Der Goldminen-Effekt - Rasmus Ankersen - ebook

Der Goldminen-Effekt ebook

Rasmus Ankersen

0,0

Opis

Was haben das kleine Dorf Bekoji in Äthiopien, Süd­korea, Kingston/Jamaika, Russland, Iten in Kenia und Brasilien gemeinsam? Sie alle sind "Goldminen": Orte, Regionen oder Länder, in denen wie am Fließband Spitzensportler "produziert" werden – seien es nun die weltbesten Sprinter aus Jamaika oder südkoreanische Golferinnen, die die Weltrang­liste dominieren. Rasmus Ankersen machte sich auf, das Erfolgsgeheimnis dieser Goldminen zu entschlüsseln, und stieß dabei auf acht universell geltende "Goldminen-Prinzipien", mit denen jeder in die Lage versetzt wird, Talent aufzuspüren und zur Entfaltung zu bringen – ob im Sport oder im Beruf, ob bei sich oder bei anderen.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 327

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



RASMUS ANKERSEN

VOM TALENT ZUM STAR:

8 PRINZIPIEN FÜRNACHHALTIGEN ERFOLG

Die englischsprachige Ausgabe erschien unter dem TitelThe Gold Mine Effect: Crack the Secrets of High PerformanceISBN: 978-184831-399-6

Copyright der Originalausgabe:© Rasmus Ankersen. [All rights reserved]

Copyright der deutschen Ausgabe 2016:© Rasmus Ankersen and Börsenmedien AG, Kulmbach

Covergestaltung: Holger SchiffelholzHerstellung: Daniela FreitagKorrektorat: Elke Sabat

ISBN 978-3-86470-390-4

Alle Rechte der Verbreitung, auch die des auszugsweisen Nachdrucks,der fotomechanischen Wiedergabe und der Verwertung durch Datenbankenoder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Postfach 1449 • 95305 KulmbachTel: +49 9221 9051-0 • Fax: +49 9221 9051-4444E-Mail: [email protected]/boersenbuchverlag

Inhalt

Das Simon-Kjaer-Problem

Die acht Prinzipien der Goldminen

Es gibt kein Geheimnis

Was du siehst, ist nicht das, was du bekommst

Wer zu spät anfängt, kommt nicht ganz nach oben

Wir geben alle zu leicht auf

Erfolg hängt von der Einstellung ab – nicht von Einrichtungen

Die Paten der Goldminen

Kinder nicht zu fordern ist verantwortungslos

Wer will es am meisten?

Epilog

Danksagung

Das Simon-Kjaer-Problem

Ich will mit einem Eingeständnis anfangen: Wenn alles in meinem Leben so gelaufen wäre, wie ich es gehofft und mir vorgestellt hatte, wäre dieses Buch nie geschrieben worden.

Ich habe meine Kindheit im ländlichen Westen Dänemarks verbracht, in einer Kleinstadt mitten im Nirgendwo. Sie hatte 35.000 Einwohner, und rühmlich an ihr war allenfalls, dass sie ein Zentrum der dänischen Textilindustrie war.

Als die Produktion dieses Industriezweigs sich rapide nach Osteuropa und China verlagerte, erschien es mir wenig sinnvoll, von einem Leben als Textilmagnat zu träumen. Stattdessen malte ich mir aus, Fußballer zu werden und in berühmten Stadien auf der ganzen Welt zu spielen. Die Wände meines Zimmers waren voll mit Plakaten großer Fußballer. Jeden Tag nach der Schule spielte ich mit den Nachbarsjungen auf der Straße. Meinem Vater habe ich sogar versprochen, ihm einen Mercedes zu kaufen, wenn ich erst mal Karriere gemacht hätte. Und im Alter von 18 Jahren machten sie mich zum Kapitän einer der besten dänischen Jugendmannschaften. Das Leben war schön.

Aber nur ein Jahr später war der Traum aus. Ich verletzte mir bei meinem ersten Ligaspiel mit 19 so übel das Knie, dass ich nie wieder als Profi würde spielen können. Eine vielversprechende Karriere war zu Ende, noch ehe sie begonnen hatte.

Ich muss zugeben, als Fußballer bin ich jetzt nichts weiter als ein erst verletzter und dann vergessener Wareinmal. Wie viele andere verletzte und vergessene Spieler wurde ich schließlich Trainer. Die besten Trainer sind häufig frustrierte Spieler mit aufgestautem Ehrgeiz.

2004 half ich mit, Skandinaviens erste Fußballakademie einzurichten. Damals hatten wir nicht viel mehr als ein paar Rasenplätze mit grasenden Kühen auf der anderen Seite des Zaunes und einen primitiven Schuppen, in dem wir die Spieler über Nacht unterbringen konnten. Unsere Ambition, an so einem desolaten Ort Weltklassespieler heranzuzüchten, muss ausgesprochen naiv gewirkt haben. Ich erinnere mich noch, wie schwierig es war, die erste Belegschaft für die Akademie zusammenzutrommeln. Als Anfänger in dem Geschäft hatten wir keine Ahnung, wie wir die Spieler anlocken sollten, die wir für die Talentiertesten im Land hielten – also mussten wir einfach nehmen, was wir kriegen konnten. Es erinnerte sehr an die Art, wie Schulkinder ihre Mannschaften aussuchen. Wir waren die Letzten und mussten nehmen, was übrig blieb, nachdem die anderen Vereine ihre Auswahl getroffen hatten.

Schließlich hatten wir mit 15 oder 16 Jungen Verträge abgeschlossen, und es fehlte nur noch ein Spieler. Einer der Kandidaten war ein 15-Jähriger aus einem 50 Kilometer von der Akademie entfernten Ort. Er hieß Simon Kjaer und gehörte zu der anonymen Mehrheit derjenigen, die in den Aufzeichnungen der dänischen Vereinsscouts nicht auftauchten. Eigentlich hatten wir schon entschieden, dass wir ihn nicht wollten. Etliche der Akademietrainer, mich eingeschlossen, hatten ihn spielen sehen und wir waren uns alle einig: „Der hat noch nirgends Eindruck gemacht und wird es auch nie schaffen.“

Aber es war kurz vor Saisonstart. Wir hatten nicht mehr viel Zeit und eigentlich auch keine anderen Möglichkeiten, also beschlossen wir, Simon Kjaer trotzdem den freien Platz zu geben. Es war die schnellste Lösung und sein Vater arbeitete im Verein als Zeugwart. (Soll heißen: Er machte seine Sache gut und wir waren bereit, einiges dafür zu tun, dass er blieb.) Wir nahmen Simon Kjaer unter der Bedingung an, dass er seinen Unterhalt selbst bezahlte. Simon selbst erinnert sich: „Ich hatte den Eindruck, dass sie mich nur nahmen, weil sie keinen besseren Spieler bekommen konnten. Die Besten hatten die Gelegenheit ausgeschlagen.“

Damit hatte er vollkommen recht.

Ein gewaltiger Irrtum

Sieben Jahre später. Ich sitze auf der Tribüne im Olympiastadion von Rom und sehe mir ein Spiel der Serie A zwischen AS Rom und Juventus Turin an. Dieses Spiel ist nicht nur etwas Besonderes, weil hier zwei der allerbesten europäischen Vereine gegeneinander antreten, sondern auch, weil es das Debut von Roms neuem 22-jährigen Innenverteidiger ist.

Es ist der blonde Däne, auf den mein Blick von meinem Platz inmitten der euphorischen AS-Rom-Fans aus geheftet ist. Während er über das Spielfeld trabt und die Menge beklatscht, denke ich daran zurück, wie ich ihm zum ersten Mal begegnet bin – damals an der Fußballakademie des FC Midtjylland in Dänemark, wo ich als Trainer arbeitete.

Seitdem hat sich für Simon Kjaer viel verändert.

Zuerst war er für 3,3 Millionen Pfund nach Palermo verkauft worden, als er gerade mal 18 Jahre alt war. Mit 20 übernahm ihn der deutsche VFB Wolfsburg für 9,2 Millionen. Und jetzt, immer noch in den Zwanzigern, ist er beim AS Rom – einem führenden Fußballverein. In einer Position, in der sich die meisten Spieler erst mit Ende 20 oder Anfang 30 bewähren, hat er sich schnell zu einem der hervorragendsten Spieler der italienischen Liga entwickelt, einer Liga, die in der Vergangenheit einige der weltbesten Verteidiger hervorgebracht hat. Jedes Wochenende tritt er gegen Spitzenspieler an und seine erste Saison in der Serie A gipfelte in seiner Auswahl in die Mannschaft des Jahres, neben Spielern wie dem legendären Paolo Maldini. Experten nannten ihn einen der weltweit vielversprechendsten Verteidiger und Vereine wie Manchester United, der AC Mailand und Liverpool rutschten auf den Knien herum und flehten ihn an, bei ihnen zu unterschreiben, und sie tun es bis heute.

Der große Schock

Nach landläufiger Auffassung müsste Simon Kjaers Erfolg die Geschichte eines Jungen mit einer außergewöhnlichen Naturbegabung sein, die voll zur Geltung gekommen ist. Das ist sicher die Begründung, auf die Trainer, Journalisten und Fachleute zurückgreifen, um sich seine Leistung zu erklären. Und doch irren sie sich. Seine Geschichte ist alles andere als die eines rohen, angeborenen Talents.

Ich erinnere mich noch an den Tag im Jahr 2004, an dem Claus Steinlein, der Leiter der FC-Midtjylland-Fußballakademie, mit einem Stapel Zettel in der Hand ins Trainerbüro kam. Das war genau sechs Monate, nachdem Simon Kjaer in die Akademie eingetreten war. Sämtliche Trainer waren anwesend, mich selbst inbegriffen. Claus teilte die Zettel aus und bat uns, die fünf Spieler aufzuschreiben, von denen wir glaubten, dass sie in den nächsten fünf Jahren am weitesten vorankommen würden, der Rangfolge nach. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir 16 Spieler zur Auswahl. Einer von ihnen war Simon Kjaer. Als wir alle fertig waren, steckte der Akademieleiter die Zettel in einen Briefumschlag, klebte ihn zu und deponierte ihn in einer Schublade.

Fünf Jahre später, als Simon gerade für 3,3 Millionen verkauft worden war, machte Claus Steinlein den Umschlag wieder auf. Was meinen Sie, wie viele der acht Trainer Simon Kjaers Namen auf ihrer Liste stehen hatten?

Nicht einer von uns!

Der Dritte Weltkrieg

Sie müssen wissen, dass keiner der acht Trainer, die Simon Kjaer ausgeschlossen hatten, Amateur war. Im Gegenteil, wir waren intelligent, äußerst erfahren und besaßen alle eine UEFA-Lizenz. Obwohl wir zusammen mehr als hundert Jahre Erfahrung in der Talententwicklung mitbrachten, lagen wir allesamt komplett daneben. Wie hatten wir uns nur so irren können? Was hatten wir da übersehen? Diese Frage habe ich mir seitdem jeden Tag gestellt.

Der Fall von Simon Kjaer hat das Entstehen dieses Buches mehr beeinflusst als irgendeine andere Erfahrung, die ich gemacht habe, und wie Sie noch merken werden, ist seine Geschichte keineswegs ein Einzelfall. Trainer, Manager, Eltern und Lehrer, auf welchem Gebiet auch immer, müssen sich alle mit ihrem eigenen Simon-Kjaer-Problem auseinandersetzen. Er wirft in uns allen zahllose Fragen auf, die wir uns stellen müssen, ganz gleich, in welchem Industriezweig wir arbeiten oder wo auf der Welt wir uns befinden. Was ist Talent? Wissen wir wirklich, was dieses Wort bedeutet? Wissen wir überhaupt, wonach wir suchen? Woran erkennt man Talent? Wie kann man es fördern? Und wie bringt man es richtig zur Entfaltung?

Die Antworten auf diese Fragen sind heute wertvoller denn je. Talent ist ein absolut ausschlaggebender Faktor im wirtschaftlichen Wettbewerb des 21. Jahrhunderts. Erfolg oder Scheitern entscheiden sich für Unternehmen wie für Staaten über den TQ (Talentquotienten) – die Fähigkeit, aus dem verfügbaren Talent Kapital zu schlagen. Ein neuer Weltkrieg ist bereits ausgebrochen, der nicht mit Waffen, sondern mit Talenten geführt wird. Und jeder, der diese Herausforderung nicht ernst nimmt, wird in diesem globalen Wettbewerb untergehen. Berechnungen des Weltwirtschaftsforums zufolge werden Europa und die Vereinigten Staaten, für gewöhnlich die Nummer eins auf dem Globalen Talentindex, nicht mehr in der Lage sein, ihr Wohlstandsniveau aufrechtzuerhalten, wenn sie ihr Arbeitskräftepotenzial nicht bis 2030 um 72 Millionen qualifizierte Arbeitskräfte aufstocken. Wie Anna Janczak, Leiterin des Weltwirtschaftsforums, sagt: „Niemand wird ungeschoren davonkommen. Jeder wird sich mit dem globalen Talentmangel, der in den nächsten Jahren auf uns zukommt, auseinandersetzen müssen.“

Aggressive Talentstrategien

Es mag den westlichen Staaten wie ein Luxus vorkommen, in diesen Krisenzeiten, in denen sie unter geringem Wirtschaftswachstum und stagnierender Produktivität leiden, der Talentförderung Priorität einzuräumen. Sie könnte sich jedoch als eine der wichtigsten Waffen erweisen, um uns aus der Wirtschaftskrise herauszuschaufeln, nicht zuletzt im Lichte der Tatsache, dass ehrgeizige Länder mit rapide zunehmendem Wirtschaftswachstum wie China, Südkorea und Singapur inzwischen alle nationale Talentstrategien lancieren – eingedenk der Erkenntnis, dass ihr TQ einer ihrer stärksten Aktivposten ist. Obwohl sich diese Länder bereits hoher Zuwachsraten erfreuen, ist ihnen offensichtlich klar, dass sie ohne anhaltende und wirkungsvolle Kapitalisierung ihres Talentaufkommens ihren gegenwärtigen Fortschrittsquotienten nicht beibehalten werden.

So hat die chinesische Regierung zum Beispiel mit einem Zehnjahresplan die wahrscheinlich umfassendste nationale Talentstrategie eingeleitet. Präsident Hu Jintao zufolge, der die Initiative selbst in Gang setzte, muss China im Laufe der nächsten zehn Jahre seine augenblickliche arbeitsintensive Wirtschaft in eine stark talentgestützte umwandeln. Das heißt unter anderem, bis 2020 müssen 15 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts in Ausbildung und Forschung investiert werden. Die Anzahl der Wissenschaftler muss auf 3,8 Millionen erhöht werden. Zum Vergleich: Die 27 EU-Länder haben gegenwärtig 1,4 Millionen Wissenschaftler zur Verfügung. Der Plan der Chinesen enthält noch zahlreiche andere Gesetzesinitiativen, wie zum Beispiel die Ausweitung des Talentaufkommens, indem man mehr gut ausgebildete Leute dazu motiviert, in arme ländliche Regionen zu gehen, und die Anwerbung von Toptalenten im Management für die vielen staatseigenen Unternehmen.

In Singapur ist die Talententwicklung noch aggressiver. Die Strategie des Landes, die unter dem Motto „Von Eliten geführt“ läuft, ist darauf gerichtet, in den nächsten Jahren die größten Talente der Welt nach Singapur zu ziehen. Das Land hat sich bereits mit einer Anzahl der weltbesten Universitäten verbündet, um ausländische Forscher und Studenten über vorteilhafte Steuersysteme und das Angebot einer kostenlosen Ausbildung bei mindestens drei Jahre langem Aufenthalt in Singapur anzulocken. Das erklärte Ziel ist, 2015 eine Zahl von 150.000 Elitestudenten aus dem Ausland nach Singapur zu holen. Etliche Teams von Talentscouts sind schon in Nachbarländern unterwegs, um in Grundund Oberschulen, Jugendprogrammen und Universitäten nach den besten Köpfen Ausschau zu halten und sie für Singapur zu gewinnen.

Unterdessen erkennen brasilianische Unternehmen, dass es ein echtes Problem ist, ihre Talente nach Übersee zu verlieren, und organisieren massive Kampagnen, um ihre begabten Landsleute aus den Vereinigten Staaten und Europa zurückzuholen.

Auch wenn man nicht alle Talente zu Hause behalten kann, kann man doch den Umstand nutzen, dass sie über den globalen Arbeitsmarkt verteilt sind. Indien, zum Beispiel, versucht zurzeit, einen engen Kontakt zu einigen der 25 Millionen Inder aufzubauen, die anderswo in der Welt leben. Das Ziel ist, Zugang zum Wissen ihrer „ausländischen“ Stars zu erlangen und sich deren Geschäftskontakte, Fachwissen und Netzwerke zunutze zu machen, um das Wirtschaftswachstum wieder in Indien anzusiedeln.

Jeder hat sein eigenes„Simon-Kjaer-Problem“

In einer etwas geringeren Größenordnung arbeiten auch einzelne vorausschauende Unternehmen daran, ihren TQ zu entwickeln. Sie haben erkannt, dass sie ohne Talentorganisationen nicht prosperieren können. Wie der amerikanische Wirtschaftsautor George Anders dargelegt hat, ist das der Grund dafür, dass heute in den Vereinigten Staaten 208.000 Vollzeitanwerber überall arbeiten, von General Electric bis zu einer Drei-Mann-Firma, die sich auf Papiermühlenarbeiter spezialisiert hat. Große Konzerne wie AT&T, Pfizer und Deloitte haben jetzt sogar „chief talent officers“. Kürzlich etablierte der IT-Riese Cisco ein Talentzentrum in Indien mit dem Ziel, die Anwerbung indischer Ingenieure über einen Zeitraum von fünf Jahren zu versechsfachen.

Niemand kann es sich leisten, den globalen Talentkrieg zu verlieren, der, wie diese Beispiele demonstrieren, bereits ausgebrochen ist. Jedes Unternehmen und jedes Land hat mit seinem eigenen Simon-Kjaer-Problem zu kämpfen und ich habe mir vorgenommen, in diesem Buch einige wesentliche Vorstellungen darüber zu verbreiten, wie Menschen in der Geschäftswelt, im Sport, in der Bildung und darüber hinaus konkrete Schritte unternehmen können, um ihren Talentquotienten anzuheben.

Nachdem ich die bemerkenswerte Geschichte von Simon Kjaers Aufstieg miterlebt hatte, wurde es für mich zur persönlichen Obsession, den TQ-Code zu knacken. Ich beschloss, meine Arbeitsstelle aufzugeben, und nahm alles Geld, das ich übrig hatte, um sechs Flugtickets zu buchen. In den darauffolgenden sieben Monaten reiste ich um die Welt, um eine Zeit lang in sechs „Goldminen“ zu leben und mitzutrainieren – geografisch genau eingrenzbaren Standorten, an denen wie am Fließband Spitzensportler erzeugt werden.

Diese Goldminen sind:

• Bekoji, eine kleine Stadt in Äthiopien, aus der die besten Mittelstreckenläufer der Welt hervorgehen.

• Südkorea, das 35 Prozent der weltbesten Golferinnen hervorbringt.

• Kingston, Jamaika, wo ein einziger Sportverein es schafft, die meisten weltbesten Sprinter zu produzieren.

• Russland, das sich innerhalb von ein paar Jahren von einem Land mit nicht erwähnenswerter Tennisreputation zu einem entwickelt hat, das 25 Prozent der Spielerinnen aus den Top 40 der Weltrangliste im Damentennis stellt.

• Iten, ein Dorf in Kenia, das durchweg die besten Langstreckenläufer hervorbringt.

• Brasilien, das Herkunftsland einer weit überproportionalen Anzahl der weltbesten Fußballspieler.

Diese sechs Goldminen und die bemerkenswerten Menschen, denen ich dort begegnet bin, werden Sie in diesem Buch kennenlernen. Lassen Sie mich Ihr Führer auf einer Reise um die Welt sein und das Rätsel lösen, das hinter Weltklasseleistungen steckt.

Meine Jagd nach Antworten begann eines frühen Morgens auf einem staubigen Weg in Kenia.

Die acht Prinzipiender Goldminen

Es ist halb sechs Uhr morgens und ich warte im Dämmerlicht an der Kreuzung zweier Pfade aus roter Erde. Hier habe ich mich zum Treffen mit einer ganz besonderen Gruppe von Menschen verabredet. Der Umriss einer menschlichen Gestalt taucht ein Stück weiter oben auf und kommt mit langen, mühelosen Schritten näher. Zehn Meter von mir entfernt wird sie langsamer. Christopher Cheboiboch, Inhaber der viertschnellsten Zeit im New-York-Marathon, macht seine erste Trainingsrunde des Tages. Er bleibt unmittelbar vor mir stehen und sagt Guten Tag.

Ich erzähle ihm, dass ich hier bin, um das Rätsel der kenianischen Läufer zu lösen, und auf die Trainingsgruppe warte, die ich heute begleiten darf. Er mustert mich skeptisch, dann sagt er: „Die Leute kommen aus der ganzen Welt her, überzeugt, dass sie hinter das Geheimnis unserer Läufer kommen können, indem sie mit ihren Herzfrequenzzählern in den Bergen herumlaufen und im Vier-Sterne-Hotel mit toller Aussicht wohnen. Aber sie suchen an der völlig falschen Stelle.“

„Wo sollten sie denn sonst suchen?“, frage ich.

Einige Sekunden lang herrscht absolute Stille zwischen uns. Christopher starrt in den roten Sand zwischen unseren Füßen. „Es gibt nur eine Möglichkeit, den Code zu knacken. Ein Kenianer zu sein, wie ein Kenianer zu leben“, sagt er. Sein Blick ruht noch einen Moment lang auf mir, ehe er sich abwendet und wieder im Halbdunkel verschwindet.

Wieder allein auf diesem Trampelpfad 2.800 Meter über dem Meeresspiegel, versuche ich mir vorzustellen, was es heißt, ein Kenianer zu sein. Ich mache ein paar Übungen, um mich im frischen Wind warm zu halten. Obwohl ich immer noch die Nachwirkungen des langen Fluges in den Gliedern spüre, ist es ein wunderbares Gefühl, endlich hier zu sein.

Es dauert nicht lange und ich höre ein leises Stampfen in der roten Erde, das nach und nach immer lauter wird. Dann kommt meine Trainingsgruppe hinter mir den Berg hinauf: zwölf erwachsene und halbwüchsige Kenianer, die in vollem Tempo auf mich zulaufen, während ihre Jogginganzüge hörbar im Wind flattern.

Als sie an mir vorbeiziehen, falle ich in ihren Schritt ein und bilde die Nachhut. Schon bald bekomme ich Herzklopfen. Meine Beine können nur mit Mühe mit den Letzten Schritt halten. Die anderen Läufer sind alle hier im Rift Valley geboren und aufgewachsen und gehören zum Stamm der Kalenjin, der mit drei Millionen Angehörigen fast zehn Prozent der kenianischen Bevölkerung stellt. Auf diesen unwirtlichen Sandwegen wird – mit der offensichtlichen Effizienz und Voraussehbarkeit einer industriellen Fließbandproduktion – ein unfassbar hoher Anteil der weltbesten Langstreckenläufer gemacht.

Der Autor beim Lauftraining mit den Kenianern

Es ist eine bekannte Tatsache, dass Kenianer den Thron des Welt-Langstreckenlaufs besetzt halten, weniger bekannt ist dagegen, dass mehr als 70 Prozent aller kenianischen Goldmedaillen bei internationalen Meisterschaften von Kalenjin-Sportlern nach Hause gebracht werden. So hat es zum Beispiel seit 1968 nur ein Nicht-Kalenjin-Läufer geschafft, im olympischen Hindernislauf Gold zu holen.

Diese unglaublichen Statistiken sind der Grund dafür, dass ich mir an diesem Morgen in Iten alle Mühe gebe, mit der Gruppe Schritt zu halten. Die Morgensonne ist erwacht und ihre ersten Strahlen fallen auf den Pulk, von dem ich ein Teil bin, während er seinen Weg über die Bergkuppe nimmt. Es ist ein hartes Stück Arbeit; mein Puls hämmert und mir hängt die Zunge aus dem Hals.

Ich suche hier nach der Antwort auf eine Frage: Wie kann es sein, dass ein einziger Stamm so eine Riesenmenge Goldmedaillen gewonnen und eine ganze Reihe von Langstreckenweltrekorden in Folge gebrochen hat?

Die nähere Untersuchung zeigt, dass das Geheimnis des Stammes der Kalenjin kein Einzelfall ist. An fünf anderen Orten in der Welt finden wir ein ähnliches Phänomen – Orten, die Ergebnisse hervorbringen, die auf den ersten Blick ebenso unerklärbar scheinen.

Wie schaffte es ein bestimmter Sportverein, der auf einer mit Diesel verseuchten Grasbahn in Kingston, Jamaika, trainiert, bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking neun Leichtathletikmedaillen zu gewinnen (fünf davon Gold), eine davon ein Weltrekord und olympischer Rekord?

Warum kommen 35 der 100 weltbesten Golferinnen aus Südkorea, das mit seinem unfreundlichen kalten Klima und seinen astronomischen Platzgebühren die große Mehrheit der Golfer abschreckt?

Wie konnte es passieren, dass ein einziges äthiopisches Städtchen mitten im Nirgendwo bei der letzten Olympiade vier Goldmedaillen im Mittelstreckenlauf gewonnen hat?

Wie kommt es, dass Russland sich in nur wenigen Jahren von einer mittelmäßigen Tennisnation in eine verwandelt hat, die 25 Prozent der Top-40-Weltrangliste der Damen stellt?

Warum wird alle zwei Jahre ein Brasilianer zum weltbesten Fußballer gekürt? Und woran liegt es, dass 2010 67 Brasilianer in der höchstrangigen Meisterschaft der Welt, der Champions League, spielten, gegenüber 25 Briten und 26 Deutschen, obwohl nicht ein einziger brasilianischer Verein daran teilnimmt?

Wie der Stamm der Kalenjin stellen uns diese anderen Hochleistungsgoldminen vor eine Vielzahl unbeantworteter Fragen. Mit ihren außerordentlichen Ergebnissen stellen sie unsere eingefleischtesten Überzeugungen darüber, wie Elitesportler entstehen, infrage und geben uns Rätsel auf, die die Menschen seit Generationen beschäftigen. Was ist Talent? Warum haben manche Menschen solchen Erfolg, während andere so kläglich scheitern? Gibt es einen Code, den wir knacken können, um das Geheimnis außergewöhnlicher Leistungen zu entschlüsseln? Wenn sich Antworten auf diese Fragen finden lassen, dann reichen sie weit über die Sportwelt hinaus – in die Führungsetagen, Klassenzimmer und häuslichen Bereiche der Welt.

Wissenschaftler, Journalisten und Trainer versuchen ständig, solche Antworten zu finden. Das Problem ist, dass ihre Vorstellungen auf Beobachtungen beruhen, die sie weit entfernt von den Goldminen machen. Deshalb ziehen sie Schlüsse, die von grober Vereinfachung und starrem Denken geprägt sind, und leider streben Trainer, Talentscouts, Sportler und Eltern häufig auf dieser Ausgangsbasis nach Höchstleistungen. Wenn wir wirklich verstehen wollen, warum die Goldminen solche Talentschmieden sind, ist es wenig zweckmäßig, sie von Weitem zu beobachten. Darum beschloss ich, auf der Suche nach den Antworten mit den Leuten dort zu reden, sie zu studieren, mit denjenigen zu essen und zusammenzuleben, die offensichtlich den Code der Höchstleistung geknackt haben.

Über einen Zeitraum von sieben Monaten hinweg besuchte ich die sechs Goldminen, um selbst ein Gefühl dafür zu bekommen, was es heißt, in einer brasilianischen Favela (einer Hüttenstadt) aufzuwachsen mit dem Traum, einer der weltbesten Fußballer zu werden; zu begreifen, wie viel eigentlich für einen jungen kenianischen Läufer aus dem Rift Valley auf dem Spiel steht; herauszufinden, was dazu gehört, in Jamaika einen Weltklassesprinter aufzubauen; und zu erfahren, wie russische und südkoreanische Eltern ihre Kinder zum Äußersten treiben, damit sie es zu Spitzentennis- und -golfprofis bringen.

Dieses Buch stellt dar, was ich über die notwendigen Ingredienzen für eine Goldmine herausgefunden habe, und zeigt, dass jeder diese Informationen nutzen kann, um sich seine eigene Goldmine zu erschaffen.

Vielleicht sitzen Sie jetzt da und fragen sich, wie Sie sich die Ideen und Prinzipien hinter den Goldminen zunutze machen können, wenn Sie gar nichts mit Sport zu tun haben. Dann nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit und lesen Sie diese Liste. Wer es zu Höchstleistungen bringen will,

• muss unter massivem Druck arbeiten können;

• muss wissen, dass Zahlen alles bestimmen;

• steht permanent unter dem Druck ehrgeiziger neuer Rivalen aus aller Welt;

• macht sich klar, dass der Rekord vom letzten Jahr zum Ausgangspunkt für das kommende wird;

• wächst und erfindet sich ständig neu, um an der Spitze zu bleiben;

• ist einer radikale Verantwortung unterworfen: entweder gewinnen oder verlieren – es gibt kein Mittelding;

• braucht gleichbleibenden Antrieb, sonst wird es schwierig, Leistungsziele zu erreichen.

Ich vermute, diese Bedingungen und Erfordernisse sind nahezu identisch mit denen, unter denen Sie in Ihrem Beruf arbeiten müssen, welcher es auch sein mag. Im Grunde geht es bei den Goldminen um weit mehr als Golf, Laufen oder Fußball. Es geht um die zugrunde liegenden Mechanismen, die Weltklasseleistungen ermöglichen, und ob wir nun im Sport, in künstlerischen Bereichen, als Geschäftsleute oder Wissenschaftler arbeiten, wir müssen begreifen, dass die Wege zum Erkennen von Potenzialen viel mehr gemeinsam haben, als wir uns vielleicht zuerst vorstellen.

Die übliche Diskussion über Talententwicklung ist voller Missverständnisse, Klischees, romantischer Vorstellungen, Vermutungen und überholter Ansichten. Mein Ziel ist es, in diesem Buch eine frische, höchst praktische Sichtweise auf das Thema zu vermitteln. Ich habe meine Schlussfolgerungen in acht Prinzipien niedergelegt, von denen jedes eine maßgebliche Lehre für die Erzeugung und Aufrechterhaltung von Spitzenleistungen erteilt. Diese acht Prinzipien sind:

1 Es gibt kein Geheimnis.

2 Was man sieht, ist nicht das, was man bekommt.

3 Wer zu spät anfängt, kommt nicht ganz nach oben.

4 Wir geben alle gern auf.

5 Es ist die Einstellung, die entscheidet, nicht die Einrichtungen.

6 Die Paten der Goldminen.

7 Seine Kinder nicht anzutreiben ist verantwortungslos.

8 Wer will es am meisten?

Kehren wir zurück zu jenem Morgen in Iten.

Im Nu brachte mich das rasante Tempo der Kenianer in der dünnen Luft so hoch über dem Meeresspiegel fast zum Ersticken und trieb meinen Körper weit in den roten Bereich. Aus Höflichkeit gegenüber dem neuen Weißen in ihrer Gruppe drosselten sie ihr Tempo ein wenig, aber trotz dieses Zugeständnisses war 35 Minuten, nachdem ich mich ihnen angeschlossen hatte, alles vorbei. Ich stand vornübergebeugt mit dem Geschmack von Blut im Mund da und spuckte auf den Wegrand, während die zwölf Kenianer mühelos aus meinem Blickfeld entschwanden.

Ich dachte an Christopher Cheboibochs Worte: „Wenn man es verstehen will, muss man wie ein Kenianer werden und leben wie ein Kenianer.“ Auf einmal wurde mir viel klarer, was er mir damit hatte sagen wollen.

Es gibt kein Geheimnis

Wenn ich eine Million Dollar hätte, würde ich ein für alle Mal mit dieser Diskussion Schluss machen. Ich würde die Vorstellung vom „Naturtalent“ schwarzer Athleten ad acta legen. Damit will ich nicht sagen, dass die Erbanlagen keine Rolle spielen, aber es gibt keinen Beleg dafür, dass bestimmte Gene exklusiv an bestimmte Rassen vergeben worden sind.

– DR. YANNIS PITSILADIS, UNIVERSITÄT GLASGOW

Ein kleiner rundlicher Mann erwartet mich auf dem roten Schotter vor der St. Patrick’s High School. Er trägt einen dunklen Strickpullover, obwohl bei gleißender Mittagssonne über 30 Grad herrschen. Mit seinen rosigen Bäckchen und einer grünen Baseballkappe, die ihm ganz knapp auf dem Kopf sitzt, sieht er nicht gerade so aus, wie ich mir den erfolgreichsten Leichtathletiktrainer der Welt vorgestellt habe. Colm O’Connell hat sich bereit erklärt, sich hier an der legendären St. Patrick’s High School in Iten mit mir zu treffen, dem Ort, an dem 35 Jahre zuvor alles für ihn begann. Damals war er einfach ein junger Ire, dessen größtes Vergnügen im Leben es bis dahin gewesen war, sich als Student in Galway „im Skeffington Pub ordentlich die Kante zu geben“. Dass er einmal eine Hauptrolle bei der Ausbildung der besten Mittel- und Langstreckenläufer der Welt spielen sollte, stand gewiss nicht in seinem Horoskop.

Als Colm 1976 Irland verließ, um in einem abgelegenen Internat auf 2.800 Meter Höhe im Rift Valley in Kenia einen Lehrerposten zu übernehmen, hatte er keinen blassen Schimmer vom Laufen. Tatsächlich war er noch nie im Leben bei einer Leichtathletikveranstaltung gewesen.

„Ich war nur Erdkundelehrer“, sagt er schulterzuckend, als wir uns im Schulhof zu einem Gespräch in den Schatten setzen.

Colm O‘Connell im Gespräch mit dem 1.500-Meter-LäuferAugustine Kiprono Choge

Eine völlig neue Welt erwartete Colm O’Connell bei seiner Ankunft in Kenia. Es gab keinen Strom, kein Telefon, keine Asphaltstraßen und, damals, auch kein fließendes Wasser, auf das man sich verlassen konnte. Nicht gerade das, was er von Irland her gewohnt war. Nur durch Zufall geriet er in das neu eingerichtete Leichtathletikprogramm der Schule, als Assistenztrainer, obwohl er dafür keinerlei Qualifikationen mitbrachte. „In England oder Irland hätte ich niemals die Möglichkeit bekommen, Leichtathletiktrainer zu werden“, gibt er gerne zu.

Die St. Patrick’s High School hatte bereits eine stolze Tradition im Sport, besonders im Volleyball. Die Volleyball-Schulmannschaft verlor zwischen 1973 und 1988 kein einziges Spiel. Es dauerte ein paar Jahre, bis das Leichtathletikteam richtig funktionierte, aber als es dann funktionierte, funktionierte es richtig gut. So gut, dass es 1985 unter Leitung von Colm O’Connell bei einer landesweiten Leichtathletikveranstaltung 19 von 21 Disziplinen gewann. Bei den übrigen beiden war es nicht angetreten.

„Ich habe das Trainieren durch bloßes Ausprobieren gelernt“, sagt Colm. „Weil die Jungs in der Schule wohnten, hatte ich sie rund um die Uhr um mich. Das verschaffte mir beste Voraussetzungen, als es darum ging, herauszufinden, wie ich sie dazu bringen konnte, schnell zu werden.“

Der Eingang zur St. Patrick’s High School in Iten

Colms Jungen waren hoch motiviert. Sie hatten alle von ihrem Landsmann Kipchoge Keino gehört, dem ersten afrikanischen Athleten, der bei den Olympischen Spielen Gold über 1.500 Meter geholt hatte (in Mexiko, 1968). Die Leichtathletik hatte sich professionalisiert und der Duft der Dollarnoten zog bis ins Rift Valley. Im Laufe der nächsten zehn Jahre sollten Colm O’Connell und die St. Patrick’s High School einen Weltstar nach dem anderen hervorbringen.

Der Schulhof der Legenden

Colm deutet auf einen Baum im Schulhof. Am Stamm steht eine Tafel mit dem Namen Ibrahim Hussein.

„Das war mein erster richtig guter Athlet“, sagt er.

Ibrahim Hussein war ein magerer Bursche vom Stamm der Nandi, der als 14-Jähriger in die Schule eintrat. Später gewann er drei Mal den Boston-Marathon und wurde der erste Afrikaner, der den New-York-Marathon gewann.

Der dreifache Gewinner des Boston-Marathons, Ibrahim Hussein, hat seinen eigenen Baum in St. Patrick’s

Der gesamte Schulhof steht voll mit ähnlichen Bäumen, deren Stämme kleine Plaketten mit den Namen großer Sportler tragen, die ihre Karriere in der St. Patrick’s High School begannen. Zu Anfang pflanzte man jedes Mal einen Baum, wenn einer ihrer Jungs eine Medaille bei Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen gewann. Aber bald reichte der Platz nicht mehr und deshalb wurden nur noch Bäume für die größten Sieger gepflanzt.

Ein paar Meter von Ibrahim Husseins Baum entfernt steht der Birir-Baum. Matthew Birir, einer von O’Connells Olympiasiegern, brachte 1992 eine Goldmedaille im Hindernislauf von den Olympischen Spielen in Barcelona mit. Während wir über das Schulgelände gehen und uns die Bäume nacheinander ansehen, überwältigt mich die Vorstellung, welch einzigartigen Rahmen St. Patrick’s zur Zeit seiner größten Erfolge geboten haben muss.

„Es war nicht einfach Dominanz. Es war wie vom anderen Stern“, erinnert sich Colm, während er mir eine faszinierende Geschichte nach der anderen über seine Schützlinge erzählt. Man muss schon lange suchen, bis man einen preisgekrönten kenianischen Mittelstreckenläufer findet, der nicht irgendwann während seiner oder ihrer Laufbahn mit „Bruder“ O’Connell zu tun hatte. Wilson Kipketer (der bis August 2010 den Weltrekord über 800 Meter hielt), Daniel Komen (Weltrekordinhaber über 3.000 Meter), Asbel Kiprop, Lydia Cheromei, Susan Chepkemei, Isaac Songok, Linet Masai, Mercy Cherono, Janeth Jepkosgei, David Rudisha – welcher Name einem auch einfällt, Colm hat sie alle trainiert.

Während ich mich mit Colm unterhalte, stauen sich die Fragen in meinem Kopf. Ich will verstehen, wie es dazu kommt, dass ein Internat ohne irgendeine besondere Ausstattung derart verblüffende Ergebnisse vorweisen kann. Und der Erfolg der St. Patrick’s High School selbst ist längst nicht die einzige erstaunliche Tatsache. Die Schule liegt in jenem Teil des Rift Valley, in dem der Stamm der Kalenjin beheimatet ist. Dieser Stamm macht zehn Prozent der kenianischen Bevölkerung aus. Seit 1968, als Kenia die absolute Herrschaft im olympischen Hindernislauf übernahm, hat nur ein einziger Läufer olympisches Gold gewonnen, der nicht zum Stamm der Kalenjin gehörte. Als dieser einzige Sieger, der kein Kalenjin war, Julius Kariuki aus Nyahururu, ebenfalls ein Kenianer, zu dieser bemerkenswerten Tatsache befragt wurde, sagte er lakonisch: „Meine Familie hat wahrscheinlich ihre Wurzeln bei den Kalenjin.“

Aber damit nicht genug. Eine der ethnischen Untergruppen des Kalenjin-Stammes ist das Volk der Nandi, das gut 80.000 Menschen umfasst. Bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 holten Nandi-Starter Gold über die 800 Meter der Männer wie auch der Frauen – und dazu noch zwei Silbermedaillen und eine bronzene! Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Mitglieder eines Volkes von 80.000 das erreichen, wenn sie gegen die gesamte übrige Welt antreten?

Die Goldmine der Leichtathletik im Rift Valley ist eines der sensationellsten Phänomene in der gesamten Geschichte des Sports. Wir reden hier nicht über Eishockey, Rugby oder Baseball, die als Sportarten regional verankert sind. Wir reden über eine globale Sportart, die in praktisch jedem Land der Welt professionell betrieben und dennoch dauerhaft von einer winzigen Gruppe von Menschen beherrscht wird, die allesamt in einem Umkreis von 200 Kilometern Durchmesser leben.

Der Mythos des Lauf-Gens

Die Dominanz kenianischer Läufer ist beängstigend. Allein 2011 steht hinter 19 der 20 schnellsten Zeiten im Marathon ein kenianischer Name. Diese Liste enthält einen Weltrekord, die Siegerzeiten von jedem bedeutenden Stadtmarathon im Jahr 2011 und den Marathonsieg bei den Weltmeisterschaften. Und Kenianer gewannen nicht nur alle bedeutenden Stadtmarathons, sondern sie stellten auch bei jedem von ihnen einen neuen Rekord auf.

Mehr als 258 kenianische Marathonläufer liefen die 44,2 Kilometer in weniger als 2 Stunden und 15 Minuten. Großbritannien, mit einer doppelt so großen Bevölkerung wie Kenia, brachte nur ein einziges Ergebnis mit dieser Zeit zustande. Das Reservoir an Spitzenläufern in Kenia scheint unerschöpflich und das Laufen ist nicht einmal der Nationalsport. Die Läufer kommen aus einem sehr kleinen Teil des Landes, in dem intern eine gnadenlose Konkurrenz herrscht. Das zeigt sich deutlich am Fall Luke Kibet – obwohl er vier Monate zuvor die achtschnellste Marathonzeit aller Zeiten gelaufen und amtierender Weltmeister war, qualifizierte er sich nicht für die kenianische Olympiamannschaft für Peking 2008 (wenn er auch in der allerletzten Woche vor Beginn der Wettbewerbe noch als Ersatzmann nominiert wurde).

Eine solche weltweite Vorherrschaft im Laufsport, wie sie die Kenianer ausüben, lässt stark vermuten, dass hier noch etwas anderes eine Rolle spielt als harte Arbeit. Eine derartige Leistung kann doch wohl auf Dauer nur dann aufrechterhalten werden, wenn so etwas wie ein natürlicher genetischer Vorteil im Spiel ist?

Dasselbe ließe sich für die äthiopischen Männer vermuten, die seit 1993 jede einzelne Goldmedaille über die 10.000 Meter gewonnen haben, oder auch für die jamaikanischen Sprinter, die für 494 der 500 jemals erzielten Bestzeiten über 100 Meter verantwortlich sind. Jahrelang haben Sportler, Wissenschaftler und Trainer im Westen sich an die Erklärung geklammert, dass diese Volksgruppen mit besonderen Genen ausgerüstet sein müssten, die sie perfekt für diese Sportart prädestinieren, in der sie so erfolgreich sind.

Im Bemühen, den Erfolg ostafrikanischer Mittel- und Langstreckenläufer zu erklären, haben die Wissenschaftler unter anderem die schlanken Waden der Kenianer und Äthiopier hervorgehoben, die ihrer Überzeugung nach bei längeren Strecken von Vorteil sind. Aber reicht diese Erklärung? Sicherlich nicht, wenn man ans Volk der Jalou denkt. Die Jalou sind ein Stamm in Tansania, das an Kenia grenzt, und ihr Körperbau ist weitgehend identisch mit dem ihrer kenianischen Nachbarn. Allerdings haben die Jalou niemals einen einzigen Spitzenläufer hervorgebracht. Diese Tatsache (neben einer Reihe anderer) hat Zweifel daran aufkommen lassen, ob schlanke Waden beim Erfolg der Kenianer überhaupt eine Rolle spielen können.

Eine weitere Theorie besagt, dass Ostafrikaner von Geburt an mit einer sozusagen fest eingebauten Spitzenausrüstung für das Laufen versehen sind, und zwar in Form ihrer maximalen Sauerstoffaufnahme, die es ihnen erlaubt, den Sauerstoff besser zu nutzen als andere Menschen und damit leistungsfähiger zu werden.

Aber auch dieses Argument hält genauerer Betrachtung nicht stand – der schwedische Physiologe Bengt Saltin hat die Physiologie ostafrikanischer Läufer untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass sie weitgehend mit der europäischer Sportler übereinstimmt: „Es gibt keinen deutlichen Unterschied zwischen der maximalen Sauerstoffaufnahme eines Ostafrikaners und der eines Weißen.“

Trotz dieser Erkenntnisse kommt es immer wieder zu Theorien über die vermeintlichen Vorteile ostafrikanischer Läufer. So hat man versucht, das Fehlen von Erfolgen im Sprint als Argument für das Vorhandensein vorteilhafter Gene für den Langstreckenlauf in der Bevölkerung zu deuten. Anders ausgedrückt: Man argumentiert, dass eine positive Disposition für den Langstreckenlauf das Gegenteil einer positiven Disposition für den Sprint ist. Diese Beobachtung besteht aber ebenfalls keinen härteren Test. In seinem Buch „More Fire“ über kenianische Läufer stellt Toby Tanser fest: „Bei 14 Auflagen der Afrikameisterschaften stellte Kenia in der 4-mal-400-Meter-Staffel der Männer fünf Goldmedaillengewinner. Bei zehn Commonwealth-Spielen gewann Kenia viermal Gold. Diese Rekorde sind ungebrochen.“

Ein ganz andersartiger Versuch, die Dominanz der Ostafrikaner zu erklären, zieht die Umweltbedingungen in Betracht, unter denen sie aufwachsen und trainieren. Die dünne Luft in 2.500 Metern Höhe über dem Meeresspiegel führt zu einer vermehrten Produktion von roten Blutkörperchen.

Wenn aber dünne Luft schon die ganze Erklärung ist, warum haben dann Nepal und Mexiko keine Langstreckenläufer von Weltklasse hervorgebracht?

Und wie kommt es, dass der Landesrekord von Malawi im Marathonlauf mehr als 14 Minuten unter dem von Kenia liegt, wenn die Bevölkerung dort in genau der gleichen Umwelt aufwächst wie das Volk der Kalenjin und die äthiopischen Läufer, die im Hochland um Addis Abeba trainieren?

Ein genetisches Erklärungsmodell für die Lauferfolge der Kenianer scheint im Laufe der Jahre immer weniger plausibel zu werden. So erklärt es beispielsweise nicht, warum Schweden, das in den 1940er-Jahren den Langstreckenlauf dominierte, bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 plötzlich Gold im Siebenkampf, im Hochsprung und im Dreisprung gewann. Zu dieser Zeit stand kein einziger Schwede auf der IAAF-Liste der 50 besten Langstreckenläufer der Welt. Müssen wir jetzt annehmen, dass die Schweden – in einem Zeitraum von wenig mehr als 60 Jahren – ihre Langstrecken-Gene gegen Springer-Gene eingetauscht haben?

Es ist angesichts der unglaublichen Leistungen ostafrikanischer Läufer auch leicht nachzuvollziehen, dass der Eindruck entstehen konnte, sie hätten in diesen Disziplinen von Anfang an geglänzt. Aber das stimmt einfach nicht. Man muss sich zum Beispiel nur die Liste der fünf Besten beim Marathon-Weltcup 1999 ansehen. Vier davon sind Europäer. Der erste Ostafrikaner steht an neunter Stelle, obwohl es damals keinen Mangel an Läufern aus Kenia und Äthiopien gab.

Rang

Name

Land

Zeit

1

Antón Abel

Spanien

2:13:36

2

Vincenzo Modica

Italien

2:14:03

3

Nobuyuki Sato

Japan

2:14:07

4

Luís Novo

Portugal

2:14:27

5

Danilo Goffi

Italien

2:14:50

Bei den Weltmeisterschaften 2009, nur zehn Jahre später, sieht das Bild völlig anders aus. Die besten fünf stammen ausschließlich aus Kenia und Äthiopien:

Rang

Name

Land

Zeit

1

Abel Kirui

Kenia

2:06:54 (Commonwealth-Rekord)

2

Emmanuel Kipchirchir Mutai

Kenia

2:07:48

3

Tsegay Kebede

Äthiopien

2:08:35

4

Yemane Tsegay

Äthiopien

2:08:42

5

Robert Kipkoech Cheruiyot

Kenia

2:10:46

Damit stellt sich die brennende Frage: Was ist in diesen zehn Jahren passiert? Ist es den guten Lauf-Genen gelungen, aus Europa über das Mittelmeer und die Sahara hinweg nach Ostafrika zu emigrieren? Wohl kaum. Und nebenbei gefragt, was ist denn den Briten zugestoßen, die früher einen Mittelstreckenstar nach dem anderen hervorbrachten, Legenden wie David Bedford, Steve Ovett und Sebastian Coe?

Heute gelingt es den britischen Männern nicht einmal, bei ihrem eigenen London-Marathon einen der ersten zehn Plätze zu belegen. Der letzte britische Gewinner war 1993 Eamonn Martin, der die Ziellinie mit einer Zeit von 2:10:50 überquerte. Im Jahr 1985 unterschritten noch 102 britische Männer die Elitezeit von 2 Stunden und 20 Minuten für den Marathon; 20 Jahre später waren es nur noch fünf. Der britische Langstreckenlauf der Männer war so gut wie tot. Aber wieso? Sind die vorher so erfolgreichen britischen Gene in der Evolution verloren gegangen? Haben britische Männer, oder meinetwegen auch andere Europäer, plötzlich mehr Milchsäure in der Muskulatur abgelagert? Natürlich nicht. Die britischen Gene sind keinen Deut schlechter als zuvor.

Ein Beleg dafür, dass sie nach wie vor die Kenianer und Äthiopier auf die Plätze verweisen können, lässt sich in Cheshire finden. Dort ist Paula Radcliffe geboren, die britische Königin der Langstrecke und Inhaberin des Weltrekords im Marathonlauf. Wenn die Ostafrikaner eine perfekte genetische Veranlagung für diese Disziplin haben, wie kann es dann sein, dass eine britische Frau, die mit Fish and Chips aufwuchs, umgeben von britischen Pubs im englischen Flachland, die Kenianer zu wiederholten Malen vernichtend geschlagen hat?

Yannis Pitsiladis von der Universität Glasgow ist einer der führenden Forscher in der Sportwissenschaft. Er hat seine Laufbahn dem Studium des Geheimnisses gewidmet, das hinter den Erfolgen der ostafrikanischen Langstreckenläufer und der jamaikanischen Sprinter steckt. Die Schlussfolgerungen, zu denen er kommt, lassen an Klarheit nichts zu wünschen übrig: „Es gibt nicht mehr Belege für eine Verbindung zwischen bestimmten Rassen und spezifischen Genen für Topleistungen als für eine Verbindung zwischen bestimmten Rassen und hoher Intelligenz. Mit anderen Worten, es gibt überhaupt keine Korrelation.“

Anders ausgedrückt: Es sieht ganz so aus, als seien die Leistungen der Ostafrikaner in Wahrheit sehr viel weniger vorherbestimmt, als es sich noch die optimistischsten Wissenschaftler ausmalen.

Angeborene Begabung gibt es überall

Es geht mir hier nicht darum, die Augen vor der Bedeutung der Genetik zu verschließen oder zu behaupten, jeder auf der Welt habe das Potenzial, der nächste Usain Bolt, Haile Gebrselassie oder die nächste Paula Radcliffe zu werden. Die genetische Ausstattung ist wichtig.