Das Wertesystem im Judo und seine Erziehungsaufgabe - Bruno Tsafack - ebook

Das Wertesystem im Judo und seine Erziehungsaufgabe ebook

Bruno Tsafack

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Im Zentrum dieser Arbeit steht die untrennbare Einheit von körperlicher und geistiger Entwicklung im Judo. Der erste Teil befasst sich mit der Entstehung der Sportart Judo, den traditionellen Ansätzen und den Grundgedanken von Professor Kanô. Diese theoretischen Darstellungen sollen aufzeigen, welchen erzieherischen Wert die Sportart Judo besitzt. Weiterhin werden die Begriffe "Judowerte", "Judoetikette" und "Judoprinzipien" erläutert. Besonders die Judowerte erfahren eine ausführliche Diskussion, insbesondere im Hinblick auf deren Vermittlung an Kinder und Jugendliche. Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Istzustand des Judo in Deutschland. Mithilfe von Fragebögen an Sportler, Trainer und Eltern soll der Wahrheitsgehalt der Hypothese bezüglich des mangelnden Wissens und der unzureichenden Umsetzung der traditionellen Judowerte und -etikette geprüft werden. Die Arbeit schließt mit der Darstellung von möglichen Strategien zur Verbesserung des derzeitigen Zustands in Bezug auf die bewusste Umsetzung der Judowerte und -etikette.

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Bruno Tsafack / Ralf Lippmann (Redaktion)

Das Wertesystem im Judo und seine Erziehungsaufgabe

Studienarbeit zur Erlangung des „staatlich geprüften Trainers/Diplom-Trainers des DOSB“ an der Trainerakademie Köln des Deutschen Olympischen Sportbundes

Meyer & Meyer Fachverlag & Buchhandel GmbH

Inhaltsübersicht

1 Einleitung2 Die Sportart Judo2.1 Die Entstehung der Sportart Judo: Das Kôdôkan Jûdô2.2 Der „Geist“ des Judo: Die Grundgedanken von Prof. Kanô2.2.1 Das Judosystem der Leibesübungen2.2.2 Das Judosystem des Kampfs2.2.3 Das Judosystem der Moral2.3 Das Wertesystem im Judo2.3.1 Die Judoprinzipien2.3.2 Die Judowerte2.3.3 Die Judoetikette2.4 Das moderne Judo3 Wertewandel in der Gesellschaft3.1 Definitionen philosophischer Begriffe3.2 Wertewandel in der Gesellschaft3.3 Sport in der Gesellschaft4 Erfassung des Status quo in der Sportart Judo4.1 Auswertung der Fragebögen4.1.1 Aus Sicht der Athleten4.1.2 Aus Sicht der Trainer4.1.3 Aus Sicht der Eltern5 Entwicklungsstrategien zur bewussten und praktischen Anwendung der Judowerte und der Judoetikette5.1 Das DJB-Konzept Judo spielend lernen für 5-7-Jährige5.2 Das „Judo verstehen lernen“5.3 Zitat oder Gedanke des Monats5.4 Das „Mondo“5.5 Erst die Theorie, dann die Praxis5.6 Erst die Jacken richten, sich dann verabschieden5.7 Fairness durch Gürtelbinden6 ResümeeLiteraturverzeichnisAnhangAbbildungsverzeichnisAuswertung der Fragebögen:Glossar der FachbegriffeBildnachweis

Ich widme mein erstes Buch vor allem meiner liebevollen Frau Laura und ihrer Familie für die seit vielen Jahren andauernde Unterstützung und für den Halt, den sie mir in vielfältiger Form gegeben haben und immer noch geben. Besonders bedanke ich mich bei meiner Frau Laura für ihr enormes Verständnis, das sie für meinen Beruf aufbringt und für den Rückhalt und die Unterstützung, die sie mir tagtäglich gibt.

Anmerkungen:Ich versichere hierdurch an Eides statt, dass ich diese Arbeit selbstständig und nur unter Benutzung der angegebenen Quellen angefertigt habe. Wörtlich übernommene Textstellen, auch Einzelsätze oder Teile davon, sind als Zitate kenntlich gemacht.Bruno Tsafack

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit haben wir uns entschlossen, durchgängig die männliche (neutrale) Anredeform zu nutzen, die selbstverständlich die weibliche mit einschließt.

Das vorliegende Buch wurde sorgfältig erarbeitet. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder der Autor noch der Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch vorgestellten Informationen resultieren, Haftung übernehmen.

1 Einleitung

„Der Mensch muss in seiner Ursprünglichkeit sowohl vom Geist als auch vom Körper her betrachtet werden. Beide scheinen getrennt, sind aber eins. Sie scheinen eins, sind aber getrennt. Die geistige Entwicklung braucht eine körperliche Basis und die körperliche Entwicklung erfordert die Kraft des Geistes.“[1] (Jigorô Kanô)

Allein dieses Zitat von Prof. Kanô bildet im Wesentlichen die Grundlage der folgenden Arbeit. Im Zentrum des Interesses steht die untrennbare Einheit von körperlicher und geistiger Entwicklung im Judo.

Seit vielen Jahren ist in deutschen Dojos zu beobachten, dass ein wichtiger und fundamentaler Aspekt des Judo, die Ausbildung des Charakters und der Persönlichkeit, entweder von den Judopraktizierenden nicht wirklich wahrgenommen oder von den Trainern nicht ausreichend gelehrt wird. Dies scheint nicht selten auf mangelndes Wissen um die Lehren und Grundgedanken des Begründers der Sportart Judo, Prof. Jigorô Kanô, zurückzuführen zu sein. Die vorliegende Arbeit soll zunächst eventuell vorhandene Wissenslücken bei Trainern und Trainierenden aufzeigen. Auf eine möglichst prägnante und gut verständliche Art und Weise sollen die Grundgedanken Prof. Kanôs erläutert werden. Denn erst die Kenntnis dieser Lehren ermöglicht den Judopraktizierenden eine angemessene Haltung auf der Judomatte.

Der Text Das Wertesystem im Judo und seine Erziehungsaufgabe wurde, ausgehend von ganz persönlichen Erfahrungen und Eindrücken, verfasst.

Der erste Teil befasst sich mit der Entstehung der Sportart Judo, den traditionellen Ansätzen und den Grundgedanken von Prof. Kanô. Diese theoretischen Darstellungen sollen aufzeigen, welchen erzieherischen Wert die Sportart Judo besitzt. Weiterhin werden die Begriffe Judowerte, Judoetikette und Judoprinzipien erläutert. Besonders die Judowerte erfahren eine ausführliche Diskussion, insbesondere im Hinblick auf deren Vermittlung an Kinder und Jugendliche. Im nächsten Schritt löst sich das Buch zunächst vom eigentlichen Thema, dem Judo, und wendet sich den Werten und dem Wertewandel in der Gesellschaft ganz allgemein zu. Denn bevor zu kritisch ein Werteverlust oder Wertewandel im Judo angeprangert wird, muss geprüft werden, ob die Veränderungen lediglich gesellschaftlich bedingt bzw. nicht ausschließlich auf die Sportart Judo zurückzuführen sind.

Der zweite Teil des Textes beschäftigt sich mit dem Istzustand des Judo in Deutschland. Mithilfe von Fragebögen an Sportler, Trainer und Eltern soll der Wahrheitsgehalt der Hypothese bezüglich des mangelnden Wissens und der unzureichenden Umsetzung der traditionellen Judowerte und -etikette geprüft werden. Die statistische Auswertung der Fragebögen soll Auskunft darüber geben, in welchen Bereichen sich Lücken aufzeigen und an welchen Stellen für eine Verbesserung des Zustands angesetzt werden kann.

Das Buch schließt mit der Darstellung von möglichen Strategien zur Verbesserung des derzeitigen Zustands in Bezug auf die bewusste Umsetzung der Judowerte und -etikette. Vorgestellt wird zunächst das bereits existierende DJB-Konzept (Deutscher Judo-Bund, 2006) Judo spielend lernen von 5-7 Jahren. Weiterhin werden einige konzeptionelle Vorschläge genannt, die auf persönlicher Beobachtung und Erfahrung basieren. Diese betreffen das alltägliche Training und sollen dazu beitragen, die Entwicklung der jungen Judoka im Geiste von Prof. Kanô zu fördern.

2 Die Sportart Judo

2.1 Die Entstehung der Sportart Judo: Das Kôdôkan Jûdô

Der Begründer des Kôdôkan Jûdô war Prof. Jigorô Kanô. Kanô wurde am 28. Oktober 1860 in Kobe als Sohn eines einflussreichen Regierungsbeamten geboren. Nach dem Tod der Mutter 1870 zog der Vater mit seinem Sohn nach Tokyo, dort besuchte Kanô mehrere Fremdsprachenschulen. Er zeigte eine außerordentliche Begabung auf diesem Gebiet. 1877 begann er dann sein Studium an der Toyo-Teikoku-Universität von Tokyo, er besuchte Vorlesungen in Literatur, Politik, Volksökonomie, Ästhetik und Moral. In diesem Jahr entwickelte sich sein Interesse an den alten Lehren des Jûjutsu.

In Fukuda Hachinosuko fand er seinen ersten Lehrer. 1882 begründete Kanô eine eigene Schule und lehrte dort Politik und Ökonomie, er entschied sich aber bald gegen die Laufbahn als Lehrkörper im Schulwesen. Seine Schule jedoch, an der er inzwischen selbst auch Kampfkünste lehrte, erfuhr großen Zuspruch im ganzen Land. Hier wurde der Grundstein für das Kôdôkan Jûdô gelegt.

Nach seiner ersten Auslandsreise 1889 kehrte er nach Tokyo zurück und heiratete, in den folgenden Jahren wurde er Vater von acht Kindern. Seine Lehren in der Kampfkunst, seine technischen Lehren, aber besonders sein Erziehungssystem prägten die sportliche und gesellschaftliche Entwicklung Japans im frühen 20. Jahrhundert. Kanô selbst gelang bereits zu Lebzeiten die Verbreitung seiner Sportart und seiner Lehren weit über die Grenzen Japans hinaus. Im Jahr 1938 verstarb Prof. Jigorô Kanô an einer Lungenentzündung[2].

Judo ist ein aus dem Japanischen stammender Begriff, welcher sich aus zwei Wörtern zusammensetzt: Jû-Dô.

Das Jû bedeutet Sanftheit und das Dô ist der Weg. Folglich bedeutet Judo wörtlich übersetzt „der Weg der Sanftheit“. Es ist ein Weg, unter physischen und geistigen Voraus­setzungen, der zu einem ausgeglichenen Leben führt; basierend auf einer Disziplin des unbewaffneten Kampfs[3].

Einer Legende zufolge entstand eines der Judoprinzipien aus der Beobachtung des Schneefalls im Garten eines japanischen Arztes namens Akiyama [Shirôhyôe][4]Yoshitoki. Er beobachtete dort, wie die Bäume im Winter mit immer mehr Schnee bedeckt wurden. Der große Kirschbaum, mit seinen starken Ästen, trug seine enorme Masse an Schnee, ohne dass diese sichtbar nachgaben, während sich die Äste der kleinen Weide immer mehr unter der Last beugten.

Eines Morgens stellte er überrascht fest, dass die Äste des Kirschbaums gebrochen waren; der Baum sollte diesen Winter nicht überstehen. Die kleine Weide dagegen erstrahlte weiterhin unter ihrer schneebedeckten Schönheit. Diese Beobachtungen in der Natur veranlassten den Arzt zum Nachdenken. Er kam zu dem Schluss, dass die kleine Weide ein besseres Verhalten gegen die widrigen Umstände gezeigt hatte. Ihre Äste gaben der Last nach und bogen sich so weit, bis der Schnee heruntergleiten konnte und die Belastung für die Äste immer kleiner wurde. Wie so oft bietet die Natur selbst die besten Lösungen für ein Problem an. Nicht nur der Arzt Akiyama, sondern auch Prof. Kanô erkannte die bedeutende Lehre, die in dem Verhalten der kleinen Weide steckt.[5]

Aus eben diesen Beobachtungen ging das erste Judoprinzip hervor: Siegen durch Nachgeben. Das bedeutet in der sportlichen Umsetzung, die Kraft des Gegners mit minimalem Aufwand zu nutzen, zu kontrollieren und zu überwinden. Basierend auf dieser Erkenntnis und den Kampftechniken der Samurai und des Jûjutsu, legte Prof. Jigorô Kanô die Grundlagen für eine neue Kampfkunst: das Judo.[6]

Als Kanô der neuen Kampfkunst den Name Jûdô gab, war dies kein Neologismus. Die Bezeichnung wurde bereits im Jahr 1714 von Suzuki Kuninori verwendet, als er den kitô-ryû Jûjutsu-Stil zum Kitô-ryû Jûdô umbenannt hatte. Bewusst entschied sich Prof. Kanô dafür, keinen gänzlich neuen Namen für seine Sportart zu benutzen, denn er empfand seine Kampfkunst als keine Neuheit. Sein Judo stand in einer langen historischen Tradition. Die Entwicklung der Sportart Judo bleibt, aus seiner Sicht, weiterhin ein Verdienst der Vorfahren. Genau diese Verbindung mit der Vergangenheit wollte Prof. Kanô auch durch die Bezeichnung seiner Kampfkunst ausdrücken.[7]

Eine genauere Betrachtung der einzelnen Bestandteile des Wortes Judo führt zur Erkenntnis, dass sowohl das „Ju“ als auch das „Do“ die Prinzipien der Sportart beinhalten. Das „Prinzip der Sanftheit“, welches Prof. Kanô dem Judo zugrunde legte, entstammt den mannigfaltigen Ausprägungen des Jûjutsu. Ziel ist es dort‚ „das Harte durch Sanftheit [zu] beherrschen“ und findet seine Anwendung in jeglichen Kampf- und Alltagssituationen. Im Jûjutsu und auch im Judo gilt zunächst unangefochten das „Prinzip der Sanftheit“.

Bald entdeckte Prof. Kanô jedoch, dass es in der praktischen Umsetzung auch zu Schwierigkeiten führen kann. Bereits bekannt und vielfach angewendet war die Theorie des Widerstands: Wer Widerstand leistet, bringt weniger Kraft auf und wird am Ende unterlegen sein. Das Vorgehen in einer Kampfsituation muss allerdings ein anderes sein: Es gilt, die Kraft des anderen zu nutzen, indem man ausweicht und so die eingenommene Stellung verändert. Nur so gelangt man zum Ziel.

Neben dem Siegen durch das Ausnutzen der gegnerischen Kraft findet sich in dem Begriff Sanftheit noch eine weitere Bedeutungsdimension: der Sieg durch die Vermeidung der Konfrontation. Prof. Kanô zeigte auf, dass der unbedingten Gültigkeit dieses Prinzips auf der technischen Ebene auch Grenzen gesetzt sind. Gerade im Bodenkampf bei Halte-, Würge- und Hebeltechniken besteht weder die Möglichkeit, der gegnerischen Kraft auszuweichen, noch sie zu nutzen. Die Unzulänglichkeit dieses Prinzips veranlasste Kanô zu einer Weiterentwicklung seiner Sportart, sie sollte auf dem „Prinzip der effektivsten Nutzung der Energie“ basieren.[8]

Der Weg, das „Do“, ist ein Bestandteil, der nahezu allen Kampfkünsten zugrunde liegt. Der Weg-Begriff verleiht ihnen neben dem analytisch-rationalen Prozess auch noch einen philosophisch-religiösen Gehalt. Nach Prof. Kanô bezeichnet der Weg nicht nur den „Lehrweg“, den ein Schüler von seinem Sensei aufgezeigt bekommt, sondern vielmehr noch den Weg des Menschen zur Erreichung des Ziels in seinem Leben. Dieses Ziel ist für Kanô die „Vollendung des Prinzips vom wechselseitigen Gedeihen“. Um dieses Prinzip sowohl im Leben als auch im Judo zu erreichen, muss jedes Individuum seine Energie so effektiv wie nur möglich nutzen. Basierend auf dem „Prinzip der effektivsten Nutzung der Energie“, hat Prof. Kanô seine Judotechniken entwickelt, die zum Sieg über den Gegner führen sollen.

Die Erweiterung der Lehren Kanôs, über die Kampfkunst hinaus, ins alltägliche menschliche Leben birgt den wesentlichen Unterschied zwischen dem Judo und dem Jûjutsu. Kanôs grundlegende Kriterien sind dazu ausgerichtet, durch menschlich-sittliches Handeln eine ideale Gesellschaft zu erschaffen. Er löst sich im Gegensatz zum Jûjutsu von den Lehren der reinen Kampfkunst und wendet sich einem übergeordneten Ziel zu: der Verbesserung der Lebensumstände des japanischen Volks und eines harmonischen Zusammenlebens der gesamten Menschheit.

Da der Bevölkerung die Differenzierung zwischen den vielen Kampfkünsten nicht mehr möglich war und sie im alltäglichen Gebrauch die Begriffe Judo und Jûjutsu