CHROMOSOM 23 - Christian Gailus - ebook

CHROMOSOM 23 ebook

Christian Gailus

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Eine uralte Prophezeiung, eine weltweite Verschwörung und ein ungleiches Ermittler-Duo im Wettlauf gegen skrupellose Bosse und irre Kleriker: Mission Impossible meets Die nackte Kanone … nur schlimmer … Weltweit verschwinden unter mysteriösen Umständen Frauen unter Sonnenbänken – was kaum jemand zur Kenntnis nimmt. Erst als der gefallene Investigativ-Journalist Michael Blohmquiz auf die Spur einer globalen Wirtschaftsverschwörung kommt, während zeitgleich der gefeierte Ornamentologe Richard Random den grausamen Mord an einem weltberühmten Physiker untersucht, kommen die Dinge ins Rollen … und offenbaren ein komplexes Geflecht aus Illuminaten, Vatikan, der Zahl 23 – und einer mysteriösen Geheimgesellschaft, von der noch niemand gehört hat. Außer Christian GailusCHROMOSOM 23 zieht die bekanntesten Blockbuster-Thriller von Illuminati, über Passagier 23 bis hin zur Millennium-Trilogie mächtig durch den Kakao. Gewürzt mit fein eingestreuten Pointen, jeder Menge Hamster und einer dicken Prise Ironie ist CHROMOSOM 23 ein bitterböser Angriff auf die Lachmuskeln, nicht nur für Thriller-Fans.

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Christian Gailus

CHROMOSOM 23

Eine Thriller-Satire

Über dieses Buch

Eine uralte Prophezeiung, eine weltweite Verschwörung und ein ungleiches Ermittler-Duo im Wettlauf gegen skrupellose Bosse und irre Kleriker: Mission Impossible meets Die nackte Kanone … nur schlimmer …

Weltweit verschwinden unter mysteriösen Umständen Frauen unter Sonnenbänken – was kaum jemand zur Kenntnis nimmt. Erst als der gefallene Investigativ-Journalist Michael Blohmquiz auf die Spur einer globalen Wirtschaftsverschwörung kommt, während zeitgleich der gefeierte Ornamentologe Richard Random den grausamen Mord an einem weltberühmten Physiker untersucht, kommen die Dinge ins Rollen … und offenbaren ein komplexes Geflecht aus Illuminaten, Vatikan, der Zahl 23 – und einer mysteriösen Geheimgesellschaft, von der noch niemand gehört hat. Außer Christian Gailus …

Chromosom 23 zieht die bekanntesten Blockbuster-Thriller von Illuminati, über Passagier 23 bis hin zur Millennium-Trilogie mächtig durch den Kakao. Gewürzt mit fein eingestreuten Pointen, jeder Menge Hamster und einer dicken Prise Ironie ist Chromosom 23 ein bitterböser Angriff auf die Lachmuskeln, nicht nur für Thriller-Fans.

Über den Autor

Christian Gailus wurde 1967 in Hamburg geboren und lebt seit 1996 in Bonn. Er schreibt Krimis, Thriller und Hörspiele für Erwachsene (Glashaus; Hyde Away; Angebissen) sowie actionreiche Romane für Kinder (unter dem Pseudonym Max Held). Für den Bayerischen Rundfunk verfasst er regelmäßig Hörspiele, Erzählungen und Kurzgeschichten für Kinder. Darüber hinaus ist er Autor bei der Hörspielreihe "Fünf Freunde" von Europa.

ATG books

Band 033

Originalausgabe

Copyright © 2021 by ATG Books, ein Imprint von Audio-To-Go Publishing Ltd., Headford, Irland

Textredaktion: R. Schaarschmidt

Titelillustrationen: Nomad_Soul, Rohappy, Sylverarts Vectors / shutterstock.com

Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München

Sie finden uns im Internet unter www.audio-to-go.de

VORGEPLÄNKEL

„Hallo?“

„Hallo.“

„Wer ist denn da?“

„Und wer sind Sie?“

„Das müssten Sie doch eigentlich wissen. Immerhin haben Sie mich angerufen.“

„Ach ja? Was macht Sie da so sicher?“

„Ganz einfach: Das Telefon hat geklingelt, ich habe den Hörer abgenommen …“

„Sie haben den Hörer abgenommen? Haben Sie etwa noch eins von diesen alten Schnurtelefonen mit Tastenfeld?“

„Drehscheibe. Aber das gehört doch gar nicht zur Sache.“

„Vielleicht schon. Ich habe nämlich auch so ein Ding.“

„Ein Drehscheiben-Schnur-Telefon?“

„Mit Tastenfeld.“

„Das ist ja ’n Ding.“

„Zufall?“

„Glaube ich nicht dran.“

„Dann also Schicksal.“

„Ich bin Wissenschaftler und fest davon überzeugt, dass es für alles eine rationale Erklärung gibt.“

„Das sehe ich ähnlich.“

„Sie sind auch Wissenschaftler?“

„Journalist.“

„Ah, okay. Und wieso haben Sie mich jetzt angerufen?“

„Weil ich eine Auskunft brauche …“

„Sekunde, bitte. Erst möchte ich wissen, mit wem ich es zu tun habe.“

„Sie wollen wissen, wer ich bin?“

„Ja.“

„Meinen Namen?“

„Ist er ein Geheimnis?“

„Nein.“

„Na, dann können Sie ihn mir ja auch sagen.“

„Also gut. Dann sage ich Ihnen meinen Namen.“

EINS

(Michael Blohmquiz)

Ich heiße Michael Blohmquiz, und ich bin Journalist – beziehungsweise war Journalist. Bis die Sache mit der Wenner Strom AG passierte, dem größten Energiekonzern für fossile Brennstoffe in ganz Europa. Wer glaubt, dass sich ein solcher Multi durch ein paar kreischende Fridays-for-Future-Kids in die Knie zwingen lässt, glaubt vermutlich auch, dass es sich bei Germanys next Top-Model um einen Nachwuchswettbewerb für Gesangstalente handelt.

Das sind keine Verschwörungstheorien, sondern Tatsachen. Fakten. Schließlich bin ich der Wahrheit verpflichtet. Beziehungsweise war es, bis die Anwälte von Wenner Strom mich in Grund und Boden geklagt haben. Verleumdung aufgrund mangelhafter Recherche. Lächerlich! Ich bin doch kein Provinzjournalist, der über die Inzest-Resultate regionaler Hasenzüchter berichtet. Oder über deren Tiere.

Mein Name ist Mickey Blohmquiz, und ich habe spektakuläre Enthüllungen vorzuweisen. Meine Monatszeitschrift Century war trotz geringer Auflage bei Politikern und Wirtschaftsbossen gefürchtet, immerhin hatte ich rausgefunden, dass der wirkliche Grund für die Verzögerung und Kostenexplosion beim Bau des Berliner Flughafens BER der heimliche Bau eines separaten Alien-Terminals war, um potenzielle Außerirdische inkognito empfangen zu können.

Ich hatte den Wiesel-Skandal ins Rollen gebracht, indem ich nachwies, dass die Bremsleitungen absichtlich mit der Duftnote brünstiger Wieselweibchen versehen worden waren, um die Männchen zum hemmungslosen Durchnagen zu bewegen und damit die Autoindustrie anzukurbeln.

Und ich hatte die AfD-Spitze dazu verleitet, dem König von Sumbawamba nach einem Wahlsieg den Deutschen Bundestag als Sommerresidenz zu versprechen, wo er von Asylbewerbern verwöhnt werden sollte, sofern er dafür sorgen würde, dass einige unliebsame Journalisten in den Kupferminen von Sumbawamba verschwinden würden. Das Gespräch hatte ich mit versteckter Kamera gefilmt und sogar selbst den König gespielt – und zwar gar nicht mal so schlecht, wie Roberto Blanco später bei der Laudatio zur Verleihung des Deutschen Investigativpreises versicherte. Dass die Alternative für Deutschland nach dieser Enthüllung noch um fünf Prozentpunkte zugelegt hatte, brachte mich freilich ins Grübeln.

Das alles und noch viel mehr … hatte ich in meiner Funktion als unbestechliches Gewissen des Volkes getan.

Dann kam Wenner Strom. War es Zufall? Oder Karma? Oder einfach nur eine linke Nummer, um mich aus dem Verkehr zu ziehen?

Ich weiß es bis heute nicht.

Ich weiß nur, dass ich mit meiner alten Jugendflamme Myrte im Segelboot auf dem Weg zu den schwedischen Schären war, als wir zu den Klängen von I’m sailing sozusagen auf halbmast in hohem Bogen aus der Koje flogen.

Erst dachte ich, irgend so ein verfluchter Fisch hätte uns gerammt, ein Wal oder Hai oder ein Riesenkrake. Doch als ich dann die Stimme hörte, wusste ich, dass wir es nicht mit Meeresfrüchtchen zu tun hatten.

„Heiliger Klabautermann“, brüllte jemand von achtern. „Fährt mir diese Landratte doch einfach in die Backbordseite rein. Oder ist es doch Steuerbord?“

Ich sprang in meinen Tiger-Tanga, schnappte mir meine Trompete und rannte raus, um dem Typen gehörig den Marsch zu blasen.

„Rechts vor links“, brüllte ich, „das gilt überall in der Milchstraße, du Vollpfosten!“

Stille.

Dann erneut die Stimme: „Mickey? Bist du das?“

Der Lichtkegel einer Taschenlampe zitterte auf meinem Gesicht.

„Und wer bist du?“, fragte ich ins Licht blinzelnd.

„Na, ich. Dorn.“

Ich traute meinen Ohren nicht. „Damien?“

Er sprang zu mir aufs Boot, wo wir uns herzlich umarmten.

„Das kann doch wohl nicht wahr sein“, rief Damien euphorisch. „So ein Zufall aber auch!“

Ich glaube nicht an Zufälle, sagte ich das schon?

„Was machst du hier?“, fragte ich. Wir hatten uns seit mindestens einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen.

„Segeln“, sagte Damien.

„Alleine?“

„Nein, mit …“

Da kam Myrte aus der Kajüte in einem Hauch von Negligé.

„Myrte?“, fragte Damien.

„Damien?“, fragte Myrte.

„Ihr kennt euch?“, fragte ich baff.

„Und wie …“, sagte Damien gerade, als ich die Frau auf seinem Boot entdeckte.

„Carol?“

„Mickey?“

„Häh?“

Kurz darauf nahmen uns Damien und Carol ins Schlepptau und brachten uns in den Hafen von Arholma, wo wir eine feuchtfröhliche Nacht verbrachten. Damien und ich kannten uns von der Penne in Hamburg-Eimsbüttel, wo wir zusammen Abi gemacht hatten. Es stellte sich heraus, dass Carol und Myrte sich ebenfalls von der Schule kannten, allerdings von der Militärakademie in Bratislava, wo sie Anfang der Neunzigerjahre ihren Kriegsdienst abgeleistet hatten. Die Welt ist ja so klein!

Na egal. Als die Ladys ihre Näschen pudern wollten, nutzte ich die Gelegenheit, um meinem alten Kumpel auf den Zahn zu fühlen.

„Hattet ihr mal was miteinander?“

„Ich und Myrte? Nein. Wie kommst du darauf?“

„Keine Ahnung, als ihr euch vorhin Küsschen gegeben habt, kamt ihr mir recht vertraut miteinander vor.“

Damien beugte sich vor und flüsterte: „Das liegt daran, dass ich mich mit Mädels auskenne, Sugar Boy.“

Seine Pranke landete auf meiner Schulter, und ich stimmte in sein Lachen ein, obwohl mir die Sache spanisch vorkam. Ich wechselte das Thema. „Bist du immer noch in Sachen Wirtschaftsberatung unterwegs?“

Nachdem seine Eltern auf so grauenvolle wie mysteriöse Weise in ihrem Auto verbrannt waren, wurde Damien publikumswirksam vom damaligen Hamburger Bürgermeister adoptiert und von klein auf in die Welt der Politik eingeführt. Nachdem sein Adoptivvater ertrunken war, als er sich der letzten Sturmflut entgegengestellt hatte, gelang Damien ein rascher beruflicher Aufstieg, dessen Weg zum Stadtoberhaupt abrupt endete, als ein Journalist des Hamburger Morgenfrust behauptete, dass Damien seinen Adoptivvater an jenem Abend vorher mit einem 6,66-prozentigen Schnaps abgefüllt hätte. Damien zog sich zurück, studierte Jura und gründete eine Firma für Wirtschaftsberatung, die bereits nach einem Jahr mehr Geld abwarf, als Damien in der Politik in zehn Jahren hätte verdienen können. Eigentlich hätte er also dem Enthüllungsjournalisten dankbar sein müssen, doch der hatte sich mittlerweile in einer Kathedrale erhängt.

„Aber nein“, lachte Damien. „Die Wirtschaftsberatung liegt lange hinter mir. Ich bin jetzt Hot-Dog-Verkäufer bei Hagenbecks Tierpark.“

Er grinste mich an, und ich hätte es ihm fast abgekauft, als ich mich wieder an seinen schrägen Humor erinnerte. Einmal hatte er mit Pokerface behauptet, sein wahrer Vater sei Fritz Teufel.

„Das mit den Hot Dogs ist doch Quatsch“, sagte ich deshalb.

„Stimmt, ich verkaufe bloß Popcorn“, erwiderte Damien und fing an zu weinen. „Ich wollte bloß angeben.“

„Ey, das tut mir echt leid.“ Ich legte meine Hand auf seine Schulter. „Du, wenn ich irgendwas für dich tun kann …“

Er hob den Kopf und brüllte los, wobei ihm die Spucke so davonflog, dass einige Gäste angewidert das Lokal verließen.

„Ich wusste, ich krieg dich“, japste er und schnäuzte sich in ein Taschentuch. „Du bist noch genauso leichtgläubig wie früher.“

Ich ärgerte mich über seine Bemerkung, sagte aber nichts.

„Du arbeitest also nicht im Tierpark“, versuchte ich das Gespräch zurückzulenken.

„Was soll ich in einem Zoo, wenn man die Viecher nicht mal essen darf?“ Damien winkte prustend ab. „Ich bin jetzt in der Finanzbranche tätig. Wagniskapital, Exchange Traded Funds, Renten-Fonds – alles, was Spaß macht.“

Ich hatte mehrere kritische Artikel über das unverantwortliche Handeln der Broker während der Finanzkrise 2008/9 geschrieben. Hauptsächlich deshalb, weil ich selber zehntausend Mäuse verloren hatte.

„Da gibt es so eine Sache“, flüsterte Damien und winkte mich zu sich. „Die ist aus meiner Sicht nicht astrein.“

Nicht astrein? In der Finanzbranche? Wer hätte das gedacht!

„Was du nicht sagst!“, murmelte ich.

„Das muss aber unter uns bleiben, Sugar Boy. Unter gar keinen Umständen darf mein Name fallen! Habe ich dein Ehrenwort?“

Ich nickte. „Indianerehrenwort! Also, worum geht’s?“

Nachdem Damien sich umgesehen hatte, flüsterte er: „Um Wenner Strom.“

Ich war wie elektrisiert. Die Wenner Strom AG war der größte Energieerzeuger Europas mit Dutzenden von Atomkraft- und Braunkohlewerken, weshalb sie besonders empfindlich von der Energiewende betroffen war. Der Vorstandsvorsitzende war ein besserer Schauspieler als Dustin Doofmann, weshalb ihn die PR-Abteilung gerne in Talkshows schickte, wo er Oscar-reif in Tränen ausbrach, wenn er das Ende der Braunkohle mit dem Schicksal seiner dementen Mutter in Verbindung brachte.

Hinter vorgehaltener Hand flüsterte man allerdings, dass die Chefetage von Wenner Strom – ganz besonders Wenner Senior – derart enge Beziehungen zur Politik pflegte, dass die Wenner Strom AG von allen Berliner Beschlüssen profitierte, und sei es durch milliardenschwere Entschädigungszahlungen.

„Was hast du denn mit Wenner Strom zu tun?“, fragte ich.

Sein Blick wurde ernst. „Ich hatte mal was mit Veronika, der Tochter von Wenner Senior. Bloß ’ne Urlaubsaffäre auf Ibiza. Sie kam täglich auf ein Schäferstündchen zu mir ins Hotel. Als sie gerade duschte, fiel mir einmal ihre Handtasche ins Auge. Ich bin ja eigentlich diskret. Aber die Handtasche einer Milliardenerbin? Neben mir auf dem Nachttisch? Da wollte ich wenigstens einen Blick reinwerfen, und sei es nur für eine Anekdote in meinen Memoiren.“

Er nahm seinen Whiskey, leerte das Glas in einem Zug und starrte es an, als würde er mit sich ringen, ob er wirklich weiterreden sollte. „Ihr Smartphone war in der Tasche“, fuhr er schließlich fort. „Unverschlüsselt. Ich musste einfach ihre Mails checken.“

Er schluckte und holte tief Luft. „Die vertuschen was, Mickey. Und zwar im großen Stil. Ob Wenner Senior mit drinsteckt, weiß ich nicht. Aber der Vorstandsvorsitzende auf jeden Fall. Und auch … Veronika.“

Er sagte es, als hätte ihn diese Erkenntnis tief gekränkt, dabei handelte es sich doch bloß um eine Urlaubsaffäre. Das passte irgendwie nicht zusammen.

„Und was vertuschen die?“, fragte ich.

Damien zuckte mit den Achseln. „Das konnte ich auf die Schnelle nicht rausfinden. Ich kann dir nur ein paar Schlagworte aus den Mails nennen, die bei mir hängen geblieben sind: Umwälzung, Revolution und größtes Ereignis seit der Schöpfung. Schon dabei wurde mir ganz schwindelig. Ich will gar nicht wissen, was für kriminelle Machenschaften dahinterstecken.“ Seine Augen begannen zu leuchten. „Aber du vielleicht, Mickey. Du bist Journalist, ein investigativer noch dazu. Schrillen bei solchen Infos nicht sämtliche Alarmglocken bei dir?“

Später schlugen Damien und Carol einen flotten Vierer vor, aber ich hatte keine Lust. Die Appetithäppchen meines ehemaligen Schulkumpels hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Und während die drei in der Kajüte Seemannslieder anstimmten, stand ich an der Reling, eine Flasche Dom Perignon in der Hand, und grübelte darüber nach, was ich jetzt tun sollte.

ZWISCHENSPIEL

Michael Blohmquiz (MB): „Sind Sie noch dran?“

Richard Random (RR): „Sicher.“

MB: „Das ist gut. Sehr gut.“

RR: „Was wollen Sie denn jetzt von mir?“

MB: „Können Sie sich das nicht denken?“

RR: „Nein, sonst würde ich ja nicht fragen.“

MB: „Da haben Sie auch wieder recht. Hm …“

RR: „Was denn?“

MB: „Ach so, ja, ich hätte da mal eine Frage. Elektrizität betreffend. Und ob es sein kann, dass der Energieerhaltungssatz unter bestimmten Voraussetzungen außer Kraft gesetzt werden kann.“

RR: „Wie bitte?“

MB: „Ist das möglich? Physikalisch?“

RR: „Woher soll ich das wissen?“

MB: „Weil Sie Physiker sind.“

RR: „Bin ich nicht.“

MB: „Nein?“

RR: „Nein.“

MB: „Aber auf Ihrer Website steht …“

RR: „Die ist nicht mehr gültig. Schon seit Jahren nicht.“

MB: „Ach, das wusste ich nicht. Haben Sie eine neue?“

RR: „Nein.“

MB: „Hm.“

RR: „War’s das?“

MB: „Womit beschäftigen Sie sich denn dann?“

RR: „Warum wollen Sie das wissen?“

MB: „Nur so. Interessehalber. Oder ist das geheim?“

RR: „Nein.“

MB: „Dann können Sie es mir doch auch sagen, oder?“

RR: „Theoretisch ja.“

MB: „Und praktisch?“

RR: „Kennen Sie sich mit Ornamenten aus?

MB: „Mit was?“

RR: „Ornamenten? Muster? Verzierungen?“

MB: „Sie meinen, so wie die Dinger von den Mauren in der Alhambra in Spanien?“

RR: „Wie kommen Sie denn jetzt darauf?“

MB: „Ist mir so eingefallen.“

RR: „Einfach so?“

MB: „Ja, ganz spontan.“

RR: „Das überrascht mich.“

MB: „Echt?“

RR: „Und das ist deshalb merkwürdig, weil mich eigentlichselten was überrascht. Aber jetzt geschieht es schon das zweite Mal innerhalb von ein paar Tagen.“

MB: „Ach, was ist denn da passiert?“

ZWEI

(Richard Random)

Als das Fax zu rattern begann, war ich überrascht. Das Ding stand nun seit mehr als zehn Jahren unbenutzt in der Ecke und hatte nicht mal mehr das Kabel zur Datenübertragung in der Buchse, sondern lediglich den Stromstecker.

Ich erhob mich von meinem Schreibtisch und ging zu der kleinen Kommode, die noch von meinem Großvater stammte. Opa Random war immer Klassenbester und wurde 1922 der jüngste Student, der jemals die altehrwürdige Harvard Universität in Cambridge, Massachusetts absolvierte. Die Forschungsinstitute rissen sich um ihn, doch da verliebte er sich – in den Faulwels, eine lediglich in einigen westlich von Boston gelegenen Seen beheimatete Fischart, die sich durch große Trägheit auszeichnet und vermutlich deshalb kurz vor dem Aussterben stand – was die meisten Zoologen nicht bedauerten, da der Faulwels nicht nur extrem hässlich war, sondern auch fürchterlich stank. Während um ihn herum die Welt immer wieder im Chaos versank, hockte Grandpa Random am Lake Chilligonzales und studierte den Faulwels. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er später in einer sechsbändigen Prachtausgabe mit mehreren hundert eigenhändig angefertigten Farbzeichnungen. Die Exemplare lagern noch in unserem Keller, da nur zehn verkauft wurden, von denen meine Urgroßmutter neun erstanden hatte, weil sie so stolz auf ihren Sohn war. Andere Zeitgenossen fanden, er habe sein großes Talent an eine nutzlose Sache verschwendet. Ich aber liebte meinen Opa. Wenn ich als Kind neben ihm an einem Tümpel hockte und in die braune Brühe starrte, seufzte Opa Random aus tiefstem Inneren: „Wir können so viel von ihm lernen, Ricky, so viel.“ Als er die erwähnte Kommode zimmerte, floss dieses erlernte Wissen ein. Sie war hässlich, stand schief und stank. Dad hatte das Möbelstück mehrfach abgeschrubbt – ohne Erfolg. Dennoch hatte ich mich auch nach seinem Tod nicht von ihr getrennt, und so erinnerte sie mich noch heute mit ihrem permanent fiesen Geruch an Opa und den Faulwels, der mittlerweile wirklich ausgestorben war, weil er sich selbst zur Paarung nicht hatte aufraffen können.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, vor dem Faxgerät. Sollte Opa Random mir etwa gerade ein Fax aus dem Jenseits schicken? War der Faulwels nur eine Tarnung, oder hatte ihn dieser merkwürdige Fisch, der dem Diesseits fast nicht mehr verhaftet war, gar den Kontakt von jenseits der Materie gelehrt?

Das Blatt schob sich hinaus, erste Buchstaben waren zu sehen:

K, A und T.

Stand das für Katalysator? Sandte mir Opa Random etwa die Anleitung für eine Luftfilteranlage, die unsere Umweltprobleme mit einem Schlag lösen konnte?

Die nächste Buchstabenfolge lautete: Z, E und N.

Zentrifuge? Zur Antimaterie-Erzeugung? Das war nicht ausgeschlossen. Schließlich kam die Nachricht aus dem Jenseits, wo die Naturgesetze keine Gültigkeit mehr hatten und bislang unbekannte Formen der Energiegewinnung …

F, U, T, T, E, R?

Futter?

Erst in Verbindung mit den vorherigen Buchstaben und den noch folgenden beiden Worten ergab die Nachricht einen Sinn:

Katzenfutter nicht vergessen!

Mir wurde schwindelig. Obwohl die Nachricht nicht von Opa Random stammte, kam sie trotzdem aus dem Nirwana. Von meiner geliebten Minka, die ich während eines Sommerurlaubs zu Hause vergessen … Moment mal, was schimmerte denn da durchs Papier?

Ich drehte das Blatt um.

„Gehen Sie ans Telefon!“, forderte die typische Faxtinten-Schrift. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Katzennachricht in meiner eigenen Handschrift verfasst war. Ich selbst hatte das Blatt Papier, sparsam und umweltbewusst, wie ich nun mal war, ins Faxgerät gelegt, nachdem ich damals heimgekommen war …

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Scheiße noch mal, einen Augenblick lang hatte ich echt geglaubt, Minka hätte mir eine Botschaft vom Friedhof der Kuscheltiere geschickt.

Rasch nahm ich mein Handy zur Hand. Dreiundzwanzig – ich stutzte kurz bei dieser Zahl – verpasste Anrufe meldete das Display. Nachts schaltete ich das Ding ja immer „stumm“ …

Es klingelte. Diesmal nahm ich das Gespräch an.

„Ja?“

„Das wurde aber auch Zeit“, stöhnte eine Stimme. „Wenn das mit dem Fax nicht geklappt hätte, wäre mir nur noch das Abfeuern einer Boden-Boden-Rakete eingefallen.“

„Sie haben das Fax aktiviert?“, fragte ich ungläubig.

„Ja, klar.“

„Das Gerät ist nicht ans Datennetz angeschlossen.“

„Aber am Strom. Auch damit lassen sich Daten übertragen.“

„Ist das eine neue Technologie? Sind Sie eine Art Magier?“

„Nein, ich bin Direktor des CERN und habe den größten Teilchenbeschleuniger der Welt sowie mehrere Tausend der begabtesten Wissenschaftler der Welt zur Verfügung. Ich brauche keine Magie, um ein Fax zu verschicken.“

Das leuchtete ein.

Oder auch nicht.

„Und was wollen Sie dann von mir?“

„Ich brauche Ihre Hilfe in einer Angelegenheit, bei der mir weder meine Technik noch meine Leute helfen können.“

„Und das wäre?“

„Ein Mord.“

„Dann haben Sie sich wohl verwählt. Ich bin Wissenschaftler, nicht Detektiv.“

„Sie sind der weltberühmte Ornamentologe Richard Random und haben die Inschriften von Saromans Tempel enträtselt sowie den Eingang zur Totenstadt R’yleh gefunden. Sie gelten als wissenschaftliche Koryphäe und knallharter Ermittler. Wenn Sie sich festbeißen, lassen Sie nicht wieder los, sagte mal einer ihrer Mitarbeiter über Sie, der kurz darauf an Tetanus verstarb. Kurz: Sie sind exakt der, den ich hier brauche!“

„Hier?“, fragte ich. Ich wusste ja, dass das CERN in der Schweiz lag, was von Boston immerhin ein bisschen entfernt war.

„Ein Privatjet steht für Sie bereit“, sagte der Direktor des CERN, der noch gar nicht seinen Namen gesagt hatte, wie mir gerade auffiel. „Mein Chauffeur bringt Sie zum Flughafen.“

Es klingelte an der Tür. Als ich öffnete, begrüßte mich ein junger, drahtiger Kerl im perfekt sitzenden Anzug. „Kato. Zu Ihren Diensten.“

„Ich erwarte Sie“, bellte der Direktor.

„Äh, Sekunde mal“, sagte ich rasch. „Warum haben Sie einen Teilchenbeschleuniger eingesetzt, um mir eine Nachricht aufs Fax zu schicken, wenn Ihr Chauffeur hätte klingeln können?“

Aber er hatte schon aufgelegt.

DREI

(Michael Blohmquiz)

Damiens Enthüllungen ließen mich auch nach der Rückkehr nach Hamburg nicht los. Die Wenner-Strom-Führungsriege vertuschte etwas, das mit Umwälzung, Revolution und größtem Ereignis seit der Schöpfung zu tun hatte. Welcher Journalist würde bei solchen Ködern nicht anbeißen? Also begann ich meine Recherchen und stieß auf zwei interessante Artikel, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten.

Der eine handelte von einem Umweltaktivisten, der behauptete, dass die Wenner Strom AG deutlich mehr Energie erzeugen würde, als sie ins Netz speiste. Das war grundsätzlich natürlich nicht verboten. Aber als der Aktivist wissen wollte, was mit dem überschüssigen Strom passierte, bekam er statt einer Antwort eine Tracht Prügel von einigen finster dreinblickenden Typen, die ihm eines Nachts auflauerten – worauf der Aktivist seine Anschuldigungen zurückzog und das Land verließ. Der Autor des Artikels beging kurz darauf Selbstmord, seine Frau wurde von einem Laster überfahren und sein bester Freund von einem Hai gefressen.

Okay, das konnte natürlich alles auch Zufall sein.

Aber dann war da noch ein zweiter Artikel, der von einem Bauern in Buxtehude berichtete, der seit einigen Jahren extrem voluminöse Kürbisse erntete. Die Dinger waren derart groß, dass er einige von ihnen aushöhlte und als Schlafunterkünfte für Asylbewerber vermietete. Da er nach eigenen Angaben weder Dünger noch andere Chemikalien verwendete, war der Bauer davon überzeugt, dass es sich um göttliche Fügung handeln musste.

Ich schnappte mir eine Landkarte und sah mir die Gegend um seinen Hof genauer an. Und siehe da: Stade war nicht weit entfernt, und das Kraftwerk der Wenner Strom AG lag sogar noch näher. Das war der Moment, in dem ich beschloss, dem Kraftwerk einen Besuch abzustatten.

Ich meldete mich unter falschem Namen für eine öffentliche Begehung an und nahm alles mit versteckter Kamera auf. Abgesehen von mir fanden sich noch ein Dutzend weiterer Besucher am Tag der Besichtigung ein, die immer am letzten Freitag im Schaltjahr vor Beginn der Sommersonnenwende kurz nach Mitternacht stattfand, um, laut Unternehmenswebsite, für größtmögliche Transparenz zu sorgen. Unser Führer, ein hinkender, kleiner Kerl mit kantigem Schnurrbart, machte uns erst einmal eine halbe Stunde mit den Sicherheitsvorschriften bekannt, bevor er den Rundgang in der Kantine begann. Er führte uns an den Toilettenanlagen vorbei, wies uns auf den frisch gestrichenen Pausenraum hin und wollte die Führung damit beenden, was einige von uns kritisch kommentierten. Nach Rücksprache mit seinem Vorgesetzten erklärte er sich schließlich bereit, uns ausnahmsweise auch noch den Turbinenraum zu zeigen.

„Ich weise Sie aber ausdrücklich darauf hin, dass Sie unter keinen Umständen vom Weg abweichen dürfen“, trichterte er uns mit erhobenem Zeigefinger ein. „Wir produzieren hier Starkstrom. Wenn Sie das falsche Kabel berühren, sind Sie im Handumdrehen ein Häufchen Asche.“

„Hier hängen Kabel lose herum?“, fragte eine junge Frau keck. „Widerspricht das nicht den Sicherheitsvorschriften?“

Der Führer strafte sie mit einem bösen Blick. Ich war froh, dass sie seine Aufmerksamkeit auf sich zog, sodass ich mich unbemerkt verkrümeln konnte.

Durch eine Tür mit der Aufschrift Auf keinen Fall durchgehen! gelangte ich in einen langen Korridor. In einem Labor schnappte ich mir einen weißen Kittel und einen Helm. Nun war ich von den Angestellten nicht mehr zu unterscheiden, und da ich von der Website wusste, dass knapp dreihundert Leute im Kraftwerk beschäftigt waren, würde ich wohl kaum auffallen.

„Gibt heute Spanferkelsuppe in der Kantine“, rief ich probehalber einem Mann zu, der vor einer wild blinkenden Schalttafel stand und offenbar nicht wusste, welchen Schalter er betätigen sollte.

„Ist hoffentlich besser als das Ozelotragout gestern“, rief er zurück. Ich tippte mit dem Finger an meinen Helm und ging weiter. Meine Tarnung war perfekt.

Am Ende des Gangs führte eine Tür mit der Aufschrift Wir meinen es ernst: Nicht durchgehen! in eine große Halle, in der ein Generator vor sich hin schnaufte. Zahllose Kabel und Schläuche schoben sich aus seiner schuppigen Oberfläche und verschwanden in den Wänden. Zähflüssiger Schleim tropfte auf den Hallenboden, wo er sich zu einem Rinnsal vereinigte und in einen Gully floss. An der Stirnseite bewegte eine Hydraulik eine gewaltige Röhrenkonstruktion auf und nieder, die an das Geweih eines Hirschkäfers erinnerte. Das Gebilde sah so ähnlich aus wie die Mutter in Aliens – Die Rückkehr.

Ein Schrei ließ mich zusammenzucken. Ich fuhr herum und sah, wie aus dem Hinterteil der Maschine ein ovales Objekt gepresst wurde, das ein Mitarbeiter vorsichtig in einem Tuch auffing und dann rasch damit verschwand.

Ich hatte ja schon einige seltsame Maschinen in meinem Leben gesehen, aber so ein skurriles Ding noch nie. Es erinnerte an einen Hybriden aus Fleisch und Metall. Und das war alles andere als beruhigend.

Ich folgte einem gelben Rohr, das aus dem Bauch der Maschine ragte, über einen Flur bis zu einer weiteren Halle. Von der Decke hingen schwere Lappen, die mit einer Rüttelautomatik hin- und herbewegt wurden und gegen das Rohr klatschten, als würden sie ihm Ohrfeigen verpassen. Die Lappen wurden mit einer Flüssigkeit getränkt, die aus Düsen in der Decke gespritzt wurde. Als ein Tropfen zufällig in mein Gesicht flitschte, kostete ich ihn auf der Zunge. Der Geschmack kam mir bekannt vor, aber ich konnte ihn nicht einordnen. Deshalb folgte ich dem Rohr durch weitere Hallen und Gänge, die, wie mir im weiteren Verlauf bewusst wurde, einen sanften Bogen beschrieben, bis das Rohr schließlich wieder in der Halle mit der Alien-Maschine ankam und damit einen geschlossenen Kreislauf bildete.

Plötzlich fiel mir wieder ein, woran mich der Geschmack der Flüssigkeit erinnert hatte: an Karotten. Ich sah das Bild eines Esels vor meinem geistigen Auge, der einer Möhre hinterhertrabte, die von einer Stange herabbaumelte, welche am Esel befestigt war. Dadurch kam mir Molly in Erinnerung, die Eisenbahn aus Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, die sich selbst mit einem Magneten anzog und auf diese Weise ohne jegliche Energiezufuhr bis in alle Ewigkeit weiterfahren konnte. Das wiederum erinnerte mich an das berühmte Bild von M. C. Escher, das einen Wasserlauf zeigte, der, nachdem er von der Oberseite eines Turms herabgestürzt war, einen kantigen Weg entlangfloss, um erneut an ebenjener Oberseite des Turms herauszukommen.

Der Esel, die Lokomotive, der Wasserlauf – all das konnte es nicht geben. Und doch stand ich nun vor einer Maschine, die nach demselben Prinzip funktionierte: Sie erzeugte Leistung, indem sie sich selber speiste. Lag hier die Ursache für die überschüssige Energie? War es den Ingenieuren von Wenner Strom gelungen, ein Perpetuum Mobile zu konstruieren? Und hatte die erzeugte Energie vielleicht noch ihre Macken, sodass sie nicht ins öffentliche Stromnetz eingespeist werden konnte und stattdessen in die Umwelt abgegeben wurde?

Wenn das stimmte, war Wenner Strom auf dem besten Weg, die Energieprobleme des Planeten zu lösen. In diesem Kontext ergaben Begriffe wie Umwälzung, Revolution und größtes Ereignis seit der Schöpfung durchaus einen Sinn. Genau wie die extreme Geheimhaltung, mit der hier geforscht wurde.

Aber offenbar hatte die Gewinnung der neuen Energieform zweifelhafte Auswirkungen auf die Umwelt, wie die Riesenkürbisse von Buxtehude zeigten. Wie würden Flora und Fauna reagieren, wenn es zu einem Unfall käme und die neue Energieform ungefiltert austreten würde?

Auf all diese Fragen gab mir Wenner Strom keine Antworten, nachdem ich, nun wieder zu Hause, mehrfach per Mail versucht hatte, eine Stellungnahme zu erhalten. Doch der Konzern hüllte sich in Schweigen.

Deshalb musste ich handeln.

Tödliche Gefahr durch geheime Perpetuum-Mobile-Energie? lautete der Titel meines Artikels, der einen Monat später samt einer Menge verwackelter Bilder in Century erschien. Darin zitierte ich nicht nur den Bauer aus Buxtehude sowie einige Leute, die über Übelkeit, Schlafstörungen und Gewichtsprobleme klagten, sondern auch Wissenschaftler und Experten und endete mit den mahnenden Worten: Jim und Lukas reisten mit ihrem Perpetuum Mobile nach Lummerland – hoffen wir, dass uns die Wenner-Strom-Maschine nicht direkt in die Hölle führt.

Heidi war dagegen gewesen, den Artikel zu veröffentlichen, aber ich hatte mich durchgesetzt. Heidi und mir gehörte Century. Jede heikle Enthüllung hatten wir gemeinsam beschlossen. Diese nicht.

„Es gibt kein Perpetuum Mobile“, hatte Heidi beharrt. „Das ist gegen die Wissenschaft!“

„Ich habe es mit eigenen Augen gesehen“, konterte ich. „Willst du etwa behaupten, ich wäre blind?“

Wir stritten lange und heftig. Irgendwann warf Heidi entnervt das Handtuch. „Wenn du Century untergehen sehen willst, dann veröffentliche deine Story. Aber rechne nicht damit, dass ich in Jubel ausbreche.“

„Wenn es nach der Veröffentlichung auch nur den geringsten Hinweis gibt, dass ich unsauber gearbeitet habe, ziehe ich mich aus der Redaktion zurück“, versprach ich.

„Sollte die Wenner Strom AG uns verklagen – und sie wären dumm, wenn sie es nicht täten –, wird es nach der Veröffentlichung kein Century mehr geben“, erwiderte Heidi. „Dann sitzen wir alle auf der Straße.“

Abgesehen von uns beiden arbeiteten noch eine Handvoll fester und freier Journalisten und Grafiker bei Century. Für die trugen wir natürlich auch Verantwortung.

Aber ich war mir meiner Sache absolut sicher!

Wenner Strom dummerweise auch. Und sie hatten die besseren Anwälte.

Die Rechtsvertreter wiesen nicht nur nach, dass ich jeden Beweis meiner Behauptungen schuldig geblieben war, sondern auch, dass sämtliche zitierten Zeugen Nervenkranke waren, die an diesem Tag einen Ausflug in die Gegend unternommen hatten. Wenner Stroms Anwälte verklagten mich auf Hausfriedensbruch, Industriespionage und Gefährdung der Betriebssicherheit. Die Richterin war mir noch wohlgesonnen, als sie mich mit einer Zahlung von 100.000 Euro davonkommen ließ, die Wenner Strom publicityträchtig dem Streichelzoo spendete.

Natürlich musste ich dafür alle meine Anteile aufgeben. Der Century gelang es immerhin, zu überleben. Heidi überschrieb nämlich sämtliche Anteile einem neuen Verlag, dessen erste Ausgabe titelte: Pumpkinman und der Riesenkürbis.

Seitdem trug ich in Journalistenkreisen den Spitznamen Pumpkinman. Und ich konnte es Heidi und meinen Ex-Kollegen nicht mal verübeln: Immerhin hatte ich sie an den Rand des Ruins gebracht. Es war nur fair, dass sie auf meine Kosten Schadensbegrenzung übten.

Also packte ich eines Abends meine Sachen zusammen und schlich aus der Redaktion, die mir so lange ein zweites Zuhause gewesen war. Die Straßen waren menschenleer, und es regnete in Strömen. Die Tropfen schmeckten irgendwie nach … Karotten.

ZWISCHENSPIEL

Richard Random (RR): „Sagten Sie Blohmquiz?“

Michael Blohmquiz (MB): „Das ist schon etwas her …“

RR: „Haben Sie nicht diese Wenner-Strom-Sache vergeigt?“

MB: „Ich habe sie nicht vergeigt. Ich wurde in eine Falle gelockt.“

RR: „Da kann ich mich aber an etwas anderes erinnern. Ich habe ein fotografisches Gedächtnis. Warten Sie, wie hieß es noch in dem Artikel: ‚Der Journalist des Lügenblatts Century Michael Blohmquiz hat den ehrenwerten und über jeden Zweifel erhabenen Vorstandsvorsitzenden der Wenner Strom AG Hans-Werner Wenner beschuldigt, dass es in seinem Kraftwerk in Stade bei Hamburg nicht mit rechten Dingen zugehen würde. Blohmquiz, der von seinen Freunden Mickey genannt wird, nach der lächerlichen Maus, hatte behauptet, dass es Diskrepanzen zwischen Stromerzeugung und –auslieferung geben würde. Blohmquiz meint, dass der überzählige Strom abgezweigt und anderweitig verwendet würde. Die Wenner Strom AG, die auf eine über einhundertjährige tadellose Firmengeschichte zurückblicken kann, hat das empört von sich gewiesen, und Blohmquiz, der zweimal sitzen geblieben ist, konnte natürlich keine Beweise liefern. Wem wollen wir mehr glauben, einem auch für seine karitativen Zuwendungen bekannten Unternehmen oder einem abgehalfterten falschen Fünfziger, der seine besten Jahre schon lange hinter sich hat und ein Fuck-off-Tattoo am Hintern trägt.‘“

MB: …

RR: „Mickey? Sind Sie noch dran?“

VIER

(Richard Random)

Der Chauffeur brachte mich zum Flughafen Renfield bei Boston, wo eine Frankenfly 300 auf mich wartete. Erst vor ein paar Tagen hatte ich in einer Doku gesehen, dass die schnittige Kiste Mach 23 flog und damit das schnellste Passagierflugzeug der Welt wäre – wenn es sie denn gäbe. Denn bislang sei die Frankenfly 300 lediglich das theoretische Konstrukt einiger Ingenieure, die sich Liga der heimlichen Hamster nannten und Spaß daran hätten, in ihrer Freizeit unmögliche Maschinen zu konstruieren. Doch nun stand ich neben einer – und ganz offensichtlich handelte es sich um keine Einbildung.

„Doktor Random?“ Der Pilot kam grinsend auf mich zu.

„Professor“, korrigierte ich ihn sanft.

„Nein, ich bin bloß Pilot“, erwiderte der Mann und reichte mir die Hand. „Captain Over. Ich habe die Ehre, Sie heute fliegen zu dürfen. Sie haben doch hoffentlich keine Flugangst?“

Eigentlich nicht, dachte ich. Zumindest nicht in herkömmlichen Flugzeugen. Ob das für raketenähnliche Fantasiekonstruktionen auch galt, wusste ich noch nicht.

Over führte mich ins Flugzeug. Erst dort fiel mir der Sticker auf dem Ärmel seiner Uniform auf, der einen hustenden Hamster zeigte.

Over deutete in die Kabine, die so flach war, dass ich den Kopf einziehen musste. „Nicht wundern, wir hatten bislang noch keine Gäste an Bord, deshalb haben wir einen Sitz aus einer normalen Maschine aus- und hier eingebaut. Damit Sie nicht auf dem Boden Platz nehmen müssen.“

Ich setzte mich und legte den Sicherheitsgurt an.

„Kotztüten finden Sie an der Seite“, sagte Over. „Der Flug dauert nur knapp zehn Minuten.“ Und mit einem „Guten Flug!“ verschwand er im Cockpit.

Ich fragte mich, ob ich nicht einen schweren Fehler begangen hatte. Schließlich war ich dem Ruf eines Wildfremden gefolgt, der über eine Technologie verfügte, die es offiziell nicht gab. Zudem war ich der einzige Passagier in einem Flugzeug, das Mach 23 flog … ich stutzte. 23, auch das noch! Da war sie wieder, diese Zahl, die mich schon seit Tagen verfolgte! War ich am Ende Opfer eines geheimen Plans?

Ich drehte mich nervös um. Merkwürdigerweise waren da einige Hamster in Käfigen, aber ich konnte keinen einzigen Fallschirm entdecken. Wenigstens fand ich die Kotztüte in der Tasche neben meinem Sitz. Dabei fiel mein Blick auf die Sitznummer, die in die Außenseite der Armlehne geprägt war: Zum Glück war es nicht die 23, sondern 7A.

Die Triebwerke röhrten auf, und die Maschine fuhr mit einem Ruck an. Die Frankenfly nahm so rasend schnell Geschwindigkeit auf, dass ich unsanft in den Sitz gepresst wurde. Sie ging rasch in eine nahezu senkrechte Flugbahn über und schoss wie eine Rakete nach oben.

Gerade fragte ich mich, wie man da einen Drink zu sich nehmen sollte, als die Maschine auch schon wieder die Nase senkte. Der Druck auf meinem Brustkorb nahm rapide ab, und das Bitte nicht Rauchen-Schild über mir erlosch. Ich warf einen Blick aus dem Fenster neben mir, sah aber nur den Sternenhimmel.

Was um alles in der Welt konnte der Direktor des CERN von einem Ornamentologen wollen?

Sicher, auf meinem Spezialgebiet war ich führend. Aber das lag vor allem daran, dass sich kein Mensch für Ornamentologie interessierte. Im Grunde gab es nicht mal den Fachbereich, geschweige denn Ornamentologe als offizielle Berufsbezeichnung. Streng genommen war ich der Einzige auf der Welt, denn den Titel hatte ich mir selber ausgedacht, als ich nach einer durchzechten Nacht in einem Hotelzimmer auf Bora Bora das hässlichste Tapetenmuster anstarrte, das ich je erleiden musste. Es bestand aus einem irrwitzigen Durcheinander von Linien und Klecksen, die keinerlei sinnvolle Struktur erahnen ließen.

Ich fand sie dennoch. In dem Chaos verbargen sich nämlich geheime Botschaften, Worte wie Vorsicht und Pressmaschine. Und Criceta. Der Produzent der Tapete hatte eine Nachricht in die Struktur gestanzt – und ich hatte sie entdeckt.

Mein Interesse an der Kunst, Muster zu durchschauen, war als Kind geweckt worden, nachdem ich die überraschende Entdeckung gemacht hatte, dass die Zierkante des Unterrocks meiner Mutter exakt dem Muster des Havarie-Falters glich, einer ausschließlich im Norden Perus beheimateten Schmetterlingsart, die sich vor allem durch ihre desaströsen Flugeigenschaften auszeichnete. Hatte hier der Mensch die Natur kopiert? Doch ich fand heraus, dass das Unterrock-Muster in Wirklichkeit auf das Totenhemd eines Magiers aus dem frühen siebten Jahrhundert zurückging, der als Gregor der Hungrige in die Annalen der Zauberkünste eingegangen war. In einer Vision hatte er eine Botschaft in unbekannter Sprache erhalten und sie aufgezeichnet. Sie glich dem Flügelmuster des peruanischen Havarie-Falters bis ins letzte Detail. Aber wie hatte ein isländischer Magier im siebten Jahrhundert von einem peruanischen Schmetterling erfahren?

Diese Frage ließ mich nicht mehr los, und so begann ich Muster zu suchen. Ich fand sie überall: auf Tierhäuten, in der Iris eines indischen Schlangenbeschwörers, in der zufälligen Pulververteilung einer umgeworfenen Kaffeedose. Überall Ornamente – wobei ich hier nicht von Symbolen rede, also absichtlich hergestellten Sinnbildern. Ornamente bestehen aus sich wiederholenden Mustern, die nicht immer sofort als solche zu erkennen sind. Sie können künstlich hergestellt sein, aber auch in der Natur kommen Ornamente vor, doch die Frage ihrer Bedeutung interessierte die Menschheit lange Zeit überhaupt nicht.

Bis ich sie entschlüsselte.

Je intensiver ich mich mit Ornamenten beschäftigte, desto mehr erkannte ich einen Zusammenhang nicht bloß zwischen einzelnen Mustern, sondern zwischen allen. Jahrelang beschäftigte ich mich damit, Ornamente zu kombinieren. Ich vergrößerte und verkleinerte sie, passte sie spiegelverkehrt oder invers aneinander – und manche, die einfach nicht passen wollten, warf ich weg. Meine Hoffnung war, dass sich wie bei einem Puzzle ein Gesamtbild ergeben würde – eine universelle Matrix, die alle Ornamente in sich vereinte und dadurch offenbarte, welche Idee ihnen zugrunde lag, welcher Plan oder göttliche Funke in ihnen schlummerte.

Ein Hamster lenkte mich ab, der wie schwerelos an mir vorbeischwebte und mich aus seinem Käfig heraus beäugte. Und da fiel mir plötzlich ein, dass Criceta das lateinische Wort für Hamster war. Die Botschaften waren überall.

Kurz darauf landete die Maschine auf dem Flughafen in Bern. Eine Limousine, die der in Boston glich, erwartete mich bereits. Auch der Fahrer sah dem anderen zum Verwechseln ähnlich.

„Kato?“, fragte ich deshalb, als er den Wagen auf die Autobahn lenkte.

„Mein Bruder“, erwiderte der Fahrer und warf mir über den Rückspiegel einen raschen Blick zu. „Ich heiße Plato.“

„Sie sind Zwillinge?“, wunderte ich mich. „Und beide Chauffeure?“

„Wir sind sogar zu viert“, erwiderte Plato. „Und zu Chauffeuren wurden wir gemacht.“

„Gemacht? Wie meinen Sie das?“

„Tut mir leid, darüber darf ich nicht sprechen. Professor Knüller wird Ihnen alles erklären. Genießen Sie solange die Aussicht, Professor Random.“

Das war leichter gesagt als getan, denn die Scheiben waren getönt. Und zwar von innen.

Fünfzig Minuten später erreichten wir unser Ziel – was irgendwie absurd war, denn die fünftausend Kilometer über den Atlantik hatten wir in einem Fünftel der Zeit geschafft.

Ich kannte das CERN natürlich aus Zeitungs- und Fernsehberichten. Und dann war da noch dieser Roman von Ben Drown, einem Bestsellerautor, der gerne die katholische Kirche kritisierte. Das hatte ihm immer wieder Ärger eingebracht, was Drown jedoch nur amüsierte.

„Wenn mich die Häscher des Vatikans im Visier hätten, wäre ich schon längst nicht mehr hier“, hatte er in seinem letzten Late-Night-Show-Interview gesagt, einen Tag später war er verschwunden. Das war vor einem Monat gewesen, und niemand zweifelte mehr daran, dass Drown mit seinen Büchern einer Geheimorganisation auf die Füße getreten war.

Normalerweise hatte ich nicht viel für Verschwörungstheorien übrig, aber Drowns Roman zog meine Aufmerksamkeit sofort auf sich wegen des Ornaments, das den Rand des Einbands von Der Engels-Code zierte: zwei ineinander verbissene Salamander. Ich hatte es schon einmal gesehen, und zwar auf einem Relief in der Höhle von R’yleh. Dort hatte es augenscheinlich der Beschwörung der Großen Alten gedient. Allerdings war ich vermutlich die einzige Person, die je die Höhle von R’yleh betreten hatte.

Natürlich kaufte ich den Roman sofort und begann darin zu lesen. Er offenbarte derart viele Fakten, dass er auch als Sachbuch hätte durchgehen können. Der Machtkampf zwischen dunklen Mächten war durchaus spannend erzählt. Aber je tiefer ich in die Lektüre vordrang, desto mehr bekam ich das Gefühl, dass die Oberflächenhandlung lediglich der Tarnung diente und die eigentliche Botschaft zwischen den Zeilen zu finden war.

Leider kam ich damals nicht dazu, mich dem Buch ausführlicher zu widmen. Als ich es später noch einmal zur Hand nehmen wollte, war es verschwunden. Auch der Buchhandel hatte keine Exemplare mehr, und selbst bei Secondhandhändlern war es vergriffen. Merkwürdig.

Das CERN spielte in dem Buch eine zentrale Rolle. Deshalb kam mir die an eine Kleinstadt erinnernde Anlage im Nordwesten von Genf schon vertraut vor, als ich aus der Limousine stieg.

„Professor Random!“, rief eine Stimme.

Ein Mann im Rollstuhl begrüßte mich. Als er näher kam, sah ich, dass der vermeintliche Rollstuhl gar keine Reifen besaß. Stattdessen schien er knapp über dem Erdboden zu schweben, während er den Befehlen seines Fahrers gehorchte, die dieser mit einem kleinen Steuerknüppel auf einer Konsole am Ende der Armlehne erteilte.

„Willkommen in der Schweiz!“ Der Mann streckte die Hand aus.

„Professor Knüller?“, fragte ich und schlug ein. Die Hand meines Gegenübers war kalt und feucht.

„So ist es. Sehr freundlich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind.“

„Wie hätte ich einen solchen Transport ablehnen können.“

Knüller grinste. „Flotte Kiste, was? Dabei ist die nichts gegen die nächste Generation. Die wird richtig schnell. Aber kommen Sie doch erst mal rein.“

Er bewegte den Hebel, und der Stuhl machte eine Kehrtwende. Das summende Geräusch verstärkte meinen Verdacht, dass der Stuhl mittels eines Magnetfelds zum Schweben gebracht wurde, wie das Hoverboard in Zurück in die Zukunft.

„Ich wusste gar nicht, dass Sie hier auch Flugzeuge entwickeln“, sagte ich, während ich Knüller folgte.

„Tun wir auch nicht“, antwortete der Professor. „Die Frankenfly ist lediglich eine Spielerei zur Entspannung.“

„Eine revolutionäre Antriebstechnologie bezeichnen Sie als Spielerei?“

Knüller hielt vor der Eingangstür. „Wir bei CERN beschäftigen uns mit dem, was die Materie in ihrem Innersten zusammenhält“, sagte er ernst. „Hier arbeiten fünftausend der begabtesten Wissenschaftler der Welt, darunter Dutzende Nobelpreisträger. Unser Ziel ist es, Gottes Plan zu entschlüsseln. Da sind revolutionäre Antriebe, Schwebestühle und andere Spielereien nur Gimmicks.“ Er schenkte mir ein Lächeln. „Ob Sie mir kurz die Tür aufhalten könnten?“

Ich tat es, und Professor Knüller schwebte ins Gebäude. Als ich ihm folgte, wunderte ich mich ein wenig darüber, dass man hier einen Jet mit 23-facher Schallgeschwindigkeit bauen konnte, aber keine sich automatisch öffnende Tür.

Doch ich musste mich ranhalten, denn der Professor legte ein ziemliches Tempo vor.

„Die Beschäftigung mit letzten Fragen hat etwas Erhabenes“, fuhr er fort, während er den langen Flur entlangsauste. „Dagegen verblassen viele weltliche Dinge. Obwohl der Aufbau der Natur letztendlich ja aus weltlichen Dingen besteht. Nämlich aus Materie.“

„Sie schließen die Beteiligung eines Schöpfers demnach aus?“, hechelte ich. Der Typ war eine verdammte Rakete!

„Sie meinen Gott?“ Knüller lachte auf. „Nun, falls es einen Gott geben sollte, dann ist er ein Pfuscher. Denn die Schöpfung ist voller Fehler und Ungereimtheiten. Das passt wohl kaum zu einem allmächtigen metaphysischen Überwesen.“

Er stoppte vor einer breiten Tür, die mit einem grellen Symbol gekennzeichnet war, das ich noch nie gesehen hatte.

„Aber wozu etwas berücksichtigen, das sich sowieso nicht beweisen ließe?“, fuhr Knüller mit einer rhetorischen Frage fort. „Das ist keine Sache der Wissenschaft.“ Sein Blick wurde ernst. „Zumindest war ich bis heute Morgen dieser Meinung. Dann habe ich das hier entdeckt.“ Er zeigte auf die Tür.

Ich war überrascht. „Hier war vorher gar keine Tür?“

„Lassen Sie diese Dummheiten!“, knurrte Knüller. „Selbstverständlich geht es um das, was sich hinter dieser Tür befindet. Und ich warne Sie lieber vor: Der Anblick ist nicht gerade appetitlich. Hoffentlich haben Sie einen starken Magen.“

„Nach dem Flug mit Ihrem Supervogel habe ich da keine Bedenken“, gab ich gelassen zurück und setzte – weil ich es einfach nicht lassen konnte – hinzu: „Lassen Sie mich raten: Diese Tür geht auch nicht automatisch auf, was?“

ZWISCHENSPIEL

Michael Blohmquiz (MB): „Haben Sie schon mal von Sun Surprise gehört?“

Richard Random (RR): „Nein. Was soll das sein?“

MB: „Die stellen Sonnenbänke her.“

RR: „Aha.“

MB: „Son-nen-bän-ke!“

RR: „Ich hab’s verstanden.“

MB: „Und da klingelt’s nicht bei Ihnen?“

RR: „Äh … nein.“

MB: „Dann helfe ich Ihrem Gedächtnis mal auf die Sprünge. Sun Surprise war ursprünglich ein amerikanisches Unternehmen, wurde aber vor einigen Jahren von einem deutschen Konsortium gekauft. Erst führten sie die Produktion wie gewohnt fort. Dann begannen plötzlich Leute zu verschwinden.“

RR: „Was für Leute?“

MB: „Mitarbeiter. Von einem Tag auf den anderen. Einfach weg.“

RR: „Weil sie umgezogen sind?“

MB: „Sie verschwanden. Während der Arbeit. In der Firma.“

RR: „Moment mal, Sekunde. Sie behaupten, Mitarbeiter der Firma waren während der Arbeit plötzlich weg?“

MB: „So ist es.“

RR: „Und die Polizei?“

MB: „Fand keine Spuren.“

RR: „Was haben die Behörden gemacht?“

MB: „Nichts.“

RR: „Die lassen den Betrieb einfach weiterlaufen, obwohl sich Leute in Luft auflösen? Von wie vielen Personen sprechen wir eigentlich?“

MB: „Dreiundzwanzig.“

RR: „Männer und Frauen?“

MB: „Keine Männer. Nur Frauen.“

RR: „Das ist … äh, und was … ist Ihrer Meinung nach mit den Frauen passiert?“

MB: „Das weiß ich nicht.“

RR: „Da könnte ich Ihnen vielleicht helfen. Ich kenne nämlich jemanden, der das wissen müsste.“

MB: „Und wer wäre das?

RR: „Lennard Vascinski.“

FÜNF

(Michael Blohmquiz)

Die Wenner Strom AG hatte mich also mundtot gemacht. Aber steckte dahinter auch ein Plan? Und falls ja: Hatte mein alter Kumpel Damien seine Finger im Spiel gehabt? Ich konnte und wollte mir das eigentlich nicht vorstellen, aber als er nach meinem Ausscheiden bei Century weder ans Telefon ging noch auf meine E-Mails reagierte, musste ich mir eingestehen, dass mich meine Menschenkenntnis offensichtlich im Stich gelassen hatte.

Und so stand ich vor einem Scherbenhaufen: ein Mann Anfang fünfzig, leicht übergewichtig und mit einem Hang zu Alkohol und Frauen, kinderlos, Eltern tot, weder Geschwister noch Verwandte, mit denen ich näheren Kontakt pflegte. Kurz: ein einsamer Versager.

Und eine gute Gelegenheit, meinen Frust in Alkohol zu ertränken. Aber gerade als ich die erste Flasche Dom Perignon entkorkt und das Glas gefüllt hatte, klingelte mein Telefon. Erst wollte ich gar nicht rangehen, aber dann dachte ich, es könnte Heidi sein, der es – gemeinsam mit meinen ehemaligen Kollegen – gelungen war, belastendes Material über die Wenner Strom AG zusammenzutragen, worauf die Konzernspitze zurücktreten musste, mein Name reingewaschen wurde und meine Ko-Chefredakteurin mir nun sagen wollte, dass ich – verdammt noch mal! – zurück in die Redaktion kommen und meinen verfluchten Job machen sollte.

Deshalb stürzte ich auf den Flur und hob den Hörer meines Tastentelefons ab.

„Heidi?“

„Bitte?“

Das war schon mal nicht ihre Stimme.

„Äh, wer ist denn da?“

„Hier ist Herr Nilsson. Ich bin Anwalt und …“

„… wollen mich verklagen?“, nahm ich ihm das Wort aus dem Mund. „Das haben Sie doch bereits getan! Sie und Ihre Kollegen in Ihren teuren Anzügen mit goldenen Krawattennadeln, italienischen Schuhen und Designerbrillen, Rolex-Uhren und Mercedes-Cabriolets. Also lassen Sie mich gefälligst in Ruhe und Fuck off!“

Ich knallte den Hörer auf die Gabel und wollte zu meinem Glas Wein zurückschlendern, als … Ringe-dinge-ding, es erneut klingelte.

„Heidi?“

„Nilsson.“

Der Kerl war hartnäckig.

„Ich habe doch gesagt, Sie sollen mich in Ruhe lassen.“