Das Buch für Berlinhasser - Falko Rademacher - ebook

Das Buch für Berlinhasser ebook

Falko Rademacher

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Opis

Falko Rademachers sarkastische Milieustudien öffnen nicht nur dem Neu-Berliner die Augen. Warum kriegt man während eines Uni-Streiks bei Starbucks keinen Sitzplatz mehr? Warum kann man Hunde und Punks manchmal so schwer auseinander halten? Was treibt die Kreuzberger in ihrem Kampf gegen Spekulanten und Fastfood-Ketten an? Warum ist Wilmersdorf multikultureller als Prenzlauer Berg? Dieses Buch erklärt das Unfassbare und spricht allen aus der vergrämten Seele, die Berlin schrecklich finden und trotzdem gern hier leben! Alles über Hundekot, sinnlose Mietspiegel, vermeintliche und echte Kriminalität, Nazis und Autonome, architektonischen Wahnsinn, politischen Unsinn, die Berliner Parteien, Psychopathen in der U-Bahn, paranoide Rentner, Fahrradrambos, u.v.m. - ein zynisches Handbuch voller grausiger Wahrheiten und politisch inkorrekter Tipps für das Leben und Überleben in Berlin!

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Falko Rademacher

Das Buch für Berlinhasser

Fast eine Liebeserklärung

Dieses Buch versteht sich als Satire im Sinne des Presserechts.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

ebook im be.bra verlag, 2012

© der Originalausgabe:berlin edition im be.bra verlag GmbHBerlin-Brandenburg, 2010KulturBrauerei Haus 2Schönhauser Allee 37, 10435 [email protected]: Marijke Topp, BerlinUmschlag: Ansichtssache, BerlinISBN 978-3-8393-4106-3 (epub)ISBN 978-3-8393-4107-0 (pdf)ISBN 978-3-8148-0176-6 (print)

www.bebraverlag.de

Inhalt

Reinkommen

Berlin am Rande des Wahnsinns

Was kostet Berlin?

Kein Geld regiert Berlin

Parteien? Ergreift Sie!

Berlin-Krimis

Körper Geist Seele Bauch

Berlins Lederszene

Gute und schlechte Nachrichten

Drei Opern und Wo man sonst noch alles nicht hingeht

Womit man Berliner füllt

Verkehrte Welt

Füße und Räder

Gangbang auf der Motorhaube

Die Fahrausweise, bitte

Das dreckige Dutzend

Mitte

Marzahn-Hellersdorf

Steglitz-Zehlendorf

Neukölln

Charlottenburg-Wilmersdorf

Pankow

Lichtenberg

Friedrichshain-Kreuzberg

Reinickendorf

Spandau

Tempelhof-Schöneberg

Treptow-Köpenick

Nachwort

»Sagen wir es so: Wir nehmen Berlin für Berlin – und alles östlich davon.

MATT DAMON«

Reinkommen

»Es fällt mir schwer, über diese Stadt etwas Neues zu sagen, ich wohne einfach schon zu lange hier.

WLADIMIR KAMINER«

Sie wollen nach Berlin oder sind seit kurzem da? Lassen Sie uns raten: Single, zwischen 18 und 35, stimmt’s? Na gut, kommen Sie rein. Treten Sie sich die Füße ab. Möchten Sie einen Kaffee? Ja, natürlich haben wir auch Macchiato.

Junge, ungebundene Menschen strömen in die Bundeshauptstadt, um ihr Glück zu versuchen beziehungsweise sich auf regelmäßiger Basis die dubiosesten Substanzen reinzuziehen, auf Demos unausgegorene politische Überzeugungen kundzutun und »irgendwas mit Medien« zu studieren. Hört sich nach Spaß an, und ist es ja auch, aber gleich mal einen Schuss vor den Bug: In keinem Bundesland sterben die Menschen so früh wie in Berlin. Der ungesunde Lebensstil, bestehend aus Cholesterin, Drogen und einem viel zu guten öffentlichen Nahverkehr, der einem jede Motivation zur Bewegung nimmt, fordert seinen Tribut. Acht Prozent liegt Berlin über dem Bundesdurchschnitt, wenn es ums frühzeitige Abkratzen geht. Das wird freilich wieder ausgeglichen durch die emsige Kinderproduktion: Berlin ist manchmal das einzige Bundesland mit Geburtenüberschuss, es werden also mehr Menschen geworfen als verbuddelt. Die städtische Kinderbetreuung ist in der Tat vorbildlich – man kann fünf Kinder großziehen, ohne es überhaupt zu merken.

Unterm Strich wächst Berlin wieder, was natürlich auch den vielen Leuten geschuldet ist, die herziehen. Übrigens kriegt das Land 5.000 Euro für jeden Neu-Berliner durch den Länderfinanzausgleich, Sie haben der Stadt also schon durch Ihre bloße Anwesenheit einen Dienst erwiesen, seien Sie stolz! Jedes Jahr tun das gut und gerne 120.000 Menschen, seit 1991 hat sich die Hälfte der Bevölkerung ausgetauscht. Sehr viele Neulinge sind aus Hamburg und Köln nach Berlin gekommen, und zwar in Gestalt von Werbe- und Medienschaffenden, Rechtsanwälten, Lobbyisten und Medienberatern, auch bekannt als »Abschaum der Menschheit«. Aber natürlich besteht der größte Teil der Zuzüglinge aus Studenten.

14 öffentliche Hochschulen hat Berlin – man merkt das spätestens dann, wenn mal wieder gestreikt wird. Nicht, dass das öffentliche Leben dadurch irgendwie tangiert würde, aber auf einmal kriegt man in keiner Starbucks-Filiale mehr einen freien Stuhl. Berlin hat fast so viele Studenten wie Osnabrück Einwohner: 130.000 junge wissensund bionadedurstige Menschen bevölkern die Stadt permanent, etwa 15 Prozent davon sind undeutsch. Obwohl die bayerischen Unis das größere Ansehen haben, wollen die meisten ausländischen Studenten eben nicht gemütlich in Biergärten schunkeln, sondern in schummrigen Friedrichshainer Clubs gemütlich in der eigenen Kotze einschlafen.

Dass es keine Studiengebühren gibt, dürfte auch ein Kriterium sein, zumindest für Studenten, deren Papa keinen Wert darauf legt, dass es seinen Kindern irgendwann mal besser geht als ihm. Kann man verstehen, wer will schon, dass die eigene Tochter mehr Geld verdient als man selbst?

Allgemein herrscht immer noch der Glaube vor, die Humboldt-Universität sei vor der Freien und der Technischen das Flaggschiff hauptstädtischer Bildung. Dem ist aber nicht so: Der FU1 hängt zwar das Image einer Massen-Uni an, und keine Uni hat so viele Bewerber. Aber auch inhaltlich konnte sie in den letzten Jahren punkten, gilt als vorbildlich bei Sozial- und Geisteswissenschaften, Chemie und Erziehungswissenschaften. 2007 wurde die FU gar zu einer der deutschen »Elite-Unis« gekürt. Das hat zwar international den Stellenwert von »bester Schlittschuhläufer von Paraguay«, zeigt aber immerhin, welche Berliner Uni noch am ehesten rockt.

Die Humboldt-Uni ist mehr was für Angeber: Man wähnt sich als Spitzen-Universität und protzt mit dem tollen Gebäude in Mitte, aber wenn es mal wirklich drauf ankommt, fällt die HU durchs Raster – bei den Hochschulrankings kommt sie selten über guten Durchschnitt hinaus. Trotzdem ist sie angesagt bei Geisteswissenschaften, Volkswirtschaftslehre, Physik und Biologie. Kurz gesagt eine Uni für Leute, die »nützliche« Berufe ausüben wollen, die »Sinn ergeben«. Ziemlich unberlinerisch, das.

Superhässlich wiederum die Technische Universität am Ernst-Reuter-Platz – wenn Sie mal an der Ruhruni Bochum waren, sehnen Sie sich glatt zurück nach jenen einfachen, suizidaus lösenden Novembernachmittagen. Wer sich aber für Kommunikationsforschung oder Mathematik interessiert, kann sich ja mal einschreiben, da ist die TU ziemlich gut. Ist aber nix für Depressive. Und es gibt zu wenig Weibsvolk.

Es scheint nicht allzu schwer zu sein, einen der 10.000 Plätze in den Studentenheimen zu bekommen, Wartelisten gibt es kaum. Rufen Sie einfach beim Studentenwerk an, einen Tag später können Sie einziehen – kostet so zwischen 100 und 250 Euro im Monat. Da bleibt also noch genug Kohle für den Frappulattacchio mit Meerrettich-Sirup.

Wenn Sie mit der überflüssigen Pflichtübung namens Studium fertig sind, können Sie ja mal schauen, wo Sie in Berlin das erworbene Wissen vergessen können. Sie werden nämlich gebraucht und gefunden: »Berlin hat überdurchschnittlich viele sehr gut ausgebildete, mehrsprachige, multikulturelle Arbeitskräfte«, so der Sprecher der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner. Und deshalb feiert die Stadt Ansiedlungserfolge, und im »Karriere-Atlas« liegt Berlin inzwischen sehr weit vorne. Der Senat konzentriert sich bei seinen Bemühungen auf die Kreativwirtschaft, Gesundheitswirtschaft, Kommunikations- und Verkehrstechnologien. Davon abgesehen hängt angeblich jede achte Arbeitsstelle in Berlin vom Reisegewerbe ab.

Auch wenn man es kaum glauben mag: In Berlin werden tatsächlich noch Sachen produziert und exportiert, obwohl seit den Neunzigern eine Viertelmillion Industriearbeitsplätze verlorengegangen sind. Pharmazeutische Produkte sind ein Berliner Verkaufsschlager, in der Biotechnologie und Medizintechnik ist Berlin ebenfalls führend. Dazu kommen Produkte der Siemens-Werke, Motorräder von BMW und Motoren für Mercedes. Die Region Berlin-Brandenburg gilt sogar inzwischen als Boom-Region der Industrie. Sich hier für einen technischen Beruf zu entscheiden ist also gar nicht so ein sabbernder Schwachsinn, wie man zuerst meinen könnte.

Gute Nachrichten sind in Berlin bei Weitem nicht so ein Allgemeingut wie schlechte. Ausländer beurteilen daher Berlin in der Regel besser als die Deutschen. Die französische Autorin Pascale Hugues ließ sich bei einer Podiumsdiskussion zu einer »Liebeserklärung« hinreißen und fand, dass die Hauptstadt in der deutschen Presse immer zu schlecht wegkomme, da höre man dauernd nur von Proleten, Kampfhunden und miesen Schulen: »Die deutsche Presse sollte aufhören, über diese fantastische Stadt zu lamentieren!« Der Schweizer Journalist Frank A. Meyer wiederum hielt Berlin für »erotisch«, und außerdem für »das faszinierende Schaufenster Deutschlands, an dem sich die jungen Leute aus aller Welt die Nase platt drücken«. Mark Espiner vom Guardian schrieb bei einem Besuch gleich eine ganze Serie von Texten über Berlin. Er zeigte sich besorgt, dass die Stadt die ganze junge Kreativszene von London abzieht, das dortige Stadtmagazin Time Out nannte Berlin schon »East London«.

Das ist schmeichelhaft, es gibt allerdings einen klaren Unterschied zu Englands Hauptstadt: Berlin ist so unglaublich billig. Eine Monatskarte für die Londoner Subway kostet doppelt so viel wie ein BVG-Umweltticket. Die Miete für eine Berliner Zweiraumwohnung würde in London nicht einmal für ein Vogelhäuschen reichen. Unter Investoren gilt die Stadt als Muss, sogar einfache Privatleute streifen wie Hyänen mit triefenden Lefzen durch die Straßen und kaufen Wohnungen, ab und zu hysterisch in sich hineinkichernd, wenn sie die Preise mit denen in anderen Metropolen vergleichen. Der Sänger der schottischen Band Travis glaubt, Berlin könne »das New York von Europa« werden – und ist hergezogen. Viele Popmusiker haben das in den letzten Jahren gemacht, unter anderem auch ein Gestrüpp namens Evil Jared Hasselhoff (Bloodhound Gang), der mit Berlin endlich eine Stadt gefunden hat, in der er auf der Bühne die Hose runterziehen kann, ohne unangenehm aufzufallen. »Alle, die einen Vogel haben, kamen nach Berlin«, resümiert Wladimir Kaminer in einem Merian-Heft: »Aus ganz Deutschland kommen die Knaller hierher, um so zu leben, wie sie es gern hätten, ohne dass jemand mit dem Finger auf sie zeigt. Dabei finden sie in Berlin ganz schnell Gleichgesinnte, eine Stammkneipe, einen eingetragenen Verein und eine spezielle Knaller-Zeitung noch dazu.« Richtig, wobei der Nekrophilen-Kurier und das Magazin für norwegische Transen-Auspeitscher vielleicht jetzt doch ein bisschen zu weit gehen.

Und sie kommen immer noch, die Knaller, nicht nur zum Leben – Berlin ist nach Wien die zweitwichtigste Kongressstadt der Welt. Die Attraktivität der Stadt ist jedoch am deutlichsten an der Gesamtzahl der Touristen festzumachen: Über acht Millionen sind es im Jahr, mehr haben nur noch London und Paris. Man möge sich dabei jedoch nicht vormachen, es ginge irgendwie um Kultur oder Geschichte. Touristen scheinen mit Berlin vor allem eine Sache zu assoziieren: Party. Menschen aus allen Kontinenten strömen nach Berlin, um die Taxis vollzureihern. Der englische Theatermacher David Hare versteht das so: »Berlin macht Urlaub von der Geschichte.« Es ginge bei der Stadt nicht um Sehenswürdigkeiten, sondern darum, mit Freunden eine gute Zeit zu haben. »Post-war German guilt« sei jedenfalls abgemeldet. Die legendären »Pub Crawls« britischer Sauftouristen stellen tatsächlich mittlerweile die drittwichtigste Einnahmequelle der Stadt dar, gleich nach Siemens und dem süddeutschen Steuerzahler. Auch für Zugezogene scheint dies der eigentliche Grund für die Wahl Berlins als Lieblingstränke zu sein: Draußen sitzen, Milchkaffee (tagsüber) und Caipi (nachts) trinken, lässig drauf sein. Heizpilze sind in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen und stehen ständig kurz vorm Totalverbot, weil sie einem ökologischen Amoklauf gleichkommen. Man will den grundsätzlichen Unterschied zwischen Nizza (Süd-Frankreich) und Berlin (West-Polen) nicht so recht zur Kenntnis nehmen. Für die Anwohner der angesagten Szene-Kieze ist das nicht sehr erbaulich, aber beschweren will sich keiner, denn wer sich in Berlin über Partylärm beschwert, hat sich ein für allemal zum langweiligen Außenseiter gemacht. Wer nicht schlafen kann, soll eben mitfeiern, so die allgemeingültige Auffassung.

Das alles führt zu Stress. Eine Forsa-Umfrage zeigte, dass von allen Deutschen die Berliner ihr Leben am anstrengendsten empfinden. Bei einer Arbeitslosigkeit von 15 Prozent lässt das tief blicken. Falko Müller beklagte sich in der Zitty: »Berlin ist anstrengend. Der Verkehr, die Entfernungen, die Anonymität. Coolness- und Ausgehzwang, Media-Markt-Eröffnungen, Pub Crawls, Sprachgewirr.« Ist ein bisschen was anderes als Pasewalk. Dem Party-Zwang entgeht man nicht so leicht. Das wahrhaftigste Symbol für das heutige Berlin ist nicht mehr das Brandenburger Tor, sondern die Party-Meile, die bei bestimmten Anlässen zu ihm durch den Tiergarten führt, den Reichstag fröhlich ignorierend. Geschichte? Politik? Wir wollen Paulaner und Nackensteaks!

Ach, stimmt ja: Berlin ist nebenbei auch noch Bundeshauptstadt. Beinahe hätten wir’s verdrängt. Viele Hamburger und Münchner sind deshalb etwas biestig und ziehen über Berlin her, wo doch ihre zu groß geratenen Fisch- bzw. Brezelbuden viel besser geeignet gewesen wären, um Barack Obama oder Robert de Niro zu empfangen. Dieses Bashing perlt jedoch an Berlin ab wie Sat.1 an den deutschen Fernsehzuschauern. Die Mehrheit der Deutschen hat die neue Hauptstadt angenommen und scheint inzwischen sogar stolz auf sie zu sein.

Wir wollen noch kurz auf ein anderes, recht interessantes Detail aufmerksam machen. Das mag jetzt zunächst etwas schräg klingen, aber unseren Recherchen zufolge war es eine ganze Weile während des 20. Jahrhunderts so, dass die Stadt Berlin geteilt war. Nicht geteilt im Sinne von »Na, da sind wir zwei Hübschen aber geteilter Meinung«, sondern geteilt wie in »Mauer, Todesstreifen und Selbstschussanlagen«. Auf der westlichen Seite waren die Kapitalisten, auf der östlichen die Kommunisten, jedenfalls überwiegend, da gab es gewisse Überschneidungen. Das zog sich ein paar Jahrzehnte hin, bis dann 1989 Feierabend war, weil die Bewohner des Ostens den labbrigen Kaffee dort leid waren. Oh, und Freiheit, die wollten sie auch. Und bessere Zigaretten. Und Videorecorder. Das haben sie jetzt alles, insofern ist das Thema erledigt.

Wo sind Mauerschützen, wenn man sie braucht?

Hier und da wird das Phänomen in diesem Buch gestreift, deshalb wollten wir es mal eben erwähnt haben. Besonders wichtig ist es freilich nicht. »Der Ost-West-Gegensatz hat keine prägende Kraft mehr für die Stadt«, so ein Mitglied des Beirats der Hertie Berlin Studie. Die Einzigen, die immer wieder gern damit rumnerven, sind diejenigen, die davon profitieren, zum Beispiel diverse Filmemacher oder ein obskures Ostalgie-Hotel inklusive »Stasi-Suite«. Am penetrantesten ist freilich die Linkspartei. Deren Grundpfeiler ist nämlich die Vorstellung, ein Sprachrohr des Ostens zu sein und die armen, unmündigen Ossis vor den bösen, arroganten Wessis in Schutz nehmen zu müssen. Das ist ziemlich lächerlich, denn natürlich sind die Wessis gegenüber den Ossis arrogant, genauso wie die Bayern gegenüber den sogenannten Preußen arrogant sind, die Rheinländer gegenüber den Westfalen, die Ostberliner gegenüber den Brandenburgern und die Deutschen gegenüber den Käseköppen mit ihren hässlichen Wohnwagen. Jeder hält sich für was Besseres. Nur gründet deshalb nicht jeder eine eigene Partei.

In Berlin gehören Westen wie Osten zu den Gewinnern. Im Osten ist ein Gutteil der heutigen Mitte, und der Westen hat seinen alten Glanz bewahrt. Die »City-West«, also Bahnhof Zoo, Kurfürstendamm und Tauentzien, steht prima da, die Verlegung des Fernverkehrs zum neuen Hauptbahnhof hat nachvollziehbarerweise überhaupt keine Probleme verursacht. Im Westen gehen die kaufkräftigen Kunden einkaufen, in der »City-Ost«, also Friedrichstraße, Alexanderplatz, Hackesche Höfe und Potsdamer Platz, mehr die Touristen und jungen Leute. Es hat sich eingependelt.

Und auch dieses Buch steht Ost- wie Westdeutschen offen, hier wird niemand wegen seiner Herkunft verfolgt. Bis auf Lobbyisten und Medienberater, diese parasitären Schleimwichser. Allen anderen viel Spaß beim Lesen …

1 Engl. Abkürzung für »Liebe dich selbst«

Berlin am Rande des Wahnsinns

Was kostet Berlin?

»Da ist man wohl ein ganz toller Hecht, wenn man hier schon neun Jahre wohnt, oder was? Ist mir schon aufgefallen, dass da einige ganz stolz drauf sind, wie lange sie schon in Berlin wohnen. Ist ja auch eine ganz tolle Leistung, hier zu wohnen. Tun ja bloß zwei Millionen Leute, hier wohnen. Ganz große Sache. Supertoll.

SVEN REGENER, »HERR LEHMANN««

Die Wohnungssuche ist für viele Neulinge die erste Gelegenheit, mit Berlinern auf Tuchfühlung zu gehen und die ersten kuriosen Erfahrungen mit diesem Menschenschlag zu machen. Da gibt es z. B. die Hausmeisterin, der auf die Frage nach der Form der Warmwasserversorgung keine Antwort einfällt außer »das kommt halt irgendwo her«. Da gibt es den Makler, der auf eine Wohnung in Siemensstadt angesprochen sofort sagt »Vergessen Sie’s, die ist Schrott«. Und es gibt seinen Kollegen, der kaum glauben kann, dass sich jemand ernsthaft für eine schöne, preiswerte Wohnung in Britz mit Balkon und kleinem Wintergarten interessiert: »Sie wissen doch, dass das Neukölln ist, oder?« Das sind ehrliche Häute, die Berliner Wohnungsfritzen. Geradezu unheimlich ehrlich. Für die Wohnungsinsassen, die einen Nachmieter suchen, gilt das auch. Folgenden Satz bekamen wir beispielsweise zu hören: »Wissen Sie, die Wohnung ist ganz schön dunkel, ehrlich gesagt.« Berlins Einwohner und seine Makler kann man offenbar mit nichts mehr verblüffen als mit der Vorstellung, eine Wohnung in Berlin mieten zu wollen.

85 Prozent der Berliner wohnen zur Miete. Das mag blöd klingen, schließlich ist es sozusagen verbranntes Geld, warum nicht gleich kaufen? Nun, hier steht man eben nicht so auf die jahrzehntelange Versklavung durch irgendwelche Hypothekenbanken. In Berlin ist es vielmehr essentiell, sich jederzeit verpissen zu können, wenn nebenan gröhlende, frauenschlagende Hundebesitzer einziehen. Oder hundeschlagende Frauenbesitzer. Ist eine recht bunte Mischung hier in Berlin.

Es heißt allenthalben, es sei billig, in Berlin zu wohnen, und das stimmt auch, aber die Frage ist doch: Wie billig? Darauf gibt es unterschiedliche Antworten. Der offizielle Mietspiegel ist jedenfalls Mumpitz, der ist viel zu niedrig, weil man die meisten billigen Wohnungen nur mit Wohnberechtigungsschein kriegt, oder die haben bloß eine Kohleheizung oder sind sowieso komplett unbewohnbar. Offiziell gibt es etwa 100.000 freie Wohnungen in Berlin. Die Zahl beruht auf Angaben von Vattenfall, sie bezieht sich auf die Zahl an Stromzählern, die ohne Vertrag sind. Der Mieterverein glaubt, dass es in Wirklichkeit nur 50.000 sind, in denen man wirklich wohnen kann. Wenn Sie nicht gerade eine arbeitslose alleinerziehende Mutter oder ein phlegmatischer Bücherschreiber sind, bringt Ihnen der Mietspiegel wenig. Immerhin kann er den allgemeinen Trend anzeigen, der zeigt, dass die Mieten berlinweit nicht überproportional steigen, und zwar aus dem simplen Grund, dass hier einfach nicht genug zahlungskräftige Menschen leben, die höhere Mieten bezahlen könnten. Das heißt, die gibt es zwar, aber sie sind wild entschlossen, nur in ganz bestimmten angesagten Kiezen zu leben, koste es was es wolle – und es will sehr viel kosten, oh ja …

In der Innenstadt gibt es inzwischen definitiv Wohnungsmangel, zumindest für Familien, die werden zunehmend verdrängt zugunsten kleiner, lukrativer Single-Appartements. Der Witz dabei ist, dass in Mitte trotzdem hoher Leerstand herrscht: Die Vermieter verlangen hohe Mieten, bekommen sie aber oft nicht, weil sich das keiner leisten mag. Dass die Mieten in einigen Gegenden stark steigen, ist nicht nur in der bösen »Gentrifizierung« begründet, wenn ehemals heruntergekommene Kult-Kieze für schwäbische, britische und skandinavische Investoren luxussaniert werden, sondern auch darin, dass viele kommunale Wohnungen privatisiert wurden. GSW (65.000 Wohnungen), Gagfah (30.000 Wohnungen) und Gehag (23.000) gingen über den Ladentisch, und zum Beispiel im Falle der Gehag stiegen die Mieten binnen weniger Jahre zuweilen um über 30 Prozent. Die GSW wurde von dem nach einem mehrköpfigen Höllenhund benannten US-Finanzinvestor Cerberus gekauft, dem unter anderem mit Remington Arms Amerikas Waffenhersteller Nr. 1 gehört. Das sind jetzt nur mal so kleine Infos am Rande und soll keinesfalls eine Aufforderung sein, diese stinkenden, vor Geldgier sabbernden Aasgeier zu boykottieren. Wir bitten um Entschuldigung, falls das so rübergekommen sein sollte.

Aber nicht nur die Mieten sind wichtig, sondern auch die Seriosität des Vermieters. Bei der Deutschen Annington beispielsweise kritisierte der Mieterbund 2008, dass die Nebenkostenabrechnungen nicht nachvollziehbar seien. Der Autor dieser Zeilen selbst würde liebend gerne seine bizarren Erfahrungen mit dieser Firma en Detail schildern, aber erstens wollen wir deren Firmenanwälten nicht noch mehr Arbeit verschaffen und zweitens sollen Sie, liebe Leser, nicht völlig den Glauben an die Menschheit verlieren – so wie der Autor dieser Zeilen. Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften sind wahrscheinlich die vertrauenswürdigsten Vermieter – sie heißen Stadt und Land, WBM, Howoge, Gesobau, Gewobag, Degewo, Dig, Dag und Digedag.

Die Kaltmieten sind also insgesamt niedrig, aber da ist ja noch was … oh ja, die Nebenkosten. Die sind aber ebenfalls okay in Berlin, sowohl bei Strom, Gas, Fernwärme und Müllentsorgung – mit einer Ausnahme: »Die Wasserpreise sind eine Katastrophe«, findet die Verbraucherzentrale. Die sind tatsächlich im Bundesvergleich sehr hoch, unter anderem weil das Grundwasserentnahmeentgeld mit Abstand das höchste der Republik ist. Ein Teil der Gebühren landet also sofort wieder in der Landeskasse – eine Art Ökosteuer, die zum Wassersparen animieren soll. Fragt sich nur, ob das sinnvoll ist, denn eigentlich sollten die Berliner gar kein Wasser sparen.

Wenn es schnell gehen muss, wenden Sie sich an die großen fetten Gesellschaften und lassen Sie sich eine Liste geben, die Sie so schnell wie möglich durchackern können. Die landeseigenen Wohnungsbauunternehmen halten etwa 260.000 Wohnungen, das sind 15 Prozent. Hier und da wird dieser Einfluss genutzt mit Hilfe von Mietobergrenzen, dennoch kann man nicht generell sagen, dass die städtischen Wohnungen billiger sind als die der Privatanbieter. Viele Sozialwohnungen liegen inzwischen zehn Prozent über den ortsüblichen Mieten. Der Senat steuert gegen, indem die Eigentümer nicht mehr alle Subventionen zurückzahlen müssen und dafür die Mieten senken sollen. Mal schauen, ob das klappt.

Berlin hat nämlich ein Problem mit zu hohem Grundwasser. Noch immer kann man in der Stadt diese aufwändigen Rohrkonstruktionen bewundern, wenn mal wieder tiefgebaut wird und die sensiblen Bauarbeiter nicht unter Wasser arbeiten wollen – es muss daher abgepumpt werden. Viel besser wäre es, wenn das Wasser durch die Kanalisation rauschen würde, aber die Berliner rufen das Wasser einfach nicht ab. Im Sommer gibt es viele Orte, an denen einem der würzige Geruch guter alter Berliner Fäkalien in die Nase steigt – weil in der Kanalisation nicht genug Spülwasser ist. Zuweilen rückt schon die Feuerwehr an, um Wasser direkt aus den Hydranten in die Kanäle zu jagen. Der Trinkwasserverbrauch in Berlin ist seit 1990 um fast die Hälfte zurückgegangen (wegen Abzug von Industrie), gleichzeitig musste viel in Infrastruktur investiert werden. Die Gesellschafter der teilprivatisierten Wasserbetriebe müssen ja von irgendwas leben, die armen Kleinen. Genauer gesagt erwarten sie hundertzwanzig Millionen Euro Rendite jährlich, und die werden Sie ihnen ja wohl gönnen, oder? Seien Sie nicht so geizig.

Duschen Sie dreimal täglich, spülen Sie sämtliche Abfälle die Toilette runter und waschen Sie jede Socke einzeln! So kriegen wir wenigstens die Kanalisation einigermaßen sauber, und die Preise müssen nicht angehoben werden. Alternativ könnte man die Gebührenstrukturen ändern, das heißt hoher Grundpreis und niedriger Verbrauchspreis, aber das funktioniert wahrscheinlich nicht, weil die Deutschen Strom- und Wassersparen inzwischen als Ersatz für den Gottesdienst angenommen haben. Das und Müllsortieren.

Wenn Sie in einer begehrten Wohnlage eine Wohnung besichtigen (zusammen mit hundert anderen völlig verzweifelten Menschen), seien Sie nicht allzu geschockt, wenn der Vormieter auf einmal 3.000 Euro für die Übernahme seiner alten Einbauküche fordert. So läuft das eben, da erwacht auch im Bio-Supermarktkunden der Erpresser. »Abstandszahlung« ist in Prenzlauer Berg nur ein Synonym für »Ich hab dich an den Eiern, und jetzt drücke ich zu«. Sie können auch beschließen, dass so etwas unter Ihrer Würde ist, und in einen der weniger angesagten Bezirke wie Reinickendorf (der billigste aller Bezirke!) ziehen. Auch wenn Sie in Ihrer neuen Wohnung am Helmholtzplatz glücklich sind – Sie vergessen niemals, was Sie dafür tun mussten. Man verliert sehr leicht den Respekt vor sich selbst, und den kriegt man nicht wieder, und wenn man noch so tolles Fichtenparkett legen lässt. Das gilt übrigens auch für den Einzug in eine WG. Viele veranstalten da die reinsten Casting-Kaffeeklatsche mit einem Dutzend Bewerber gleichzeitig. Und bevor Sie sich von Holger und Chantal über Ihre intimsten Körperreinigungsrituale ausfragen lassen, suchen Sie sich doch lieber was Eigenes, wo Sie nicht alle drei Tage Patrizias Gemüselasagne runterwürgen müssen oder zwangsweise zum Kiffer werden, während Sie Kohlen in die Ofenheizung schaufeln. Kreieren Sie doch einen neuen Trend: Ziehen Sie nach Siemensstadt und eröffnen Sie dort den ersten Starbucks!

Kein Geld regiert Berlin

»Keine Angst, Ihr Geld ist nicht weg, das hat jetzt nur ein anderer.

MATTHIAS DEUTSCHMANN«

Sie haben vielleicht noch nichts davon gehört, aber Berlin steckt ein bisschen in finanziellen Schwierigkeiten. Wir veranschaulichen das für unsere jüngeren Leser: Über Jahrzehnte hat sich die Stadt Handyverträge aufschwatzen lassen, die sie nun nicht mehr bezahlen kann. Komplizierter ausgedrückt: Bedingt durch die Isolierung der Stadt wegen der deutschen Teilung ist die ehemals blühende Industrielandschaft geschlossen nach Westdeutschland ausgewandert. Siemens, AEG, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Commerzbank, die großen Versicherungen – sie alle gaben nun Westdeutschen Arbeit und zahlten in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen ihre Unternehmenssteuern. Damit sich die West-Goten nicht zu gemein vorkamen, zahlten sie Berlin lange Zeit Alimente. Dafür musste Berlin sich freilich um die Kinder kümmern, genauer gesagt um junge Früchtchen, die sich hier vor dem Dienst an der Waffe drücken wollten. Hier gab es keine Wehrpflicht, und irgendwie hat diese Grundeinstellung die Mentalität zumindest der Westberliner mit der Zeit dramatisch verändert: Die Stadt ist voller Pazifisten, die nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiten wollen. Naja, sie bekommen ja auch keine Gelegenheit dazu, wegen erwähntem industriellen Aderlass. In Ostberlin waren die Verhältnisse ähnlich kontraproduktiv, die Stadt wurde mit massiven Prestigebauten und noch massiveren Staatsbediensteten zugeschissen, die unglaubliche Kosten verursachten. Und die Planwirtschaft der DDR war unterm Strich halt auch nicht die grandiose Erfolgsstory, für die Teile der Bevölkerung sie immer noch halten.

Kurioserweise hat diese Entwicklung dazu geführt, dass Berlin jetzt ein Mekka für Billigjobs geworden ist, also für Tätigkeiten, die weit unter Tarif bezahlt werden. Call-Center verbreiten sich mit Vorliebe in Regionen, in denen hohe Arbeitslosigkeit herrscht und wo ihnen die Job-Center die verzweifelten Telefon-Affen ankarren, die jeden Job annehmen müssen, auch wenn sie dabei noch mit Arbeitslosengeld II aufstocken müssen. »Jeder Zehnte kann von seinem Lohn nicht leben«, schlagzeilte der Tagesspiegel 2009. Das Armutsrisiko hat sich für Erwerbstätige Anfang des 21. Jahrhunderts in Berlin verdoppelt. Etwas sonderbar für eine der pulsierendsten Metropolen Europas.

Das Land Berlin ist in der Zwickmühle: Zum einen fördert der Senat die Billigjobs, um überhaupt mal Arbeitsplätze zu schaffen, zum anderen sorgen die niedrigen Löhne dafür, dass die Landeskasse dann doch wieder belastet wird, denn sie ist es, die für die Wohnkosten aufkommt. Der Senat zahlt zumindest Firmen bei öffentlichen Aufträgen einen Mindestlohn – ansonsten müsste er ja sowieso den Rest über Hartz IV begleichen. Die privaten Arbeitgeber drücken natürlich mit Absicht die Löhne, weil sie wissen, dass das Land für den Rest aufkommt. So subventionieren die Bundesländer (Berlin ist da nicht allein) Lohndumping. Der Senat bezahlt sogar die Personalsuche und fördert den Aufbau von Call-Centern, von denen inzwischen etwa zweihundert in der Stadt existieren. Ein besonders unwitziger Fall war das »Quelle Communication Center« in Kreuzberg. Mit 1,3 Millionen Euro hatte der Senat dessen Aufbau gefördert, aber ein Großteil der Belegschaft bestand dann nur aus Mitarbeitern des alten Call-Centers, die »neu eingestellt« wurden – zu schlechteren Konditionen. Gegen einen Stundenlohn von 6,04 Euro durfte man dort von sieben Uhr morgens bis Mitternacht Kundengespräche für ein mächtiges deutsches Versandhaus führen, eine hochkomplizierte und völlig veraltete Software bedienen, man hatte eine Stoppuhr bei Toilettengängen einzuschalten und sich bei Überschreiten der Maximalzeit in die Hose zu pinkeln, die ganze Zeit freundlich zu sein und das zuweilen mehr als acht Stunden am Stück, mit einer halbstündigen Pause, um Organversagen zu vermeiden. Wir würden Sie an dieser Stelle ja bitten, das betreffende Unternehmen zu boykottieren, aber irgendwie hat sich das von ganz allein erledigt.

Seit der »Wende«, einem etwas außer Kontrolle geratenen Volksfest im Jahre 1989, haben sich die Dinge in Berlin geändert. Das mit der Industrie zwar nicht, die bleibt weiter in Bayern und Baden-Württemberg wegen der guten Luft und der wehrdienst-kompatiblen Arbeitsmoral dorten. Aber die Alimente kommen nicht mehr so zügig, und jetzt jongliert das Land Berlin mit einer Verschuldung herum, die fast schon den Level der Zahlungsunfähigkeit erreicht hat. Der Schuldenberg Berlins misst über sechzig Milliarden Eurometer. Die jährlichen Zinszahlungen liegen etwa bei 2,5 Milliarden Euro, und damit ist noch gar nichts getilgt.

Aber vielleicht geht es ja schneller als man denkt, die Verschuldung explodierte ja auch innerhalb weniger Jahre. So alt ist das Phänomen nämlich noch gar nicht. 1991 lag die Pro-Kopf-Verschuldung unter der von Hamburg. Erst in den neunziger Jahren bekam Berlin wirklich Probleme: Helmut Kohl, Kanzler der Einheit, Befreier der Deutschen, Retter der geknechteten Ost-Goten, entzog der Stadt kurz nach der Wiedervereinigung sofort die Berlinhilfe, die ein Drittel des Gesamthaushalts betrug. Er tat das mit dem Verweis auf die »blühenden Landschaften«, die es ja nun zweifellos gebe, die aus Ostdeutschland ein Wirtschaftsparadies machen würden und aus Berlin die reichste Stadt Europas. Es ist immer von Übel, wenn Politiker anfangen, an ihre eigenen Wahlversprechen zu glauben. Als man den kleinen Kalkulationsfehler bemerkte, war es zu spät: Die Berliner Wirtschaft verschrumpelte und die Steuereinnahmen brachen ein, stattdessen stieg die Zahl der Arbeitslosen, was den Sozialhaushalt explodieren ließ. Berlin war im Eimer, und das innerhalb weniger Jahre. Man versuchte gegenzusteuern, durch den Verkauf der Wasserbetriebe und der Elektrizitätswerke. Was bei Monopoly helfen mag, führte in Berlin dann leider zu gar nichts – jedes Jahr ging es gleich ins Gefängnis, und man durfte nie über »Los«. Bis 2001 war man dann schon bei über vierzig Milliarden Euro angelangt.

Und was Helmut Kohl begonnen hatte, brachte Gerhard Schröder zu Ende: Die Steuerreform der rot-grünen Bundesregierung, die auf der unbegründeten Zwangsvorstellung beruhte, dass Steuersenkungen die Wirtschaft ankurbeln, bedeutete einen massiven Einnahmeverlust für die Kommunen, der durch keine Sparbemühungen und Privatisierungen mehr aufgefangen werden konnte. Innerhalb von fünf Jahren stieg die Schuldenlast Berlins um weitere zwanzig Milliarden. Das mit dem Wirtschaft-Ankurbeln ging übrigens schief, die erholte sich erst Jahre später, und zwar ganz von alleine. Keine Ahnung, wo das ganze Geld geblieben ist, das die Deutschen damals geschenkt bekamen, aber wir vermuten mal: Mallorca.

2006 hat das Bundesverarschungsgericht zusätzliche Bundeshilfen für die Hauptstadt abgelehnt. Ziemlich überraschend kam das, konnte man der Stadt doch kaum Vorwürfe machen, nicht ihren Teil zu ihrer Sanierung beigetragen zu haben. So schrieb der Spiegel: »Vier Jahre lang hatte Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin auf diesen Tag hingearbeitet, eisern gespart und nun auf die Hilfe des Gerichts gesetzt, um 2007 endlich einen ausgeglichenen Haushalt präsentieren zu können – trotz der derzeit enormen Schuldenlast von 61,6 Milliarden Euro.« Richter Hassemer2 nahm bei der Urteilsbegründung schmunzelnd Bezug auf Klaus Wowereits inoffizielles Berlin-Credo »Arm aber sexy«: Berlin sei vielleicht deshalb sexy, weil es doch nicht so arm sei. »Das Bundesverfassungsgericht schätzt offensichtlich die Haushaltslage Berlins viel besser ein als wir selber«, staunte der Regierende. Da staunten wir alle. War der Fernsehturm am Alex in Wirklichkeit ein Ölbohrturm, und wir wussten gar nichts davon?

Da stehen wir also – eine Stadt, die aufgrund ihrer Geschichte keine überlebensfähige Wirtschaft aufbauen konnte, die erst von der schwarz-gelben Bundesregierung abgestochen wurde und von der rot-grünen Bundesregierung den Todesstoß bekam, und die dem Bundesverfassungsgericht immer noch zu reich vorkam, um Hilfe zu erhalten.

Das könnte einen ganz schön verbittern, aber letzten Endes gleicht sich alles aus. Berlin hat praktisch den ganzen Rest des Landes zur Provinz degradiert und konkurriert schon gar nicht mehr mit deutschen Städten, sondern befindet sich auf einem gesellschaftlichen Level mit London und New York. Und es ist auch nicht so, dass sich die Bundesregierung nicht selber schäbig vorkommen würde dafür, wie man die Hauptstadt, die sich alle doch immer so gewünscht hatten, nach der Einheit behandelt hat. Der Hauptstadt-Status bedeutete schließlich noch weitere finanzielle Lasten. Am 30. November 2007 wurde deshalb der Hauptstadtvertrag zwischen Bund und Land unterzeichnet. Allein zweihundert Millionen Euro ließ die Bundesregierung für die Sanierung der Staatsoper rüberwachsen. Das kommt Ihnen vielleicht ein bisschen viel vor, aber dieser importierte italienische Marmor wächst nun mal nicht auf Bäumen. Deutschland will sich in Berlin repräsentieren, und es soll schon was hermachen, wenn man ausländischen Besuchern klar machen will, wie der deutsche Übermensch seine Freizeit verbringt. Deshalb blecht der Bund auch 440 Millionen für den Wiederaufbau eines viereckigen Ungetüms namens »Stadtschloss«, von dem einige zwielichtige Gestalten eine Kopie herstellen wollen, die nur rein äußerlich billig sein wird. Zumindest zum Repräsentieren gibt die Kanzlerin gerne Geld, Bekämpfung von Armut und Bildungsnotstand ist ihr nicht so wahnsinnig wichtig. Im Zuge der durch die Finanzkrise notwenigen Sparmaßnahmen wurde das Stadtschloss allerdings erst einmal in seinem historisch korrekten Zustand des Nichtvorhandenseins belassen – neben Einsparungen bei Kindern und Arbeitslosen hätte das ansonsten möglicherweise einen etwas zu peinlichen Eindruck gemacht …

Wir wollen aber nicht so tun, als könnte Berlin für gar nichts was. Vor allem in den neunziger Jahren hat die hiesige Große Koalition eine Menge Unheil angerichtet: Die Hoffnung auf kräftigen Bevölkerungszuwachs verleitete die Stadt zum exzessiven Bau von Wohnungen – daher heute die vergleichsweise niedrigen Mieten. Zu dem Zuwachs kam es nicht. Und dann, wie die Amerikaner sagen, flog die Scheiße in den Ventilator.

Sie sind gewiss schon ein paarmal beim Zeitunglesen oder Abendschaugucken auf das Stichwort »Bankenskandal« gestoßen. Dies bezieht sich auf die Bankgesellschaft Berlin (BGB), eine riesige Holding, die seit 1994 sowohl die Landesbank als auch die Berliner Bank und die Berliner Hypotheken- und Pfandbriefbank (BerlinHyp) unter sich vereinte. Es war also eine Vereinigung von staatlichen und privaten Banken – hey, was könnte da schiefgehen? Lokalpolitiker sind doch berühmt für ihre unternehmerische Kompetenz.

Die BGB brauchte schon sehr bald Geld, denn die Berliner Bank war nicht gerade ein Gewinnbringer. Kohle-Beschaffungsmaßnahme Nummer 1 waren Immobilienfonds mit »surreal günstigen Konditionen«, wie es Klaus Wowereit in seinen Memoiren kommentiert. Das Wort »Immobilienblase« ist also kein rein amerikanisches Phänomen, in Berlin gab es das auch. Die Immobilienfonds der Berliner Bankgesellschaft waren eine Verarsche, voller nutzlosem Beton-Mumpitz. Den Investoren wurden Mietgarantien versprochen und hundertprozentige Rückzahlung der Einlagen, was bedeutete, dass die Bank – und damit der Steuerzahler – das gesamte Risiko trug. Und das war erst der Anfang. Schalten wir den Ventilator ein und holen den Fäkalien-Eimer.

Wowereit, der damals noch SPD-Fraktionschef war, erinnert sich, dass im Februar 2001 noch »keinerlei Alarmstimmung« herrschte, als die ersten Hinweise auf Unregelmäßigkeiten eingingen. Der Kern der Kritik lautete folgendermaßen: Diese hirnamputierten Spastis vergeben riesige Kredite an irgendwelche Sittenstrolche und fragen nicht einmal nach Sicherheiten! Grob zusammengefasst. Der Untersuchungsausschuss formulierte es in seinem Abschlussbericht 2006 etwas eloquenter, sprach von einem »weitgehenden Versagen des Risikocontrollings und Risikomanagements«. Ein Fall sorgte besonders für Aufmerksamkeit: Die BerlinHyp hatte der AUBIS-Gruppe dreistellige Millionenkredite gegeben, damit sie in ganz Ostdeutschland den Kommunen Plattensiedlungen abkaufen konnte, die keinen Gewinn abwarfen. Eigenkapital hatte die Gruppe keins – dafür waren die Manager aber CDU-Mitglieder. Verantwortlich für den ganzen Salat war nämlich Klaus Landowsky, der nicht nur Vorstandschef der BerlinHyp war, sondern auch CDU-Fraktionschef. »Seine Doppelrolle als Banker und Politiker war selbst für Berliner Verhältnisse immer fragwürdig gewesen«, sinniert sein damaliges SPD-Pendant Wowereit, dessen Partei sich in zehn Jahren großer Koalition nicht besonders eifrig über diese Situation beklagt hatte (die Genossen genossen schließlich auch ihre eigenen Privilegien). Landowsky trat zurück, und die Bankgesellschaft stand zwei Milliarden Euro in den Miesen. CDU-Fraktionsvorsitzender wollte er allerdings bleiben, und das ging den Sozialdemokraten dann zu weit – die Große Koalition zerbrach. Das hatte sein Gutes: Der geniale neue Finanzsenator Sarrazin schaffte es Jahre später tatsächlich, den ganzen Ramsch zu verscheuern, so dass sogar ein kleiner Gewinn übrig blieb. Berlin war also mit einem blauen Auge davon gekommen.

Klaus Landowsky wurde wegen Untreue zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. »Es zeigte sich einmal mehr«, schrieb der Spiegel, »dass Manager in deutschen Wirtschaftsstrafverfahren nicht wirklich fürchten müssen, hinter Gitter zu landen.« Landowsky fand sogar diese Nicht-Strafe eine Unverfrorenheit und hielt das Verfahren für einen »politischen Prozess«. Er ging in Berufung – und verlor. Anscheinend ist es doch irgendwie uncool, Parteifreunden Hunderte Millionen Euro aus der Staatskasse in die Taschen zu stecken, ohne vernünftige Perspektive, das Geld je wiederzusehen. Und dass die beiden Spekulanten bei Landowsky eine Parteispende von 40.000 Mark in bar in dessen Büro ablieferten – das wäre doch nicht nötig gewesen, oder? Leute, so was macht man auf Autobahnraststätten! Kapiert? Au-to-bahn-rast-stät-ten!

Die Chronistenpflicht gebietet es, auch die sogenannte »Tempodrom-Affäre« zu erwähnen. Im Tempodrom waren Sie vielleicht schon mal drin: Das ist diese hässliche Mehrzweckhalle, die in der Nähe vom Anhalter Bahnhof rumsteht und angeblich an ein Zirkuszelt erinnert, tatsächlich aber mehr aussieht wie ein explodierter Regenschirm. Architekt Meinhard von Gerkan hat da mit dem Hauptbahnhof wirklich Schmuckeres abgeliefert. Immerhin, es ist tatsächlich ein wichtiger Veranstaltungsort, viele namhafte Künstler schwitzen dort die Bühne voll.

So viel zum »Tempodrom«-Teil, aber wo war denn nun die »Affäre«? Tja, das ist nicht leicht zu beantworten. Das Tempodrom (Baujahr 2001) ist ein wirtschaftlicher Fehlschlag, der Bau war viel zu teuer: Geplant waren 16 Millionen Euro, es wurde dann doppelt so viel. Wenn Sie jetzt zum Beispiel aus dem »Weltkorruptionsdenkmal« Köln stammen, wie Transparency International die Stadt nennt, lachen Sie sich wahrscheinlich halbtot. Dort hat die Stadt mit der Lanxess-Arena eine hochdefizitäre Riesenhalle errichtet, die nur den Investoren Gewinn einbringt und die Verluste bei der Stadt ablädt – und der Oberstadtdirektor, der das eingefädelt hat, wurde hinterher der Geschäftsführer der Holding, die sich dergestalt an der Stadt bereichert. Hunderte Millionen kostet das die Stadt Köln – das, liebe Brüder und Schwestern, ist eine »Affäre«. Glauben Sie aber mal nicht, dass sie irgendwelche Konsequenzen zur Folge hatte. Wegen einiger Millionen mehr für das Tempodrom jedoch musste der Bausenator und SPD-Vorsitzende Peter Strieder 2004 von seinen Ämtern zurücktreten. Verbrochen hatte er nichts: Verfahren gegen ihn wurden entweder gar nicht eröffnet oder achselzuckend eingestellt. Hier kann also der »Affären«-Teil nicht liegen.

Dann hat wohl irgendjemand Bestechungsgelder kassiert, könnte man mutmaßen, denn wie und wo wäre das Ganze denn sonst eine »Affäre«? Nichts dergleichen ist geschehen. Hat dann jemand in die eigene Tasche gewirtschaftet, sich unbotmäßig bereichert? Nein. Hat jemand die Öffentlichkeit belogen? Aber nicht doch.