Der Garten der toten Bäume - Jossi Avni - ebook

Der Garten der toten Bäume ebook

Jossi Avni

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Opis

"Der Garten der toten Bäume" ist ein Paradebeispiel dafür, was die besondere Perspektive des Außenseiters leisten kann. Auf hohem sprachlichen Niveau vermittelt Avni dem Leser ein Gefühl für den Alltag der jungen Generation in Israel, vor dessen Hintergrund melancholische Liebesgeschichten und verträumte Kindheitserinnerungen ihren großen ästhetischen Reiz entfalten. Avni erzählt von der anstrengenden Normalität in Familie, Nachbarschaft, Beruf und Beziehungen. Klammernde Mütter, Lebenslügen und überraschende Begegnungen entfalten unter flirrender Sonne ihr eigenes, unverwechselbares Aroma. Die Episode "Schnecken im Regen" wurde im Jahr 2013 verfilmt und kam unter dem Titel "Liebesbriefe eines Unbekannten" in die Kinos.

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JOSSI AVNI

DER GARTEN DER TOTEN BÄUME

LIEBESBRIEFE EINES UNBEKANNTEN

Aus dem Neuhebräischen von Katharina Hacker und Markus Lemke

Männerschwarm Verlag

IMPRESSUM

Titel der Originalausgabe:

«gan haetzim ha’ mitim»

© Zmora Bitan Publishing House 1996

© Jossi Avni 1996

Fremdsprachige Worte in Kursivschrift

werden im Glossar am Ende des Buchs erläutert.

Jossi Avni

Der Garten der toten Bäume

Aus dem Neuhebräischen von Katharina Hacker

«Staub aus Obstgärten» und «Schnecken im Regen»

von Markus Lemke

© der deutschsprachigen Ausgabe:

Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2000

Die Veröffentlichung der deutschsprachigen Ausgabe

wurde vom Institute for the Translation of Hebrew

Literature vermittelt.

Lektorat: Markus Lemke

Umschlaggestaltung: Carsten Kudlik, Bremen, unter

Verwendung eines Fotos von Uriel Kremer

Druck: Interpress, Ungarn

Neuausgabe: © Männerschwarm Verlag 2006

2. Auflage 2014

ISBN der Print-Ausgabe: 978-3-9235596-87-9

ISBN der Ebook-Ausgabe: 978-3-86300-174-2

MännerschwarmSkript Verlag GmbH

Lange Reihe 102 • 20099 Hamburg

http://www.maennerschwarm.de

INHALT

 

ERSTER TEIL: WIE ICH RON KENNEN LERNTE

Schmerzen

Phantasie

Das Tibetanische Totenbuch

Tiergarten

Nimrod

Schildkröteneier

Vater und Puppe und Mispel

Wie ich Ron kennen lernte

ZWEITER TEIL: SCHNECKEN IM REGEN

Staub auf Obstgärten

In den Wäldern des Kaukasus

Reise

Kalte Hände

Wie ein Sommer in Novaya Semalya aussieht

Rotes Haar

Schnecken im Regen

Glossar

WEBSITE DES VERLAGS

EBOOKS BEI MÄNNERSCHWARM

FÜR MAMA

ERSTER TEIL: WIE ICH RON KENNEN LERNTE

SCHMERZEN

Ärgerlich fingerte Frau Ziemel am Schloss, um es zu öffnen. Sie murrte, wie unhöflich es sei, sie so spät noch aufzuwecken. Andreas ging wortlos, während ich einen Moment verweilte, ohne die schwachen Proteste der alten Portiersfrau zu beachten, dann stieg ich die Holztreppe zur Wohnung hinauf und fiel ins Bett.

Wie viele Stunden schlief ich so, die Ärmel meines Hemdes voller Krümel von Apfelkuchen oder was auch immer, ich weiß nicht, das Telefon klingelte und du sprachst zu mir, immer derselbe teuflische Instinkt, der mich längst nicht mehr überrascht, und auf der Fensterscheibe landeten dicke, wattige Schneeflocken.

Bestimmt sitzt du gerade auf dem Küchenfußboden, stumme Hühnerkadaver in der großen Schüssel zwischen deinen Beinen, du gießt heißes Wasser über ihre kalten Körper und rupfst die weißen Federn.

Du rupfst die weißen Federn aus und träumst von fernen Orten. Unter glitzernden Kristalllüstern dreht dich leicht ein eleganter, großer Mann zu den Klängen eines Walzers, und die geschminkten, hässlichen Gesichter der Damen ringsum verfinstern sich in ihrem Neid. Ja, du hältst die heiße Schüssel zwischen deinen nackten Knien, durch die sich wie Stricke dicke Adern ziehen. Du sitzt auf dem Boden, ein dünnes, zweifelndes Lächeln auf deinen runden, plattgedrückten Wangen, und plötzlich starrst du durchs Küchenfenster auf die staubigen Weinblätter, auf den niedrigen Himmel, um gleich wieder entschieden die nassen Federn auszureißen und in den Eimer zu werfen. Ich kann deine Sehnsucht jetzt greifen. Sie ist hier, in diesem Zimmer, in dem Kleiderhaufen auf dem Stuhl, im Wecker, in den Laken, die mir Andreas, Andreas zuraunen, in den Schneeflocken, die sich auf den Dächern türmen. Ich spüre dein Verlangen aus den Wänden hauchen und über meine Wimpern streichen, du bist mir so nah, unglücklich bist du, und ich hasse dich.

Diese Stille – weißes Todesraunen fallenden Schnees. Es gibt keine schönere Musik als das Pochen der weichen Berührung dieser dicht gesponnenen Tropfen, die die feuchte, nächtliche Erde kosen. Mach mir die kleine Katze, flüstere ich ins Kissen, und ich höre Andreas’ genießerische Zunge miauend an meinem Ohrläppchen und meinem Hals lecken. Ich stöhne, genüsslich an die Wand gepresst, und Andreas kichert mir das Kichern der bösen Hexe zu, das mich immer zum Lachen bringt, und bedeckt mich mit seinen Küssen.

Mach mir die kleine Katze. Von meiner Nasenspitze an der Wand tropfen drei lange, salzige Tränen, und ich versuche vergeblich einzuschlafen.

Dieses Land ist schön, und es lässt mir keine Ruhe.

Frische Furchen verschwinden im nassen Schoß waldiger Hügel. Hinter den Biegungen der Wege dehnen sich grünrote Ebenen, die Wipfel der Tannen, und an den Ufern von Bächen ohne Namen weiden Kühe. Irgendetwas an dieser fruchtbaren, satten Erde, an den gehobelten Holzdächern unter schweren Wolken erweckt in mir Furcht und Staunen. Das gewaltige Grün der undurchdringlichen Wälder erschreckt mich, und Andreas hält den alten Volkswagen auf einer Anhöhe und lacht über das ganze Gesicht. Auf einer Steinbank im Hof des Schlosses Waldenburg verschlingen wir gierig belegte Brote und sammeln welke Blätter, von Rot zerfressen, die unablässig auf unsere Köpfe und Schultern und auf die dicken Stücke Apfelkuchen aus der Konditorei Michelhof fallen, die Andreas besonders liebt. Und später, in einem Café, das die Gärten von Wackersheim überblickt, bringt uns ein Kellner in weißen Handschuhen milchweiße Porzellantassen, und Andreas schaut mir leise, leise in die Augen und kichert boshaft sein Hexenkichern. Ich winde mich, der Kellner dreht sich erschreckt um. Es beginnt zu regnen; große Tropfen hängen sich an zurechtgestutzte Büsche und vermengen sich mit dem Wasser der Springbrunnen. Frauen spannen ihre Regenschirme auf, werfen strenge Blicke zum Himmel, und Andreas’ Bein berührt kaum merklich mein Bein. So gut, es ist so gut.

Du und ich, wir müssen uns vor Männern in acht nehmen, hast du mir gesagt. Ich war ein Kind und blickte mit großen, schwarzen Augen auf deinen warmen Leib und auf zwei dunkle blaue Flecken auf deiner Wange, die du mit deinem Handrücken verdecktest. Alle Männer wollen dasselbe, drangen deine Worte aus dem Totenreich, du hast dir die kleine Nase geputzt, und ich wollte deinen Bauch fest, fest umarmen, mein Gesicht an das abgetragene Nachthemd gepresst, um zu weinen.

Iss, iss, triebst du mich zur Eile an und häuftest von allem Guten auf meinen Teller. Du musst gesund und groß und stark sein. Verstohlen sah ich auf die riesigen Löffel Reis, die in Vaters Mund verschwanden, leerte den ganzen Teller und bat um mehr. Wenn er vor dem Fernseher saß und eingeschlafen war, öffnetest du deine Verstecke und holtest Leckereien heraus – geräucherte Würste und dunkelbraune Hühnerleber, mit Zwiebelringen geröstet, und helle Streifen von Hühnerbrust –, du standst neben mir, bis ich alles aufgegessen hatte, und erst danach ging ich schlafen. Und die Pfirsiche. Du liebst Pfirsiche, ich weiß. Du hast große Pfirsiche gekauft und dich an der Schönheit ihrer Farbe gefreut, an ihrer gelb-samtenen Haut, und du hast sie nicht angerührt. Du hast sie tief in der Lade des Kühlschranks verborgen, hinter den in Zeitungspapier gewickelten Stängeln von Petersilie und Sellerie, hast gewartet, bis ich am Freitag nach Hause kam, um sie auf dem Balkon einen nach dem anderen aus deinem Kleid zu ziehen, weich zum Erbrechen, Iss, hast du gesagt und nicht geglaubt, dass ich Pfirsiche nicht mag.

Weißt du, auf diesem Schulausflug – wir fuhren, um den Sonnenaufgang in den Bergen zu sehen – saßen wir in einem Lastwagen, der uns den ganzen Weg durchrüttelte. Ich saß neben Gideon, tat so, als schliefe ich ein, und ließ meinen Kopf auf sein Knie sinken, sah von ganz nah den Reisverschluss seiner Hose; und als wir ankamen und auf einen Hügel voll kleiner Steine kletterten, sagte die Lehrerin: Augenblick mal, und schaute zurück, und alle sahen eine kleine Gestalt, in einen Nylonmantel gewickelt, die sich an unsere Fersen geheftet hatte und am Abhang verzweifelt gegen den Wind ankämpfte. Dann holte sie uns ein, kurzatmig und in ihrer Hand ein schweres Essenspaket, und die Lehrerin sagte: Schaut, Jossis Mutter wacht sogar vor der Sonne auf, und alle guckten zu mir und lachten, Gideon lauter als die anderen.

Danach die Armee. Weiß gestrichene Bäume, der Geruch von verbranntem Staub, die Rennerei bei der letzten Nachtwache, das blendende Licht der kahlen Berge Samarias. Ich saß auf dem Betonboden im Zelt, die Teile der zerlegten Waffe vor mir zwischen den Beinen. Ich polierte sie mit einem ekelhaften Stofffetzen und träume von fernen Orten. Nachts trieb ich mich lange in den verlassenen, dunklen Duschkabinen herum. Heiße weiße Dämpfe stiegen mir in die Nasenlöcher, und ich spürte, wie die reißenden Qualen mich erbarmungslos peitschten.

Und eines Abends, auf dem Höhepunkt eines Lehrgangs, erschienst du am Tor, mit einer Tüte voller Früchte und Kuchen, die du an alle verteiltest. Ich ging neben dir die Eukalyptusallee entlang, und du sagtest mir mit leiser, gepresster Stimme, du wüsstest, dass ich es tun wolle, aber unter gar keinen Umständen, ich dürfe mir unter keinen Umständen eine Kugel in den Kopf schießen, und ich starrte dich mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen an. Zwischen den Eukalyptusbäumen flatterten raschelnde Schwärme stummer Fledermäuse, und die Garben der Scheinwerfer spalteten ihre durchsichtigen Flügel in hauchdünne Bahnen aus schwarzer Seide.

Du und ich, wir müssen uns vor Männern in acht nehmen. Umarme mich jetzt, Andreas. Ich bin allein, und ich will dich. Lass mich deine Schulter spüren, die Finger in deinen kräftigen Nacken graben, zusehen, wie Tropfen Lichts von der Senke deines Halses geschluckt werden und vergehen.

Wo bist du jetzt, Andreas? Ob du dich, mit Schraubenschlüsseln und Kabeln, über den Motor des Volkswagens beugst, um einen der ewigen Kurzschlüsse zu reparieren? Oder sitzt du in der Finsternis, trinkst ein Bier nach dem anderen? Wann sehe ich dich wieder? Werde ich dich wieder sehen?

Als der Offizierslehrgang zu Ende war, hast du in einer der ersten Reihen gesessen und Vater gezwungen, mir die ganze Zeit mit der Hand zu winken, und du hast vor Glück geweint. Mit dem Ende des Militärdienstes bin ich zum Studium nach Jerusalem gefahren; während der Unterrichtsstunden starrte ich auf die uralten Landschaften, die sich hinter den gläsernen Wänden ausbreiteten, auf die Berge, die Minarette, die Wüste, und ich wusste, weit von hier gibt es noch andere Orte. Ich bin selten nach Hause gefahren. Du hast am Telefon geweint und gebettelt, ich solle doch kommen, hast gesagt, eigens für mich habest du ganze Töpfe voll guter Dinge gekocht, und ich habe mir auf die Lippen gebissen, bis ich mich nicht länger beherrschen konnte, dich anschrie, du sollest endlich aufhören. Und an den folgenden Schabbatabenden hörte ich unterdrücktes Schluchzen und Seufzer durch den Hörer: Es ist nichts, hast du gesagt, bloß Schmerzen, es sind bloß Schmerzen, und du hast dir die Nase geschnäuzt.

Wenn das Gefühl zu ersticken unerträglich wurde, fuhr ich zum Strand. Dort, auf dem Grat des Kalksteins, unter der Skulptur des schwebenden Vogels, saß ich und schaute aufs Meer. Die Weite tröstete mich und brachte die Fragen zum Schweigen. Tagsüber waren die goldenen Dünen voller nackter Badender, und Segel in sommerlichen Farben zerteilten das Meer. Mit dem Abend, wenn die Sonne immer kühler wurde, wenn sie sich nach Westen, auf die wattigen, pfirsichfarbenen Wolken am Horizont zu, entfernte, bemächtigte sich meiner eine wundersame Ruhe. Ich schaute auf das abertausendfache dunkle Funkeln des Meeres, ließ den Wind seine sanfte Hand in den Saum meiner Kleider stecken, begleitete mit meinem Blick das verzauberte, verwunschene Licht der Dämmerstunde, das zwischen den Bäumen, den Felsen vergeht, bis es zu einer Art Wand aus trübem, staubigen Khaki wird – und ein seltsames, beinah glückliches Gefühl erfüllte mich, dass mir diese Schönheit keiner nehmen kann; dass ich immer, auch wenn es mir schlecht gehen wird, hierher kommen kann, hier sitzen, auf diesem Felsen, hoch über dem Strand. Und ich wusste, weit von hier, hinter den riesigen Wasserbecken, gibt es andere Orte. Es gibt große, fremde Städte, in denen das Laub sich rot färbt, das Licht weich ist und die Flüsse traurig und breit, und hinter den Plätzen, den Tauben und Springbrunnen gibt es ein Haus, es hat ein Fenster, und an dieses Fenster presst gerade ein schöner, trauriger Junge seine Wange, und er wartet auf mich.

Um zehn vor zwölf Uhr stand ich auf, klopfte den Staub von meiner Hose und nahm den letzten Bus zurück.

Erinnerst du dich an meinen letzten Geburtstag? Du hast einen riesigen Kuchen mit neunundzwanzig Kerzen, eine für das kommende Jahr, gebacken, hast bunte Ballons ins Wohnzimmer gehängt, obwohl du weißt, wie ich Geburtstage hasse, und im ganzen Haus hast du Zettel mit Segenswünschen versteckt, und danach zeigtest du mir zwei Karten, die du für eine Vorstellung am selben Abend gekauft hattest. Ich schäumte vor Wut und weigerte mich auszugehen, bis ich endlich nachgab; wie wir weit auseinander im Saal saßen und versuchten, so zu tun als unterhielten wir uns bestens, und ich sah, wie du mit Blicken, scharf wie Nadeln, die sich umarmenden Pärchen mustertest, die Männer, die einen schweren Pulloverarm auf die Schultern ruhiger Frauen legten, sah, wie du gelassen um dich lächeltest, auf deiner Stirn die Einsamkeit. Und sicher hast du gesehen, wie ich auf meinem Platz sitze, in Zorn gehüllt, und verstohlen die schönen Silhouetten hellhaariger Jungen betrachte, die ihre Mädchen in Jeansmänteln umarmen. Und in der Pause wandertest du, nachdem du dich auf der Toilette geschminkt hattest, im Foyer zwischen den Menschen hin und her, bis du mit schleppenden Schritten in den Saal zurückgingst und dich allein setztest, allein, in der leeren Stuhlreihe – auf einmal verstand ich Dinge, die ich nicht verstehen wollte, und ich wollte aufstehen, deine hängenden Schultern umarmen, dein trauriges Gesicht küssen und dir zurufen: «Mutter, Mutter, ich liebe dich, du weißt doch, dass ich dich immer lieben werde». Da konnte ich die Trauer nicht länger aushalten und beschloss wegzufahren.

Zwei Tage wanderte ich in München herum, am dritten Tag traf ich Andreas. Es war grau, bewölkt, eine Art Nebel zog durch die Straßen Auf dem Platz vor dem Alten Rathaus jonglierte ein alternder Clown mit schwarzroten Bällen in der Luft und schnitt Grimassen, und all die vielen Leute drumherum brüllten vor Lachen, schlugen sich auf den Bauch und warfen Markstücke in den umgedrehten Hut. Hoch über dem Platz erhoben sich wie Kerzenleuchter die zwei grünen Türme einer Kirche.

In einer der Gassen kaufte ich mir eine Wurst in einem Sandwich und setzte mich auf eine Bank. Nicht weit parkte ein alter, orangefarbener Volkswagen, und irgend jemand stand gebeugt unter der offenen Motorhaube. Die Kirchenglocken ließen ein Kling-Klang-Klang hören, das über die regennassen Pflastersteine rollte, der junge Mann hob eine Hand, um auf die Uhr zu schauen, und plötzlich trafen mich seine Augen. Auf weit entfernten, zugefrorenen Seen stießen mit Getöse zwei uralte Eisberge aneinander, und die Wurst in meinem Mund schmeckte nach nichts. Er legte den Schraubenschlüssel beiseite, langsam richtete er sich auf, strich sich mit der Hand durchs Haar und lächelte.

Dann saßen wir in irgendeinem Café, Andreas bestellte etwas Heißes zu trinken und Apfelkuchen, und er erzählte, dass er Architektur studiere und dass jetzt Semesterferien seien. Spät in der Nacht fuhren wir in seine Wohnung im Stadtzentrum, achteten nicht auf den Zorn Frau Ziemels, der alten Portiersfrau. Dort saßen wir auf dem Bett, die Hände ineinander verschlungen, und redeten bis zum Morgengrauen. Am Tag darauf zeigte Andreas mir die Stadt und erklärte mir ausführlich die unterschiedlichen Baustile, die Schwierigkeiten der Architekten bei der Wiederherstellung des Zentrums, das im Krieg völlig zerstört worden sei. Abends fuhren wir in dem holpernden Volkswagen durch malerische Sträßchen, die allmählich von dicken Flecken des Abends zugedeckt wurden, zu seiner Großmutter Martha, die in einer Stadt am Fuß der Berge wohnte, in der er geboren war. Achtzig Jahre alt wurde sie an diesem Tag; Andreas überreichte ihr einen riesigen Strauß roter Rosen und Schokolade, und als er ihr erzählte, ich sei ein Gast aus Israel, küsste sie mich dreimal und legte ihre beiden kalten Hände auf meine Wangen. Auf dem Rückweg beobachtete Andreas mich unablässig im Spiegel und kicherte wie eine Hexe, der Volkswagen kroch mühsam einen waldigen Hügel hinauf und blieb stehen; und ich sagte: «Schau, so viel Lichter in der Ebene», und er sagte: «Aha,» und zog mich an sich, und mir war wohl. Etwas weiter, wir fuhren schweigend zwischen dicken Nebelschwaden, das Radio eingeschaltet, ohne zuzuhören, fiel mir plötzlich ein, dass heute ja Freitag ist. Und auf der Hauptstraße irgendeines namenlosen bayerischen Städtchens steckte ich mit klopfendem Herzen Münzen in ein öffentliches Telefon. Leichthin sagte ich: «Schabbat Schalom, Mami, wie war der Kiddusch?» Für einen langen Augenblick zögertest du, und dann krächztest du mir mit gebrochener Stimme zu: «Was ist passiert, Jossi, was genau machst du dort?» Aus dem Telefonhörer krochen schwarze Schlangen und der Geruch des Schabbatessens auf mich zu, ich grub die Finger in den Stamm der Tanne neben mir, bis sie schmerzten, und ich wollte aufschreien.

Im Laufe der Tage verfärbten sich die Bäume in den Alleen und in den Parks rot, entlaubten sich, bis sie nackt waren, und jetzt fällt der erste Schnee. Einen Monat und eine Woche habe ich hier gelebt. Jetzt liege ich auf unserem Bett. Ich erinnere mich, wie du mir die kleine Katze gemacht hast, und gegen meinen Willen muss ich lächeln. Der Teufel tanzt in mir. Andreas. Seine begeisterten Augen leuchten, sein Mund steht offen, und um ihn tanzen engelhaft reine deutsche Knaben im Feuer des Schnees. Wie seltsam, seit dem Morgen höre ich nicht auf, an den Teufel zu denken. Seit ich am Morgen vor dem Spiegel stand und mich rasierte. Du umarmtest mich von hinten mit deinen kräftigen Schultern, sahst mir in die Augen und sagtest, dass die Ferien vorüber seien, dass du morgen zur Universität führest, und leise hast du hinzugefügt, morgen käme Paul, mit dem du seit einem Jahr zusammenlebst, aus den Ferien zurück. Ich hörte auf, mich zu rasieren, meine Augen im Spiegel waren rund und schwarz, du ließest deinen Kopf auf meine Schultern sinken, streicheltest meinen Hals, murmeltest noch etwas und gingst hinaus. Und ich sah plötzlich mein Zimmer und die Küche voller dampfender Töpfe und den Geruch von Kümmel und brutzelnder Fleischbällchen. Ich sagte mir, dass der Teufel sicher auch blonde Locken hat und ein ebenso schönes Gesicht wie du, und ich war sehr ruhig.

Wo bist du jetzt, Andreas? Draußen fällt der erste Schnee in Deutschland. Meine Sachen sind schon gepackt. Mit dichten Flocken bedeckt der Schnee Wipfel und Straßen. Du hast gesagt, du müsstest für einen Moment hinausgehen, um Zigaretten zu kaufen, und wir beide wussten, du willst den Abschied vermeiden. Ich begleitete dich hinunter, sah, wie du mir verstohlen letzte Blicke zuwarfst, und ich achtete nicht auf die Proteste Frau Ziemels.

Ich fahre zum Flughafen. Ich fahre zurück nach Hause. Ich werde das Zimmer hier aufräumen, werde keine Spur hinterlassen, und auf meinem Weg nach draußen werde ich der verwirrten Portiersfrau ein paar Blumen in die Hände drücken. Dort, jenseits von Schnee und Nebel, verspottet die Sonne seit je Staub und Wüste und die Sehnsucht brennt. Eine kleine Frau mit plattgedrücktem Gesicht wird mir mit unendlicher Liebe um den Hals fallen, und ich werde verstummen. Jahre werden vergehen, mein Haar wird weiß werden und ausfallen. Wenn der Schmerz bitter sein, wenn kein Heilmittel ihn besiegen wird, dann werde ich am Strand sitzen, unter der Skulptur des schwebenden Vogels, und ich werde von fernen Orten träumen.

DAS TIBETANISCHE TOTENBUCH

Eviathar nahm den Blätterstapel und streckte sich in seiner ganzen Länge auf dem trockenen Gras aus. Unten, hinter den roten Blutbuchen, erstreckte sich dichter Wald, und die Luft war rein wie in den Tagen der Schöpfung. Ich zog eine zerknitterte Karte aus dem Rucksack, breitete sie auf der Erde aus, mitten auf dem engen Pfad, und fing an, Konservenbüchsen und eine Packung Zwieback zu öffnen. Eviathar stützte den Kopf auf die Hand und begann, die Geschichte zu lesen.

Die ganze Nacht lag ich mit dem Gesicht zur Wand.

Ich bemühte mich, gleichmäßig wie im Schlaf zu atmen, und meine Augen standen offen. Gadi lag neben mir (seine große Hand strich zögernd über meine Hüfte und fiel dann hinunter), er beugte sich zu mir, flüsterte einige Worte, von Zeit zu Zeit seufzte er in die Dunkelheit und bedeckte seine Stirn mit der Hand.

Seltsam; eine süße, berauschende Ruhe erfüllte mich, so als hätte ich diese Ruhe schon lange erwartet. Und in den ersten Morgenstunden drehte ich ihm mein Gesicht zu und sah ihn an. Weiße Lichtflecken verdichteten sich auf seinem schönen Kopf, ich wollte seine Schulter greifen und Gadi, Gadi zu ihm sagen, doch ich schwieg. Am Morgen stand ich wortlos auf und ging ins Büro.

Gegen Abend ließ die Hitze etwas nach, ein leichter Wind wirbelte Staubkörner über die Gehsteige und schleuderte sie gegen die glühenden, geschlossenen Jalousien. In einem der oberen Stockwerke stimmte eine Sängerin eine schrille Arie an, von der anderen Seite der Zimmerwand hörte man Wasser fließen. Auf dem Tisch lag der längliche Umschlag, den mein Freund Jackie mir vor einigen Tagen anlässlich seiner Heirat geschickt hatte. Jackie ist mein Freund von Kind auf, aus der kleinen Siedlung, in der wir geboren sind, aber den Umschlag mit der Einladung zu seiner Hochzeit habe ich noch nicht geöffnet. Wie ein böses Vorzeichen liegt er weiß leuchtend auf dem Tisch, die Ränder schon fleckig von Kaffee.

Jackie heiratet. Am Ende der zwölften Klasse saßen wir auf der Steinmauer in der Schule, ich sagte, dass ich mich vor der Zukunft fürchte, und Jackie legte seine Hand auf meine Schulter und lachte. In der dritten oder vierten Klasse waren wir heimlich in den Hof des Hauses unserer Lehrerin Zilla Finczuk geschlichen, schütteten etwas Benzin übers gelbe Dornengestrüpp unter dem Fenster, zündeten es an und machten uns aus dem Staub. Von diesem Brand sind mir die kleinen Explosionen der Dornen und das runde, erstaunte Gesicht ihres Mannes, der im Pyjama auf den Balkon gelaufen kam und mit seinen Händen fuchtelte, in Erinnerung geblieben.

Jackie heiratet. Sofort nachdem ich die Einladung bekommen hatte, trugen mich meine Füße in den Park. Aus alter Gewohnheit trugen mich meine Füße in die Einsamkeit des Parks, auf den Weg, der zur Küste, zur Gischt der Wellen und den fernen Lichtern Jaffas weist. Wenige Menschen schlenderten durch den Park, einige langsam, andere mit schwerfälligen Schritten, sie prüfen verstohlen Gesicht und Körper der Entgegenkommenden, heften den Blick auf die Kalkfelsen und den niedrigen Himmel. Viele von ihnen kannte ich, nicht beim Namen, aber dem Anblick ihrer Bewegungen, den Linien ihrer Silhouette gegen die Dunkelheit nach. Fremde, die sich aus der großen Stadt auf die stillen und bösen Wege des Parks flüchten, um zu finden. Um was zu finden? Sie wandern zwischen den Bäumen umher, suchen, fragen: «Verzeihung, wie spät ist es?», prüfen den Körperbau im Licht einer Laterne, ziehen sich zurück, sie senken ihre Stimme und flüstern «Willst du?» Sie räuspern sich, und von der Stille beschämt lassen sie sich wieder von der Dunkelheit verschlucken, oder sie flüchten zitternd vor Erwartung an den Fuß der Mauer oder zu den Kalknischen, die zum Strand blicken, lassen die Hose herunter, nach Haut und Fleisch verlangt es sie, und hinterher sagen sie: «Okay, man sieht sich», kehren um und suchen und finden nicht.

Wie oft bin ich allein die Straßen voller Menschen entlanggegangen, habe mir geschworen, nicht mehr in den Park zu gehen, und wie oft haben mich meine Füße wie von selbst dorthin getragen. Ich bin durch die Straßen der Stadt gelaufen und habe gedacht: Wo sind diese fünf oder sieben Prozent, von denen die Statistik zu berichten weiß – ob diese fünf oder sieben Prozent wirklich auf dieser Erde leben und atmen? Warum sehe ich im Park immer nur dieselben unglücklichen Schatten, verrückt vor Einsamkeit, denen der Kummer das Haar weiß strähnt? Sie tragen rote Stoffhosen, um die betrügerische Zeit aufzuhalten, sie ziehen den Bauch ein und begrüßen mit einem Kopfnicken Bekannte, die ebenfalls Nacht für Nacht umherwandern, allein, blind, auf denselben Wegen, und senken den Blick.

Viele einsame, durstige Menschen treiben sich dort wie blinde Falter zwischen den Bäumen herum. Wie oft habe ich mir geschworen, dass ich auch in den schwersten Augenblicken nicht mehr an diesen fürchterlichen Ort gehen werde, aber Wahnsinn und Lust haben mich besiegt. Ich laufe dort mit all diesen Menschen zwischen den toten Bäumen herum, die Sonnenbrille habe ich trotz der Dunkelheit auf. Dies ist ein Garten, in dem nichts wächst und gedeiht; es ist der Garten der toten Bäume.

Ich ging zwischen den Bäumen, den toten Bäumen, und dachte daran, wie ich hier, bei diesem Felsen, Arik kennen lernte, einen Architekturstudenten mit braunen Locken, wie ich unermüdlich die Nummer wählte, die er mir auf einen zerknitterten Zettel geschrieben hatte, bis endlich eine nörgelnde Alte mir antwortete, dass es «hier keinen Arik gibt». Die Erinnerung war quälend und verging nur langsam mit den Tagen. Ich erinnerte mich, wie ich auf einer Bank saß, irgendein schlechtes Buch las, ein großer, dünner Junge mit einem verschämten Lächeln sprach mich an, fragte, was ich läse, sah mir in die Augen und sagte, er heiße Oren, danach fuhren wir zu dem Haus seiner Großmutter in einer anonymen Vorstadtsiedlung, in der muffiger, schimmliger Geruch hing. Und auf einer schmalen Matratze, zwischen Farbeimern und feuchten Pinseln streichelten wir einander und liebten uns die ganze Nacht. Noch am Morgen hatte ich den Geschmack seiner Lippen im Mund, danach fand ich ihn nicht mehr. Nach einigen Wochen sah ich ihn den Strand entlanggehen und in die Wellen treten, ich kam ihm entgegen, er senkte den Blick und wandte sein Gesicht zornig dem Wasser zu. Auch an Alon erinnerte ich mich, der einen Mitbewohner für eine Wohnung suchte und eine Anzeige in die Zeitung gesetzt hatte. Wir saßen zusammen in seinem Zimmer und tranken kalten Tee. Ich sah, dass er meine Beine in den kurzen Hosen betrachtete. Wir waren ein wenig verlegen, bis er die Stimme senkte und beinahe flüsternd sagte: «Ich habe das angenehme Gefühl, dass ...», und ich schloss die Augen und berührte ihn langsam. Er löschte das Licht und sagte, morgen brächten wir gemeinsam meine Sachen in die Wohnung, und er umarmte mich und stöhnte, und ich küsste sein goldenes Haar, und alle Flüsse der Welt durchströmten mich, und am nächsten Mittag rief ich an, um den Schlüssel zu erbitten, aber niemand antwortete. Wieder und wieder versuchte ich es, bis ich zwei Tage später eine Nachricht auf Band hörte, und eine Stimme, die nicht Alons Stimme war, sagte: «Nicht mehr aktuell». Und ich dachte an Nimrod, der nach Israel zurückgekehrt war und sich ein Haus in den Bergen nahe der Grenze gebaut hatte. Dort, zwischen blühenden Obstbäumen, zog er mit Anath drei Söhne groß, so schön wie er. Ich wusste nicht, ob er noch an mich dachte.

So ging ich zwischen den Bäumen und dachte daran, dass die Zeit verstreicht, dass nun auch Jackie heiratet und dass ich möglichst bald zur Nationalversicherung gehen muss, um diese Angelegenheit, die Bezahlung für den Reservedienst, zu erledigen – und dann sah ich plötzlich Gadi.

Er stand neben einer Bank und wühlte in einem großen, schwarzen Rucksack. Als er sich aufrichtete, sah ich – er ist sehr groß und er schaut mich an. Die Sonne ging unter und es wurde Abend, einer dieser wunderbaren Augenblicke am Abend, auf die ich den ganzen Tag über begierig warte, um mit meiner Hand eine weiche Handvoll von diesem verwunschenen Licht zu erhaschen, das sich über sie hinbreitet, und es in meinem Herz zu verbergen.

Während wir uns unterhielten, berührte seine Hand ohne Absicht mein Knie. Wir gingen aus dem Park auf die Straße, sein großer Rucksack hing über seiner Schulter, und ich wollte all die Ampeln umarmen und auf dem Dach jedes einzelnen Autos tanzen. Als wir in mein kleines Zimmer kamen, alles in allem vier Schritte lang, machte ich zwei Tassen Kaffee, während Gadi unter die hinterm Schrank versteckte Dusche ging, und sehr schnell lagen wir auf der Matratze.

Wir unterhielten uns lange, bevor wir einschliefen, und dann – in einem dunklen, unbekannten Augenblick tief in der Nacht – wachten wir plötzlich beide auf, rückten näher zueinander, ich schmiegte mich in seine Arme und an seinen warmen Körper, es war ein wunderbarer Schmerz, und seine grünen Augen brannten wie Dochte in meiner Seele.

Früh am Morgen stand er auf, nahm seinen Rucksack, legte einen zögernden Finger auf mein Gesicht und fuhr in seinen Kibbuz. Und nachmittags klingelte das Telefon, und er fragte, ob er zurückkommen könne. Abends kochte ich auf der verkrusteten elektrischen Kochplatte Spaghetti mit Käse, stieg über sein langes Bein, das sich aus dem Sessel streckte. Nach dem Essen zogen wir uns fein an und gingen in einem der Clubs tanzen. Oft (wie oft?) bin ich allein dorthin gegangen (sofort wandten sich zehn hungrige Augenpaare zur Tür, musterten den Neuankömmling flüchtig, wandten sich ab und hefteten den Blick mit gespielter Gleichgültigkeit auf die schwarze Wand gegenüber, auf die Decke oder auf die Bar voller Flaschen), und ich verzog mich in eine Ecke, stand da und betrachtete die jungen, halb entblößten Tänzer, die die Tanzfläche füllten, und sobald jemand durch den dunklen Eingang trat, schlossen sich meine Augen denen der anderen an, mit einem Instinkt stärker als jedes Gelübde, musterten ihn flüchtig, wandten sich ab und nach einem Moment waren sie auf meine Schuhspitzen gerichtet. Oft bin ich allein gekommen, und allein bin ich gegangen, dieses Mal kam ich mit Gadi.

Nah am Eingang des Clubs stand ein junger Mann in einem Unterhemd, das seinem Körper schmeichelte. Sein Gesicht war sehr schön. Der Mann sah in Gadis Augen, sein Blick blieb einen langen Moment dort hängen. In Gadis Gesicht zuckte ein Muskel. Draußen saßen ein paar Teenager auf dem Gehsteig und unterhielten sich lautstark; ein leeres Taxi näherte sich, der Fahrer winkte uns mit der Hand. Eine schwarze Katze stöberte in einem Müllhaufen. Ich ließ sie, einander anstarrend, auf dem Bürgersteig stehen und entfernte mich. Allein wie immer lief ich durch die dunklen Straßen, und dieses Etwas kicherte boshaft in mir, bis ich eine süße Gelassenheit spürte, seit langem vertraut, die Gelassenheit der Einsamen. Allein lief ich durch die Straßen dieser Stadt, in der kein Wind weht, um ihren nächtlichen Durst zu mildern, lief, bis ich nach Hause kam, dann wusch ich meine Haut mit kaltem Wasser und ging zu Bett.

Nach ein oder zwei Minuten war er da, legte seine Hand auf meine und sagte schnell, mit heftigen Atemzügen: «Du begreifst nicht.» Ich schwieg und sah zur Decke, er fügte hinzu: «Ich habe es noch kein einziges Mal fertig gebracht, jemandem so einen Satz zu sagen, aber ich glaube, ich liebe dich.»

Ich drehte mein Gesicht zur Wand.

Die ganze Nacht lag ich mit dem Gesicht zur Wand, die Augen offen, und mein Atem raste über die Wände. Gadi rückte in der Dunkelheit näher zu mir hin, wie einer, der um Gnade bittet, und ich reagierte nicht. Ein seltsamer Genuss erfüllte mich angesichts seines Kummers, der in der Dunkelheit über dem Bett lag. Ich wollte ihm sagen, Gadi, unser Glück ist vergänglich, und auch du wirst mich verlassen, wie alle anderen; ich wollte mich zu ihm drehen und meinen Kopf zwischen seinen Schultern vergraben, doch ich schwieg wie versteinert. Die ganze Nacht über krochen schwarze böse Schlangen vom Fenster ins Bett, und ihre todeskalte Haut glitt zwischen meine Zehen und die Fetzen meiner Träume.

Nachmittags kam ich aus dem Büro und sah ihn im Sessel sitzen (sein langes Bein streckte sich durchs ganze Zimmer). Wir schlossen die Jalousien und stellten eine Schabbatkerze auf den Tisch, und Gadi spielte mir eine Kassette mit indischer Flötenmusik vor. Ich umarmte seinen Rücken und seinen Nacken und seine Hände, dünne Streifen Tageslicht schmuggelten sich durch die Ritzen der Jalousien, und außer seinen Schultern gab es nur heiße Tropfen von Sommer und indische Flöten und den Ruß einer verloschenen Kerze und einen Körper und noch einen Körper. Lange Augenblicke verweilten wir so in der Hitze, zwei Marionetten, deren Fäden zu Boden gesunken sind. Plötzlich wollte ich etwas sagen, und Gadi verschloss meinen Mund mit seiner Hand und sagte: «Hör auf so viel zu reden», und wir lachten beide, und danach umarmte er mich und erzählte von seinen Reisen im Fernen Osten, erzählte von den verschneiten Gipfeln Tibets und kahl geschorenen Mönchen, die schweigend auf engen Pfaden von den Klöstern ins Tal steigen. Erzählte von den lauten Städten Indiens und den rosa Tempeln, aus Wüstensand gebaut, von den Reisterrassen der Philippinen, die die Berghänge bedecken, von den weißen, den wunderbaren Inseln Thailands mit den weinroten Sonnenuntergängen zwischen Palmen und Hütten und von den warmen Flüssen, aus denen mit Sonnenaufgang blaugraue Dämpfe aufsteigen, um wie Wolken zwischen riesigen Blättern aufgesogen zu werden, die wie Fächer über dem Wasser hängen, und von der großen Ruhe.

Und ich reiste mit in den Bergen und in der Wüste, meine Hand in seiner, und ich sagte ihm vielerlei, und ich erzählte ihm von dem weißen Blatt, das ich ganz unten in der Schublade bei mir aufbewahre, und darauf die Namen, die echten oder die falschen, aller Männer, die ich für einen Moment oder länger hatte im Laufe meines Lebens, jeder einzelne Name, daneben das ungefähre Datum und ein oder zwei Erkennungsmerkmale, gegen die Klauen des Vergessens. Und sie sind für alle Ewigkeit in dieses weiße Blatt eingraviert: «Das Buch der Toten» nenne ich es – und hin und wieder kommt ein unbekannter, ein wahrer oder falscher Name dazu, und das Blatt ist noch lang und leer.

Und dann klingelte das Telefon. Es war Mutter, ihre Stimme tief und knarrend wie eine rostige Tür. Sie fragte wie üblich nach meinem Befinden, wie mein Tag war und warum ich nicht nach Hause komme, doch ich merkte an ihrer Stimme, dass da noch etwas war, und ich war ungeduldig. «Hast du schon die Einladung bekommen?», fragte sie mich zögernd. «Jackie heiratet. Sogar Jackie heiratet, nur du nicht.» Ihre Wörter überstürzten sich, als entlüde der Zorn sich an ihnen. «Und wann heiratest endlich du, wie alle anderen? Wann? Heute Morgen habe ich Jackies Mutter getroffen, sie sieht richtig glücklich aus, nur ich bin unglücklich, und ich ...», Mutter brach in ächzendes, hässliches Wimmern aus, als stünde jemand neben ihr und würge sie, und ich sorgte mich wegen ihres Asthmas, und ich hasste sie und fühlte ihren Schmerz, meinen Schmerz, und ich hörte Vaters Stimme im Hintergrund brüllen: «Lass ihn doch, Meschuggene», ich wollte schreien: «Wann wirst du endlich sterben», und ich knallte den Hörer auf.

Danach war es still. Gadi lag neben mir, doch plötzlich bedrückte mich der Geruch des Schweißes und des verbrannten Dochtes so sehr, dass ich das Fenster weit öffnete.

Er ging unter die Dusche, trocknete sich schnell ab, lud sich seinen großen Rucksack auf und ging. In der Nacht rief er aus dem Kibbuz an und sagte: «Gute Nacht, ich liebe dich», und ich konnte wieder lächeln.

Wir hatten geplant, uns am darauf folgenden Wochenende zu treffen, nach der Erntearbeit auf den Plantagen. Die Tage vergingen quälend langsam. Ich lag am Strand, schloss die Augen und überlegte – ist das das große Glück? Jeden Abend rief er heimlich aus dem Kibbuz an, und manchmal – wenn jemand vorbeiging – verstummte er, oder er wandte sich im Femininum an mich und fragte: «Wie geht es dir, Süße, vermisst du mich?»

Und zuweilen überkam ihn irgendeine Traurigkeit, seine Stimme am Telefon war weit weg. Mehr als einmal sagte er: «Ich habe keine Wahl, ich muss es mit einer Frau versuchen», und einen Augenblick später rief er noch einmal an und nahm die Entsetzensstarre von mir, sagte: «Das war Quatsch, es war nichts», und einmal hielt ich meine Gefühle nicht zurück und brüllte aus der Flut der Sehnsucht ins Telefon: «Gadi, ich will nur dich, ich werde nie jemanden anders haben wollen», und spürte gleich, wie ihn das Stammeln, die Wucht des Schlags traf, dort, im Kibbuz. Sofort bereute ich es, und Gadi flüsterte: «Ich bin so verwirrt, dieses beängstigende Feuer brennt in mir und ruft mich, hinauszugehen und immer weiter zu suchen, ich finde keine Ruhe.» Und ich erinnerte mich plötzlich an Amos, der tagelang geduldig auf mich wartete, bis ich aus seinem Leben verschwand und ihn einsam und verletzt zurückließ. Ich erinnerte mich an Zwika, einen Soldaten, der einen großen, schweren Körper und eine zarte Seele hatte, und nach einer Begegnung hatte ich genug von ihm und verbat ihm, mich zu besuchen. Ich erinnerte mich auch an Roi, der in den Sommerferien Gasflaschen ausfuhr, und wie ich ihn mit schönen Worten einwickelte, die wie Zellophanpapier knisterten, ich machte ihm Versprechungen und zog weiter, um neue Eroberungen zu machen; auf einmal erinnerte ich mich an sie alle, und alles war so einfach und unkompliziert, dass ich voll bitteren Hohns lachen wollte, doch statt dessen schwieg ich.

Gadi verharrte einen Moment am Telefon und seufzte lautlos, er sagte, am Freitag, wenn die Ernte endlich vorbei sei, komme er in die Stadt, und er bat mich, ihm einen großen Topf Pasta und Käse zu machen. Die Tage waren heiß und böse, die Sonne wütete über den Straßen und Gehwegen. Noch nie habe ich die Sonne so gehasst, wie an dieses langen Erntetagen auf den Plantagen im August.

Am Mittwoch erhob sich vom Meer plötzlich ein leichtes Rauschen, einem Flüstern ähnlich, verwehte heimlich zwischen dem Strandgebüsch und zwischen den Hinterhöfen und ließ ein paar Badetücher, die ohnmächtig über den Wäscheleinen hingen, erzittern. Das ist die geheimnisvolle Stunde, in der Menschen sich ohne Absicht mit der Hand durchs Haar fahren oder sich an der klaren und kühlen Farbe von Apfelsaft in einer Karaffe freuen oder ein Stück Papier aus einem Heft reißen und irgendeine vage, unverständliche Zeile darauf schreiben.

In dieser wunderbaren Stunde ging ich aus meinem Zimmer zum Strand, und meine Füße trugen mich von selbst zum Park. Gegen meinen Willen ging ich. Zwischen den müden Wegen lag ein Sommerabend, der sich zu riesigen Blöcken verdichtete. Auch der Wind wurde stärker.

Bei einer Holzbank, auf der ein schwarzer großer Rucksack lag, stand ein hoch gewachsener, schöner Mann und plauderte mit einem mageren Jungen, der ein weißes Unterhemd trug. Hin und wieder lachten sie laut auf. Der Wind trug Tropfen von Lachen mit sich und verstreute sie wie Sandkörner dicht an meinen Ohren. Gadi klopfte voller Zuneigung auf den Rücken des Jungen im Hemd. Über die Entfernung hinweg sah ich, dass Gadis Gesicht leuchtete.

Ich kehrte in mein Zimmer zurück und setzte mich an den Tisch. Danach trank ich etwas Kaltes – oder Heißes, ich erinnere mich nicht – und holte das weiße Blatt Papier aus der Schublade. Rasch überflogen meine Augen die Namen, blieben bei diesem oder jenem Namen hängen.

Und dann nahm ich einen Stift, fügte dem Ende der Liste einen Namen hinzu, notierte das Datum und auch die Uhrzeit, schrieb: «schöner Mann» und «Kibbuznik», faltete das Papier sorgfältig und legte es zurück in die Schublade.

***

Eviathar legte den Stapel Blätter aus der Hand und betrachtete den Himmel. Keine einzige Wolke schwebte über den grünen Bergen.

«Eine ganze Geschichte hast du über uns zusammengeschrieben, was?» – er nagte an einem knusprigen Zwieback.

«Bloß eine Geschichte», sagte ich lächelnd, «damit mir irgendein Andenken an dich bleibt.»

«Deine Empfindlichkeit», sagte Eviathar. «Du erinnerst dich an alles. Was für ein Glück, dass du mich Gadi nennst, so dass mein Name nicht in deinem Totenbuch auftaucht.»

«Bloß eine Geschichte», sagte ich abschließend.

«Aber das Ende mag ich nicht. Schließlich bin ich doch zu dir zurückgekommen», sagte Eviathar und schaute mir in die Augen. Danach stand er behutsam auf und küsste mich auf die Stirn. Schweiß versickerte in seinem Hemdkragen. Ich umarmte seinen breiten Rücken und zupfte ein paar Dornen ab.

«Komm, gehen wir weiter», sagte er.

Der Weg zum Gipfel des Meron war steil, jedoch sehr angenehm zu steigen. Hinter jeder Biegung breiteten sich kleine Wälder und Erhebungen aus. Kein Laut war zu hören, nur das Rascheln des flüsternden Windes, der über die Baumwipfel strich, die Reihe um Reihe unter seiner Hand ihre Köpfe senkten wie gehorsame Schüler.

Feldkaninchen lugten zwischen den Felsvorsprüngen hervor, und hin und wieder überquerte eine schwarze, lange Schlange den Pfad und verschwand im trockenen Gestrüpp. Nachdem wir den Gipfel erreicht hatten, begannen wir den Abstieg zum Wadi, glitten den Abhang zum trockenen Flussbett hinunter, das mit unzähligen orangebraunen Blättern übersät war, mit glitschigen Steinen und dicken, weißlichen Wurzeln, die sich in die Erde wühlten, als schämten sie sich ihrer weichen Nacktheit. Dort, im Halbdämmer des Flussbetts, unter den fauligen Farnen und unter den Bögen der Steinbrücken, zog mich Eviathar an sich, und ich schlang meine Arme um all seine Schönheit und wollte auf die Äste aller Bäume klettern und die erstaunten Visagen aller Kaninchen küssen. Dann pflückten wir ganze Hände voll reifer, riesiger Feigen, die wild wuchsen und den schweren, betäubenden Duft der Schmerzen des Sommerendes verbreiteten, bis uns der Bauch weh tat.

«Ich liebe dich», sagte Eviathar, und kühler Wind spielte zwischen den Olivenbäumen.

«Verzeihst du mir, was ich getan habe?» Und wieder brannten die gleichen Dochte.

«Ja», flüsterte ich.

Ich wollte ihm sagen – schau, wie wunderschön dieser Moment ist, auch wenn er vergänglich ist, schau, wie einfach es ist, zusammen auf diesem namenlosen Geröllfeld vor den Toren Safeds zu sitzen. Schau, wie glücklich ich bin.

«Ja», sagte ich ruhig zu ihm, «ich verzeihe es.»

In der Nacht kehrten wir in das Zimmer in Tel Aviv zurück und wuschen uns den Staub ab. Wir gingen ins Bett (indische Flötenmusik verzauberte die Augenlider) und schlossen alle Jalousien. Danach rauchte Eviathar eine Zigarette und schlug vor, in denselben Club im Stadtzentrum tanzen zu gehen. Ich war müde und wollte schlafen. Ich hörte, dass Eviathar sagte, er gehe nur etwas trinken und komme zurück. Die Süße bezwang meine Glieder und schnell schlief ich ein. Früh am Morgen wachte ich auf und sah, dass er mich anblickte.

«Wie war es im Club?», murmelte ich schläfrig.

Er sah zur Decke.

«Was ist los, Eviathar?», fragte ich und suchte seine Hand.

«Ich war gestern wieder mit jemandem zusammen», sagte er leise. «Er hat mir vorgeschlagen, zu ihm nach Hause zu gehen, und ich habe ja gesagt. Zwei Stunden war ich bei ihm, im Bett. Es war einfach nur ein kleiner Fick. Ein ausgezeichneter Fick. Ich kann nicht ohne.»

Danach sammelte er wortlos seine Sachen in den schwarzen Rucksack, kam zu mir und streckte die Hand aus, um mich zu berühren, doch ich bedeckte meinen Kopf mit der Decke. Ich hörte ihn mit der Faust gegen die Wand schlagen und die Tür ins Schloss werfen.

Und da stieg ich aus dem Bett, holte aus der Schublade den Bogen weißen Papiers und schrieb auf, was aufzuschreiben war.

PHANTASIE

Kleine, blassblaue Karos waren auf die milchweiße Glasur der Porzellantassen gezeichnet. Die Einrichtung war einfach. Ein paar schwere, ganz saubere Blumentöpfe standen an der Wand. Fünfzehn Minuten verspätet trat sie ein. Er erkannte sie an der modischen Ledertasche, die sie über der Schulter trug.

Sie ist gar nicht so schön, er verspürte eine merkwürdige Erleichterung.

Ich muss ruhig sein, wiederholte sie für sich und warf ihm ein entschuldigendes Lächeln zu. Sie setzte sich ihm gegenüber und nahm die Speisekarte in die Hand. In die Speisekarte vertieft, bemerkte sie, dass sie den Blick nicht direkt auf ihn richtete, sie wandte ihm den Kopf zu und lächelte. Dieses blöde Lächeln, sagte sie sich, hörte auf zu lächeln und überflog noch einmal die Liste der Softdrinks.

Ich sitze ganz verspannt, sicher bemerkt sie es, er schnippte leichthin ein imaginäres Staubkorn vom Ärmel seines Hemdes.

«War es schwer, den Platz zu finden?» Er wiederholte es ein paar Mal im Geiste, bevor er endlich fragte. Die Wörter kamen gepresst und heiser aus seiner Kehle und ihr plötzlicher Ton erschreckte ihn.

«Überhaupt nicht, vergiss nicht, dass ich halbe Tel Aviverin bin.»

Was sage ich bloß «vergiss nicht», er kennt mich doch gar nicht.

Schweigen senkte sich herab. Ein Paar, das am Nebentisch gesessen hatte, stand mit quietschenden Stühlen von seinen Plätzen auf, bezahlte und ging. Die Kellnerin, ein mageres Mädchen, dessen schwarzes Haar von einem Band gehalten wurde, sammelte einige für sie bestimmte Münzen von einem Tellerchen und wandte sich ihnen zu.

«Wollt ihr etwas bestellen», sagte sie trocken.

Er schüttelte den Kopf.

«Habt ihr Pepsi light?», fragte sie.

«Kommt gleich», sagte die Kellnerin und ging.

Wieder wurde es still, und er blickte auf die beiden Reife an ihrem dünnen Arm.

«Also, was ...», begannen beide gleichzeitig.

«Fang du an.»

«Also, wie war deine Fahrt?»

«Ich bin früh losgefahren. Ich habe noch ein paar Sachen in der Stadt zu erledigen, bevor das Semester anfängt.»

Die Armreife waren dünn, der eine vergoldet, der andere versilbert. Ihre Hand lag auf ihrem Knie (der Stoff ihres Kleides sehr leicht, die runden Linien des Knies zeichneten sich deutlich ab). Es zog seine Augen mit einer Art Hass, in den sich Neugier mischte, dorthin, bis er erschrak.

Er ist kräftig, sogar sehr männlich, dachte sie, aber in seinem Gesicht ist etwas Kindliches, eine Art grenzenloser Gutherzigkeit, und seine Augen, man sieht, dass es ihm weh tut.

«Bitte», sagte die magere Kellnerin und stellte das Glas energisch auf den Tisch. Auf einem Tellerchen lag eine sorgfältig geschnittene, frische Zitronenscheibe.

«Wie geht es ihm?» Er warf ihr einen schwarzen und runden Blick zu.

Sie erschauderte, bis winzige, kühle Schlangen ihren Rücken hinunterglitten.

«Er ist ... in Ordnung. Er spricht viel von dir.»

«Tatsächlich ...», begann er zornig, verstummte aber.

Nicht wieder damit anfangen, alles ist tot, alles ist seit langem vorbei.

«Und wie fühlst du dich?», fragte sie zögernd.

«Du weißt, wie ich mich fühle», antwortete er, sie senkte ihre Augen, und dann wurde er weicher und sagte: «Ich versuche, weiterzumachen wie üblich, aus dem Haus zu gehen, mache Überstunden im Büro.» Einen Moment schwankte er, seine Lippen nachdenklich zusammengepresst, und fügte hinzu:

«Versuche, neue Leute kennen zu lernen.»

Sie hob das Glas und nippte an der dunklen, sprudelnden Flüssigkeit. Danach zerquetschte sie mit dem Finger die Zitronenscheibe, bis sich einige durchsichtige, gelbliche Tropfen auf dem Rand des Tellerchens sammelten.

«Eviathar hat gesagt, du überlegtest, das Land zu verlassen, du habest ein Angebot, im Ausland zu studieren», sagte sie schließlich mit unverhohlener Bewunderung.

Eviathar ... schrie er innerlich auf. Er spürte, wie sich der schmerzende Knoten wieder mit rasender Geschwindigkeit in seinem Bauch ausdehnte, bis er sich heimlich an den hölzernen Verstrebungen unter dem Tisch festklammerte. Würde sie ihn wenigstens bei einem anderen Namen nennen ... Reisen ... ha, seinetwegen will ich reisen, deinetwegen, wie kannst du überhaupt fragen.

«Ich weiß nicht. Ich habe mich noch nicht entschieden», antwortete er nach kurzer Zeit.

«Aha», sagte sie verständnisvoll und verstummte.

«Wollt ihr etwas bestellen?», unterbrach die Kellnerin und wischte die Hände am Saum ihres Rocks ab.

«Hast du Hunger?», fragte er.

«Habt ihr Toast?», wandte sie sich an die Kellnerin.

«Es gibt Käse, Oliven mit Thunfisch, es gibt chinesisches Gemüse, aber ohne Tomaten, weil sie vergessen haben, Tomaten zu bringen.»

«Käsetoast, bitte», bestellte sie.

«Zweimal», verbesserte er sie.

«Kommt gleich», sagte die Kellnerin und ging.

Sie trank von der Pepsi. Er rührte im Kaffee.

«Wessen Idee war das, sich zu treffen», fragte er, «deine oder seine?»

Sie runzelte, ohne es zu merken, die Augenbrauen, wie jemand, der versucht, sich zu erinnern. Sie lagen im Bett und hielten sich bei den Händen. Sie betrachtete seine breiten Schultern, seinen festen Bauch und seine zwei langen Beine, die quer über ihr Bett gestreckt waren, und es verlangte sie, sich in diesen wundervollen Körper zu versenken und zu schreien – ich will diesen Mann, ich liebe diesen Mann –, doch seine schlammgrünen Augen waren an die Decke geheftet, sein Mund war vor Verwunderung zusammengepresst, und sie atmete tief und schwor sich – langsam, damit er mir nicht wegläuft, langsam und mit Geduld werde ich ihn bekommen. Und dann, als käme er aus großer Ferne zurück, sagte er, er mache sich Sorgen, dass dem Anderen womöglich etwas zustieße, dass er irgendeine Verzweiflungstat beginge. Ätzende Gefühle nagten an ihm. Das Gerede über diesen unbekannten Mann aus Tel Aviv beunruhigte sie nicht wenig. Sie wusste, irgend etwas Unklares stand hemmend zwischen ihnen, etwas, auf das sie keinesfalls eifersüchtig sein durfte, das sie besser bis auf den Grund verstand, um es in eine Erinnerung zu verwandeln, die allmählich stumpfer würde, allmählich verklänge, wie es Erinnerungen zu tun pflegen. «Du vermisst ihn ein bisschen», sagte sie flüsternd. «Trefft euch doch auf eine Tasse Kaffee, sprecht miteinander, nach all den Monaten, die vergangen sind.» Der Blick, mit dem er sie ansah, war gequält. Seine Finger fassten einen ihrer Armreife und blieben daran hängen. «Nur, wenn du mitkommst», sagte er.

«Eigentlich war es eine Idee von uns beiden», antwortete sie. Er hob die Kaffeetasse und stellte sie auf den Tisch.

«Heute ist Donnerstag», sagte er nachdenklich. «Donnerstags hatte er bis viertel nach drei Unterricht, danach hat er den Bus genommen, und um kurz vor sechs war er bei mir. Ich habe damals in der Gordon-Straße gewohnt.»

«Ich weiß.»

Weißt du auch, wie er kurz vor sechs Uhr ankam, zweimal an die Tür klopfte? Gewaltige Aufregung erfüllte mich, in mir flatterten unablässig riesige Schmetterlinge, und eine ganze Stunde lang hielten wir uns an der Tür umarmt. Weißt du, dass ich noch heute nicht durch die Gordon-Straße gehen kann, ohne mich nach dem Haus umzudrehen?

«Mein erster Freund hat in der Gordon-Straße gewohnt», sagte sie. «Wir waren damals in der Armee. Er war Fallschirmspringer. »

«Fallschirmspringer», wiederholte er.

«Und er hat mich verlassen.»

Was will sie beweisen, dass auch sie leiden kann?

«Samstagabend bin ich von meinen Eltern aus Jerusalem gekommen und habe bei ihm geschlafen. Am Morgen musste ich zu einem Offizierslehrgang. Er ist früh aufgewacht und zu seiner Einheit gefahren. Ich fand einen Zettel auf dem Tisch. ‹Ich bitte dich, nicht mehr zu kommen und nicht anzurufen. Ich liebe dich nicht mehr. Tut mir Leid.› Wörtliches Zitat. Stell dir vor, wie ich mich gefühlt habe, als ich mich mit meinem Rucksack in den Autobus schleppte. Alle haben geguckt, wie eine Soldatin pausenlos weint. Und am Abend haben sie mich aus dem Kurs geschmissen.»

«Warum?»

«Ich habe mir die Hand beim Küchendienst gebrochen.»

Er lächelte und rührte mit dem Löffel in der leeren Tasse.

Er hat ein schönes Lächeln, sagte sie sich. Warum erzähle ich ihm das alles? Was soll überhaupt dieses Treffen?

«Mit Käse», sagte die Kellnerin und stellte zwei Teller mit Toast vor sie. Sie nahm die leere Kaffeetasse, fragte sofort: «Noch eine Bestellung?», und als sie keine Antwort bekam, hob sie beleidigt die Nase und verschwand mit einem Achselzucken.

«Wie geht es Eviathars Knie?», fragte er. «Macht er mit der Physiotherapie weiter?»

«Ja, einmal pro Woche macht er diese Übungen in der Praxis von Dr. Stern.»

«Stein», verbesserte er sie.

«Genau», sie lächelte ihm zu.

Der Strand lag verlassen und Lampen färbten den Sand gelb. Ich erinnere mich, dass sich hohe Wellen an den Kaimauern brachen und kalte Gischt verspritzten. Wir haben über irgend etwas debattiert – was war es? –, er sagte, zwischen Männern könne es keine sexuelle Treue geben. Sich jetzt daran erinnern, wo alles tot ist. Ich war wütend und beschleunigte meinen Schritt. Er blieb stehen, und dann ist er mir nachgerannt. Der Kai war glitschig, Fetzen von Algen und nassen Pflanzen wurden von der einen zur anderen Seite darüber geschwemmt, und plötzlich rutschte er aus und fiel der Länge nach auf den Stein und brüllte – zum Teufel.

In den Ferien während der Feiertage, irgendwann Ende September, werden wir einen Ausflug zum Kleinen Krater machen, dachte sie. Es wird nicht mehr so heiß sein; ich hasse diese Hitze. Wir werden in Schlafsäcken schlafen und viel zu Fuß gehen; hoffentlich tut sein Knie nicht weh. Der Wüstenhimmel wird hoch sein, und er wird mich die ganze Nacht umarmen. Ich liebe es, wenn er seine starken Arme um mich schlingt. Dieser gequälte Blick; ich beobachte ihn manchmal im Schlaf. Er schläft auf dem Rücken, und es ist, als schaue er zur Decke. Was geht ihm durch den Kopf? Was träumt er? Es ist komisch, wie er sich im Schlaf umdreht, ohne das Bein anzuwinkeln. Wenn er es anwinkelt, hört man merkwürdige, beängstigende «Klicks». Dieser Unfall, den er während des Reservedienstes hatte, als er losgestürmt und gegen einen Felsen geprallt ist. Bis heute tut ihm das Knie weh. All diese überflüssigen Unfälle in der Armee. Und wie dieser Fallschirmspringer mich hat sitzen lassen, bevor ich zum Offizierslehrgang musste. Ich erinnere mich kaum an ihn, aber an das Gefühl von Kränkung erinnere ich mich sehr genau. Und was, wenn er mich verlässt, wie er diesen Mann, der mir gegenübersitzt, verlassen hat? Ich würde es nicht aushalten.

«Manchmal, wenn er das Knie anwinkelt, hört man so ein ‹Klick›», sagte er.

Sie wartete einen Moment, fassungslos.

«Du liebst ihn noch», sagte sie leise zu ihm.

Er senkte seinen Kopf.

«Wir beide lieben ihn», fügte sie flüsternd hinzu.

Er schloss seine Augen.

Was kann ich denn tun? Wenn ich jetzt seine Hand berührte, wie würde er reagieren?

Nicht weinen, nicht vor ihr. Er öffnete die Augen und sah ihre dünnen Armreife, ihr Haar. Seltsam, erst jetzt bemerkte er, dass ihr Haar rötlich war, beinahe orangefarben, es bedeckte zur Hälfte ihre Stirn. Ihr Gesicht war sehr wach, nicht geschminkt, und an ihren Augen zeichneten sich zwei Lachfältchen ab. Sein Blick blieb einen langen Moment dort hängen und wanderte dann wieder zwischen seine Handflächen.

Ob ihr Körper ihm angenehm ist, ging es ihm durch den Kopf. Was empfand er, wenn er diesen Hals streichelte, über den sich versteckte Linien wie eine durchsichtige Kette zogen, was empfand er, wenn er diese fremden Lippen küsste? Begehrt er wirklich diese beiden weichen Erhebungen, die sich in ihrem Kleid wölben? Was passiert, wenn ich jetzt die Hand ausstrecke und sie anfasse, warum möchte ich nicht die Hand ausstrecken, um sie anzufassen? Sicher hat sie heute Morgen mit ihm geschlafen, er mag es am Morgen, welche fürchterlichen Sachen macht er mit ihr im Bett? Ich darf nicht daran denken, keinesfalls darf ich daran denken.

«Er spricht viel von dir», sagte sie noch einmal.

«Ja.»

«Er weiß, dass er dir weh getan hat. Es war die Folge einer tiefen Verwirrung. Er hat mir alles erzählt.»

«Und jetzt, glaubst du, dass er jetzt glücklich ist?» Es war nicht klar, ob er es sagte oder fragte.

«Ich glaube, ja.»

Glücklich, er verzog seine Lippen verächtlich. Der Knoten dehnte sich mit einem dumpfen Zischen in ihm aus. Auch ich habe geglaubt, dass er glücklich ist. Ich erinnere mich an seine Worte am Telefon, dreizehn Tage, nachdem er mich verlassen hat: «Ich habe eine neue Beziehung gefunden, eine Beziehung mit einer Frau.» Das klang so absurd, abwegig, es passte nicht zu Eviathar, der jeden freien Augenblick nutzte, um ohne mein Wissen durch den Park zu strolchen, Männer kennen zu lernen und ihnen nachzugehen; so unverständlich, dass ich dem kein Gewicht beimaß. Und bei den darauf folgenden Telefongesprächen fuhr er fort und sagte: «Diese Beziehung tut mir gut» und: «Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt mehr ich selbst bin» – bis ich ihm verbot, mich anzurufen, und mich die große Verzweiflung überwältigte.

Ist er glücklich, durchfuhr sie nagendes Staunen, und sie ließ den Toast sinken, der auf dem Tisch kalt wurde. Zwei Monate und weitere siebzehn Tage hat er mich nicht angerührt, nur seine Hände auf meine Schultern gelegt und geredet. Ich habe ihm zugehört, er musste ja reden. Dann hat er angefangen, nachts bei mir zu schlafen. Ganz sachte, habe ich mir gesagt, damit er nicht wegläuft. Seine grünen Augen waren gut und schön, sie flackerten gequält, und ich spürte, dass sie mich baten, stark zu sein. Ich nahm seine Hand und führte sie über meinen Körper. Wie einen leblosen Gegenstand habe ich seine Hand genommen und sie auf die verborgensten Stellen meines Körpers gelegt. Ganz langsam. Er war sehr still, wie ein gehorsamer Schüler. Ich glaube, er war unendlich dankbar. Ich habe alle möglichen Sachen gemacht, von denen ich nicht geglaubt hätte, dass ich sie je machen würde, und habe gewartet. Bis er einmal in den Sommerferien, an einem Freitag, dem dreizehnten August, um vier Uhr nachmittags direkt von der Arbeit zu mir kam, er war müde und schwitzte, seine Kleider waren mit Phosphat verfleckt, ich habe seine steifen Hosen berührt, und er spreizte plötzlich meine Schenkel und fasste meine beiden Füße und schleuderte sie in die Luft, irgendein Feuer entzündete sich in seinem Gesicht und brannte in seinen Haaren, und er richtete seine ganze Schönheit zwischen meinen Beinen auf und kam mit gewaltigen Stößen zu mir und flüsterte: «Ich liebe dich, ich liebe dich», und die Zimmerwände drehten sich um mich, mein Körper schlug mit tiefen Schlägen und schmolz wie Kerzenwachs, und ich hing an seinem Nacken, der scharfe Genuss, der Geruch des Phosphats und der Siegesrausch ließen mich aufschreien.

«Wollt ihr was bestellen?», fragte die verärgerte Kellnerin und verzog sich sofort. Sie lachten ihren Schritten hinterher und richteten ihre Blicke wieder auf den Tisch.

Sein Lächeln ist voller Licht, dachte sie. Ich kann verstehen, warum Eviathar nicht aufhört, von ihm zu sprechen.

Was empfinde ich jetzt, bin ich eifersüchtig auf sie, hasse ich sie?

«Eine tiefe Verwirrung», sagte sie wieder. «Er hat sich selbst nicht wirklich gekannt. All diese flüchtigen Begegnungen mit Männern an allen möglichen Orten haben nicht zu ihm gepasst. Jetzt versteht er, dass er immer mit einer Frau zusammensein wollte. Er hat sich selbst gehasst, und deswegen hat er dich gequält, weil du ihm am nächsten warst. Eviathar macht jetzt einen Prozess der Annäherung an sich selbst durch. Das ist ein schwieriger Prozess.»

So, ich habe es gesagt, sie atmete erleichtert auf. Vielleicht wird es jetzt leichter sein. Warum schaut er mich so komisch an?

«Ein schwieriger Prozess», er grinste voller Schmerz in sich hinein. Die Begegnungen mit Männern, ebenso ausgehungert wie er «haben nicht zu ihm gepasst». Ob du dir vorstellen kannst, dass Eviathar hin und wieder gesehen wird, wie er sich in öffentlichen Parks herumdrückt, in dunklen Straßenecken, für irgendeine Begegnung, die nicht zu ihm passt? Ob du überhaupt Verdacht schöpfst? Weißt du, dass ein paar meiner Bekannten mich anfangs jedes Mal aufgeregt angerufen haben, wenn sie ihn dort haben herumlaufen sehen? Und ich habe mein Gesicht unter der Decke versteckt und geschluchzt und habe ihm tausend Tode gewünscht, bis ich allen verboten habe, mir zu erzählen, was sie mit eigenen Augen sehen. Ob du weißt, dass ich mir aus lauter Schmerz geschworen habe, dass ich das nächste Mal nicht zögern werde, bei dir anzurufen, schnell zu erzählen, wo dein lieber Kibbuznik sich gerade rumtreibt – und aufzulegen, damit du auch diesen fürchterlichen Schmerz spürst, dass du auch weißt, welche Anhäufung von Dreck sich hinter diesen grünen Qualen in seinen Augen verbirgt?

Warum schweigt er? Was geht ihm durch den Kopf?

«Eviathar sagt die ganze Zeit, er wäre froh, irgendeine Art von freundschaftlichem Kontakt mit dir zu halten», fügte sie hinzu. «Vielleicht wäre das für euch beide gut.»

«Ich glaube nicht, dass es für mich gut wäre», sagte er rasch.

«Einfach so», sie runzelte die Stirn.

Zuerst habe ich nicht verstanden, warum dieser Mann heute Morgen angerufen hat, im letzten Augenblick, bevor ich aus dem Haus ging, und mit hastiger Stimme gebeten hat, Eviathar solle nicht mit zu dem Treffen kommen. Ich war die ganze Zeit sicher, dass es ihn danach verlangt, ihn wieder zu sehen. Eviathar war wütend und hat gegen den Stuhl neben dem Telefon getreten, aber er hat nichts gesagt. Ich habe ihm am Telefon beschrieben, was ich anziehe, damit er mich erkennt, und um sicher zu gehen, habe ich mir noch die neue Ledertasche um die Schulter gehängt. Jetzt, scheint mir, verstehe ich besser, warum er heute Morgen angerufen hat.

Noch einmal wurde es still zwischen ihnen, und sie schauten einander lange, beinahe vertraulich an.

«Schreibst du noch?», fragte sie plötzlich.

«Ich habe lange nicht mehr geschrieben», lächelte er.

«Eviathar sagt, dass du immer die gleiche Geschichte schreibst.»

«Eine interessante Kritik», lachte er, «daran habe ich noch nicht gedacht.»

«Ich würde gerne irgendwann eine Geschichte von dir lesen.»

«Das wirst du, ich verspreche es dir.»

«Ich glaube, ich muss gehen», sagte sie plötzlich, «es ist schon zehn vor zwei. Ich muss noch schnell in eine Apotheke, Insulin kaufen. Ich habe Jugendzucker.»

«Ich weiß. Du hast nicht zufällig Cola light getrunken.»

Sie lachte.

«Die Rechnung, bitte», sagte er zu der mageren Kellnerin, die mit dem Rücken zu ihnen stand.

«Kommt gleich.»

Sie bezahlten und traten auf die laute Straße hinaus, die grelles Licht überflutete. Zahlreiche Passanten sind diese Straße entlanggegangen, gehen hier immer noch entlang, und die beiden wurden zwischen ihnen aufgesogen.

Soll man diese Begegnung, die vielleicht gar nicht wirklich stattgefunden hat, weiterverfolgen?