Der Geist überwindet den Tod - Dzogchen Ponlop Rinpoche - ebook

Der Geist überwindet den Tod ebook

Dzogchen Ponlop Rinpoche

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Opis

Das Tibetische Totenbuch gehört zu den großen Werken der spirituellen Weltliteratur. Der buddhistische Gelehrte und Meditationsmeister Dzogchen Ponlop Rinpoche schreibt anschaulich und mit großer Präzision und Kenntnis der Quellentexte über Leben, Sterben und Wiedergeburt aus der Sicht des tibetischen Buddhismus und bezieht dabei Erkenntnisse aus der modernen Bewusstseinsforschung mit ein. "Der Geist überwindet den Tod" zeigt, wie man mit Hilfe der tibetisch-buddhistischen Lehren über die sechs Bewusstseinszustände (Bardos) und anhand von speziellen Meditationstechniken den Tod zur Transformation des eigenen Lebens nutzen kann. In der Beschäftigung mit dem Tod ist dieses Buch damit ein tiefgründiger und weiser Ratgeber für das Leben.

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Vollständige E-Book-Ausgabe der bei J.Kamphausen Verlag & Distribution GmbH erschienenen Printausgabe

Theseus im Internet: www.Theseus-Verlag.de

Die amerikanische Originalausgabe Mind Beyond Death ist erschienen bei Snow Lion Publications, Ithaca, NY 14851, USA © 2006 by Dzogchen Ponlop Copyright der deutschen Ausgabe © 2009 Theseus in J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld

Übersetzung ins Deutsche: Brigitte Schnoor Lektorat: Dr. Sabine A. Werner  Producing: SAW Communications, Redaktionsbüro Dr. Sabine A. Werner, Mainz, mit INKA satz & grafik, Rudersberg

Umschlaggestaltung: Reclamebüro, München, unter Verwendung eines Fotos von © Hugh Sitton / zefa / Corbis (Titelseite) Druck: fgb – freiburger graphische betriebe, Freiburg

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Printausgabe: 978-3-89901-415-0 ISBN E-Book: 978-3-89901-559-1 ISBN Kindle-E-Book: 978-3-89901-649-9

Alle Rechte an der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

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Dieses Buch widme ich meinem verstorbenen Vater Dhamchö Yondu und meiner gütigen Mutter Lekshey Drölma, denn sie ließen unschätzbar wertvolle Gelegenheiten entstehen, um Weisheit und Mitgefühl zu entwickeln.

Inhaltsverzeichnis

GELEITWORTE VON KHENPO TSÜLTRIM GYAMTSO RINPOCHE

VORWORT DES EHRWÜRDIGEN ALAK ZENKAR RINPOCHE

VORBEMERKUNG DES HERAUSGEBERS

EINFÜHRUNG: POKERN MIT DEM HERRN DES TODES

DER AUGENBLICK DER WAHRHEIT

DIE BARDO-BELEHRUNGEN

WAS BEDEUTET BARDO?

Der konzeptuelle und der Essenz-Bardo

Die Weggabelung

Gefangen in der Zeit

Weder hier noch dort

Überwältigende Emotionen

DIE BOTSCHAFT DER ÜBERTRAGUNGSLINIE

DIE EINTEILUNG DER BARDOS

DIE QUELLEN DER BARDO-BELEHRUNGEN

PADMASAMBHAVAS „SECHS WURZELVERSE ÜBER DIE SECHS BARDOS“

REINE ILLUSION: DER NATÜRLICHE BARDO DIESES LEBENS

DER TANZ DER ERSCHEINUNGEN

Reine und unreine Erscheinungen

VERKÖRPERTER GEIST

DIE DREI PHASEN DES SPIRITUELLEN WEGES

Das Studium der Lehre

Die Kontemplation

Übungen für die Phase der Kontemplation

Sich mit intensiven Emotionen anfreunden

Die Meditation

Grundlegende Übungen: Training und Reinigung

Den Geist beruhigen durch die drei Haltungen

Die Hauptpraxis: Padmasambhavas Shamatha-Anweisungen

EINEN KLAREN VORSATZ FASSEN FÜR UNSERE PRAXIS

NUR FÜR EINE GEWISSE ZEIT

DIE TRÄUMENDEN AUFWECKEN: DER BARDO DES TRAUMS

REINE UND UNREINE TRÄUME

In den Traumzustand eintreten

Die Fortsetzung der Verwirrung

IM TRAUM AUFWACHEN

Die Praxis des Illusionskörpers

Der unreine Illusionskörper

Der reine Illusionskörper

Die Praxis des Traum-Yoga

Den Traum erkennen

Die Traumerfahrungen transformieren

Letztendliche Transformation

Hindernisse überwinden

Die Praxis des Yoga des klaren Lichts

Das Ergebnis der Praxis

TRÄUME UND TRÄUMENDE

Den Traum anschauen

Die Träumenden anschauen

Auf die Zeitspanne schauen

Eine Fackel in der Dunkelheit entzünden

DEN GEIST MEISTERN: DER BARDO DER MEDITATION

MEDITATION ALS BARDO

Den wilden Geist zähmen

Stufen des Trainings in der Nicht-Existenz eines Selbst

Die Natur des Geistes aufzeigen

Den Geist direkt anschauen

DIE GEWISSHEIT DER BEFREIUNG ERLANGEN

Drei Anweisungen, die den entscheidenden Punkt treffen

Die vier großartigen Methoden der Befreiung des Dzogchen

Ursprüngliche Befreiung

Nackte Befreiung

Vollständige Befreiung

SICH DIE BOTSCHAFT DER BEFREIUNG ZU HERZEN NEHMEN

Annehmen und ablehnen

Selbstexistierende Weisheit

Die Freiheit loslassen

Die Natur von allem

Das Gewahrsein beschützen

Der Pfad der geschickten Mittel

Die Bardos des Lebens und des Todes verbinden

DIE REALITÄT AUFLÖSEN: DER SCHMERZHAFTE BARDO DES STERBENS

ANHAFTUNG AN DIESES LEBEN

Die drei Stufen der Fähigkeit von Praktizierenden

Praktizierende mit großen Fähigkeiten

Praktizierende mit mittleren Fähigkeiten

Praktizierende mit geringeren Fähigkeiten

Den Geist lesen

Sich auf den Tod vorbereiten

DIE AUFLÖSUNG DER ELEMENTE

Der grobstoffliche und der Vajra-Körper

Der Auflösungsprozess des grobstofflichen Körpers

Die Zeichen des Todes

Die erste Stufe der Auflösung: Erde in Wasser

Die zweite Stufe der Auflösung: Wasser in Feuer

Die dritte Stufe der Auflösung: Feuer in Luft

Die vierte Stufe der Auflösung: Luft in Bewusstsein

Der Auflösungsprozess des Vajra-Körpers

Die fünfte Stufe der Auflösung: Bewusstsein in Raum

Die Stufen des klaren Lichts

PRAKTIKEN FÜR DAS STERBEN

Der Pfad der Hingabe

Eine letzte Chance erkennen

Die Praxis des Phowa

Die Stufe des Trainings

Methoden der Transformation

Plötzlicher Tod

Jede Praxis ist Phowa

Unseren letzten Gedanken planen

Das Höchste anstreben

DIE EGOLOSE REISE: DER LEUCHTENDE BARDO DER DHARMATA

NEUE ERFAHRUNGEN MACHEN

DAS KLARE LICHT DES DHARMAKAYA – DAS KLARE LICHT DER NICHTERSCHEINUNG

Das klare Licht des Grundes: die Weisheit der Dharmata

Verschleierte Dharmata

Das Treffen des klaren Lichts der Mutter und des Kindes

Unser Zuhause suchen

Glückverheißende Ursachen und Bedingungen

Den Samadhi-Geist hervorbringen

Der Pfad der Schlussfolgerung

Der Pfad der direkten Erfahrung

Den Geist nicht finden

DAS KLARE LICHT DES SAMBHOGAKAYA – DAS KLARE LICHT DES ERSCHEINENS

Spontan entstehendes klares Licht

Die hundert Gottheiten

Symbol und Essenz

Die fünf Buddha-Familien

Das Mandala der fünf Buddhas

Klares Licht und Kleshas

Dreifache Reinheit

DIE VIER WEISHEITSLICHTER UND DAS LICHT DER BUDDHA-AKTIVITÄT

VISIONEN SPONTANER GEGENWÄRTIGKEIT

DEN BARDO DER DHARMATA ALS DEN PFAD NEHMEN

Die Natur des Geistes anschauen

Die Visualisierung der hundert Gottheiten

Licht als den Pfad nehmen

Das Eigenlicht der Dharmata

Klang als den Pfad nehmen

Schmerz und Krankheit als den Pfad nehmen

Freude und Leid als den Pfad nehmen

Emotionen als den Pfad nehmen

DAS GEBIET KENNEN

Die zwei Kayas des Bardo der Dharmata

Vorbei in einem Augenblick

Ankommen am nächsten Ort

SEIN ODER NICHTSEIN: DER KARMISCHE BARDO DES WERDENS

DAS KLARE LICHT DES NIRMANAKAYA

Unaufhörliche Erscheinungen

Wiederentstehen der Verwirrung

Die übernatürliche Kraft des karmischen Geistes

Glückverheißende Verbindungen schaffen

DIE PHASEN DES BARDO DES WERDENS

Das Heraufdämmern der sechs Bereiche

Das Werden: die Eigenschaften der sechs Bereiche

Der Götterbereich

Der Bereich der eifersüchtigen Götter

Der menschliche Bereich

Der Tierbereich

Der Bereich der hungrigen Geister

Der Höllenbereich

PRAXIS IM BARDO DES WERDENS

Praktiken für die Erzeugungsstufe

Begierde transformieren durch die Visualisierung der Yidam-Gottheit

Begierde transformieren durch die Visualisierung des Guru

Praktiken für die Vollendungsstufe

Transformation durch Entsagung

Plan A und Plan B

DIE SICHTWEISE DES VAJRAYANA

Die Sichtweise der Erzeugungsstufe

Drei geschickte Mittel

Die Sichtweise der Vollendungsstufe

ÜBER DEN TOD HINAUS

ANHANG

DAS EDLE MAHAYANA-SUTRA DER WEISHEIT FÜR DIE ZEIT DES TODES

VAJRA-LIEDER – LIEDER DER ERLEUCHTUNG

Die sechs Bardos

BLICK ZURÜCK: DER SINN DER VORBEREITENDEN ÜBUNGEN (NGÖNDRO)

TABELLEN

ANMERKUNGEN

DANK

GLOSSAR BUDDHISTISCHER FACHBEGRIFFE

BILDNACHWEIS

ZENTREN UND PROJEKTE UNTER DER LEITUNG VON DZOGCHEN PONLOP RINPOCHE

GELEITWORTE VON KHENPO TSÜLTRIM GYAMTSO RINPOCHE

Es gibt nichts dazwischen, daher existiert der Bardo nicht.

Ein Vers

Geburt und Tod haben keine Essenz,

daher ist zwischen diesen beiden nur das Ungeborene, frei von Projektionen.

Das Selbst und das Andere haben keine Essenz,

daher ist zwischen diesen beiden nur das Ungeborene, frei von Projektionen.

Dieses wurde spontan gesprochen von Khenpo Tsültrim Gyamtso Rinpoche, Karma Drubdey Gonpa, Bhutan, 9. Oktober 2006. Aus dem Tibetischen übersetzt von Ari Goldfield.

VORWORT DES EHRWÜRDIGEN ALAK ZENKAR RINPOCHE

In diesem Leben führst du uns mit Ermächtigungen und Schlüsselunterweisungen.

Im nächsten Leben führst du uns entlang dem Pfad der Befreiung.

Im Bardo zwischen diesen beiden befreist du uns aus den Abgründen der Angst.

Unvergleichlicher Guru, schenke mir deinen Segen.

Der Begriff des Bardo oder Zwischenzustands hat sich in buddhistischen Kreisen zu einem beliebten Schlagwort entwickelt. Die Erscheinungen dieses Lebens verblassen, so sagt man uns, und neunundvierzig Tage lang erleben wir ungeheuer eindrucksvolle und erschreckende Visionen in einem körperlosen Zustand. Für die meisten Menschen ist das die Bedeutung von Bardo. Wie auch immer: Lassen Sie uns untersuchen, auf welche Weise sich das Konzept des Bardo aus der Sichtweise der buddhistischen Literatur entwickelt hat.

Indische Abhandlungen auf der Grundlage der Sutren, die in das Tibetische übersetzt wurden, wie zum Beispiel Vasubhandus „Schatzhaus des Abhidharma“, beziehen sich auf den Bardo, allerdings ohne den Begriff zu verwenden:

Es gibt eine Ebene der Existenz,

die erfahren wird zwischen Tod und Geburt.

Der Text fährt fort mit der Beschreibung von drei Ebenen der Existenz: der Ebene des Todes, der Ebene der Geburt und der Ebene dessen, was zwischen diesen beiden liegt. Er beschreibt auch kurz den geistigen Körper des Zwischenzustandes, seine charakteristischen Eigenschaften und seine Lebensdauer. Ein indischer sutrischer Text, der in das Chinesische übersetzt wurde, der „Große Schatz der Erläuterungen“, beschreibt den Bardo in allgemeiner Weise und widmet der Darlegung der neunundvierzigtägigen Reise ein ganzes Kapitel.

Die Sammlung der Bardo-Belehrungen auf der Grundlage der Tantras ist in der tibetischen Literatur in allen vier Hauptlinien des Tibetischen Buddhismus – Sakya, Gelug, Kagyü und Nyingma – noch umfangreicher. Hier gibt es Textauslegungen und Kernunterweisungen von unterschiedlicher Länge. Diese Schriften behandeln die Namen der verschiedenen Arten von Bardos und deren Einteilung. In ihrem Stil sind die Darstellungen meist ähnlich, doch heben sie hervor, was in der jeweiligen Überlieferung einzigartig ist.

Karma Lingpa, ein großer Meister der Nyingma-Linie, enthüllte einen Zyklus tiefgründiger Texte, „Die selbstbefreite Weisheit der friedvollen und zornvollen Gottheiten“, von dem gesagt wird, dass er ihm von dem indischen Mahaguru Padmasambhava anvertraut worden war. Eine der berühmtesten Schriften aus dieser Gruppe von Texten ist „Die große Befreiung durch Hören im Bardo“, allgemein bekannt als „Das tibetische Totenbuch“, eine tiefgründige und ausführliche Darlegung der sechs Bardos Geburt, Traum, Meditation, Sterben, Dharmata oder wahre Realität und Werden.

Ein anderer Lehrer, der bekannt wurde für seine Belehrungen über den Bardo, ist Tsele Natsok Rangdrol. Er untersuchte die Sichtweisen der früheren und späteren Schulen auf Gemeinsamkeiten hin und erklärte, dass die oben genannten sechs Bardos zu vier zusammengefasst werden können: dem natürlichen Bardo der Geburt, dem schmerzvollen Bardo des Sterbens, dem leuchtenden Bardo der Dharmata und dem karmischen Bardo des Werdens. Diese Darstellung mit der Unterscheidung von vier Bardos trifft seiner Auffassung nach den Kernpunkt des Ganzen und ist leicht verständlich. Obgleich Tsele Natsok Rangdrols Hauptschrift über den Bardo ins Englische übersetzt wurde, ist es doch die „Befreiung durch Hören“, die die größte Verbreitung in unserer vielsprachigen Welt gefunden hat. Sie wurde ins Chinesische, ins Englische – mindestens fünfmal – und ins Französische übersetzt.1

Es ist daher der Zeitpunkt dafür gekommen, dass Dzogchen Ponlop Rinpoche, ein tibetischer Linienmeister, der mit der westlichen Denkweise und der englischen Sprache vertraut ist, uns eine frische und direkte Erklärung der Bardo-Prinzipien schenkt, die die Distanz der Übersetzung überwindet. Durch das Verfassen des Buches „Der Geist überwindet den Tod“ hat Rinpoche in mitfühlender Weise für Wesen wie mich gesorgt: Leute mit schlechtem Karma, die stark an den verwirrten Erscheinungen dieses Lebens anhaften, die tagsüber Sklaven der acht weltlichen Angelegenheiten sind und nachts zu Leichen des Schlafs der Unwissenheit werden, die ihr Leben mit schlechten Handlungen und bedeutungslosem Geplapper verschwenden. Rinpoches Worte beleuchten den Weg für uns, sie bieten uns Führung in diesem Leben, im nächsten Leben und in den Bardos dazwischen.

Rinpoche beginnt seine Untersuchung mit einer Erklärung des Bardo der Geburt. Er ermutigt hier die Leserinnen und Leser, ihre Anhaftung an die Erscheinungen dieses Lebens aufzugeben und aus ihrer wertvollen menschlichen Existenz die bedeutungsvollste Essenz zu ziehen. Für diesen Bardo gibt Rinpoche Anweisungen für das Entwickeln eines ruhigen und stabilen Geistes durch die Praxis der Shamatha-Meditation.

In Bezug auf den Bardo des Traumzustandes unterweist Rinpoche die Leserinnen und Leser in den Übungen des Illusionskörpers und des Traum-Yoga. Diese ermöglichen, die eigenen Träume zu erkennen, Traumerfahrungen zu transformieren und neue zu erschaffen. Rinpoche erklärt auch die Sichtweise des Yoga des klaren Lichts, durch den man den Zustand des Tiefschlafes als leuchtendes Gewahrsein erkennt. Für den Bardo der Meditation führt uns Rinpoche durch die Vipassana-Meditation gemäß den Mahamudraund Dzogchen-Lehren und beschreibt in klarer Weise die Methoden zum direkten Erkennen der Natur des Geistes.

Rinpoches Erörterung des Bardo des Sterbens gibt im Detail die Phasen der Auflösung der Elemente des grobstofflichen Körpers wieder, ebenso die Auflösung des subtilen Bewusstseins, die mit dem dreifachen visionären Prozess des Erscheinens, der Zunahme und des Erlangens einhergeht. Mit den abschließenden Anweisungen zur Übertragung des Bewusstseins versetzt er hingebungsvoll Praktizierende in die Lage, zum Zeitpunkt des Todes Befreiung zu erlangen, oder, falls dies nicht gelingen sollte, einen Moment tiefer Erkenntnis der wahren Natur des Geistes zu erleben.

In seiner Darstellung des Bardo der Dharmata erklärt Rinpoche die zwei Aspekte der Manifestation des klaren Lichts des Geistes: das klare Licht des Dharmakaya, das auch als das muttergleiche klare Licht bezeichnet wird, und das klare Licht des Sambhogakaya, das in lebhaften Lichtern, Klängen und den Visionen der hundert friedvollen und zornvollen Gottheiten seinen Ausdruck findet. Rinpoche ermutigt uns, zu diesem Zeitpunkt ein Gewahrsein der unwirklichen, illusionsgleichen Natur dieser Visionen aufrechtzuerhalten. Wenn wir das Vertrauen gewonnen haben, dass alle Erscheinungen der Ausdruck unseres eigenen Geistes sind, dann ist es uns möglich, in diesem Bardo, dem Bardo der wahren Realität, Sambhogakaya-Freiheit zu erlangen. Rinpoches Anweisungen für dieses Stadium sind wie die Anweisungen eines furchtlosen, kämpferischen Anführers, der uns durch die Schluchten des angstvollen Bardo geleitet.

Schließlich führt uns Rinpoche durch den Bardo des Werdens. Er beschreibt, wie der dreifache visionäre Prozess des Erscheinens, der Zunahme und des Erlangens in umgekehrter Reihenfolge abläuft, wenn man es versäumt, seine eigene wahre Natur während des Bardo des Sterbens oder des leuchtenden Bardo der Dharmata zu erkennen. Der eigene frühere Mangel an Erkenntnis erzeugt gewaltige Angst. Wenn sich diese Angst intensiviert, tauchen außerdem vielfältige, für diesen Bardo typische Erscheinungen der Verwirrung auf, und jede davon, betont Rinpoche, ist nichts anderes als eine Spiegelung des eigenen ursprünglichen Gewahrseins. Trotzdem gibt es für uns immer noch Wahlmöglichkeiten: Hervorragende Praktizierende werden fähig sein, eine Geburt im Emanationskörper anzunehmen, dem natürlich präsenten Nirmanakaya, mittlere Praktizierende in einem reinen Bereich, wie dem von Amitabha, und gewöhnliche Praktizierende werden eine vorteilhafte Geburt in der irdischen Welt annehmen. An dieser Stelle erklärt Rinpoche die wichtigsten Punkte der Entwicklungsund Vollendungsstufe und lässt dadurch bei interessierten Leserinnen und Lesern Gewissheit reifen. Er ermöglicht ihnen während dieses Lebens einen Reichtum an echtem Dharma und befähigt sie, diese Tugend in das nächste Leben mitzunehmen, ohne irgendein Gefühl der Armut. Da Rinpoches Anweisungen die tiefgründigen Methoden offenlegen, die es möglich machen, die oben erwähnten Wege zur Befreiung und zur positiven geistigen Entwicklung zu nutzen, ist seine Güte unvorstellbar groß.

Dieser Führer durch die Bardos ist von unschätzbarem Wert. Diejenigen, die ohne Klarsicht sind, nimmt er bei der Hand und geht mit ihnen. Für diejenigen, die während ihrer Reise vom Wege abgekommen sind, ist er der Kartenkundige, der ihre Richtung korrigiert. Für die Vertrauensvollen, die danach streben, seine Anweisungen in die Tat umzusetzen, ist er ein standfester Anführer, der sie geschickt aus den Schrecken der Bardos befreit. Für eifrige Schülerinnen und Schüler, die in Zuhören, Erklärung und Meditation geübt sind, ist er der Generalschlüssel, der hundert Türen zu einem Schatz an Wissen öffnet. Für die Gelehrten ist er wie ein Vollmond, dessen unverschleiertes Strahlen die Blüten der in der Nacht blühenden Blumen der Einsicht öffnet. Für Yogis und Yoginis, die sich vollkommen in die Praxis versenken, ist er wie eine Sonne, deren funkelnde Strahlen das Spektrum der Möglichkeiten im Bardo erhellen – zum Erkennen der wahren Natur, zum Erleben der drei Kayas und zur Erfahrung aller Wahrnehmungen als das klare Licht.

Rinpoche hat seine Belehrungen als wunderbares Geschenk in unsere Hände gelegt. Es entstand durch das Zusammenfassen der wichtigsten Ziele aller Sutras und Tantras und die komprimierte Darstellung des Wesentlichen aus allen praktischen Anwendungen sowie dadurch, dass er bei seinen tiefgründigen Kernunterweisungen nichts ausließ, den Strom der mündlichen Übertragungen der Linie bewahrte und sich zudem auf die Weisheit seiner persönlichen Erfahrung stützte.

Es ist mein Herzenswunsch, dass viele Wesen – sowohl kurzfristig als auch langfristig – immensen Nutzen aus diesem Buch ziehen mögen, sei es dadurch, dass sie es lesen, seine Worte verstehen, sich an seine Inhalte erinnern oder auch nur einmal ihre Hände darauf legen. Die Verdienste, die durch die Veröffentlichung eines so herausragenden Diskurses erworben werden, sind zahlreicher als die Staubpartikel auf der Erde, und sie sind so groß, dass sie nicht von den vereinten Wassern aller Ozeane überspült werden könnten. So eine wundervolle Erscheinung auch nur vor seinen Augen aufblitzen zu sehen, ist an sich schon das Resultat von vielen tugendhaften Handlungen in der Vergangenheit.

Dieses Buch enthält nicht nur alle tiefgründigen Kernunterweisungen der acht großen Praxislinien Tibets, es erklärt auch mit großer Frische und Vertrautheit die Herzensabsichten aller verwirklichten Meister Indiens. Ich betrachte dieses Werk von Dzogchen Ponlop Rinpoche daher als allumfassendes Juwel.

Um der Glück verheißenden Umstände willen, möchte ich mit einem besonderen Zitat aus Tsele Natsok Rangdrols Schrift über den Bardo schließen, das, wie ich glaube, sehr genau die Qualitäten des Buches beschreibt, das Sie in Ihren Händen halten:

„Da alle 84000 Lehren des Buddha ganz und gar vollkommen sind, ist es die Große Vollendung (Dzogchen). Da es enthüllt, wie nichts über die drei Kayas hinausgeht, ist es das Große Siegel (Mahamudra). Da es alle Konzepte transzendiert, ist es die Vollkommenheit des Wissens (Prajnaparamita). Da es frei ist von allen Extremen, ist es der Mittlere Weg (Madhyamaka). Da es die höchsten Resultate aller Pfade hervorbringt, ist es Pfad und Resultat (Lam Dre). Da es die Geistesgifte befriedet, ist es Befriedung (Shijey). Da es gründlich alle dualistische Fixierung durchschneidet, ist es Durchschneiden (Chöd). Da es einen direkt mit dem Zustand der Buddhaschaft vereint, ist es die Sechs Vereinigungen (Jor Druk). Da es die verwirrte Unwissenheit der Gedanken transformiert, ist es Geistestraining (Lojong). In der Summe gibt es – abgesehen von dieser Anweisung – keine andere Lehre, die die Essenz aller vorhandenen tiefgründigen Dharmas beinhaltet.“

Die Schriften der höchsten Zuflucht und zugleich Dzogchen Ponlop Rinpoche auf dem Scheitelpunkt meines Kopfes, bringe ich, Thubden Nyima, der schlechteste unter seinen hingebungsvollen Anhängern, diese Worte gleich einem himmlischen Blütenregen aus der Tiefe meines Herzens dar.

VORBEMERKUNG DES HERAUSGEBERS

„Der Geist überwindet den Tod“ basiert auf Belehrungen, die 2002 während des Treasury of Knowlegde Retreats im texanischen San Antonio gegeben wurden, wo Dzogchen Ponlop Rinpoche vierzehn Vorträge über das Thema der sechs Bardos oder Zwischenzustände der Existenz hielt. Obwohl viele schon früher Bardo-Belehrungen gehört hatten, erwies sich die Retreat-Atmosphäre in Verbindung mit dem bedeutsamen Thema und dem direkten und persönlichen Stil von Rinpoches Übertragungen für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als außerordentlich berührend. Im Verlauf der nächsten Jahre trafen immer wieder Anfragen nach Niederschriften oder Videos der Belehrungen ein. Mehrere Studiengruppen wurden gegründet, die Fragen aufwarfen, die über den Umfang der ursprünglichen Darlegungen hinausgingen. Schließlich stimmte Rinpoche dem Vorschlag zu, dass die Unterweisungen zum Zweck der Veröffentlichung redaktionell bearbeitet werden sollten. Er selbst wollte sie durch zusätzliche Anleitungen und Erklärungen ergänzen.

Der vorliegende Text bewahrt die ursprünglichen Belehrungen, obgleich mündliche und schriftliche Kommentare von Rinpoche in die Bearbeitung einflossen. Seine Darstellung der Bardos basiert im Wesentlichen auf den folgenden tibetischen Texten: Padmasambhavas „Anweisungen zu den sechs Bardos“ aus dem Shitro-Zyklus der Belehrungen, der von Karma Lingpa enthüllt wurde, Tsele Natsok Rangdrols „Spiegel der Achtsamkeit“ und das „Schatzhaus des Wissens“ von Jamgon Kongtrul dem Großen. Sie stützt sich außerdem auf mündliche Unterweisungen, die Rinpoche von seinen eigenen Lehrern erhalten hat. „Der Geist überwindet den Tod“ folgt der grundlegenden Struktur dieser maßgeblichen klassischen Texte. Jeder Bardo wird definiert, die Art, wie gewöhnliche und erleuchtete Wesen ihn erleben, wird beschrieben. Schließlich werden die Meditationsübungen dargelegt, die den verwirrten Aspekt des jeweiligen Bardo in einen Zustand von Klarheit transformieren, in dem Weisheit verwirklicht werden kann.

Um den Zugang zu diesen Lehren so leicht wie möglich zu machen, werden im Anhang eine Reihe zusätzlicher Materialien bereitgestellt. Fachbegriffe werden im Glossar erklärt, und wo immer möglich wurde die tibetische Entsprechung eingefügt. Es gibt zwei Tabellen: die erste, „Die Stufen der Auflösung“, gibt einen Überblick über den Sterbeprozess, dessen ausführliche Beschreibung sich im Kapitel „Die Auflösung der Elemente“ findet, die andere, „Die hundert friedvollen und zornvollen Gottheiten“, enthält Details zur Symbolik und zur Reihenfolge des Erscheinens der Gottheiten im Zustand nach dem Tod. Ein Personen und Sachregister sowie ein kurzer historischer Abriss Rinpoches über die Entwicklung der „Vorbereitenden Übungen“, bekannt als „Ngöndro“, sind ebenso enthalten wie eine Auswahl von Vajra-Liedern der Verwirklichung, auch Dohas genannt, die den Dharma lehren und zugleich den Zustand der Verwirklichung herbeizuführen vermögen. Außerdem ist im Anhang eine Übersetzung des „Sutra über die Weisheit zum Zeitpunkt des Todes“ enthalten, in welchem der Buddha Ratschläge für Bodhisattvas an der Schwelle des Todes gibt. Schließlich wird eine Liste von Mediatationszentren angefügt, darunter auch die Nalandabodhi-Zentren, die von Rinpoche gegründet wurden, für Interessierte, die weitere Informationen über Studienprogramme oder Meditationsanleitungen erhalten möchten.

Dieses Buch ist für Leserinnen und Leser gedacht, die mit buddhistischer Philosophie und Praxis vertraut sind, und für Menschen, für die diese Gedanken und Sprache neu sind. Obwohl Rinpoches Darstellung auf einem präzisen wissenschaftlichen System basiert, ist sie im Grunde keine fachspezifische oder akademische Abhandlung. Im Kern handelt es sich um eine Geschichte, überliefert durch eine Übertragungslinie erwachter Meister, die wir hören. Die Anleitungen, die hier gegeben werden, sind nicht religiöser oder theistischer Natur. Sie sind ganz klar eine Wissenschaft des Geistes, die die Anwendung einer kritischen Intelligenz einbezieht und sogar erfordert. Es wird gesagt, dass es durch das Studium und die Praxis dieser Lehren möglich ist, die Verwirrung des Todes zu durchschauen. Gelingt dies, so transzendieren wir die Kluft zwischen Leben und Tod, die diese beiden zu getrennten und antithetischen Erfahrungen macht, und entdecken unseren letztendlichen Zustand unzerstörbarer Wachheit.

EINFÜHRUNG: POKERN MIT DEM HERRN DES TODES

Dieses Buch gibt eine Geschichte wieder, die erstmals vom großen indischen Meister Padmasambhava einer kleinen Gruppe von Schülerinnen und Schülern erzählt wurde. Das Leben dieses außergewöhnlichen Meisters war voller Abenteuer, und er erlangte viele Verwirklichungen, darunter die größte von allen: die Erkenntnis der makellosen und unzerstörbaren Natur seines eigenen Geistes, die augenblicklich alle Illusionen zerstreut, sogar die beängstigende Illusion des Todes. Padmasambhava soll diese Welt umgeben von großen Mengen von Regenbogenlicht verlassen haben, wobei er zukünftigen Schülerinnen und Schülern wertvolle Anleitungen und Beschreibungen seines Weges zur Transformation hinterließ. Da an Padmasambhavas Geschichte nichts verändert wurde, kann jeder, der sie hört und sie sich zu Herzen nimmt, durch sie verändert werden. Wie die berühmten Geschichten aller Zeiten nimmt auch diese Sie mit auf eine Reise, nur sind Sie in diesem Fall selbst die Hauptperson, und der Ausgang liegt in Ihren Händen.

Die Geschichte, die wir hier betrachten, ist somit unsere eigene. Es ist die Geschichte unseres Körpers und Geistes, unserer Geburt und unseres Todes sowie der unbestreitbaren Wahrheit über unsere menschliche Existenz. Obwohl wir um die Tatsachen des Lebens und die Unvermeidbarkeit des Todes wissen, sehen wir dieser Realität selten ins Auge. Wenn wir es aber tun, ist unser erster Impuls, uns abzuwenden. Wir wollen uns mit dem Tod oder der Angst, die er auslöst, nicht konfrontieren, doch vor dieser unbequemen Wahrheit wegzulaufen, wird uns letztlich nicht helfen. Die Wirklichkeit wird uns am Ende einholen.

Wenn wir den Tod unser ganzes Leben lang ignoriert haben, kommt er als große Überraschung. Auf dem Totenbett haben wir dann keine Zeit mehr, um zu lernen, mit der Situation umzugehen. Es ist zu spät, Weisheit und Mitgefühl zu entwickeln, die uns durch das Terrain des Todes leiten könnten, und wir werden uns dem, was uns dort begegnet, stellen müssen, so gut wir eben können – und das ist ein echtes Glücksspiel.

Warum sollten wir ein solches Risiko auf uns nehmen? Wir haben die Wahl: Entweder wir bereiten uns auf den unangenehmsten Augenblick unseres Lebens vor, oder er wird uns unvorbereitet treffen. Wenn wir uns dafür entscheiden, direkt ins Angesicht des Todes zu sehen, dann werden wir diese Begegnung mit Sicherheit in eine tiefe Erfahrung transformieren, die für unsere spirituelle Reise von unermesslichem Nutzen sein wird. Entscheiden wir uns aber für das Leugnen, dann werden wir, wenn wir dem Herrn des Todes begegnen, wie unerfahrene Jugendliche sein, die spät nachts mit einer Tasche voller Geld in eine Spielhalle gehen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir am nächsten Morgen reicher und glücklicher sind?

Ob wir vorbereitet sind oder nicht: Wir alle werden dem Herrn des Todes begegnen. Doch wer ist dieser große Herr, und worin besteht seine Macht über uns? Diese legendäre Figur, die soviel Angst auslöst, ist lediglich die Personifizierung der Vergänglichkeit und des Karma, also des Prinzips von Ursache und Wirkung. In der buddhistischen Literatur ist dieser „Herr“ unbesiegbar. Niemand kann ihn in diesem Spiel schlagen – außer jemand, der wahrhaft Weisheit besitzt. Es ist die Weisheit, die den Mörder umbringt, reinen Tisch macht und mit dem Siegespreis von dannen zieht.

Von alters her haben viele Kulturen eine mündliche Überlieferung oder Literatur zum Thema Tod und Sterben entwickelt. Viele dieser Weisheitstraditionen haben sich mit der Frage beschäftigt, wie die „Erfahrung des Sterbens“ zu einem bedeutungsvollen Moment von großer Kraft werden kann, in dem man sich mit der eigenen tieferen oder höheren Natur verbindet. In den letzten Jahren wurde „Tod und Sterben“ zu einem heiß diskutierten Thema, und „Tod“ selbst wurde zu einem Modewort. Aber obwohl einige Menschen anscheinend darüber sprechen wollen, will niemand dem Tod wirklich ins Gesicht sehen oder sich in einer Umgebung befinden, in der Sterben tatsächlich stattfindet. Woody Allen sagte einmal: „Ich fürchte mich nicht vor dem Sterben; ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Hierin spiegelt sich der Geist vieler Menschen in der Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts wider. In Wirklichkeit versuchen wir den Tod völlig zu meiden. Wir haben Angst, etwas über ihn zu hören oder ihn anzuschauen, ganz zu schweigen vom eigenen Erleben, weil wir ein negatives und furchterregendes kulturelles Bild vom Tod geschaffen haben. Wir glauben, der Tod sei das Ende von allem, was wir sind, der Verlust von alldem, was uns am meisten bedeutet. Doch unsere Furcht verhindert, dass wir unsere eigene Geschichte kennen, die letztendlich eine Geschichte der Erneuerung und Befreiung ist.

Gemäß den spirituellen Einsichten des Buddhismus müssen wir, um gut sterben zu können, gut leben. Gutes Sterben kann also nur erreicht werden, wenn man gut zu leben weiß. Könnte es sein, dass wir Angst haben zu sterben, weil wir nicht wissen, wie wir ein gutes und erfülltes Leben führen können? Um unsere Angst vor dem Tod zu transformieren und zu überwinden, müssen wir mit ihm in Kontakt kommen, anstatt ihn zu verleugnen. Wir müssen uns mithilfe echter Reflexion mit dem Tod verbinden und mit ruhigem, klarem Geist darüber nachdenken, wie er sich uns zeigt. Dabei sollten wir uns nicht auf das Bild des Todes beschränken, das unsere Gedanken auf der Grundlage von Aberglauben und Gerüchten geschaffen haben, sondern wir müssen diesen Zustand ganz unmittelbar wahrnehmen und erfahren. Dem Tod mit unserem ganzen Sein zu begegnen, bedeutet jeden Tag zu sterben, in jedem Moment, und das umfasst alle Aspekte unseres Lebens – unsere Gedanken, unseren größten Schmerz, unsere Gefühle, unsere liebevollen Beziehungen und sogar unsere Freude. Wir können dem Tod nicht wirklich begegnen, wenn wir nicht jeden Tag sterben!

Aus buddhistischer Perspektive bedeutet der Tod nicht nur ein Ende, sondern auch einen Anfang. Tod wird als Prozess der Veränderung verstanden. Die Endlichkeit an sich ist weder positiv noch negativ, sie ist einfach Realität. Der Tod war ein Teil des Deals, den wir eingingen, als wir die Idee der Geburt akzeptierten, unser Eintritt in diese Welt geschah mit dem Vertrag, sie wieder zu verlassen. Also ganz gleich, ob man vor Erleichterung aufseufzt, weil ein quälender Moment vorüber ist, oder ob man verzweifelt hofft, ein Erlebnis, so schön wie aus einem Hollywood-Film, möge ewig dauern: Jeder Augenblick geht vorbei. Jede Geschichte hat ein Ende, das steht ganz unabhängig davon fest, ob sie einen glücklichen oder traurigen Ausgang hat. Wenn ein Augenblick oder ein Leben endet, hilft kein Diskutieren. Es gibt keinen Raum für Verhandlungen. Diese Realität zu erkennen, ermöglicht uns, mit dem Tod im alltäglichen Leben in Kontakt zu kommen.

Letztendlich ist das, was wir Leben nennen, nur eine Illusion von Kontinuität: Eine Folge von Augenblicken, ein Strom von Gedanken, Emotionen und Erinnerungen, von denen wir das Gefühl haben, sie seien unser Eigentum. Dadurch sind wir auf einmal selbst existent, als die Besitzer dieser Kontinuität, die sich bei genauerer Betrachtung als traumgleich und illusionär erweist. Es handelt sich nicht um eine Realität, die kontinuierlich oder substanziell ist, sondern um einzelne Momente, die kommen und gehen wie Wellen auf dem Ozean. Folglich erscheint auch dieses Ich in jedem Augenblick neu und löst sich wieder auf – es hat keinen Bestand von einem Moment bis zum nächsten. Das Ich des einen Augenblicks löst sich auf und ist vergangen, das Ich des nächsten Augenblicks erscheint. Von diesen beiden Ichs kann weder gesagt werden, dass sie gleich, noch, dass sie verschieden sind. Trotzdem werden sie vom konzeptuellen Bewusstsein als ein einziges, kontinuierliches Selbst identifiziert: „Ja, das bin ich ...“

Diese fließende Bewegung entspricht, wie wir klar erkennen können, dem Prozess des Sterbens: Die Auflösung flüchtiger Gedanken, das Verblassen lebhafter Emotionen, die schnelle Veränderung unserer Wahrnehmung. Ein Klang ist da oder eine Berührung und gleich wieder vergangen. Aber genau dann, wenn wir das Ende eines Momentes erleben, erleben wir den Prozess der Geburt. Eine neue Welt wird geboren, wenn frische Gedanken und farbige Emotionen als Antwort auf sich verändernde Wahrnehmungen erscheinen. Folglich ist das Ende eines Momentes auch eine Erneuerung, und nur durch den Tod kann etwas Neues entstehen.

Aus Angst vor dem Tod sehen wir das Offensichtliche nicht: Das, was die Kraft hat, sich selbst zu erneuern, ist ewig, während das, was wirklich kontinuierlich ist, keine kreative Kraft besitzt. Ohne das Spiel von Geburt und Tod würde die Welt stillstehen, vergleichbar einem Standbild aus einem Filmessay. Die Welt, die von der Kameralinse eingefangen wurde, ist bewegungslos, nichts ändert sich für eine sehr, sehr lange Zeit. Ohne das kontinuierliche Spiel von Tod und Wiedergeburt wäre unser Leben genauso erstarrt und sinnlos, und die Konsequenzen wären qualvoll: Nichts würde sich je ändern. Wie wundervoll und erfrischend ist es dagegen, diese Veränderungen von Augenblick zu Augenblick zu haben, gesegnet zu sein durch die Vergänglichkeit!

Wären wir immer gleichbleibend, nicht beeinflussbar durch Veränderung und Tod, dann wäre es zwecklos, irgendetwas außerhalb oder jenseits von uns selbst zu suchen. Wie wir es auch nennen mögen – das Wirkliche, das Kreative, das göttliche Mysterium, die heilige Welt oder die Gnade Gottes – wir könnten es niemals finden. Alles, was wir entdecken würden, wären nur weitere Projektionen unseres eigenen Geistes. Nur indem wir jeden Augenblick sterben, können wir wahrhaft in Kontakt mit dem Leben sein. Wenn wir denken, es gäbe eine bedeutungsvolle Verbindung zwischen Leben und Tod, während wir zugleich am Glauben an die Kontinuität unserer eigenen Existenz anhaften – dann leben wir in einer von uns selbst erschaffenen, fiktiven Welt.

Hört diese Illusion von Kontinuität einmal auf, und sei es noch so kurz, haben wir eine Gelegenheit zu einem flüchtigen Einblick in die tiefere Wirklichkeit, die ihr zugrunde liegt. Diese ist die wahre, beständige Natur unseres Geistes, die untrennbar vom Geist Padmasambhavas und seiner Verwirklichung ist. Sie ist das ursprüngliche Gewahrsein, die leuchtende Weisheit, aus der alle Phänomene spontan entstehen. Diese Weisheit ist für den gewöhnlichen Verstand unbegreifbar, weil sie gänzlich jenseits von Konzepten ist. Daher ist sie auch jenseits der Zeit. Sie wird als „ungeboren und unsterblich“ bezeichnet. Wenn wir uns mit dieser Erfahrung verbinden können, sind Vergangenheit und Zukunft transzendiert, und wir erwachen von selbst in einer unermesslich weiten und strahlenden Welt.

Sind wir uns ganz sicher, dass jedes Ende mit einem Neubeginn einhergeht, fangen wir an uns zu entspannen. Unser Geist wird offen für den Prozess der Veränderung. Wir fühlen, dass wir tatsächlich mit der Realität in Berührung kommen, und fürchten uns nicht länger vor dem Tod. Mit dem Verständnis, dass der Tod nicht vom Leben getrennt ist, können wir lernen, gut und erfüllt zu leben. Aus buddhistischer Sicht haben wir die Wahl: Wir können für unsere Geschichte des Lebens und Sterbens die Regie übernehmen oder unsere Augen vor der Botschaft der Vergänglichkeit verschließen und warten, bis der Tod selbst sie uns öffnet. Wir alle mögen Happy Ends, warum also sollten wir uns mit dem Herrn des Todes auf ein Pokerspiel einlassen?

Die von alters her überlieferte buddhistische Weisheit hat unserer modernen Weltgemeinschaft zum Thema „Tod und Sterben“ viel zu bieten, und im vorliegenden Buch wird aufgezeigt, wie diese zeitlosen Lehren zu verstehen sind und wie wir sie in unserem Alltagsleben anwenden können. Ich verbinde damit die Hoffnung, dass die spirituelle Perspektive des Vajrayana-Buddhismus Klarheit und Einsicht in diese Themen bringen wird. Mögen die tiefgründige Weisheit und das echte Mitgefühl, die in diesen Lehren enthalten sind, schnell die Illusionen aller Wesen auflösen und ihre größten Ängste lindern. Möge die wahre Natur des Geistes, der innere Buddha, uns alle auf dem Pfad des guten Lebens und Sterbens leiten.

DER AUGENBLICK DER WAHRHEIT

Immer wenn wir uns auf eine lange Reise begeben, ist da auch ein Gefühl von Tod und Wiedergeburt. Die Erfahrungen, die wir durchleben, haben die Qualität von Übergängen. In dem Moment, in dem wir aus unserem Haus heraustreten und die Tür schließen, beginnen wir, unser vertrautes Leben hinter uns zu lassen. Wir verabschieden uns von unserer Familie, unseren Freunden, der Routine und den vertrauten Räumen, in denen wir uns sonst bewegen. Wir mögen gemischte Gefühle haben – Bedauern und Aufregung zugleich –, wenn wir in das Taxi steigen, das uns zum Flughafen bringt. Ist unser Zuhause dann unserem Blick entschwunden, empfinden wir Trennungsschmerz und sind gleichzeitig glücklich, befreit zu sein von allem, was uns definiert, und je weiter wir uns entfernen, desto mehr richtet sich unser Fokus auf unser nächstes Ziel. Wir denken immer weniger an zu Hause und immer mehr daran, wohin wir reisen. Wir beginnen, auf eine neue Karte zu schauen, überlegen, wo wir landen werden, und fangen an, über die Erfahrungen nachzudenken, die auf uns warten: die neuen Menschen, die neuen Gebräuche und die neue Umgebung.

Bis wir unser Ziel erreicht haben, sind wir in einem Übergang – wir befinden uns zwischen zwei Punkten. Eine Welt hat sich aufgelöst, wie der Traum von letzter Nacht, und die nächste ist noch nicht erschienen. In diesem Raum gibt es ein Gefühl totaler Freiheit: Wir sind frei von der Verpflichtung, unser normales Selbst zu sein, und wir sind nicht mehr ganz so stark gebunden an die alltägliche Welt und ihre Anforderungen. Da ist ein Gefühl von Frische und Wertschätzung des gegenwärtigen Augenblicks. Zugleich fühlen wir uns vielleicht ängstlich und ohne festen Boden unter den Füßen, weil wir unbekanntes Gebiet betreten haben. Wir wissen nicht mit Gewissheit, was im nächsten Moment geschehen wird oder wohin uns das führt. In dem Augenblick allerdings, wo wir uns entspannen, löst sich unsere Unsicherheit auf, und die Umgebung wird freundlich und unterstützend. Wir fühlen uns wieder wohl in unserer Welt und können ganz natürlich und vertrauensvoll vorangehen.

Nicht immer verlaufen Reisen nach Plan. Wenn wir das Flugzeug nehmen, kann der Flug sich verspäten oder ganz gestrichen werden. Fahren wir mit dem Zug, können die Wetterbedingungen für Verzögerungen sorgen, und sind wir auf der Straße unterwegs, kann im dichten Verkehr ein Reifen platzen, wodurch wir von der Schnellstraße zu einer Werkstatt in einem kleinen Ort „umgeleitet“ werden. Daher ist es vernünftig, sorgfältig zu planen und sich auf das einzustellen, was geschehen könnte. Wir sollten sicher sein, dass wir alles dabeihaben, was möglicherweise gebraucht wird. Wir sollten unseren Weg kennen, sollten wissen, wo entlang der Strecke Annehmlichkeiten und Service geboten werden, und mit den lokalen Sitten und Gebräuchen vertraut sein. Dann können wir uns einfach entspannen und dort sein, wo wir uns gerade befinden. Das ist die Erfahrung, im gegenwärtigen Moment präsent zu sein.

Dieses Leben zu verlassen, gleicht in vielerlei Hinsicht dem Aufbruch zu einer langen Reise. In diesem Fall ist die Reise, die wir machen, eine geistige. Wir lassen unseren Körper, unsere Lieben, unseren Besitz und alle Erfahrungen dieses Lebens zurück und bewegen uns in das nächste Leben. Wir sind im Übergang zwischen zwei Punkten. Unser Zuhause haben wir verlassen, unser nächstes Ziel jedoch noch nicht erreicht. Wir sind weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft, sondern wir hängen zwischen gestern und morgen. Wo wir uns jetzt befinden, ist die Gegenwart, und nur hier können wir sein.

Diese Erfahrung des gegenwärtigen Momentes ist im Tibetischen Buddhismus bekannt unter der Bezeichnung „Bardo“. Die wörtliche Übersetzung des Begriffs ist „Intervall“, er kann aber auch „Zwischenzustand“ bedeuten. Wann immer wir uns also zwischen zwei Momenten befinden, sind wir in einem Bardozustand. Der vergangene Moment hat aufgehört, der zukünftige Moment ist noch nicht erschienen. Da ist eine Lücke, ein Gefühl von gegenwärtiger Präsenz, von echter Offenheit vor dem Erscheinen des Nächsten, ganz gleich, ob es sich dabei um unseren nächsten Gedanken oder unser nächstes Leben handelt. Es ist genauso wie bei einer Reise: Wir sind im Übergang. Das gilt auch, wenn wir die Arbeit verlassen, um nach Hause zu fahren, oder in einen anderen Staat umziehen. Sobald wir unsere Aufmerksamkeit auf diese Übergänge richten und es uns gelingt, das Bewusstsein für unsere Umgebung aufrechtzuerhalten, ist es viel wahrscheinlicher, dass wir der Umgebung auch während der Bardos gewahr sein werden, die über dieses gegenwärtige Leben hinausgehen – einschließlich der Bardos des Sterbens und des Todes. Wir werden mehr Kontrolle über unsere Reise haben und in der Lage sein, neuen Erfahrungen oder Herausforderungen mit einem klaren und ruhigen Geist zu begegnen.

Wenn wir in den Erfahrungen, denen wir in den Bardos begegnen, vollkommen präsent bleiben können, sind sie einfach und neutral. Wir können es uns tatsächlich erlauben, uns zu entspannen, Hoffnung und Furcht loszulassen. Außerdem können wir etwas über uns selbst lernen, und zwar, dass das, was wir letztendlich und im wahrsten Sinne sind, unsere begrenzte Vorstellung vom Selbst transzendiert. An diesem Übergangspunkt haben wir die Gelegenheit, über diese Vorstellung hinauszugehen und die Erscheinung des Todes in eine Erfahrung des Erwachens zu transformieren, indem wir die wahre Natur des Geistes erkennen.

So wie wir uns auf jede Reise vorbereiten würden – Kleidung einpacken und so weiter –, sollten wir auch gute Vorbereitungen für unsere nächste größere Reise treffen: unseren Übergang von diesem Leben in das nächste. Diese Reisevorbereitungen sind das Thema dieses Buches.

DIE BARDO-BELEHRUNGEN

Gemäß den Lehren des Tibetischen Buddhismus ist das Wesentliche an der spirituellen Reise, dass man sie im gegenwärtigen Moment beginnt und beendet. Die umfangreichen philosophischen und meditativen Traditionen verweisen alle auf diesen ungekünstelten Zustand des Geistes. Die tantrischen Lehren über die sechs Bardos oder Zwischenzustände der Existenz gehören zu den berühmtesten und provokativsten dieser Lehrsysteme. Sie beschreiben sechs verschiedene Gruppen von Erfahrungen: Drei beziehen sich auf dieses Leben und drei weitere auf die Erfahrungen von Tod, Nach-Tod und den Eintritt in unser nächstes Leben. Wenn wir die sechs Bardos im Ganzen betrachten, sehen wir, dass sie das komplette Spektrum unserer Erfahrung als bewusste Wesen umfassen, sowohl im Leben als auch im Tod.

Die Lehren über die sechs Bardos zeigen die grundlegende Kontinuität des Geistes durch alle Zustände der Existenz hindurch auf. Was wir „Leben“ und „Tod“ nennen, sind aus dieser Perspektive betrachtet nur Konzepte – relative Bezeichnungen, die für einen kontinuierlichen Seinszustand, ein unzerstörbares Gewahrsein, das ohne Geburt und Tod ist, benutzt werden. Vergänglichkeit – ein ständiger Wechsel von Erscheinung und Auflösung, die kommen und gehen wie Ebbe und Flut – kennzeichnet alle Phänomene, die wir sehen, hören, schmecken, fühlen oder geistig wahrnehmen können. Der reine ursprüngliche Geist dagegen überdauert alle Übergänge und transzendiert alle Begrenzungen durch dualistische Gedanken. Obwohl wir vielleicht an diesem Leben anhaften und uns vor seinem Ende fürchten, gibt es den Geist jenseits des Todes. Wo der Geist ist, da ist auch sein ununterbrochener Ausdruck – weiträumig, strahlend und sich kontinuierlich manifestierend.

Ob dieses Verständnis nur eine tröstliche Vorstellung bleibt, oder ob es zu einem Schlüssel für den Zugang zu tieferen Ebenen des Wissens und letztendlicher Freiheit wird, hängt von uns selbst ab. Relativ gesehen sind wir nicht frei, solange wir die wahre Natur unseres Geistes nicht erkennen. Diese Natur ist leere, strahlende Weisheit, sie ist ursprünglich reines Gewahrsein, der Zustand der Wachheit, der die Dualität transzendiert.

Obwohl wir niemals von der wahren Natur unseres Geistes getrennt sind, nehmen wir sie nicht wahr. Was wir stattdessen sehen, ist das, was wir zu sein glauben, und das entspringt unserem Denken. So sehen wir ein Selbst, das durch Gedanken erschaffen ist, und auch eine erschaffene Welt, ähnlich wie das beim Träumen geschieht. Durch Methoden, die Achtsamkeit und Gewahrsein schulen, entwickeln wir Prajna, direkte Einsicht in die Natur des Geistes. In dem Moment, in dem wir die Natur des Geistes erkennen, endet unsere Reise durch die Bardos. Es heißt, dass der Zeitpunkt des Todes und die Zwischenzustände danach uns eine außerordentlich gute Gelegenheit dazu bieten.

WAS BEDEUTET BARDO?

Der Zyklus der sechs Bardos beschreibt unsere Reise durch verschiedene Zustände bewusster Erfahrung, sowohl im Leben als auch im Tod. Um die Unterweisungen über diese Bardos in den folgenden Kapiteln in vollem Umfang verstehen und wertschätzen zu können, ist es sinnvoll, zuerst auf der elementarsten Ebene zu betrachten, was Bardo genau ist. Die Unterweisungen allein können keine große Hilfe sein, wenn wir keine sinnvolle Vorstellung davon haben, worauf sie sich beziehen.

Als erstes ist es wichtig zu wissen, dass Bardo mehr als eine Bedeutung hat. Es ist einfach zu verstehen, was der konzeptuelle oder relative Bardo ist, doch der nichtkonzeptuelle oder absolute Bardo ist subtiler und daher schwieriger zu begreifen. Er wird als die Essenz oder die wahre Natur der Bardo-Erfahrung angesehen.

Das Verständnis des Bardo entwickelt sich stufenweise in derselben Weise wie Wissen angesammelt wird. Die Erkenntnis kann zu jeder Zeit kommen, wenn der Geist entspannt und offen ist. Es kann sein, dass man die Essenz des Bardo beim Fernsehen oder Essen erkennt, und gerade nicht, während man ein Buch studiert. Wie auch immer es geschieht, die Reise, die man unternimmt, um zu diesem Verständnis zu gelangen, ist ein Weg, der zu einer direkten Erfahrung des eigenen Geistes führt, zu einer Erfahrung reinen Gewahrseins, das über Gedanken hinausgeht. Dieser reine Geist ist auch jetzt da – das ist etwas, das Sie wieder und wieder hören werden. Er ist Ihnen näher als Ihr eigener Schatten.

Sobald wir ein Grundverständnis davon gewonnen haben, was Bardo ist, werden wir von der reichen Vielfalt an Unterweisungen in diesem Buch profitieren, und wenn wir beginnen, sie auf unseren eigenen Geist anzuwenden, dann ist das eine gute Vorbereitung für unsere lange Reise. Wir bereiten uns darauf vor, unserem eigenen Geist in einer Reihe von unterschiedlichen Situationen, die manchmal eine Herausforderung sein können, zu begegnen, ihn zu erkennen und zu meistern. Jegliches buddhistische Geistestraining dient genau diesem Zweck, und ob wir mit dem Wort „Bardo“ etwas anfangen können oder nicht, macht tatsächlich keinen Unterschied.

Der konzeptuelle und der Essenz-Bardo

Aus einem bestimmten Blickwinkel gesehen, ist Bardo das Erleben einer genau definierten Zeitspanne, die von einem klaren Beginn, einem Gefühl von Kontinuität und einem klaren Ende gekennzeichnet ist. Diese Zeitspanne kann sehr kurz sein, so kurz wie ein Fingerschnippen, oder sehr lang, wie zum Beispiel die Spanne zwischen Geburt und Tod oder zwischen Geburt und Erleuchtung. Daher bezieht sich Bardo auf einen Augenblick der Erfahrung – unabhängig davon, wie lang dieser ist.

Halten wir in diesem Zusammenhang fest, dass der Augenblick der Erfahrung nicht dasselbe ist wie der Augenblick im Sinne eines Zeitintervalls, denn das Gefühl von Zeit folgt der Erfahrung nach und ist außerhalb von ihr. Wenn wir beispielsweise Kopfschmerzen hatten, könnten wir sagen: „Heute Morgen bekam ich Kopfschmerzen, und sie hielten bis vier Uhr nachmittags an.“ Wenn wir unseren Kopfschmerzen eine messbare Zeitdauer zuordnen, ist diese Zuordnung konzeptuell. Vom Standpunkt der Erfahrung aus betrachtet – also unter dem Aspekt, wie sich der Kopfschmerz anfühlte –, ist die tatsächliche Dauer keine festlegbare Größe. Das ist der Grund, warum buddhistische Lehren Zeit und Raum oft als relative Phänomene beschreiben. Diese Sichtweise stimmt mit westlichen Vorstellungen von Relativität überein, die Albert Einstein aus seinen Raum-Zeit-Beobachtungen ableitete. So kann zum Beispiel ein bestimmtes Ereignis für eine Person in einem Augenblick vorbei sei, während dieselbe Erfahrung für jemand anderen ein Äon zu dauern scheint.

Betrachten wir also Bardo als eine festgelegte Zeitdauer, dann sehen wir seinen relativen oder konzeptuellen Aspekt. Wenn wir zum Beispiel sagen „von der Geburt bis zum Tod“, dann sprechen wir über eine lange Kette von Augenblicken, die durch den konzeptuellen Geist miteinander verbunden sind und somit als Ganzes angesehen werden. Betrachten wir Bardo aber im Hinblick auf seine Essenz, dann sehen wir seinen absoluten oder nichtkonzeptuellen Aspekt. Die Essenz des Bardo enthüllt sich in der Erfahrung des Jetzt, in der Lücke zwischen dem Ende des einen Moments und dem Entstehen des nächsten, sie ist nichts anderes als die selbstgewahre Weisheit, die die grundlegende Natur unseres eigenen Geistes ist. In den Mahamudra-Lehren wird die Essenz des Geistes „gewöhnlicher Geist“ genannt, und in den Dzogchen-Lehren heißt sie „Rigpa“, was „unverhülltes Gewahrsein“ oder „nacktes Gewahrsein“ bedeutet. Diese Weisheit existiert nicht in fassbarer Form, sondern ist reines Gewahrsein, das Licht des Geistes. Wenn wir diese Natur des Geistes nicht erkennen, nehmen wir die Welt in einer Weise wahr, die Verwirrung und Leiden erzeugt. Erkennen wir jedoch die Natur des Geistes, dann nehmen wir die Welt mit völliger Klarheit wahr, was zur Befreiung führt.

Die Weggabelung

Die Erfahrung der Lücke zwischen dem Ende eines Momentes und dem Entstehen des nächsten ist in der Tat nicht weniger als der „Augenblick der Wahrheit“, der unsere Richtung bestimmt und unsere zukünftige Erfahrung gestaltet. Im Tibetischen gibt es eine Redewendung, die besagt, dass man sich in jedem Moment an einer Weggabelung befindet. Wählen wir den Weg der Erkenntnis der wahren Natur des Geistes, dann tauchen aufgrund unserer klaren Sicht die Erscheinungen der absoluten Wahrheit vor uns auf, die tatsächliche Realität. Gelingt es uns nicht, die Natur unseres Geistes zu erkennen, und wählen wir die andere Abzweigung des Weges, dann bedingt unser getrübter Blick die trügerischen Erscheinungen der relativen Wahrheit. Daher ist der Bardo ein ausschlaggebender Moment, ein wichtiger und entscheidender Punkt auf unserer Reise.

Welche Abzweigung oder Richtung wir auch nehmen, es ist wichtig zu erkennen, dass alle Erscheinungen von der absoluten Ebene her betrachtet Aspekte der Natur unseres eigenen Geistes sind. Sie existieren nicht unabhängig von unserem Geist. Die Lehren besagen, dass jeder, der dies erkennt, die Reise durch die sechs Bardos nicht mehr fortsetzen muss. Alle Bardos sind von Natur aus selbstbefreit. Jeder, der versäumt dies zu erkennen, muss die Reise fortsetzen. Es wird außerdem gelehrt, dass jedes lebende Wesen dieses „nackte Gewahrsein“ besitzt. Es ist im Geistesstrom aller Wesen natürlich vorhanden.

Um die Natur des Geistes zu erfahren, muss man keine besonderen Voraussetzungen zu erfüllen. Man braucht kein spezielles Training. Man benötigt nicht die Initiationen irgendeiner Form von Religion. Es ist nicht erforderlich, dass man ein Gelehrter, ein großer Meditierender, ein Logiker oder Philosoph ist. Das reine Gewahrsein, das die Essenz des gegenwärtigen Momentes unseres Bewusstseins ist, ist frei von all solchen Etiketten und Konzepten – seien sie philosophisch oder religiös. Die Frage ist nicht, ob wir dieses Gewahrsein besitzen, sondern ob wir es erkennen. Obwohl wir alle ständig die Gelegenheit dazu haben, verpassen wir den entscheidenden Augenblick immer wieder. Allerdings gibt es bestimmte Zeiten, in denen das Erkennen leichter ist. Die Chance scheint dann am größten zu sein, wenn sich der Geist entweder durch schmerzhafte oder durch vergnügliche Umstände in einem starken emotionalen Zustand befindet.

Wir können ärgerlich, eifersüchtig oder irritiert sein, wir können uns aber auch zufrieden, glücklich oder vollkommen glückselig fühlen: In jedem Fall kann unsere Erfahrung eine Intensität erreichen, wo wir das nackte Gewahrsein erkennen, das die Essenz all dieser Erfahrungen ist. Es kommt nicht darauf an, wie die Umstände und Bedingungen sind. Wenn wir einfach unseren Geist beobachten und das Entstehen unserer Gedanken und Gefühle wahrnehmen können, dann wird das Erkennen der Natur des Geistes natürlich entstehen. Hat man das Gefühl, den entscheidenden Augenblick gerade verpasst zu haben, kehrt man einfach zur Beobachtung des Geistes zurück, und eines Tages wird man auf diese Weise den wesentlichen Punkt treffen. Unternimmt man allerdings nicht den Versuch, dann gibt es nicht viel Hoffnung, eines Tages die wahre Natur des Geistes zu erkennen.

Gefangen in der Zeit

Wenn wir uns genau anschauen, wie wir den Alltag erleben, dann sehen wir, dass wir mit unserer Aufmerksamkeit selten im gegenwärtigen Augenblick präsent sind. Stattdessen leben wir in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Wir verlieren uns immer wieder in unseren Gedanken, und unsere Erfahrung bleibt daher hauptsächlich auf der konzeptuellen Ebene. In einem Moment denken wir darüber nach, wie das Leben früher war, und im nächsten, wie es wohl sein wird.

Wir wenden viel Zeit und Energie für die Gestaltung der Zukunft auf, in der sich unsere Wünsche und Träume erfüllen sollen. All diese harte Arbeit geschieht zum Wohle der Person, die wir dann sein werden, und nicht für unser Ich in der Gegenwart. Die Zukunft liegt da draußen vor uns, aber sie wird niemals so, wie wir sie uns erdacht haben, sodass wir die Ergebnisse unserer harten Arbeit genießen könnten. Das ist eine Tatsache. Warum also arbeiten wir so hart wie außer Kontrolle geratene Maschinen? Es ist, als würden wir ein Essen nach dem anderen kochen, ohne jemals etwas davon zu uns zu nehmen, und als seien unser Hunger und Durst so groß, dass wir ängstlich Nahrung und Getränke horten. Wir stellen Flaschen mit Selterswasser in unseren Kühlschrank und Konservendosen in unsere Regale, aber wir brauchen sie niemals auf, denn diese Vorräte sind für unseren zukünftigen Durst und unseren zukünftigen Hunger gedacht. Dasselbe geschieht in unserem alltäglichen Leben, in dem wir immer für die Zukunft arbeiten. Wie können wir den Schmerz, den Hunger und Durst verursachen, und die Angst davor überwinden? Solange wir ständig den gegenwärtigen Moment verpassen, gibt es keine Möglichkeit, den Schmerz und die Angst wirklich zu überwinden.

Eine andere Gewohnheitstendenz von uns ist, in der Fantasiewelt der Vergangenheit zu leben, indem wir uns unaufhörlich vergangener Geschehnisse erinnern. Entweder wir genießen das Wiedererleben bestimmter Situationen, oder wir werden dadurch deprimiert. Die Vergangenheit ist allerdings nicht hier und jetzt, und die Person, die wir waren, unsere Freunde und Feinde sowie die Ereignisse, um die es uns geht, sind lange vergangen. Wenn wir versuchen, uns in eine frühere Erfahrung zurückzuversetzen, erleben wir nicht tatsächlich dasselbe Ereignis wieder. Jedes Mal, wenn wir uns daran erinnern, ist die Erfahrung geringfügig anders. Warum ist das so? Weil die Umgebung unseres Geistes, wenn wir uns erinnern, immer wieder eine andere ist. Unsere Erfahrung wird sowohl durch den Gedanken, den wir unmittelbar vorher hatten, beeinflusst, als auch durch den Gedanken, der als nächstes erscheinen wird. Daher ist unsere Erinnerung an die Vergangenheit zwangsläufig verzerrt. Wir können dieselbe Erfahrung nicht noch einmal machen, ganz gleich, ob wir sie als etwas Wundervolles oder Schreckliches ansehen.

Aus diesen Gründen sagt man, dass die Wahrheit nur in einem Moment gegenwärtiger Erfahrung zu finden ist und dass dieser Augenblick flüchtig ist. Warum also bezeichnen wir Erinnerungen als „die Vergangenheit“? Jeder Gedanke geschieht in der Gegenwart. Was wir im Jetzt erleben, ist neu. Es ist nicht das, was wir zuvor erlebt haben, sondern das, was wir im gegenwärtigen Augenblick erschaffen. Die Vergangenheit in einer neurotischen oder zwanghaften Weise immer wieder zu durchleben, wird uns in keiner Weise helfen. Richten wir uns aber andererseits an unserer Erfahrung sorgfältig aus, indem wir mit Achtsamkeit und Gewahrsein über vergangene Ereignisse nachdenken, dann können wir eine gewisse Einsicht in unser Handeln gewinnen. Wenn uns dies hilft, uns von Gewohnheitsmustern zu befreien, dann haben Erinnerungen einen gewissen Nutzen. Haben wir nicht die richtigen Mittel zur Verfügung, um mit unserem Geist zu arbeiten, dann sind unsere wiederkehrenden Erinnerungen an die Vergangenheit und unsere Pläne für die Zukunft nicht von großem Nutzen. Wir sind niemals präsent im gegenwärtigen Moment und können die Realität oder die wahre Natur des Bardo nicht erkennen.

Weder hier noch dort

Da wir uns weder in der Vergangenheit aufhalten noch in der Zukunft, wo befinden wir uns dann? Wir sind, wo wir sind, genau in diesem Augenblick. Wir haben die Vergangenheit hinter uns gelassen und die Zukunft noch nicht entworfen. Wenn es uns gelingt, uns ganz direkt auf den gegenwärtigen Moment zu beziehen, dann ist das eine sehr subtile, tiefe und überaus beeindruckende Erfahrung. Aus dieser Perspektive betrachtet ist der Tod etwas, das in jedem Augenblick stattfindet: Jeder einzelne Augenblick vergeht – das ist sein Tod – und ein anderer entsteht – das ist seine Geburt.

Tauchen wir ganz und gar in diese Erfahrung ein, entsteht eine Empfindung von Nicht-Konzeptualität, von klarem Gewahrsein ohne Gedanken. Wann immer der ständige Gedankenstrom des Geistes unterbrochen ist, kommt eine gewisse Offenheit auf, ein Gefühl, nirgendwo zu sein. Mit einer solchen Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks, des Jetzt, geht eine Wahrnehmung von Nicht-Festigkeit, von Auflösung einher. Dies ist, was man aus tantrischer Perspektive unter Bardo versteht. Wir fühlen, dass wir weder hier noch dort sind, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft.

An diesem Punkt beginnt man, dem Gefühl von Auflösung zu begegnen, das in unserem gegenwärtigen Leben ständig vorkommt, aber fast nie bemerkt wird. Wenn das Denken sich auflöst, lösen wir uns mit ihm auf. Wer auch immer wir zu sein glauben, löst sich in Gewahrsein auf, das frei ist vom Konzept eines Selbst. Genau in diesem Moment können wir die Nicht-Festigkeit der Phänomene direkt erfahren, die Realität der Leerheit oder Shunyata. Gleichzeitig ist so viel Energie vorhanden, dass sie einen neuen Moment formt. Diese Energie bringt eine Klarheit hervor, die mit einem Spiegel ohne Trübungen vergleichbar ist. Er spiegelt so exakt, dass der Geist endlich sich selbst erkennen kann. In diesem Spiegel des Geistes sehen wir die strahlende und doch transparente Natur unseres eigenen Gewahrseins.

Ganz gleich, ob wir unseren Geist auf die Wahrnehmung von Form, Klang, Geruch oder konzeptuelle Gedanken richten oder ob wir uns mithilfe der Praxis von Shamatha und Vipassana in einen meditativen Zustand versetzen, in jedem Fall gibt es dieses Gefühl von Präsenz im gegenwärtigen Augenblick. Betrachten wir dies auf der subtilen Ebene, machen wir die gleiche Erfahrung – nirgendwo zu sein. Es entsteht ein Gefühl von Bodenlosigkeit, so, als hätten wir keinen festen Boden, um darauf zu stehen. Dennoch sind wir da. In diesem Raum zu sein, ist eine ziemlich geheimnisvolle Erfahrung. Es ist auch die Erfahrung von Bardo.

Alltagsgeschäft

Da der Bardo dieser gegenwärtige Moment ist, ist er nicht unerreichbar. Wir könnten denken: „Oh, die Bardo-Belehrungen und Praxis sind zu schwierig zu verstehen, sie sind so kompliziert und rätselhaft.“ Wenn wir uns jedoch mit ihnen vertraut gemacht haben, stellen wir fest, dass sie weder unzugänglich noch esoterisch sind. Tatsächlich beziehen sie sich auf unsere gewöhnliche Alltagserfahrung des Arbeitens mit unserem Geist. Es gibt also keinen Grund, sich entmutigt zu fühlen und zu denken, dass die Bardo-Belehrungen zu schwierig seien, um damit zurechtzukommen. Die Bardo-Belehrungen könnten auch als deprimierend oder furchterregend angesehen werden. Meistens denken die Leute, die Lehren handelten ausschließlich von Tod, Sterben und dem Leiden in diesen Zuständen, doch der Gegenstand dieser Lehren sind nicht nur Leiden und Tod. Wie bereits erwähnt, beziehen sie sich im Grunde auf den aktuellen Moment, diese gegenwärtige Erfahrung. Daher sind die Bardo-Belehrungen praktisch anwendbar, erreichbar und für uns alle begreifbar.

Wenn man diese Lehren praktisch umsetzt, dann ist das auch erholsam, denn es ist wie eine Pause von unserer normalen Tätigkeit – dem Nachdenken über Vergangenheit oder Zukunft. Genauso wie man das Büro verlässt und eine Kaffeepause macht, kann man sich von den Gedanken über Vergangenheit und Zukunft abwenden und sich in den Raum des gegenwärtigen Momentes begeben. So gesehen sind die Bardo-Belehrungen eine entspannende und erhebende Praxis.

Überwältigende Emotionen

In den Bardo-Zuständen des Todes und Nach-Todes sind wir anfällig für intensive emotionale Zustände, für überwältigende Momente der Angst oder Panik. Gelingt es uns jetzt, genau in diesem gegenwärtigen Moment effektiv mit unseren Emotionen zu arbeiten, ist das ein wichtiges Training für die späteren Bardo-Erfahrungen. Wenn wir Belehrungen über Emotionen studiert und reflektiert haben, und wenn wir Meditationsmethoden gelernt und praktiziert haben, dann sind wir darauf vorbereitet, mit den Emotionen zu arbeiten, die in unserem alltäglichen Leben entstehen. Wir werden im Umgang mit ihnen achtsamer und geschickter, und die Emotionen sind zunehmend leichter zu bearbeiten. Sie hören nicht sofort auf, aber wir bemerken den Augenblick ihrer Entstehung. Wir denken: „Oh, ich werde gerade ärgerlich“ oder „Jetzt empfinde ich wirklich Eifersucht“. Wir können die Emotionen kommen sehen, sie kontrollieren und allmählich transzendieren. Sind wir jedoch überhaupt nicht mit unseren Emotionen vertraut, dann bemerken wir sie nicht. Tatsächlich entgeht uns ihr Kommen und Gehen, denn unsere Reaktion auf ihre Energie folgt einem Gewohnheitsmuster. Unter solchen Umständen ist es sehr schwierig, überhaupt mit den Emotionen zu arbeiten. Das ist, wie wenn der Arzt einem mit dem Gummihämmerchen auf die Sehne unterhalb der Kniescheibe klopft und der Unterschenkel nach vorne schnellt, ohne dass die Bewegung willentlich ausgeführt worden wäre. In ähnlicher Weise neigen wir dazu, als Antwort auf das Entstehen einer Emotion reflexartig zu reagieren.

Je nach Gewohnheit können wir auf eine positive oder auf negative Art und Weise reagieren. Sind wir an negative Geisteszustände gewöhnt und daran, auf Situationen ohne Gewahrsein und ohne Achtsamkeit zu reagieren, dann ist es außerordentlich schwierig, positive Energie in unseren Geist zu bringen, um unsere negativen Emotionen, wie Trauer, Wut, Angst, zu lindern, so sehr wir uns auch bemühen. Kommt Ärger auf, werden wir weiterhin voreilig reagieren. So kann unser Zorn ausbrechen, und wir beginnen jemanden anzuschreien, mit den Türen zu schlagen oder Dinge zu zertrümmern. Ungeachtet der heftigen Gefühle wissen wir, was passiert, wenn wir in solcher Weise reagieren. Eine Emotion führt zur nächsten, und wir erfahren mehr und mehr Leiden. Vielleicht haben wir Schlafprobleme, unser Ärger und unsere Eifersucht verwandeln sich in Wut, und die Wut wird dann zu Hass. Es wird immer natürlicher für uns, negativ zu reagieren. Es mag sich gut anfühlen, „reinen Tisch zu machen“, indem wir jemanden anschreien oder verprügeln, aber das beendet unser Leiden nicht. Das Problem ist, dass diese Art der Reaktion in Wirklichkeit mehr Leiden hervorbringt.

Sind wir andererseits an positive Gedanken, Handlungen und Geisteszustände durch das Üben von Achtsamkeit, Gewahrsein, liebender Güte und Mitgefühl gewöhnt, dann ist es viel einfacher, auch inmitten einer Krise einen positiven Geist hervorzubringen. Sollte dann eine intensive Emotion wie Ärger aufkommen, entsteht gleichzeitig in natürlicher Weise Achtsamkeit. Das ermöglicht uns, innezuhalten und zu reflektieren: „Nun bin ich ärgerlich. Was soll ich jetzt tun?“ So kann es uns gelingen, den Geist zu beruhigen und über die positiven Eigenschaften der Person nachdenken, über die wir gerade ärgerlich sind. Wir streben mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln danach, größeres Mitgefühl für andere und für uns selbst zu entwickeln.

Im Licht der Belehrungen über die sechs Bardos betrachtet, sind alle Arten der Praxis in diesem Leben eine Form der Gewöhnung unseres Geistes an positive Zustände und eine Vorbereitung auf die extremen Emotionen und herausfordernden Situationen, die wir im Tod und im Nach-Todes-Zustand erfahren werden.

Die Vorbereitung auf diese Erfahrungen beginnt ganz einfach damit, zu sein, wer wir sind und wo wir sind, in genau diesem Moment. Wenn wir die Erfahrungen unseres Todes und unserer Reise nach dem Tod erfolgreich bestehen wollen, dann müssen wir die Erfahrung des Jetzt meistern. Was auch immer wir gerade durchmachen – wir sind hier in diesem Moment. Das Jetzt ist nichts Äußerliches, daher sollten wir nicht im Außen danach suchen. Wir sollten direkt auf den Raum unserer unmittelbaren Erfahrung schauen, der immer genau vor uns ist – der Raum, der weder der Ihre noch der meine ist, weder der von jenen noch unserer. Dieser „Zwischen-Raum“ ist der Bardo.

Nehmen wir uns diese Belehrungen zu Herzen und praktizieren sie, wird es sehr einfach, in positiver Weise auf die lebhaften Projektionen unseres Geistes zu reagieren, die in diesen Bardos erscheinen. Die Lehren besagen, dass selbst wenn wir die wahre Natur des Geistes und die Realität aller Phänomene in diesem Leben nicht erkennen, es möglich sein wird, diese zur Zeit des Todes zu erkennen, weil sich der Geist im Tod in einer ungeheuer intensiven und kraftvollen Weise manifestiert. Wenn wir es nicht schaffen, die wahre Natur des Geistes im Moment des Todes zu erkennen, haben wir in den zwei Bardos, die nach dem Tod erscheinen, weitere Möglichkeiten dazu. Falls wir zu dieser Zeit nicht erfolgreich sind, werden wir zumindest in der Lage sein, als Resultat unserer Achtsamkeitsund Gewahrseinspraxis einen ruhigen und friedvollen Geisteszustand zu bewahren und eine vorteilhafte Wiedergeburt zu erlangen. Zu lernen, mit diesen Lehren zu arbeiten, kann auch für andere von Vorteil sein.

Wenn wir einen Freund oder eine Freundin haben, und er oder sie stirbt, oder wenn jemand, den wir kennen, einen emotionalen Zusammenbruch hat, können wir für diese Person in einem gewissen Maß eine beruhigende Kraft sein, vorausgesetzt unser eigener Geist ist einigermaßen ruhig. Gelingt es uns, die Ruhe zu bewahren und nicht vorschnell zu sprechen oder zu handeln, wenn jemand ärgerlich ist, uns anschreit oder mit den Türen schlägt, dann können wir einen positiven Einfluss auf diese Person haben. Allein dies ist schon ein großer Nutzen, der sich aus unserer Praxis ergibt.

DIE BOTSCHAFT DER ÜBERTRAGUNGSLINIE