Der Apfel fiel aus Venus linker Hand - Kyro Ponte - ebook

Der Apfel fiel aus Venus linker Hand ebook

Kyro Ponte

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Opis

Was ist der Preis für den Besitz eines einzigartigen Wesensmerkmals? Für Venus und ihre Schönheit war es der goldene Apfel der Hesperiden. Für Frau Meyer und ihre Hässlichkeit, als Muttermal das Gesicht kennzeichnend, ist es - um sich von dieser Einzigartigkeit zu lösen - eine Schönheitsoperation. Für Rania, eine Tochter aus gutem Hause in Korfu, und ihre Jungfräulichkeit ist der Preis dafür eine arrangierte Ehe. Für Byzantia, eine gebärende Mutter in Spanien, mit ihrer Liebe zum neugeborenen Kind, ist der Preis dafür ihr eigenes Leben. Einzigartigkeit hat ihrem Preis. Ein Preis, der schon von der Göttin Venus fallengelassen wird, sobald Amor erscheint, um alle Beteiligten in neue, einzigartige Abenteuer zu locken, die neue Preise versprechen und das Zahlen neuer Preise einfordern. Begierde wird zur Leidenschaft. Und die Leidenschaft kennt keine Grenzen. So wie die Freiheit des Seins. Die sieben überraschungsreichen Geschichten liefern elementare Einsichten aus dem Innenleben von Frauen und Männern, die für ihre Einzigartigkeit - Sein oder Schein - ihren Preis bezahlen, um aus der Krise zu entkommen, in die der menschliche Wille sie katapultiert hat. Kyro Ponte offenbart sich als Meister der Beschreibung von Gefühlen und beweist mit seiner detaillierten und filigranen Sprache, dass Literatur ein erlösender Ausdruck sein kann.

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Der Apfel fiel aus Venus’ linker Hand

Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2015© Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, 2015www.groessenwahn-verlag.deAlle Rechte vorbehalten.ISBN: 978-3-95771-065-9eISBN: 978-3-95771-066-6

Kyro Ponte

DerApfelfiel             ausVenus’linkerHand

Erzählungen

IMPRESSUM

Der Apfel fiel aus Venus’ linker Hand

Reihe: 21

AutorKyro Ponte

SeitengestaltungGrößenwahn Verlag Frankfurt am Main

CovergestaltungMarti O´Sigma

CoverbildAngelo Bronzino, Allegorie der Liebe (Ausschnitt)Olga Zimmermann, Roter Apfel (Ausssnitt)

LektoratRegine Riess

Größenwahn Verlag Frankfurt am MainOktober 2015

ISBN: 978-3-95771-065-9eISBN: 978-3-95771-066-6

I N H A L T

DIE ANEMONEN

DIE SCHLÜSSEL DER ERINNERUNG

DER FEHLER

GEMEINSAME MAHLZEITEN

ZWEI UNGLEICHE FREUNDE

BRIEF AN DIE THESSALONICHER

HAPPINESS REPORT

BIOGRAPHISCHES

An meine Eltern Niki und Nikitas

Die AnemonenRoses, Spanien, 1576

»Ich verstehe dein Streben nicht, dich durch deine künstlerischen Werke verewigen zu wollen und eins mit dem Übersinnlichen zu werden. Byzantia, nichts bleibt vom Menschen übrig außer Elementen, ähnlich denen, die es in den Sternen gibt. Verstehe es doch endlich, was man nicht sieht, gibt es nicht«, wiederholte sie immer wieder mit Nachdruck seine Worte. Und sie erinnerte sich daran, dass fast jedes Mal an dieser Stelle die Unterhaltung plötzlich abbrach, da Serjos, der Vater ihres Kindes, jede Art Mystizismus verabscheute und sich kein bisschen für das Übersinnliche interessierte. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb er ständig unterwegs war. Er wollte vieles sehen, um nichts zu verpassen. Nur auf diese Weise fühlte er sich lebendig. Deshalb suchte er ständig das Abenteuer, wollte unter Menschen sein, ja, er liebte Menschen, besonders Frauen.

»Jetzt in der Zeit der Dunkelheit und Kälte wäre seine Anwesenheit die absolute Finsternis der Leere«, dachte Byzantia mit dem Wunsch, sich selbst zu trösten. »Er tat gut, nicht hierher zu kommen, ja, er tat gut daran.« Das Wimmern des Kleinen, das den Raum füllte, brachte sie wieder zu sich. Sie rief ihre treue Freundin Sophia an ihr Bett, die mit ihrer jugendlichen Frische Sauerstoff im Zimmer verbreitete und sie vor dem vorherrschenden Klima der Zersetzung beschützte. Sie bat sie, den kleinen Jungen, den sie vor einigen Monaten zur Welt gebracht hatte, aus seinem Bettchen zu holen und ihn auf das breite Triclinium zu legen:

»Unter das Dach der Weinlaube, dort in den Schatten«, sagte sie und bekreuzigte sich, wobei sie flüsternd hinzufügte: »Gott segne dich, Sophia, was würde ich ohne dich tun.«

»Was sagst du da? Glaubst du, es ist eine große Leistung, der eigenen Freundin zu helfen?«, entgegnete die junge Frau und hob den Kleinen aus seinem Bettchen. »Nun beruhige dich, Byzantia. Alles wird gut«, sagte sie weiter. Innerlich nagte aber an Sophia die Sorge. Zu zahlreich waren die Fragen, die noch offen blieben: »Was wird aus dem Kleinen werden? Warum nur beginnt manchmal das Leben von Anfang an mit Komplikationen und Schwierigkeiten? Warum widerfährt meiner Freundin dieses Unglück? Warum ...« Als sie mit ihrer rechten Handfläche tröstend seinen Kopf streichelte, seufzte der Kleine voller Freude und strampelte mit seinen kleinen Beinchen fröhlich hierhin und dorthin, noch nicht im Stande, den Verfall der Gegenwart und ihre Probleme zu begreifen. Danach bettete die junge Frau den Kleinen vorsichtig auf das Triclinium, das sich im Innenhof des Hauses befand, und legte vier große Kissen um ihn herum, damit sie ihn beschützten. Ringsum im Garten waren Bäume gepflanzt und mit Finesse alle Arten von Blumen aufgestellt: Felsentulpen, Orchideen, Kornblumen und alles, was an die Heimat der Hausherrin erinnerte, Rhodos. Ein kleiner alabasterner Springbrunnen befand sich in der Mitte des Gartens und sein Wasser, das kurze Zeit die Schwerkraft überlistete, fiel leicht und im Bogen nach unten und ließ den Kleinen vor Begeisterung spitze Laute ausstoßen.

Es war bereits zum Ritual geworden. Der Kleine verstummte nach kurzer Zeit im paradiesisch eingerichteten Atrium und Sophia half ihrer Freundin auf, um sie zu baden. Wie üblich bot sie ihr auch heute ihren weißen Rücken zum Festhalten an. Byzantia streckte die Hände unter Sophias Armen hindurch und berührte, ohne es zu wollen, ihre angeschwollenen Brüste. In ihrem Gesicht zeichnete sich ein schwaches Lächeln ab. Doch blitzartig löste es sich wieder auf, da sie all ihre Kräfte sammeln musste, um aufzustehen. Trotz aller Anstrengungen schaffte sie es aber nicht. Ihre Beine taumelten und schnell fiel sie zurück ins Bett. Sie begann zu weinen, Jammer hatte sie überkommen. Sophia beugte ihren Kopf und ihre langen, seidigen Haare ergossen sich auf ihr Gesicht. Sie zog ein leinenes Taschentuch hervor, trocknete sachte die Tränen ihrer Freundin und bewegte sie dazu, wieder aufzustehen. Der zweite Versuch gelang ihr. Sie führte sie ins Tepidarium und ließ sie auf der beheizten Steinliege zu Ruhe kommen. Später kam sie wieder. Sie löste das Oberkleid ihrer Freundin und salbte sie mit Olivenöl ein. Das Öl zusammen mit dem Licht, das durch das kleine Badfenster strömte, gab dem nackten Körper einen seltsamen Glanz. Sophia begann, ihren ganzen Körper sanft mit einem Bimsstein zu schrubben, wobei sie sich mit Leichtigkeit vom Nacken bis zu den Fußsohlen hinab vorarbeitete. Danach reinigte sie den geplagten und bleichen Körper Byzantias und der plätschernde Klang des Wassers in der Badewanne erfreute sie. Sie befeuchtete ihr Gesicht und rieb es mit einer wohlriechenden Salbe aus Bienenwachs ein, die Byzantias Bruder von einer Reise aus Jerusalem mitgebracht hatte. Als sie fertig war, wickelte sie ihre Freundin in ein Badetuch und begann, sie mit schnellen Bewegungen abzutrocknen. Sie zog sie an und führte sie zu ihrem Bett, wo sie ihr einen sanften Kuss auf die Stirn verpasste.

Erschöpft sank Byzantia in ihr Baumwollkissen und schloss die Augen. Der Schlaf übermannte sie und entführte sie auf eine Reise in einen schattigen Wald mit Tannen und Kiefern. Die Nadeln der Bäume waren so dicht, dass die Sonnenstrahlen das Geflecht, das ihre Zweige bildeten, nicht durchzudringen vermochten. Auf einer Lichtung war ein kleines Kind zu erkennen. Es ging allein mit unsicherem Gang den engen kleinen Waldweg entlang, stieß unverständliche Laute aus und musterte neugierig seine Umgebung. Anscheinend wusste es nicht, wohin es der Weg führte, aber es fürchtete sich nicht. Es genoss den Spaziergang in der Hoffnung, dass alles gut geht und es irgendwann am Ende des Waldes ankommen würde, dort, wo sich Sonne und Grün erstreckten.

Als es nach einem langen Weg die Stiche der Nadeln an den Füßen zu spüren begann, hatte sich bereits die Verwandlung vollzogen. Das kleine Kind wuchs zur Jugendlichen heran, und von ihren blutverschmierten Beinen rann eine dickflüssige Masse ins Grün. Ihre Brüste fingen an zu wachsen, die Behaarung bedeckte ihre Scham, aber sie genierte sich ihrer Nacktheit kein bisschen. Sie fühlte die Natur als ihrem Körper so vertraut, als eine Erweiterung ihres eigenen Selbst, das sich entfaltete. Und sie war unbekümmert. Voller Leichtigkeit und Gesundheit schweifte sie von einem Ort zum nächsten. Die Zeit kümmerte sie nicht, da sie das Gefühl hatte, ihr Körper sei dem Altern nicht unterworfen. Die Erde gab ihr, was sie zum Leben brauchte, und sie genoss es, ohne zu wissen, was Trübsal und Schmerz bedeutet. Sie setzte nur ihren Weg unerschütterlich fort, da ihr Instinkt sie leitete und ihr jedes Mal befahl, zu neuen Orten aufzubrechen.

Sie war bereits eine junge Frau, als sie in einer Bucht ankam, wo es reichlich Wasser für jede Pflanze, jedes Tier und Insekt gab. Sie fühlte eine schwere Last an ihren Beinen. Sie konnte nicht mehr frei ausschreiten. Ihre Beine versanken im Schlamm und bei jedem Schritt drangen Blutstropfen tief in die Erde ein. Jeder Schritt eine rote Anemone, Tausende Sprösslinge, ebenbürtige Abbilder der anderen. Es war das erste Mal, dass sie Angst hatte, steckenzubleiben und zu versinken in dem, was sie selbst hervorbrachte. Sie musste jetzt all ihre Kräfte aufbringen, um sich zu befreien. Und tatsächlich schaffte sie es nach einem langen Kampf zu entkommen. Und sie versöhnte sich mit den Gestalten des Purpurs und des Samts der Anemonen, die ihr jetzt nicht mehr die Beine schwach werden ließen und sie nicht hinderten zu leben.

Sie war mittleren Alters, als sie auf einem Stück des Wegs seltsame Laute vernahm, als würden Tausende Insekten, Pflanzen und Tiere versuchen, sich gegenseitig in Stücke zu reißen. Inmitten dieses Getümmels nahm sie hinter sich menschliche Schritte wahr. Als sie ihren Kopf wandte, sah sie ein Heer von Greisen mit schwarzen Priestergewändern ihr folgen. Sie hatten lange Bärte und Haare, die ihnen offen bis auf den Rücken fielen, und in ihren Händen hielten sie menschengroße Zepter. Sie lächelte ihnen zu, aber sie erwiderten ihre freundliche Geste nicht. Ganz verblüfft begann sie zu zittern und der einzige Ausweg war die Flucht. Aber die bärtigen Greise kümmerte es nicht, dass sich die Frau entfernt hatte. Sie setzten ihren Marsch mit gleichmäßigem Schritt fort, als seien sie sich sicher, dass ihnen keiner entgehen kann.

Rennend gelangte sie zu einer grauweißen Mauer. Sie erstreckte sich kilometerweit in alle Richtungen und begrenzte die Unendlichkeit des Raumes. In regelmäßigen Abständen erhoben sich entlang der Mauer hohe Türme. Sie machte sich auf den Weg zum nächstgelegenen, dort, wo eine lange Strickleiter hinabhing. Sie wirkte endlos in der Länge und verlor sich im Himmel. Sie hatte Höhenangst, aber es gab keinen anderen Weg, der Horde der schwarzgewandeten Greise zu entkommen. Mit zügigen Bewegungen kletterte sie die Leiter hinauf. Ihre grauen Haare wehten im leichten Lüftchen. Sie kletterte und kletterte, aber die Leiter nahm kein Ende. Sie verschnaufte ein wenig und wollte nach unten blicken, aber es war nichts mehr zu sehen. Sie begann zu zittern. Solch eine Höhe hielt sie nicht aus. Genau in diesem Augenblick erschien in der Luft schwebend eine weißgekleidete Gestalt, die einen derartigen Glanz ausstrahlte, dass alles verblendete.