Der männliche Baum - Nam-Sig Gross - ebook

Der männliche Baum ebook

Nam-Sig Gross

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Opis

Nam-Sig bedeutet „männlicher Baum“. Doch diesen Namen trägt eine Frau, die uns in diesem Buch ihre Geschichte erzählt: Ihre Wurzeln entspringen zwar in Südkorea, im Laufe ihres Lebens erstreckten sich die Zweige jedoch weit über die Kontinente. Mit 19 Jahren kam sie als examinierte Krankenschwester nach Deutschland – das Ziel Musik zu studieren fest im Blick. Sie verwirklichte ihren Traum mit Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit. Nicht nur als Musikpädagogin, sondern auch als dreifache Mutter inzwischen erwachsener Kinder, schildert Nam-Sig Gross ihren Lebensweg mit allen Hindernissen und Erfolgserlebnissen so spannend wie ein Roman - erschütternd und amüsant zugleich. Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise in ihre Vergangenheit. Wir lernen sie kennen als eine starke Persönlichkeit, die mit ihrer Liebe zur Musik und einer großen Portion Mut in einer fremden Kultur Fuß fassen konnte, ohne ihre Heimat aus den Augen zu verlieren.

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Nam-SigGross wurde in Südkorea geboren und kam 1974 im Alter von 19 Jahren als examinierte Krankenschwester nach Deutschland, um Musik zu studieren. Nach ihrem Studium an der Musikhochschule Detmold ist sie mittlerweile seit mehr als 35 Jahren als Instrumentalpädagogin im Fach Klavier tätig.Mit ihrem deutschen Mann ist sie seit 1978 verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.In Zusammenarbeit mit ihrer deutschen Heimatstadt Lippstadt organisierte sie mehrere Veranstaltungen mit dem Ziel der kulturellen Begegnung mit Südkorea. Eine erste Fotoausstellung wurde begleitet von Vorträgen, Sport- und Tanzveranstaltungen, wie u.a. einer Ballettchoreographie, die das klassische Ballett mit traditionellem koreanischem Tanz verband (1996). Es folgten zwei Kunstausstellungen zu Kalligraphien und Keramiken des koreanischen Künstlers Chilsan Lim Jae Yong (1999) und zur koreanischen Volksmalerei (Minhwa) des Künstlers Kim Man Hee (2005). Diese letzte Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit der Koreanischen Botschaft anschließend auch in Berlin gezeigt. Mit ihrem Buch leistet Nam-SigGross nun einen weiteren Beitrag zur Völkerverständigung und bietet Einblicke in ein Leben zwischen zwei Kulturen.

Mehr zur Autorin: www.nam-sig-gross.com

Nam-SigGross

Der männliche Baum

Ein Leben zwischen zwei Kulturen

Erstauflage 2016

Nam-SigGross: Der männliche Baum – Ein Leben zwischen zwei Kulturen

Copyright: © 2016 Nam-Sig Gross

www.nam-sig-gross.com

[email protected]

Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Für

Alexandra Nam-Mi남미

Henriette In-Su인주

Maximilian Han-Sig한식

und für die Menschen, die mir die Frage stellten:

„Erzählst du mir von deinem Leben?“

Seoul/Lippstadt Mai 2016

Inhalt

1. Ein dritter Raum

2. Schreiben

3. Geteiltes Land

4. Drei Geburtstage

5. Der männliche Baum

6. Der Brunnen

7. Ein Wiedersehen

8. Ruhm

9. Die Schamanin

10. Als der Tiger noch Pfeife rauchte

11. Meine erste deutsche Freundin

12. Adventskalender

13. Die Pilzhexe

14. Kulturelle Begegnung

15. Ein Traum

16. Der Traum des Schmetterlings

17. B. B. B. - die weite Welt

18. Mein Vater, kein Konfuzianer

19. Eine Frau im Strohsack

20. Meine Mutter, eine koreanische Frau

21. Trostfrauen

22. Ferne Nähe

23. Heimatlos in der Heimat

24. Sechzigster Geburtstag (HANGAB)

1. Ein dritter Raum

Einen dritten Raum soll es geben.

Einen vertrauten, eigenen.

Ein solcher Raum entsteht aus einer Mischung des Fremden, das im Laufe der Jahre zu etwas Vertrautem wurde, und des angeborenen Vertrauten, das zu Fremdem wird.Eingravierte Überzeugungen werden von Neuem überschrieben.Vermeintlich Verstandenes wird von unvorhergesehenenEreignissen des Lebens wiederin Frage gestellt.

Ein Fluss kehrt nie wieder zurück zur Quelle, sagte ein alter Mann, sein Lebensende ahnend.Doch am Ende trägt jeder Fluss unzählige Erfahrungen mit sich, gewonnen im kurvenreichen Verlauf seines Weges.Und es lohnt sich, diese noch einmal zureflektieren, bevor sie mit dem großen Meer verschmelzen.

Ich spürte solch einen dritten Raum, der nur mir zugänglichwar.Eigentlich vonAnfang an.

Bereits als ich ein kleines Kind war und unsere acht Familienmitglieder mit zwei Zimmern auskommen mussten, besaß ich meine eigene Ecke.Als ich meine Ecke dann doch mit anderen teilen musste, wich ich über eine Holztreppe in einen Zwischenraum aus, eine Art Einbauschrank.Er hatte ein kleines Fenster, das Tageslicht spendete. Dort stellten wir tagsüber unsere Schlafmatten ab, wenn unser Schlafzimmer in ein Wohn-, Arbeits- oder Esszimmer umgewandelt wurde. Wir mussten unsere Schlafmatten mit einem aus Baumwolle fest gesteppten unteren Teil und einer etwas lockerer gesteppten Decke ordentlich falten, damit alle Matten in diese schmale Nische passten. Dann kamen noch die länglichen Kopfkissen darauf, aus Baumwollstoff genäht und mit verschiedenem Getreide gefüllt. Da jeder ein Kissen besaß, kam doch einiges zusammen, das den Lagerraum füllte.

In diesem Raum konnte man nicht aufrecht stehen. Selbst ich als kleines Mädchen musste mich im Sitzen bewegen.Ich schob dann die Matten etwas beiseite, soweit es der Raum erlaubte und stellte einen kleinen alten Esstisch, der keine Verwendung mehr fand, nachdem eines der Beine abgebrochen war, als Schreibtisch dort hinein. Das fehlende Tischbein konnte ich durch meine alten Bücher ersetzen, so hoch gestapelt, bis der Tisch eine einigermaßen ebene Fläche zum Schreiben ergab. So war mein geliebter Schreibtisch, mit alten Büchern repariert, etwa vierzig Zentimeter hoch. Unsere Tische waren immer so niedrig, denn damals saßen wir im Schneidersitz auf dem Boden.

Ich stellte meinen Schreibtisch neben das Fenster, um das Tageslicht zu nutzen und meine müden Augen nach draußen richten zu können. Das Fenster war so klein, dass ich es mit meinen beiden Händen völlig verdunkeln konnte. Es war jedoch immer noch groß genug, um meinen Namen vollständig darauf schreiben zu können. Ich atmete ganz tief ein, hauchte warme, feuchte Atemluft an die Scheibe, schrieb ganz eilig mit den Fingern meinen Namen und beobachtete, wie schnell die Buchstaben wieder verschwanden.

Mein Name mit Atemluft geschrieben.

Wenn ich über die Holztreppe, die aus drei Querhölzern zwischen langen Holzstangen rechts und links bestand, mein Zimmer betrat, die Schiebetür hinter mir schloss, war ich ganz mit mir allein und es störte niemanden, wie viele Male ich meinen Namen schrieb. Ich konnte auch viele Decken zu mir holen, wenn mir im Winter kalt wurde. Zwischen den gelagerten Schlafmatten der ganzen Familie und meinem Schreibtisch waren gerade mal zehn Zentimeter Abstand. Das war viel Platz in meinen Kinderaugen.

Ich habe immer auf meinem Schreibtisch geschrieben.Ich weiß gar nicht mehr, was ich geschrieben habe. Meistens Tagebücher vermutlich.Ich unterhielt mich, wie ich es immer noch tue, mit mir.

Fünfzig Jahre später.

Gestern habe ich wieder mein eigenes Schreibzimmer eingerichtet.Ein Zimmer in der Nähe des Waschraums, in dem unsere Waschmaschine fleißig ihre Arbeit verrichtet, neben ihr sogar ein Trockner, der unabhängig von der Wetterlage unsere Kleidung wieder schrankfertig trocknet.Eine Etage höher habe ich ein Musikzimmer, in dem ich an meinen beiden Flügeln arbeite. Dort bringe ich meinen Schülern bei, wie man Klavier spielt. Unsere Küche daneben, mein anderes Arbeitszimmer, ist auch ein wichtiger Lebensraum, den ich mehrmals täglich betrete.Noch eine Etage höher befinden sich unsere Schlafräume.Inzwischen schlafen unsere erwachsenen Kinder in ihren eigenen vier Wänden, doch ihre Sachen liegen noch erkennbar in den Kinderzimmern. Ich glaube, die Kinder als Gäste sind froh, dass der vertraute Zimmergeruch noch immer da ist. Sie kommen häufig mit ihren Partnern und schlafen gerne in ihren eigenen engen Bettchen.

Ich gehe noch oft in ihre Zimmer und denke, dass sie gleich um die Ecke kommen und dass ich sie ermahnen muss ihre Sachen endlich aufzuräumen.

Wir haben noch ein Wohn- und Esszimmer, das man nicht zum Schlafen umräumen muss, wie ich es von früher kenne, und das zum Garten führt, wo mein Kaki-Baum wächst.

Ich kann durch all diese Räume auch als Erwachsene aufrechten Ganges schreiten und die Zimmer bietenausreichend Platz für die großenKronleuchter aus dem Nachlass der deutschen Großeltern meiner Kinder.

Solche Räume waren mir fremd, als ich klein war.Mein innerer Raum aber ist geblieben, sowohl in Korea als auch in Deutschland.Ich fange wieder an zu schreiben, auf meinem Schreibtisch, der viel höher ist als damals in meinem Zwischenraum neben den Schlafmatten.

Mal koreanisch.

Mal deutsch.

Die äußeren Begebenheiten sind nicht die, die mich verändern.Meine eigene Wahrnehmung ist es, die mich verändert in meinem Denken.

Egal wo.

2. Schreiben

Ein gelebtes Leben zu reflektieren ist einfacher als sich auszumalen, wie es werden könnte.Der Zeitpunkt des Reflektierens bestimmt die jeweilige Sichtweise. Es wird gefiltert, was einem wichtig erscheint. Vieles ist in Vergessenheit geraten, weil es für das weitere Leben keine Rolle spielt. Manches vergisst man einfach.

Dankbar nehme ich an, was geblieben ist in meinem Gedächtnis, was die eigene Auswahl bewahrthat.Es ist nicht immer die leichte Seite des Lebens, an die man sich erinnert, aber überwundenen Schmerz fühlt man meistens als Erleichterung. Die vergangene Zeitkehrt zurück durch Ereignisse, die mit der Vergangenheit noch in Verbindung stehen und man erlebt sie deshalb sehr nah.Manchmal so lebendig, dass das Leben im Zeitraffer einem erschreckend kurz vorkommt.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens kommt auf.DieZeitspanne, die Farbigkeit und die Bewegtheit der Gefühle werden wieder ins Bewusstsein geholt.

Tief atmen.

Das Leben spüren.

Die Gefühle werden wieder lebendig.

Schreiben ist rein menschlich.Einzig darin unterscheidet sich das Tier Mensch von anderen Tieren. Den übrigen Tieren genügt es einfach zu leben und sie folgen ihrem Weg.

Ich beschreibe mich mit Buchstaben.Ich spiele mitihnen, seit ich schreibengelernt habe.Seitdem sind viele Jahre vergangen. Ich betrachte mich in meinem jetzigen Zustand. Welche Lichtverhältnisse der jeweiligen Zeit haben meine Erscheinung beeinflusst, welche Erlebnisse mein Denken?

Meine Gefühle durch die Musik auszudrücken kam später. Das Erlernen eines Instruments bedarf viele Jahre Beschäftigung mit den motorischen und geistigen Fähigkeiten.In jedem Moment des Musizierens sucht mandie Übereinstimmung mit sich selbst und mit dem Klang. Ein ganzes Leben lang eine Bemühung mit sich ins Reine zu kommen.

Betrachte ich ein Bild, richte ich mein Auge auf das, was ich sehen will oder auch nicht.Aber der Klang durchdringt uns, und es ist nicht möglich meinen Körperder Bewegung der Schallwellen zu entziehen. Ich bin selber ein Teil der Resonanz.Schreiben ist viel intimer.

Meine Gedanken kann ich selbst heimlich zurechtschneiden, wie ich es für richtig halte.Geschriebene Buchstaben kann man wieder löschen, wenn sie für einen selbst keine Bedeutung mehr haben.

So spiele ich immer mit meinen Buchstaben.Zuerst auf koreanisch, später auch aufdeutsch. Und inzwischen auchviele Male inbeiden Sprachen, mitkleinen Zeitverschiebungen.Ich übersetze die beiden Sprachen von der einen in die andere, um den Sinn in der anderen Kulturebene wiederzuerkennen.

Dort treffe ich meistens mich selbst.

Es gibt beibestimmten Wörtern, wie Geburt, Leben, Freude, Trauer, Abschied und Tod, kein Missverständnis der richtigen Übersetzung. Es gibt nur einen Unterschied in der Intensität der Gefühlsebene.Geschriebene Wörter helfen, unsere Erinnerung wieder ins Leben zu holen.

Meine viel zu früh verstorbene Schwester gab mir von ihr geschriebene Zeilen als Abschiedsgeschenk, als sie wieder nach Korea flog, nachdem sie mich in Deutschland besucht hatte.

Diese Zeilen trage ich immer und überall bei mir. So lebt meine Schwester in mir, ganz lebendig.

„Dort, wo wir verweilten“Wir sprachen nur mit unseren Augen.Es war trotzdem so warm, wie ein kommender Frühling.

Am Endeder kalten Wintertagegrüssen uns Forsythienblümlein.

In uns den Abschied tragend,

nahmen wir das Lachen der Kinder auf.

Wir teilten unsere Haut und unser Blut,       deshalb wagten wir nicht zu sprechen.

Um die schlaflose Nacht des Reisenden       kreist die Liebe ganz zäh –Wie derruhig fließende Fluss hinter dem Haus      

schreiten Du und Ich weiter unsere Wege.

Manchmal gewollt gegen die Strömung,     manchmal gewollt festhaltend die Zeit.Machtlos stehen wir vor dem Geschehen.Lass uns nicht an den Abschied denken.

Mit dem Licht des Morgens,

das uns ein Wiedersehen verheißt, verlasse ich Dich mit einem Lächeln.

Ich vergaß den Schmerz des Abschieds, weil ich die Nähe spürte durch ihre geschriebenen Worte.

3. Geteiltes Land

Es schmerzt, wenn eine Familie geteilt wird und nicht mehr miteinander spricht. Es ist unverständlich wie es dazu kommen konnte, wo die Familie doch die gleiche Sprache spricht und fast vierzig Jahre lang für dieselbe Freiheit gekämpft hat, für die gemeinsame Freiheit und Identität. Undletztendlich stehen sich nun beide Teile als Feinde gegenüber, mit einem gepanzerten Gesicht.

Als ich die Grundschule besuchte, sangen wir viel. Da es kein vernünftiges Musikinstrument gab, sangen wir, denn eine Stimme hatten wir alle.Ich kann mich noch ganz genau an den Text erinnern, den ich vor mehr als 50 Jahren gesungen habe als kleines Schulmädchen.

„Unser Wunsch ist unsere Vereinigung.

Selbst im Traum wünschen wir unsere Einigung.

Lasst uns schnell wiedervereinigen!

Lasst uns schnell wiedervereinigen!“

Nun, viele Jahre sind vergangen, ohne dass unser Traum in Erfüllung ging.Es wird immer schlimmer mit unserer Feindschaft.

Die Nordkoreaner wollen den eigenen Bruder im Süden vor den USA und aus dem Kapitalismus retten und die Südkoreaner möchten keine Kommunisten werden wie die Nordkoreanerund sich schon gar nicht der Diktatur Kim unterordnen.Aus lauter Pflicht undÜberzeugung, den eigenen Bruder zu retten, kauften die Nordkoreaner Waffen, und dafür hungern sie, wenn es sein muss, auch bis zum Tod. Südkoreaner arbeiteten Tag und Nacht und schafften mit Namen wie Samsung oder Hyundai reiche Menschen im Lande, und sie haben den Arbeitern das Wort „Urlaub“ vorenthalten.

Ich persönlich habe bis jetzt keinen Krieg erlebt.Aber die Erzählungen von den Menschen, die ihn erlebt haben, reichen aus, tiefstes Glück zu empfinden, nicht daran beteiligt gewesen zu sein.

Meine Oma erzählte: „Ich habe deine Mutter geschützt vor einem amerikanischen Soldaten, der nach Frauen gejagt hat, um sie zu vergewaltigen, mit einer Waffe in der Hand. Sie war krank und lag im Bett und als der Soldat ins Zimmer kam, habe ich ein blutgetränktes Tuch vor ihre Unterhose gehalten.“ Als ich dann fragte: „Wo hattest du so schnell das Blut her?“, antwortete meine Oma: „Ja, ich habe ganz schnell eins meiner Hühner getötet als ich von Nachbarn hörte, dass Soldaten unterwegs sind, Frauen zu jagen. Es war Hühnerblut. Wir hatten ein paar Hühner gehalten hinter unserem Haus. Nach 40 Jahren Ausbeutung durch die Japaner und dem anschließenden Koreakrieg war man schon sehr reich, wenn man ein paar eigene Hühner besaß.“

Ich fragte „Wo war mein Papa? Warum hat er seine Frau nicht beschützt?“

„Dein Papa war zum Glück schwer krank und lag mit Tuberkulose im Krankenhaus. Ich sage dir ‚zum Glück’, weil sonst mein Sohn im zweiten Weltkrieg als japanischer Frontkämpfer in der Mandschurei nicht überlebt hätte und schon gar nicht im Koreakrieg als koreanischer Soldat. So wärst Du ja gar nicht erst geboren worden“, antwortete sie.

Meine zwölf Jahre ältere Schwester erzählte dann ganz stolz: „Zuerst habe ich vor nordkoreanischen Soldaten gesungenund bekam Reiskuchen, und danach habe ich dasselbe Lied vor amerikanischen Soldaten gesungen und bekam Schokolade. Ich habe aber dann meine Beute immer mit nach Hause genommen und mit meinen jüngeren Geschwistern geteilt.“Meine älteste Schwester hatte bereits vier jüngere Geschwister, die sie mit ihren Süßigkeiten, die sie schwer verdient hatte, versorgen musste.

Und dann bin ich geboren, kurz nach dem Koreakrieg.Eine neue Hoffnung.

Ein neues Lebenszeichen, in einer Zeit, in der eine Frau nicht entscheiden konnte über die Entstehung eines Lebens. Meine Mutter hatte keine Antibabypilleund auch keine „Pille danach“.

Ich kenne meine Heimat von Geburt an als geteiltes Land.

So lebte ich auf einer Insel, die keine ist.Nach Norden gibt es keinen Zugang, sodass Südkorea nur von Meer umgeben ist.Mit einem Auto ins Ausland zu fahren kennen wir nicht.

Das Verlangen nach Aufmerksamkeit haben die Nordkoreaner im Laufe von mehr als sechs Jahrzehnten in die Tat umgesetzt, meistens mit mündlichen Drohungen, aber auch, wenn dies nicht genügte, mit kleinen kriegerischen Handlungen. Aber wenn die Südkoreaner mit den USA vor der Nase der Nordkoreaner mit militärischen Waffen im Manöver den schönen koreanischen Aprilhimmel verzieren,ist das auch keine diplomatische Art, sich zu präsentieren.

Je länger die Verletzung und die Teilung anhalten, destoschwieriger wird es, sie zu heilen.

Die Zeit des Wiedergutmachens läuft davon.Die Kruste einer Wunde vertrocknet.

Meine Großeltern, die gegen die japanische Kolonialmacht ihr Leben riskierten, leben nicht mehr. Weil die Japaner durch die Atombombe zum Verlierer des Krieges wurden und uns unser Land wiedergaben, durften meine Eltern ihren japanischen Namen wieder gegen den eigenen Namen tauschen und ihre eigene koreanische Sprache wieder sprechen. Aber auch sie leben nicht mehr. Selbst wir, die unsere Eltern respektierten, weil sie sich für uns geopfert hatten und wir deshalb ein besseres Leben als sie haben, sterben langsam aber sicher aus.

Ich bin eine koreanisch aussehende Deutsche.

Meine Kinder haben koreanische und deutsche Eltern und leben in Deutschland. Sie kennen das Land Korea von ihren Urlaubsaufenthalten.Meine koreanische Familie sind ihre koreanischen Verwandten und meines Mannes Familie sind ihre deutschen Verwandten.Die Entfernung zwischen beiden Ländern ist viel größer, aber wir stehen uns nicht als Feinde gegenüber wie die Nord- und Südkoreaner, die nur durch einen paar Meter Niemandsland getrennt sind.

Der Koreakrieg 1950 war ein Krieg der großenMächte, in der Zeit, in der vom kalten Krieg die Rede war.Korea als politischer Spielball.

Wir wurden geteilt.

Der Norden als kommunistische und der Süden als kapitalistische Zone.Brauchen die Mächtigen immer noch einen Ball zum spielen?Sind die Koreaner noch so abhängig von außen, dass sie ihren eigenen Bruder nicht erkennen?

Die Deutschen haben es geschafft ihr Land wieder zu vereinen.Die Geschichte lebt durch ständige Verwandlungen.

Während des Koreakriegs entstanden viele Kinder aus Vergewaltigungen. Meine älteste Schwester erzählte mir: „Wusstest du, dass solche Kinder im Waisenhaus mit einem Pinsel und dunkler Tinte versuchten ihre blonden Haare zu färben, damit sie so schwarze Haare bekämen, wie alle anderen koreanischen Kinder? Diese Kinder wurden nicht akzeptiert. Sie hatten nicht das Recht zu einem normalen Leben, denn sie sahen etwas anders aus.“ Sie erzählte auch: „Die nordkoreanischen Soldaten haben nicht nach Frauen gejagt, wie die Amerikaner.“

Meine Multi-Identifikation löscht nicht die große Sehnsucht, nach meinen Wurzeln zu schauen.Das Land zwischen China und Japan.

Ich holte mein altes koreanisches Schulmusikbuch aus dem Regal, in dem die Bücher aus Korea gesammelt sind.

Der Staub ließ sich leicht wegwischen.

Ich sang noch mal mit meiner alt gewordenen Stimme den Text des Kinderliedes, denich aus voller Überzeugung ganz laut gesungen habe:

„Unser Wunsch ist unsere Vereinigung.

Selbst im Traum wünschen wir unsere Einigung.

Lasst uns schnell wiedervereinigen!

Lasst uns schnell wiedervereinigen!“

Mühsam aufgebautes Land Korea.

Die Zerstückelung schmerzt den eigenen Körper.