Der Klang des Regenbogens - Petra Gabriel - ebook

Der Klang des Regenbogens ebook

Petra Gabriel

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Opis

Die Welt ist aus den Fugen geraten: Es herrschen Disharmonie und Dunkel, Naturkatastrophen, Seuchen und Gewalt, es tobt der Hundertjährige Krieg. Da bricht eine junge Frau vom Bodensee auf, um das heilende Lied zu finden. Das Mädchen aus der Schwanenbucht ist berufen, die Einzige zu sein, die Sängerin des Alten Volkes. Sie muss das Dunkel vertreiben und die Harmonie zurückbringen. Damit das Licht wieder wärmen und das Leben wieder neu beginnen kann. Doch Oza ist taub und stumm. Auf ihrer Reise den Rhein entlang bis zur Atlantikküste findet sie nicht nur die unterschiedlichsten Helfer, sie begegnet auch der großen Liebe. Einer Liebe, die sie niemals leben darf, einer Sehnsucht, die sie an den Rand des Abgrunds bringt. Und sie hat einen mächtigen Feind. Den unerbittlichsten von allen.

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Petra Gabriel wuchs in Stuttgart und am Bodensee auf. Seit 1982 lebt sie mit ihrer Familie am Hochrhein. Über fünfzehn Jahre lang war sie Redakteurin in der Lokalredaktion des SÜDKURIER in Bad Säckingen, die meiste Zeit als stellvertretende Leiterin. Seit 2004 arbeitet sie als freiberufliche Journalistin und Schriftstellerin. Petra Gabriel ist Autorin von fünf historischen Romanen: »Zeit des Lavendels«, »Die Gefangene des Kardinals«, »Waldos Lied«, »Der Kartograph« und »Die Konkubine«. Im Emons Verlag erschienen »Tod am Hochrhein« und »Alemannischer Totentanz«.

www.petra-gabriel.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2014 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Weusthoff-Noël, Hamburg (www.wnkd.de) eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-652-2 emons: mystery Originalausgabe

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Für M. G. und Johannes

Denn die abenteuerlichste Reise im Leben

ist die zu sich selbst.

»Und das Ende allen Erkundens wird sein,

dass wir ankommen, wo wir aufbrachen.

Und diesen Ort zum ersten Mal erkennen.«

T. S. Eliot, Vier Quartette

Die Gemeinschaft des Liedes

Oza, die Sängerin

Meingard, ihre Ziehmutter

Gerwig, der Novize

Thyr, der Krieger

Helche, die Bäuerin und Bran, ihr Sohn

Jehan de Vézelay, der Seher

Elisan de Faye, der Troubadour

Meher, der Sonnenläufer des Mithras

Melisande, die Schauspielerin

Der Belial

Prolog

Wer Oza war, willst du wissen? Und warum das Alte Volk gerade sie zu seiner Sängerin erwählt hat? Du plagst mich schon lange mit diesen Fragen. Doch erst jetzt ist es mir erlaubt, darüber zu sprechen. Alles hat seine Zeit, und nun naht die Stunde der nächsten großen Suche. Das kann jeder erkennen, der sich in dieser Welt umschaut. Deshalb habe ich dich heute hierhergeführt. An den Ort, an dem für Oza alles begann.

Horche in dich hinein, dann kannst du das Echo ihres Wesens wahrnehmen. Du zweifelst? Warte ab, öffne dich, und sei bereit, Ozas Geschichte anzunehmen. Zweifel verbauen dir nur den Weg zu ihr, doch es ist von entscheidender Bedeutung, dass du verstehst, was mit ihr geschah.

Dies ist Ozas Ort. Sie gab ihm den Namen Schwanenbucht. Hier ist sie aufgewachsen. Damals stand gleich dahinten am Ufer die Hütte, in der Oza lebte. Im Sommer versammelten sich in dieser Bucht jedes Jahr hundert und mehr Schwäne mit ihren Jungen. So wie jetzt. Schwäne zählen war lange Zeit eine von Ozas Lieblingsbeschäftigungen. Sie hatte ja sonst nicht viel.

Komm, setz dich neben mich auf die Bank. Ist es nicht schön hier? Alles wirkt friedlich. Als gäbe es keine Seuchen, Naturkatastrophen, keine Gewalt und keinen Krieg auf dieser Welt. Schau, die Mettnau. Und dort die kleine Liebesinsel. Schon der Name stimmt heiter, nicht wahr? Rechts von dir, ah ja, das müssen die Ausläufer der Reichenau sein. Findest du nicht auch, dass die Halbinsel von hier aus wie ein riesiger Kuhfladen wirkt? Du lachst. Diese Beschreibung stammt von Oza, nicht von mir.

Siehst du die Häuser hinter dir am Hang, jenseits der Wiese? Die kleine Ortschaft gab es damals noch nicht. Ich glaube, der Flecken heißt Gundholzen und gehört zu Gaienhofen.

Lass den Alltag und die Gegenwart für eine Weile los – und mit ihnen die Gedanken, die unentwegt in dir plappern wie die Wellen des Sees. Schau den Schwänen zu. Siehst du die kleine Familie dort? Die Mutter mit den beiden Kleinen? Da ist auch der Vater. Jetzt taucht er wieder bis zum Bauch ab, streckt seinen Bürzel in die Luft und fischt auf dem Grund am Ufer nach Nahrung.

Tauche auch du. In die Tiefen deiner Seele, zum Urgrund deines Seins, den du mit Oza teilst. Schaff Raum für ihre Bilder, ihre Möglichkeiten. Für all die Wirklichkeiten, die sie durchleben, sich erträumen musste. Für ihren Klang, der sie vereint.

Ich kann spüren, wie die Farben in dir aufsteigen. Die Geschichte beginnt sich in dir zu entfalten. Du siehst Ozas Bilder. Sie kommen im Rhythmus der Wellen, leicht und schillernd wie Seifenblasen. Versuche nicht, sie festzuhalten, sie zerplatzen sonst. Lass sie steigen, weit, weit hinauf. Ja, jetzt leuchten deine Augen. Bald brauchst du mich nicht mehr als Mittlerin zwischen der Einzigen und dir.

Ja, sicher gab es schon Sänger und Sängerinnen vor Oza. Wer sie waren? Ich hoffe, du bist vorbereitet und hast die Überlieferungen des Alten Volkes gelesen. Gut. Dann weißt du ja, dass die Chroniken dazu ebenso wenig sagen wie zu den Wirklichkeiten, aus denen sie stammten und welchen Weg sie nahmen, um die allumfassende Harmonie zu finden. Wie sollten sie auch! Die Möglichkeiten der Suche sind ebenso unendlich wie die Zahl der sie umgebenden Universen. Noch nicht einmal das Alte Volk kann sie alle benennen. Einzigartig sind hingegen jene, die gerufen werden. Nur sie können das große Lied singen. Deswegen nennt man sie auch die Einzigen. Immer beginnt ihre Suche am Wasser, an einem See oder einem großen Fluss.

Oza ist jedoch selbst unter den Einzigen etwas Besonderes. Sie war die Erste, die ihre Geschichte weitergab. Als ihr Geschenk durch Raum und Zeit an dich, an mich und alle, die sind wie wir. Und für die, die schließlich gerufen werden. Wie sie.

Oza kam aus dem Licht. Wie du. Doch sie musste durch die Dunkelheit, bevor sie zur Sängerin wurde. Durch eine viel tiefere, schwärzere Nacht, durch einen größeren Schrecken, als du es dir jemals vorstellen kannst.

Wie du sie erreichst? Heute hilft uns dieser Ort. Und wenn du einmal nicht hierherkommen kannst … kennst du den Weißen Saal? Ah, ich sehe es an deinem Blick. Du warst in deinen Träumen schon dort. Die einen sagen, er sei aus weißem Marmor, die anderen nennen ihn den Saal aus Licht. Dort triffst du sie. Du wirst sie sofort erkennen. Ihre Augen sind von demselben Blau wie deine. Ihre Haare ebenso schwarz. Nimm einfach einen weißen Kieselstein in deine Hand, einen, wie den, der dort vorne liegt, und träume dich dorthin.

Du bist eher eine, die träumt, wenn sie schreibt? Natürlich, wie konnte ich das vergessen. Also hol deinen Stift aus der Tasche. Du hast doch einen, oder? Und Papier. Wieso nicht? Um Geschichten zu erzählen brauchst du deinen Computer? Was für eine Welt! Ich werde mich nie damit abfinden können, wahrscheinlich werde ich langsam alt. Maschinen zum Träumen! Gut, dann bring beim nächsten Mal eben deinen Computer hierher.

Was dann? Du stellst vielleicht Fragen!

Ich sagte es doch schon, die Schwanenbucht ist Ozas Ort. Schau dir die Bilder an, die sie dir schickt. Sie wird dir die Ereignisse von damals besser erklären, als ich es jemals könnte. Meine Aufgabe ist beendet. ESwar mir aufgetragen, dich auf diesen Tag vorzubereiten, dich bis in diese Bucht zu begleiten. Nun bin ich nicht mehr wichtig. Konzentriere dich auf Oza. Öffne dich, lass dich auf sie ein. Träume ihre Geschichte. Und schreib sie auf.

1

Meingard prallte entsetzt zurück, als sie den Boten erkannte. Der Nebel umschloss sie, beobachtete sie mit tausend Augen, sprach mit tausend Mündern, die sich zu schwarzen Löchern öffneten und wieder schlossen. Stimmen, die ein tausendfaches Echo in ihrem Kopf erzeugten. Sie konnte den Schmerz kaum ertragen, er trieb ihr die Tränen in die Augen. Aber es gab kein Entrinnen. Ihr Schicksal, lange prophezeit, hatte sie eingeholt.

»Es wird Zeit«, heulten tausend Stimmen. Doch noch während der Bote sprach, wurden die Stimmen weniger, eine nach der anderen verklang im Nichts.

Da erkannte Meingard, dass er am Ende seiner Kräfte war. Er würde bald sterben, unaufhaltsam verwehen, Klang für Klang.

»Du musst dich auf die Reise machen. Du und das Mädchen. Findet das Lied.«

»Sie ist stumm, sie kann nicht singen«, sagte Meingard in den Nebel hinein. In ihren Worten lag eine Welt der Verzweiflung.

»Hast du sie nicht vorbereitet? Sie ist die Sängerin des Alten Volkes, die Einzige.« Die Stimmen wurden immer weniger, immer leiser.

»Was hätte es für einen Sinn haben sollen, sie vorzubereiten? Sie ist stumm! Irgendetwas ist mit ihr geschehen, als sie noch ganz klein war. Ich habe nie herausgefunden, was es war. Seit damals kann sie auch nicht mehr hören. Wie also soll sie das Lied singen?«

»Du bist die Hüterin der Einzigen«, flüsterten nur mehr einige hundert Stimmen. Der Bote bäumte sich auf, auch er war jetzt voller Verzweiflung. »Sie muss das Lied singen! Sonst ist alles verloren, der Kreis zerbricht, und das Leben stirbt.«

»Wie soll das gehen?«, klagte Meingard. »Sie weiß von nichts. Sie hat keine Kraft.«

»Erinnere dich an die Überlieferungen. Nichts geschieht zufällig. Acht entscheidende Begebenheiten säumen den Weg der Sängerin. Sie entspringen den Elementen oder wurzeln in den Träumen und Begierden der Menschen und bringen Hinweise, Botschaften, Warnungen. Manche sind zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings und bleiben zunächst unbemerkt. Doch das Schwache kann mächtig werden. Und es kommen sieben Helfer. Der erste naht bereits. Es muss ihr gelingen. Nur sie kann das Gefäß sein. Nur in ihr schwingt die Vollkommenheit.«

Meingard raufte sich die Haare. »Sie ist so hässlich, in ihr liegt keine Harmonie.«

»Du Kleingläubige. Sie wird mit jedem richtigen Ton schöner werden. Doch achte auf sie. Sie muss rein bleiben. Die Einzige darf keinem Mann gehören, kein Kind gebären. Was mit ihrer Mutter geschah, darf sich nicht wiederholen.« Der Bote wurde immer schwächer, und der Klang der wenigen Stimmen, mit denen er noch sprach, verhallte, kaum dass das Gesagte an Meingards Ohren gedrungen war. »Ihr müsst aufbrechen. Das Böse hat seine Form gefunden. Es ist schon ganz nah, gewinnt täglich an Kraft. Erfülle deine Bestimmung. Rette die Sängerin. Damit die Geschichte von Neuem beginnen kann. Schnell! Bald ist es zu spät.«

»Wie soll das gehen? Wie soll das nur gehen?«, jammerte Meingard. Sie hatte das Gefühl, dass mit den Stimmen auch die wenige Kraft schwand, die ihr noch geblieben war, aufgesogen vom Dunkel der Hoffnungslosigkeit, die in Erschöpfung mündet.

Jetzt hörte sie nur noch eine einzige Stimme, kaum vernehmbar. »Sei achtsam, höre auf den Klang, erinnere dich an den Ton. Klang ist Schöpfermacht. Acht ist die Zahl der Unendlichkeit, vertraue, ver…«

Die letzten Silben konnte Meingard nicht mehr verstehen, nur erahnen. Ein Luftzug war aufgekommen. Er verwehte die verbliebenen Nebelfetzen und den letzten Hauch Stimme.

Meingard barg das Gesicht in den Händen. Warum musste ausgerechnet sie die Hüterin der wahren Sängerin sein? Sie war alt und verbraucht, eine verstoßene Priesterin der Großen Göttin, die ihre Kraft verloren hatte. Geblieben war ihr nur die verblassende Erinnerung an ihre einst große Macht. Gut, sie kannte noch die alte Sprache, die Wirkung der Kräuter, einige magische Worte und Tänze. Doch damals, als sie noch die treue Dienerin der Kraft gewesen war, hatten diese Fähigkeiten zu ihren geringsten gehört.

Es war ihre eigene Schuld. Sie hatte sich gegen das Leben versündigt. Die Göttin rächte sich furchtbar an jenen, die ihr Schweigegelübde brachen und die ihnen übertragene Macht missbrauchten. Der Tod wäre Meingard lieber gewesen, doch ihre Strafe war das langsame Vergessen, Leben für Leben. Nur eines vergaß sie nicht, und das verdoppelte die Qual. Die Erinnerung an ihn, diese bohrende Sehnsucht im Herzen, die verblasste nie. Sie hatte ihn immer und immer wieder gerufen. In jedem Leben aufs Neue. Er war niemals gekommen. Ob es wenigstens ihm gelungen war, seine Schuld zu begleichen? Sie wog um so vieles weniger schwer als die ihrige.

Und nun verlangte das Alte Volk nach seiner Sängerin. Lange hatte sie sich eingeredet, dass der Kelch an ihr vorübergehen würde. Wie an ihrer Mutter, an ihrer Großmutter, an ihrer Urgroßmutter und unzähligen Frauen davor. Sie wären um so vieles besser geeignet gewesen, die Hüterin der Einzigen zu sein. Sie hatten ihre Aufgabe gut erfüllt. Jede hatte mit großer Sorgfalt eine Sängerin ausgebildet, sie gelehrt, was sie wissen musste, um die große Harmonie, das Lied des Lebens zu finden, das Vergehen und Entstehen wieder ins Gleichgewicht bringen konnte. Das Lied dieser Erde und der Sterne, die Melodie, die alle Möglichkeiten in sich birgt, alle Wirklichkeiten. Alles, was ist und was sein kann.

Es waren wunderbare Sängerinnen gewesen, diese Priesterinnen der Unendlichkeit. Auch Ozas Mutter hatte dazugehört. Von ihrer Stimme schwärmten die Menschen noch heute. Die Schule der Sängerinnen – und ihr Orchester – war der See gewesen. Begleitet von der immerwährenden und doch immer unterschiedlichen Melodie der Wellen, die sich an der von Schilf umkränzten Spitze der kleinen Halbinsel brachen, hatten sie gelernt, im Rhythmus des Wassers zu atmen. An ruhigen und sonnigen Tagen glich ihr Gesang dem Lichtgeflirr, das sich tanzend zwischen den Halmen verlor. An anderen klang er plätschernd und beruhigend wie ein Wiegenlied. An dunstigen gedämpft, wie in Stoff gewickelt, phrasiert vom Krächzen der Belchen, dem klatschenden Geräusch eines springenden Fischs, wenn er auf das Wasser prallte oder dem verlorenen Schrei einer aufgeschreckten Möwe. An stürmischen Tagen wurden die Lieder fordernd, bedrohlich, rau. Dann, wenn die Fallwinde sich ins Wasser wühlten und die Wellen peitschten. Wenn die Gischt ins Land hineinspritzte, getragen vom wilden Reiter, der die Wolken zusammenballte und wieder teilte. Dazu rollten die Kiesel in der kleinen Bucht, als liefe ein Geist darüber, stießen gegeneinander, rieben sich und erzeugten ein Geräusch wie das Prasseln eines großen Feuers.

Der Ruf des Alten Volkes war nie gekommen. Bis zu diesem Tag. In dieser Wirklichkeit. Und nun war es an ihr. Ausgerechnet sie, Meingard, war bestimmt, die Sängerin des Alten Volkes auf ihrem schweren Weg zu begleiten.

Eine leise Hoffnung regte sich in ihr. Nichts geschah ohne Grund. Ob die Göttin es ihr auf diese Weise gestattete, sich zu bewähren und die große Schuld abzutragen? Indem sie Oza half, die Harmonie zu finden, die die Brüche heilte, die Schatten vertrieb und die Wirklichkeiten zusammenhielt, die auseinanderzudriften drohten? Oza war die Auserwählte des Alten Volkes, die Einzige, die den Klang erkennen konnte, der die Wirklichkeiten wieder fest miteinander verband. Ein taubstummes und dazu noch schwächliches Mädchen. Nein, die Aufgabe war unlösbar. Das Alte Volk musste sich geirrt haben. Und doch …

Weder Oza noch sie hatten eine Wahl. Sie mussten tun, was das Alte Volk forderte, ihre Bündel schnüren und sich der Aufgabe stellen. Sie mussten es wenigstens versuchen.

Es würde ihr das Herz brechen, diesen Ort am Großen See zu verlassen. Meingard setzte sich auf die Schwelle ihrer Hütte und weinte. Auch das Plätschern der Wellen konnte sie nicht trösten. Mit einem Mal erschauerte sie. Doch es war nicht wegen der herbstlichen Kühle, die vom Wasser her aufstieg. Etwas Schwarzes hatte sie berührt, ein kaltes, tödliches Feuer. Jetzt spürte sie es deutlich: Der Bote hatte recht gehabt, das Böse war bereits auf dem Weg zu ihnen.

Ein letzter Blick. Es half nichts. Meingard stand ächzend auf. Nun waren es nicht mehr die Stimmen in ihrem Kopf, die ihr Schmerzen bereiteten, sondern die Gicht. Sie hatte ihre Hände zu knotigen Klauen verkrümmt und folterte jedes Gelenk ihres Körpers, sobald sie sich bewegte. Der feuchtkalte Herbst machte es noch schlimmer. Lange würden die Drogen ihr nicht mehr helfen können, das Reißen in ihren Gliedern zu ertragen. Aber sie musste durchhalten. Bis es zu Ende ging. Bis auch sie an das große Tor klopfen und darum bitten würde, den Weg ins heilende Licht gehen zu dürfen. Falls es ihr unter diesen Umständen überhaupt vergönnt war, ihre Bestimmung zu erfüllen und damit eins zu werden mit ihrem leuchtenden Selbst.

Wie sollte sie das anstellen? Wie nur? Es gelang es ihr einfach nicht, an diese wunderbare Wirklichkeit zu glauben, die nur die Sängerin möglich machen konnte. Mit ihm an ihrer Seite wäre das vielleicht möglich gewesen. Doch sie war allein.

»Sei nicht kleingläubig«, hatte der Bote gesagt. Sah er denn nicht, was sie sah? Die Welt um sie herum war die Hölle! Wie also hätte das Böse nicht Form annehmen können? Sie hatte es kommen sehen, den Gedanken aber immer wieder verdrängt. Sie waren verloren.

Wie oft hatte sie die Überlieferungen des Alten Volkes gelesen und verzweifelt gehofft, dass sie wahr würden. »Wisse, alles, was du denken kannst, ist möglich«, hieß es da. »Die Zahl der Möglichkeiten ist unendlich. Jede Möglichkeit trägt einen Keim in sich, der sie zur Wirklichkeit werden lässt. Deshalb gibt es unendlich viele Wirklichkeiten. Die Möglichkeit, an die du am stärksten glaubst, kann Wirklichkeit werden. Du musst dir nur ein Bild davon machen. Der Glaube ist der Grund, auf dem die Wirklichkeiten wachsen. Darum glaube.«

Wie konnte man sich zwingen zu glauben? Woran sollte sie glauben? Die ihr verbliebenen Fähigkeiten reichten bei Weitem nicht aus, um sich diese andere Wirklichkeit auch nur annähernd auszumalen. Um sie herum waren nur Leid, Krankheit, Hunger und Gewalt. Der Boden ihres Glaubens war eine Wüste, vertrocknet wie ihre Träume. Meingard war müde, unendlich müde von diesem ständigen Überlebenskampf. Und das Mädchen wusste noch nicht einmal, was »Wirklichkeit« bedeutete, geschweige denn, wie die Welt wirklich aussah, in der sie lebte. »Die Möglichkeiten tragen und verbinden die Wirklichkeiten. Sie sind wie der Lehm zwischen den Ziegeln eines Hauses. Die Treppe von einer Wirklichkeit in die andere ist aus Träumen gebaut.«

Meingard stöhnte auf und barg das Gesicht in den Händen. Sie musste sich der vernichtenden Wahrheit stellen. In ihrem tiefsten Inneren überwog der Zweifel daran, dass Oza das Lied finden und damit den Übergang in eine bessere Wirklichkeit schaffen könnte. Je länger sie das Mädchen hatte heranwachsen sehen, dieses kleine Tier, dem sie noch nicht einmal erklären konnte, was Glaube, Hoffnung oder Liebe bedeuteten, geschweige denn, was es hieß zu träumen, umso geringer war ihr Glaube geworden.

»Hab Vertrauen«, hatte der Bote beschwörend geflüstert. Das war leicht gesagt. Vertrauen erwuchs aus dem Glauben und wurde genährt von Erfahrungen.

Aber vielleicht ging es ja auch, wenn sie zweifelte? Ohne Bilder, ohne Träume? Vielleicht reichte ja die Liebe, die sie für die Kleine empfand. Oza würde sie brauchen. Das Mädchen war so hilflos, konnte sich nicht allein gegen das Böse wehren. Und deshalb, dieser Liebe wegen, würde sie tun, was sie konnte, um sie vor dem fürchterlichen Verfolger zu retten. Auch um den Preis des eigenen Lebens.

Sie musste das Mädchen wecken.

Meingard erhob sich ächzend, betrat die Hütte und schlurfte in Ozas Kammer. Lange saß sie auf einem Schemel neben ihrem Lager und betrachtete ihr im Schlaf entspanntes Gesicht. Jetzt flatterten die geschlossenen Lieder leicht. Ob sie träumte?

Es war nicht immer einfach gewesen, das Mädchen zu lieben. Sie hatte lange gebraucht, um es zu lernen. Die Kleine war so hässlich, selbst wenn sie lächelte. Dabei schien jedes Element ihres Gesichtes vollkommen geformt zu sein. Doch die Teile passten nicht zueinander. So wurde selbst das Lächeln der Sängerin zu einer Fratze. Meingard hatte sich dem Schrecken dieses Gesichtes nie ganz entziehen können, obwohl sie die Kleine schon so lange kannte. Mitleid zog ihr das Herz zusammen. Es würde hart für Oza werden, mit diesem Äußeren unter Menschen zu gehen.

Sie seufzte und lächelte bitter. »Nun, zumindest dürfte es nicht schwierig sein, deine Unschuld zu hüten«, murmelte sie. »Jeder Mann, der dich sieht, wird sich mit Grausen abwenden.«

Oza bewegte sich leicht. Was sie wohl dachte? Wovon sie wohl träumte? Meingard musste sich eingestehen, dass sie es nicht wusste. Sie hatte nie wirklich Zugang zu ihr gefunden.

»Sie wird mit jedem Ton schöner«, hatte der Chor der Stimmen prophezeit. Würde diese Vorhersage wahr, wäre das für Oza Segen und Fluch zugleich. Die Sängerin durfte lieben, aber die körperliche Erfüllung der Liebe niemals erfahren. Und Meingard würde nur wenig mehr tun können, als sie zu trösten, wenn sie begriff, dass sie in dieser Wirklichkeit einsam bleiben musste.

* * *

Fäuste hämmerten gegen die Holztüre der Hütte. Es klang, als wäre jemand in höchster Not. Meingard sah auf. Hierher wagte sich sonst niemand. Es musste etwas Außergewöhnliches, etwas Furchtbares geschehen sein. Außerdem lag ihre Hütte versteckt, etwas ins Landesinnere gerückt. Mit der Rückwand duckte sie sich an einen kleinen Wald, nach vorne war sie gegen neugierige Blicke durch das Schilf und den See abgeschirmt. Das Holzhäuschen stand auf Stelzen, hoch genug, um bei dem jährlich wiederkehrenden Hochwasser nicht beschädigt zu werden. Zumindest nicht in einem normalen Jahr mit nicht zu viel Schnee im Winter. Wenn der Frühling das Eis in den Bergen schmolz, die Gletscher auf den karstigen Felsen der Alpen für wenige Monate kleiner wurden und das Wasser in der Enge nach Öhningen, bei Stein am Rhein in reißenden Strudeln aus dem See in den Fluss drängte, entstand überall um die Hütte herum Morast. Doch Meingard kannte die Stellen, an denen es sich trotzdem gehen ließ, hinaus aus dieser verwunschenen und friedlichen Welt der Schlangen, der Frösche und Kröten, der Schwäne, der Reiher und des Sumpfs in die der Menschen.

»Im Röhricht« nannten die Leute der umliegenden Weiler diesen Ort am Untersee. Und sie erzählten sich von Feen und Trollen, Geistern und Wiedergängern, die hier hausen sollten. Nein, hierher wagte sich niemand. Selbst nicht die Ritter vom Deutschherrenorden, die sich jenseits des Wollmatinger Rieds auf der Insel Maienowe in einer Kommende eingerichtet hatten. Auch nicht die Bewohner und Bewacher der Schrotzenburg, trotz ihrer Waffen. Kein Nachen fuhr an dieser Stelle jemals direkt am Ufer entlang. Im Winter war die weite Wasserfläche zwischen der Halbinsel Reichenau und dem Horn bis Radolfzell manchmal sogar zugefroren. Die Menschen hätten über das Eis laufen können. Doch auch das taten die Leute nicht, noch nicht einmal die Kinder.

Meingard konnte die Schwingungen der Furcht der Dörfler bis in ihre Hütte spüren. Die Menschen glaubten, sie könne über die Geister des Nebels gebieten, böse Dämonen, die den Leuten die Seele aussaugten. Doch ihre Macht reichte gerade noch aus, um den Schein aufrechtzuerhalten. Außerdem hatten die Leute Angst vor der »Kreatur«. So nannten sie Oza. Manchmal konnte Meingard die furchtsamen Blicke der Fischer spüren, die aus ihren Kähnen heraus verstohlen das ferne Ufer beobachteten, wenn sie mit dem Mädchen am Seeufer entlangging, um Krebse, Muscheln und Algen zu sammeln. Oza musste das ähnlich empfinden. Doch bis auf ein Mal, als sie noch klein gewesen war, hatte sie dies nie zu erkennen gegeben.

Wenn Meingard hin und wieder auf die Reichenau kam, um Kräuter, Beeren oder Pilze zu sammeln, die es nur dort gab, oder um ihre Tinkturen an das große Kloster zu verkaufen, machten die Menschen stets einen großen Bogen um die »Alte vom Horn«. Ja, die Leute hatten Angst vor ihr, und sie tat alles, damit es dabei blieb. Die Angst schützte das Mädchen und sie. Dabei hatte sie noch nicht einmal mehr genug Zähne, um richtig zuzubeißen.

Zugleich aber brauchten die Menschen sie. Für sich. Für ihre Tiere. Um den Wind zu entfachen, der die Wolken vertrieb, wenn es zu lange regnete, oder der sie herholte, wenn die Sonnenglut die Feldfrüchte verdorren ließ. Um die uralten Riten zu vollziehen, die außer ihr niemand mehr kannte, weil sie verboten waren. Das Lesen der Zukunft aus den Knochen zum Beispiel, das Brauen von betäubenden Tränken, das Reinigen der Ställe und Hütten mithilfe ihres Rabenflügels durch den Rauch geheimer Kräuter. Und manchmal, ganz selten, bei besonders schweren Krankheiten, tanzte Meingard auch noch die uralten Tänze, langsam, mit schmerzvoll verzogenem Gesicht, und gab dabei einen unverständlichen Singsang von sich. Nur sie wusste von den Orten der Kraft, verstand die Sprache der Wassergeister, der Tiere und der Pflanzen.

In Zeiten der Not überwanden die Menschen ihre Furcht. Es gab viele, die sich an die Zeit der großen Seuche erinnerten, und jeder wusste: Die »Alte vom Horn« kannte auch gegen diese Geißel ein Mittel. Ebenso wie gegen den Aussatz und das Antoniusfeuer oder die Cholera. Sie und die Kreatur waren jedenfalls von allen Krankheiten verschont geblieben, im Gegensatz zu vielen anderen. Viele Höfe standen noch immer leer, die Felder lagen brach.

Wer Meingard herbeirufen wollte, befestigte ein leuchtend rotes Band an einer alten Trauerweide, die in einigem Abstand von der Hütte am Seeufer wuchs und ihre Zweige ins Wasser tauchte, als spiele sie mit den Wellen. Durch seine Farbe war das Band selbst an einem der häufigen Nebeltage im Herbst und im Frühling gut zu erkennen.

Die Menschen wussten nicht, wie sie es anstellte, immer im richtigen Weiler aufzutauchen, zum richtigen Hof zu gehen. Wussten nicht, dass ihre ganzen Rituale mehr Schein als Sein waren. Nun, sie würde es ihnen auch nicht verraten. Sie war nichts weiter als eines dieser alten Weiber, die allen möglichen Hokuspokus aufführten, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Meingard lächelte bitter.

Das Hämmern hörte nicht auf. Im Gegenteil, der Takt der Faustschläge gegen die Türe wurde sogar noch schneller. Sie begriff, dass sie reagieren musste, und erhob sich. Sie würde das Mädchen später wecken.

Draußen rief eine Jungenstimme in heller Aufregung: »Macht auf, schnell, macht auf! Der Prior schickt mich, er hat gesagt, der Teufel in Menschengestalt sei auf dem Weg und schon ganz nah!«

Oza schreckte hoch. Ihre Hand griff in das Stroh, auf dem sie lag, und sie zuckte zusammen. Die Halme waren hart, stachen in ihre Haut. Sie ballte die Hand zu einer Faust. Als sie sie wieder öffnete, sah Meingard Blut in ihrer Handfläche.

Die Tür zu Ozas Kammer öffnete sich. Ein magerer Junge streckte sein dreckiges Gesicht durch den Spalt. Meingard versuchte sogleich, die Türe wieder zuzudrücken. Aber es war zu spät.

Der Junge bekreuzigte sich. »Bei allen Heiligen, was is’n das? Eine Dämonin? Die Jungfrau beschütze mich!«, stammelte er.

Meingard hatte für solche Ausbrüche keine Zeit. »Das ist kein Dämon, das ist Oza. Das Mädchen. Sie ist es, die der Belial sucht. Beruhige dich. Der Prior hat dich geschickt, damit wir sie von hier fortbringen. Schnell.«

Sie schob den Jungen zur Türe hinaus. Dann wandte sie sich noch einmal um. »Du musst aufstehen, Kind. Wir wollen eine Reise machen.«

Oza schaute ihr verwirrt entgegen und runzelte die Stirn. Kein Wunder, dachte Meingard. Sie hatte noch niemals einen Jungen aus der Nähe gesehen.

»Keine Angst, der Bengel tut dir nichts.«

Ozas besorgte Miene verwandelte sich in ein vertrauensvolles Lächeln. Meingards Runzeln vertieften sich, als sie es erwiderte. Das Mädchen sah so verloren aus in dem Hemd aus grobem, selbst gewebtem Stoff. Da trat die Alte noch einmal an ihr Lager. Sie streichelte Oza sanft über das fast nachtschwarze Haar, strich eine Strähne zur Seite. Es war das Haar der Menschen des Alten Volkes.

Der Bengel streckte schon wieder den Kopf durch den Türspalt. Meingard drehte sich um. »Geh, in dieser Kammer hast du nichts verloren.«

Der Junge wimmerte. Es war klar, er fürchtete sich fast zu Tode, doch er ließ sich nicht wegschicken. »Wir müssen los!«, erklärte er tapfer.

Meingard erkannte ihr eigenes Spiegelbild in seinem Blick, konnte fast hören, was er dachte. Sie war ihm ebenso wenig geheuer wie Oza, er hielt sie für eine Hexe. Sie wusste, dass sie auch so aussah. Klein, weißhaarig und zusammengeschrumpelt wie ein Apfel nach einem langen Winter, mit den Augen eines Eichhörnchens, einer großen Nase und einem langen Kinn. Nur der Buckel und der Rabe fehlten. Vielleicht würde sie sich eines Tages einen solchen Vogel zulegen. Nur, um diese Abergläubischen zu ärgern. Aber jetzt hatte sie andere Probleme. Der Bengel verstand ganz offenbar nicht, warum der Prior nicht wollte, dass die schreckliche Kreatur, die da auf dem Bett saß, in die Hände des Belial fiel. Wie sollte er auch. Er hielt Oza für eine Ausgeburt der Hölle, fand sicher, sie gehöre auf den Scheiterhaufen. Und da war er nicht der Einzige.

Oza starrte ihn verwirrt an. Wieso war dieser Mensch in ihrer Kammer? Niemand außer Meingard kam hierher. Konnte das der Junge des Fischers sein, der wiederkam, um sie zu holen? Sie krümmte sich, zog die Beine an und legte die Hände um die Knie, bildete so gut es ging eine Kugel. Wie es die Igel machten, wenn ein Feind kam. Sie ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Von ihm ging dasselbe aus wie von den beiden Gestalten damals im Kahn. Es war ein beklemmendes Gefühl, und es bahnte sich den Weg in sie hinein. Warum fürchtete er sich so? Sie tat ihm doch nichts. Sie hatte selbst Angst. Konnte er das nicht sehen?

Der Gesichtsausdruck des Jungen wandelte sich, die Angst wich dem Staunen. Er sah Ozas Augen. Groß, blau und strahlend. Meingard wusste, was jetzt in ihm vorging. Sie hatte es selbst erlebt, immer wieder. Etwas in diesen Augen rührte ihn an. Etwas in ihm antwortete auf den Schimmer darin, regte sich in ihm. Ein Gefühl, von dem er wahrscheinlich schon lange vergessen hatte, dass es existierte. Er spürte Freude, empfand Glück, fühlte sich leicht. Ja, sie kannte dieses Gefühl.

Jetzt bekreuzigte er sich. Wahrscheinlich glaubte er, der Teufel selbst wolle ihn versuchen.

Meingard streichelte Oza über den Kopf. »Ist gut, Kind. Glaube mir, der Bengel tut dir nichts.« Sie warf dem Jungen einen strengen Blick zu. »Troll dich endlich in die Stube, wir kommen gleich.«

Dann wandte sie sich wieder zu dem Mädchen um, das mit verwirrtem Gesichtsausdruck auf dem Bett aus Stroh saß. Sie sprach langsam, damit Oza von ihren Lippen lesen konnte. »Ruhig, Kind. Erschrick nicht. Wir müssen schnell aufbrechen. Steh auf, geh hinaus zum Brunnen, reib’ dir das Gesicht mit Wasser ab. Das wird dir den letzten Schlaf aus den Gliedern treiben. Ich packe inzwischen unsere Bündel. Draußen auf dem Tisch steht noch ein Becher mit heißem Tee. Trink ihn schnell, bevor er kalt wird. Du brauchst deine Kräfte. Unser Weg wird lang.«

Oza nickte.

»Wo wollt ihr hin?«, fragte der Junge, der eisern an der Kammertür ausharrte.

Meingard musterte ihn ärgerlich. »Wieso stehst du noch immer da?«, blaffte sie. »Ich sagte doch, du sollst dich trollen.«

Dann stutzte sie. Warum tat er nicht, was sie sagte? Er fürchtete sich bei ihrem und bei Ozas Anblick halb zu Tode, doch er floh nicht, wie es andere getan hätten. Er ließ sich auch nicht fortschicken, sondern blieb stur in der Tür stehen. Als wäre er festgenagelt. Seine Nachricht hatte er doch längst überbracht. Sollte er …?

Meingard hatte ein Leben lang auf die Zeichen geachtet, diese Form der Aufmerksamkeit war ein Teil ihres Wesens. Sie wünschte sich, dass sie sich irrte, doch der Gedanke verfestigte sich immer mehr, sie konnte diese Hinweise nicht einfach ausblenden. »Es kommen sieben Helfer«, hatte der Nebel verkündet. »Der erste naht bereits.« Meingard hätte am liebsten aufgestöhnt. Doch sie beherrschte sich. Das Alte Volk tat manchmal unerklärliche Dinge. Eine alte Frau und ein unfertiger Junge, welch prachtvolle Begleiter für die Sängerin!

Meingard atmete tief durch und lächelte ihm zu. »Wo wir hinwollen? Ich habe noch nicht darüber nachgedacht. Alles ging so schnell. Aber ich denke, wir gehen erst einmal in eure Abtei.«

Der Junge hob entsetzt die Hände. »Das geht nich. Der Prior wird euch wegschicken, wird euch gar nich’ reinlassen. Dieses Mädchen …«

Meingard schmunzelte. »Oh doch, er wird. Ich habe etwas mit ihm zu besprechen. Außerdem brauchen wir das Pferd für die Reise.«

Der Junge betrachtete sie entgeistert. »Niemals, niemals macht der Prior das. Wir brauchen den Gaul für die Aussaat. Wundert mich sowieso, dass der ehrwürdige Vater mich geschickt hat. Wer soll dieser Teufel in Menschengestalt überhaupt sein? Und diese Kreatur …«

Meingard kicherte. »Erwan hat sich nicht immer so gläubig benommen wie jetzt, mein Junge. Du wirst schon sehen. Wie heißt du eigentlich?«

»Gerwig.«

»Gut, Gerwig. Kannst mir beim Packen helfen, während diese da vollends ins Leben zurückkehrt. Gehen wir.«

Der Junge wandte sich ab, als Oza aus dem Dämmerlicht der Kammer in die hellere Stube kam. Er ertrug ihren Anblick nicht. Im Kamin flackerte noch das Feuer, darüber hing ein Kessel mit brodelndem Wasser. Gerwig starrte in die Flammen, während Meingard zur einzigen Truhe im Raum ging, darin kramte und schließlich einen breiten und sehr langen Wollschal herauszog. Sie reichte ihn Oza.

»Hier Kind, es ist kalt draußen für diese Jahreszeit. Schling dieses Tuch gut um dich. Am besten, du ziehst es bis unter die Augen. Dein Körper ist noch erhitzt vom Schlafen, du könntest dich sonst erkälten.«

Sie nickte beifällig, als Oza den Schal über ihre langen schwarzen Haare, Mund und Augen legte, und hoffte von Herzen, dass es so gehen würde. Es war schon empfindlich kühl, mit Frost in den Nächten, darum sollte es niemanden wundern, wenn sie immer einen Schal über dem Gesicht trug. Meingard wollte der Kleinen die Abscheu und die Furcht der Menschen beim Anblick ihres Gesichtes ersparen. Mit dem Schal sah man nur ihre Augen. Diese Augen, die niemand vergaß. Die Augen der Menschen des Alten Volkes.

Hoffentlich fand sie für Oza eine gute Erklärung, warum sie den Schal immer tragen musste, wenn sie nicht allein waren. Sie brachte es einfach nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass sie hässlich war.

Bisher hatte die Einsamkeit die Sängerin geschützt. Oza hatte keine Ahnung, wie sie auf andere wirkte. Das glaubte Meingard zumindest. Obwohl, manchmal, wenn sie die Traurigkeit in den Augen des Mädchens sah, war sie sich da nicht so sicher. Sie wusste selbst am besten, wie sehr Hass und Spott schmerzten. Sie musste Oza davor bewahren. Womöglich warf sie das sonst völlig aus der Bahn. Und das wäre eine Katastrophe. Oza brauchte jetzt ihren ganzen Mut, ihre ganze Kraft. Sie musste Unmögliches vollbringen. Das Alte Volk hatte ihr eine Aufgabe aufgebürdet, die selbst einen mutigen Mann zur Verzweiflung getrieben hätte.

Meingard löschte das Feuer, ergriff ihr Bündel und schob Oza und den Jungen hinaus. Dann verriegelte sie die alte Holztüre. Nach zwanzig Schritten hielt sie inne und warf einen letzten Blick zurück. Das kleine, windschiefe Haus war so lange ihre Heimat gewesen. Und nun trieb das Schicksal sie fort in ein Leben fernab vom Großen See, den die Heutigen Bodemsê nannten. Sie spürte schon jetzt das Heimweh in sich aufsteigen.

* * *

Die Dämmerung senkte sich bereits über das Land, als die drei Reisenden an die Pforte der kleinen Abtei klopften. Sie gehörte zum reichen Benediktinerkloster Reichenau und war vor langer Zeit abseits der großen Handelswege errichtet worden, als einige der Mönche die Einsamkeit gesucht hatten. Die einstige Einsiedelei lag vor Feinden gut verborgen und vor Stürmen geschützt wie in einem Nest in einer Senke, umgeben von Wald. Diese Abtei fand kein Ortsunkundiger.

Die Anlage machte einen verwunschenen Eindruck. Von außen sahen die wenigen Gebäude hinter der Mauer ärmlich aus, von Efeu überwachsen und halb verfallen. Als habe sich die Göttin der Erde diese Stätte längst zurückgeholt. Die Menschen, die diesen Ort kannten, sprachen nicht darüber, schon gar nicht mit Fremden. Sie hatten Angst, das könnte Unglück bringen. Wenn doch einmal von der Abtei die Rede war, dann drängten sie sich enger am Feuer zusammen und flüsterten sich die alten Geschichten von den Geistern abtrünniger Mönche zu, die dort umgehen sollten, weil sie gesündigt hatten und keine Ruhe fanden. Wohl aus diesem Grund hatten auch die Räuber und Plünderer, die seit dem Wüten des Schwarzen Todes das Land wie ein wucherndes Geschwür überzogen, die Brüder bisher unbehelligt gelassen.

Die Mönche blieben für sich, doch sie gaben den Hungernden zu essen und nahmen die Dörfler in den Mauern der Abtei auf, wenn Überfälle drohten. Für Kranke, die möglicherweise die Pest oder den Aussatz mit sich brachten, hatten sie sogar ein Häuschen außerhalb der Mauern gebaut, ganz in der Nähe einer kleinen Quelle.

Bruder Benedikt, der Türhüter, sah zwei vermummte Frauen, als er den kleinen Holzladen zum Guckloch in der Pforte öffnete. Die eine wirkte trotz ihrer dicken Kleidung zierlich. Wie alt sie wohl sein mochte? Schwer zu sagen, bei der Vermummung sowieso. Er kannte sich bei Frauen nicht so aus, und sie hielt den Kopf gesenkt. Die andere schien jedenfalls sehr viel älter zu sein. Sie stand gebeugt. Die beiden sahen jedoch nicht aus, als wären sie krank oder in Not. Er wollte sie schon wegschicken, da entdeckte er den Jungen, halb hinter dem Rücken der Älteren verborgen. Gerwig war ihr einziger Novize und deshalb etwas Besonderes im Konvent der alten Männer. Er verkörperte die Hoffnung in dieser untergehenden Welt.

Die Pforte knarrte, als Bruder Benedikt sie öffnete und die Gruppe mit mürrischem Gesichtsausdruck einließ. Es waren lange keine Frauen mehr in der Abtei gewesen. Die wenigen, die die Pest verschont hatte, waren vor den Plünderern und Mördern geflüchtet. Anfangs hatten ganze Trecks von Flüchtlingen an die Türen der Einsiedelei geklopft. Dann war aus dem Strom ein Rinnsal geworden, schließlich ein Tröpfeln. Wer noch laufen oder sich irgendwie fortbewegen konnte, hatte die Heimat, das einst so gesegnete Land um den Großen See, auf der Suche nach Sicherheit und Nahrung längst verlassen. Um die Ruinen von früher reichen Anwesen strichen nun die Wölfe.

Diese Frauen sahen aus, als hätten sie eine weite Reise vor sich. Beide trugen ein Bündel. Bruder Benedikt missbilligte dies. Reisen, fand er, war Männersache, ganz besonders in derart unsicheren Zeiten. Doch er sagte nichts. Er sprach ohnehin kaum. Schon gar nicht mit Frauen. Der Prior würde den beiden ihr Vorhaben schon ausreden. Falls er sie überhaupt empfing.

»Bring uns zu Erwan«, befahl die Ältere, Gebeugte nun.

Bruder Benedikt erkannte Meingard, die Heilerin. Sie übte die alten heidnischen Riten aus. Das hatte er jedenfalls gehört. Er verstand nicht, warum Erwan sie gewähren ließ. Er hatte sie seit Ewigkeiten nicht mehr zu Gesicht bekommen und fragte sich, was sie hier im Kloster wollte. Sein Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln, einem sehr kleinen. Auch das geschah nur noch selten in diesen Tagen. Manchmal hatte er den Eindruck, schon nicht mehr zu wissen, wie das ging.

Gut, die Alte würde er zum Prior lassen. Frauen durften sonst nicht in den inneren Bereich. Aber für dieses Weib hatte der ehrwürdige Vater schon früher eine Ausnahme gemacht. Etwas verband diese beiden, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, was das sein mochte. Für dieses seltsame Mädchen galt das aber ganz sicher nicht.

»Bring Frau Meingard zum ehrwürdigen Vater«, wies er Gerwig an und deutete auf das Mädchen. »Die da bleibt hier. Sie muss ins Gästehaus.«

Die Heilerin starrte ihn wütend an. »Das Mädchen kommt mit. Wirst sehen, Erwan wird sie empfangen.«

Bruder Benedikt zögerte, dann zuckte er die Schultern. Er hatte es schon fast vergessen, aber jetzt erinnerte er sich, dass es sinnlos war, Frauen zu widersprechen. Er war mit fünf Schwestern aufgewachsen. Sie waren inzwischen alle tot. Ihre Familien auch – verhungert, krepiert, vergewaltigt, aufgeschlitzt, verbrannt. Nur er, der Jüngste, lebte noch.

Sein Blick traf auf den des Mädchens, und er schauderte. Das Leuchten darin war ihm unheimlich. Sie strahlten wie das helle Blau des Sonnenhimmels, im nächsten Moment schillerten sie im durchscheinenden Blau des Wassers an einem klaren Tag und verwandelten sich gleich darauf in das dunkle Blau einer samtenen Sommernacht. Er wich zurück, ballte die Hand zur Faust, streckte den Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch und formte die Fica, das Zeichen gegen den bösen Blick.

Meingard beobachtete die Reaktion des Mönchs mit Sorge. Doch sie machte keine Bemerkung dazu. Die Augen des Mädchens ließen sich nicht verbergen. Zudem schien Oza seine Geste nicht bemerkt zu haben.

Bruder Korbinian, der gleichzeitig auch der Stallmeister der kleinen Abtei war, hielt in seiner Arbeit inne, als Bruder Benedikt mit Gerwig und den beiden Frauen im Gefolge an der geöffneten Stalltür vorüberging. Meingard erkannte, dass er gerade dabei war, auszumisten. Im Stall standen eine Kuh, zwei Ziegen, drei Schafe und ein schwerer Gaul für den Pflug. Im Stroh pickte eine ganze Kohorte gackernder Hühner. Der Hahn saß auf einem Balken über dem dampfenden Misthaufen und besah sich sein Weibervolk. Hin und wieder krähte er zufrieden.

Oza war verwirrt, das konnte Meingard spüren. Wie sollte es auch anders sein. Das Mädchen war nicht an die Nähe von Menschen gewöhnt. Sie hatte sie niemals zu den Bauern mitgenommen. Ozas Gefährten waren die Vögel gewesen, die Würmer und Käfer im Gras, die Tiere des Waldes, die Dachse und sogar die Wölfe und die Bären. Die gefährlichste Bestie wurde bei ihrem Anblick zahm wie ein Lamm, und selbst das scheueste Reh zeigte keine Furcht vor ihr. Einmal hatte Oza ein verwaistes Bärenjunges mit in die Hütte gebracht und liebevoll aufgezogen. Der junge Bär war groß geworden und hatte sich schließlich getrollt. Doch er war noch so manches Mal in die Nähe der Hütte gekommen, inzwischen ein starkes großes Tier. Oza war einfach zu ihm gegangen, hatte ihm über den Kopf gestreichelt. Und der große Braune hatte sich auf die Erde gelegt und wohlig gebrummt.

An den Tieren wandte sie all das Wissen an, das Meingard ihr beigebracht hatte. Oza wusste, welche Pflanzen giftig waren, welche Blut stillten und Fieber senkten. Sie wusste, welche beides konnten, je nach der Menge, die man nahm. Und mit den Tieren konnte sie sich austauschen, anders als mit den Menschen. Das hatte Meingard immer wieder miterlebt. Bis auf ein Tier. Wenn die hungrigen Wölfe im Winter um die Hütte strichen und den Mond anjaulten, dann verkoch sich die Kleine in der hintersten Ecke und verwandelte sich in ein zitterndes Bündel Mensch.

Im Stall wieherte das Pferd. Oza konnte das Wiehern nicht gehört haben. Sie wandte dennoch den Kopf. Meingard hatte schon oft beobachtet, dass die Laute ihrer Umgebung sie erreichten und sich gefragt, wie die Kleine sie wahrnahm. Schließlich war sie taub! Das wusste sie sicher.

Oza sog Luft ein und klammerte sich an Meingards Arm. Die erkannte die Furcht in ihren Augen und glaubte, ihre Gedanken lesen zu können: In diesem Haus, aus dem es stank, stand ein riesiges, braunes, gefährliches Wesen! Sie seufzte. Für jeden anderen war das einfach ein Ackergaul, braun, mit einer dichten falbfarbenen Mähne, so hoch wie der Felsen bei Ozas Lieblingsbaum. Das Pferd scharrte ungeduldig im Stroh, wartete darauf, gefüttert zu werden.

»Das ist ein Pferd, Oza, es tut dir nichts, es ist nur ein Tier!«, erklärte sie geduldig und sehr langsam. Oza begriff dennoch nicht. Zwei Schafe, eine Ziege und Hühner hatte sie auch bei der Hütte auf der Höri gehalten und freigelassen, ehe sie aufgebrochen waren. Sie würden sicher schnell einen neuen Besitzer finden. Dazu kannte sie die Tiere des Waldes. Doch ein Pferd war neu für sie, und sie machte zur Sicherheit einen weiten Bogen um den Stall.

Meingard legte ihr die Hand auf den Arm. »Hör zu, Kleine. Du musst dich nicht fürchten. Dieses Tier ist groß, aber es wird dir nicht wehtun. Das ist kein Wolf.« Oza sah sie mit großen Augen an. Dann nickte sie.

Was war sie doch für ein Küken. Bald siebzehn Jahre alt, und dennoch unwissend wie ein Säugling. Ein scheuer Wildfang, ein ungezähmtes Waldtier. Meingard wurde wieder bewusst, dass sie mehr hätte tun müssen. Jetzt war es zu spät.

Erwan empfing sie im Refektorium. Der Prior stand mitten im Raum, ein feister, grobknochiger Mann mit großen Händen und einer relativ niedrigen Stirn. Die kleinen, eng stehenden Augen waren unter seinen dichten Brauen kaum zu sehen, doch er wirkte auch so nicht sonderlich begeistert. Als die beiden Frauen und der Junge den Raum betraten, glitt sein Blick mit einem höflichen Lächeln über Meingard hinweg und blieb an der vermummten Gestalt des Mädchens hängen.

Meingard hatte nichts anderes als diese verhaltene Begrüßung erwartet. Erwan war sich seiner Stellung bewusst. Und in all seiner Schwäche, mit all seinen Fehlern, war er ein kluger Mann. Darauf baute sie. Er sorgte dafür, dass immer weitere Schauergeschichten über die Abtei in Umlauf kamen, damit die Wenigen, die noch verstreut auf Höfen in der Nähe lebten und von ihr wussten, mit Sicherheit über die Örtlichkeit den Mund hielten. Trotz der widrigen Umstände, mit mehr als bescheidenen Mitteln und der Hilfe des Herrn, hatten er und seine Mitbrüder hier ein kleines Wunder der Zuflucht geschaffen. Ein Wunder, das vermutlich gleichzeitig seine Buße war.

Nach der erschreckenden Begegnung mit dem Pferd war Oza mit sittsam niedergeschlagenen Augen weitergegangen. Jetzt schaute sie den Prior geradeheraus an. Meingard stutzte. Erkannte das Mädchen, wer dieser Mann war und was sie mit ihm verband?

Auch Erwan starrte Oza an, unfähig, sich abzuwenden. Das geschah ihm recht. Wie er den Atem anhielt, wie er sich wand unter dem Blick ihrer blauen Augen! Sie erinnerten ihn mit Sicherheit an jene Augen von demselben schillernden Blau, die ihn einst ebenso angesehen hatten, mit diesem Blick, der durch Mark und Bein ging. Zu einer anderen Zeit. Er war damals ebenfalls ein anderer gewesen, unbedacht, unbeherrscht. Ein Mensch, den er wohl lieber vergessen hätte. Ebenso wie jene Augen. Der Blick des Mädchens war für ihn wie einen Schlag in die Magengrube, erkannte Meingard. Sein schlechtes Gewissen regte sich. Gut. Das würde ihn für ihre Wünsche zugänglicher machen.

Meingards Blick wanderte neugierig zwischen Erwan und Oza hin und her. »Ich danke dir, dass du uns gewarnt hast«, sagte sie schließlich.

Der Prior schien sie nicht zu hören. Sein Blick hing immer noch wie gebannt an Oza. »Ist das die, die ich einst zu dir brachte?«

Meingard nickte.

Erwan wandte ihnen abrupt den Rücken zu und stierte aus der kleinen Fensteröffnung. Selbst von hinten wirkte er wie ein Mensch, der einen inneren Kampf ausficht. »Nimm ihr doch den Schal ab«, meinte er leise. »Es ist warm hier.«

Oza schaute Meingard fragend an. Wieder hatte sie auf unerklärliche Weise gespürt, dass jemand etwas gesagt hatte. Etwas, das auf sie gemünzt war. Weil sie jedoch die Lippen des Priors nicht sah, konnte sie den Sinn nicht erfassen.

Meingard griff nach dem Schal und zog ihn von Ozas Gesicht. Sie konnte es den beiden nicht ersparen. Dazu hatte sie kein Recht.

»Sie ist taub und stumm«, erklärte sie in den Rücken des Mannes hinein und trat einen Schritt zur Seite.

Da drehte sich Erwan um. Er keuchte und fuhr zurück. Dann bekreuzigte er sich. Doch er wandte sich nicht ab.

»Dein Gott bestraft die Kinder für die Sünden der Väter«, sagte Meingard ruhig.

Erwan nickte. Fassungslos. Hin- und hergerissen zwischen Abscheu vor diesem in seiner Disharmonie so schrecklichen Gesicht und der Anziehungskraft dieser Augen.

Oza zerrte an Meingards Ärmel.

»Es geht nicht, Kind, wir können nicht wieder heim«, antwortete Meingard auf ihr stummes Flehen. Dann schlang sie den Schal wieder um die untere Hälfte von Ozas Gesicht. Sie würde ihr zu ihrem Aussehen nun nichts mehr erklären müssen. Das erkannte sie am Gesichtsausdruck des Mädchens.

Erwan hatte sein Entsetzen offenbar überwunden. Zumindest äußerlich. Im Dienst der Kirche lernte man, sich zu beherrschen. »Wo wollt ihr hin?«, fragte er. »Habt ihr genug Verpflegung für die Reise?«

»Erwan, du kennst die Überlieferungen so gut wie ich. Ich weiß, sie hat dir davon erzählt. Sie beschreiben nur den Anfang des Weges zum Lied. Wir müssen nach Westen und dem großen Strom folgen, der aus dem See fließt und schließlich einen Bogen nach Norden macht. Der Rest bleibt offen, es gibt zu viele Möglichkeiten. Und die Götter wollen, dass wir die Wahl haben. Der Weg zum Lied erschließt sich für jeden anders und nur durch den eigenen freien Willen, durch Einsicht in die eigenen Kräfte und Fähigkeiten.«

Erwan zog seine Stirn verärgert in Falten. »Damals war ich verblendet, bereit, alles zu glauben. Selbst auf die Gefahr hin, meine unsterbliche Seele der Hölle zu überantworten. Heute weiß ich, deine sogenannten Überlieferungen sind Aberglaube, Ketzerei, wenn nicht gar Hexerei! Dafür könnte man euch auf den Scheiterhaufen bringen«, polterte er. »Das Alte Volk gibt es nicht. Diese keltischen Heiden mit ihren Druiden-Priestern sind längst ausgerottet.«

»Verschanz dich nicht hinter den Lügen deiner Kirche, ehrwürdiger Vater. Du weißt sehr wohl, dass es das Alte Volk gibt, Erwan, auch wenn du dich jetzt nicht erinnern willst. Bist ein alter Heuchler. Du kanntest eine von ihnen, und du kanntest sie gut. Das Alte Volk hat nichts mit den keltischen Stämmen zu tun, es ist um Vieles älter. Sie hat es dir doch erklärt. Nun tu nicht so, als hättest du alles vergessen.«

Meingard konnte sehen, wie der Prior innerlich mit sich kämpfte. Nein, er würde es nicht zugeben, er wollte es nicht wahrhaben. Er glaubte nach all den Jahren selbst an das, was er salbaderte, glaubte an einen Gott, den er nicht sah, an ein ewiges Fegefeuer, das er sich immer wieder vorstellte. Er predigte seinen Brüdern Enthaltsamkeit, sprach von Sünde in Körper und Geist, von Tod und Auferstehung und hielt inzwischen doch nur für wirklich, was er berühren konnte. Sie verstand das gut. In diesem Punkt waren sie sich ähnlich, auch wenn sich die Gründe dafür unterschieden. Früher, da hatte er einmal gespürt, dass es mehr gab. Doch inzwischen wollte Erwan nichts mehr von der unendlichen Zahl der Wirklichkeiten wissen. Er konnte nicht mehr hinter den Schleier blicken, den sein Aberglaube um seinen Geist gelegt hatte. Sein Sehen und Fühlen, seine gesamte Wahrnehmung waren verkrustet, waren durch diese ewige Präsenz eines rachsüchtigen und strafenden Gottes eng geworden. Nun, es würde nichts nutzen, ihm den Spiegel vorzuhalten, es würde nur seine Sturheit verstärken.

»Wir brauchen das Pferd«, erklärte sie. »Und den Bengel.«

Gerwig sog hörbar den Atem ein. Meingard ahnte, was er jetzt dachte: Die Alte war verrückt. Niemals, niemals würde der Prior das Pferd herausgeben.

Erwan musterte den Jungen abschätzend. »Das Pferd schlagt euch aus dem Kopf. Und was wollt ihr mit diesem Tölpel? Er ist nicht der Hellste. Ich lasse ihn zudem ungern ziehen. Er ist der Jüngste unter uns und die Zukunft der Abtei, wenn auch keine glänzende.«

Keiner der beiden dachte daran, Gerwig auch nur zu fragen, ob er mitwolle.

»Nun, er hat jedenfalls eine Stimme. Ist jung und formbar, scheint gutwillig zu sein. Oza kann das Lied nicht allein finden, wir brauchen Hilfe. Da ist dieser Bengel so gut wie irgendwer.« Sie hatte versucht, die Worten wie nebenher zu sagen, doch in ihrer Stimme schwang Dringlichkeit.

Erwan sah sie forschend an. Dann schüttelte er den Kopf. »Was soll er schon tun können, ungeschickt wie er ist. Der Stoffel kann ja noch nicht einmal einen Ton halten. Wenn er es versucht, klingt er wie ein krächzender Rabe, der sich dazu noch erkältet hat.«

»Sing!«, forderte Meingard den Jungen auf.

Gerwig wurde feuerrot und sah seinen Prior fragend an, er schämte sich. Erwan nickte ihm zu. Der Junge senkte den Kopf, seine Finger nestelten an dem Knoten des Hanfseils herum, das ihm als Gürtel diente. Die Töne kamen zunächst leise, zögernd. Dann zog er die Nase hoch, wischte sie sich mit dem Handrücken ab, hob den Kopf und sah trotzig in die Runde. Als wolle er bedeuten: Bitte schön, ihr habt es so gewollt. Nur seine Finger und die roten Wangen kündeten weiter von seiner Verlegenheit.

Der Prior hatte recht gehabt. Gerwigs Gesang ähnelte mal dem Krächzen einer Krähe, dann wieder dem Jaulen eines Welpen und dem Pfeifen, das entstand, wenn Sturm durch Mauerritzen blies. Er konnte keinen Ton halten, seine Stimme rutschte ihm einfach aus – mal nach oben, mal nach unten. Als versuche er, mehrere Töne gleichzeitig zu singen. Doch Oza strahlte, ihre Augen hingen an der Gestalt des Jungen, groß und staunend.

Meingard lächelte in sich hinein. Also hatte sie recht vermutet. Dieser unbedarfte Junge war der erste Helfer. Wenn er sang, dann geschah etwas mit dem Mädchen. Hatte sie richtig gesehen, änderte sich das Blau von Ozas Augen, je nachdem, welchen Ton er gerade traf? Das musste sie noch genauer beobachten, aber ein anderes Mal. Besser, sie machte Erwan nicht darauf aufmerksam, gab sich harmlos. Er konnte bockig werden, wenn er etwas nicht verstand. Und momentan wirkte der Prior nicht, als wäre er auf Verstehen aus.

Sie kicherte. »Stimmt, sein Gesang ist fürchterlich. Ein Glück für das Mädchen, dass sie taub ist. Aber seine derzeitige Sangeskunst ist unwichtig. Wenn er zum Mann heranwächst, wird er seine Tonart finden«, erklärte sie. »Jetzt gib schon dein Einverständnis. Wir haben wenig Zeit. Und wir brauchen auch das Pferd.«

Dann erkannte sie, dass auch Erwan die Veränderung beobachtet hatte, die bei Gerwigs Gesang mit Oza vorgegangen war. Einen Moment lang fürchtete sie, er würde nun vollends blocken, doch der Prior zog die Schultern hoch und schüttelte sich, nickte schließlich.

»Gut, den Rotzlöffel kannst du haben. Es gibt noch mehr von seiner Sorte. Aber nicht das Pferd.« Seinem Tonfall war zu entnehmen, dass er nicht gedachte, weiter über diese Angelegenheit zu verhandeln.

Gerwig hatte den Kopf gehoben und stand mit offenem Mund da.

»Ohne das Pferd schaffen wir es nicht.« Meingard gab nicht auf.

Die Stimme des Priors wurde hart. »Ich habe meinen Teil getan. Ich gebe dir den Jungen, auch wenn ich dieses ganze Gerede von den Überlieferungen für Aberglauben halte. Und ich habe euch vor dem Belial gewarnt, oder nicht? Langsam hege ich Zweifel, ob das überhaupt richtig war. Vielleicht ist er ja zu Recht hinter dir her?« Das Mädchen erwähnte er nicht.

Meingards Worte klangen gefährlich leise, fast drohend. »Hast eine Schuld abzutragen, Erwan, eine schwere noch dazu. Soll ich etwa aller Welt davon erzählen? Als du Ozas Mutter beiwohntest, hast du dem Alten Volk die Sängerin genommen. Sie starb im Kindbett. Alle Last liegt nun auf den Schultern des Mädchens. Oder willst du den Belial aufhalten?«

Der Prior hob abwehrend die Hände, in seinen Augen stand das Entsetzen.

Meingards Stimme wurde noch schneidender. »Ja, so dachte ich mir das. Du sitzt dick und fett in deiner Abtei und siehst zu, wie die Welt vor deinen Augen in Stücke geht. Der Satan, vor dem du immer warnst, ist kein Hirngespinst. Darin, wenigstens, stimmen wir überein. Er ist in diese Welt zurückgekehrt. Oder schaust du lieber nicht hin? Bist zu feige, die Verantwortung für dein Tun zu tragen, was? Jetzt, wo die Sängerin gebraucht wird, haben wir nur dieses Mädchen.« Sie wies auf Oza und funkelte ihn böse an. »Nein, sag jetzt lieber nichts. Erzähl mir nicht, du erkennst nicht, was um dich herum vorgeht. So abgestumpft kannst du doch nicht geworden sein! Es ist höchste Zeit, das große Lied zu singen. Schau deine Tochter an! Ist schwer für dich, das auszuhalten, was? Sie ist das Abbild deiner Sünde, das arme Ding. Und kann doch nichts dafür. Sie muss überleben. Sie muss das Lied finden, sie muss es singen. Auch wenn ich nicht weiß, wie. Es ist an uns, zu tun, was wir können, um ihr zu helfen. Auch du. Das bist du ihr schuldig. Und sei froh, dass sie nicht versteht, was ich sage!« Meingard schaute sich um. »Und du, Gerwig, klapp den Mund endlich wieder zu. Siehst aus wie ein Fisch auf dem Trockenen.«

Der Junge senkte den Blick und fingerte erneut an dem Knoten des Hanfseiles herum. Noch nie hatte jemand es gewagt, so mit dem ehrwürdigen Vater Prior zu sprechen. Doch der kniff bloß die Lippen zusammen. Und was hatte es mit diesem Gerede vom Belial auf sich? War der Teufel wirklich hier? Hinter diesem Mädchen her? Er bekam eine Gänsehaut und schlug die Hand vor den Mund, um ein Wimmern zu unterdrücken. Nein, er wollte nicht mit! Lieber nicht! Lieber hier in Sicherheit bleiben. Doch wie konnte er sich dem Befehl des Priors widersetzen? Das wagte er nicht. Nicht auszudenken, was dieser mit ihm anstellen würde, wenn er sich weigerte, mit der Alten zu gehen. Kein Teufel konnte so schrecklich sein wie die Strafe des Priors. Außerdem war dieser Belial noch weit weg, und es bestand wenigstens die Möglichkeit, dass sie ihm entkamen. Der Prior hingegen stand direkt vor ihm.

Gerwig wimmerte leise. Er war noch so jung. Er wollte nicht sterben. Doch niemand beachtete ihn. Er versuchte nachzudenken. Bisher hatte er einfach geglaubt, was die Mönche ihm erzählten. Von Gott, vom Teufel und den Engeln im Himmel. Von den Wundern, die Gottes Sohn vollbringen konnte. Und den Taten der Heiligen. Was faselte die Alte da von einem Alten Volk, von irgendwelchen Überlieferungen? Und von den Lügen der Kirche? Das konnte es nicht geben. Aber an den Teufel glaubte sie offenbar auch. Nur das Mädchen schien sich um nichts zu scheren. Ob sie nicht nur grauenvoll hässlich, sondern vielleicht noch dümmer war als er selbst? Mitleid wallte in ihm auf. Dann verspotteten die Leute sie bestimmt noch mehr als ihn. Er schielte zu ihr. Nur, als er gesungen hatte, war etwas mit ihr … geschehen, anders geworden. Er wusste nur nicht genau, was.

Gut, noch einmal von vorn. Eines ließ sich nicht verleugnen: Sowohl der ehrwürdige Vater als auch die Alte glaubten an den Teufel. Und wenn es den Teufel gab, dann musste es auch Gott geben. So weit, so gut. Aber warum schickte der Allmächtige den Teufel nicht gleich dorthin zurück, wo er herkam? Gerwig stockte der Atem. Was, wenn Gott doch nicht allmächtig war? Er fühlte, wie seine ganze Welt ins Wanken geriet. Nein! Er wollte das nicht einmal denken. Er durfte nicht zweifeln. Gott hatte ihn beschützt, in die Abtei gebracht. Wenn er sich Mühe gab, wenn er gut und gehorsam war, dann würde Gott ihm auch weiterhin helfen. Der Prior war Gottes Stellvertreter. Er würde ihn nicht in das sichere Verderben schicken.

Diese Hoffnung beruhigte Gerwig ein wenig und schuf Raum für ein Gefühl, das seine Furcht überlagerte. Bedauern. Er schien soeben Teil eines großen Geheimnisses geworden zu sein. Diese Kreatur war also Erwans Tochter. Er fand es schade, dass er nicht hierbleiben konnte, um den anderen Mönchen brühwarm davon zu berichten.

Er schaute erneut verstohlen zu Oza. Sie hatte bestimmt Angst. Sie hatte sich anfangs ja sogar vor ihm gefürchtet, und dann vor einem Pferd. Die Alte hatte ganz sicher welche, das konnte er förmlich riechen. Doch sie fürchtete nicht den Prior. Sonst hätte sie ihn nicht so angeblafft. Und der ehrwürdige Vater? So aufgewühlt hatte er ihn noch niemals erlebt. Auch wenn er so selbstsicher tat, er konnte ihn nicht täuschen. Gerwig fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach und seine Knie weich wurden.

Dieses grauenvolle Mädchen. Warum war sie so wichtig? Sie wirkte noch immer völlig unbeteiligt, hatte wohl nicht verstanden, was die Alte zum Prior gesagt hatte. Wieder tat sie ihm leid. Ja, sie war noch viel ärmer dran als er.

Nun senkte der Prior den Blick. Gerwig konnte trotzdem erkennen, dass der sonst so unnachgiebige Mann mit sich kämpfte. Die Alte musste ihn mit ihren Worten tief getroffen haben. Konnte es sein, dass er sich tatsächlich schuldig fühlte? Empfand er gar etwas für diese – Kreatur? Eine Weile war es still. Die Alte wartete. Schließlich schaute der Prior auf, in seinen Augen standen Tränen. Der Junge konnte es kaum fassen.

»Gut, nehmt den Gaul. Und jetzt geht. Ich kann euch hier nicht beherbergen. Geht fort. Und kommt niemals wieder hierher«, erklärte der ehrwürdige Vater. Dann fügte er leise hinzu: »Ich habe sie geliebt und sie mich.«

Ich habe sie geliebt – hatte er das wirklich gehört? Hatte der Prior das wirklich gesagt? Gerwig betrachtete ihn ungläubig. All die Jahre war er ein unnachgiebiger Zuchtmeister für ihn gewesen, schnell bei der Hand mit Schlägen. War die Liebe so mächtig, dass sie selbst einen Mann wie ihn erweichen konnte? Es musste so sein. Er würde sich das gut merken und herausfinden, wie sie es machte. Falls er der Liebe begegnete.

»Die Alten mögen dich beschützen«, sagte die Alte freundlich, als wäre nichts Besonderes geschehen. Sie schien als Einzige keinen Moment gezweifelt zu haben, dass sie das Pferd bekommen würden.

Der Prior begleitete die drei Reisenden und den schweren Wallach noch bis zur Klosterpforte und schaute ihnen lange hinterher. Drei Menschen und ein Pferd, deren Gestalten sich in der Dunkelheit verloren.

* * *

Drei Tage später erreichte der Belial die Abtei. Erwan erzählte dem Inquisitor nichts von den beiden Frauen und dem Jungen.

Einen weiteren Tag später kam der Belial mit einer Gruppe von Soldaten zurück. Auf ihrer schwarzen Standarte prangte eine weiße Taube. Sie fällten zwei Bäume, die Axtschläge waren weithin zu hören. Anschließend zimmerten sie daraus ein Kreuz. Dann nagelten sie die Füße und Hände des ehrwürdigen Vaters daran fest und richteten das große Holzkreuz auf. Der Belial hielt einen brennenden Kienspan an seine Fußsohlen.

Da sprach Erwan. So, wie die Frau, die dem Belial von der Alten im Wald und ihrer Tochter erzählt hatte, bevor sie, schreiend vor Schmerzen, auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war.

Bald darauf schlugen Flammen aus dem kleinen Kloster, Steine barsten krachend in der Hitze.

Der nächste Morgen dämmerte über verkohlten Holzbalken und rußgeschwärzten Mauerresten herauf, der scharfe Herbstwind wirbelte die Asche auf und blies sie über die Felder. Asche, die noch vor Kurzem lebende Körper gewesen war. Bruder Benedikt, Bruder Korbinian und die anderen Mönche. Erwan, der Prior. Die Asche erinnerte sich nicht daran. Korn für Korn senkte sie sich auf die kalte Erde. Im Frühjahr würde der gefrorene Boden der brachliegenden Felder auftauen und die düngende Asche aufnehmen. Bis alles kraftvoll grünte und der ewige Kreislauf des Lebens von vorne begann.