Chiffren im Schnee - Katharina Berlinger - ebook

Chiffren im Schnee ebook

Katharina Berlinger

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Opis

Seltsame Vorkommnisse trüben den schönen Belle-Epoque-Schein im Grand Hotel Splendid in den Schweizer Bergen. Die umsichtige Gouvernante Anna Staufer muss beunruhigt feststellen, dass Haus wie Gäste tragische und gefährliche Geheimnisse hüten. Und während man auf dem Eisfeld und auf Bällen elegante Runden dreht, wird hinter den Kulissen bereits der große Totentanz vorbereitet. Ein ermordeter Kryptographie-Professor, ein verschollenes Manuskript, ein Hotel voller Geheimdienst-Agenten und ein Toter im Dachstuhl - das ist der Stoff, aus dem Katharina Berlinger ihren Roman webt. Spionage, Liebe, Berge - ein historischer Thriller der besonderen Art.

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Aufgewachsen im Schatten der Alpen, studierte Katharina Berlinger Geschichte und Politologie. Sie arbeitet heute als freischaffende Historikerin und Journalistin. Aus Liebe zu den vielen kleinen Geschichten hinter der großen Geschichte entstand ihr erster historischer Kriminalroman.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2012 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagfoto: Zur Verfügung gestellt von der Zürcher Hochschule der Künste, ZHdK / Museum für Gestaltung Zürich, MfGZ / Plakatsammlung Gestaltung des Plakats: Emile Cardinaux; Auftraggeber: Schweiz Tourismus, Zürich, CH (damals Schweizerische Verkehrszentrale, SVZ, Zürich, CH) Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-113-8 Originalausgabe

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Für alle, die mich lehrten,

dass die Vergangenheit kein fernes Land ist –

besonders meine Eltern.

Die ruinierte Suite

«Anforderungen an eine Hotel-Gouvernante: Sie soll von untadeliger Moral sein. Sie soll über eine würdevolle und schickliche Erscheinung verfügen. Sie soll es verstehen, andere zu leiten. Sie soll ein angenehmes Wesen haben und stets versuchen, mit ihren Untergebenen auszukommen. Sie soll eine gute Zuhörerin und keine Schwätzerin sein. Sie soll stets die Fassung bewahren und ihre Anordnungen in festem, aber leisem Ton erteilen. Sie soll loyal gegenüber der Hotel-Leitung und höflich gegenüber den Gästen sein. Sie soll die Hotel-Leitung nicht mit Kleinigkeiten belästigen. Sie soll sich von jeglichem Klatsch fernhalten.»

Guide to Hotel Housekeeping – Mary E. Palmer, 1908

Anna Staufer, Gouvernante des Grand Hotel Splendid, hatte schon so einiges gesehen, aber der Zustand der Suite, in der Frau Baronin von Helmdorf logierte, liess sie doch innehalten. Kein Wunder waren Elsa und Marie vor ein paar Minuten atemlos vor Annas Kammertür aufgetaucht mit der Bitte, sie möge sofort nach unten kommen. Den Stubenmädchen war auf dem Weg ins Parterre, wo sie die Salons für den Tag herrichten sollten, die offen stehende Tür zur Kleinen Suite aufgefallen. Beim Anblick, der sich ihnen dann dort bot, hatten sie nicht lange gezögert: Dies war eindeutig eine Angelegenheit für die Gouvernante.

Jetzt drängten sich die beiden hinter Anna in der Eingangstür zur Zimmerflucht. Nachdem die Verantwortung bei einer höheren Autorität lag, galt es, für die morgendliche Tischrunde im Personal-Speisesaal möglichst viele Details der skandalösen Situation zu erhaschen.

Es sah aus, als hätten sich hier ein paar Dragoner amüsiert. Ein malerisches Tableau der Zerstörung entfaltete sich vor ihnen: umgestossene Stühle und Tische, heruntergezerrte Tüllvorhänge, zerfetzte Polstermöbel und Auslegeware, aufgeschlitzte Tapeten und zertrümmerte Paneele. Was einmal ein üppiges Dinner gewesen sein musste, lag dazwischen verteilt. Von der Bewohnerin der Suite war nichts zu sehen.

Vorsichtig bahnte Anna sich einen Weg durch das Trümmerfeld, doch nicht vorsichtig genug. In der Mitte des Raumes bückte sie sich nach einer am Boden liegenden Serviette, um ihre Schuhe von etwas, das verdächtig nach Kaviar aussah, zu reinigen. Als sie sich wieder aufrichten wollte, bemerkte sie die Hand, die hinter einem umgekippten Diwan hervorlugte. Anna trat näher; die Frau Baronin lag splitternackt und dekorativ zwischen Diwan und Wand auf dem Parkett ausgebreitet. Die Pose gemahnte an eine Odaliske auf gewissen Bildchen, die Anna während ihrer Zeit als Zimmermädchen manchmal in den Räumen männlicher Gäste zu Gesicht bekommen hatte. Der pittoreske Effekt wurde allerdings durch eine Unmenge klebriger Orangensauce und kandierter Früchte beeinträchtigt, mit denen jemand den leicht molligen Körper dekoriert hatte.

Die strategisch geschickte Platzierung zweier Kirschen war nicht weiter überraschend; Männer waren Annas Meinung nach nicht sehr phantasievoll. Immerhin, es war ein praktisches Arrangement: Die Früchte hoben und senkten sich regelmässig, das aristokratische Stück Patisserie war noch am Leben. Anna beugte sich über die Frau Baronin und untersuchte sie nach eventuellen Verletzungen; abgesehen von ihrem bewusstlosen Zustand schien es ihr aber gut zu gehen. Ein kurzer Blick in Bad und Schlafzimmer zeigte, dass kein weiterer Gast sich in ähnlichen Kalamitäten befand.

Anna breitete gnädig eine Tischdecke über die Blösse der Dame, schickte Elsa auf die Suche nach der Zofe der gnädigen Frau und wies Marie an, so weit wie irgendwie möglich, Ordnung zu schaffen.

Kurz darauf erschien die Zofe mit verschlafenem Blick und zerzaustem Haar. Baronin von Helmdorf gehörte wohl zu jenen Herrschaften, die man besser nicht warten liess. Allerdings, so Annas ungnädige Vermutung, dürfte es eher selten sein, dass die gnädige Frau dermassen früh nach ihrer Dienerschaft verlangte.

Die Zofe war ein blutjunges Ding und kaum auf den Anblick vorbereitet, der sich ihr bot. Innerlich bedachte Anna die Baronin mit ein paar unfreundlichen Ausdrücken für diesen bedauernswerten Mangel an gesundem Menschenverstand. Wenn man schon beabsichtigte, sich zügellosen Gelagen hinzugeben, hatte man gefälligst mit einer erfahrenen Zofe zu reisen, die selbst der Anblick eines Bengal-Tigers im Gemach der Herrschaft nicht aus der Fassung bringen konnte. Anna hatte von solch resoluten Vertreterinnen des Zofenstandes viel gelernt.

Sie liess dem Mädchen keine Zeit zu sinnlosem Händeringen, die Frau Baronin musste notdürftig gereinigt und dann ins Bett geschafft werden. Auf Annas Geheiss besorgte Elsa neues Bettzeug, Laken und Bezüge. Die zerschlissene Matratze wurde umgedreht, mehr konnten sie im Moment nicht tun. Zu viert verfrachteten sie die inzwischen von Früchten und Sauce gereinigte und züchtig bedeckte Freifrau in das Bett.

Nach einer kurzen Predigt über Schwatzhaftigkeit und den guten Ruf des Hauses schickte Anna Elsa und Marie nach unten, damit sie sich endlich den Salons widmen konnten. Die Zofe sollte weiter die Zimmer der Kleinen Suite aufräumen und sich um ihre Herrschaft kümmern.

Anna rief Doktor Reber an und bat ihn um einen frühen Hausbesuch. An der Réception meldete sie, dass es einen «Zwischenfall» gegeben habe.

Bis zum Morgenessen hatte sie noch etwas Zeit. Sie kehrte ins Dachgeschoss zurück, wo die Angestellten des Grand Hotels und die Dienstboten der vornehmeren Gäste, die ohne Dienerschaft nicht reisen konnten, ihre Bleibe hatten. Im rechten Seitenflügel war das weibliche Personal untergebracht – hier teilten sich jeweils mehrere Mädchen eines der kleinen, engen Zimmer unter der Dachschräge.

Als Gouvernante hatte Anna allerdings eine Kammer für sich. Sie öffnete das Fenster, räumte das Nachthemd weg, machte ihr Bett und schaffte auf dem Waschtisch Ordnung. Auf dem kleinen Beistelltisch, den sie unter dem Fenster als Schreibtisch eingerichtet hatte, lagen ein paar Holzspäne vom Bleistift-Anspitzen. Sie wischte sie mit der Hand in den Papierkorb und rückte den Zettelkasten mit den Notizen zu den regelmässig im Splendid logierenden Gästen gerade. Eine Gouvernante konnte sich keine Unordnung leisten.

Anschliessend blickte sie prüfend in den Spiegel. Die modischen Damen trugen luftige, weich hochgesteckte Frisuren. Annas Haar war streng nach hinten gekämmt und im Nacken zu einem Knoten geschlungen, keine vorwitzige Strähne wagte es, sich unbotmässig herauszustehlen. Bluse und Rock – die Gouvernante des Splendid trug keine Schürze – tadellos. Die Schlüssel und das viel gefürchtete Notizbuch samt Bleistift hingen rechts an ihrem Gürtel, links hatte sie einen kleinen Lederbeutel befestigt, in dem ein Taschenmesser, Näh- und Verbandszeug, Streichhölzer und andere nützliche Dinge verstaut waren.

Als Gouvernante fiel es ihr zu, mit Notfällen und kompromittierenden Situationen, die weibliche Gäste involvierten, diskret fertigzuwerden. Sie war das Pendant zum Concierge, dem Meister der Schlüssel und Zimmer, dessen Motto, sofern er etwas von seinem Beruf verstand, lautete: Tout voir, tout entendre et ne rien dire.

Für ihre Dienste und Mühen erhielt die Gouvernante Geschenke und Aufmerksamkeiten der Damen, und erledigte sie besonders delikate Aufgaben erfolgreich, war auch mit Zuwendungen der Herren zu rechnen.

Anna bekleidete diese Position erst seit zwei Jahren, doch sie hatte seit Ende der Schulzeit in Hotels gedient und war mit den Spielregeln ihres Gewerbes bestens vertraut. Und sie verfügte in Herrn Ganz, dem Concierge des Splendid, über einen verlässlichen Verbündeten. Was der Concierge nicht wusste, das wusste die Gouvernante und umgekehrt.

Das eiserne Gesetz der vornehmen Gesellschaft lautete schlicht «kein Skandal». Es galt, die Reputation der Gäste und des Hauses zu wahren, alles andere war nebensächlich.

Anna hatte Gouvernanten gekannt – Musterexemplare an Tugend und Aufrichtigkeit –, die ohne zu zögern das Nötige getan hatten, um den Prinzipien des Hauses allzeit gerecht zu werden, selbst wenn es bedeutete, ein junges Mädchen ins Elend zu jagen. Sie fürchtete den Tag, an dem man so etwas von ihr verlangen würde. Seit sie Gouvernante war, ließ sie keine Dummheiten durchgehen und überwachte gewisse männliche Gäste mit Argusaugen. Sie hoffte inbrünstig und – wie sie insgeheim wusste – vergeblich, dass das ausreichen würde.

Was die feinen Herrschaften hingegen untereinander so alles anstellten, war nicht Annas Angelegenheit – zumindest solange nicht, bis diese als Teil der Dessert-Karte zu ihren Füssen lagen. Sie hatte inzwischen genug Erfahrung, derlei Szenarien als Herausforderung zu betrachten. Allerdings wurde sie von solchen Eskapaden selten überrascht: Für gewöhnlich wusste sie, welche Gäste im Hause dazu neigten, in Schwierigkeiten zu geraten. Die Frau Baronin hatte sie bisher nicht dazu gezählt.

Früher waren die von Helmdorfs immer gemeinsam zur Sommerfrische in den Bergen im Splendid abgestiegen, doch seit einiger Zeit erschien die Frau Baronin alleine. Der Herr Baron beehrte das Splendid zwar weiterhin, aber nun zur Wintersaison – wobei man von ihm gewiss nicht sagen konnte, dass er alleine reiste. In einem guten Haus wurde so etwas diskret registriert und nicht weiter beachtet.

Die herrische, nörglerische Frau Baronin war kein sehr angenehmer Gast, und über die Höhe ihrer Trinkgelder wurde mehr gelästert als über den Zustand ihrer Ehe. Ihre liebste Beschäftigung schien darin zu bestehen, das Geld ihres Gatten mit beiden Händen für Schmuck und Kleider auszugeben. Doch Hinweise auf die Existenz eines Kurschattens hatte es – zumindest bis anhin – keine gegeben.

Anna schüttelte den Kopf und gemahnte sich zur Eile. Für ihren allmorgendlichen Gang durch das Hotel blieb nicht mehr viel Zeit. Auf diesem Rundgang erfuhr sie von den Nachtportiers alles über nächtliche Vorfälle und Probleme, die es allenfalls noch zu lösen galt, bevor der Tag im Hotel richtig anbrach. Doch Jakob, der auf der Etage der Frau Baronin Dienst gehabt hatte, war nicht in seinem Kabinett; er war wahrscheinlich schon zu Herrn Ganz zitiert worden.

Herr Direktor Bircher betrachtete wehmütig den dampfenden Kaffee und die warmen Croissants, die ihm eben ein Kellner wie üblich ins Direktions-Bureau gebracht hatte. Das Frühstück musste warten, die Geschehnisse in der Kleinen Suite hatten Vorrang. Herr Ganz und Herr Neumeyer, der Direktions-Sekretär und Kassierer, hatten den Patron bereits davon in Kenntnis gesetzt, dass sich in der Nacht seltsame Dinge im Haus ereignet hatten. Nun warteten die beiden zusammen mit Herrn Bircher auf den Bericht der Gouvernante.

Herr Bircher war Witwer, was bedeutete, dass die Gouvernante des Splendid sich auch um besonders delikate Angelegenheiten kümmern musste, die in anderen Häusern der Diskretion der Hoteliers-Gattin anvertraut wurden. Es brauchte hier eine Gouvernante, die mehr konnte als nur Laken zählen und Zimmermädchen herumscheuchen; das zeigte sich immer wieder.

Als Fräulein Staufer nun ins Bureau kam und ohne mit der Wimper zu zucken ein Szenario beschrieb, das auch für Herrn Bircher trotz vieler Jahrzehnte Erfahrung im Hotelgeschäft recht ungewöhnlich klang, beglückwünschte er sich einmal mehr zu seiner Entscheidung, sie einzustellen. Es mochte ein Risiko gewesen sein, die verantwortungsvolle Position einer so jungen Person zu übertragen, aber bisher bereute er es ganz bestimmt nicht.

Ihre Vorgängerin, Fräulein Hartlaub, hatte hervorragende Arbeit geleistet, doch im Laufe der Jahre ein paar Eigenheiten entwickelt, die nur schwer mit ihrem Beruf in Einklang zu bringen gewesen waren. Normalerweise wusste Direktor Bircher ein gewisses Mass an moralischer Strenge bei seinen Angestellten, besonders den weiblichen, durchaus zu schätzen. Leider hatte Fräulein Hartlaub dieses Mass bei Weitem überschritten, als sie mit einem bedrohlich geschwungenen Schürhaken bewaffnet in die Suite eines über achtzigjährigen Vicomtes gestürmt war. Das fortgeschrittene Alter des Herrn hatte sie allerdings nicht davon abgehalten, ihn eines unsittlichen Antrags zu beschuldigen. Der Vicomte hatte lediglich ein Zimmermädchen auf Französisch – der Sprache der Sünde par excellence, zumindest in Fräulein Hartlaubs leicht verschraubtem Geist – um eine Wärmflasche gebeten. Das dumme Ding hatte ihn nicht verstanden, war zur Gouvernante gerannt und von da an war die Situation auf mysteriöse Art und Weise, die dem Direktor immer noch Rätsel aufgab, ausser Kontrolle geraten.

Man hatte Fräulein Hartlaub umgehend zu ihrer Schwester zur Erholung geschickt, und Anna Staufer, damals bereits die rechte Hand der Gouvernante, war eingesprungen. Nach einer Woche hatte sie dem Direktor vorgeschlagen, bis zum Saisonende für ihren Zimmermädchen-Lohn weiter als Gouvernante zu arbeiten. Sollte er zufrieden sein, würde sie die Stellung fest auf die neue Saison erhalten. Herr Bircher, konfrontiert mit der hoffnungslosen Aufgabe, während der Hochsaison eine Gouvernante zu finden, hatte nicht lange gezögert; auch wenn er über ihr forsches Vorgehen insgeheim verstimmt gewesen war. Doch das Arrangement bewährte sich, und so arbeitete im Splendid nun die jüngste Gouvernante weit und breit.

Ihr Alter mochte gegen Fräulein Staufer sprechen, doch sie sah bereits dermassen altjüngferlich aus, dass die meisten Leute ihre unpassende Jugend gar nicht bemerkten. Herr Bircher, der sonst eine adrette Erscheinung bevorzugte, fand ihre Aufmachung durchaus angemessen. Wenn Gäste den Zimmermädchen nachstiegen, war das eine unerfreuliche Erscheinung, die sich aber nicht verhindern liess, ja in gewisser Weise sogar erwünscht war. Ein Hotel mit Zimmermädchen, die das Auge nicht erfreuten, war kein gutes Hotel. Das galt aber keineswegs für Gouvernanten, doch darüber brauchte sich der Patron keine Sorgen zu machen. Sogar Bircher jun., in seinem jugendlichen Überschwang von allem Weiblichen angezogen, hatte um Fräulein Staufer stets einen Bogen gemacht.

Die Entscheidung, ein Zimmermädchen zur Gouvernante zu machen, war beim Personal nicht gerade auf grosse Gegenliebe gestossen. Lediglich Herr Ganz hatte den Patron in der Auffassung unterstützt, dass Anna Staufer der Aufgabe gewachsen sein würde. Momente wie dieser bestätigten eindrücklich, dass er sich nicht getäuscht hatte.

Fräulein Staufer hatte die heikle Situation unter Kontrolle gebracht, noch bevor das Hotel richtig zum Leben erwacht war: die Frau Baronin züchtig ins Bett verfrachtet, den Herrn Doktor bestellt, die Suite notdürftig hergerichtet und die Mädchen hoffentlich genügend eingeschüchtert, damit diese wenigstens die pikantesten Details für sich behielten.

Niemand schien etwas über den nächtlichen Gast der Frau Baronin zu wissen; selbst der unfehlbare Ganz war ausserstande, die gewünschte Information zu liefern, was ihm offensichtlich schwer zu schaffen machte.

«Sie hat ein Dinner für zwei Personen aufs Zimmer bestellt. Klaus hatte Dienst als Etagenkellner, aber als er auftrug, war niemand im Salon. Er wurde auch bis Mitternacht nicht wieder zum Abräumen gerufen und ging dann einfach zu Bett.» Hier erlaubte sich der Concierge ein empörtes Schnaufen. «Jakob hatte Nachtdienst, und er schwört, nichts gesehen oder gehört zu haben.»

Herr Bircher schüttelte den Kopf. «Das gibt’s doch nicht. Nach allem, was ich hier höre, muss es sich um ein wahres Gelage mit einigem Radau gehandelt haben.»

«Pardon», warf Fräulein Staufer ein. «Ich denke, es gibt einen guten Grund, warum niemand etwas gehört hat. Das Ganze muss sich während des 1.-August-Feuerwerks abgespielt haben. Die meisten Gäste sind im Park gewesen, um sich das anzuschauen, und selbst wenn noch jemand in der Nähe der Suite verblieben wäre, er hätte den Lärm wohl dem Feuerwerk zugeschrieben.»

Wie jedes Jahr hatte der örtliche Fremdenverkehrsverein den Nationalfeiertag mit einem prächtigen Feuerwerk für die Gäste zelebriert. Jedermann wollte das sehen, und auch Angestellte, die eigentlich Dienst hatten, rannten gerne an ein Fenster oder eine offene Balkontür, um sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen.

«Ja, so muss es gewesen sein.» Herr Bircher nickte versonnen. «Jemand hat der Dame einen üblen Streich gespielt. Ich nehme nicht an, dass wir je erfahren werden, wer es war. Zuerst müssen wir nun Doktor Rebers Bericht abwarten, dann sehen wir weiter. Sorgen Sie dafür, dass diese unglückselige Episode nicht zum Dorfgespräch wird. Mehr ist da im Moment wohl nicht zu machen.»

Mit einer ungeduldigen Handbewegung entliess er seine höheren Chargen. Er war hungrig und wollte sich endlich Kaffee und Croissants zuwenden.

Der Personal-Speisesaal lag im Untergeschoss des Splendid neben dem gewaltigen Küchentrakt, wo im Moment das Frühstück der Gäste vorbereitet wurde. Köche und Servicepersonal hatten schon gegessen, doch die restlichen Angestellten waren eben dabei, sich zum Morgenessen niederzulassen. Als nun Herr Ganz, Herr Neumeyer und Anna dazukamen, wurde es sofort merklich ruhiger.

Die Episode in der Kleinen Suite hatte zweifelsohne bereits die Runde gemacht. Anna vermutete, dass die bei ihrer Ankunft verstummenden Gespräche gerade dort angelangt waren, wo die phantasievolle Ausschmückung begonnen hätte.

Herr Ganz warf ihr einen resignierten Blick zu. Selbst wenn Elsa und Marie das Schlimmste für sich behalten hatten, würde doch so einiges herauskommen. Es brauchte zu viele Hände (und Augen), um die Suite wieder in einen passablen Zustand zu versetzen.

Herr Doktor Reber wartete bereits an der Réception. Er war ein kleiner Mann mit erstaunlich feingliedrigen Händen; umso erstaunter zeigten sich die Gäste ob seiner oft schroffen, kurz angebundenen Art. Anna wusste aus Erfahrung, dass er für seine einheimischen Patienten mehr Geduld aufbrachte. Er hatte eben seine Visite bei der Frau Baronin beendet und versicherte Herrn Ganz und Anna nun, dass es der Dame bald besser gehen würde. Beide wussten, was er mit «leichter Unpässlichkeit» meinte, und nickten nur verständnisvoll.

Während sich die Frau Baronin von den Strapazen der Nacht erholte, begab sich Anna auf Zimmer-Inspektion und kümmerte sich um allerlei Sorgen und Sonderwünsche. Ein Gast hatte den Bundesfeiertag zu heftig begangen; ein jugendliches Brüderpaar mit einem überforderten Kindermädchen hatte unter den Betten eine gewaltige Schneckenhaussammlung angelegt, wo sie nun den Zimmermädchen das Leben schwer machte.

Anna besorgte ein Aspirin für den geplagten Herrn und leere Kartonschachteln für die naturhistorische Sammlung. Sie notierte spezielle Blumenwünsche, die sie an Herrn Brehm, den Obergärtner, weiterleiten musste, und beauftragte einen Hausknecht mit der Beseitigung eines prächtigen Spinnennetzes, das über Nacht im Gitterwerk des Liftschachts aufgetaucht war.

Die Alltagsverrichtungen versetzten sie in eine nachdenkliche Stimmung. Dank der Arbeit in den Hotels hatte sie ihrem alten Leben entfliehen können. Aber es gab immer öfter Momente, in denen sie daran zweifelte, ob dieses Gefühl der Dankbarkeit für ein ganzes Leben der Pflichterfüllung ausreichen würde. Langsam regte sich in ihr Verständnis für die verschrobenen Angewohnheiten ihrer Vorgängerin. Sie war zwar noch nicht so weit, dass sie Sicherheitsnadeln in die Matratzen steckte, um zu kontrollieren, ob die Zimmermädchen diese auch wirklich täglich wendeten, aber sie hatte sich schon bei ähnlichen Gedanken ertappt.

Manchmal kam sich Anna eingesperrt vor, gefangen in einem Leben, das nicht wirklich ihr gehörte. Das kleine Notizbüchlein half in diesen Momenten. In dem Büchlein, vor dem sich die Zimmermädchen fürchteten und über das – hinter ihrem Rücken, auch wenn sie trotzdem davon wusste – etliche Scherze zirkulierten, fanden sich nicht nur Vermerke über schlecht gemachte Betten oder beim Abstauben übersehene Simse. Anna hielt darin noch etwas anderes fest: Beobachtungen und Eindrücke, die für einen kurzen Augenblick den Raum ihrer kleinen Welt aufbrachen. Wolken, die in der Nacht wie blauer Samt schimmerten; ein silberner Vollmond; tanzende Eiskristalle, in denen sich das Licht brach; Adler über einem Lawinenkegel kreisend auf der Suche nach dem Tod. Was immer es auch war, das Annas Aufmerksamkeit so fesselte, sie hielt es, so gut sie konnte, in Worten fest. Diese Satzfetzen und Eindrücke waren wie Anker, die sie auswarf, damit sie sich nicht selbst verlor hinter dem Bild der altjüngferlichen Gouvernante.

Am Nachmittag erledigte der Patron die delikate Aufgabe, der inzwischen wieder ansprechbaren Baronin den Umzug in eine andere Suite anzubieten. Herr Ganz teilte Anna später die Einzelheiten dieses interessanten Gespräches mit.

Die Erklärung der Baronin für die Geschehnisse der vergangenen Nacht trieb dem sonst so gefassten Concierge die Zornesröte ins Gesicht.

«Sie beschuldigte tatsächlich uns – das Personal –, wir hätten ihr etwas ins Dinner geschmuggelt, das sie sich übrigens nicht erinnern kann, geordert zu haben. Und dann hätten wir in der Suite ein wüstes Gelage gefeiert, und um unsere Spuren zu verwischen, hätten wir sie in ihrer kompromittierenden Lage zurückgelassen, an die sie sich übrigens auch nicht erinnern kann. Aber das will ich gerne glauben!»

«Ich nehme an, es ist dem Patron gelungen, die gnädige Frau davon zu überzeugen, dass sie an dieser Geschichte nicht festhält?»

Herr Ganz erlaubte sich ein leicht süffisantes Lächeln. «Aber ja doch, Herr Bircher hat seine Bestürzung zum Ausdruck gebracht und ihr angeboten, sofort ins Hôtel de Paris in Monaco zu telegraphieren, wo der Herr Baron momentan residiert, und dem werten Herrn Gatten von dem grässlichen Unglück zu berichten, damit er an die Seite seiner Angetrauten eilen könne.»

Der Patron war manchmal erstaunlich durchtrieben. Der Herr Baron hatte in der Textilindustrie ein Vermögen gemacht und stand im Ruf, äusserst geschäftstüchtig – manche sagten rücksichtslos – zu sein. Er würde die Geschichte der Baronin bestimmt nicht glauben und stattdessen aus den Geschehnissen ganz andere Schlüsse ziehen. Schlüsse, die für die Frau Baronin sehr unangenehme monetäre Konsequenzen haben könnten. Anna lachte leise.

«Und auf einmal konnte sich Frau Baronin nicht mehr genau daran erinnern, was geschehen sei», fuhr Herr Ganz fort. «Und sie möchte den Herrn Gemahl nur äusserst ungern echauffieren und so weiter und so fort. Das Ende vom Lied ist, dass Frau Baronin nun die Suite im Ostflügel bezieht und für ihren Aufenthalt keinen Rappen bezahlen muss. Die Reparaturen in der Kleinen Suite wird wohl oder übel das Haus übernehmen.»

Herr Ganz und Anna schüttelten beide den Kopf. Baronin von Helmdorf musste davon abgehalten werden, ihre wilde Geschichte weiterzuverbreiten. Natürlich konnte man der Dame unmöglich die Kosten für diese Episode aufladen, und da der nächtliche Gast anscheinend kein Ehrenmann war, hatte das Splendid den Schaden. So etwas kam eben vor – selbst wenn die Gäste aus den vornehmsten Schichten des Kontinents stammten, wie Herr Ganz bekümmert schloss. Anna behielt ihre Meinung dazu lieber für sich. Es traf Herrn Ganz immer hart, wenn Landsleute nicht seinen eigenen hohen Ansprüchen entsprachen. Sie überliess ihn seinen melancholischen Gedankengängen; sie musste den Umzug der Frau Baronin in die Wege leiten. Die kleine Zofe war ganz offensichtlich dieser Aufgabe nicht gewachsen.

Gegen Abend erging die Weisung, die Kleine Suite für den Rest der Saison zu schliessen. Die zur Instandstellung notwendigen Arbeiten waren zu laut und umtriebig für den Hotelbetrieb, und so entschied der Patron, damit bis zur Winterschliessung zu warten.

Das Ausräumen der Suite sollte möglichst ohne Zeugen vonstattengehen. Kurz bevor der Gong zum Dinner erklang, betrat Anna die Räume, um alles vorzubereiten. Jetzt, wo sie sich nicht um Freifrauen in peinlichen Situationen, überforderte Zofen und neugierige Stubenmädchen kümmern musste, blickte sie nochmals aufmerksam um sich.

Durch die Fenster fiel die Abendsonne und beleuchtete das Zerstörungswerk. Von der Innenausstattung der Suite waren wohl einzig und allein die Nachtvorhänge heil geblieben, weil die Frau Baronin immer darauf bestand, dass diese «unhygienischen Dinger» schon vor ihrer Ankunft entfernt wurden.

Anna hatte sich bisher weder die Mühe gemacht, darauf hinzuweisen, dass die Vorhänge regelmässig gereinigt wurden, noch je versucht, die erstaunliche Logik zu verstehen, der zufolge Nachtvorhänge unhygienisch waren, Tagvorhänge aber nicht. Stattdessen hatte sie in ihrem Zettelkasten die Karte der Baronin mit einem entsprechenden Vermerk versehen. Die schweren Samtvorhänge wurden einfach abgenommen, wenn Frau Baronin sich ankündigte.

Anna mochte die kleinen und grossen Rätsel, die ihr das Verhalten der Gäste oft aufgab, auch wenn sie das Traumbild von Ordnung und Harmonie, das jedes Hotel so gerne erschuf, für kurze Zeit empfindlich störten. Aber dieser Vorfall überstieg alles, was sie bisher erlebt hatte. Etwas stimmte ganz und gar nicht. Sie zückte ihr Notizbuch und begann zu schreiben.

«Machen Sie eine Schadensaufnahme?» Herr Ganz war hinter ihr leise ins Zimmer getreten. «Du liebe Güte!»

Er hatte bisher noch keine Zeit gehabt, sich in der Suite umzusehen. Der Anblick schien ihn zu beeindrucken. Schweigend wanderte er durch die Räume.

«Der Patron könnte schon recht haben mit seiner Theorie», meinte er, als er zu Anna zurückkam.

«Was denkt er denn, das hier geschehen ist?»

«Nun, im Grand Palace sind ein paar Burschenschaftler abgestiegen. Sie kennen diese Herrschaften ja. Der Direktor glaubt, dass sich einer der jungen Herren mit der Baronin einen groben Scherz erlaubt hat. Und dann hat er mit seiner Waffe hier allerhand Unfug getrieben. Vielleicht wurde das Ganze sogar von Herrn Lenz eingefädelt.»

Dass Herr Bircher den Ursprung des Ärgers im Grand Palace vermutete, war nicht weiter erstaunlich. Es war das einzige Haus am Platz, das dem Splendid annähernd das Wasser reichen konnte. Entsprechend gross waren die Animositäten zwischen den Patrons; dass sie Cousins ersten Grades waren, machte die Sache nicht besser, ganz im Gegenteil.

Allerdings konnte Anna sich nicht vorstellen, dass Herr Lenz seine Gäste zu solchem Unfug anstiften würde. Aber wie sie selbst aus leidvoller Erfahrung wusste, bedurften gut betuchte Herren Studenten keinerlei Anreize von aussen für ihre «Spässe».

«Hat man die Baronin denn mit einem der jungen Herren gesehen?»

«Nein – zumindest nicht dass ich wüsste. Wenn sie einen Kurschatten hatte, dann war sie sehr vorsichtig. Doch es muss jemanden gegeben haben, sonst hätte sie kein Dinner für zwei bestellt.» Herr Ganz schüttelte ratlos den Kopf und meinte, er müsse wieder an die Réception zurück.

Inzwischen hatte sich der Grossteil der Gäste im Speisesaal und im Restaurant à la carte niedergelassen. Anna hiess ein paar Hausknechte, die zerstörten Sofas und Fauteuils mit Tüchern abzudecken und in die Remise gleich neben dem Seiteneingang des Splendid zu schaffen. Die Möbel mussten zum Sattler, aber das konnte warten. Die aufgeschlitzte Auslegeware wurde sorgsam zugedeckt in Wäschekörben hinausgetragen, und ein Zimmermädchen entfernte Nippes und allerlei Kleinigkeiten.

Anna schritt nochmals durch die Räume, um sich zu vergewissern, dass nichts vergessen worden war. Dabei liess sie sich die Theorie des Patrons durch den Kopf gehen. Es sprach einiges dafür: der grobe Sinn für Humor, die Art und Weise, wie die Baronin hergerichtet worden war, und nicht zuletzt die mit einer scharfen Klinge ausgeführten Zerstörungen. Aber nahmen Studenten ihre Säbel oder Degen oder was immer es war, womit sie sich ihre Schmisse zufügten, wirklich mit in die Sommerfrische?

Ein X kennzeichnete jede Bahn der zerschlissenen Tapeten. Im Lambris darunter waren die Paneele beschädigt worden – man hatte Teile der Intarsienarbeiten herausgebrochen. Weggezerrte Bodenleisten lagen die Wände entlang verstreut. Vergebliche Versuche, das Parkett aufzubrechen, hatten unschöne Spuren hinterlassen. Dazu war wohl eher ein Stemmeisen als ein Säbel benutzt worden, und es musste eine Heidenarbeit gewesen sein – was beides gegen eine studentische Täterschaft sprach.

Anna war sich inzwischen sicher, dass hier nicht sinnlos zerstört, sondern systematisch nach etwas gesucht worden war. Beunruhigt ging sie mit ihrer Schadensliste ins Direktions-Bureau.

Nach dem Abendessen vertiefte sich Herr Bircher in seinem Bureau gerne in Privatkorrespondenz. Er pflegte mit diversen Honoratioren und Berühmtheiten, die das Splendid beehrten, einen regen Briefwechsel, der dazu diente, die Loyalität jener Gäste gegenüber dem Haus zu stärken; zudem vermittelten diese Schreiben Herrn Bircher ein Gefühl von Bedeutung. Doch heute wurde er dabei von der Gouvernante gestört, was ihn in eine gereizte Stimmung versetzte. Ungeduldig lauschte er ihren Ausführungen.

Nun war er über Fräulein Staufers Gewissenhaftigkeit weniger erfreut als am Morgen. Wenn es etwas gab, was er an ihr auszusetzen hatte, so war es diese Art von geistiger Unabhängigkeit, die weder ihrem Stand noch ihrem Geschlecht angemessen war und die man durchaus als Impertinenz auffassen konnte. Nun ja, wenn man einen halben Blaustrumpf einstellte, musste man mit solchen Dingen wohl oder übel rechnen, aber es war schon ärgerlich.

«Ich bitte Sie, Fräulein Staufer, machen Sie mir nicht die Pferde wild», meinte er scharf und verwünschte sie und das kleine Notizbuch in ihren Händen. «Wenn Sie solche Geschichten verbreiten, haben wir schon bald keine Gäste mehr im Haus. Und überhaupt, wozu die Räume durchsuchen, wenn man dann doch nichts stiehlt? Die Juwelen der gnädigen Frau befinden sich noch alle in der Schmuckkassette – es wurde rein gar nichts gestohlen. Das ergibt überhaupt keinen Sinn, ich will davon nichts mehr hören!» Langsam und deutlich wiederholte er seine Erklärung vom harmlosen studentischen Schabernack, als ob er zu einem Kind, das etwas schwer von Begriff war, sprechen würde, und entliess sie dann ungnädig.

Zwei Tage später reiste die Frau Baronin frühzeitig ab. Eine kleine Prozession von Portiers erschien schwer bepackt mit Koffern, Hutschachteln und Reisetaschen im Vestibül. Alle, die sich trotz des Rufes der Gnädigen ein wohlverdientes Trinkgeld erhofften, versammelten sich beim Haupteingang. Anna, die wusste, was von der Freifrau zu erwarten war, beobachtete das Geschehen aus dem Hintergrund.

Nach dem Gespräch mit Herrn Bircher hatte sie ihre Bedenken wegen des Vorfalls für sich behalten. Wenn der Patron es so wollte, dann hatte sich hier ein akademischer Scherz zugetragen und damit basta. Aber Anna war froh, dass die Dame nun abreiste.

Frau Baronin erschien gekleidet in ein dunkelrotes Kostüm mit schwarzen Samtbesätzen, dazu trug sie einen Hut mit asymmetrischer Krempe. Das Ensemble, das ihren Gatten wohl einiges gekostet hatte, liess die Dame grösser und schlanker aussehen, als sie war.

Die elegante Erscheinung verschwand im Bureau des Direktors, wo sie aber nicht lange verweilte. Schon bald darauf tauchte die Frau Baronin leicht echauffiert wieder im Vestibül auf und rauschte hocherhobenen Hauptes an hoffnungsvoll blickenden Zimmermädchen, Portiers und Kellnern vorbei aus dem Haus, gefolgt von der verschüchterten Zofe, die mit gesenktem Blick hinter ihrer Herrschaft hertrippelte.

Normalerweise geleitete Herr Bircher seine Gäste bis zum Ausgang und verabschiedete sich in aller Form. Kein Zweifel, im Bureau war es zu einer unschönen Szene gekommen. Vielleicht hatte der Patron der Dame nahegelegt, sich für ihre nächste Sommerfrische ein anderes Hotel zu suchen.

Herr Ganz bestätigte Anna diese Vermutung am Abend und meinte: «Na ja, eigentlich sollte ich nicht so denken, aber ich kann nicht behaupten, dass es mir leidtäte, die Frau Baronin als Gast zu verlieren. Ich hoffe nur, der nächste Bewohner der Kleinen Suite wird uns weniger Sorgen bereiten.»

***

Es regnete, nichts Ungewöhnliches für London. Lieutenant Christian Wyndham blickte aus dem Fenster. Er wusste – und es war schön, wieder Dinge zu wissen –, er war in London, er war in einem Hospital, und es war ein guter Tag gewesen. Ein Tag, der nicht gänzlich im Nebel des Schmerzmittels versunken war. Solche Tage wurden jetzt häufiger. Und mit ihnen kamen die Erinnerungen zurück und Namen zu den Gesichtern, die an seinem Bett auftauchten.

Er drehte den Kopf zur Wand, wo ein Bild hing – ein japanisches Bild, das wusste er mit grosser Gewissheit, auch wenn er nicht sagen konnte, woher er das wusste. Jemand hatte die Darstellung eines tief verschneiten Dorfes in den Bergen dort aufgehängt. Nein, nicht irgendjemand, sondern Hastings – sein Name war Hastings, und er wusste, dass Christian das Bild liebte, weil er sein Freund war.

Christian war dankbar; bei seinem langsamen Erwachen hatte sich sein Geist an sonst nichts festhalten können, und das Bild war zu seinem Fluchtpunkt geworden. Er hatte auf die schneebedeckten Dächer gestarrt und sich vorgestellt, dort zu leben, weitab von dem unheimlichen Raum mit dem grellen Licht, den lauten Stimmen und den Schmerzen. Nach einiger Zeit des Friedens hatte er aber erkannt, dass er nun um sein Leben kämpfen musste. Dass es an der Zeit war, Abschied zu nehmen von der samtigen Stille des Schnees und an den unbekannten Ort mit den fremden Gesichtern zurückzukehren. Ein Versprechen, das er sich zwischen den Welten gegeben hatte, half ihm auf dem beschwerlichen Weg: Er würde irgendwann einen Winter in den Bergen verbringen.

Nun war das Schlimmste vorbei; noch war es Sommer, noch war er im Hospital. Doch die Ärzte sagten, im Herbst könnte er nach Hause, wo auch immer das war. Und auf den Herbst folgte der Winter.

Natürlich konnte er nicht nach Japan fahren. Aber es gab sehr viel näher auch Berge und Schnee. Er schloss die Augen und schlief, dem Regen lauschend, ein.

Die Spielwiese

«Ein berühmter Autor hat die Schweiz einst als ‹Spielwiese Europas› bezeichnet, denn Menschen aller Nationen lieben es, in das kleine Land im Zentrum des Kontinents zu reisen, ihre Ferien dort zu verbringen und sich auf mannigfaltige Art und Weise zu vergnügen. Auf einer Spielwiese gibt es jene, die einfach nur zuschauen, und jene, die mit Eifer dabei sind und immer all ihre Kräfte und Fähigkeiten einsetzen. Genauso ist es auch in der Schweiz. Manche betrachten die weissen Bergspitzen aus der Ferne, andere lieben es, die schneebedeckten Höhen zu erklimmen, dabei Mühsal und Gefahr, ja manchmal den Tod in Kauf nehmend, um die abgelegenen Gipfel zu bezwingen.»

Switzerland– John Finnemore, London 1909

Es war Herbst geworden, und die Voraussagen der Ärzte hatten sich bewahrheitet. Es ging Christian viel besser, und er sollte bald entlassen werden. Das Hospital würde er dank Tante Elinor, dem schwarzen Schaf der Familie, als wohlhabender Mann verlassen, denn sie hatte ihn zu ihrem Alleinerben bestimmt. Sie war bereits seit einiger Zeit krank gewesen. Christian hatte vorgehabt, sie nach seinem letzten Einsatz wieder einmal zu besuchen. Dazu war es nun zu spät, sie war im Frühsommer verstorben. Die Nachricht von seiner Verwundung hatte sie nicht mehr bei klarem Verstand erreicht, was vielleicht ein Segen gewesen war. Sie waren sich nahegestanden, und deshalb hatte man ihm ihren Tod lange verschwiegen. Doch schliesslich waren die Anwälte ungeduldig geworden. An einem schwülen September-Nachmittag hatte die Testamentseröffnung in seinem Krankenzimmer stattgefunden: Er verfügte nun über ein beträchtliches Vermögen und war Besitzer einer kleinen Villa am Zürichsee, von der aus man die fernen Berge sehen konnte.

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