Der Meerkristall - Regine Kölpin - ebook

Der Meerkristall ebook

Regine Kölpin

0,0

Opis

Ostfriesland 1548 - Die Hebamme Hiske Aalken hat alle Hände voll zu tun, denn in der Herrlichkeit Gödens grassiert das Marschenfieber. Als ihr in dieser schweren Zeit der Arzt Jan Valkensteyn zur Hilfe eilt, taucht auch ein holländischer Kaufmann namens Friso van Heek auf, der Hiske wenig sympathisch ist. Gleichwohl ist er ein faszinierender Mann, den offensichtlich ein großes Geheimnis umgibt. Ein Geheimnis, das mit einem wertvollen Medaillon - dem Meerkristall - und mit einer entstellenden Narbe zu tun hat, die der Kaufmann am Arm trägt. Eines Tages wird Friso van Heek tot im Neuen Siel gefunden, und Der Meerkristall ist spurlos verschwunden. Hiske glaubt, dass der Mord etwas mit dem Medaillon und mit Frisos geheimnisvoller Vergangenheit zu tun hat, aber sie findet mit ihren Vermutungen nur bei Jan ein offenes Ohr. Nach und nach wird ihr klar, dass der Kaufmann in der Herrlichkeit viele Feinde hatte ...

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 456

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



Regine KölpinDer Meerkristall

Bisher von der Autorin bei KBV erschienen:

Vergangen ist nicht vorbei

Deichleichen (Hg.)

aufgebockt & abgemurkst (Hg.)

Muscheln, Möwen, Morde (Hg.)

Die Lebenspflückerin

Regine Kölpin, 1964 in Oberhausen geboren, lebt seit ihrer Kindheit in Friesland. Sie schreibt Kriminalromane und Kurzgeschichten (Für Kinder und Jugendliche unter dem Pseudonym Regine Fiedler). Sie leitet Workshops und Schreibwerkstätten. Ihre Veröffentlichungen erhielten zahlreiche Auszeichnungen. Zuletzt war sie 2008 für den Kärntner Krimipreis nominiert und für das Jahr 2010 hat sie das Stipendium Tatort Töwerland erhalten. 2011 wurde sie als Starke Frau Frieslands gewürdigt.

Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller, der Europäischen Autorenvereinigung Die Kogge, dem Syndikat, den Mörderischen Schwestern und gehört dem Friedrich-Bödecker-Kreis an. Unter dem Motto Jever ganz mörderisch inszeniert Regine Kölpin eine historisch-kriminelle Stadtbegehung, führt Sie auf den Spuren einer Hebamme durch das mittelalterliche Jever und zeigt Ihnen die kriminellen Seiten der Stadt.

Regine Kölpin

Historischer Kriminalroman

Originalausgabe© 2013 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheimwww.kbv-verlag.deE-Mail: [email protected]: 0 65 93 - 998 96-0Fax: 0 65 93 - 998 96-20Umschlaggestaltung: Ralf Krampunter Verwendung von: © Marafona · www.shutterstock.comKarte Umschlaginnenseiten: Typus Frisia orient.von Ubbo Emmius · Ende 16. JahrhundertRedaktion: Nicola Härms, RheinbachPrint-ISBN 978-3-942446-82-2E-Book-ISBN 978-3-95441-133-7

Die Personen

Hiske Aalken:

Hebamme in der Herrlichkeit Gödens, einst als Toversche (Hexe) aus Jever hierher geflohen

Der Wortsammler:

eine vergessene Seele, die eine Zuflucht bei der Hebamme Hiske Aalken gefunden hat

Jan Valkensteyn:

Arzt, aus Amsterdam stammend

Garbrand:

katholischer Mönch, aus einem englischen Kloster geflohen und Freund Jan Valkensteyns

Melchior Dudernixen:

Bader in der Neustadt. Mennonit aus Holland

Magda Dudernixen:

Weib des Baders. Mennonitin aus Holland

Anneke Hollander:

Marketenderin und Duuvke (Hure). Mennonitin aus Holland

Klaas Krommenga:

ehemaliger Scharfrichter aus Jever

Friso van Heek:

weit gereister Kaufmann aus Holland

Historische Persönlichkeiten

Hinrich Krechting:

die rechte Hand der Hebrich von Knyphausen, Jurist und Anführer der Menschen in der Herrlichkeit Gödens. Kommt aus Münster, war dort Kanzler von Jan van Leyden, dem großen Täuferführer.

Hebrich von Knyphausen:

Häuptlingswitwe, lenkt nach dem Tod ihres Mannes Haro von Oldersum die Geschicke der Herrlichkeit Gödens.

Jacobus Cornicius:

Stadtarzt aus Emden, Freund Jan Valkensteyns. War als Humanist und Naturwissenschaftler publizistisch aktiv und ein Verfechter der religiösen Reform. Er wirkte u. a. als Leibarzt am ostfriesischen Hof.

Wolter Schemering:

Erster Landrichter in der Herrlichkeit Gödens, ist zusammen mit Hinrich Krechting aus Münster geflohen.

Rothmann:

führender Glaubensprediger aus Münster. Er ist aus der Stadt entflohen, über sein weiteres Wirken gibt es keine gesicherten Erkenntnisse; vermutlich in Holland gestorben.

Elske Krechting:

Erste Frau von Hinrich Krechting, aus Münster an seiner Seite mit den Kindern geflohen

Gräfin Anna von Oldenburg:

Gräfin von Ostfriesland, lebte in Emden, hat versucht, eine Einheit der Glaubensrichtungen zu bewirken.

Johannes a Lasco:

Superintendent, eingesetzt von Gräfin Anna, war maßgeblich an der Neugestaltung des ostfriesischen Kirchenwesens beteiligt.

Dr. Gerhard Westerburg:

auch als Dr. Fegefeuer bekannt, geriet u. a. in Köln in Konflikt mit der Kirchenobrigkeit, musste fliehen und war die letzten Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1558 Pfarrer in Dykhusen (Herrlichkeit Gödens).

Tochter Westerburgs, im Roman Bente genannt:

eine der Töchter Westerburgs, hat im Jahr 1550 den Emder Stadtarzt Jacobus Cornicius geheiratet, ein Name ist nicht bekannt.

Lübbert Jans Kremer:

ein holländischer Kaufmann, überzeugter Mennonit, der die Städte Oldersum und Appingedam sehr gut kannte.

Amsterdam 1524

Seine Hände sind filigran genug für das, was er tun muss. Er hat ohnehin keine Wahl. Unermüdlich lässt er die feine Spitze der Nadel über das Silber gleiten, malt damit das Motiv, das ihm der Meister aufgetragen hat.

»Es ist der Kristall, der das Leben unendlich macht. Er vergeht nie. Niemals.«

Der Mann weiß nicht, zu wem die Stimme gehört, denn der Meister offenbart sich nie, bleibt immer hinter einem Vorhang versteckt oder trägt eine dunkle Ledermaske, die ihn nicht verrät. Der Alte aber weiß um dessen Macht und Kraft, wenn er die Peitsche über seinen Rücken zischen lässt, weil die Arbeit nicht so vonstatten geht, wie der Meister es wünscht. Also schläft er nur, wenn er es nicht vermeiden kann, tut, was von ihm verlangt wird. Der Alte hofft, dass der Meister zufrieden ist. Dann sind ihm diese letzten Tage in Frieden vergönnt, auch wenn Augen und Rücken schmerzen. Wenn er das Werk vollendet hat, wird er sterben.

»Es ist ein Geschenk für das Wertvollste, was es gibt. Du bist der Auserwählte, der es für mich erstellt. Mache es gut, auch wenn es das Letzte ist, was du in deinem Leben tun wirst. Das, was ich getan habe, ist der größte Frevel unter uns Glaubenden. Nie darf jemand davon erfahren. Und du weißt zu viel. So bleibt mir keine Wahl. Ich muss es tun«, hat der Meister gesagt, und der alte Mann spürte die Peitsche zum ersten Mal auf dem Rücken. So heftig, dass ihm das Blut heruntergelaufen ist. Anschließend hat eine dampfende Schale Haferbrei vor ihm gestanden, ein Festmahl für den Alten, ein Essen, das er sonst nicht bekommt.

Welche Wahl hat er? An seinem Bein hängt eine Kette, die der Meister an der Wand befestigt hat. Er ist ihm ausgeliefert wie ein Hofhund. Macht er seine Sache gut, gibt es eine warme Mahlzeit; tut er es nicht, tanzt die Peitsche über seine bereits geschundene Haut.

Obwohl die Hände des Alten immer wieder zittern, gelingt es ihm, die winzig kleinen Linien zu ziehen und das hineinzugravieren, was von ihm verlangt wird. Vor ihm auf dem Tisch glitzert im Kerzenschein ein großer Kristall. Das Licht der Flamme bricht sich in den einzelnen Flächen, verzaubert den Edelstein in ein Mysterium, das ohnegleichen an Schönheit ist. Genau so muss er ihn abbilden. Der Kristall soll in einem Meer schwimmen, mit kleinen Wellen, die seinen Fuß umspielen.

»Wenn die Gravur fertig ist, wirst du aus einer Zacke eine Träne schleifen. Eine Träne, die nie vergeht.«

Der Alte hat schon viel Schmuck in seinem Leben hergestellt, er ist der beste Edelsteinschleifer und Goldschmied weit und breit. Das, was er zeit seines Lebens als Reichtum empfunden hat, wandelt sich nun zu einem Fluch, der ihn vorzeitig ins Jenseits befördern wird. Er war immer gottesfürchtig, hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen.

Dennoch ist eines Abends jemand in seine Kammer eingedrungen. Als er aufwachte, lag er in dieser Werkstatt und hatte die Kette am Bein.

Dem Mann tränen die Augen, das Licht der Unschlittkerzen reicht oft nicht, um ihn genau arbeiten zu lassen, zumal sie stark rußen und seiner alten Lunge einen Hustenreiz bescheren. Er muss sich tief über das Silber beugen, die Nadel darübergleiten lassen. Es wird sein Meisterwerk werden, sein absolut gelungenstes Stück. Enden wird es mit der Träne, die kalt ist wie Eis. Weil sie für die Liebe gedacht ist, aber sein Blut daran klebt. Ihm wird es verwehrt bleiben zu sehen, wie das Medaillon über die Haut einer schönen Frau gleitet. Wenn der Alte doch einmal kurz die Augen schließen muss, überkommt ihn das Bild eines jungen Weibes am Saum der See. Das Licht bricht sich in den Wellen, und seine Strahlen spiegeln sich im Silber des Medaillons wider.

Diese Gedanken erfrischen ihn, lassen ihn sein Werk noch besser machen, so lange, bis er wirklich zufrieden ist und jeder einzelne Strich seiner kritischen Begutachtung standhält. Dann ist das Medaillon mit dem Meerkristall fertig.

»Die Träne, die ich hineinlege, soll in Wellen aus Gold schwimmen. Sie soll aussehen, als falle sie genau in dem Augenblick aus meinem Auge«, sagt der Meister, während seine Fingerkuppe über das Medaillon streicht.

Wieder schleift und arbeitet der Alte, weiß, dass sein Ende naht. In dem Augenblick, wo die Träne rollt, ist der Tod gewiss. Seine Bewegungen werden langsamer, er will den Moment hinauszögern. Noch ein bisschen atmen und wenn es die stickige Luft dieser dunklen Werkstatt ist. Noch ein wenig den Schweiß spüren, wie er Stück für Stück über den geschundenen Rücken rinnt. Es ist so wenig, was er noch vom Leben fühlt, und doch ist es ihm so viel.

Der Alte poliert das Silber ein letztes Mal, legt die Träne in das mit dunkelblauem Samt ausgeschlagene Medaillon hinein.

Der Meister schläft noch, er aber wird jetzt nicht ruhen. Er hat noch eine letzte Aufgabe zu erfüllen, die es ihm nicht erlaubt, das müde Haupt schon jetzt aufs Strohlager zu betten. Der Mann schleicht sich, soweit seine Kette es zulässt, in Richtung der Kammer des Meisters, der auf seiner Bettstatt liegt und schnarcht. Dem Alten zittern die Knie. So weit hat er sich noch nie vorgewagt. Der Meister will, dass der Meerkristall in goldenen Wellen badet. Nur wie der Alte das anstellen soll, hat er nicht gesagt. Vielleicht wird er ihn vor seinem Tod noch auspeitschen, wenn er es nicht hinbekommt, oder er wird ihn verhungern oder verdursten lassen. Ein gnädiger und rascher Tod ist ihm nur gewiss, wenn er alles genau so tut, wie es verlangt wird.

In der Ecke der Kammer liegt ein großes Kissen, das mit Goldbrokat bestickt ist. Der Alte legt sich auf den Bauch, angelt danach, und schließlich kann er ein paar Fäden herausziehen. Es dauert eine Weile, ehe er wieder zu Atem gekommen ist. Kaum aber sitzt er auf seinem Hocker, beginnt er, die Wellen hineinzusticken. So füllt er das weiche Blau nach und nach.

Doch noch immer fehlt etwas. Das, was das Kunstwerk zu seinem macht, seine Handschrift trägt, auch ohne dass es für den Meister offensichtlich ist. Das ist dem Alten wichtig, auch wenn nie jemand erkennen wird, dass er es geschaffen hat. Er nimmt den blauen Samt wieder in die Hand und stickt zwischen die Wellen kleine Sterne. Für jeden Tag seiner Arbeit einen und am Ende sieht es aus, als spiegele sich der Himmel im Meer.

Der erste Hahn kräht bereits, als er den letzten Stich tut. Sein Garn ist alle, das Werk vollbracht. Der Alte schließt die Augen und schläft ein.

1. Kapitel

1548, Herrlichkeit Gödens – Ostfriesland

Hiske schlug die Plane beiseite und kletterte vom Wagen. Die Burg Gödens, auf dessen Hof sie sich befand, lag im Dunkel der Nacht, nur ihr Turm wurde vom fahlen Mondlicht angestrahlt. Die Hebamme verspürte keine große Lust, schon jetzt in ihre kleine Kate, die auf dem Weg nach Hebrichhausen lag, zurückzukehren. Sie war unglaublich erschöpft. Das Marschenfieber raubte den Menschen in der Herrlichkeit Woche für Woche Kinder und Alte. Meist konnte Hiske nichts tun. Jedes Kind, das starb, empfand sie jedoch als persönliche Niederlage. Sie hatte kein Mittel, kein Kraut, das wirklich half.

Nach der Enge und dem Schweiß im Wagen sehnte sich Hiske nach frischer Luft. Sie machte sich auf den Weg zum Schwarzen Brack, der großen Meeresbucht, und schlug einen forschen Schritt an. Jeder, der sie so sah, würde vermuten, dass sie in großer Eile war, vielleicht auf dem Weg zu einem niederkommenden Weib. In Wirklichkeit aber befand sie sich auf der Flucht. Auf der Flucht vor ihren Gedanken, ihren Gefühlen und der eigenen Unzulänglichkeit.

Sie war froh, als sie am Schwarzen Brack angekommen war und über dessen dunkle Oberfläche blicken konnte. Es wirkte in der Nacht noch dunkler als sonst. Keine Welle kräuselte die glatte Oberfläche, über der die Mückenschwärme tanzten.

Die Tage waren viel zu heiß, die Luft roch modrig, und das Dünnbier schmeckte von Tag zu Tag schlechter. Auch der gute Käse der Holländer konnte den üblen Geschmack nicht mehr auffangen.

Hiske kam häufig allein hierher, immer dann, wenn sie glaubte, vom Leben erdrückt zu werden. So wie jetzt, wo Tod und Krankheit die Menschen knechteten. Menschen, denen sie sich zugehörig fühlte, Menschen, die sie nach langer Zeit als ihresgleichen angenommen hatten.

Hiske setzte sich ins taufeuchte Gras, sah zu den Sternen und zum Mond, der sich schon morgen wieder ganz runden würde. Ruhe durchströmte sie, milderte den Schmerz, der nicht nur wegen der toten Kinder in ihr tobte. Dieser Schmerz hing auch mit Jan Valkensteyn zusammen, der Gödens verlassen hatte und ihr damals nicht hatte sagen können oder wollen, wann er zurückkommen würde.

Hiske dachte oft an den jungen Arzt, dem sie ihr Leben verdankte. Er hatte sie tiefer berührt, als sie es sich eingestand. Nur an Abenden wie diesen ließ sie ihre Gefühle zu. Er war seit fast drei Jahren fort. Nachdem er zunächst behauptet hatte, er bleibe, war er schon kurze Zeit später mit dem nächstbesten Schiff verschwunden. »Ich muss nach Emden. Dort lebt der Stadtarzt Jacobus Cornicius. Er ist Humanist, Naturwissenschaftler und Leibarzt am ostfriesischen Hof. Er hat interessante Schriften verfasst. Ich muss mit ihm reden, mit ihm forschen. Die Medizin ist mein Leben, Hiske. Ich bin nur dazu geboren. Ich komme aber zurück. Bestimmt tue ich das.« Sein »Irgendwann« hatte er nur genuschelt, aber die Hebamme hatte es doch gehört.

Einen Mann wie Jan Valkensteyn konnte man nicht halten. Er war kein Mensch, der in einem Käfig glücklich werden würde. Nicht einmal, wenn man die Tür offen ließ.

Wie gern hätte Hiske den Arzt nun an ihrer Seite, vor allem jetzt, in diesem Gewirr der rätselhaften Erkrankungen, die mit der wachsenden Bevölkerung immer stärker um sich griffen. Es war ja nicht nur das Marschenfieber, das die Kinder und Alten dahinraffte, immer wieder flackerte auch der Typhus auf. Hiske hatte gehört, dass die Lustseuche, die Syphilis, in den benachbarten Städten um sich griff. Sie hoffte, dass diese Geißel vor den Toren der Herrlichkeit Halt machen würde, nur wer konnte sich da sicher sein?

Mittlerweile glaubte Hiske nicht mehr an Jans Rückkehr. Zu viele Stunden der Hoffnung waren vergangen, sie wollte keinen einzigen Funken Erwartung mehr zulassen. Sie war ihm nicht wichtig genug gewesen, wahrscheinlich hatte er längst ein anderes Weib und Kinder. Männer vergaßen schnell. Drei Jahre waren eine lange Zeit. Sie hätte ihm damals vielleicht Einblick in ihre Gefühle geben sollen, aber dazu war die Hebamme zu stolz. »Was hätte es mir auch gebracht«, sagte sie zu sich selbst. »Er wäre trotzdem gegangen, und mein Schmerz wäre größer als jetzt.«

Hiske straffte den Rücken. Sie sollte allein versuchen, die Probleme in der Neustadt und im Lager in den Griff zu bekommen. Ganz gleich, was noch auf sie zukam, ganz gleich, welche Bürden sie noch würde tragen müssen. Immer mehr Kinder starben auf rätselhafte Art und Weise. Und immer in den Sommermonaten, vor allem, wenn es sehr warm war. Im Winter trat die Krankheit nicht auf. Es war, als falle das Fieber zusammen mit den sinkenden Temperaturen tief in den Keller, um im nächsten Sommer mit ganzer Kraft erneut emporzusteigen. Hiske hatte ein paar Schriften studiert und war, wie die Gelehrten, zu der Erkenntnis gekommen, dass das Fieber mit dem Moor und der Marsch und den im Sommer auftretenden Nebeln in Zusammenhang stand. Nacht für Nacht klebten die weißen Schleier wie eine feste Schicht über den Wiesen und dem Sumpfland. Wer wusste schon, was sich in dem geheimnisvollen Weiß verbarg.

Tun konnte sie nichts, wenn die Kleinen, vom Fieber geschüttelt, in ihren Bettchen lagen, im eigenen Schweiß gebadet. Ihr blieb nur der Versuch, die Hitze zu senken, damit sie eine Weile durchhielten. In ganz seltenen Fällen trotzten sie der Krankheit und überlebten.

Garbrand, der alte Mönch, hatte Hiske noch andere, fremdartig anmutende Kräuter gezeigt, mit denen er in England gearbeitet hatte. Er musste vorsichtig sein, damit sein Können nicht auffiel und man ihn als Mönch enttarnte. Obwohl Hiske sich sowieso fast sicher war, dass die meisten Bewohner es wussten oder aber zumindest ahnten. Warum sie den alten Mann dennoch stiekum duldeten, konnte sie nicht sagen, denn schlimmere Feinde als die Papisten gab es für die Täufer, aber auch für die von der Häuptlingswitwe Hebrich von Knyphausen eingeführte reformierte Kirche nicht. Der Hass auf die Katholiken hatte sich in den Jahren nicht verringert, war aber in weniger aggressive Bahnen gelenkt worden.

Hiske seufzte auf, nahm ein kleines Stöckchen und warf es ins Wasser. Sie sah den dabei auftretenden Ringen zu, bis sie sich in der Weite des Schwarzen Bracks verloren und den Mond, der sich in der Wasseroberfläche spiegelte, in Falten legten.

Sie würde wohl oder übel so weitermachen müssen wie bisher. Immerhin hielt Hinrich Krechting, der als Armen- und Kirchenvorstand in der Herrlichkeit alle Fäden in der Hand hatte und die rechte Hand Hebrichs war, große Stücke auf sie. Er glaubte daran, dass sie den kranken Kindern die Linderung geben konnte, die sie brauchten. Denn die Mütter scheuten sich, den Bader Dudernixen aufzusuchen, der mit seinen Aderlässen und anderem Firlefanz schon vier Kinder auf dem Gewissen hatte, das aber vehement abstritt. Ein Arzt hatte sich bislang nicht niedergelassen. Nach Jan Valkensteyn war keiner mehr in Gödens gewesen. Der neue Flecken am Siel bot einfach nichts, was einen Arzt verlocken könnte, sich hier anzusiedeln.

Insgesamt war seit dem Bau der Neustadt alles bedrückender geworden. Im Lager an der Burg Gödens war das Leben von allerlei Kurzweil unterbrochen gewesen, weil immer mal wieder ein Gaukler gekommen war, der die Leute von ihrer Tristesse abgelenkt hatte. Nun aber hatten sich eine merkwürdige Strenge und Disziplin über die Menschen gelegt. »Wir müssen uns von den Papisten abheben, dürfen nicht so ausschweifend leben.« Krechtings Anweisungen waren eindeutig. Auch wenn er sich nicht mehr zum Täufertum bekannte, so regulierte er das Leben in der Herrlichkeit doch nach den Gesetzen der Abstinenz und Einfachheit. Er achtete mit einem solchen Nachdruck auf deren Einhaltung, dass es Hiske manchmal die Luft nahm. Sie schob es auf seine große innere Zerrissenheit. Manchmal, wenn sie sich gegenübersaßen, merkte Hiske, wie die Gedanken des Juristen abschweiften, wie sich ein Schleier der Trauer über das bärtige Gesicht legte und ihn mit einer Verletztheit zeichnete, die kein Maler der Welt hätte einfangen können. In diesen Augenblicken wusste sie, für welchen Glauben sein Herz schlug, egal, was er nach außen hin trug, egal, wie sehr er die reformierte Kirche unterstützte. Hinrich Krechting würde in seinem Herzen immer Täufer bleiben.

Hiske atmete tief ein, glaubte am Horizont ein Segel zu erkennen, aber es war nur der dichte Nebel, der sich immer stärker über die Wasseroberfläche legte und einen Vorhang zwischen der Herrlichkeit und dem Rest der Welt spannte.

Jan Valkensteyn sah in den Sternenhimmel. Es würde nicht mehr lange dauern, dann war er wieder in der Herrlichkeit Gödens. Dort, wo er vor über drei Jahren schon einmal angelandet war, dort, wo er für einen kurzen Augenblick geglaubt hatte, seinen Schmerz und seine Schuld vergessen zu können, als er in Hiske Aalkens Augen gesehen hatte, die mit ihrer Mischung aus Blau und Grün eigentümlicher nicht hätten sein können. Aber er war nicht so weit gewesen, konnte sich seine Schuld nicht verzeihen. Er hatte seine Gefühle verdrängt, dabei die Annäherungsversuche Annekes nicht entschieden genug zurückgewiesen. Fast hätte er damit einen großen Fehler begangen, der ihm auch die Rückkehr heute unmöglich gemacht hätte. Anneke war klug, was den Umgang mit Männern anging. Sie hatte nicht eine Sekunde sein Herz berührt, und doch ging von der Marketenderin eine starke körperliche Anziehungskraft aus, der auch er sich kaum entziehen konnte, erkannte er bei ihr doch Parallelen zu einem Menschen aus seiner Vergangenheit, die nicht gut für ihn waren.

In Emden gab es viele schöne Weiber, und er hätte viele haben können. Doch es war kein Augenblick vergangen, an dem er nicht an Hiske gedacht hatte. Immer war ihm ihr schönes dunkles Haar in den Sinn gekommen, der frische süßliche Duft ihrer Haut und ihr Lachen, das nicht schöner sein konnte, vor allem, wenn ihre Augen dabei blitzten. Doch er durfte sie nicht unglücklich machen. Er war ein Mann, der sich nicht binden sollte, ein Mann, der nicht lieben durfte. Zu viel war geschehen, zu viel lastete auf seinen Schultern. Dennoch war die Sehnsucht nach Hiske immer unerträglicher geworden. Überall sah er junge Frauen mit Kindern, überall wurde er mit der Nase darauf gestoßen, was er im Leben verpasste, wenn er sich nicht endlich verzieh.

Jan war hin- und hergerissen, hatte seine Rückkehr in die Herrlichkeit immer wieder verschoben und gleichzeitig nach einem Grund gesucht, endlich wieder zurückzufahren. Als ihm sein neuer Freund, der Arzt Jacobus Cornicius, von der Marschenfieber-Epidemie in Gödens erzählt hatte, war Jan schließlich doch aufgebrochen. Nicht ohne das Versprechen, alsbald zurück nach Emden zu kommen. Sie waren mit ihren Forschungen noch lange nicht fertig.

Als es aber endlich entschieden war, hatte die Erleichterung überwogen. Jan ertappte sich dabei, dass er sich aufrichtig freute. Er stand am Bug des Schiffes und sog die Luft ein. Es war sehr warm, direkt über dem Wasser hatte sich eine dünne Nebelschicht gebildet. Der Geruch hier war ihm vertraut, es war das Gefühl des Nachhausekommens.

»Darf ich mich dazugesellen?« Ein kleiner, eher schmächtiger Mann mit Barett, lustig blitzenden Augen und einer weißen Halskrause über dem schwarzen Gewand stellte sich zu dem Arzt. »Lübbert Jans Kremer ist mein Name. Ich bin Kaufmann und beobachte Euch schon eine ganze Weile. Ich habe Emden mit meiner Frau und meinen drei Kindern verlassen, weil mir die Idee der Neustadt sehr gefällt und wir als Mennoniten dort sicher ein gutes Leben führen können.« Er senkte den Kopf. »Mich hat Hinrich Krechting um Hilfe gebeten. Nach von Ascheburgs Tod benötigt er Unterstützung auf dem Gebiet des Städtebaus. Ich kenne Appingedam und das Siel in Oldersum sehr gut.«

Jan nickte. »Das waren auch die Pläne von Ascheburgs, die er hinterlassen hat. Wisst Ihr, wie weit der neue Flecken vorangetrieben ist?«

»Die Pläne des alten Lokators sind nur teilweise zu nutzen, Medicus. Die Bauern haben den Bau des Ortes an der Stelle, wo er zunächst geplant war, vereitelt. Die Neustadt rückt nun näher an das neue Siel und wird dort immer stärker zusammenwachsen. Zunächst nutzt man beim Bau der Häuser den Weg, der zum alten Hafen geht. Aber es soll eine Planstadt werden, nichts bleibt dem Zufall überlassen. Ich bin gekommen, um die Pläne von Ascheburgs zusammen mit Bruder Krech…«, er verbesserte sich, »Hinrich Krechting zu verändern und umzusetzen.«

»Krechting ist jetzt endgültig reformiert?«, hakte Jan nach. Mit Bruder oder Schwester sprachen sich nur die Täufer untereinander an.

Der Kaufmann nickte. »Nichtsdestotrotz hat er für die Mennoniten eine Menge geleistet.«

»Kennt Ihr auch den Prediger Rothmann, wenn Ihr so weit gereist seid?«, fragte Jan. Seinetwegen war er vor drei Jahren nach Ostfriesland gekommen. Rothmann hatte eine Botschaft für Krechting und die Täufer gehabt, die Jan überbracht hatte.

»Den Vermahner? Ja, den kenne ich. Er wirkt nicht mehr. Habe gehört, dass er bei einem friesischen Edelmann in einer kleinen Herrlichkeit in der Nähe Groningens Zuflucht gefunden hat und dort verstorben ist.«

»Wann?«, hakte Jan nach.

Kremer schürzte die Lippen. »So genau weiß ich das nicht, vielleicht im letzten Jahr. Diese Herrlichkeit hieß Evsum oder so ähnlich.«

Rothmann lebt also nicht mehr, dachte Jan. Dazu passte auch, was ihm in Emden über Krechting zu Ohren gekommen war. Es hieß, dass dieser jetzt ganz in seinem Amt als Armen- und Kirchenvorstand aufging. Anscheinend waren alle Hoffnungen, die Krechting angetrieben hatten, in der Herrlichkeit ein neues Täuferreich zu errichten, mit dem Ableben Rothmanns zunichtegemacht worden.

Lübbert Jans Kremer deutete auf einen dunklen Umriss auf der Backbordseite. »Da ist der Turm von Wangerooge. Es ist die letzte Insel vor der Einfahrt in die Jade.«

Jans Herz klopfte. Seine Freude war ganz eng an das erwartete Wiedersehen mit Hiske gekoppelt. Er hoffte so sehr, dass sie sich nicht gebunden hatte. Und wie er das hoffte!

Die aufgehende Sonne brannte auf sein Gesicht. Noch in der Nacht hatte sich Klaas Krommenga aus Jever aufgemacht. Schlag für Schlag hatte er seine Ruder ins dunkle Wasser getaucht, als er unter dem Sternenhimmel hindurchgeglitten war. Es war schwierig, das alles mit nur einem Bein zu bewerkstelligen, doch sein Hass hatte ihn die letzten Jahre am Leben erhalten und gab ihm auch jetzt Kraft. Er würde nun das vollenden, was zu seinem Lebensinhalt und zu seinem einzigen Ziel geworden war: Die Hebamme Hiske Aalken musste sterben.

Wahrscheinlich würde seine Seele dafür im Fegefeuer tanzen und ewig brennen, aber das war ihm egal. Er hatte so viele Menschen mit seinem Schwert, dem Strick oder dem Feuer ins Jenseits befördert, er kannte alle Zwischentöne des Sterbens und Leidens. Im Himmel war auch ohne den Mord an der Hebamme kein Platz mehr für ihn. Klaas Krommenga hatte nichts zu verlieren.

Er ruderte weiter, freute sich über jedes Stück, das ihn seinem Ziel näherbrachte. Immer wieder musste er innehalten, nach Luft schnappen, denn die wurde ihm oft knapp, vor allem, weil auch in der Dunkelheit noch eine feuchte Wärme über dem Land lag. Je näher er der Jade kam, desto weniger beeinträchtigte ihn dies, nicht einmal die unerträglich vielen Mücken setzten ihm mehr zu. Deren Surren hatte ihn nur zu Beginn gestört, irgendwann war es ihm egal gewesen. Sein Gesicht war von Pusteln übersät, die juckten und ihn immer wieder dazu veranlassten, die Ruder aus der Hand zu legen und sich zu kratzen. Auch daran war dieses Weib schuld. Sie war schuld an allem, was in seinem Leben schiefgelaufen war. Die Begegnung mit Hiske Aalken war der Wendepunkt zu einem Dasein gewesen, das er von dem Augenblick an als ein solches nicht mehr bezeichnen wollte. »Immer der Hölle entgegen«, grummelte er. Bevor er aber im Fegefeuer ankam, würde er sie mit sich reißen. Sie sollte brennen. Das, was er ihr schon in Jever zugedacht hatte, würde er jetzt einlösen. Klaas wusste, wo er das Weib finden würde. Drei Jahre waren verstrichen, aber dann hatte Satan ein Einsehen gehabt und ihm ihren Aufenthaltsort durch einen Verbündeten zugeflüstert.

»Der Feind ist dir nah, Hebamme. So nah!« Klaas steuerte das Ufer an, er hatte eine Stelle entdeckt, wo er ohne Schwierigkeiten anlegen konnte, denn dank der Toverschen, dem Hexenweib, war er lange nicht mehr so behände, wie er es ohne sie gewesen wäre.

Klaas vertäute das Boot an einem niedrig gewachsenen Baum und legte sich im Schutz des Schilfes zum Schlafen nieder. Er wollte die für ihn zu helle Sonne zum Ruhen nutzen und nur in der Dunkelheit weiterfahren. In der nächsten Nacht oder am Morgen darauf würde er den neuen Hafen anlaufen, und dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Wer es wagte, sich ihm in den Weg zu stellen, war des Todes.

Anneke Hollander hatte eben den letzten Kunden verabschiedet. Der Morgen verdrängte die Nacht. Ihr Leben war falsch, und doch zwang ihr knurrender Magen sie dazu, auf diese Weise ihr Geld zu verdienen. Von nichts konnte auch sie nicht leben. Ihr Einkommen reichte kaum aus. Es war immer schwerer, einen Schap zu bekommen oder auch nur ein Stück Käse oder Brot, selbst das Mehl war teuer geworden.

Ihr Tun in den Nächten war gegen alles, was der Glaube gebot, gegen jede Verordnung, die Krechting erlassen hatte. Sie musste vorsichtig sein, damit er nichts davon erfuhr. Er hatte es streng untersagt, aber was sollte die Enthaltsamkeit? Auch die Täufer und Mennoniten waren Menschen mit Bedürfnissen, ob es Krechting gefiel oder nicht. Die immer häufiger einlaufenden Schiffe brachten weitere Kunden mit.

Anneke zuckte mit den Schultern. Sie musste tun, was sie tun musste, eine Wahl hatte sie nicht. Die beiden Frauen, die sie beschäftigte, gaben ihr einen Großteil des Verdienstes ab, dafür bekamen sie eine Kammer, Brot und Dünnbier und hin und wieder das Gekröse eines Hammels. Am Ende jeder Woche gab sie den beiden eine Münze, die sie zu Stillschweigen verpflichtete, denn Krechting würde sie ansonsten der Herrlichkeit verweisen. Während sich einst noch ein Hauch von Güte in seinem Gesicht befunden hatte, vor allem, als er seine Visionen leben wollte, zeigten sich dort nun nur noch Härte und Unnachgiebigkeit. Seine Augen hatten das darin früher lodernde Feuer verloren, nichts war mehr übrig von dem, was alle im Burgkeller, bei ihren heimlichen Versammlungen, gefesselt hatte. Diese fehlende Glut glich Krechting nun durch einen unbedingten Machtwillen und eine unsägliche Konsequenz aus. Einzig im Beisein der Hebamme zeigte er sich von seiner freundlichen Seite, wie auch immer dieses Weib es geschafft hatte, einen solchen Mann für sich zu gewinnen.

Bei Jan Valkensteyn war ihr das aber nur kurz gelungen, denn er war gegangen. Dennoch verspürte Anneke immer wieder einen Stich, denn dass der Arzt nicht in ihrem Bett gelandet war, hatte sie ganz eindeutig dem Hebammenweib zu verdanken. Hin und wieder beschlich Anneke eine große Wut. Auf sich, aber auch auf Jan Valkensteyn, der einfach sang- und klanglos verschwunden war. Sie hätte ihn damals stärker um den Finger wickeln sollen. Er war eine verlorene Seele, und auch wenn er es sich nicht eingestand, so suchte er doch nach körperlicher Nähe, die sie ihm hätte geben können. Im Gegenzug dazu wäre sie davon befreit gewesen, ihre Beine für andere Männer zu spreizen. Sie war nur froh, dass er sich auch nicht für Hiske entschieden hatte. Denn das wäre für Anneke nur schwer zu ertragen gewesen. Zudem sie einem Mann größere Wonnen bereiten konnte als eine Frau wie die Hebamme, deren Hände zwar Kinder aus den Frauenleibern pflückten, die aber ein männliches Gemächt vermutlich noch nie mit dem Verlangen eines Weibes berührt hatte.

Anneke verschloss die Tür. Jedes Mal, wenn sie das tat, verspürte sie einen Trotz gegenüber der Obrigkeit. Was bildete sich Krechting als Täufer aus Münster eigentlich ein, hier alles bestimmen zu können? Sie, die Menschen, mussten hier leben und mit erheblich weniger auskommen als er, der ein Daunenkissen und keines aus Stroh unter seinem Haupt wusste. Dazu kam die Ablehnung durch die einheimische Bevölkerung. »Mennisten und Loegenpack« wurden sie beschimpft, wenn sie ihnen begegneten. Als Deichbauer waren die Holländer gut genug, aber sonst sollten sie sich still verhalten. Krechting hingegen genoss ein hohes Ansehen bei allen, was sicherlich auch an der Gunst der Häuptlingswitwe lag. Alle Hoffnungen ruhten auf dem Juristen, damit die Neustadt wuchs und zu Ruhm und Ehre kam.

Nun sollte bald jemand eintreffen, der Krechting bei der Ausführung der Pläne unterstützen sollte. Das hatte Anneke zumindest gehört. »Vielleicht ist der Mann ledig, und ich kann bei ihm landen«, flüsterte sie. »Keiner redet über meinen heimlichen Nebenverdienst, und so werde ich nie als Duuvke bezeichnet. Das öffnet mir die Türen auch zu den reichen Männern. Sie nehmen sich zwar Frauen wie mich, würden sie aber nie ehelichen.« Sie lächelte und dachte: Kein Fremder weiß von meinem Tun, wenn ich es geschickt anstelle. Mit etwas Glück würde auch Jan Valkensteyn irgendwann zurückkommen, und dann wäre sie schneller als Hiske, die sich ebenfalls noch nicht vermählt hatte, obwohl es tatsächlich unter den Deicharbeitern ein paar Werber gegeben hatten. »Na, wer dunkle und geheimnisvolle Weiber mit solch merkwürdigen Augen mag.«

Anneke besah den Morgen, die ersten Sonnenstrahlen erwärmten die Luft. Sie würde nur kurz schlafen können, bevor der neue Tag mit neuen Hoffnungen und Träumen begann, die sich spätestens in der Nacht, wenn der letzte Freier gegangen war, wieder zerschlagen hatten.

Amsterdam 1524

Als der Meister in die Werkstatt tritt, ist der Alte tot. Er hält das Medaillon in der offenen Hand, die Kette hat sich um den Zeigefinger geschlungen.

Der Meister schafft den Mann hinters Haus. Er ist schwerer als gedacht. Der Morgen dämmert bereits, noch sind kaum Menschen auf den Straßen unterwegs. Amsterdam schläft noch. Hinter dem Haus befindet sich eine Gracht, die träge vor sich hinfließt. Dort bindet er ihm Backsteine an Füße und Hände und legt ihn auf die Wasseroberfläche. Die Gracht öffnet kurz ihren Schlund, und er verschwindet darin, als habe sie ihn gierig verschluckt. Es wird dauern, bis man ihn findet, und niemand kann eine Verbindung zwischen dem Meister und dem Edelsteinschleifer herstellen. Er hat ihn sorgfältig in einer anderen Stadt auserwählt und darauf geachtet, dass sie sich zuvor niemals über den Weg gelaufen sind.

Der Meister setzt sich im Licht der aufgehenden Sonne an seinen Küchentisch, öffnet das Medaillon, sieht auf die Kristallträne, die in einem Meer aus dunklem Samt, Sternen und Goldwellen badet. Es wird das Letzte sein, was sie von ihm hört, denn seine Berufung ist eine andere. Er kann, er darf niemals lieben, das ist nicht sein Weg. Er hat schwere Sünden auf sich geladen, die er nun abarbeiten muss.

Kein Weib wird mehr bei ihm liegen, keine weiche Haut mehr die Seinige berühren. Nun, wo es vollbracht ist, muss er das Priestergewand erneut anlegen, ist nie wieder der Meister mit einfacher weltlicher Kleidung. Er wird endgültig zurückkehren in sein gottesfürchtiges Leben. Morgen für Morgen, Abend für Abend wird er sich kasteien. So lange, bis die Haut auf dem Rücken aufgeplatzt ist, so lange, bis er mehrmals täglich das Blut gespürt hat.

Er ist es nicht wert, anders weiterzuleben. Er hat gehurt, er hat getötet, er hat Leben gezeugt. Aber er hat auch etwas geschaffen. Dieses Schmuckstück und diese Träne, die ewig weinen wird, weil er dennoch nicht anders konnte als zu lieben.

2. Kapitel

Hiske war, obwohl sie nur wenige Stunden Schlaf gefunden hatte, früh aufgestanden, denn sie musste in die Neustadt, weil ein Weib niederkam. Die Fäuste ihrer Magd hatten laut gegen die Tür geschlagen und kein weiteres Ausruhen geduldet. Die Hebamme war müde, wusch sich mit noch fast geschlossenen Augen Hände und Gesicht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!