Der Irrtum der Schwester Vera - Glenn Stirling - ebook

Der Irrtum der Schwester Vera ebook

Glenn Stirling

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Arztroman von Glenn Stirling Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten. Vera Gebbert, OP-Schwester aus der Mohnhaupt-Klinik, ist Mark Thieme leidenschaftlich verfallen. Er ist jedoch ein skrupelloser Lump, ein Drogenhändler, der Vera nur benutzt. In seinem Auftrag stiehlt sie Betäubungsmittel aus der Klinik und schiebt einer Kollegin die Beweise unter. Als Mark sein wahres Gesicht zeigt, stellt sie sich der Polizei. Nicht nur der Krankenpfleger Gerd Wünsche, sondern auch die junge, stets hilfsbereite Notärztin Dr. Alena Bärwald stehen ihr zur Seite. Doch als die Presse sie vorverurteilt, begeht Schwester Vera eine Verzweiflungstat …

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Glenn Stirling

Der Irrtum der Schwester Vera

Cassiopeiapress Arztroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Der Irrtum der Schwester Vera

Arztroman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten.

 

Vera Gebbert, OP-Schwester aus der Mohnhaupt-Klinik, ist Mark Thieme leidenschaftlich verfallen. Er ist jedoch ein skrupelloser Lump, ein Drogenhändler, der Vera nur benutzt. In seinem Auftrag stiehlt sie Betäubungsmittel aus der Klinik und schiebt einer Kollegin die Beweise unter. Als Mark sein wahres Gesicht zeigt, stellt sie sich der Polizei. Nicht nur der Krankenpfleger Gerd Wünsche, sondern auch die junge, stets hilfsbereite Notärztin Dr. Alena Bärwald stehen ihr zur Seite. Doch als die Presse sie vorverurteilt, begeht Schwester Vera eine Verzweiflungstat …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1

Oberschwester Hedwig zog die Stirn kraus. Missmutig blickte die im Dienst ergraute Schwester auf die junge Klinikapothekerin.

„Fräulein Gatzow, wer sagt Ihnen denn, dass die drei Ampullen Novocain verschwunden sind? Können die nicht ebenso ausgegeben worden sein, ohne dass dies aufgeschrieben wurde? Fräulein Doktor Bärwald verwendet dieses Opiat, auch der Herr Oberarzt schreibt es häufig auf.“

Ines Gatzow schüttelte ihren Kopf, dass ihr blondes langes Haar um die Schultern flog. „Nein, Oberschwester, das ist ganz ausgeschlossen. Die drei Ampullen sind entwendet worden, da habe ich keinen Zweifel. Ich weiß genau, dass ich vier Packungen oben in diesem Fach hier liegen hatte ...“ Sie deutete auf eine Stelle des gewaltigen Regals in der Klinikapotheke. „Da haben sie gelegen. Und daneben liegt immer mein Kugelschreiber. Deshalb ist es mir auch so rasch aufgefallen und nicht erst bei der Revision.“

Oberschwester Hedwig nickte. Das war ein Argument, das sie einsah. Als könne sie die fehlenden drei Packungen doch noch entdecken, bückte sie die Front der Regale und Arzneimittelschränke entlang, die gut gefüllt waren und alle Wände des Raumes einnahmen.

„Sie sind sich darüber klar, dass es ein ungeheurer Vorwurf ist“, sagte die Oberschwester und blickte Fräulein Gatzow durchdringend an. „Ich weiß, dass man schnell etwas ausspricht, aber so etwas ... Ich meine, wir sollten vielleicht noch nicht damit zufrieden sein, sondern weiter suchen, beobachten, aufpassen. Wie sollen wir den Dieb sonst finden? Ein Rauschgift dieser Art wird von Dieben ja ganz sicher nicht verwendet, um es an Ärzte zu verkaufen.“

„Nein, ganz sicher nicht“, erwiderte Fräulein Gatzow. „Man wird es Süchtigen verkaufen, zu einem astronomischen Preis.“

Die Oberschwester nickte beipflichtend. „Ich werde mal mit Fräulein Doktor Bärwald reden. Als Stationsärztin kommt sie ja außer Ihnen ohne besondere Formalitäten in die Apotheke. Wer eigentlich von den Schwestern hat Zutritt …?“

„Wollen Sie etwa sagen, dass Fräulein Doktor ...“ Ines Gatzow blickte die Oberschwester verständnislos an.

„Unsinn, natürlich nicht, aber vielleicht hat sie einen Verdacht. Fräulein Doktor Bärwald rennt nicht mit Scheuklappen durchs Leben. Sie hält die Augen auf. Ich werde mal mit ihr sprechen. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet, welche Schwestern Zutritt zur Apotheke haben.“

Ines Gatzow blickte auf ihre linke Hand, streckte zählend den Zeigefinger aus und sagte: „Da ist einmal Schwester Sabine vom OP, dann Schwester Renate, die ja mit Doktor Roland verlobt ist, und dann ... sonst noch Ärzte. Und Sie, Oberschwester.“

Oberschwester Hedwig hob mahnend die Hand. „Passen Sie auf, ob nicht doch noch jemand hereinkommt, der gar nicht berechtigt ist. Wir müssen dem Rauschgiftdieb eine Falle stellen. Das werde ich mit Fräulein Doktor Bärwald besprechen.“

Ohne noch etwas zu sagen, nickte sie der jungen Apothekerin zu und ging hinaus.

Ines Gatzow seufzte, nahm ihre Liste der Opiate wieder zur Hand und prüfte die übrigen Bestände.

Nach gut einer halben Stunde wusste sie, dass auch drei Ampullen Procain fehlten.

„Mein Gott, auch das noch! Am Ende müssen wir noch die Kriminalpolizei verständigen“, murmelte sie.

Sie wollte sich gerade wieder über ihr Pharma-Buch beugen, als die Schalterschelle läutete. Sie ging in den nebenan liegenden Raum, wo sich der Schalter befand. Die Scheibe war geschlossen, und Ines Gatzow schob sie hoch.

Draußen stand Schwester Vera mit einem Medikamentenwagen des OP. Sie war eine der jüngeren OP-Schwestern. Blond, mit aufgestecktem langem Haar wirkte sie neben der gut fünf Jahre älteren Schwester Annegret wie eine Schönheit. Die lässige, absolut nicht auf äußere Wirkung ausgerichtete Haltung Schwester Annegrets verstärkte diesen Eindruck noch. Bei Schwester Vera wirkte alles ordentlich, korrekt und gutaussehend. Von Schwester Annegret sagte so mancher im Hause, sie wäre eine faule Schlampe, was gewiss nicht stimmte. Aber sie gab nun mal wenig auf Äußeres, und ein Blitz an Schnelligkeit war sie auch nicht.

Ines Gatzow hielt nicht allzu viel von Schwester Annegret, mochte aber die nette und adrett wirkende Schwester Vera.

„Eine lange Liste“, sagte Schwester Vera. „Sollen wir mit dem Wägelchen hereinkommen?“

Ines Gatzow entsann sich des Verbots, das sie bisher immer idiotisch gefunden hatte und das besagte, dass außer den berechtigten Personen niemand in die Apotheke durfte. Dabei müsste sie dauernd von den Regalen nebenan und dem Schalter hin- und herlaufen. Deshalb hatten die Schwestern vom OP immer mit dem Wagen herein gedurft. Jetzt aber fürchtete Ines Ärger.

„Besser nicht, es ist verboten, und die Oberschwester macht mir sonst Ärger. Also, was haben wir denn alles?“ Schwester Vera sagte gar nichts, und Schwester Annegret, die den Zettel hielt, reichte ihn herüber. „Was ist denn auf einmal los? Müssen wir mal wieder in Hausordnung machen?“

„Es sieht so aus“, erwiderte Ines nur, dann ging sie mit der Liste nach nebenan. Sie trug auch diesmal vor dem Zusammensuchen die geforderten Medikamente ins Buch ein. Das dauerte natürlich, und die Schwestern draußen wurden ungeduldig. Schwester Annegret murrte: „Nun steh’ ich mir noch die Beine in den Bauch, was? Ich hab’ doch die Zeit nicht im Lotto gewonnen, Fräulein Gatzow! Oder drehen Sie die Pillen noch selber?“

„Ich mache es fertig, kommen Sie in einer halben Stunde wieder“, entgegnete Ines verdrossen. Was soll ich denn machen?, dachte sie. Wenn die Oberschwester kommt, und die beiden sind hier drinnen, macht sie Terror.

Als Ines später einmal nach drüben ging, waren beide Schwestern weg. Da sah sie auf einmal Fräulein Dr. Bärwald mit einer unbekannten jüngeren Frau in Straßenkleidung näher kommen.

Die beiden hielten direkt auf den Apothekenschalter zu. Dr. Bärwald winkte Ines und rief: „Augenblick, wir wollen zu Ihnen!“

Wenig später standen die beiden vor dem Schalter. Die hübsche Stationsärztin und die dunkelhaarige, etwa gleichaltrige Fremde. Auch sie sah nett aus, trug einen hellen Staubmantel über einem weinroten Kleid, während Dr. Alena Bärwald Klinikkleidung trug.

„Guten Morgen, Fräulein Gatzow. Die Dame hier möchte mit Ihnen reden. Frau Weck ist von der Polizei ...

2

Alena hatte sich entschlossen, draußen zu frühstücken. Das Wetter schien zu halten, die dicken Wolken von heute Morgen zogen ab. Strahlend leuchteten die Blütendolden des Goldregens, die Clematis am Zaun blühte fast kitschig blau, und im Rondell um die Hängebirke die bunten Tupfer der Gartenazaleen. Sonst volles, sattes Grün, wohin das Auge sah.

Die Sonne schien auf die Steinfliesen der Terrasse. Nachbars grauweißer Kater streifte in Erwartung einer milden Gabe um den von Linchen gedeckten Tisch und die beiden Korbstühle. Oben in den beiden gewaltigen Ahornbäumen jubilierte eine Amsel, und drüben auf dem noch von silbernen Tautropfen benetzten Rasen hopsten zwei Bachstelzen auf der Suche nach ihrem Frühstück.

Ein herrlicher Tag, dachte Alena, die heute an ihrem freien Tag nur ihre sogenannte „Freizeitkleidung“ trug, Jeans, T-Shirt und Mokassins. Ihr langes blondes Haar hatte sie zum „Pferdeschwanz“ gebunden und mit einer weinroten Samtschleife verziert. Sie wirkte wie ein junges Mädchen, schlank und rank, wie sie zudem war.

Linchen kam mit dem Tablett. Das ließ sie sich auch nicht abnehmen. Frühstück draußen, das war wie früher, als Alenas Eltern noch lebten. Kaffeeduft, die herrliche Luft draußen, die Vögel, das Grün. Einfach wunderbar. Linchen strahlte. Silbern schimmerte Linchens Haar in der Sonne, frisch die Wangen der alten Haushälterin, die nun schon so lange in diesem Hause lebte und sich gerade in letzter Zeit sehr, sehr oft daran erinnerte, wie es war, als Alena noch ein Kind war ... Lange konnte sie über solchen Erinnerungen brüten.

Aber sie war deshalb nicht mit der Gegenwart zufrieden. Es war ein ruhiges, ausgefülltes Leben zusammen mit Alena. Nur dass die junge Ärztin eben oft so unregelmäßig Dienst versehen musste, man sie nachts mitunter bei einem Notfall aus dem Bett holte. Linchen selbst jedoch hätte sehr behaglich leben können. Der Haushalt, der Garten, das alles war ihre heile und so geliebte Welt. Das Schwätzchen beim Kaufmann, dann die vielen Leute, die sie alle kannte und die oft zu ihr kamen, um sich bei ihr Rat zu holen, das erfüllte sie mit einem Gefühl des Glücks. Und dass sie für „ihre“ Alena sorgen konnte wie für eine eigene Tochter.

„Was möchtest du eigentlich zu Mittag?“, fragte sie Alenas, als sie das Tablett absetzte.

Alena freute sich auf die Stunde, die sie zusammen mit Linchen dem Sonntagsfrühstück widmete. „Was redest du von Mittag, wenn hier das Frühstück steht? Komm, Linchen, setzt du dich nicht endlich?“

Linchen hatte es sich aber in den Kopf gesetzt, mit Alena über das Mittagessen zu reden. „Eigentlich könnten wir erst am Abend was Warmes essen. Es wird ziemlich heiß heute. Soll ich Kaltschale machen?“

Alena goss Linchen und sich Kaffee ein. „Mach, was du willst, ich bin heute nur faul. Ich lese, aale mich im Liegestuhl und denke möglichst wenig. Also zerbrich dir den Kopf und lass mir meine Ruhe!“ Sie lachte und amüsierte sich, weil Linchen ein so enttäuschtes Gesicht machte.

„Sonst erzählst du mir immer von der Klinik, wenn wir sonntags frühstücken.“ Sie sah richtig gekränkt aus, als sie das zu Alena sagte.

Alena lächelte nachsichtig. „Und du berichtest von deiner Welt hier in der Straße. Also gut, fang heute mal du zuerst an. Was gibt es Neues beim Kaufmann?“ Sie schlug sich ihr Ei auf und aß voller Genuss den ersten Löffel. So entging ihr der vorwurfsvolle Blick, den ihr Linchen zuwarf.

„Nun hör aber! Als wenn ich den ganzen Tag beim Kaufmann ratsche und tratsche. Diese Woche hatte ich im Garten zu tun. Nach dem Regen wächst das Unkraut mehr als alles andere. Und vom an der Tür ist mir die schöne Gloria Dei eingegangen. Ich habe sie zu früh heruntergeschnitten, und das mögen die Rosen gar nicht, wenn’s dann noch mal Frost gibt. Ich dachte ja, sie kommt noch, aber nichts war’s ... Sag mal, da fällt mir was ein!“ Linchen beugte sich vor und hielt damit inne, ihr Brötchen zu schmieren. Sie sah Alena gespannt an und fuhr fort:

„Ist eigentlich die Vera Gebbert noch bei euch als OP-Schwester?“

Alena tat sich Marmelade aufs Brötchen und leckte sich danach die Fingerspitzen ab. „Hm, ist sie, warum?“ Linchen sah Alena herausfordernd an und spitzte den Mund. „Na, so einen Freund solltest du auch haben! Der hat einen Wagen, sag’ ich dir! So einen riesig großen amerikanischen Straßenkreuzer. Der blinkt nur so von Chrom!“ Alena war überhaupt nicht beeindruckt. „So? Na und?“

Linchen wollte ihre Geschichte loswerden. „Als ich gestern bei Mengelbergs war und Erdbeeren für heute geholt habe ...“

Alena strahlte. „Frische Erdbeeren? Jetzt schon? Unsere eigenen blühen ja erst.“

Linchen nickte. „Sündhaft teuer, aber ich wollte dir mal was Besonderes holen. Na ja, als ich bei Mengelbergs war, kam dieser Straßenkreuzer. Er hält, und dann steigt die Vera aus. Ich kenne sie ja schon, als sie noch im Kinderwagen gefahren wurde. Ihre Mutter war ja damals beim Zahnarzt Helfferich und..

„Ach, Linchen, verschon mich doch damit! Was war mit der Schwester Vera?“

„Sie stieg aus, basta. Und dann habe ich mir das Bürschlein auch angesehen. Vielleicht fünfundzwanzig ist er, lange Haare, angezogen wie einer vom Zirkus Renz. Der hat ihr noch nicht mal den Schlag aufgemacht, als sie aussteigen wollt’. Das sind Manieren heutzutage. Wenn ich da an früher denk’! Da hat der Kavalier einem doch die Tür aufgerissen und ...“

„Linchen, die Zeiten haben sich eben geändert. Außerdem geht uns das doch nichts an.“

Linchen fuhr unbeirrbar fort: „Und während sie im Geschäft war, hat er draußen allen Mädchen nachgesehen, die vorbeigekommen sind. Und nachgepfiffen hat er ihnen. Na, ist das vielleicht ein Benehmen?“, fragte sie entrüstet.

„Du regst dich heute zum Sonntag künstlich auf“, meinte Alena belustigt. Sie deutete auf den Käse unter der Glocke. „Ist das Gouda?“

Vorwurfsvoll erwiderte Linchen: „Wann wirst du das denn lernen, Kind? Also von so vielen Dingen verstehst du was, aber beim Käse kannst du den Tilsiter vom Gouda nicht unterscheiden. Wo dein Vater den Tilsiter so gemocht hat.“

„Du liebe Güte, als wenn das so wichtig wäre. - Was wolltest du heute Abend machen, Kaltschale?“ Alena nahm sich noch Käse, lehnte sich zurück und sah Linchen mit versöhnlichem Lächeln an. Linchen war ein wenig verwirrt über diesen Themenwechsel wie es schien, doch dann antwortete sie: „Ja, Kaltschale mit den Erdbeeren. Man muss an so einem heißen Tag nicht auch noch heißes Essen kochen. - Du, dieser Kerl, mit dem Vera da geht, der taugt nichts. Kannst du ihr das nicht irgendwie klarmachen? Sie ist ein so nettes Mädchen. Schon als Kind war sie immer so freundlich, hat stets schön gegrüßt und mir auch manchmal die Eier mitgebracht, wenn das Eierauto kam und ich nicht da war. - Thekla hieß die Mutter. Jetzt fällt es mir ein. Die war Sprechstundenhilfe bei Dr. Helfferich. Mit dem ist sie ja auch verunglückt. War ein schlimmes Unglück, damals. Du wirst dich nicht erinnern, was? Das ist ja auch schon fünfzehn Jahre her ...“

„Sag mal, Linchen, war das die Sache am Bahnübergang, wo die Schranke nicht geschlossen war und der Schienenbus kam?“

Linchen nickte betrübt. „Sie waren alle drei tot, der Doktor Helfferich, seine Frau und Thekla. Vera muss damals so sechs, sieben Jahre gewesen sein. Furchtbar, nicht wahr? Nun lebt sie all die Jahre mit ihrem Vater, und der hat doch nach dem Unfall zu trinken angefangen. Tut er nicht mehr, aber lange war es schlimm mit ihm. Er hat wirklich was mitgemacht. Und das arme Wurm, die Vera, ist ganz allein aufgewachsen. Ein properes Mädchen ist sie. Nur dieser Freund, der gefällt mir nicht. Der sieht richtig wie ein Gangster aus.“

Alena entsann sich plötzlich des Besuches der Kriminalbeamtin gestern. Wie es ihr einfiel, keimte in ihr zugleich ein Verdacht. Weil sie aber Linchens blühende Fantasie in solchen Dingen kannte, sprach sie nicht mit ihr darüber. Vielmehr hatte sie es nicht vor, aber da kam dann Linchen ganz durch Zufall auf dieses Thema.

„Ich hab’ diesen Burschen schon mal irgendwo gesehen. Der Lockenkopf, der ist mir sofort wieder aufgefallen“, berichtete Linchen. „Da hatte er aber dieses Auto noch nicht, sondern so ein irrsinniges Motorrad. Mit so einem verrückten Lenker, wo sie immer draufsitzen wie Hasen, die Männchen machen.“ Alena lachte. „Du kommst wohl überhaupt nicht von diesem Thema los? Nun hör schon auf.“

Linchen hatte sich daran festgebissen. „Würde mich nicht wundern, wenn den eines Tages die Polizei sucht.“

„Weißt du, wie er heißt?“, fragte Alena.

„Keine Ahnung. Das Auto hatte eine Frankfurter Nummer.“

„Aha. - Übrigens weil du gerade von der Polizei erzählst: Bei uns war sie auch. Jemand hat bei uns Opiate gestohlen, und die sind wieder aufgetaucht. Am Bett eines Toten. Allerdings waren die Ampullen leer, sonst hätte der Mann noch gelebt. Mann, ein junger Bursche von achtzehn Jahren. Die Opiate stammen jedenfalls aus unserer Klinik.“ Linchen hatte die Augen weit aufgerissen und starrte Alena mit ebenfalls vor Interesse halb geöffnetem Mund überrascht an. „Opiate? Was sind das, Alena? Opium?“

„Rauschmittel, ja, so etwas wie Opium, Kokain und so.“

„Und da sind Männer von der Kripo zu euch gekommen?“

„Keine Männer. Eine Frau. Eine Kommissarin. Sehr nett. Du würdest ihr den Beruf nie ansehen. Zierliche Person, aber sie kann sogar Karate. Das lernen sie. Wirklich eine nette junge Frau. Ihr Mann war auch Kriminalbeamter. Ist tot.“

„Erschossen?“, fragte Linchen sensationslüstern.

Alena lächelte verständnisvoll. Linchen hatte ja eine Schwäche für Krimis. „Nein“, musste sie erwidern. „Er hat sich im Urlaub irgendwo in Tunesien angesteckt, eine Leberkrankheit. Daran ist er gestorben. Hat mit der Polizei nichts zu tun, sein Tod. - Sie ist übrigens so alt wie ich. Sie wollte natürlich wissen, wie das Zeug bei uns verschwinden konnte und ob wir es gemerkt haben. Unsere Apothekerin hat es gemerkt. Sie hatte kurz vor dem Besuch der Kommissarin mit der Oberschwester darüber gesprochen. - Übrigens, Linchen, dass du mir bitte nicht darüber redest. Auch mit der Frau Mengelberg nicht und auch nicht mit Frau Pilz!“

Linchen hob beschwörend die Hände. „Als wenn ich tratschen würde! Was denkst du nur von mir, Alena?“

„Wenn dir das Herz voll ist, läuft dir der Mund über, das denke ich, Linchen.“ Alena lachte, und Linchen senkte schuldbewusst den Kopf. Das hielt aber nicht lange vor. Die Neugierde war stärker.

„Alena, was hat denn diese Kommissarin nun herausbekommen?“

„Nichts bis jetzt. Sie hat mit der Apothekerin gesprochen, mit mir auch, hat gefragt, ob wir einen Verdacht haben, und jetzt habe ich einen. Durch dich. Aber wehe, wenn du darüber redest. Wehe, Linchen!“

„Durch mich? Meinst du etwa diesen Lockenkopf mit dem Straßenkreuzer? Oder ...“

„Wir wissen nichts, Linchen, wir wissen ganz und gar nichts. Denke an die Lockenköpfe, die bei uns in der Klinik als Pfleger Dienst tun. Allein die Jungens in der Intensivstation. Wenn wir die nicht hätten! Die haben auch lange Haare und sehen mitunter wild aus, wenn sie nicht unter dem weißen Kittel - oder dem grünen von der Sonderstation - stecken und ihre Haare in der Kopfhaube bändigen. Deshalb Vorsicht, Linchen! Vielleicht ist dieser Typ absolut harmlos.“

„Aber du hast einen Verdacht“, stellte Linchen triumphierend und sehr selbstzufrieden fest.

„Ja“, bestätigte Alena, „den habe ich.“

„Und, was tust du denn nun?“

Alena lächelte. „Ich esse dieses Brötchen mit Gouda zu Ende und ...“

Linchen seufzte gottergeben. „Es ist Tilsiter!“

Alena winkte ab. „Das ist durchaus wurscht, Linchen. Jedenfalls muss ich damit bis morgen warten, wenn ich überhaupt etwas sagen sollte. Man bringt einen Menschen schnell in einen falschen Verdacht. Kann ich wissen, welche Nachteile diesem jungen Mann entstehen, und am Ende ist er noch absolut unschuldig?“

„Du musst mit der Kommissarin reden!“, beschwor Linchen Alena.

„Ich werde darüber nachdenken. Und im Übrigen kommt es auf eine Stunde auch nicht an.“

Sie hätte Linchen besser kennen müssen. Linchen witterte den Kriminalfall des Jahrhunderts. „Vielleicht ist er ein Mörder! Stell dir das mal vor! Dann kommt es auf die Sekunde an. Wie gestern Abend im Fernsehen. Der ,Alte‘ hat da gerade noch einen dritten Mord verhindern können, weil sein Assistent in allerletzter Sekunde den Verbrecher gefasst hat.“ Linchen schnaufte vor Aufregung. „Ich habe gezittert, sag’ ich dir!“

„Linchen, Fernsehen ist nicht die Wirklichkeit. Und jetzt wechseln wir endlich das Thema!“

Drinnen schellte das Telefon.

Linchen machte vor Erregung große Augen und stieß hervor: „Das ist die Polizei! Bestimmt, das muss die Kommissarin sein!“

3

Vera Gebbert lehnte sich im bequemen Polster des großen Wagens zurück und schloss die Augen. „Gib mir eine Zigarette! Ich bin total fertig. Restlos.“

Der junge Mann neben ihr lachte dunkel. Mit einer Kopfbewegung warf er eine Strähne seines lockigen langen Haares aus der Stirn und blickte Vera forschend an.

„Hast du das Zeug dabei?“, fragte er ungeduldig.

Vera riss spontan die Augen auf und wandte sich ihm zu. Eine Sekunde lang sah sie ihn nur an. Sein Gesicht war sehr männlich. Sie liebte es. Liebte es ebenso, wie sie seine Hände liebte, seine Muskeln, einfach alles an ihm. Er brachte ihr Erfüllung, Glück, Leidenschaft ... und zugleich fiel sie immer wieder an seiner Seite in die Tiefen der Angst, der lähmenden Furcht vor Entdeckung, und ihre Nerven schienen wie ein Ballett zu tanzen.

„Das Zeug? Du bist gut, Mark! Du bist wirklich gut!“, rief sie vorwurfsvoll.

Er grinste. Seine Augen schienen vor Amüsement zu sprühen. Irgendetwas ist passiert. Sie scheint durchzudrehen, dachte er. Aber nichts zeigen. Sonst nimmt sie sich noch viel zu wichtig. Diese Gans, was bildet die sich nur ein?

„Ich war immer gut, Baby, da kann ich Dankschreiben vorweisen“, erwiderte er noch immer grinsend.