Der rote Kristallpalast - Gerd Maximovic - darmowy ebook

Der rote Kristallpalast ebook

Gerd Maximovic

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Sein auffälligstes Merkmal war natürlich seine außerordentliche Kälte. In seiner Umgebung produzierte er einen Nebel, die Atmosphäre dampfte, sie konnten die saugende Kälte auf ihren Gesichtern und Händen spüren. Im übrigen waren die meisten ihrer Versuche nur geeignet, den Kristall zu verderben. Er verlor dann sein rotes Leuchten und zerfiel zu einem rotbraunen Pulver. Es gelang ihnen aber auch, seine Beschaffenheit zu verändern. So ließen sich aus ihm verschiedene schwere Elemente gewinnen. Nach etwa einer halben Stunde begann ihr Rohmaterial zu gären. Der Kristall schmolz zusammen, verlor sein Leuchten, gerann zu einer schlüpfrigen, schleimigen Masse, die sie erst entdeckten, als sie sich über den Rand von Lindgrens Tasche bewegte, augenscheinlich in Richtung der offenen Flamme eines Brenners, mit dem sie gelegentlich hantierten… (Aus der titelgebenden Story Der rote Kristallpalast) Gerd Maximovic ist untrennbar mit dem "Silver-Age" des europäischen Science Fiction Zeitalters verbunden. Franz Rottensteiner publizierte mehrere seiner Erzählbände in der berühmten lilafarbenen Suhrkamp Bibliothek.

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Gerd Maximovic

Der rote Kristallpalast

Cassiopeiapress Science Fiction/ Edition Bärenklau

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

DER ROTE KRISTALLPALAST

4 klassische SF-Erzählungen

Band 22

von Gerd Maximovic

 

In alter deutscher Rechtschreibung

 

© dieser lizensierten Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

[email protected]

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

© Der rote Kristallpalast – 4 klassische SF-Erzählungen by Gerd Maximovič

und Edition Bärenklau 2015

© Editorische Notiz by Jörg Martin Munsonius

© Cover: Steve Mayer unter Verwendung eines Motivs von 123RF, 2015

 

Der Umfang dieses E-Book entspricht 127 Taschenbuchseiten.

 

 

Sein auffälligstes Merkmal war natürlich seine außerordentliche Kälte. In seiner Umgebung produzierte er einen Nebel, die Atmosphäre dampfte, sie konnten die saugende Kälte auf ihren Gesichtern und Händen spüren. Im übrigen waren die meisten ihrer Versuche nur geeignet, den Kristall zu verderben. Er verlor dann sein rotes Leuchten und zerfiel zu einem rotbraunen Pulver. Es gelang ihnen aber auch, seine Beschaffenheit zu verändern. So ließen sich aus ihm verschiedene schwere Elemente gewinnen.

Nach etwa einer halben Stunde begann ihr Rohmaterial zu gären. Der Kristall schmolz zusammen, verlor sein Leuchten, gerann zu einer schlüpfrigen, schleimigen Masse, die sie erst entdeckten, als sie sich über den Rand von Lindgrens Tasche bewegte, augenscheinlich in Richtung der offenen Flamme eines Brenners, mit dem sie gelegentlich hantierten…

(Aus der titelgebenden Story DER ROTE KRISTALLPALAST)

 

Gerd Maximovic ist untrennbar mit dem „Silver-Age“ des europäischen Science Fiction Zeitalters verbunden. Franz Rottensteiner publizierte mehrere seiner Erzählbände in der berühmten lilafarbenen Suhrkamp Bibliothek.

Die Erzählungen des Autors sind in den 70ern, den 80ern bis in die frühen 90er Jahren des 20. Jahrhunderts untrennbar mit allen großen Verlagen wie auch dem Fischer Verlag, Playboy oder unter Pseudonym sogar im Zauberkreis Verlag verbunden.

 

 

 

Die Planetoidenplünderer

Der unendliche Ozean, der zwischen den Sternen spült, trug auf seinen Schaumkronen ein kleines, funkelndes Schiff namens HOKUSAI dahin. Die Gravitationsfelder der Sterne leckten die HOKUSAI mit vielen Zungen ab und trieben sie voran wie ein Riese, der energetische Muskeln besitzt. Die Energiekunde war Wissenschaft und Kunst zugleich. Man spürte den Zusammenprall verschiedener Energieströme auf, begab sich mitten in die so entstehenden Wirbel hinein, und die Explosionen im Zentrum der Wirbelstürme warfen die Schiffe, wie vom Katapult geschleudert, voran. So folgte auch die HOKUSAI jenem merkwürdigen Zickzackkurs, den die Hochgeschwindigkeitsfahrt im Weltraum mit sich bringt.

Weit in der Ferne, gerade noch wahrnehmbar, blinkten Leuchtfeuer auf. Sie tanzten wie leuchtende Bojen auf dem energetischen Ozean, warnten rot vor Raumstellen, in denen die Energie vorübergehend zum Stillstand kam, und winkten gelb und grün, wo dem brüllenden Energieozean Schaum vor die Lippen trat. Die Mutter, Maria Itsuko genannt, die am Pilotensteuer stand, nahm, die tanzenden Leuchtfeuer der Hauptroute aus den Augenwinkeln wahr. Da sie ihren Führerschein erst vor kurzem erworben hatte und noch nicht so recht in Übung war, hatte die Familie eine Nebenroute, weit abseits von den lärmenden Frachtschiffen, gewählt.

An dieser Stelle des Raumes floß der Energiestrom ruhig lind bedächtig dahin, und Itsuko hielt das Steuerruder eher nachlässig in der Hand, Ein Blick auf die Borduhr zeigte ihr, daß es bald Zeit für das Mittagessen war. Aus dem Ventilationsschacht drang der Duft aus der Küche, wo Paul, ihr Mann, an den selbstheizenden Töpfen stand, drang der Geruch von künstlichem Aal.

Itsuko hielt auf den Saturn zu, der mit seiner strahlenden Bauchbinde schon ganz groß und eindrucksvoll auf dem Bildschirm stand. Gelegentlich schrieb sie einige Positionslichter auf, was für Robso, den Computer an Bord, ein Grund zu mißfälligem Räuspern war, denn er hatte es nicht gern, wenn er arbeitslos war. Offenbar ist die elektronische Apparatur gar nicht so gefühllos und kalt, wie behauptet wird; gelegentlich, wenn sie glaubt, daß sie alles besser kann, neigt sie sogar zur Eitelkeit.

Im Augenblick teilte Itsuko ihre Gedanken zwischen dem Kurs der HOKUSAI und ihren vier Kindern auf. Maria, die älteste, Saphir genannt, schwitzte über einer Arbeit, die sie für ihr Studium der Marsbotanik tat, sie hatte sich in ihrem Zimmer in der obersten Etage der HOKUSAI eingesperrt. Jasmin, in ihrem astralen Paß stand Theresia, saß über einem politischen Referat, das die Frage einer gerechten Aufteilung der Planetenoberflächen unter die Menschen betraf. Die dritte Schwester, die gewiß die lieblichste von allen war, sie wurde Magdalena im Abendland und Jadestein im Morgenland genannt, tippte einige Vorlesungen ab, für die sie etwas Geld bekam; sie sparte auf einen venusischen Oktophantus-Pelz, den man von einem waschbärähnlichen Tier gewann. Trotz seiner drei mandeläugigen Schwestern war Leonardo, der Jüngste und einzige Sohn, der Star des heutigen Tags. Er hatte, da sein vierzehnter Geburtstag war, zur Bedingung gemacht, daß sein Vater in der Küche und die Mutter endlich einmal am Steuerruder stand und hatte verschmitzt hinzugefügt, er hielte es für gut, wenn an jedem zweiten Tag ein solcher Geburtstag sei.

Robso räusperte sich und sagte mit einer Stimme, aus der deutliche Mißbilligung klang: »Das Magnetometer zeigt Turbulenzen an. Ein Planetoid kreuzt unseren Weg. Nach meiner Hochrechnung ist der Kontakt in zehn Minuten hergestellt.«

»Das ist merkwürdig«, sagte Itsuko, »wir haben das Planatoidenfeld doch schon vor Tagen gekreuzt.«

»Das kommt gelegentlich schon mal vor«, brummte Robso und stimmte eine tiefere Tonlage an, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihn, »daß ein versprengter Planetoid aus dem Kraftfeld treibt.«

»Kannst Du über die Beschaffenheit des Planetoiden etwas in Erfahrung bringen?« fragte Itsuko.

»Noch nicht«, erwiderte Robso. »Meine Teleskopaugen reichen nicht so weit. Es scheint ein ziemlich kleiner Planetoid zu sein. Er verstrahlt einen roten Glanz.«

Die Mutter stellte keine weiteren Fragen mehr. In das Summen der Ventilation dachte sie bei sich hinein, leise, weil Robso so leicht beleidigt war, daß der Computer wieder einmal wichtig tat, wie immer, wenn er meinte, man vernachlässige ihn. Sie lächelte vor sich hin und machte mit zierlicher, dünner Tuscheschrift eine weitere Positionsnotiz.

Leo trat in den Steuerraum und fragte, wie weit der Vater mit dem Festessen sei. Itsuko antwortete, er sei gleich so weit. Leo strich sich das blauschwarze Haar aus der Stirn. Er hatte es und den Mandelblick wie seine Geschwister von den Eltern geerbt. Er nahm in einer Ecke Platz, und Robso warf ihm ohne Aufforderung den Roten Planetenkurier in den Schoß. Das Lesen machte ihm keinen Spaß. Er wurde von etwas abgelenkt, das mit Worten nicht zu bestimmen war. Es war ein wenig, als ziehe ein Gewitter auf, der Ozean schmeckte eine Prise Ozon auf der Zunge ab, schleuderte Probe blitze aus seinen Augen heraus und räusperte sich, daß ferner Donner in allen Ohren war.

Dann erschütterte ein furchtbarer Schlag das Schiff, schüttelte es und seine Insassen durch, ließ wie ein Mondbeben von der Antenne, die an seiner Schnauze war, bis zu den Kraftstutzen am Heck hinab. Die Stabilisatoren, sonst an die Sprünge der HOKUSAI gewöhnt, während der Bummelfahrt freilich auf halbe Kraft gesetzt, kreischten auf wie die Federn in einem Matrazenbett, auf das sich eine wilde Horde wirft. Leo flog in die eine, seine Mutter in die andere Ecke des Steuerraums, aus der Küche drang ein wüster Lärm, der, was das Festessen betraf und das chinesische Porzellan, nichts Gutes ahnen ließ.

Robso dachte fieberhaft nach, was man an seinen aufflammenden Lichtern sah, und brüllte mit einer Stimme, die sich nur wegen der inneren Sperre nicht überschlug: »Alaaarm! Alaaarm! Alaaarm! Raumanzüge dicht! Alarmstufe eins! Alles sofort in den Steuerraum!«

Als Paul, der Vater, indem er sich mit einem blütenweißen Taschentuch, ein Drachenmuster war darauf gestickt, über die schwitzende Glatze fuhr, zur Tür hereinkam, hatte Leo sich bereits aufgerafft und, noch bevor er seiner Mutter auf die Beine half, automatischen Kurs gedrückt. Doch trotz des automatischen Kurses tanzten die Sterne fort, als würde der Bildschirm lediglich als buntes Kaleidoskop benutzt. Sie wirbelten über die Scheibe, zogen eine bunte Spur, verpufften als unerhörtes, seltenes Feuerwerk. Freilich war das Publikum nicht auf Applaus eingestellt.

Robso heulte seine Alarmrufe nur noch in den oberen Etagen für die Schwestern, die noch nicht heruntergekommen waren, hinaus. Unten im Steuerraum besorgte er ein anderes Lautsprecherpaar, mit dem er nun ruhig und sachlich zu sprechen begann. Itsuko war zuerst ein wenig verstört, auch die anderen hatten zuerst gedacht, sie habe einen Fehler gemacht.

Robso sagte: »Wir hängen in einem Energieknoten fest. Es ist eine Schleife, wie sie Schmulloch zuerst beschrieben hat. Ein äußerst seltenes Ding.«

»Ich habe davon schon einmal gehört«, sagte Paul und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. »Ein Energieknoten greift niemals ohne Grund ein Raumschiff an.«

»Robso«, fragte Itsuko, »ist die HOKUSAI defekt?« »Moment«, sagte der Computer, und erst jetzt merkte Leo, daß jede Eitelkeit, jede Spur von Beleidigtsein aus der Stimme des Computers verschwunden war; in schwierigen Situationen schlugen Robsos Qualitäten durch. »Der Energieknoten hat einige Garben Faulenergie an den Heckstutzen konzentriert. «

»Was bedeutet das?« forschte Leo.

Robso erklärte: »Unsere Manövrierfähigkeit ist hin.«

Die Sterne tanzten wie ein buntes Karussell auf dem Schirm, als schieße jemand Silvesterraketen in die Nacht. »Robso, kannst Du das Karussell nicht abstoppen?« drängte Paul. »Das geht nicht«, erwiderte Robso, »die Faulenergie neutralisiert meinen Druck.«

»Da sitzen wir ja schön in der Tinte drin«, schimpfte Paul. »Robso, wie groß ist denn das Ding?«

. »Fünfzig Kilometer im Durchmesser etwa, der Planetoid scheint sein Kern, sein Kristallisationspunkt zu sein.« »Erreichen wir wenigstens den Planetoiden aus eigener Kraft?«

»Das müßte möglich sein«, sagte Robso.

»Aber was nützt uns das?« warf Leo ein.

»Läßt er denn wenigstens Lichtquanten durch?« fragte Itsuko.

»Ja«, sagte Robso. »Du möchtest in Erfahrung bringen, aus welchem Stoff der Planetoid besteht, nicht wahr?«

Sie nickten alle drei.

»Es ist eine rote Substanz«, erklärte Robso, »macht einen organischen Eindruck, könnte eine Art Auge sein.«

»Ein Auge? «: wunderten sich alle drei.

»So was ähnliches«, versetzte Robso. »Man muß vorsichtig sein, wenn man Vergleiche zwischen den Energieknoten und den Menschen zieht. Sie nehmen ihre Umgebung durch an- der Organe wahr. Schmulloch vertrat die Auffassung, daß sie in einer Bildersprache reden, daß ihre Ausdrucksweise eine symbolische, blumige ist, ein wenig wie die chinesische oder die japanische Schrift.«

Der Vater brach in ein grimmiges Lachen aus. »Da ist er bei uns ja an die richtige Adresse geraten, nicht wahr?«

Itsuko, Leo, selbst Robso stimmten in Pauls Lachen ein.

Dann wurde Paul wieder ernst. Die Mutter und Leonardo begriffen sofort.

»Wo nur die Mädchen sind?«

Der Energieknoten war vergessen, der wirbelnde Bildschirm, das Lächeln versank auf ihren goldenen Gesichtern wie die Sonne, die überhastet im japanischen Meer untergeht. Leo war als erster draußen und die Treppen hinauf. Die letzten Stufen, die er zu nehmen hatte, fielen ihm schwer. Ein fremdartiger, süßlicher Geruch wälzte sich die Treppe hinab. Es war eine Mischung aus Opium und ... Er wagte es kaum zu denken ... Es roch wie eine Prise verfaulenden, süßen Menschenfleischs.

»Magdalena!«

Das war der Versuch zu einem Schrei, doch aus Leos Kehle kam nur ein trockenes Krächzen heraus.

Er wandte den Blick und sah, daß seine Eltern ihm gefolgt waren, daß sie ebenso wie er zu kämpfen hatten und daß auch ihnen der Geruch brutal in die Nasen schlug. Dann stieß Leo die Tür zum geschmeidigen Zimmer auf. Von Magdalena keine Spur. Statt ihrer in der Mitte des Raumes ein kleiner Baum, der auf seinen Zweigen aufgeblühte Palmkätzchen trug. Die Mehrzahl der Zweige lag auf dem Teppich herum, und aus den Bruchstellen am Baum floß eine rote Flüssigkeit, die sich in die Luft erhob und sich dort als Rauch verlor, bis sie unsichtbar war und sich als Parfüm in die Nasen Leos und seiner Eltern stahl. Sie blickten sich wortlos an. Da griff eine unsichtbare Faust aus dem Nichts in das geschmeidige Zimmer hinein, griff nach einem weiteren Zweig, ein gewaltiges Ächzen erscholl, als würden einem Menschen die Knochen verrenkt, dann krachte, knackte es, und der Zweig fiel, während ein wütendes Heulen erscholl, in dem Schmerz, Wut und Hilflosigkeit zum Ausdruck kam, an die Wand und zum Boden hinab.

Da momentan nicht zu helfen war, wandten sie sich Jasmins Zimmer zu. Leo zog seine Jacke unwillkürlich fester um seinen Leib, denn mit jedem Schritt, den er Jasmins Zimmer näher kam, fiel die Temperatur, als stürze er über dem Nordpol ab. Das ging so schnell, daß die Röte auf seinen Wangen gefror und dort zwei orangene Farbkleckse hinterließ. Seine Eltern rieben sich die klirrenden Finger, stampften wie Leo schwer auf, beugten sich nach vorn gegen den schneidenden Wind, der aus dem Ventilator kam, und kämpften sich, als stapften sie den Fudschijama hinauf, zu Jasmins Zimmer vor, das nur wenige Schritte vom geschmeidigen Zimmer Magdalenas entfernt gelegen war.

Als Leo die Tür zu Jasmins Zimmer aufgedrückt hatte, fiel das Eis klirrend von den Scharnieren herab, und ein eisiger Rachen fauchte ihn aus dem Zimmer an, als wolle er Leo mit Reif überziehen und auf dem Grunde des Eismeeres versenken, als Bote der Menschheit, der die nächste Eiszeit überlebt. Auch Jasmins Platz war leer. Ihre Schreibmaschine war eingeschneit, die Kälte hatte das Papier mit knöchernen Fingern zusammengerafft, und jetzt stieg ein wenig Dampf von ihm auf.

Auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch lag ein Kristall, der vollkommen durchsichtig war und alle Farben des Spektrums von sich gab. Die drei Eindringlinge standen still. Wieder erhob sich der Wind, ieise nun, pfiff um den Schrank, polierte über den Schreibtisch hin, wirbelte Schneeflocken auf, Eiszapfen, fielen von der Decke herab. Als sie den Atem anhielten, konnten sie hören, wie traurig das Lied des Windes war.

Draußen auf dem Flur, die Kühlschranktür hinter ihnen lag wieder im Schloß und gab sich selbstverliebt einen kühlen Kuß, schwenkten sie ihre Arme, stampften sich warm und tauten allmählich wieder auf. Als endlich ihre Glieder wieder ihrem Willen völlig unterworfen waren, stiegen sie die letzte Treppe hinauf und traten in Saphirs Zimmer ein.

Itsuko stieß einen Laut der Freude aus, wenigstens Saphir gab es noch in ihrer ursprünglichen Gestalt. Sie stand vor dem Fenster im Gegenlicht, und ein goldener Schimmer fiel von der künstlichen Sonne über ihr blauschwarzes Haar. Sie starrte die drei mit großen Augen verwundert durch ihre Brille.an, als kenne sie sie nicht, und schwieg. Nur gelegentlich bewegte sich ihre Hand, und funkelnder Staub fiel auf den Boden herab. Jetzt erst bemerkte Leo, dem unter dem Druck ihrer eigenartigen Situation die Gedanken wie Pfeile von der Sehne schnellten, daß der Fußboden unter ihnen wie nackte, aufgerissene Erde schien. Ein Monstrum wohl hatte mit seinem breiten Kiefer in der Erde herumgewühlt. Über dieses Erdreich, dessen Seele so offenkundig zerrissen war, streute Saphir ihren Staub hinab, als wäre sie ein Wunderdoktor, der mit geheimnisvollen Mitteln, mit beschwörendem Ritual eine Heilung der aufgerissenen Erde versucht.

Unten im Steuerraum auf dem Bildschirm das alte Bild.

Robso empfing sie mit einem kühlen Licht.

»Man könnte meinen«, begann er, »daß Euch allen der Verstand abhanden gekommen ist.«

Da keiner auf seine Worte einging, fuhr er fort: »Ihr steigt die Treppen hinab, als hättet Ihr Asthma auf der Brust, schlagt um Euch, als breche der Winter aus, und jetzt kommt ihr sogar mit lehmverschmierten Schuhen herab. Ich glaube, unsere Lage taugt wirklich nicht für einen dummen Streich.«

»Nun setz mal ein wenig die Spannung herab«, erwiderte Leo, »man könnte sonst meinen, Robso, daß Du vom Rostfraß befallen bist.«

»Und desgleichen Eure Schwestern«, fuhr Robso unbeirrt fort. »Sitzen oben, werfen ihr Arbeitszeug weg und verkleiden sich, als wären sie auf einem Maskenball.«

»Hast Du denn keinen Weidenkätzchenbaum und keinen Kristall, keine Fee gesehen, die funkelnden Staub verstreut?«

Robso lachte tief. »Eure Fantasie dampft wie ein dicker Nebel aus Euren Köpfen heraus! Hier seht mal, ich habe inzwischen Stielaugen gemacht. Auf dem Planetoiden hat ein irdisches Raumschiff festgemacht.«

Diese Nachricht erweckte die Lebensgeister der drei auf einen Schlag. Sie drängelten sich am Teleskop, doch viel mehr als die Silhouette des Schiffes war nicht zu sehn.

»Was haben die nur auf einem so einsamen, so armen Planetoiden vor, der überdies von so wunderlicher Beschaffenheit ist?« wunderte sich Paul.

»Vielleicht ist es ein Forschungsschiff« , warf Itsuko ein, »es wird doch höchste Zeit, daß man die Energieknoten erforscht man sieht ja, in welches Unheil man geraten kann.«

Paul schüttelte entschieden den Kopf. »Alle Forschungsprojekte zwischen der Sonne und den äußeren Planeten werden registriert und mitgeteilt. Es muß etwas anderes sein.«

»Ob dieses Schiff mit unserem Zwischenfall in Verbindung steht?«

Paul überlegte und nickte dann. »Das muß es sein«, sagte er. »Vielleicht sind Sie nicht einmal autorisiert.«

Robso meldete sich. »Ich habe eben nachgedacht. Ein Schiff in dieser Region, von unserem abgesehn, ist nicht registriert. Das nächste Funkfeuer meldet negativ. Merkwürdige Geschichte, nicht wahr?«

Leo machte ein nachdenkliches Gesicht. »Was können ein paar Männer so weit draußen und so weit entfernt von jeder Route schon zu suchen haben? Was interessiert sie hier?« .Die Mutter sagte: »Natürlich sind sie auf ihren Vorteil bedacht.«

Robso sagte mit Entschiedenheit: »Das ist nicht möglich, das ist bei unserer Weltkultur nicht drin. Von Plünderern hat man schon seit Jahrzehnten nicht mehr gehört. Die Schätze des Sonnensystems gehören allen Menschen zugleich.« Er fügte grinsend hinzu: »Das schließt diese Möglichkeit freilich nicht aus.«