationskomitee, in Baden-Baden. Dies war das wichtigste Gremium, verantwortlich für die Ausarbeitung der Statuten der neuen Bank, die ihre rechtliche Stellung regeln würden. Die Delegierten debattierten die Führungsstruktur, die Rolle der Verwaltungsratsmitglieder und Geschäftsführer und sogar die offizielle Sprache der Statuten. Schließlich einigte man sich, dass sowohl der französische wie auch der englische Wortlaut authentisch sein würde. In der Bank würden die Gold- und Devisenreserven der Zentralbanken aufbewahrt, mit denen internationale Zahlungen vorgenommen werden konnten, ohne dass dafür richtiges Gold zwischen Banken transportiert oder die Währung über die Devisenmärkte gehandelt werden musste. Die BIZ sollte die erste internationale Abrechnungsstelle für Zentralbanken sein. Und als man sich über die grobe Struktur geeinigt hatte, war die nächste Frage, wo der Sitz der Bank sein sollte. Montagu Norman und die britische Regierung sprachen sich für London aus. Frankreich widersprach grundsätzlich und meinte, die Bank sollte in einem kleinen Land liegen. Zuerst war Amsterdam im Gespräch, schließlich einigten sich die Delegierten jedoch auf Basel, das günstig gelegen war, an mehreren internationalen Zugverbindungen und an der Grenze zu Frankreich und Deutschland.

Unterdessen war Walter Layton vom Economist in London noch immer mit der Satzung der Bank am Ringen. Das Kernproblem, so erinnert er sich, war eine »Formulierung zu finden, die die Bank dem staatlichen Zugriff entzog.« Layton »mühte sich hoffnungslos ab« und teilte dann Norman mit, dass er versagt habe.

»Wieso bestehen Sie darauf, dass es nicht getan werden kann?«, fragte Norman verärgert.

»Weil es das Recht jeder demokratischen Regierung ist, sich ihre Handlungsfreiheit vorzubehalten«, antwortete Layton – ein Argument, das über Jahrzehnte nachhallen sollte.10 Layton gestand seine Niederlage ein. Die Verfassung wurde schließlich von einem der Ausschüsse entworfen, die für die Gründung der BIZ eingerichtet worden waren. Doch Norman hatte gesiegt: Die Statuten der Bank, die noch heute gültig sind, verankern deren absolute Unabhängigkeit von störenden Politikern und Staaten. Schacht seinerseits, angeschlagen und unglücklich über die Reparationsforderungen des Young-Plans, reiste in den tschechoslowakischen Kurort Marienbad, um Zeit mit seiner Frau Luise zu verbringen. Luise, engstirnig, streng und gemäß seiner Beschreibung äußerst preußisch, holte ihn vom Bahnhof ab und rief ihm entgegen: »Du hättest niemals unterzeichnen dürfen!«

Aber Schacht und Montagu Norman hatten ihre Bank.

2.

EIN GEMÜTLICHERCLUB IN BASEL

Im September 1930, einige Monate nach der Eröffnung der BIZ, setzte sich ein amerikanischer Anwalt namens Allen Dulles in seinem Büro an der 37 Rue Cambon in Paris an seinen Schreibtisch und verfasste einen Brief an Leon Fraser. Fraser, ebenfalls ein amerikanischer Anwalt, hatte früher als Reporter für die New York World gearbeitet und danach als Rechtsberater bei der Umsetzung des Dulles-Plans. Er hatte an den Baden-Badener Verhandlungen über den Aufbau der BIZ teilgenommen und war nunmehr Verwaltungsratsmitglied der Bank sowie ihr stellvertretender Präsident.

Dulles war zuversichtlich, dass sein eher einfacher Wunsch gewährt würde. Schließlich entstammte er einer der mächtigsten Familien der Vereinigten Staaten. Sein Onkel Robert Lansing war Außenminister gewesen, genauso wie sein Großvater John W. Foster. 1893 in Watertown, New York, geboren, absolvierte Dulles ein Studium an der Universität Princeton und trat danach in den Auslandsdienst ein. Bis zum Kriegseintritt der USA 1917 war er in Wien stationiert, dann wurde er nach Bern versetzt, wo er als junger Nachrichtenoffizier in der amerikanischen Vertretung arbeitete. Die neutrale Schweiz, Wahlheimat zankender Geschäftsleute, Emigrierter und Revolutionäre, lieferte reichlich Informationen. »Es ist fast unmöglich, sich für längere Zeit in der Schweiz aufzuhalten«, schrieb Dulles, »ohne dass man dubiosen Charakteren begegnet. Bern strotzt nur so von Agenten und Vertretern aller Nationalitäten.«1

Dulles genoss die Schattenwelt. Schon als frühreifer Schuljunge zeigte er einen unersättlichen Appetit für Intrigen und internationale Politik. Mit sieben Jahren schrieb er sein erstes Buch: Im kurzen Aufsatz The Boer War (Der Burenkrieg) argumentierte er, dass die Buren, also die niederländischen Siedler, Südafrika zu Recht für sich beanspruchten, weil sie vor den britischen Oberherren gekommen waren. (Montagu Norman, der im Zweiten Burenkrieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts gekämpft hatte, hätte wohl widersprochen.) Siebenhundert Exemplare wurden privat gedruckt und zu je fünfzig Cent verkauft, der Erlös an eine Wohlfahrtsorganisation der Buren gespendet.

Doch der zukünftige Direktor der CIA wusste nicht immer, wie eine potenzielle Quelle einzuschätzen war. Gern erzählte er später die Episode, wie eines Tages im April 1917 auf der US-Vertretung in Bern das Telefon klingelte. Dulles nahm den Hörer ab. Ein russischer Emigrant wollte sich dringend mit einem amerikanischen Diplomaten treffen. Doch Dulles lehnte ab, weil er lieber Tennis spielen wollte. Am nächsten Tag reiste der Emigrant in einem versiegelten Zug aus der Schweiz in Richtung St. Petersburg ab – die Stadt sollte später zu seinen Ehren in Leningrad umgetauft werden.

Von Bern wurde Dulles nach Paris entsandt, als Mitglied der US-Delegation an der Pariser Friedenskonferenz von 1919. Offiziell war er Teil der Kommission, die die Grenze des neuen tschechoslowakischen Staates ausarbeiten sollte. Doch in Wirklichkeit leitete Dulles die amerikanische Geheimdienstoperation für Zentraleuropa, deren Aufgabe darin bestand, Emigranten, Flüchtlinge und Revolutionäre anzuwerben und zu überwachen.

1930, als Dulles seinen Brief an Leon Fraser verfasste, hatte er den Auslandsdienst verlassen. Er und sein Bruder, John Foster Dulles, wurden Partner bei Sullivan & Cromwell – der mächtigsten Anwaltsfirma der Vereinigten Staaten, wenn nicht sogar der Welt –, deren Hauptsitz an der 48 Wall Street in New York lag. Allen Dulles leitete die Zweigstelle in Paris und war gut bekannt mit Hjalmar Schacht. In Paris 1919 hatte Dulles viel über die Diplomatie gelernt, und elf Jahre später sollte er jede Menge über die Welt der Hochfinanz und der BIZ erfahren. Dulles, so schrieb sein Biograf Peter Grose, »wurde in eine Welt geworfen, in der Staatsgrenzen transparent waren und zu der die Regeln der Demokratie nur selten Zutritt hatten. Wie faszinierte Leser der Romane von Eric Ambler oder Graham Greene fand Allen allmählich heraus, dass zwischen der respektablen Hochfinanz und einer undurchsichtigen Schattenwelt nur ein schmaler Grat verlief.«2

In ähnlicher Weise, wie Montagu Norman und Hjalmar Schacht das Chaos rund um die deutschen Reparationszahlungen ausgenutzt hatten, um die Führungsmächte der Welt zur Errichtung der BIZ zu überlisten, machten sich die Gebrüder Dulles die Tumulte in Europa für ihre eigenen Zwecke zunutze: Um Deutschland zu refinanzieren, handelten sie Deals und Finanzinstrumente aus, die von solcher Komplexität waren, dass wenige außerhalb von Sullivan & Cromwell sie verstanden.

Ein Großteil dieses Netzwerks war verknüpft mit der BIZ, via die Gebrüder Dulles und ihre Freunde an der Wall Street, in London und in Deutschland. In den 1920er-Jahren waren die New Yorker Geldhäuser führend bei der Geldbeschaffung für Deutschland, und auch die City of London stellte erhebliche Summen zur Verfügung. An erster Stelle der britischen Banken stand J. Henry Schröder, das Londoner Geldhaus im Besitz einer etablierten Hamburger Kaufmannsfamilie. Die Londoner Bank richtete einen Trust ein, über den Anleger in zahlreiche deutsche Firmen investieren konnten, darunter die IG Farben, Siemens und die Deutsche Bank. Frank Tiarks, ein Partner bei Schröder in London, gründete eine Zweigstelle in New York, genannt Schrobanco. Sie nahm ihre Geschäfte im Oktober 1923 auf und war sofort ein Erfolg. Der Präsident von Schrobanco war ein amerikanischer Banker namens Prentiss Gray, ein enger Freund von John Foster Dulles, den dieser an der Pariser Friedenskonferenz kennengelernt hatte. Dank der historischen Verbindungen und Kontakte, die Schröder zu Deutschland pflegte, wurde das Land zu einem natürlichen Fokus für Schrobanco. Die Firma entwickelte sich bald zu einem führenden Vermittler von Geschäften mit Deutschland und später für die Ausgabe von Anleihen unter den Dawes- und Young-Plänen. Unter den Aktionären von Schrobanco fanden sich einige deutsche, schweizerische und österreichische Privatbanken, zu denen selbstverständlich auch die Hamburger Filiale von J. Henry Schröder zählte sowie ein Kölner Geldhaus namens J. H. Stein. Ein Partner bei J. H. Stein, ein Spross der Schröder-Dynastie, sollte später im Verwaltungsrat der BIZ sitzen und die Stein-Bank dazu benutzen, um Geld von deutschen Industriellen auf Heinrich Himmlers persönliches Konto zu leiten.