Der Landdoktor Classic 29 – Arztroman - Christine von Bergen - ebook

Der Landdoktor Classic 29 – Arztroman ebook

Christine von Bergen

0,0
12,99 zł

Opis

Der Landdoktor – diese großartig erzählte, völlig neue und einzigartige Arztromanserie von der beliebten, serienerfahrenen Schriftstellerin Christine von Bergen. Dr. Brunner bewohnt mit seiner geliebten Frau Ulrike und einem Jagdhund namens Lump ein typisches Schwarzwaldhaus, in dem er auch seine Praxis betreibt. Ein Arzt für Leib und Seele. "Ausgezeichnet!", rief Dr. Brunner begeistert aus. "Ich sage dir, Charlotte ist olympiaverdächtig." Er sah den grauhaarigen Mann an seiner Seite aufmunternd an. Sein langjähriger Freund lächelte geschmeichelt. "Weißt du noch? Schon als junges Mädchen hatte meine Tochter ein unglaubliches Talent, mit Pferden umzugehen", erwiderte Dr. Bernhard Dünker voller Stolz, bevor sich sein Gesicht zu einer besorgten Miene verzog. "Ich wünsche Charlotte zwar von Herzen, dass sie übermorgen das Turnier gewinnt, aber Olympiade? Wenn sie dafür trainieren müsste, hätte sie keine Zeit mehr für ihr Studium. So sehr ich ihr Talent bewundere und ihr den Erfolg gönne, so sehr würde ich mir jedoch auch wünschen, sie würde Lehrerin werden, statt ihr Hobby zum Beruf zu machen. Der Beruf der Lehrerin ist etwas Solides und krisenfest. Den kann sie auch noch mit Fünfzig oder älter ausüben. Mit der Reiterei ist es irgendwann vorbei." Matthias Brunner musste lachen. "Du bist immer noch der gleiche Sicherheitsfanatiker wie früher." "Ich bin Jurist und zugleich Staatsbeamter. Beamte sind immer Sicherheitsfanatiker"

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi lub dowolnej aplikacji obsługującej format:

EPUB
MOBI

Liczba stron: 119




Leseprobe: Die junge Gräfin 16 - Ball der glücklichen Herzen

Ball der glücklichen Herzen

… denn die Liebe kann so schön sein!

Natürlich war Gräfin Alexandra froh, dass der hässliche Streit mit ihrer allerbesten Freundin Liliane endlich beigelegt war. Aber so ganz richtig konnte sie sich nicht freuen, denn Lil befand sich in einem geradezu erbarmungswürdigen Zustand. Sie hätte diese Reise nach Amerika niemals machen sollen, nur hinterher war man immer schlauer. Auch Lil, die alle guten Ratschläge in den Wind geschlagen hatte. Alexandra öffnete leise die Tür des Gästezimmers, in dem sie Lil untergebracht hatte, schlich ans Bett, in dem ihre Freundin, zusammengerollt wie eine kleine Katze, tief und fest schlief. Alexandra blickte auf ihre Armbanduhr. Es war kurz vor Elf, für Liliane, die normalerweise zu den Frühaufstehern gehörte, mehr als ungewöhnlich. Doch daran erkannte man auch, wie erschöpft sie war. Nicht körperlich, sondern eher seelisch. Alexandra war geneigt, sich zu Lil herunterzubeugen, ihr übers Haar zu streichen. Doch mitten in der Bewegung hielt sie inne. Sie wollte Lil nicht aufwecken. Schlaf war ein gutes Heilmittel. Ebenso leise, wie sie gekommen war, verließ sie das Zimmer wieder. Wie würde es mit Liliane weitergehen? Konnte jemand mit gebrochenen Flügeln sich schnell wieder aufrichten? Wohl eher nicht. Alexandra seufzte. Lil tat ihr so unendlich leid, und sie würde alles tun, um wieder ein Lachen auf deren Gesicht zu zaubern. Lil und deren Wohlbefinden standen nun für Alexandra im Vordergrund, aber sie durfte die Tatsache nicht beiseiteschieben, dass Lil selbst schuld an ihrem Elend war.

Der Landdoktor Classic – 29 –

Wenn dich alle verlassen…

Christine von Bergen

»Ausgezeichnet!«, rief Dr. Brunner begeistert aus. »Ich sage dir, Charlotte ist olympiaverdächtig.« Er sah den grauhaarigen Mann an seiner Seite aufmunternd an.

Sein langjähriger Freund lächelte geschmeichelt.

»Weißt du noch? Schon als junges Mädchen hatte meine Tochter ein unglaubliches Talent, mit Pferden umzugehen«, erwiderte Dr. Bernhard Dünker voller Stolz, bevor sich sein Gesicht zu einer besorgten Miene verzog. »Ich wünsche Charlotte zwar von Herzen, dass sie übermorgen das Turnier gewinnt, aber Olympiade? Wenn sie dafür trainieren müsste, hätte sie keine Zeit mehr für ihr Studium. So sehr ich ihr Talent bewundere und ihr den Erfolg gönne, so sehr würde ich mir jedoch auch wünschen, sie würde Lehrerin werden, statt ihr Hobby zum Beruf zu machen. Der Beruf der Lehrerin ist etwas Solides und krisenfest. Den kann sie auch noch mit Fünfzig oder älter ausüben. Mit der Reiterei ist es irgendwann vorbei.«

Matthias Brunner musste lachen. »Du bist immer noch der gleiche Sicherheitsfanatiker wie früher.«

»Ich bin Jurist und zugleich Staatsbeamter. Beamte sind immer Sicherheitsfanatiker«, erwiderte Bernhard zwinkernd, fuhr dann jedoch sogleich wieder ernst fort: »Außerdem denke ich auch an die Gefahr, die mit dem Reitsport verbunden ist. Bei jedem Turnier habe ich Angst um sie.«

»Nun mal den Teufel nicht an die Wand. Charlotte ist jung. Sie hat einen durchtrainierten Körper und ist eins mit ihrem Pferd.«

»Trotzdem«, erwiderte Bernhard und seufzte sorgenvoll auf. Dann richtete er den Blick wieder auf den Parcours.

Nachdem seine Tochter das letzte Hindernis exakt gemeistert hatte, ritt sie auf die beiden Männer zu, die am Zaun des Parcours lehnten.

»Na, wie war ich?«, fragte die junge Frau mit leuchtenden Augen.

Sie fiel nicht nur durch ihr langes, dichtes blondes Haar auf, das unter der schwarzen Kappe hervorlugte, sondern auch durch ihre feinen Gesichtszüge. Am schönsten jedoch waren ihre großen, klaren grauen Augen, denen die dichten schwarzen Wimpern eine geheimnisvolle Tiefe gaben.

»Wenn du meine Meinung hören willst, ich sehe dich übermorgen schon auf dem Siegerpodest stehen«, sagte Matthias zu seinem Patenkind.

Charlotte tätschelte den weißen Hengst liebevoll. »Das wäre dann nicht nur mein Verdienst. Sultan ist ein Prachtstück. Kein Pferd lässt sich leichter führen als er.« Dann sah sie den Landdoktor erwartungsvoll an. »Kommt ihr auch übermorgen?«

»Na klar«, versicherte Matthias ihr. »Ulrike freut sich schon auf das Ereignis. Sie hat sich schon einen Hut gekauft«, fügte er zwinkernd hinzu.

*

»Toll hast du das heute gemacht«, sagte Charlotte leise zu Sultan, während sie zärtlich dessen Nüstern streichelte. »Wir beide schaffen das übermorgen. Was meinst du, mein Schöner?«

Sultan schnaubte, als wollte er sagen: Darauf kannst du dich verlassen.

»So, jetzt fahre ich nach Hause«, verabschiedete sich Charlotte von ihrem Pferd. »Morgen komme ich wieder. Dann wird noch einmal trainiert.«

Sie schloss die Pferdebox und ging zum Ausgang. Doch sie kam nur wenige Schritte weit.

Da tauchte wie aus dem Boden gewachsen eine große breite Gestalt vor ihr auf. Zwei schwarze Män­neraugen sahen sie herausfordernd an.

»Gehst du mit Männern auch so zärtlich um wie mit deinem Hengst?«, fragte Roman Rosler sie mit intensivem Blick.

Die pechschwarzen Locken, die ihm in die gebräunte Stirn fielen, gaben ihm etwas Verwegenes.

»Hast du mich erschreckt«, beschwerte sich Charlotte in unwirschem Ton. Bei seinem plötzlichen Auftauchen war sie zusammen gezuckt. »Musst du einem immer so auflauern?«

Sie wollte an ihm vorbei gehen, doch er stellte sich ihr breitbeinig in den Weg. Dabei stützte er sich auf die lange Mistgabel.

»Erschreckt? Du solltest immer mit meiner Gegenwart rechnen, wenn du hier im Stall bist.« Er lachte sie an und zeigte dabei makellose Zähne. »Ich bin nun mal ein einfacher Stallbursche.«

»Du könntest dich wenigstens ankündigen, statt dich immer von hinten anzuschleichen«, entgegnete sie mit strenger Miene. »So, und jetzt lass mich bitte vorbei. Ich muss nach Hause und für die Klausur büffeln.«

»Nur, wenn du am Wochenende mit mir in die Disco gehst.«

»Ich gehe nicht mit dir in die Disco«, erwiderte sie mit fester Stimme. »Wann kapierst du das endlich?«

»Wenn ich mein Medizinexamen bereits in der Tasche hätte, würdest du dich bestimmt von mir einladen lassen«, antwortete Roman. Dabei spielte ein höhnische Lächeln um seinen Mund.

»Auch dann nicht«, sagte sie mit Nachdruck in der sonst so weich klingenden Stimme.

»Weil ich nicht aus so vornehmen Verhältnissen stamme wie du. Stimmt’s?« Romans dunkle Augen sahen sie so eindringlich an, als würden sie in ihre Seele schauen wollen.

»Blödsinn.«

Die körperliche Nähe zu dem Medizinstudenten, der sich sein Studium hart verdienen musste, war ihr plötzlich unangenehm. Roman sah umwerfend gut aus. Aber er besaß auch etwas Gefährliches, was ihr einerseits Angst machte, sie andererseits jedoch auch gleichermaßen faszinierte. Also hielt sie lieber Abstand zu ihm. Überdies gab es noch einen Grund, aus dem sie bisher alle seine Einladungen abgelehnt hatte.

Und dieser ›Grund‹ betrat in diesem Augenblick gerade den Pferdestall.

*

»Störe ich?«, fragte eine ironisch klingende Stimme.

»Ja«, antwortete Roman gelassen.

Die junge Frau mit dem kurzen rot gefärbten Haar sah ihn sichtlich fassungslos an.

Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Charlotte den Eindruck, als würde ihre Konkurrentin bei dem bevorstehenden Springturnier auf der Stelle in Tränen ausbrechen wollen. Doch dann verhärteten sich die ohnehin scharfen Züge der Zweiundzwanzigjährigen. Nellys Blick wanderte zu ihr herüber. Sie konnte eine Mischung aus tiefster Verletzung und brennender Eifersucht in den eng zusammen stehenden Kirschaugen ihrer Rivalin um den Schwarzwald-Pokal erkennen. Ihr war auf Anhieb klar, auf wen sich Nellys Stimmung bezog: auf sie.

»Du störst überhaupt nicht« sagte sie deshalb rasch, um die unangenehme Atmosphäre zwischen ihnen nicht noch mehr anzuheizen. »Du kennst doch Roman. Er spinnt gerade mal wieder.«

Mit diesen Worten rauschte sie an dem Genannten und Nelly vorbei und schlug die Stalltür hinter sich zu.

*

Draußen auf dem Hof atmete Charlotte erst einmal tief durch.

Sie liebte den Geruch von Pferdedung und Heu. Und wenn er sich dann auch noch mit der warmen Sommerluft mischte wie an diesem Tag, wusste sie, warum sie ihre gesamte Freizeit in den Pferdesport steckte. Sie brauchte den Stallduft, die Arbeit mit den Tieren, den Wind um die Nase beim gestreckten Galopp und das Gefühl von Freiheit auf Sultans Rücken. Die beiden einzigen Wermutstropfen stellten dabei Roman und Nelly für sie dar. Sie machten ihr das Leben schwer. Beide auf ihre Art.

Roman, indem er ihr unermüdlich nachstellte. Und Nelly mit ihrem übertriebenen Ehrgeiz, die bessere Reiterin sein zu wollen. Außerdem war Nelly eifersüchtig auf sie. Wegen Roman, in den sie verliebt war.

Charlotte seufzte, als sie ihren Wagen aufschloss.

Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, mochte Nelly sie auch noch aus einem anderen Grund nicht. Dieser Grund hatte jedoch nichts mit ihr persönlich zu tun, sondern mit ihrem Vater.

Charlotte war so sehr in ihre Gedanken versunken, dass sie den schnittigen Sportwagen gar nicht wahrnahm. Beim Rückwärtsfahren aus der Parklücke ertönte ein lautes Hupen, das sie jäh bremsen ließ. Sie blickte in den Rückspiegel und atmete erleichtert aus. Das war ja gerade noch einmal gut gegangen.

*

»Träumst du schon von deinem Turniersieg?«, fragte eine sympathisch klingenden Männerstimme.

»Michael!« Charlotte öffnete die Fahrertür und stieg aus. »Entschuldige bitte. Ich habe dich wirklich nicht gesehen.«

»Ist ja nichts passiert.« Michael Langer winkte lässig ab. »Wie ist das Training heute gelaufen? Fühlst du dich fit für den Schwarzwald-Pokal?« Der Erbe der Langer-AG in Freiburg trat auf Charlotte zu und küsste sie freundschaftlich auf beide Wangen.

»Ich hoffe, dass ich ihn nach Hause bringen werde.« Sie lächelte ihn an. »Obwohl Nelly eine ernst zunehmende Konkurrenz für mich sein wird«, fügte sie mit besorgter Miene hinzu.

»Ich drücke dir und Sultan beide Daumen«, versicherte Michael ihr. Er sah sie aus seinen wasserblauen Augen schüchtern an. »Hättest du Lust, heute Abend mit mir essen zu gehen?«, fragte er dann. »Vielleicht tut dir ein bisschen Entspannung vor dem großen Ereignis gut.«

»Tut mir leid, aber ich muss noch für eine Klausur üben. Verschieben wir das Essen auf nächste Woche?«

»Klar, gar kein Problem«, entgegnete ihr Jugendfreund eilfertig. »Das verstehe ich natürlich.«

Sie sah ihn an.

Er war nur ein paar Zentimeter größer als sie. Bereits mit fünfundzwanzig zeigten seine ohnehin schon feinen rötlichblonden Haare Geheimratsecken. Überhaupt wirkte Michael zehn Jahre älter, als er war. Was auch an seiner untersetzten Figur liegen mochte und an seinem leicht gekrümmten Rücken. Man hätte meinen können, dass er von klein auf eine schwere Last zu tragen gehabt hätte. Vielmehr war jedoch das Gegenteil der Fall. Michael war von seinen Eltern verwöhnt worden. Besonders von seiner Mutter.

Charlotte warf einen Blick auf ihre Armbanduhr.

»Ich muss«, sagte sie. »Falls ich gewinnen sollte, werde ich dich einladen.«

Michael lachte gezwungen. So kam es Charlotte zumindest vor.

»Das werden wir noch sehen«, antwortete er leichthin.

Sie stutzte. »Ob ich gewinnen werde?«

»Nein, wer wen einlädt.«

Merkwürdig, dachte sie. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie den Eindruck, in Michaels Augen, die meistens gleichmütig in die Welt blickten, einen völlig anderen Ausdruck zu entdecken. Einen Ausdruck, den sie nicht deuten konnte.

Aber vielleicht habe ich mich auch geirrt, sagte sie sich, als sie den Parkplatz verließ.

*

Als Charlotte über die schmale Landstraße nach Ruhweiler zurückfuhr, beschäftigte sie sich in Gedanken nach langer Zeit wieder einmal mit ihrem Jugendfreund. Genau genommen seit dem Zeitpunkt, als sie ihm vor einem Jahr klar gemacht hatte, dass zwischen ihnen nie etwas anderes würde sein können als das vertraute kumpelhafte Miteinander, das sie seit ihrer Kindheit verband. Natürlich wusste sie nur zu gut, dass Michael in ihr die Frau seines Lebens sah. Während der Pubertät waren seine Gefühle zu ihr umgeschlagen, was er sich Jahre lang nicht hatte anmerken lassen. Doch dann, an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, hatte er ihr unter Alkoholeinfluss seine Liebe gestanden. Eine Liebe, die sie nicht erwidern konnte. Seither zeigte sich Michael auf alle Männer eifersüchtig, die sich um sie bemühten. So war ihm Roman zum Beispiel ebenfalls ein Dorn im Auge. Aber Michael war viel zu gut erzogen, als dass er sich seine Eifersucht hätte anmerken lassen. Manchmal tat er ihr leid. Denn sie spürte, dass er insgeheim unter dieser unerfüllten Liebe litt. Deshalb bemühte sie sich auch, besonders lieb zu ihm zu sein. Was die Sache nicht gerade besser machte.

Im Gegenteil, sagte sich Charlotte jetzt. Ich sollte zukünftig mehr Distanz zu ihm halten, sonst kommt er nie darüber hinweg. Darüber hinaus tat Michael sich auch schwer, andere Frauen kennen zu lernen. Schon mehrmals hatte sie versucht, ihn mit einer ihrer Freundinnen zu verkuppeln. Aber nachdem diese dann mit dem Firmenerben einen Abend verbracht hatten, lehnten sie eine zweite Verabredung mit ihm ab.

»Tut mir leid, aber er ist stinklangweilig. Und optisch, na ja«, hatte es eine Freundin von ihr auf den Punkt gebracht.

Armer Michael, dachte sie, während sie den wolkenlosen Himmel und die Weite der Landschaft betrachtete, die ihr das Herz öffnete.

Sie freute sich schon auf das Springturnier. Sie war nervös. In diesem Jahr wollte sie den Schwarzwald-Pokal unbedingt gewinnen. Nur das allein zählte für sie. Männer interessierten sie zurzeit nicht.

Als sie durch das Waldgebiet fuhr, welches hinter der Ortsgrenze von Ruhweiler begann, kam ihr eine Idee. Spontan parkte sie ihren Wagen am Straßenrand und schaltete den Motor aus.

Ein bisschen Fitness tanken vor dem großen Turnier würde gar nicht schlecht sein, sagte sie sich. Ihre Laufschuhe lagen im Kofferraum, und ihre Reithose eignete sich genauso zum Joggen wie eine eng anliegende Jogginghose. Über die Ohrstöpsel ihres Smartphones konnte sie die fetzige Musik hören, die sie nach dem Reiten noch einmal so richtig auf Trab bringen würde. Also, worauf wartete sie noch?

*

Charlotte lief in flottem Tempo über den weichen Waldboden. Hohe Tannen säumten den breiten Weg. Sie spendeten nicht nur Schatten, sondern verströmten auch Kühle und den würzigen Geruch von Harz. Zu dieser Mittagsstunde war sie ganz allein hier in der Natur. Stille und Geruhsamkeit umfingen sie. Heimat, dachte sie mit versonnenem Lächeln. Ja, so roch Heimat.

Nach etwa einem Kilometer drosselte sie ihre Geschwindigkeit. Am vorletzten Tag vor dem Turnier wollte sie ihren Körper nicht überfordern. Sollte sie eine Pause einlegen? Vielleicht an dem kleinen Weiher, auf dem eine Entenfamilie langsam dahin paddelte? Sie hinterließ kleine Kräusel im stillen Wasser und gab ein zufriedenes Schnattern von sich.

Charlotte blieb stehen, schaltete die Musik aus und nahm die landschaftliche Idylle mit allen Sinnen in sich auf. Unwillkürlich versetzte sie sich in Gedanken zurück nach Karlsruhe, wo sie studierte. Um diese Uhrzeit schoben sich die Autos durch die City. Die Luft war erfüllt vom Hupen und Knattern der Motorräder, die sich durch jede kleinste Lücke des Mittagsverkehrs drängten. Hier im Ruhweiler Tal dagegen hatte jede Sekunde den Wert einer Ewigkeit.