Der große Schulden-Bumerang - Wolfgang Schröter - ebook

Der große Schulden-Bumerang ebook

Wolfgang Schröter

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Opis

Dieses Buch ist die persönliche Erkenntnisreise eines Insiders durch die letzten drei Jahrzehnte. In dieser Phase wurden die größten Schuldenberge aller Zeiten aufgetürmt – in Banken, Schattenbanken und Versicherungen sowie in Staatshaushalten. Immer mit dem Ziel, unseren Wohlstand zu vermehren.Der Versuch ist gescheitert. Jetzt schlägt der Schulden-Bumerang zurück. Staaten drohen bankrottzugehen, Sparguthaben könnten verschwinden, Rentenversprechen sich in Luft auflösen, die Arbeitslosigkeit könnte dramatisch wachsen, kurzum: Löst sich unser Wohlstand in Schulden auf? Wolfgang Schröter war konsequent und verließ 2010 die Bankenwelt. Mit diesem Buch will er die Reißleine ziehen und die verhängnisvolle Schuldeneskalation rechtzeitig durchbrechen. Gegen die unheilige Allianz zwischen Finanzakteuren und Politikern – für eine Neuorientierung von Markt und Staat.

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DER GROSSE

SCHULDENBUMERANG

Ein Banker bricht das Schweigen

Wolfgang Schröter

Vorwort

Sieben Jahre sind seit dem Ausbruch der Finanzkrise vergangen. Ist sie bewältigt? Beteuerungen von Politikern, Zentralbankern oder anderen Protagonisten wollten uns das lange glauben machen. Längst aber befinden wir uns in einer Situation, die viel bedrohlicher ist, als es die Finanzkrise je war. Die veränderten Machtverhältnisse in Griechenland, der Kauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank oder sich verstärkende Währungsturbulenzen rund um einen starken Schweizer Franken, den schwachen Euro oder den abstürzenden Rubel stellen dabei nur einen kleinen Ausschnitt dar.

Dass viele das Krisengerede nicht mehr hören können, ist indes sehr verständlich. Auch als Banker, der viele Jahre in den Finanzmärkten unterwegs war und dabei mit vielen wichtigen Akteuren in Unternehmen, Behörden oder Regierungen, in Investment-, Schat­ten-, Zentral- oder Landesbanken zusammengearbeitet hat, habe ich das verstanden. Leute, die dauernd von Krise sprechen, gelten auch dort als Stimmungskiller – und als Vernichter von guten Geschäften.

Was ich in dieser Zeit allerdings ebenfalls verstanden habe, ist, dass nicht wenige jener Akteure ein Interesse daran haben, über die wirklichen Krisenursachen nicht, nur scheinbar oder nur symbolisch zu sprechen. Das mag im Übrigen auch lange für mich selbst gegolten haben.

Zwar sollten wir uns nicht verrückt machen. Doch gilt ebenfalls, dass die tieferen Ursachen der Finanzkrise bis heute an vielen Enden weiterwirken und uns schon bald in noch größere Schwierigkeiten stürzen könnten als jene, die wir beim Ausbruch der ­Finanzkrise vor sieben Jahren erlebten.

Dabei war diese Krise nie einfach nur eine des Banken- und ­Finanzsystems oder eine von teuflischen US-Hypothekenpapieren ausgelöste. Wer so argumentiert, ist fahrlässig, denn er lenkt von dem ab, um das es eigentlich geht. Im Kern war die Krise immer und zuallererst eine internationale Schuldenkrise.

Und weil also die Ursachen genauso wie die Symptome der Krise weiterwirken, sind die Schulden im Weltfinanzsystem, in den Staats- und in den privaten Haushalten in den letzten sieben Jahren noch einmal explosionsartig gewachsen.

Mehr denn je also bewegen wir uns auf einen Abgrund zu. Und mehr denn je bedrohen die sich immer höher auftürmenden Schul­denberge das Fundament unseres Wohlstands.

Wie ist es dazu gekommen, und wie kann dieser Teufelskreis immer weiter wachsender Schulden durchbrochen werden?

Nicht wenige deuten bei der Suche nach den Ursachen und dem Ausweg aus der verfahrenen Schuldensituation auf die Banker und andere Akteure der Finanzmärkte.

Ich war und bin selbst ein Banker. Und nachdem ich vor fünf Jahren aus meinem Job ausstieg, hatte ich nicht nur eine lange Karriere bei mehreren internationalen Bankhäusern hinter mir. Ich hatte auch eine beispiellose Transformation des Banken- und Finanzsektors aus nächster Nähe miterlebt und mitgestalten dürfen.

Vor allem in den letzten zehn Jahren meiner Tätigkeit aber erfasste mich ein sich laufend verstärkendes Unbehagen mit Blick auf den Banken- und Finanzsektor, in dem ich wirkte. Irgendetwas lief da schief – vor allem, weil die Schulden an allen Ecken und Enden unaufhörlich wuchsen, weil die Zinsen und Zinsmargen kontinuierlich sanken und weil irgendwie absehbar war, dass das nicht mehr lange würde gut gehen können. Als ich anfing, darüber mit Kollegen und Kunden zu sprechen, stellte sich heraus: Ich war mit diesem Unbehagen nicht allein. Aber solange die Finanzmärkte noch funktionierten, wollten und konnten weder die Politik, die internationale Gemeinschaft noch die Finanzakteure freiwillig gegensteuern. »Solange die Musik spielt, muss weitergetanzt werden«, so der damalige Vorstandsvorsitzende der Citibank Chuck Prince noch im Sommer 2007, zu Beginn der Finanzkrise.

Irgendwann, so sagte ich mir, musste ich den Ursachen dieser Fehlentwicklung auf den Grund gehen.

Seit ich nun also als Ex-Banker meine Branche und unsere aktuell gleichsam still vor sich hin eskalierende Schuldenkrise mit ihren vielen Akteuren unter die Lupe nehme, versuche ich genau das: dem Unbehagen auf den Grund zu gehen. Das Ergebnis meiner Überlegungen ist dieses Buch: Der große Schulden-Bumerang.

Mein Anspruch ist ambitioniert und bescheiden zugleich. Bescheiden ist er, weil ich nicht beabsichtige, eine gleichsam allumfassende Erklärung für die Ursachen jener Megaschuldenkrise zu liefern, in der wir uns befinden; die gibt es nicht. Vielmehr konzentriere ich mich auf jene Ausschnitte, von denen ich vor dem Hintergrund meiner eigenen spezifischen Erfahrung als Banker überzeugt bin, dass sie einen neuen Blick bieten, um so das Bewusstsein für unsere Schuldensituation zu schärfen und dafür, dass wir alle – und das gilt insbesondere, aber nicht nur für die Banken und Finanzmärkte – dringenden Handlungsbedarf haben.

Diese Ausrichtung am eigenen Erfahrungshintergrund schließt ausdrücklich ein, dass ich einige ökonomische und wirtschaftshistorische Recherchen und Überlegungen angestellt habe, von denen ich hoffe, dass sie meine Argumente erheblich besser unterstützen, als es manche jener teilweise wirklichkeitsfremden ­mathematischen Modelle tun würden, die leider nicht nur die moderne Volkswirtschafts- und Finanztheorie, sondern auch die Investment- und Risikokontrollpraxis immer stärker dominieren.

Ambitioniert ist Der große Schulden-Bumerang aber auch. Denn mit meinem Buch hoffe ich, nicht nur die Diskussion über die Ursachen unserer aktuellen Schuldenkrise zu stimulieren, sondern auch jene über mögliche Wege aus dieser Krise.

Ist mein Unbehagen nun gewichen? Ganz und gar nicht, denn dafür ist die von den angehäuften Schuldentürmen ausgehende Bedrohung viel zu groß. Und dieses Unbehagen bezieht sich mehr denn je auf unsere Art zu wirtschaften und Geldgeschäfte zu betreiben sowie darauf, wie national und international politisch, wirtschafts- und finanzpolitisch gehandelt wird. Aber das Unbehagen hat sich zu sehr klaren Konturen hin verändert, ist in dieser Gestalt in dieses Buch eingeflossen, um damit etwas zu bewirken.

In jedem Fall hoffe ich, dass es dazu beiträgt, dass wir unsere Anstrengungen, aus der größten Schuldenkrise, die die Welt zu Friedenszeiten je erlebt hat, wieder herauszufinden, ein Stück weit vergrößern. Denn sie bedroht nicht nur unseren Wohlstand. Die immer enger werdenden finanzwirtschaftlichen Handlungsspielräume bedrohen auch unseren sozialen Zusammenhalt und wie wir als Nationen in Zukunft miteinander umgehen.

Schuldenberge sind von Menschen gemacht. Nur wir also können sie wieder abtragen. Das wird nicht einfach, und es wird dauern. Es aber nicht zu versuchen, hieße, in Kauf zu nehmen, dass die Schulden als Bumerang am Ende auf uns zurückflögen und ­allergrößten Schaden anrichteten.

Wolfgang Schröter, Kronberg, Februar 2015

Anstatt einer Einleitung: Grund zum Jubeln oder Krise?

Wie geht es uns – der Welt, Europa, uns Deutschen? Gut, durchschnittlich, schlecht? Sieben Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise 2007/08 und fünf Jahre nach dem Beginn der Euro-Krise 2010 schien die Welt bis vor Kurzem in den Modus ökonomischer und finanzwirtschaftlicher Normalität zurückgekehrt.

Der schöne Schein der Normalität

Für viele zeigte sich dabei dieses Bild: Statt um Drohszenarien wie Weltwirtschaftskrise und Bankenschließungen oder apokalyptisch anmutende Begriffe wie »Kernschmelze des Weltfinanzsystems« ging es auf den internationalen Konferenzen wieder in erster Linie um Wachstum und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Oder es ging um die Eindämmung von politischen Krisen wie etwa jener in der islamisch-arabischen Welt, in der Ukraine oder – in diesem Zusammenhang – um Sanktionen gegen Russland sowie um die Sorge, es könnte zum Ausbruch eines neuen Kalten Krieges kommen.

Sicher, politische Normalität war auch das nicht, ganz im Gegenteil. Aber finanzwirtschaftliche Themen schienen im Großen und Ganzen eher in den Hintergrund gerückt.

Dazu passte, dass im Frühjahr 2014, im Vorfeld der Wahl zum Europäischen Parlament also, Länder wie Griechenland, Irland oder Portugal nicht nur für ihre Sparanstrengungen gelobt worden sind. Sie machten nach Jahren der Abhängigkeit von den Euro-­Rettungsschirmen auch vorsichtige erste Schritte zurück an die ­Finanzmärkte.

Die Europa-Wahl hat zudem zwar insgesamt mehr als 20 Prozent Parteien ins Parlament gespült, die offen oder verdeckt eine Anti-Euro- oder eine Anti-Europa-Haltung einnehmen. Insgesamt aber ist der Ruck in die Extreme geringer ausgefallen als von vielen befürchtet. Auch die Griechenland-Wahl Ende Januar 2015 dürfte diesen Befund bestätigen, geht es doch der neuen Regierung nach eigenen Verlautbarungen nicht um einen Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone, sondern um weitere Linderungen der Schuldenlast.

Und Deutschland? Stand und steht in dieser Post-Finanzkrisen-Welt fantastisch da. Jedenfalls wollen uns das Politiker und auch Finanzmarktakteure, die die öffentlichen Debatten subtiler und stärker denn je kontrollieren, glauben machen. Der Arbeitsmarkt brummt, die Löhne steigen, die Kunden konsumieren, Preissteigerungen gibt es kaum, der Export boomt.

Zwar ist immer mal wieder mit leichten Auftrags- und Wachstumseinbrüchen zu rechnen, zu denen es auch kommt und die sich mit der Logik konjunktureller Dellen erklären lassen. Dennoch herrscht die bemerkenswerte Stetigkeit einer Stimmung vor, nach der unser Land nicht mehr der »kranke Mann Europas« ist, wie vor den Agenda-2010-Reformen vollkommen zu Recht beklagt, sondern der ökonomische Motor des Kontinents und wichtiger Treiber der Weltwirtschaft. Und für viele gilt, dass Deutschland auch jenseits konjunktureller Eintrübungen und jenseits neuen, teilweise heftigen Aufflackerns der Euro-Krise – und seit Kurzem der Russland-Krise – im Vergleich zu seinen Nachbarn vor Stabilität strotzt.

Selbst die Staatsfinanzen sind nach Jahrzehnten steigender Defizite aufgrund der höchsten Steuereinnahmen aller Zeiten erstmals unter Kontrolle, jubelt Finanzminister Wolfgang Schäuble, bald greife die gesetzliche Schuldenbremse, die Nettoneuverschuldung des Bundes liege schon für 2014 bei null. Seht her, so seine Botschaft: Die soziale Marktwirtschaft funktioniert, alles unter Kontrolle.

Natürlich macht die Europäische Zentralbank mit ihren vor ­allem in Deutschland nicht unumstrittenen, immer neuen Pro­gram­men Schlagzeilen. Ansonsten aber wirkt die Finanz- und ­Euro-Krise heute im öffentlichen Bewusstsein hauptsächlich dadurch nach, dass die Banken und ihr Umfeld – die Finanzmärkte – nicht nur Milliarden verbrannt, sondern dabei auch ihren Ruf verloren haben. Man traut den Finanzakteuren nun alles zu – vor ­allem Abzockerei und Vernichtung unseres Wohlstands.

Schon in den 80er-Jahren grassierte in New York ein Witz über ihre Ruchlosigkeit: »Was sind 10 000 Banker, gekettet an einen Felsen am Meeresgrund? – Die Antwort: Ein guter Anfang.« Ganz neu ist der aktuelle Reputationsverlust also nicht, zumindest für die Banken. Aber das Versagen des internationalen Banken- und Finanzmarktsystems im Vorfeld der 2007/08 ausgebrochenen Krise und seine Folgen für die Weltwirtschaft haben aus einem eigentlich schon länger bestehenden negativen Grundrauschen eine weltweite Anklage gemacht, die bis heute anhält. Mit dem massiven Ansehensverlust müssen die Finanzmarktakteure nun erst einmal leben.

Schon jetzt scheint klar: Vor allem die Banken haben in den nächsten Jahren unter einer ausgeweiteten staatlichen Aufsicht ihre Fehlentwicklungen der Vergangenheit zu beseitigen – zu hohe Gehälter und Boni, zerstörerische Produkte, verantwortungsloses Kredit- und Finanzierungsverhalten, kriminelle Preisabsprachen, Steuervergehen, zu geringe Eigenkapitalquoten und mangelnde Liquiditätsreserven für Krisen.

All dies gilt es zu eliminieren, lauten die Forderungen.

Und wenn sie erfüllt werden: Wird dann alles wieder gut? Wiederholt sich dann eine vergleichbare Krise nicht mehr? Sind wir dann in sicheren Fahrwassern? Leider nein.

Zum einen: Die Banken haben zwar viele Fehlentwicklungen mit zu verantworten. Doch sie als die alleinigen Krisenverursacher auszumachen, sollte unsere Intelligenz beleidigen. Die wahren Kri­s­enursachen sind komplexer, internationaler und weisen über die Finanzwirtschaft hinaus. Viele Akteure haben dabei eine Rolle ­gespielt. Und fast ebenso viele möchten nun von dieser Rolle ab­lenken.

Zum Zweiten: Was in Deutschland so schön aussieht, ist es in Wirklichkeit nicht. In Wirklichkeit nämlich stecken wir – Deutschland, Europa und die westliche Welt inklusive Japan – immer noch in einer großen Krise. Denn die Finanzkrise, wie sie 2007/08 ihren Ausgang nahm, war im Kern bereits eine weltumspannende Schuldenkrise mit großem Zerstörungspotenzial für uns alle. The­ma­tisiert wurde das kaum. Dabei sind die staatlichen und fi­nanzwirtschaftlichen Schuldenberge seither noch einmal stark gewachsen – und mit ihnen das Zerstörungspotenzial.

Zum Dritten: Als es ab Sommer 2014 unter dem Eindruck ­einer sich eintrübenden Konjunktur vor allem in Europa und Japan einerseits und immer hektischer verkündeten Initiativen der Europäischen Zentralbank andererseits plötzlich hieß: »Die Krise ist zurück«, war das falsch. Richtig ist: Sie war nie weg, nur hat man uns das weismachen wollen. Und wir haben es nur allzu ­gerne so akzeptiert – zumal wir uns mit den jüngeren Entwicklungen rund um den Islamischen Staat und Putins Politik ja kaum mehr retten können vor immer neuen Bedrohungsszenarien.

Schulden überall – weiter wachsend, ineinander verkeilt

Angesichts dieser Gesamtsituation gilt es kühlen Kopf zu bewahren. Auch mit Blick auf unsere Schuldenkrise. Denn natürlich gilt: Die akute und breit sichtbare Finanzkrise ist überwunden. Doch richtig ist eben auch, dass die tieferen Krisenursachen weiter wirken, und dies heftiger denn je. Gerade vor dem Hintergrund der politischen Krisen, die die Welt mitunter erscheinen lässt, als geriete sie aus den Fugen, darf das nicht vergessen werden. Denn bricht unser Banken- und Finanzsystem gerade jetzt zusammen, dann gnade uns Gott – nicht nur wegen unseres Wohlstands, der von heute auf morgen auf dem Spiel stünde, sondern auch wegen des sozialen Friedens hierzulande, der europäischen Integration und der Friedenssicherung weltweit, zu der auch wir einen Beitrag zu leisten haben.

Wem das zu alarmistisch klingt: So ist es nicht gemeint. Es ist aber durchaus so gemeint, dass wir nicht vergessen dürfen, was ein ehemaliger Berater des US-Präsidenten Bill Clinton einmal so plakativ und richtig formulierte, dass es legendär wurde: It’s the economy, stupid! Gewiss, der Kontext, in dem er diese Worte sagte, war ein anderer. Und doch ist seine Aussage auch heute noch richtig.

Obwohl: Vielleicht müssten sich Clinton & Co. heute eine kleine Ergänzung gefallen lassen. Denn es ist nicht nur die Wirtschaft, auf die wir in hohem Maße unser Augenmerk richten müssen, wenn wir unseren Wohlstand, unsere Art zu leben und unseren sozialen Frieden sichern wollen. Es ist noch stärker die financial economy, die Finanzwirtschaft also mit den Banken und vielen ­anderen ­Finanzmarktakteuren, inklusive Ratingagentu­ren, Schattenbanken, Zentralbanken, Regierungen und staatlichen sowie s­uprastaat­lichen Kontrollorganen, um die wir uns mehr denn je zu kümmern haben.

Das jedenfalls ist die Haltung, aus der heraus ich dieses Buch geschrieben habe.

Wo also stehen wir? Der Super-GAU – also die Kernschmelze des internationalen Banken- und Finanzsystems und eine gigantische Weltwirtschaftskrise ungekannten Ausmaßes in deren Folge – wurde zwar durch staatliche Rettungsmaßnahmen gerade noch einmal verhindert. Das durch massive strukturelle Fehlentwicklungen im Finanzsystem verstrahlte Wasser sickert aber auch weiterhin in den Ozean unserer Wohlstandsgesellschaft.

Wer nur etwas genauer hinschaut, der erkennt zum Beispiel sofort, dass viele der systemrelevanten Banken – etwa JPMorgan und die Bank of America in den USA oder die Commerzbank und die KfW in Deutschland – im Gefolge der Finanzkrise erst einmal nicht kleiner, sondern größer geworden sind. Und er erkennt, dass infolge der Finanzkrise auch die Haftungsrisiken, für die bei einem Zusammenbruch wohl am Ende doch wieder der Steuerzahler einzustehen hätte, massiv gestiegen sind. Oder er erkennt, dass die Finanzmärkte wie schon vor der akuten Krise auch heute wieder dazu neigen, bestimmte Vermögensklassen überzubewerten – im Moment Immobilien, Aktien und Staats- oder Unternehmensanleihen –, und dass sie damit gefährliche Blasen schaffen, die bald platzen könnten.

Die Liste der Warnsignale lässt sich mühelos verlängern. Etwa dadurch, dass die Zentralbanken, die westlichen Staatshaushalte und die Finanzindustrie im Unterschied zu 2007/08 sowohl in absoluten Zahlen wie beim Justieren ihrer Aufgabenverteilungen am Limit ihrer Möglichkeiten angekommen sind. Gigantische staat­liche Rettungspakete, wie sie auf dem Höhepunkt der Krise geschnürt wurden, wären aktuell wegen weiter schrumpfender öffent­licher Finanzspielräume kaum mehr möglich. Der Fokus der Rettungs- und Heilungsversuche liegt also erzwungenermaßen weitgehend bei der Geldpolitik – auch wenn jene der Europäischen Zentralbank immer weniger eine solche zu sein scheint, denn die Ankaufprogramme von Staatsanleihen und Kreditportfolios der Banken sind wohl eher der (nicht autorisierten) Finanzpolitik zuzurechnen.

Die Finanzspielräume sind vor allem aus zwei Gründen sehr gering. Zum einen etwa tendieren die Zinsen gegen null – wenn sie nicht gar schon Negativwerte erreicht haben –, und damit verknüpft wachsen die Gefahren, bald in japanischen Verhältnissen mit lang anhaltender Wachstumsschwäche, Deflation und weiter steigender Staatsverschuldung zu enden. Vor allem aber sind bereits heute die Schulden sowie die mit ihnen verbundenen Ansprüche und Leistungsversprechen bei den Staaten und den entscheidenden Finanzmarktakteuren – inklusive der Banken – noch einmal um 40 Prozent größer als bei Ausbruch der Finanzkrise. Bei den Zentralbankbilanzen fällt der Anstieg noch deut­licher aus.

Die alte Ordnung zwischen diesen Schuldenprotagonisten, wie wir sie noch vor 20, 30 oder auch fast 40 Jahren kannten, ist endgültig aus den Fugen geraten.

Das ist eine alarmierende Entwicklung. Sie zeigt sich an vielerlei – zum einen etwa am Verschuldungsgrad der öffentlichen Haus­halte. Nach Angaben der europäischen Statistikbehörde ­Eurostat sind die Staatsschulden der Euro-Länder und der EU-­Mitglieder im ersten Quartal 2014 auf einen neuen Rekordwert geklettert. Zur Erinnerung: Der Stabilitäts- und Wachstumspakt legt für die Europäische Währungsunion fest, dass die gesamten Schulden eines Staates einen Verschuldungsgrad von 60 Prozent, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, nicht überschreiten dürfen. Es gibt ­einen breiten internationalen Konsens, dass Staaten bis zu diesem Verschuldungsgrad ihren finanzwirtschaftlichen Handlungsspielraum behalten, ohne das Wirtschaftswachstum spürbar zu beeinträchtigen. Dass es immer wieder einmal Versuche gibt, diesen Konsens infrage zu stellen, wie etwa unlängst von der Direktorin des Internationalen Währungsfonds Christine Lagarde, die als Französin angesichts der angespannten ökonomischen Situation in ihrem Heimatland ein besonderes Interesse an einem Aufbrechen dieses Konsenses haben mag, ändert nichts daran, dass es ihn prinzipiell immer noch gibt.

Was es allerdings auch gibt, ist die Tatsache, dass immer mehr Staaten immer deutlicher von ihm abweichen. Am Ende des ersten Quartals 2014 etwa wiesen die 18 Euro-Staaten nun bereits einen Verschuldungsgrad von 93,9 Prozent auf, gegenüber 92,7 Prozent im Vorquartal. Betrachtet man die gesamte EU, so zeigt die Verschuldung der öffentlichen Haushalte eine ähnliche Tendenz. Sie wuchs von 87,2 auf 88,0 Prozent. Spitzenreiter ist Griechenland (174,1 Prozent) vor Italien (135,6 Prozent) und Portugal (132,9 Prozent), während Deutschland mit 77,3 Prozent im Mittelfeld liegt.

Dass diese Schuldenentwicklung keine junge ist, dokumentieren etwa auch die Zahlen der seit 2003 deutlich ausgeweiteten westlichen Staatsschuldenquoten, also des prozentualen Anteils der Schulden eines Landes an seinem jährlichen Bruttoinlandsprodukt:

Die alarmierende Entwicklung drückt sich ebenfalls – und zweitens – in den seit 2008 massiv ausgeweiteten Zentralbankbilanzen aus. Krisenbedingt wurde die Geldpolitik der Zentralbanken sehr expansiv. Zum einen fokussierten und fokussieren sie auf die Stabilisierung des Banken- und Finanzsektors, der auch nach der Krise noch nicht zum Zustand der Vorkrisenzeit zurückgefunden hat, weder in der Frage der Liquidität noch mit Blick auf das wechselseitige Vertrauen der Akteure. Zum anderen griffen die Zentralbanken insbesondere in den angelsächsischen Ländern und Japan direkt in den Markt für langfristige Staatsanleihen ein, indem sie diese in großem Umfang über kurzfristige Geldschöpfung in die eigene Bilanz nahmen. Ziel war und ist es hier, die Zinsen auch langfristig auf niedrigem Niveau zu stabilisieren, die Banken zu stützen, die geschöpften Gelder der Realwirtschaft zur Verfügung zu stellen und so die Wachstumskräfte in den Ländern zu stärken.

Die folgende Abbildung zeigt die Entwicklung der Ausweitung der Bilanzen der Notenbanken am Beispiel der USA, Japans, Großbritanniens und der EU beziehungsweise der Euro-Zone bis 2013:

Im Gegensatz zu den anderen westlichen Zentralbanken hat die EZB in den Jahren 2013 und 2014 eine weitere Bilanzausweitung über den Ankauf von Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-­Staaten nicht vollzogen. Seit Januar 2015 wissen wir aber, dass der 2012 ausgesprochenen Ankündigung von EZB-Präsident Mario Draghi, er werde »alles tun, was nötig sei«, um die Banken, die Finanzmärkte und die Wirtschaftskräfte im Euro-Raum zu stabi­lisieren, nun auch geldpolitische Taten in Form eines großen Anleiheankaufsprogramms unter Einschluss der Euro-Staatsanleihen folgen werden.

Die in weiten Teilen positiven Stellungnahmen des Europä­ischen Gerichtshofes auf die 2014 vonseiten der Bundesbank und anderen aufgeworfenen Fragen der Rechtmäßigkeit einer solchen Maßnahme haben Mitte Januar 2015 den Weg erst einmal dafür freigemacht, dass die EZB die europäischen Staatsschulden quasi aus der Druckerpresse finanzieren darf.

Erstes Opfer dieser Entwicklung wurde die Schweizerische Nationalbank, die sich im Januar 2015 gezwungen sah, die seit 2011 bestehende Bindung an den Euro aufzugeben. Zu groß wurden die tatsächlichen und potenziellen Währungsverluste aus den Ankäufen von Euro-Papieren, die währungsmäßig von Seiten der EZB – gewollt – immer mehr an Wert verlieren. Die damit verbundene Aufwertung des Schweizer Frankens um mehr als 20 Prozent wie auch die aufgelaufenen Verluste in der Bilanz der Schweizerischen Nationalbank zeigen, dass auch monetäre Stabilisierungsversuche der Zentralbanken am Ende scheitern können.

Der von Mario Draghi am 22. Januar 2015 vorgestellte Plan sieht vor, dass die EZB von März 2015 bis September 2016 Euro-­Staatsanleihen von 60 Milliarden Euro pro Monat und damit im Gesamtvolumen von mehr als 1100 Milliarden Euro ankaufen. Er holt damit nach, was Japan, Großbritannien und die USA schon seit Jahren praktizieren: eine ultra-lockere Geldpolitik mit Nullzinsen unter Einschluss des Ankaufs von Bank- und insbesondere Staatsanleihen.

Alle westlichen Nationen haben seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 neben den staatlichen Rettungsmaßnahmen und der Neu­regulierung der Banken ihre Zentralbanken, deren wichtigste Kom­munikationsaufgabe in der Zeit vor der Krise das Schweigen und die Unberechenbarkeit für die Finanzmärkte waren, zu Sprachrohren umfunktioniert, die uns wöchentlich versichern, dass sie alles tun werden, eine finanzwirtschaftliche Eskalation zu verhindern. Vor allem bis Mitte der 90er-Jahre stellten dagegen die westlichen Zentralbanken Institutionen dar, vor denen die Banken und Finanzmärkte großen Respekt hatten. Ihre Verlautbarungen ­waren bestenfalls »Orakel«, die man so oder anders lesen konnte. Andererseits waren sie auch auf andere Weise schwer durchschaubar. Zentralbanken stellten für Banken und Märkte immer eine Art Gefahr dar, denn sie konnten ohne jede Ankündigung Zins­erhöhungen durchsetzen, damit Rezessionen auslösen, Aktien- oder Anleihemärkte kollabieren lassen und Regierungen stürzen. Und bis Ende der 80er-Jahre ist das immer wieder geschehen.

Inzwischen ist es umgekehrt. Zentralbanken sind mittlerweile zu den wichtigsten Versicherern der Märkte geworden. Unter dem Vertrauen einflößenden Begriff der Forward Guidance kommu­nizieren sie dabei nicht mehr schwer durchschaubar, sondern – zurückhaltend ausgedrückt – kreativ. Damit etwa in der Öffentlichkeit keine Angst vor einer Deflation entsteht, erfinden die Zentralbanker inzwischen neue Wortkreationen wie »Disinfla­tion«. So sind sie aus einem schwer zu lesenden Orakel zum wichtigsten Kompass für die Welt der Finanzen geworden, unter Einschluss der Aktienmärkte und der Staatsfinanzen. Und anders als seine Vorgänger spricht Mario Draghi in seiner Funktion als EZB-Präsident nun regelmäßig vor nationalen Parlamenten und erläutert ganz konkret seine geldpolitischen Ziele. Und dabei bleibt es nicht, denn er erläutert ebenfalls die anvisierten Maßnahmen. Ist all dies ein Ausweis der Unabhängigkeit der EZB von der Politik, wie sie in den Statuten der Bank verankert ist? Natürlich nicht.

Damit nicht genug. Denn in der Euro-Zone zeigt sich das verlorene Gleichgewicht der alten Ordnung zwischen Schuldnern und Gläubigern zusätzlich auf andere Weise besonders gravierend. Hier stehen viele Schuldnerländer, die um ihre Existenz kämpfen, wenigen Gläubigerländern gegenüber, die zwar weiter am Euro festhalten, dabei aber ihre eigenen Haftungen aus dem Verbund beschränken wollen. Griechenland zum Beispiel ruft immer wieder nach weiterer Verringerung der Schulden- und Reformlast, Deutschland hingegen sucht nach Wegen, seine etwa über Rettungsschirme gegebenen (indirekten) Garantien für Griechenland nicht direkt in harte deutsche Schulden umzuwandeln. Oder ein anderer Fall: Im Mai 2014 verkündet die Europäische Kommission stolz, dass mit der Etablierung der EU-Bankentestamente – einer Abwicklungsordnung für gescheiterte Banken – die Zeit vorbei sei, in der die europäischen Steuerzahler für den Konkurs von Banken haften müssten. Die Ankündigung hielt der Realität keine drei Monate stand. Denn schon im August desselben Jahres wurde mit Mitteln aus dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) – also aus dem Euro-Rettungstopf, der eigentlich für die Unterstützung von Staaten in einer Krise angelegt ist – die portugiesische Banco Espirito Santo vor dem Ruin gerettet.

Ein weiteres Beispiel für konfliktträchtige Unterschiede in der Euro-Zone: Deutschlands Banken halten inzwischen deutlich geringere Anteile an Staatsanleihen der südeuropäischen Krisen­län­der als noch vor fünf Jahren. Die französischen Institute dagegen haben diesen Schritt aufgrund des Drucks der nationalen Politik nicht in vergleichbarem Umfang vollzogen. Allein das macht Frankreich in der Euro-Krise eher zu einem Verfechter der Inte­ressen der schwachen Länder als zu einem Verbündeten der Starken, zu denen Deutschland immer noch gerechnet wird – ein gefährlicher Gegensatz der beiden wichtigsten Protagonisten in der EU und Euro-Zone.

Insgesamt also sind die Bank- und Staatsschulden und die damit verknüpften Interessenlagen in der Euro-Zone ineinander verkeilt, sowohl was mögliche Eskalationen in Richtung einer neuen Megakrise betrifft als auch in Bezug auf mögliche Lösungen. Angesichts solcher gefährlichen und wechselseitigen Abhängigkeiten auf die vermeintliche Stärke Deutschlands zu zeigen, mag für Politiker hierzulande opportun erscheinen, weil es vor­gaukelt, alles sei unter Kontrolle, und so Wiederwahlchancen erhöht. In Wirklichkeit aber ist es Augenwischerei und Ablenken von Herausforderungen, die dringend anzugehen wären.

Das gilt umso mehr, als ähnliche, sich gegenseitig verstärkende Abhängigkeitskonstellationen auch jenseits des Euro-Raums zu er­kennen sind, vor allem in China, der bisherigen Wachstums­loko­motive der Welt. Nach Schätzungen der Standard Chartered Bank stiegen die Gesamtschulden der Volksrepublik – das heißt die Verbindlichkeiten von Regierung, Unternehmen und Haushalten im Vergleich zur Jahreswirtschaftsleistung – seit Ende 2008 von 147 auf 250 Prozent Ende Juni 2014. Wichtig dabei: Es war insbesondere auch China, das durch seine expansive Geld- und Wirtschaftspolitik in und nach der Finanzkrise die Welt vor einem noch größeren realwirtschaftlichen Kollaps gerettet hat. Inzwischen aber werden die eingegangenen Schulden auch für das größte Schwellenland zum Problem.

Zum Vergleich: In den USA belief sich die ­Gesamtschulden­quote Ende 2013 auf 260 Prozent, in Deutschland auf knapp 200 Prozent. Beide Länder sind dabei wirtschaftlich wesentlich weiter entwickelt und können höhere Gesamtschulden deutlich besser verkraften als ein Land wie China, das sich im schwierigen Prozess befindet, den Weg von der verlängerten Werkbank des Wes­tens zu einem voll entwickelten Industriestaat zu gehen. ­Damit das funktionieren kann, sind große Veränderungen in der ­chinesischen Wirtschaft nötig. Mit einem strukturell zu hohen Schuldenstand wird das aber schwierig.

Grund für den schnellen Anstieg der Verschuldung ist die chinesische Wirtschaftspolitik, die mit billigen Krediten, vor allem mit staatlich verordneten Bau- und Infrastrukturprojekten, versucht, das Wachstum hochzuhalten – und damit auch das Versprechen nach Wohlstandsmehrung. Die Frage ist, wie lange dieses Konzept noch trägt. Und die Frage stellt sich umso mehr, als sich daneben auch ein immer fragileres Schuldner-Gläubiger-Verhältnis zwischen den alten Industrienationen und den Schwellenstaaten zeigt. So hält etwa China als mit Abstand wichtigstes Schwellenland gegenwärtig mehr als 3500 Milliarden US-Dollar an westlichen Staatsanleihen, die meisten davon tatsächlich in US-Dollar, einen wesentlichen Anteil aber auch in Staatsanleihen aus dem Euro-Raum.

Zwar ist, anders als im innereuropäischen Verhältnis, die Konfrontation, wer am Ende die Zeche für hier bereits deutlich erkennbare Ausfallrisiken zahlt, noch nicht offen ausgebrochen. Doch das kann sich schnell ändern. Viele Ökonomen sind seit Längerem schon besorgt und befürchten einen Absturz der chi­nesischen Wirtschaft. Sowohl das auf exzessiver Kreditaufnahme und auf Investitionen und Export basierende chinesische Wachstumsmodell als auch die fragilen Schuldner-Gläubiger-Verhält­nisse zwischen dem Westen und Schwellenländern im Allgemeinen und China im Besonderen könnten dann kollabieren. Die Weltwirtschaft und mit ihr Deutschland könnten so in einen Strudel unabsehbarer Wohlstandsvernichtung gerissen werden.

Um in dieser komplexen Situation Schlimmeres zu verhindern, stützen die westlichen Zentralbanken sowohl die strukturell zu großen, das heißt über zu viele Schulden finanzierten Staatshaushalte wie auch die Kredite der Banken. Doch trotzdem verleihen sich die Finanzinstitute aus Angst vor der nächsten Großkrise gegenseitig nach wie vor kaum Geld, weder national noch interna­tional. Ohne einen funktionierenden Interbankenhandel aber wird das Weltfinanzsystem nicht wieder gesunden können. Die geldpolitischen Stimuli der Zentralbanken fundieren also immer weniger das, was sie sollen: die Realwirtschaft und die Funktionsweise eines stabilen, internationalen Banken- und Finanzsystems.

Nicht weniger wichtig: Kaum ein Land des Westens steht im Außenverhältnis noch für eine starke Währung ein und wenn wie im Fall des Schweizer Frankens eine Aufwertung nicht mehr zu verhindern ist, dann belastet das die dortige Exportwirtschaft massiv. Sowohl die EZB wie auch die japanische Zentralbank verfolgen gegenwärtig offen das Ziel, die Bürde der auf ihren Volkswirtschaften lastenden Schulden – und die damit verbundene wirtschaftliche Schwäche – durch eine Abwertung ihrer Wäh­rungen erträglicher zu machen. Wenn das aber alle Länder (be­ziehungs­weise Währungsräume) wirklich konsequent tun, dann kann sich daraus wie in der Weltwirtschaftskrise in den 30er-Jahren ein gefährliches politisches und wirtschaftliches Konfronta­tionspotenzial entwickeln, bei dem am Ende die internationale Arbeitsteilung infrage gestellt wird – also die effektive Aufteilung von Produktionsfaktoren und Spezialisierungen und damit genau das, worauf Deutschland als Exportland so stark angewiesen ist.

Deutschland, Europa und die Welt – globale Finanzmärkte als kommunizierende Röhren

In jedem Fall gilt: Verlieren können in dieser Situation viele sehr viel. Schauen wir dabei auf Deutschland, so wird schnell erkennbar, dass wir bedingt durch unsere engen wirtschaftlichen Verbindungen zu Europa, aber auch zum Rest der Welt besonders ver­wundbar sind.

Zwar mag es auf den ersten Blick so scheinen, dass aufgrund uneindeutiger und immer wieder neu interpretierbarer Souve­ränitäts-, Vertrags- und Haftungsfragen vor allem die südlichen Euro-Staaten in der internationalen Schuldenkrise zu den größten Verlierern gehören. Wenn solche Entwicklungen allerdings ein ­bestimmtes Maß überschreiten, dann betrifft das auch Deutschland und seinen Wohlstand in erheblichem Maße. Denn als stark ­exportorientierte Nation spielen wir im Euro-Verbund eine wichtige Rolle – und nicht nur dort, sondern auch in Europa und der Welt insgesamt. Diese Rolle ist noch dazu eine schwierige, und dies nicht nur aus historischen Gründen.

Erstens: Als klassische Exportnation sind wir stärker von der internationalen Arbeitsteilung abhängig als viele unserer nahen und fernen Nachbarn. Was, wenn infolge der Krise die internationale Arbeitsteilung einen Rückschlag erleidet und Absatzmärkte wegbrechen, also unsere Produkte weniger gekauft werden?

Zweitens: Unser auf Leistungsbilanzüberschüsse angelegtes Wirtschaftsmodell macht Deutschland zu einer internationalen Gläubigernation. Was, wenn all die Forderungen, die deutsche Unternehmen, Banken, der Staat und Individuen gegenüber dem Ausland haben, infolge einer plötzlichen Eskalation der Krise nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt beglichen werden?

Drittens: Durch seine Mitgliedschaft in der Euro-Zone ist Deutsch­land dort sowohl stark gefordert wie auch stark verwundbar. Das gilt vor allem wegen der Haftungszusagen in den euro­pä­ischen Rettungsschirmen und Kreditprogrammen. Das Münch­ner ifo Institut fasst die aus den Rettungsmaßnahmen für Euro-Länder resultierenden Hilfen im laufend aktualisierten sogenannten Haftungspegel zusammen. Für Deutschland ergibt sich dabei die potenzielle (maximale) Haftungssumme von 1,56 Billionen Euro (Stand: September 2014). Das sind mehr als fünf ganze Jahreshaushalte des Bundes.

Viertens: Insbesondere unsere südlichen und westlichen europäischen Nachbarn, aber zunehmend auch die USA kritisieren immer öfter die deutsche Exportorientierung. Deutschlands industrieller Stärke stehen dabei ein relativ schwacher Banken- und Dienstleistungssektor, aber auch zu geringe Inlandsinvestitionen und eine im internationalen Vergleich häufig monierte schlep­pende Konsumnachfrage gegenüber. Gleichzeitig sorgt Deutschland mit seinen Exportüberschüssen, die inzwischen zu zwei Dritteln mit Ländern außerhalb des Euro-Raums generiert werden, auch dafür, dass der Leistungsbilanzsaldo der Euro-Zone insgesamt mehr oder weniger ausgeglichen ist. Diese beiden Elemente verstricken Deutschland, die gesamte Euro-Zone und den Euro als Währung eng mit dem Rest der Welt. Ein Euro in der ­Krise ist ein nationales und supranationales Thema, gleichzeitig aber auch Teil eines globalen Problems.

Bei einer weiteren Verschärfung der Schuldenkrise besteht für Deutschland die Gefahr, dass sein Wirtschaftsmodell von innen und von außen beschädigt wird. Darauf ist das Land, in dem der Bund, insbesondere aber die Länder und die Gemeinden strukturell zu hoch verschuldet sind, nicht vorbereitet.

Gefährlich wird es vor allem dann, wenn über eine wie auch immer verursachte Ausweitung der Schuldenkrise – ­b­eispielsweise angestoßen durch eine US-Dollar-Krise, eine politisch-wirtschaftliche Krise in Italien oder Frankreich, ein neuer Kalter Krieg, eine eskalierende Legitimationskrise der Europäischen Zentralbank, ein aus dem Ruder laufender Konflikt mit Russland oder ein Konflikt zwischen Japan und China – die internationale Arbeitsteilung massiv unter Druck geriete und Märkte wegbrechen sollten. Dann werden für Deutschland viele der Haftungen und Garantien für europäische Rettungsschirme, Kredite und Institutionen quasi mit einem Schlag zu konkreten Schulden. Die Folge wären eine Wirtschaftskrise und massiv steigende Staatsschulden. Beides würde unser Land unter immensen Druck setzen – mit unabsehbaren ­sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen.

In einem solchen Szenario würde die Euro-Krise erstmals auch zu einer Deutschland-Krise werden. Noch geht es den Deutschen besser als ihren europäischen Nachbarn. Längst aber ist klar, dass wir nur so stark wirken, weil »die andern« schwächer geworden sind, etwa Frankreich, unser wichtigster Partner. Der temporäre – und sehr relative – Gewinnerstatus darf unseren Blick aber nicht trüben.

Tatsächlich ist die Lage auch in Deutschland selbst nicht erfreulich: Die Bruttoanlageinvestitionen sind seit Anfang der 90er-Jahre bis 2013 von circa 25 auf unter 20 Prozent gesunken. Der deutsche Kapitalstock als Synonym für alle langfristigen Kapitalanlagen nimmt in vielen Branchen ab, sodass sich große Investitionslücken aufgetan haben, sowohl beim Staat als auch in der Realwirtschaft. Das zukünftige Potenzialwachstum der deutschen Volkswirtschaft, das heißt der langfristige Zuwachs des Brutto­inlandsprodukts bei vollständiger Auslastung der vorhandenen Produktionskapazitäten, geht daher schon seit Jahren zurück. Auch wir leben also von der Substanz, abzulesen an unseren löchrigen Straßen, maroden Brücken oder nicht instand gehaltenen Schulen. Und wir tun das mit einem Schuldenstand, der sich seit 1990 in etwa verdoppelt hat. Zu lange hat sich unser Land politisch in vergangenen Erfolgen gesonnt, zuletzt in jenen der Agenda 2010. Weitere Anstrengungen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit werden seitdem vernachlässigt.

In jedem Fall gilt: Weil der Euro zur zweitwichtigsten Reserve­währung in der Welt aufgestiegen ist, führt eine eskalierende ­Krise der Euro-Zone – wodurch auch immer sie ausgelöst wird – zu massiven internationalen Konsequenzen, die sowohl Deutschland und Europa erschüttern wie auch weit über Europa in die Welt hin­ausreichen – und von dort wieder auf die Euro-Zone zurück­strahlen.

Diese europäisch-internationale Dimension gilt auch für die Schuldenkrise und die mit ihr verbundenen finanziellen Risiken. Denn es wird gerade hierzulande nur allzu gerne vergessen, dass die seit Jahren weiter schwelende Euro-Krise lediglich ein Teil der global gleichsam still wachsenden und ebenso still eskalierenden Schuldenkrise ist. Diese erstreckt sich über die USA, Japan, Großbritannien oder die Schwellenstaaten ins gesamte internationale Finanzsystem hinein. Die schuldenbedingte Instabilität ist damit ein komplexes, weltumspannendes Phänomen, dessen Kräfte und Gefahrenpotenziale den gesamten Westen (inklusive Japan), die sich entwickelnden Staaten und damit mehr als 85 Prozent der Welt­wirt­schaft betreffen.

Wie kommunizierende Röhren verbinden dabei die Finanzmärkte die jeweiligen regionalen Schwerpunkte der Schuldenkrise mit dem Rest der Welt, und dies täglich, in Sekundenschnelle und 365 Tage im Jahr. Nur mit dem Verständnis dieser Parallelität regionaler und globaler Krisen, mit ihren Verbindungen und Rückkopplungen bleibt die Suche nach den tieferen Ursachen der Krise und möglichen Lösungen nicht an der Oberfläche regionaler und Euro-zentrierter Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge stehen.

Wie massiv sich die Dichte ihrer internationalen Verbindungen zwischen den Banken im Vorfeld der Finanzkrise erhöht hat, veranschaulicht die Abbildung auf der nächsten Seite.

Noch komplizierter wird es, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die internationalen Finanzmärkte und Banken strukturell seit 2008 selbst in einer tiefen Krise stecken. Damit sind sie nicht nur Prozessoren von Schuldversprechen Dritter, sondern selbst Agierende, denen das Wasser bis zum Halse steht. Sie werden zudem durch immer neue staatliche und supranationale Regulierungsvorstöße unter massiven Kosten- und Handlungsdruck gesetzt.

Banken sind auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen, wei­sen zu geringe Eigenkapitalquoten auf und einen zu hohen Anteil von nicht mehr eintreibbaren Krediten. Allein in der Euro-Zone sind laut EZB etwa zehn Prozent aller herausgelegten Bankkredite als »schlecht« eingestuft, müssten also eigentlich abgeschrieben wer­den. Die Finanzinstitute sind damit ein eigener, die Krise verschär­fender Teil des Gesamtproblems.

Es gibt also nicht die eine, sondern mehrere nationale, regio­nale und internationale Schuldenkrisen, die vernetzt sind und negativ wie kumulativ aufeinander abstrahlen. Sie tun dies in ver­schiedenen Räumen und Staaten, aber auch in unterschiedlichen Bereichen: in der Finanz- und Realwirtschaft, in den Staatshaushalten, in den Sozialbilanzen sowie im politischen und geopoli­tischen Raum. Und sie wirken nicht zuletzt in Strängen, die mit der Euro-Einführung, der Digitalisierung und der Globalisierung direkt zusammenhängen.

So traten in der Finanzkrise 2007/08 – vereinfacht ausgedrückt – etwa individuell überschuldete Immobilienbesitzer in Minnesota in Kontakt mit einem sehr anfälligen deutschen System der Landes- und Hypothekenbanken in München, Düsseldorf oder Frankfurt. Die nämlich kauften jene Wertpapiere, in denen die US-Hypothekenkredite verbrieft waren, auch jene aus Minnesota. Als endgültig klar wurde, dass viele dieser Kredite nicht mehr bedient werden konnten, gerieten auch die Banken schnell in massive Schwierigkeiten. Am Ende verlor der amerikanische Schuldner sein Eigenheim, der US-amerikanische und der deutsche Staat schnürten umfangreiche Rettungspakete, Landes- und Hypothekenbanken mussten gestützt werden oder gingen pleite, deutsche Sparer erleiden seither Kapitalverluste auf ihre Bankeinlagen und Versicherungspolicen, die Schwellenstaaten müssen Einschnitte bei ihren Exporten hinnehmen und anderes mehr.

Direkt im Anschluss an den Ausbruch der Finanzkrise durchlief Deutschland eine heftige, allerdings nur kurze Wirtschafts­krise, aus der wir recht schnell herausfanden, um von Zeit zu Zeit wieder in konjunkturellen Tälern zu landen. Viele andere Staaten jedoch, vor allem in der Euro-Zone und hier verstärkt durch die Euro-Staatsschuldenkrise, stecken bis heute in einer solchen Wirtschaftskrise fest. Und da diese struktureller Natur ist, wird sie kaum schnell zu überwinden sein. Mit Ausnahme der USA und Deutschlands erwirtschaften die meisten Länder der entwickelten Welt zudem auch sieben Jahre nach der Finanzkrise geringere Bruttoinlandsprodukte als davor, während zugleich die Schulden massiv angestiegen sind.

Wie massiv sich parallel zur Wachstumsschwäche die Schulden erhöht haben, das belegen diese Zahlen: Ende 2007, also kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, beliefen sich die weltweiten Schulden von Staaten und Privatwirtschaft auf 107 Billionen US-Dollar, etwa das Doppelte des weltweit erwirtschafteten Sozialprodukts. Sechs Jahre später, Ende 2013, lautete die gleiche Zahl 150 Billionen US-Dollar, also etwa zweieinhalbmal so viel wie die globale Wirtschaftsleistung.

In einem offenen, vernetzten, digitalisierten Weltfinanzsystem gibt es nicht nur einige, sondern viele solcher internationaler Verbindungen wie zwischen dem Immobilienbesitzer in Minnesota und deutschen Hypothekenbanken, die am Ende über Schulden und Ansprüche aufeinander einwirken und zu einer Krise und ­ihrem Akutwerden beitragen können. Die alte deutsche Redewendung »… wenn in China ein Reissack umfällt« – als Synonym ­dafür, dass ein fern liegendes Ereignis keinen Einfluss auf eine ­Situa­tion hat – gilt in der finanz- und realwirtschaftlich eng vernetzten Welt von heute nicht mehr.

Das Gegenteil ist vielmehr inzwischen zur Realität geworden. Schulden und die mit ihnen verbundenen Ansprüche haben mittler­weile globale Relevanz. Diese Relevanz nimmt in dem Maße zu, in dem die Bedeutung der Schwellenstaaten für die Weltwirtschaft wächst. Und sie wächst dort seit mehr als 20 Jahren. Alle Schwellenländer zusammengenommen erwirtschaften inzwischen 50 Prozent des globalen Sozialprodukts, während sie noch 1997 etwa nur ein Drittel dazu beitrugen. Diese Verschiebung der realwirtschaftlichen Verhältnisse hat einen großen Einfluss auf die Macht in sowie auf die Funktionsweise der internationalen Finanz­märkte.

Einfache Antworten auf die globale Schuldenkrise im Allgemeinen oder auch auf die Euro-Krise im Besonderen – etwa wie »Der Euro muss unter allen Umständen gerettet werden« oder »Europa braucht den Euro nicht« – sind daher weder bei der ­Suche nach den Ursachen noch bei jener nach Lösungen hilfreich. Diejenigen, die solche Positionen vertreten, kennen allesamt die damit verbundenen Risiken, Kosten und Nebenwirkungen in ihren wahren Ausmaßen nicht – auch wenn nicht wenige von ihnen das Gegenteil behaupten. Was sie in ihren Analysen vergessen, verdrängen oder bewusst verschweigen, sind die globale Dimension und die damit verbundenen Komplexitäten und Unwägbarkeiten jedes Handelns in einer Welt strukturell zu hoher Verschuldung.

Und was viele der Protagonisten, die einfache Lösungen für eine Lösung der Euro- oder auch globalen Schuldenkrise pro­pagieren, ebenfalls ausblenden, ist Folgendes: Die Zukunft war schon immer unsicher. Sie wird aber noch unsicherer, je stärker die strukturell zu hohen Schulden weiter wachsen. Regionale, nationale und internationale Schulden und Ansprüche können dabei täglich in einen Konflikt miteinander geraten.

Die derzeit zu beobachtende Zunahme internationaler Brennpunkte in der Welt ist auch ein Ergebnis des Handlungsdrucks, der in Nationen und in Gesellschaften über eine zu hohe Verschuldung entsteht. Gerade am Beispiel der USA wird das deutlich. Lange spielten die Vereinigten Staaten den Polizisten der Welt. Dass sie ihre außenpolitische Doktrin, als Weltpolizist rund um den Globus jederzeit (in ihrem Sinne) für Ordnung sorgen zu können und zu wollen, aufgaben, um nur noch maximal in einem Konfliktherd der Welt militärisch präsent zu sein, lässt sich auch auf die massiv angestiegenen Staatsschulden der USA zurückführen. Diese haben so gesehen ihre eigenen geopolitischen Konsequenzen nach sich gezogen und werden das auch weiterhin tun.

Ob sich freilich die noch recht neue US-Haltung, nur in ma­ximal einem Konfliktherd der Welt militärisch präsent zu sein, ­angesichts der sprunghaften Zunahme von global wirkenden Groß­krisen wie jenen rund um Syrien, den Irak und den Islamischen Staat oder um die Ukraine und Russland überhaupt halten lässt, muss sich noch zeigen. Wenn sie sich aber nicht halten lässt, dürften auch die US-Staatsschulden abermals stark ansteigen, was auch die Fragilität des globalen Währungs- und Finanzsystems weiter verstärken wird. Dasselbe gilt für ein schon jetzt verschuldetes Europa, dessen Ausgaben allein für innere und äußere Sicherheit aufgrund vermehrter internationaler Brennpunkte und steigender Terrorgefahren nochmals stark steigen werden.

Hinzu kommt: Dass in großen Krisen »das nationale Hemd ­näher sitzt als der Rock« ist zwar bekannt. Für eine nachhaltige Krisen­bewältigung taugt diese Haltung jedoch nicht. Im Gegenteil verstärken nationale Einzelgänge die internationalen Verwerfungen. Nationale Abschottungen sind Gift für notwendige Entschuldungen international miteinander vernetzter Schuldversprechen. Die Weltwirtschaftskrise in den 30er-Jahren steht dafür als warnendes Beispiel.

Wie verteilt die Schulden global tatsächlich sind, wie unübersichtlich verteilt und wie stark gewachsen, lässt sich an vielem festmachen. Ein besonders prägnanter Anhaltspunkt, der noch dazu die internationalen Handels- und Wirtschaftsverflechtungen besonders gut abbildet, sind die Auslandsschulden der Staaten. Folgende Zahlen belegen das: Im Jahre 2006 beliefen sich Italiens Nettoauslandsschulden auf 450 Milliarden US-Dollar, aktuell sind es 740 Milliarden, ein Anstieg von mehr als 64 Prozent. Spa­nien zeigte für 2006 860 Milliarden US-Dollar, heute weist das Land 1,4 Billionen aus, ein Wachstum von mehr als 62 Prozent.

Ein ähnliches, ja eigentlich noch drastischeres Bild zeigen die Schwellenländer. Die türkischen Nettoauslandsschulden etwa wuchsen von 200 Milliarden US-Dollar im Jahr 2006 auf mehr als das Doppelte heute. Noch stärker stiegen die Schulden in Brasilien (2006: 350 Milliarden US-Dollar, aktuell: 750 Milliarden) und Indien (2006: 180 Milliarden US-Dollar, derzeit: 480 Milliarden).

Und die USA? Sie führen das Ranking bei den Auslandsschulden an. Von zwei Billionen US-Dollar im Jahr 2006 wuchsen sie auf aktuell 5,7 Billionen.

Weil diese Auslandsschulden, die sich wegen der in der Regel zumindest kurz- bis mittelfristig stabilen außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte noch dazu laufend erhöhen, auch laufend durch neue Schulden finanziert werden (müssen), ist von dieser Seite ebenfalls kein Ende des Wachstums der Schuldenberge in Sicht.

Ein Schuldenerlass ist dabei keine Option. Das gilt vor allem für Gläubigernationen wie Deutschland, das Forderungen gegenüber dem Rest der Welt in Höhe von 1,7 Billionen US-Dollar aufgebaut hat. Das sind knapp 50 Prozent unserer jährlichen Wirtschaftsleistung. Nach Japan und China sind wir damit die drittgrößte Gläubigernation. Noch stärker trifft es kleinere export­orientierte Volkswirtschaften. Die Schweiz hat etwa Forderungen gegenüber dem Ausland in Höhe von mehr als 140 Prozent der ­nationalen Wirtschaftsleistung aufgebaut, Singapur gar von mehr als 200 Prozent. Keines dieser Länder kann solche immensen Beträge einfach aufgeben, auch Deutschland nicht.

Die Aussichten sind also auch mit Blick auf Auslandsverschuldung und nationale Gläubigerpositionen trüb, denn Schuldner- und Gläubigernationen sind in der Krise aneinandergekettet. Und angesichts der in den westlichen Ländern und Japan mittelfristig zu erwartenden schmalen Wachstumsraten, billigen Geldes und niedriger Inflation ist kaum ein Ende dieser Verkettung in Sicht.

Unbehagen und Kapitalverluste

Folglich – und nicht zufällig also – ist die Stimmung der Akteure in den Finanzmärkten von großer Unsicherheit und Nervosität geprägt. Aktienmärkte wie der DAX etwa hatten ihre alten Höchststände zwar zwischenzeitlich wieder erreicht, teilweise sogar über­schritten. Doch seit Herbst 2014 ist mit einer sich eintrübenden Weltwirtschaft und wachsenden nationalen und internationalen Krisenherden deutlich erkennbar die Verlustangst zurückgekehrt – auch wenn die Kursverläufe zwischendurch immer einmal wieder steil nach oben ausbrechen. Wer in den letzten Jahren mit den Akteuren an der Frankfurter Börse oder anderen Handelsplätzen gesprochen hat, weiß: Die Krise war nie wirklich weg, wenn auch nicht so deutlich sichtbar. Nun aber ist sie nicht mehr zu über­sehen – das können auch die Programme von EZB und japanischer Zentralbank, die immer einmal kurzzeitige Kursfeuerwerke auslösen, nicht verdecken. Dies zeigt sich auch an den seit der zweiten Hälfte 2014 rapide fallenden Preisen auf den Rohstoffmärkten – etwa bei Öl, Kupfer, Stahl, Zement und vielen anderen Grundstoffen. Niemand weiß, ob es sich bei dieser Entwicklung im Wesentlichen um eine temporäre Abschwächung der internationalen Nachfrage handelt – insbesondere der Schwellenländer, vor allem Chinas – oder ob sie wie schon in den 30er-Jahren der Vorbote einer globalen Deflationsfalle ist. Ähnliches gilt für die Immobilienmärkte, die sich in den letzten Jahren aufgrund der Geldschwemme der Zentralbanken wieder deutlich erholt hatten. Auch hier findet erstmals seit 2014 eine Umkehrung dieses Trends statt, vor allem in europäischen Ballungsstädten wie London, Paris oder Mailand.

Insgesamt entwickelt sich damit auch hierzulande ein zu­nehmendes Unbehagen in der Frage, ob die massiv gewachsenen Schul­den in den Staaten, bei den Zentralbanken und in den Finanzmärkten noch mit unseren zukünftigen Ansprüchen und Leistungsversprechen vereinbar sind.

Was nämlich nützen etwa den Deutschen Forderungen, so rechnen viele, die sie als Exportchampion gegenüber dem Ausland haben, wenn dieses Ausland sie dereinst nicht wird bezahlen können? Was auch, wenn die mit diesem Bezahlen indirekt verknüpften Leistungsversprechen des Staates, etwa das der deutschen Rentenkassen gegenüber aktuellen und künftigen Rentenempfängern, in Zukunft nicht mehr gehalten werden können?

Längst wirken sich diese Mechanismen deutlich erkennbar auf uns Deutsche aus. Man muss nur genau hinschauen. In den deutschen Versicherungsmärkten etwa herrscht wegen dieser profunden Unsicherheit nicht nur Anlagenotstand, es herrscht vielmehr auch die blanke Angst, dass infolge der niedrigen Zinsen die in den letzten Jahrzehnten eingegangenen Versprechen nicht mehr eingehalten werden können. Die Versicherer und ihre Lobbyisten riefen daher um Hilfe, und diese kam zügig. Im Februar 2014 brachte die Bundesregierung die Senkung des Garantiezinses – also der Minimalverzinsung, die Kapitallebensversicherungen gesetzlich leisten müssen – auf 1,25 Prozent für Neuverträge auf den Weg. Um die Jahrtausendwende hatte er noch bei vier Prozent gelegen.

Doch das Gesetzespaket enthielt noch eine weitere Neuerung, die faktisch in bestehende Verträge eingreift und die Lebensversicherer davon befreit, sich an bestimmte vertragliche Zusagen zu halten, ohne die es womöglich gar nicht zum Abschluss einer Police gekommen wäre. Nun nämlich sollen die Bewertungsreserven bei festverzinslichen Papieren zwischen bald auslaufenden und noch länger bestehenden Verträgen »fairer« verteilt werden, wie es im Politjargon heißt. Doch was heißt hier eigentlich »fair«? Bisher nämlich mussten Lebensversicherungskunden bei Kündigung oder regulärem Ablauf ihrer Police zur Hälfte an diesen Reserven beteiligt werden. Im Vertrauen darauf jedenfalls hatten sie auch ihre Verträge abgeschlossen. Künftig jedoch darf dieser Teil der Bewertungsreserven nur noch in einem Maße ausgeschüttet werden, in dem Garantiezusagen für die restlichen Versicherten auch sicher sind. Die Folge ist, dass demnächst ausscheidende Kunden, die auf Zusagen in ihren alten Verträgen vertraut hatten, je nach Versicherungssumme teilweise auf mehrere Tausend Euro verzichten müssen.

Die Absicht dieser Maßnahmen erscheint auf den ersten Blick sinnvoll: Mit ihnen wird einerseits versucht, Zufallsgewinne einiger weniger Versicherungsnehmer zulasten aller weiteren Versicherungsnehmer zu verhindern und das Produkt Lebensversicherungen für die Gesamtheit der Kunden sicherer zu machen. Mit ihnen soll außerdem eine von den (Lebens-)Versicherungen ausgehende neue Finanzkrise schon im Vorfeld verhindert werden.

Verschleiert wird bei diesen Argumenten jedoch, dass den Preis für diese handstreichartige Gesetzesänderung Millionen von privaten Versicherungssparern zu zahlen haben, die ihre Verträge im guten Glauben auf die – eigentlich – vom deutschen Staat zu gewährleistende Rechtssicherheit abgeschlossen hatten. Mit dem neuen Gesetz werden ihre Ansprüche nun allerdings effektiv, erheblich und endgültig gesenkt, und zwar ex post und ohne dass sie sich wehren könnten. Vertrauensschutz? Gibt es nicht mehr. In den Lebensversicherungsmärkten findet so eine erzwungene Enteignung statt – die faktisch zugleich auf eine Entschuldung von Versicherungsunternehmen zulasten ihrer sparenden Kunden hin­ausläuft.

Bei den Sparbüchern von Banken, Sparkassen und Bausparkassen sowie und in den Anleihemärkten sieht es ähnlich aus. Infolge der Politik der EZB – für deren nicht unerhebliche Risiken am Ende ohnehin die Steuerzahler haften müssen – liegen etwa die Sparzinsen auf historischem Tiefststand. Und dort werden sie wohl auf einige Zeit bleiben, wenn sie nicht wie schon wie für Großkunden in Negativzinsen umgewandelt werden. Nach Abzug der Inflation erleiden die meisten Kleinsparer dadurch bereits heute nicht unerhebliche Kapitalverluste.

Die Pensionspläne der DAX-Unternehmen zeigen ein ver­gleich­bares Bild. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Towers Watson sank die durchschnittliche Deckung dieser langfristigen Sparpläne im ersten Halbjahr 2014 von 65,3 auf 61,3 Prozent. Die in ihren Statuten geforderten Mindestverzinsungen ohne zusätzliche Risiken sind Makulatur. Mittelfristig bleiben nur drei Wege, um diesem Dilemma zu entgehen: Entweder es werden die Pensionspläne gekürzt. Oder die Anlage der Gelder in den Finanzmärkten erfolgt unter Inkaufnahme deutlich größerer Risiken. Oder die Unternehmen müssen die Pensionspläne aus dem laufenden Geschäftsbetrieb subventionieren.

Kein Wunder, dass nicht nur das Unbehagen der Finanzmarktakteure wächst, sondern auch das der Unternehmen, Sparer und Steuerzahler, die bereits jetzt zu bluten haben und die zu Recht fürchten, dass dies erst der Anfang ist.

Zu den schleichenden Enteignungen der Bürger in den Versicherungs- und Zinsmärkten tritt die milliardenschwere deutsche Haftung aus den europäischen Rettungsschirmen von 27 Prozent, die sich inzwischen sowohl auf die Staaten wie auch auf das Euro-­Bankensystem beziehen. Allein aus diesem Verbund kann sich für Deutschland bei einer Verschärfung der Krise eine Schuldenbombe entwickeln, deren Explosion nicht nur auf uns zurückfällt, sondern die weltweit zu hören sein wird.

Bei einer solchen Explosion werden die sich dann manifestierenden Schulden im besten Fall bei, grob gerechnet, 300 Milliarden Euro liegen. Das entspricht ungefähr einem Jahreshaushalt des Bundes. Und es entspricht dem Haftungsanteil Deutschlands aus dem 2012 verabschiedeten Europäischen Stabilitätsmechanismus, der in finanzielle Not geratenen Staaten unter die Arme greifen soll, plus den Anteilen derjenigen Staaten, die ihn zwar gezeichnet haben, deren Finanzen aber in einer Krise nicht ausreichen werden, ihre Verpflichtungen zu erfüllen.

Im schlechtesten Fall sind die Risiken, für die Deutschland haften müsste, allerdings weit größer. Denn die Schulden der Banken der Euro-Zone sind wie schon erwähnt noch einmal mehr als doppelt so hoch wie die Schulden der Staaten. Und zehn Prozent davon sind aus heutiger Sicht schon schlecht, müssten also eigentlich sofort abgeschrieben werden, um ein realistisches Bild zu bekommen. Im Eskalationsfall, das heißt beim Ausbrechen einer akuten Krise, würden Staatsschulden und Bankschulden zusammen als Lawine über uns niedergehen. Dabei sind die potenzielle Implo­sion eines großen Staates wie Italien und seiner Finanzinstitute und deren Folgen für uns nicht mit eingerechnet. Oder die eines noch größeren Landes und seiner Banken wie Frankreich.

Auch in anderen Teilen der Welt sieht die Lage nicht erfreulicher aus, und sie nimmt teilweise fast schon skurrile Züge an. So hat etwa der Anlagenotstand im August 2014 zu dem Paradoxon geführt, dass argentinische Staatsanleihen just in dem Moment, als die Ratingagenturen erneut die Kriterien für den Staatsbankrott als erfüllt ansahen, nicht wie in der Vergangenheit stark an Wert verloren, sondern gewannen. Ganz offensichtlich ist die weltweite Not, Geld verzinslich anzulegen, inzwischen so groß geworden, dass Anleger selbst die Insolvenz eines Landes nicht mehr zum Anlass nehmen, die Finger von dessen Schulden zu lassen. Oder anders ausgedrückt: In einer ansonsten faktisch zinslosen west­lichen Welt ist die Jagd nach Verzinsung mittlerweile stärker ausgeprägt als die Angst vor dem Totalverlust, den ein Staatsbankrott ja eigentlich darstellt.

Die Schuldenberge, die wir aufgetürmt haben, sind also riesig. Und sie sind fragil. Und sie stützen die Schuldner und deren Ri­sikoneigung und schaffen so aus sich heraus neue, gefährliche Schulden. Nun drohen die überall angehäuften Schulden – in­klusive der Haftungen – als Bumerang mit größter Kraft auf uns zurückzufliegen und unseren Wohlstand zu zerstören. Die Finanzkrise vor sieben Jahren und ihre Folgen wären Kleinkram gegen die Wucht dieses Bumerangs.

Banken und ihre Zukunft

Auch deshalb haben wir weiter über Banken und andere Finanzmarktakteure zu sprechen. Ihr Agieren und die allmähliche Veränderung ihrer Funktionen im Laufe der letzten Jahrzehnte ist eine der Ursachen für die Finanzkrise im Besonderen und für die bis heute andauernde, still eskalierende Schuldenkrise im Allgemeinen.

Andererseits brauchen wir Banken – in welcher Form auch immer – auch zukünftig, um Wirtschaft und Gesellschaft mit Geld und Kredit zu versorgen, jenem Schmiermittel, das die Menschen morgens aufstehen und zur Arbeit gehen, das die Unternehmer investieren und die Bürger konsumieren lässt. Ihre volkswirtschaftliche Aufgabe besteht in arbeitsteiligen Industrienationen eigentlich darin, die in einer Gesellschaft anfallenden Geldüberschüsse, die Spargelder, zu bündeln und diese nach angemessener Prüfung in Form von Fremdkapital der Realwirtschaft, also den Industrie- und Dienstleistungsunternehmen, zur Verfügung zu stellen.

Gerade weil die Banken dieser volkswirtschaftlichen Aufgabe in den letzten zwei, drei Jahrzehnten immer weniger nachgekommen sind – und durch politische Anreize und Finanzmarktentwicklungen wohl auch immer weniger nachkommen konnten –, befinden wir uns heute nicht nur in einer Krise des Vertrauens ihnen gegenüber, sondern auch in einer unseren Wohlstand bedrohenden großen Schuldenkrise, die Gegenstand dieses Buches ist.

Als ich im Herbst 2009 die Bankenwelt verließ, hatten die ­Kreditinstitute mit denen, die ich fast 30 Jahre zuvor als junger Bankangestellter kennengelernt hatte, faktisch nichts mehr zu tun. Das gilt für ihre Größe, ihre Struktur, ihr Umfeld, ihre Aufgaben, ihre Sprache, ihre Gehälter wie auch für ihr Selbstverständnis. Die Transformation des Bankensektors war beispiellos in der Geschichte. Und der Schuldenberg in den Finanzmärkten und in den Staatshaushalten, der sich parallel zu dieser Transformation entwickelte, ist es ebenfalls.

Wir brauchen die Banken also beziehungsweise die Funktionen, die ihnen in einer Marktwirtschaft zukommen – aber eben nur mit diesen Funktionen und mit einem Risikoverhalten, das imstande ist, finanzwirtschaftliche Auswüchse zu begrenzen, anstatt sie selbst auszulösen. Ihre in den letzten Jahren praktizierten neuen Geschäftsmodelle – vor allem als Verkäufer und Händler auf den Geld- und Kapitalmärkten – und ihre dabei entstandenen Verhaltenskulturen – vor allem im Umgang mit Risiken – haben die Banken daher zu verändern: zum einen, um Wirtschaft und Gesellschaft durch das Ausmaß der (auch) von ihnen ausgehenden Haftungsrisiken nicht weiter zu bedrohen, und zum Zweiten, um selbst wieder zukunftsfähig zu werden.

Die Kreditinstitute sind sich dieser schwierigen Gemengelage bewusst. Es fehlt ihnen aber an kritischer Selbstreflexion und öffentlicher Kommunikation. Fast alles, was sie betrifft, wird hinter geschlossenen Türen verhandelt. Und man hört aus ihren eigenen Reihen nicht nur zu ihrem Versagen in der Vergangenheit wenig, sondern auch zu ihrer eigenen Zukunft als ökonomische und soziale Akteure.

Warum eigentlich? Gerade heute bräuchte es zeitgemäß denkende Top-Banker wie früher Alfred Herrhausen, die ihr Wirken immer auch in einen gesellschaftlichen Kontext gestellt, kritisch reflektiert und langfristig weitergedacht haben. Weniger bräuchte es absurd hohe Renditeversprechen gegenüber Aktionären, wie wir sie von den internationalen Kreditinstituten und den diese vor sich hertreibenden Investmentfonds allzu lange gehört haben.

Trotzdem schweigen die meisten Vorstände wie die meisten Bankangestellten lieber. Einige leiden. Und viele hoffen wohl, dass der Sturm an staatlichen Neuregulierungen ihre Arbeitgeber irgend­wie überleben lässt, während intern mit mehr oder minder großer Verunsicherung »irgendwie« nach neuen Wegen gesucht wird.

Das ist nicht genug. Statt Zurückziehen in den Bau und Jammern auf nach wie vor hohem Gehaltsniveau bräuchte es nun ­eigentlich Ehrlichkeit bei der Auseinandersetzung mit Versäumnissen in der Vergangenheit, Innovationskraft und Mut für einen Aufbruch in eine neue Zukunft.