Der Milchozean - Richard Weihe - ebook

Der Milchozean ebook

Richard Weihe

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Opis

Ein Leben in sechs Bildern - ein Panorama des zwanzigsten Jahrhunderts «Amrita» heißt in der hinduistischen Mythologie das Elixier der Unsterblichkeit, das die Götter durch Aufschäumen des «Milchozeans» gewinnen. Und Amrita ist der Vorname der indischen Malerin Amrita Sher-Gil (1913-1941) - eine der großen Unbekannten der Malerei. Ihr kurzes Leben taumelt wie ein wilder Traum durch die Wunder und Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Richard Weihe hat sich mit ihrem faszinierenden Leben beschäftigt und es zu einem Roman mit Bildern verdichtet. Er folgt ihren Spuren in die Pariser Salons und schaut in die Budapester großbürgerlichen Häuser; er wagt einen Blick in die Klosterschule in Florenz und hält in der Admirals-Bar des Passagierdampfers «Gneisenau» auf der Fahrt nach Indien inne. Und nebenbei entsteht ein irritierendes Panorama der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg - einem Zeitalter kultureller Revolutionen und bislang nie gekannter Barbareien.

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Richard WeiheDer Milchozean

Erzählung mit sechs Bildern

Elster Verlag · Zürich

Über dieses Buch

Amrita Sher-Gil stirbt 1941 gerade 28 Jahre alt und hinterlässt 172 Gemälde. Heute wird sie als Begründerin der modernen indischen Malerei, als «indische Frieda Kahlo» gefeiert. Sie lässt sich zwar in Paris ausbilden, kann aber in Europa nicht malen und reist zurück nach Indien. Nur dort, ist sie überzeugt, kann sie die Farben finden, die sie sucht. Kurz vor der Eröffnung einer Ausstellung ihrer Bilder in Lahore stirbt die Künstlerin an den Folgen einer Abtreibung.

«Amrita» steht in der hinduistischen Mythologie für das Elixier der Unsterblichkeit, das die Götter durch Aufschäumen des «Milchozeans» gewinnen. Angeregt von der indischen Miniaturmalerei zur Illustration mythologischer Geschichten, erzählt Richard Weihe das Leben Amrita Sher-Gils anhand ihrer Bilder.

«Ein grandioser Stoff für einen Roman. So hat es offenbar auch Richard Weihe empfunden, der […] von der Münchner Ausstellung der Malerin Amrita Sher Gil so beeindruckt war, dass er sich auf eine längere biografische Spurensuche in Indien und Pakistan begab, zahlreiche Quellen sichtete und sich umfassend über Amritas kurzes Leben informierte.» (FAZ)

Der Autor

Richard Weihe studierte an der Schauspielakademie Zürich, später an den Universitäten Zürich, Oxford, Bonn und Cambridge; Promotion und Habilitation in den Bereichen Theater und Philosophie. Er arbeitet als Dozent an der Universität Witten/Herdecke und an der Scuola Teatro Dimitri in Verscio, Tessin.

1

Im Land der fünf Flüsse lebte ein Junge, der hatte vom Krieg genug. Sein Vater war Krieger gewesen und auch sein Großvater. Überall im Haus hingen Waffen, doch der Junge beachtete sie nicht. Er trug zwar einen Dolch, aber nur als Symbol, denn er war wie seine Vorväter ein Sikh, was in seiner Sprache Schüler bedeutete.

Der Junge hatte einen Bruder und eine Schwester. Nach der Geburt des Bruders wurde die Mutter schwer krank und starb. Zu diesem Zeitpunkt war der Vater schon ein Greis. Als auch er starb, waren der Junge und seine Geschwister noch minderjährig. Deshalb kamen sie in die Obhut des treuen Hauptmanns Gulab, den der Vater zum Vormund bestimmt hatte.

Gulab schickte die beiden Söhne auf eine strenge Schule. Sie hätten am liebsten den ganzen Tag Cricket gespielt, aber an dieser Schule gab es nur alle drei Tage Cricket, dagegen umso mehr aus Büchern auswendig zu lernen.

Zur Erbschaft gehörte eine Bibliothek, die mehrere tausend Bände umfasste. Als der Junge in den Büchern stöberte, begann er sich für ausgestorbene Wörter zu begeistern. Er ging aufs College, um sie zu studieren: Altpersisch, Altindisch, Alturdu. Keine Sprache konnte ihm zu fremd klingen oder zu schwierig sein. Nachdem er das Altpersische erlernt hatte, begann er Schriften aus dieser Sprache zu übersetzen. Er übersetzte Gedichte und spürte ihre Macht: Sie konnten den Jutesack öffnen und den darin verborgenen goldenen Falken zum Fliegen bringen.

Als er diese Form der Falknerei beherrschte, ließ er den Jutesack stehen, um in die Wüste zu gehen, wo der Falke nicht fliegen wollte. Im Sand fand er Wörter, trocken wie von der Sonne gebleichte Muscheln. Wenn er sie schüttelte, gaben sie nur ein Körnchen Wahrheit her – aber selbst über dem kleinsten Körnchen geriet er ins Grübeln. Von allen Lehren, auf die er auf seiner Wanderschaft durch die Wüsten stieß, bedeutete ihm jene am meisten, die den Menschen als Reisenden im Wagen seines Körpers begriff. Der Wagen ist dein Körper, sagte die Lehre, der Kutscher ist dein Verstand. Die fünf Pferde, die deinen Wagen ziehen, sind deine Sinnesorgane und der Fahrgast ist deine Seele. Das Ziel dieser Lehre war es, ein guter Kutscher zu werden, und weil Zaumzeug im Altindischen Yoga hieß, nannte sich auch diese Lehre so. Die Zügel straff halten, den Fahrgast nicht vergessen, die Pferde nie durchgehen lassen!

– Die Pferde haben einen größeren Schädel als du, meinte Hauptmann Gulab, lass sie grübeln!

Einen Moment später sagte er etwas, was er seit längerer Zeit mit sich herumtrug:

– Es ist an der Zeit, dass du heiratest.

Im Geheimen hatte Gulab schon beschlossen, seinen älteren Schützling, auch wenn er ein Grübler war, mit seiner Tochter zu verheiraten. Immerhin hat der junge Mann, sagte sich Gulab, ein ansehnliches Vermögen geerbt.

Gulab musste seine Tochter nicht zwingen, sie hatte sich schon heimlich in seinen Schützling verliebt. Sie gebar vier Kinder. Das jüngste war noch keine zehn Jahre alt, da starb die Mutter. Der Witwer war untröstlich und las die ältesten seiner tausend Bücher auf der Suche nach einem erlösenden Wort. Er fand keines. Aber bei dieser Suche stieß er auf die Schriften des Grafen Tolstoi und hatte das Gefühl, in ihm einen Geistesverwandten gefunden zu haben. Er sah eine Fotografie des Grafen, auf dem dieser wie ein einfacher Landarbeiter gekleidet war. Als Ausdruck seiner Verehrung kleidete er sich bald ebenso wie der Graf: über der Hose einen Kasack, lose gegürtet. So sah er Tolstoi tatsächlich sehr ähnlich, auch ihre Bärte glichen sich, nur dass Tolstoi keinen Turban trug.

Als seine Kinder alt genug waren, teilte er seinen Besitz auf und vermachte jedem ein Viertel. Nachdem alles ohne Streit geregelt worden war, reiste er nach London mit der Absicht, seine Kenntnisse in den alten Sprachen zu vervollkommnen. Wie gesagt: Es war einmal ein Junge aus dem Morgenland, der kein Krieger werden wollte, sondern ein Falkner und Kutscher. Es war einmal – aber es war anders: Diesen Jungen hat es wirklich gegeben. Wäre er nicht gewesen, gäbe es nichts über ihn zu berichten! Nennen wir endlich seinen Namen: Er heißt Umrao.

Er hält sich jetzt in London auf.

Er ist der Vater in dieser Erzählung.

2

Weit entfernt vom Land der fünf Flüsse, in einer großen, von einem Strom geteilten Stadt, lebte einmal ein Mädchen. Eine Hälfte der Stadt hieß Buda, die andere Pest. Buda und Pest waren durch fünf Brücken miteinander verbunden. So ergab sich der Name Budapest.

Das Mädchen erhielt den Vornamen seiner Großmutter, Marie Antoinette, wie die Königin von Frankreich. Die Großmutter war keine Königin gewesen, aber immerhin eine Marquise. In Paris verliebte sich die französische Marquise in einen ungarischen Husaren. Als der Husar zu seinem Regiment zurückbefohlen wurde, zog die Marquise mit ihm nach Budapest. Während der Husar an Manövern teilnahm und lange fortblieb, traf die Marquise einen märchenhaft reichen Mann aus Wien. Der Husar war bald vergessen. Die Marquise fand den Wiener, seinerseits Offizier der österreichischen Kavallerie, mindestens so charmant und heiratete ihn mitsamt seinen Schätzen.

Bald kam ein Sohn zur Welt. Damit war das Glück der Marquise erschöpft. Der Junge ging noch nicht zur Schule, da starb sie. Der steinreiche Witwer heiratete noch zweimal, verspekulierte sein Vermögen und nahm später eine Stelle bei einer Versicherungsgesellschaft an. Schließlich wies man ihn in eine Anstalt ein, wo er sich das Leben nahm. Aber für diese Erzählung spielt allein der Sohn der Marquise und des Wieners eine Rolle. Er wurde nämlich der Vater jenes Mädchens, um das es hier geht.

Dieses Mädchen, die Marie Antoinette dieser Geschichte, wollte Sängerin werden, eine richtige Opernsängerin. Daher ging sie nach der Schulzeit nach Italien. Dort ließ sie ihren zweiten Vornamen fallen, weil sie nicht ständig auf die Königin von Frankreich angesprochen werden wollte. Auch erschien ihr das Königliche ihres Vornamens in Verbindung mit dem Geistlichen ihres Nachnamens zu anspruchsvoll: Ihr Familienname war nämlich Gottesmann. Sie nannte sich also nur Marie Gottesmann, und statt Marie lieber Mici, das man mit c schrieb, aber wie zwei z aussprach, also Mizzi.

In Italien hörte man sie gerne singen, reden und Klavier spielen, aber am liebsten hörte sie sich selbst. Manchmal fiel sie plötzlich in ein Stimmungsloch – so ihr Wort dafür. Es war trichterförmig und tief und unten mit Teer gefüllt, so dass Mici nur mit Mühe wieder herausfand.

Sobald sie das nötige Alter erreicht hatte, ließ sie sich ihre Erbschaft auszahlen und reiste zu Meisterkursen nach London. Dort wohnte sie bei einer ungarischen Freundin. Es ging alles gut, bis der englische Ehemann der Freundin seine Zurückhaltung aufgab. Als das Liebesverhältnis aufflog, sagte die Freundin, sie betrachte Mici nicht mehr als Freundin, und setzte sie vor die Tür. Mici bandelte sogleich mit einem chinesischen Bankier an, der eine besonders hübsche und günstig gelegene Wohnung im vornehmsten Viertel besaß – und sogar einen auf Hochglanz polierten Flügel aus Nussbaumholz.

Still! Mici spielt nebenan gerade etwas von Chopin. Seht nur, wie sie am Klavier sitzt, mit geradem Rücken, ihre langen roten Haare mit einem schwarzen Samtband im Nacken zusammengebunden. Über dem Klavier hängen mächtige Bilder in geschnitzten Goldrahmen. Topfpalmen auf dem Boden bilden einen kleinen Regenwald. Die Seidentapete wirkt wie eine Urwaldkulisse. Man braucht ein Buschmesser, um sich einen Weg durch die Ornamente zu schlagen.

Micis kurze, fleischige Finger ergreifen gierig Besitz von den Noten, mit einer jähen Handbewegung blättert sie die Seiten um. Sie trägt Reifen an den Handgelenken und an den meisten Fingern einen Ring. Der Schmuck klimpert, wenn sie in die Tasten greift.

Wie gesagt, es war einmal ein Mädchen aus dem Abendland und ihr Name ist Marie Antoinette oder Marie oder auch nur Mici.

Sie hält sich jetzt in London auf.

Sie ist die Mutter in dieser Erzählung.

3

In London entdeckte Maharadscha Duleep Singh den jungen Umrao hinter den Bücherbergen. Der Maharadscha stammte ebenfalls aus dem Land der fünf Flüsse. Er war der letzte König der Sikhs gewesen. Dann annektierten die Briten sein Reich und verbannten ihn nach England.

Duleep trank bald den Tee seiner Heimat wie ein richtiger Engländer mit Milch und Zucker. Schritt für Schritt verwandelte er sich vom König in einen Gentleman. Er unterhielt ein Gut mit eigenem Gestüt, ging auf Fuchsjagd und trug dabei einen Schottenrock.

Königin Victoria gefiel der junge Mann. Eines Tages schenkte ihm die Königin den Koh-i-Noor, den größten namentlich bekannten Diamanten der Welt, neu geschliffen und fast das gesamte Licht des Universums brechend. Diesen Diamanten und noch vieles mehr hatten die Briten vormals Duleeps Vater gestohlen. Duleep hielt den Stein ans Licht und sah, wie sich sein Kopf darin vervielfachte. Aber von der Vergangenheit war auf dem Grund des Edelsteins nichts mehr zu erkennen. Duleep gab der Königin den Stein zurück.

Statt Diamanten zu sammeln, zog er es vor, gemeinnützige Unternehmen zu unterstützen. Er korrespondierte mit Bamba Müller, der Leiterin der christlichen Missionsschule in Kairo. Bambas Vater war Deutscher, ihre Mutter Äthiopierin. Duleep lud sie zu einem Besuch nach England ein. Als sich Bamba und er, die sich in ihren Briefen schon fast alles anvertraut hatten, leibhaftig gegenüberstanden, sprang der Funke über. Bamba blieb bei Duleep, und sie hatten bald drei Töchter. Sogar Duleeps größte Neider am Hof leugneten nicht die seltene Schönheit der Mädchen.

Von Jahr zu Jahr wurde Duleeps Sehnsucht stärker, seine Heimat wiederzusehen. Er brach zu einer Reise auf, doch wie er befürchtet hatte, wurde er noch auf englischem Boden gestellt. Beim nächsten Versuch gelang es ihm, bis nach Paris zu kommen. Dort schloss er sich einer englandfeindlichen Untergrundbewegung an. Als ihn die Nachricht vom Tod seiner Frau ereilte, erlitt er einen Schlaganfall. Zur Erholung schickten ihn die Ärzte an die Riviera. Während seines Aufenthalts dort erhielt er überraschend Besuch von einer alten Vertrauten, Königin Victoria.

Sie plauderten, als wäre die Zeit vor drei Jahrzehnten stehengeblieben. Mit keinem Wort erwähnten sie die vielen Dinge, die sie seither entzweit hatten. Duleep erkundigte sich nach dem Verbleib des Koh-i-Noor und präsentierte der Königin ein Gemälde, das er in einer Kunstauktion ersteigert hatte. Es zeigte einen alten Maharadscha, seinen Vater, in einem bunten Seidengewand an ein dunkelrotes Bodenkissen gelehnt. Am Oberarm trug er, an einem goldenen Reif befestigt, den legendären, faustgroßen Diamanten. Duleep war selbst überrascht, todkrank wie er war, sich nach einer halben Ewigkeit wieder einmal mit der Königin zusammen lachen zu hören. Seine Versuche, eine Allianz zur Befreiung Indiens aufzubauen, waren alle im Sand verlaufen; die Queen war genauestens informiert.

Drehen wir die Zeit zurück. Wir befinden uns wieder in London. Dort ist Duleep, wie gesagt, dem jungen Edelmann aus seinem Heimatland begegnet, der die Tage in der Kuppelhalle der Bibliothek verbringt und dem Grafen Tolstoi auffallend ähnlich sieht, abgesehen von seinem Turban.

Mit seinem neuen Bekannten führt Duleep tiefschürfende Gespräche über existierende und nicht existierende Götter und Welten. Nicht ohne Hintergedanken stellt Duleep dem Grafen seine jüngste, unverheiratete Tochter vor, die braunäugige indisch-deutsche Äthiopierin. Sie heißt Bamba, wie ihre Mutter.

Bamba war hingerissen von Umraos Prophetenbart und seinem Schlangenbeschwörerblick. Umgekehrt gelang es ihr mit ihrem Temperament, den in sich gekehrten Gelehrten aus seinem Bücherturm zu locken. Umso bedrückter war Bamba, als Umrao einige Monate später bereits seine Rückreise nach Indien antrat.

Daraufhin gab Bamba bei der Times eine Anzeige auf: Eine indische Prinzessin suche eine Begleiterin für eine Reise nach Indien. Vorzugsweise eine junge Europäerin, musikalisch gebildet und kulturell vielseitig interessiert.

An dem Tag, an dem die Anzeige erschien, blätterte Marie Antoinette nach einer Gesangsstunde in der Times. Mici gefiel das Wort Indien in der Annonce. Ohne lange zu überlegen, schrieb sie mit schwungvoller Schrift einen Brief. Prompt wurde sie zum Tee ins Dorchester gebeten. Noch bevor Mici die hauchdünnen Gurkensandwichs angerührt hatte, war sich Bamba sicher, ihre Reisebegleiterin gefunden zu haben. Marie Antoinette hatte sich gleich an den Flügel gesetzt und mit einer Operettenarie die Gäste zum Schweigen gebracht. Ihr Vortrag ließ nichts zu wünschen übrig, wenn auch einige Zuhörerinnen das Geklimper und Geschepper von Ringen und Halsketten als störend empfanden.

Die beiden verstanden sich auf Anhieb prächtig und schmiedeten Pläne. Nach einer mehrwöchigen Schiffsreise und einer mühsamen Bahnfahrt von der Küste ins Landesinnere erreichten die Freundinnen ihr Ziel – die Stadt Lahore. Dort wohnte Umrao.

Bald war Marie Antoinette das Hauptereignis bei den von der Prinzessin veranstalteten musikalischen Soireen.

Umrao arbeitete zu dieser Zeit an einem besonders schwierigen Teil seiner Yoga-Übersetzung. Ihm war überhaupt nicht nach dergleichen Amusements zumute. Er hielt es jedoch für ein Gebot der Höflichkeit, der Prinzessin seine Aufwartung zu machen. Endlich überwand er sich und folgte einer ihrer immer aufdringlicher werdenden Einladungen.

Beim ersten Anblick der eleganten ungarischen Pianistin und Schlagzeugerin mit langen, flammendroten Haaren und einer glasklaren Stimme, die in der Höhe keine Grenze zu kennen schien, verschlug es Umrao die Sprache. Nach einer imposanten Folge breiter Akkorde hob sie die Hände von der Tastatur, schüttelte ihre Haarpracht aus dem Gesicht und setzte eine Parfümwolke frei.

Bamba musste mit ansehen, wie der Mann, den sie anhimmelte, ihrer Reisebegleiterin verfiel und sich von nun an keine ihrer Soireen entgehen ließ. So überraschte es denn niemanden mehr, als der vornehme Graf mit dem Turban der Musikerin einen Heiratsantrag machte, den Mici singend, ja jubilierend am Klavier bejahte.

Sie heirateten nach dem traditionellen Ritus der Sikhs. Umrao setzte sich zu Füssen des Gurus, dann erschien Mici und setzte sich neben Umrao. Der Guru überreichte Umrao das Ende eines safranfarbenen Schals, umwickelte damit dessen Schultern wie auch die von Marie Antoinette und gab ihr das andere Ende in die Hand. Auf diese Weise durch ein gelbes Seidenband verbunden, legten sie ihr Treuegelöbnis ab.

Damit diese Erzählung überhaupt beginnen kann, mussten sich Umrao und Mici in Lahore treffen und heiraten – und genau das haben sie jetzt für uns getan.

Nennen wir die Jahreszahl, um keine Zweifel aufkommen zu lassen, dass diese Begegnung nicht wie geschildert stattgefunden hätte: im Frühling 1912. Und im Winter sind Umrao und Mici – der Vater und die Mutter in dieser Erzählung – in einem Schiff unterwegs zu der Stadt mit den fünf Brücken.

4

In Budapest zog das Paar bei Marie Antoinettes Schwester Blanka ein. Blanka war mit einem Iren verheiratet, der es bis zu einem Sitz im ungarischen Parlament gebracht hatte. Seiner Stellung verdankte er eine Siebenzimmerwohnung in der Nähe des Regierungsgebäudes. Darin bekamen Mici und Umrao zwei Zimmer für sich.

Kaum waren sie eingezogen, erkrankte der Politiker. Sein Arzt riet ihm, mit den Zwanzigstundentagen aufzuhören und aufs Land zu ziehen. Dem Rat folgend, kündigte der Ire seinen Sitz im Parlament. Die Dienstwohnung musste er abgeben. Mici und Umrao hatten Glück, sie brauchten nicht lange zu suchen. Reiche Freunde von Blanka stellten ihnen ihre Stadtwohnung am Donau-Ufer auf der Buda-Seite zur Verfügung. Jetzt hatten sie sieben Zimmer für sich in einem hohen Haus mit bemalten Kacheln an der Fassade. Es gab einen Innenhof mit umlaufenden Balkonen auf jeder Etage, fast wie die Ränge in einem Opernhaus.

Den großen Salon richteten sie morgen- und abendländisch ein. Es gab Büchervitrinen, Lederfauteuils, Teppiche aus Kaschmir, Holzdrucke aus Java und Japan, viel Silber, Ölgemälde von ungarischen Meistern sowie Ansichten des Himalaya von englischen Reisemalern, geschnitzte Stellwände, arabesk gemusterte Stofftapeten, jede Menge Zimmerpflanzen, frische Blumenarrangements, gerahmte Fotografien an den Wänden und auf den Konsolentischen.

Umrao hatte eine Vorliebe für kesselförmige Lampen mit farbigem Glas an langen Messingketten, während Marie vor allem mit Brokat bezogene Kissen schätzte, aber auch mit kostbaren Tüchern drapierte Sofas. Die Türrahmen waren wie in einem Bühnenbild mit Seidentüchern behängt und die Fensterrahmen mit luftigem Tüll dekoriert. Sogar der Stutzflügel war in eine Brokatdecke gehüllt, als müsse er sonst frieren. Dennoch drang sein Klang, wenn Mici spielte und gar dazu sang, was eigentlich ununterbrochen der Fall war, selbst bei geschlossenen Fenstern in den Innenhof und bis in die obersten Ränge. Wenn sie bei offenem Fenster musizierte, versammelten sich die Nachbarskinder auf den Balkonen über dem Innenhof und sangen ihr nach.

Marie Antoinette trat da und dort auf, vor kleinerem oder größerem Publikum, mit mehr oder weniger Erfolg. Ein wenig Geld kam durch ihre Arbeit in einer Musikalienhandlung hinzu. Auf Wunsch spielte sie am Klavier Auszüge aus Neuerscheinungen. Die meisten Operetten konnte sie auf den ersten Blick vorspielen, nicht so die Noten der Musik, die jetzt geschrieben wurde. Manchmal wollten ihre Hände auch nach dem vierten Blick nicht mitmachen.

Umrao lehrte hin und wieder Geschichte und Philosophie Indiens an der Universität. Noch mehr interessierte ihn aber seine neue Boxkamera, ein Kasten voller Technik. Er experimentierte mit farbigen Diapositiven auf Glas. Viele Aufnahmen machte er in der Wohnung, von Mici am Klavier und von sich selbst am Schreibtisch mit dem Selbstauslöser, den er konstruiert hatte. Er richtete eine Dunkelkammer ein, um seine eigenen Papierabzüge herzustellen, und wenn die Fotos im roten Licht zum Trocknen an der Leine hingen, fiel es ihm schwer, zu glauben, dass die Bilder wirklich die Welt zeigten, in der er lebte.

Aber es geht eigentlich nicht um Mici und Umrao, sondern um die Mutter und den Vater.

Der 30. Januar des Jahres 1913 war ein Sonntag. Am Morgen herrschte Frost. Als bei Marie Antoinette die Wehen einsetzten, läutete die Kirche auf dem Platz vor dem Haus zum Gottesdienst, die Kirchgänger stapften durch den Schnee. Das Parlamentsgebäude am anderen Ufer wirkte im milchigen Winterhimmel wie ein Scherenschnitt.

Ein schneidender Wind wehte vom Fluss her und pfiff an den Fenstern vorbei. Die Glasscheiben waren mit Eisblumen bedeckt. Da hallte die Stimme des Arztes durch die Wohnung:

– Es ist ein Mädchen!

Die Hebamme überreichte der Mutter ein weißes Bündel. Draußen schlug die Kirchenglocke soeben die Mittagsstunde.

Der Vater hatte bereits einen Namen für das Mädchen bestimmt: Amrita.

– Unser Ich ist ein Ausdruck der Freude Gottes und daher unvergänglich, erklärte der Vater, denn seine Freude ist amritam, ewig.

In Wirklichkeit war es nicht der Vater, der diesen Namen ausgesucht hatte. Vielmehr war es Amrita selbst, die sich Umrao und Mici als Eltern erwählte – um das zu tun, was sie sich vorgenommen hatte.

5

Etwas mehr als ein Jahr war vergangen, da bekam Amrita eine Schwester, Indira. Auch bei ihrer Geburt waren die Götter im Spiel, denn Indira war der Beiname von Lakshmi, der Göttin der Schönheit. Die Unsterblichkeit bekam als Schwester die Schönheit.

Wir wissen, wie sehr der Vater Wörter liebte und Waffen hasste. Aber im Sommer, nach dem Eintritt der Schönheit in sein Leben, brach ein Krieg aus, wie ihn die Welt größer und schrecklicher noch nicht erlebt hatte.

Die Stadt am Fluss, in der sie wohnten, gehörte zu jener Großmacht, die den Krieg mit einer sogenannten Erklärung begonnen hatte. Das deutsche Kaiserreich stellte sich der Großmacht zur Seite, Großbritannien war ihr gemeinsamer Feind. Da Großbritannien auch über das Land herrschte, aus dem der Vater stammte, befand er sich mit seiner Familie plötzlich im Feindesland. Die Geldsendungen aus der Heimat blieben aus.

Unverhofft bot sich dem Vater eine Verdienstmöglichkeit. In der deutschen Hauptstadt hatte sich nämlich das Indische Unabhängigkeits-Komitee versammelt. Das Kaiserreich unterstützte es mit Geld und Waffen. Der Sekretär des Komitees nahm mit Umrao Verbindung auf und erklärte ihm:

Wir wollen Ihren gesellschaftlichen Einfluss und Ihre literarischen Fähigkeiten für die Zwecke der Unabhängigkeitsbewegung nutzen. Es gilt, den indischen Widerstand zu stärken und damit die Macht Deutschlands in Indien.

Beide Ziele deckten sich mit denen des Vaters. Der Sekretär musste ihn nicht überreden, zu einem Treffen im Auswärtigen Amt nach Berlin zu kommen. Die zuständige Stelle hieß Nachrichtenstelle für den Orient und wurde von Baron Wesendonck geleitet. Der indische Sekretär schickte Anweisungen an die Nachrichtenstelle im Hinblick auf den bevorstehenden Besuch aus Ungarn:

Im Hotel Adlon soll für fünf Nächte eine Suite für ihn gebucht werden; ein englischsprachiger Vertreter des Auswärtigen Amtes soll ihn am Bahnhof Friedrichstraße empfangen und während seines Aufenthalts zu Diensten sein; Umrao ist stets mit Sardar anzusprechen, dem ihm gebührenden Titel als Sikh und Edelmann. Sein Besuch steht selbstredend unter höchster Geheimhaltung!

Unter dem Vermerk Besondere Vorkehrungen fügte der Sekretär hinzu: Sardar Umrao ist strenger Vegetarier und Antialkoholiker!

Dem Baron persönlich teilte der Sekretär die Vorstellung des Komitees über eine angemessene Entlohnung des Sardars für seine zukünftigen Dienste mit. Diese Einzelheiten dürften eigentlich nicht preisgegeben werden, denn die Nachricht trug den Stempel streng geheim. Aber um diese Erzählung fortzusetzen, ist es unvermeidlich.

Der Sekretär bat nämlich die Nachrichtenstelle für den Orient ein Spezialkonto einzurichten, das unter der Aufsicht des Komitees stünde. Auf dieses Konto sollten der Gegenwert von vierhundert Pfund als Jahreshonorar für Sardar Umrao eingezahlt werden. Nach eingehender Prüfung der Quartalsberichte über die Aktivitäten des Sardars solle ihm das Geld in vierteljährlichen Raten überwiesen werden.

Der Sekretär erhielt umgehend folgende Antwort:

Bin mit allem einverstanden, stelle nur folgende Bedingung: Der Sardar kann Honorarzahlungen nur dann erwarten, wenn er seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt! Gezeichnet: Wesendonck.

Umrao reiste nach Berlin und wohnte in einer Suite des Hotels Adlon mit einer herrlichen Aussicht. Man zeigte ihm die Stadt und stellte ihm Regierungsmitglieder vor, nur einmal wurde ihm ein Gläschen Schnaps angeboten, das er höflich ablehnte. Er blieb fünf Tage in Berlin, dann kehrte er nach Ungarn zurück.

Sir, schrieb er auf Englisch in einem Brief an den Baron, ich möchte Eurer Exzellenz meinen herzlichen Dank für die großzügige Gastfreundschaft aussprechen. Ich freue mich, einige der großartigen Monumente und Institutionen gesehen zu haben, Symbole deutscher Macht und Zivilisation.

Ich gestehe freimütig, dass ich die Deutschen vor diesem Krieg nicht mochte. Ich bewundere zwar ihre philosophischen und philologischen Leistungen, nicht aber ihren Militarismus und Ordnungswahn. Seit Kriegsausbruch habe ich jedoch meine Einstellung geändert. Ich habe begonnen, in den Deutschen die Retter der Unterdrückten zu sehen. Deutschland scheint dazu ausersehen, Indien und andere Länder vom Würgegriff der Briten zu befreien!

Wir, die wir das Leiden und Ausbluten unseres Landes miterleben mussten, sind gewillt, mit Ihrer Regierung zusammenzuarbeiten, um den Gegner niederzuringen, der auch unser größter Feind ist. Ich habe die britische Regierung immer zutiefst verabscheut, besonders ihre Kolonialbeamten in Indien mit ihrer beleidigenden Arroganz gegenüber unserem Volk. Während sie von den Segnungen des Empires faseln, wird unser Land systematisch ausgelaugt. Wir müssen zum Schwert greifen und die weltumspannenden Tentakel dieses Kraken abhacken!

Kurz, ich bin fest entschlossen, mit meiner Familie nach Berlin zu ziehen, um mit dem Indischen Unabhängigkeits-Komitee zusammenzuarbeiten und dadurch meinem Land zu dienen. In der Hoffnung auf den Triumph unserer gemeinsamen Sache verbleibe ich hochachtungsvoll, Ihr Sardar Umrao.

So gern der Vater auch nach Berlin gezogen wäre, die Mutter war dagegen. Als er einsah, dass es ihm nicht gelingen würde, sie für den Plan zu gewinnen, erwog er, ohne die Familie nach Berlin zu ziehen. Da er sich gar nicht mehr zu dem Thema äußerte, und wenn, dann seltsam verstockt, ahnte die Mutter, dass er etwas im Schilde führte. Besorgt schrieb sie an Baron Wesendonck:

Eure Exzellenz! Mein Mann will nach Berlin ziehen, um dort für sein Vaterland zu wirken. Dabei bedenkt er nicht, wie sehr seine eigenen Interessen dadurch gefährdet sind, denn sein Vermögen besteht ausschließlich aus indischem Grundbesitz, Barvermögen besitzt er keines. Seine kritischen Artikel über die Verhältnisse in Indien haben ihm bereits geschadet, und in noch größerem Maße wird ihm seine Anwesenheit in Berlin zum Schaden gereichen. Er ist auch Familienvater – ich bin Europäerin, Ungarin, und in der Ehe mit Sardar Umrao habe ich zwei Kinder geboren, deren Existenz und die meinige durch seine politische Aktivität gefährdet sind. Ich hoffe daher auf Garantien der kaiserlichen Regierung, dass meine Interessen und die meiner beiden unmündigen Töchter in weitestem Maß geschützt sein werden. Wenn ich diesbezüglich von der deutschen Regierung eine schriftliche Zusicherung erhalten könnte, würde es mich sehr beruhigen!

Die Nachrichtenstelle für den Orient und die indischen Nationalisten mussten schließlich einsehen, dass sich der Sardar für seine Familie entschieden hatte – und damit für die Unsterblichkeit und die Schönheit. Sie waren noch sehr jung, sie mussten gut behütet werden.

6

Da sie nicht nach Berlin zogen, hatte der Vater kein Einkommen. Was blieb ihnen jetzt anderes übrig, als die teure Wohnungseinrichtung zu veräußern mitsamt dem Schreibtisch und dem Flügel?

In letzter Zeit hatte der Gesang der Mutter wie Geschrei geklungen, die Melodien waren fast nicht mehr zu erkennen. Da kamen Micis Eltern zu Hilfe und boten der Familie eine Wohnung im Erdgeschoß ihres Landhauses an.

Das Haus stand am Rand eines Dorfes am Flussknie, mit dem Zug gut zwei Stunden von der Hauptstadt entfernt. Vom Aussichtspunkt am Hang konnte man flussaufwärts weit nach Westen und flussabwärts ebenso weit nach Süden blicken. Morgens hing Dunst über dem Wasser und schimmerte farbig im Licht.

– Elendes Kuhdorf!, fluchte die Mutter, wenn sie wieder einmal in eines ihrer Stimmungslöcher gefallen war.

Ihr fehlten die Auftritte und das gewohnte Publikum. Der Vater fühlte sich dagegen auf dem Land sehr wohl. Die dörfliche Lebensweise entsprach den Vorstellungen seines Vorbilds Graf Tolstoi. Inzwischen hatte der Vater eine weitere Gewohnheit des Grafen übernommen: Er ging in Holzschuhen. Außerdem begann er sich für praktische Dinge zu interessieren. Er hackte Holz für den Ofen und holte bei jedem Wetter Wasser von der Quelle.

Der Vater hatte schon ein wenig Ungarisch gelernt und konnte sich recht und schlecht mit den Dorfbewohnern unterhalten. Sie begegneten ihm dennoch wie einem Besucher von einem anderen Stern, erst recht, nachdem er die Kirchenglocken wieder zum Läuten gebracht hatte. Einen Tag lang hatte man ihn im Uhrwerk oben im Turm herumhämmern gehört, am Abend tönten die Glocken wieder. Der Turbanträger, erzählten sich die Bauern in der Dorfkneipe, kann Wunder vollbringen.

Oft ging der Vater mit den Töchtern – Amrita war jetzt Amri und Indira Indu – und einem kolossalen weißen Schäferhund in den Wäldern spazieren, die steil hinauf bis zu den Bergkämmen führten. Im Winter gab es wenig zu essen, keine Milch, keine Butter, frisches Obst ohnehin nicht, die Mädchen wurden immer blasser. Dann kam die Spanische Grippe und Amri zitterte vor Fieber. Es gab keinen Arzt im Dorf; die Mutter flehte die Leute an, wo denn ein Arzt zu finden wäre.

– Geh ins nächste Dorf, wenn du einen Arzt suchst, erwiderten sie unwirsch, aber ein Arzt kann dir auch nicht helfen!

Die Mutter rannte ins nächste Dorf, wo sich das Gleiche wiederholte:

– Geh ins nächste Dorf, hier ist keiner!

So rannte sie von Dorf zu Dorf, immer verzweifelter, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrach und man um ihre eigene Gesundheit fürchten musste. Die Bauern brachten sie einige Tage später auf einem Pferdewagen nach Hause. In der Zwischenzeit hatte sich Amris Zustand gebessert, sie lächelte schon wieder. In der Schenke steckten die Bauern die Köpfe zusammen:

– Habt ihr die Mutter gesehen? Sie ist wie eine Verrückte herumgerannt! Doch der Turbanträger hat wieder ein Wunder vollbracht. Er hat sein Töchterchen ins Leben zurückgeholt!

Die Zeit verging, der Weltkrieg forderte immer mehr Menschenleben, doch das Dorf lag weitab von der Welt, und vom Krieg las man bloß in der Zeitung, die hin und wieder jemand aus der Hauptstadt mitbrachte.

Die Mädchen spielten gerne im Garten mit dem Gänserich. Oder sie spielten Ball zu viert mit Victor und Viola, den beiden gleichaltrigen Kindern von Tante Blanka.

Am liebsten saßen Amri und Indu an ihrem weißen Küchentischchen, das der Vater eigens für sie gezimmert hatte. Platte und Bänke waren durch Seitenteile miteinander verbunden, die Mädchen passten genau hinein. Der Tisch war ihr Lieblingsplatz, weil hier täglich gegen fünf Uhr die Märchenstunde stattfand. Das war die Stunde der Mutter. Sie las die Märchen nicht bloß vor, sie spielte sie regelrecht wie in einem Theater. Sie sprach mit verstellter Stimme und formte jeden Satz mit den Händen in der Luft. Wenn nötig, sang sie sogar. Eines Nachmittags erzählte sie das Märchen vom Tod und dem Mädchen:

– Einmal war’s, keinmal war’s, da saß der Tod zu Hause, und wie jeden Tag schnitt er Stücke von der Garnspule ab. Er wickelte sie zu Knäueln und warf sie zu den anderen Knäueln auf den Haufen.

Die Stücke waren kürzer oder länger, wie es gerade kam. Der Tod war schlecht gelaunt, die Arbeit war langweilig. Er dachte an das fröhliche Mädchen. Wie gerne hätte er auch Spaß gehabt wie das Mädchen!

Sie soll jung sterben!, murmelte er grimmig und nahm sich vor, ihr ein besonders kurzes Stück zu schneiden.

Da stellte sich heraus, dass sich das Garn an der betreffenden Stelle nicht schneiden ließ.

Na gut, sagte der Tod, mach ich es halt etwas länger.

Doch auch das verlängerte Stück ließ sich nicht schneiden.

Am Ende wird es so lang wie alle anderen, brummte der Tod, verlängerte es noch einmal und setzte seine mächtige Schere an.

Sakrament, es geht ja immer noch nicht!

So etwas war dem Tod noch nie untergekommen. Dabei machte er diese Arbeit tagein, tagaus, schon seit einer Ewigkeit. Schließlich versuchte er es mit einem noch längeren Stück, länger als lang, viel länger als alle Stücke, die er je geschnitten hatte. Was half’s, es ließ sich immer noch nicht schneiden!

Verflixt, was ist denn das?, rief der Tod empört, wer will mich da an meiner Arbeit hindern?

Er zog seinen eleganten schwarzen Anzug an, setzte seinen Zylinder auf und ging zu dem Mädchen, dessen Stück Garn er nicht schneiden konnte. Er fand das Mädchen auf dem Acker beim Pflügen. Neidisch schaute er zu, wie es sich sogar bei dieser mühsamen Arbeit vergnügte.

Sie hält sich wohl für etwas Besseres, weil sie für einen Augenblick in ihrem Leben jung und schön ist, ärgerte sich der Tod. Warte nur, dir werd ich’s zeigen!

Der Tod trat näher. Das sind schöne Büffel, dachte er. Die müssen was Besonderes sein, ihre Büffel, weil das Mädchen so vergnügt ist. Da kam ihm dieser Gedanke: Die Büffel sind ungemein stark, das sieht man, die werden das Garn abreißen können, wenn ich sie davorspanne!

Er ging auf das Mädchen zu und sagte:

Du, gib mir deine Büffel!

Warum soll ich dir meine Büffel geben?, fragte sie. Ich brauche sie, das siehst du doch.

Schlag es mir nicht ab! Wenn du mir nicht deine Büffel gibst, dann nehme ich dich!

Da erschrak das Mädchen und spannte die Büffel aus. Doch als der Tod die Tiere fortziehen wollte, sträubten sie sich.

Ich werde die Büffel begleiten, sagte das Mädchen, sonst gehen sie nicht mit.