Das letzte Tabu - Henning Scherf - ebook

Das letzte Tabu ebook

Henning Scherf

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Opis

Viele Menschen sterben angeschlossen an Schläuchen auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Wenn sie Glück haben, ist jemand da, der ihre Hand hält. Müssen wir Angst vor der Einsamkeit am Ende haben? Henning Scherf und Annelie Keil beobachten und fordern eine gesellschaftliche Kursänderung. Sie beschreiben ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Tod, bittere wie tröstliche, und verbinden diese mit der Frage: Wie wollen wir sterben? Ein sehr persönliches Buch, das auch eminent politisch ist. Und das Mut macht, Abschied gemeinsam zu leben, um erträglicher zu machen, was wir zuletzt alle durchleben müssen. Viele Menschen sterben angeschlossen an Schläuchen auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Wenn sie Glück haben, ist jemand da, der ihre Hand hält. Müssen wir Angst vor der Einsamkeit am Ende haben? Henning Scherf und Annelie Keil beobachten und fordern eine gesellschaftliche Kursänderung. Sie beschreiben ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Tod, bittere wie tröstliche, und verbinden diese mit der Frage: Wie wollen wir sterben? Ein sehr persönliches Buch, das auch eminent politisch ist. Und das Mut macht, Abschied gemeinsam zu leben, um erträglicher zu machen, was wir zuletzt alle durchleben müssen.

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Annelie Keil/Henning Scherf
Das letzte Tabu
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
[Titel]
[Impressum]
Inhalt
Vorwort
1 Ein Dialog über die Kunst des Abschiednehmens
2 Dem Tod begegnen und das Leben erfahren
Erinnerungen an eine Flucht – Augenblicke, die bleiben
Der Tod lauert hinter jeder Ecke, aber das Leben geht weiter
Jeder Mensch stirbt, aber immer ist es anders
Endliches Leben – ein ständiger Lernprozess
Den Koffer packen für die letzte Reise
Wir sind keine Einzelkämpfer: Sterben lernen im Dialog
Altwerden geht unter die Haut
Begegnung im Abschied
Der Sterbende selbst komponiert die Schlussmelodie
Keine Flucht ins Allgemeine
3 Das verdrängte Sterben
Der erste Tod – das Sterben der Großmutter
Zerstörung der Sterbekultur in Zeiten der Industrialisierung
Das Sterben der Mutter
Der verdrängte Tod
Folgen der Trostlosigkeit – Von der Verdrängung zur Sterbehilfe
Die entscheidende Frage: Wie wollen wir sterben?
Der Endlichkeit nicht ausweichen
Über das Unvermeidliche reden
Sterbende begleiten
Im Begleiten etwas für sich selbst tun
Das Gemeinwohl fängt bei uns selber an
4 Der Abschied vom Leben als biografische Herausforderung
Liegen lernen
Das Buch vom Leben und Sterben, »Ars moriendi« und »Ars vivendi«
Zeitlose Fragen
Die Kunst, im eigenen Leben älter zu werden und es zu verstehen
Abschied leben lernen ist mehr als Überlebenskunst
Eine Sprache finden, die Nähe ermöglicht
Reden ja, aber über was? Was sind die richtigen Fragen?
5 Das Sterben »machen«
Dem Sterbenden helfen – ganz konkret
Das Paradox Selbstbestimmung
Die Angst, zur Last zu fallen
Ein Schutzraum für Arzt und Patient
Die Palliativmedizin bringt Hilfe
Weglaufen ist keine Lösung: Sich verantwortlich machen
6 An der Seite der Sterbenden bleiben
Alles braucht seine Zeit: unterschiedliche Zeiterfahrungen
Von Sterbenden neu lernen, was Menschsein heißt
Wenn der Tod den Raum betritt, öffnet sich der Blick
Die Angst vor dem Abschied vom Leben und die Folgen
»Ich mag allein nicht gehen«
Die Begleiter von heute sind die Sterbenden von morgen
Wie das soziale Netzwerk der Helfer wirkt
Was am unvermeidlichen Ende von Bedeutung ist
Grundbedürfnisse als Wegweiser
Kreativität ist gefragt
7 Das persönliche Umgehen mit dem Tod
Das traditionelle Ritual
Die Bestattungskultur wandelt sich
Den Anlass für individuelle Abschiede nutzen
Neue Freiheiten in der Bestattungskultur
Das Ritual mit Leben füllen
Rücksicht auf die Individualisierung – das passende Ritual
Die anonyme Bestattung
Neue Rituale als Bereicherung
8 Selbstbestimmt bis zum Ende
Wenn das bisherige Lebensgefühl bröckelt
»Ich halte das einfach nicht mehr aus«
Die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben bis zuletzt
Selbsttötung – wenn einer selbst den Schlusspunkt setzt
Jenseits des medizinischen Blicks – das Erleben ganzheitlich wahrnehmen
Die Zerbrechlichkeit der Selbstbestimmung
Was den versöhnlichen Abschied schwer macht
Was am Ende zählt, ist Empathie
9 Trauern und Bewältigen
Der Tod ist persönlich
Wir brauchen Zeit für die Trauer
Umgekehrte Beziehungsarbeit – die Bindung lösen
Öffentliche Trauer
Der Tod Alama Condés
Trauer um tote Flüchtlinge
Die Endlichkeit aushalten
Abschiedlichkeit und Verantwortungsethik
Dank
Die Autoren
Vorwort
1 Ein Dialog über die Kunst des Abschiednehmens
Uta von Schrenk: Warum ist es immer noch tabu, über das eigene Sterben und den eigenen Tod zu reden?
Annelie Keil:Wir sind ja schon dabei, dieser Verdrängung entgegenzuwirken. Dazu tragen etwa die Kriegsberichterstattung in den Medien bei, die öffentliche Diskussion über Krankheiten, die zum Tod führen, aber vor allem die Arbeit der Hospizbewegung, die sich aktiv um die Verbesserung der Situation Sterbender und ihrer Angehörigen und um die Integration von Sterben und Tod ins Leben bemüht. Dennoch wird das Tabu vor allem durch zwei Faktoren immer noch gestützt: Der eine ist die Angst aller Menschen vor dem Ende des Lebens und die Schwierigkeit, hierüber schon mitten im Leben einen offenen und freien Dialog zu führen. Das hat zu einer großen Einsamkeit und Isolation der Menschen am Lebensende geführt und das Leiden verstärkt. Der andere Grund ist das, was Ivan Illich die »Medikalisierung der Gesellschaft« und die »Nemesis der Medizin« genannt hat. Der Wahn der Machbarkeit haben Gesundheit und Krankheit zu einer medizinischen Ware und den Tod »manipulierbar« gemacht. Der natürliche Tod erscheint wie ein Phantom, das sich dem technischen Eingriff entzieht. Alter wird zur behandlungsnotwendigen Krankheit, und Gesundheit ist der Enteignung durch »Experten« zum Opfer gefallen.
U.v.S.: Warum ist es so wichtig, dass wir über das Sterben reden?
Henning Scherf:Das Sterben gehört zum Leben. Darum ist das Reden darüber ein Teil unseres Lebens. Wenn ich selbst über mein Sterben reden kann, trage ich dazu bei, dieses Thema wieder in die Mitte unserer Gesellschaft zurückzuholen. So haben wir die Chance, bewusst und ohne Verdrängung der Endlichkeit unseres Lebens die uns bleibende Zeit zu erleben.
U.v.S.: Sind die Abschiede im Leben, die jeder von uns meistern muss, eine kleine Vorbereitung auf den letzten Abschied, den Tod?
A.K.:Ich glaube, dass man das Sterben nicht lernen kann, aber den Umgang mit der Tatsache, dass wir sterblich sind, schon. Abschiednehmen ist die Grundstruktur allen Lebens. Unser Leben beginnt mit einer Entbindung, wir müssen uns nach neun Monaten von der ersten Heimat verabschieden. Kindergarten, Schule, der Auszug aus dem Elternhaus, das Ende der Erwerbsarbeit – alles Abschiede. So lange wir leben, müssen wir uns immer wieder einbinden, uns neu verorten – so wie die vielen Flüchtlinge, die jetzt zu uns kommen. Das Sterben selbst können wir sicher nicht lernen, aber es gibt wie bei großen Verlusten auch unterschiedliche Annäherungen, denn all diese Abschiede im Leben sind Teile des letzten Abschieds, in dem es um das Loslassen von allem geht, was einmal war.
H.S.: Mir hat bei meinen Abschieden im Leben immer geholfen, mich auf das, was mir verblieben ist, zu konzentrieren. Man kann zwar nicht mehr alles haben, aber das was verblieben ist, ist noch so reich und spannend, dass es sich lohnt, damit zu leben. Eine solche Haltung gibt auch dem Sterben eine neue Qualität. Im Grunde müssen wir im Prozess des Sterbens die Perspektive wechseln: Es geht nicht mehr darum, sich auf immer wieder Neues einzustellen und weiterzumachen. Nun geht es darum, etwas zu beenden, Bilanz zu ziehen, sich auf das zu konzentrieren, was war und auf das, was noch ist. Ich denke zunehmend über das nach, was war. Was mir gelungen ist und was nicht. Wo ich etwas bewirkt habe und wo nicht. Ich denke nicht mehr daran in der Hoffnung, dass ich noch etwas korrigieren kann – das Geschehene ist nicht mehr zu ändern. Aber mir das noch einmal bewusst zu machen, mir das noch einmal zu vergegenwärtigen, finde ich kostbar und wichtig, darin übe ich mich.
U.v.S.: Das Christentum des Mittelalters übte sich in derars moriendi, der Kunst des Sterbens – mit Blick auf das Paradies als Faustpfand. Geht es für uns heute darum, eine moderne oder sogar postreligiösears moriendi zu finden?
H.S.:Wir beide wollen die Mutlosigkeit und die Sinnlosigkeit, die viele in unserem Kulturkreis mit dem Sterben verbinden, aufbrechen und sagen: Es gibt ein Leben im Sterben und es gibt ein Sterben im Leben. Beides gehört untrennbar zusammen. Es geht uns darum, nicht vor dem Sterben und den Sterbenden wegzulaufen, kein Tabu darüber zu legen und zu sagen, wir juxen jeden Tag, so gut wir können, und dann fallen wir plötzlich wie vom Blitz getroffen um. Denn so wird es nicht sein. Uns geht es darum, dass Menschen, die mit dem Sterben befasst sind, um sich herum Menschen finden, die sagen: Wir sind bei dir und wir bleiben bei dir. Eine solche Haltung würde ich nicht unbedingt postreligiös nennen, sondern human. Eine Haltung, die von der Hoffnung auf den Menschen geprägt ist.
U.v.S.: Also eine ars moriendi, die man auch dem aufgeklärten Menschen anbieten kann, der davon überzeugt ist, dass das Leben mit dem Tod zu Ende ist.
A.K.:Ja. Diears moriendi zieht sich durch die gesamte Geschichte der Philosophie und Ideengeschichte– zu der für mich auch die Religionen gehören. Schon immer war die Kunst des Sterbens auch mit der Kunst des Lebens verbunden. Das Geheimnis des Lebens ist, dass es höchst Unterschiedliches für jeden von uns bereithält. Insofern sind Menschen wie wir, die sich mit ihrem Lebenswerk identifizieren können, in einem sehr privilegierten Zustand. Ich erlebe aber sehr viele Menschen, denen der Stolz auf ihre Lebensleistung abhandengekommen ist.
U.v.S.: Wie meistert man die Erkenntnis, nicht alles zu können, was von einem erwartet wird?
A.K.:Zur Lebenskunst gehört so etwas wie Schicksalsergebenheit. Das ist etwas sehr Spirituelles oder auch Religiöses für mich, und etwas tief Menschliches. Schicksalsergebenheit ist die Kunst, das, was im Leben nicht gelaufen ist, was nach einem Abschied nicht weiter ging, mit Schmerz- und Trauerarbeit anzunehmen und dann bereit zu sein, bei Null oder besser: wieder bei Eins zu beginnen. Ohne zwischendurch im Leben aufzuräumen geht es nicht – damit man Klarheit darüber gewinnt, was noch geht und was nicht mehr geht. Das betrifft auch die kleinen Gemeinheiten des Alters: Man kann nicht mehr richtig hören, man kann nicht mehr richtig gehen. Aber es braucht diesen Moment, zu akzeptieren, dass ein Hörgerät es richten kann, dass ein Rollator über die Straße hilft, sogar den Einkauf schleppt oder auch mal dem blöden Nachbarn in die Hacken fährt. Diese Potenzialität öffnet sich aber nur dann, wenn du den Blick auf das wendest, was bleibt.
H.S.:Die Frustrationstoleranz, die wir Kindern und Heranwachsenden beizubringen versuchen, ist eine Voraussetzung dafür, mit den Abschieden des Lebens klarzukommen.
A.K.:Was man in der Lebenskunst nicht gelernt hat, lernt man auch nur schwer in der Sterbekunst. Eine der ganz großen Fähigkeiten, um leben und sterben zu können, ist Geduld. Als Kindern wird uns diese Fähigkeit zur Geduld oft genommen – etwa wenn wir aus unserem Spiel herausgerissen werden. Unser Erwachsenenleben ist nicht von Geduld gekennzeichnet, in dieser Zeit, in der alles effektiv und sofort sein muss. So effektiv übrigens, dass man heute oft ungeduldig auf die Sterbenden schaut und sich fragt, wie viele Sterbende die Gesellschaft sich leisten kann, die auf ihre Weise und im eigenen Rhythmus zu Hause oder in unseren Hospizen sterben dürfen. Eine Debatte, die uns dahin bringt, über aktive Sterbehilfe nachzudenken.
H.S.:Ich habe mir den Begriff Demut angeeignet. Demütig werden heißt ja nicht, resignativ zu sein und aufzugeben. Demut meint, ich werde bescheiden in meinen Ansprüchen und versuche aus dem, was mir geblieben ist, im Respekt vor dem, was ich noch kann, etwas Gutes zu machen.
A.K.:Geduld und Demut gehören zusammen. Demut ist eine tief geistige, spirituelle Haltung. Denn in der Demut kommt noch die Dankbarkeit dazu. Gute Politik muss meiner Meinung nach spirituell ausgerichtet sein, sich um das Gemeinwohl kümmern, die Würde des Menschen achten und »Ehrfrucht vor dem Leben« zum Kern ihres Handelns machen. Und auch eine menschlichere Kultur am Lebensende braucht eine solche Ausrichtung. Als Sterbender gehöre ich zu jener Minderheit gegenüber der Masse der Lebenden, für deren Rechte jemand eintreten muss. Die Würde des Menschen endet nicht an seinem Sterbebett.
H.S.:Es ist existentiell, dass ich das Sterben nicht allein erlebe, sondern dass ich jemanden bei mir habe, der mir nahe ist und mir hilft. Es ist eine große Not, dass ganz viele inzwischen alleine sterben, dass sie niemanden haben, der sich an ihre Seite setzt, mit ihnen redet, mit ihnen nachdenkt und auf ihre Wünsche reagiert. Darum ist es so wichtig, sich aus seiner Einsamkeit herauszuarbeiten und sich umzusehen, ob es nicht Menschen gibt, mit denen man sein Leben, aber auch seine letzten Monate und Wochen teilen kann.
A.K.:Das Problem der Einsamkeit, des Nichtberührtwerdens, die Erfahrung, ausgeschlossen zu sein und keinen Zugriff auf das Notwendige mehr zu haben, ist ein zentrales Problem des Lebens. Es verschärft sich in dem Moment, in dem ein Mensch zunehmend unbeweglich wird, das Haus nicht mehr verlassen und sich nur schwer Beistand holen kann – sei es beim Arzt, bei der Pflegerin oder Freunden.
Einsam kann der Mensch aber auch mitten unter Menschen sein. Das Gefühl, dass niemand mehr da ist, wenn es darauf ankommt, wenn ein Mensch in großer Not ist, ängstigt vor allem alte Menschen. Oft geht es dabei um »seelische Abwesenheit«, um das Gefühl, vergessen zu werden. In der Sterbebegleitung kann man das immer wieder beobachten. Das Schlafzimmer, sowieso immer ungeheizt, kein Wohnraum im eigentlichen Sinne, ein leeres Bett, in der früher der längst verstorbene Ehepartner schlief. Jetzt stirbt der andere im gleichen Zimmer. Nur ab und zu kommt mal jemand herein. Sicher, diese Sterbenden sind versorgt. Das Leben aber spielt sich woanders ab. Familien, die auch sonst nicht viel miteinander gesprochen haben, die kleine und große Kriege miteinander gespielt haben, die sich als Angehörige überfordert fühlen, werden in der Regel auch nicht zu liebevollen Sterbebegleitern, die mit dem Sterbenden Hand in Hand dem Ende entgegengehen.
H.S.:Dennoch, nicht allein zu sein, ist für mich die Basis. Wenn ich als Sterbender in der Wohnung bleibe, mit den anderen zusammen, und vielleicht die Tür offen steht und ich noch höre, was die anderen machen – das ist immerhin noch etwas. Aber die, die völlig allein sind, bei denen sich niemand mehr meldet und die nicht wissen, wer links oder rechts von ihnen wohnt, die haben es wirklich schwer.
A.K.:Das stimmt auch. Was ich sagen will, ist: Man muss genau hinsehen. Anonymität und Einsamkeit kann es überall geben, das muss nicht im Hochhaus sein. Deshalb gibt es in Bremen und anderswo übrigens so etwas wie Wohlfühlanrufe. Ein oder zwei Anrufe die Woche machen einen großen Unterschied für jemanden, der nur noch sich selbst und vielleicht den Pflegedienst hat. Neben der Hospizbewegung haben sich viele Menschen in Kirchengemeinden, Nachbarschaften, Vereinen aufgemacht, dem Prozess der Vereinsamung entgegenzutreten. Auch Familien brauchen Hilfe, wenn im Sterben alle Familienkonflikte noch einmal hochkochen. Was ist, wenn die Frauen nach jahrelanger aufopfernder Pflege zunehmend einen Horror vor dem Sterben bekommen und sich fragen, wer für sie da sein wird? Wir müssen nicht nur dafür sorgen, dass Leute um uns sind, sondern auch dafür, dass wir uns fremder Hilfe öffnen. Wir sind nicht so schlecht aufgestellt, auch in den palliativen Diensten, die auf medizinische und pflegerische Betreuung bzw. Versorgung sterbenskranker Menschen auch im häuslichen Umfeld spezialisiert sind. Doch wir müssen sie auch anfordern. Da ist es egal, ob die Wohnung unaufgeräumt ist und das Geschirr nicht abgewaschen. Leben ist Koexistenz. Wir sind immer verbunden mit anderen, warum sollte das im Sterben anders sein? Aber es läuft nicht von selbst.
H.S.:Das war auch so bei einem guten Bekannten, der kürzlich gestorben ist. Lange Zeit wollte ihn die Familie zu Hause behalten, aber zum Schluss ist er doch wegen seiner Gebrechlichkeit in eine Pflegewohngemeinschaft um die Ecke gezogen. Seine Frau konnte dann, wann immer sie wollte, ihn besuchen. Es hatte Jahre gebraucht, bis sie sich auf diese Situation einlassen konnten.
A.K.:Ohne einen Abschied vom alten Leben geht es nicht. Durch einesolche Entscheidung muss man erst einmal hindurchgehen – mit allen Lebensmustern, Eigenheiten und Schuldgefühlen, auch dem Sterbenden gegenüber. Denn auch der Sterbende ist ja noch am Leben, das heißt, dass er möglicherweiseetwas akzeptieren muss, was ihm nicht so angenehm ist. Hilfe brauchen, Gepflegt werden müssen, sterben ist nie Friede, Freude, Eierkuchen. Wenn Angehörige ihre Sterbenden ins Hospiz bringen, sagen sie oft: Ich wollte das doch bis zum Ende machen, ich will meine Mutter doch hier nicht abgeben. Ich sage dann: Wir sind ja auch keine Postannahmestelle, sondern wir nehmen ihre Mutter als Gast hier auf, wir sorgen für sie, und Sie selbst können sich jetzt erst einmal ein, zwei Tage erholen und sich dann auch wirklich liebevoll und in aller Ruhe, einigermaßen sorgenfrei von ihrer Mutter verabschieden. Das kann man nämlich nicht, wenn man von morgens bis abends damit beschäftigt ist, ob man die Mutter früh genug gedreht hat oder nicht und ob sie die Suppe jetzt ausspuckt oder nicht oder ob sie jetzt eine Sonde braucht oder nicht. Auch im Sterben brauchen wir Geduld, Demut, Dankbarkeit und Hilfe, aber eben manchmal auch die Erkenntnis: Wat mut, dat mut!
U.v.S.: Sie sind als Wissenschaftlerin nicht distanziert im Elfenbeinturm sitzen geblieben. Und Sie sind als Politiker nicht abgehoben nur im Hohen Haus unterwegs gewesen. Sie beide engagieren sich für Alters- und Gesundheitsthemen, für Bildung und Hospize, für Flüchtlinge und Obdachlose.
A.K.:Unser Engagement kommt nicht von ungefähr. Es speist sich aus unseren Biografien. Die Tatsache, dass mein ganzes Leben ein ungeschütztes Leben war, als Halbwaise, als Heimkind, als Flüchtlingskind, als Kind einer überforderten, auch gewalttätigen Mutter, hat Einfluss auf meine Arbeit genommen. Meine Projekte, zum Beispiel die Suppenküche, sind unbewusst der Erfahrung geschuldet: Hunger hast du auch erlebt. Ich habe schon als Kind organisieren gelernt. Man braucht ein Dach über dem Kopf, man braucht etwas zum Essen, zum Anziehen. Ich bin also sehr schnell bei den Bedürfnissen. All mein Wissen, das ich mir zur Psychosomatik angelesen habe, hat die Ergänzung durch die Praxis gefunden, zum Beispiel durch die Tatsache, dass ich selbst so oft krank gewesen bin. Alles, was ich zum Thema Brustkrebs oder zu den Herzkrankheiten geschrieben habe, hatte auch mit meiner eigenen Erfahrung zu tun. Das muss man sich nicht wünschen. Aber daher kommt meine Nähe zu den Dingen und zu den Menschen. Ich bin durch tiefe Einsamkeit gegangen, als Kind, als Jugendliche, als Frau. Alle meine Wünsche, Familie und Kinder zu haben, haben sich nicht erfüllt.Aber da waren eben immer auch meine Freunde, wie Henning und seine Frau Luise und andere, die dann im Krankenhaus für mich da waren, die mir Aufmerksamkeit und Anerkennung geschenkt haben. Ohne all diese Menschen wäre mein Leben nicht so gut ausgegangen. Insoweit bin ich davon überzeugt, dass jeder für sich herausfinden muss, wie es ihm möglich ist, eine Kultur der Menschlichkeit sich selbst und anderen gegenüber zu leben.
U.v.S.: Wie hat Ihre Biografie Sie zum handelnden Menschen gemacht, Henning Scherf?
H.S.:Ich bin, ganz anders als Annelie, in eine große Familie hineingeboren, die in der Nazi-Zeit, als Mitglieder der Bekennenden Kirche, extrem unter Druck war. Wir sechs Geschwister und unsere Oma haben zusammengehalten, als mein Vater im Gefängnis war und meine Mutter schwer krank wurde. Mich hat geprägt, dass ich nicht allein war. Hinzu kam, dass mein Vater sehr fromm war und uns Kinder davon überzeugt hat, dass wir gehalten werden, dass wir unter göttlichem Schutz stehen. Das Grundgefühl, dass man zusammenhalten muss, habe ich schrittweise immer weiter auch auf andere Menschen übertragen – meine Frau Luise und meine Kinder, aber auch auf Freunde und politische Mitstreiter. Herbert Brückner, Willi Lemke, Hans Koschnick – sie alle waren und sind Menschen, die nicht einfach nur ein befristetes taktisches Interesse an mir hatten, sondern die meine politischen Freunde wurden. Ebenso die Söhne von Willy Brandt. Mit Matthias Brandt und unserem Sohn Christian führen wir unsere Hilfsprojekte in Nicaragua weiter – die wir übrigens ohne unsere jüngste Tochter nie entwickelt hätten, denn sie war die Erste von uns dort unten. Allein schafft man so etwas nicht.
A.K.:Es ist einfach notwendig, als Bürger da zu sein. Zivilgesellschaftliches Engagement ist kein Zuckerbrot, kein Nachtisch zu den Hauptmahlzeiten des Lebens, nach dem Motto: Jetzt habe ich noch ein bisschen Zeit. Nein, die Notwendigkeit wird leibhaftig erlebt. Hennings Kriegsfamilie mit bedrohter Mutter und bedrohtem Vater, aber eben auch mit der Großmutter und den Geschwistern ist nicht nur eine Bürde gewesen, sondern auch eine unglaubliche Ressource. Und mich hat genau das Gegenteil, die Familienlosigkeit, schon existenziell als kleines Baby in die Wahlverwandtschaften getrieben. Ich bin im Grunde das Kind einer erfolgreichen öffentlichen Erziehung. Tante Ichen und Tante Ilse, die in dem Waisenhaus in Polen, in dem ich als kleines Kind war, jeden Abend 40 Kindern einen Gute-Nacht-Kuss gegeben haben, fehlen mir heute noch. Und ich hatte Lehrer, die ihre Hand über mich gehalten haben. Eine Lehrerin auf der Mädchenschule gab mir immer am 20.des Monats einen Briefumschlag mit 40 D-Mark – was damals viel Geld war –, weil sie merkte, dass ich ab dann kein Schulbrot mehr hatte. Und als ich im Abitur einen schweren Depressionsanfall hatte, kniete mein Religionslehrer neben mir und sagte: »Keil, schreiben Sie wenigstens eine Fünf, dann kann ich Sie ins Mündliche nehmen«. Bei einer Sechs wäre ich draußen gewesen. Das ist zivilgesellschaftliches Engagement. Die Erfahrung, dass man Menschen findet, die zu einem halten, die habe ich also auch gemacht. Und auch bei mir spielt die Religion oder das Spirituelle eine große Rolle. Dabei war meine Mutter überzeugte Atheistin. Aber ich bin heimlich in den Kindergottesdienst gegangen und habe eine kleine Broschüre von Albert Schweitzer entdeckt. Mit zwölf habe ich mich gegen den Willen meiner Mutter taufen lassen – in der Annahme: Wenn in der Kirche solche Menschen wie Albert Schweitzer sind, kann das kein schlechter Verein sein. Ich bin dann wieder ausgetreten, als ich gesehen habe, was die Kirchen in Südamerika angerichtet haben. Aber der feste Glaube, dass man als Mensch etwas tun kann und dass wir in eine größere Ordnung eingebunden sind, hält sich und stärkt mich bis heute.
U.v.S.: Sie beide verbringen nun das, was man früher den Lebensabend nannte. Das bedeutete jahrzehntelang ein Ausruhen von der Arbeit, vielleicht den Kindern noch in Haus und Garten ein wenig zur Hand zu gehen und so, langsam schwächer werdend, Abschied von der Welt zu nehmen. Sie beide dagegen sind wie viele Ihrer Generation noch sehr aktiv. Empfinden Sie hier so etwas wie einen gesellschaftlichen Druck?
H.S.:Diesen Druck spüre ich nicht. Wenn ich gefragt werde, wie ich das eigentlich schaffe, spüre ich, dass andere sich eher abgedrängt fühlen. Dabei lerne auch ich, Schritt für Schritt, dass ich nicht mehr alles kann. Mich reduzieren müssen ist mein Alltag. Ich versuche über meine Verluste, meine reduzierte Kompetenz durch Reden, auch öffentliches Reden hinwegzukommen.
U.v.S.: Wie ist das bei Ihnen, Annelie Keil?
A.K.:Gedrängt, Leistung zu zeigen, fühle ich mich nicht. Aber auf der anderen Seite fühle ich eine Chance unserer Generation, mit den Jüngeren in Kontakt zu treten und Erfahrungen weiterzugeben. Die massive demografische Veränderung, dass wir als erste Generation in diesem Kulturkreis nach dem Ende der Erwerbsarbeit noch 20 bis 25 Jahre haben, ist ein großes soziales Ereignis. Als ich jung war, gingen die Alten mit 65 in Rente und waren mit 75 tot. Aber für den Einzelnen wie für unsere Generation ist es toll, dass wir älter werden. Das ist doch keine Zumutung. Aber natürlich müssen wir nun unsere soziale Absicherung anpassen. Der Lebensabend hat eben immer auch etwas mit dem Lebensmittag und dem Lebensmorgen zu tun.
Der Weg muss vom Einzelnen in die Gemeinschaft gehen. Und umgekehrt tue ich ja alles, was ich noch für die Gemeinschaft tue, im Wesentlichen für mich. Wenn ich zum Beispiel als alleinlebende Frau nicht mehr hinausgehe, in meine Suppenküche oder zu einem Vortrag oder in eine Schule, um mit den Kindern über Themen wie Glück zu diskutieren, dann wird mein Leben ärmer. Dieser lange Lebensabend ist vielfältiger, als er früher war, und das darf er auch sein. Aber müssen müssen wir nicht mehr. Jetzt heißt es, alle müssten jung alt werden, gesund und fit bis hundert – was für ein Quatsch. Wer krank ist und Gebrechen hat oder einfach nichts mehr leisten möchte, muss auch alt werden dürfen – auch vor dem Fernseher.
H.S.:Dieses Forever Young ist eine Marketingmasche. Wenn ich mir die Menschen ansehe, mit denen ich täglich zu tun habe, ob privat oder auf meinen Vorträgen, dann sehe ich da nur eine ganz kleine Minderheit, die bis hundert am Reck turnt.
A.K.:Ich will nicht mit einer Rolle vorwärts in den Sarg. Ich möchte von vier netten Männern getragen werden. Leider werden die es alle im Rücken haben, wenn es soweit ist. Früher wäre man stolz gewesen, wenn man 77 wird, heute ist neunzig nicht genug – und das bitte taufrisch. Dieses Ewig-jung, Ewig-fit – damit haben wir ja schon die Jungen krank gemacht. Und nun sollen wir Alten auch noch ewig gesund und alt werden. Nein, wir werden auf die Weise gesund, krank und alt, wie wir auch gelebt haben und was uns in unserem jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Gefüge möglich war. Ein Mädchen im dritten Schuljahr hat einmal gesagt: Meine Oma ist von innen jung. Das fand ich eine wunderbare Definition. Das sagen übrigens viele Enkelkinder.
U.v.S.: Müssen wir Menschen der Leistungsgesellschaft das Sterben auch noch besonders gut hinkriegen?
A.K.:Bitte nicht. Auch hier kommt es auf Schicksalsergebenheit an, nämlich nicht zu wissen, wie alt wir sind, wenn wir sterben, nicht zu wissen in welchem Zustand. Der Tod kommt ja auch bei Gesunden, das sollte man zur Kenntnis nehmen. Man kann das eine oder andere hinausschieben, aber im Grunde genommen ist dieses Forever Young eine der neuen Tabuisierungen der Endlichkeit. Es geht darum, Menschen als Käufer, als Konsumenten verfügbar zu machen bis ins hohe Alter. Wenn ich heute durch eine Seniorenmesse gehe, schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen. So hilfreich vieles ist, was da steht, so überbordend bis absurd ist auch das Angebot. Sicher, Geräte machen das Leben leichter, ein Pflegebett, von dem aus ich noch den Fernseher anschalten oder das Fenster öffnen kann, gestattet mir einen Rest an Selbstbestimmung. Aber ich muss dennoch akzeptieren lernen, dass das Leben endlich ist. Letztlich hilft mir kein Botox. Letztlich helfen mir nur helfende Hände.
U.v.S.: Mehr Menschlichkeit im Sterben – worum geht es Ihnen dabei?
H.S.:Ich erlebe, dass breite Teile der Bevölkerung das Sterben verdrängen und in ihrem Leben die Nähe zu Sterbenden nicht mehr suchen. Sie verlassen sich auf Institutionen, um sich das Thema vom Hals zu halten. Dass aber genau das ein großer Verlust ist, an Lebenstiefe, an Lebensbewusstsein, ist vielen gar nicht bewusst. Wir werten das Leben auf, indem wir uns bewusst auf den Tod hinentwickeln, hindenken und hinleben. Wenn man das abschneidet, dann berauben wir uns unserer Lebensmöglichkeiten. Dann zappen wir uns durch ein Leben, dem die Fülle und Tiefe fehlt. Wer Alter, Gebrechlichkeit und Sterben ausblendet, kann auch die guten Zeiten nicht genießen und wertschätzen. Eine solche Haltung ist eine Grund für fehlende Empathie anderen Lebenssituationen gegenüber. Daraus entsteht eine Beliebigkeit, die durch unsere anonyme Massengesellschaft dramatisch verstärkt wird. Dagegen angehen können wir nur, indem wir das Leben in seiner Ganzheit wieder erfahrbar machen. Und dazu gehört auch, dass die Menschen sich im Sterben nicht alleinlassen.
A.K.:Wir bemühen uns im Hospiz, mit jedem die Punkte in seinem Leben zu finden, auf die er stolz sein kann. Drei Kinder großgezogen zu haben und einen Job, obwohl er schlecht bezahlt wurde, trotzdem einigermaßen engagiert gemacht zu haben, das sind große Lebensleistungen. Erst wenn ich mich so bewerten kann, kann ich mir vorstellen, dass es anderen Leuten Spaß macht, mit mir zusammen zu sein. Das gilt für das Alter – vielleicht finden mich fremde Kinder großartig, weil ich ihnen regelmäßig etwas vorlese –, und das gilt fürs Sterben – vielleicht interessiert die junge Pflegerin im Hospiz sich sehr für meine Lebensgeschichte. Es ist ein großer biografischer Auftrag, in der letzten Phase sowohl den Blick zurück auf das Werk zu lenken, als auch bereit zu sein, weiterzumachen. Johann Sebastian Bach ist ein tolles Beispiel dafür. Was dieser arme Mann alles an Knüppeln zwischen die Beine bekommen hat – und dennoch hat er sich immer wieder an die nächste Kantate gesetzt, selbst als er im Alter erfuhr, dass man schon einen neuen Kantor bestellt hatte. Diese Widerstandsfähigkeit brauchen wir alle.
U.v.S.: Welche Rolle spielt dabei die Hospizbewegung?
A.K.:Wir können das Sterben und den Tod, übrigens ähnlich wie die Erziehung, nicht an den Staat, an irgendwelche Verbände, an Einrichtungen abtreten. Das Pflegepersonal in einem Heim oder auf einer Krankenhausstation kann nicht die ganze Bürde tragen. Die Hospizarbeit steht dafür, dass über hunderttausend Menschen begriffen haben, dass ihr Sterben und ihr Tod schon im Leben ihre Aufgabe ist. Da sie aber noch nicht im Sterben liegen, ist es nur vernünftig, mit denen, die jetzt sterben, zu lernen: Wie müssten Pflegeheime aussehen, wie müssen palliative Abteilungen ausgestattet sein, was ist eine gute Sterbebegleitung?
U.v.S.: Zugleich leben wir aber in der Zeit des Pflegenotstands.
H.S.:Deshalb setze ich auf Freiwilligkeit und Ehrenamtlichkeit. Das professionelle Angebot muss es auch geben – für Menschen, die keine Angehörigen haben, die keinen Ort zum Sterben haben, die einfach nicht mehr zu Hause gepflegt werden können. Aber der Charme gerade der Hospizbewegung ist, dass dort Menschen sich freiwillig kümmern – in der Nachbarschaft, im Viertel. Sie tragen dazu bei, dass wir beieinanderbleiben. Sie zeigen uns, dass wir Menschen andere beim Sterben begleiten können. Sie beweisen uns, dass wir es auch können.
U.v.S.: Annelie Keil, Sie sind alleinstehend – was fürchten Sie, wenn es für Sie ans Sterben geht?
A.K.:Ich fürchte mich nicht, ich bereite mich vor. Ich habe mich zum Beispiel nach einem Altenheim umgesehen, in das ich nicht erst im Pflegefall einziehen will. Und ich hoffe, dass es einen Platz gebenwird, wenn ich mich dazu entschließe. Dieses Heim hat auch eine Palliativstation, also eine medizinische Abteilung, die bei einer unheilbaren Krankheit am Lebensende nicht kurativ eingreift, sondern lindernd hilft, so dass ich nicht noch einmal in ein Hospiz umziehen muss. Übrigens habe ich vor dem Sterben wenigerAngst, seitdem es in Bremen die beiden großen Hospize gibt und ich gesehen habe, wie dort Sterbende begleitet werden. Keiner meiner Freunde könnte mich so begleiten, wie die das können, auch kein Familienangehöriger, wenn ich einen hätte. Ganz entschieden bin ich aber noch nicht, weil ich sehr an meinem Haus hänge. Doch um dort zu bleiben, bräuchte ich eine Pflegekraft, die ich finanzieren, für die ich aber vor allem mein Haus umbauen müsste, damit sie ein eigenes Bad bekommt. Das ist eine Kostenfrage – und auch die Frage, wie viel ich von meiner gewohnten Umgebung haben werde, wenn ich vielleicht nicht mehr viel wahrnehme. Diese Dinge lassen sich aber regeln.
Wovor ich Angst habe, ist, dass mir plötzlich etwas passiert und ich mir keine Hilfe holen kann. Was ist, wenn ich im Bad ohnmächtig werde und auf die Fliesen falle? Ab wann muss ich mir so einen Notfallknopf um den Hals hängen? Und wo ist der dann, wenn ich ihn brauche? Wahrscheinlich genau da, wo ich gerade nicht bin. Ich bin so oft schwerkrank gewesen, dass ich solche Ängste schon vorher kannte. Das Sterben selbst und der Tod sind es nicht, die mir Angst machen. Aber die Abschiede zuvor.
U.v.S.: Abschiede wovon?
A.K.: