Candide - - Voltaire - ebook

Candide ebook

Voltaire

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Opis

Voltaires Candide ist eine der sarkastischsten Satiren der Philosophiegeschichte. Diese Satire wendet sich unter anderem gegen die optimistische Weltanschauung Gottfried Wilhelm Leibniz', der die beste aller möglichen Welten postulierte. Voltaire propagiert Skeptizismus und Pessimismus, die Leibniz' Postulat in den Kontext der Zeit (Eindruck des Erdbebens von Lissabon 1755, Siebenjähriger Krieg) rücken und in Frage stellen. Die Geschichte um den naiven Candide, der durch die Wirren der Weltgeschichte getrieben wird, ist ebenso boshaft wie witzig.

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Voltaire

Candide

oder die beste aller Welten

Impressum

Voltaire
Candide oder der Optimismus
idb, 2016
Übersetzung: Wilhelm Christhelf Sigmund Mylius

Inhalt

Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreissigstes Kapitel

Erstes Kapitel

Was maassen Candide in einem schönen Schlosse erzogen, und aus demselben fortgejagt wird

Im Herzogthum Westphalen auf dem Schlosse des Herrn Baron von Donnerstrunkshausen ward mit der jungen Herrschaft zugleich ein junger Mensch erzogen, ein gar liebes, sanftes Geschöpf, aus dessen kleinsten Gesichtszuge Sanftheit hervorblikte. An Kopf fehlt' es ihm gar nicht, und doch war er so offen, so rund, so ohn' alles Arg, wie unsr' Ahnen. Eben deswegen, glaub' ich, nannte ihn Barones Engeline, Schwester des Herrn Barons,Candide. Wie hätte eine Dame, die anderthalb Jahr zu Berlin in einer Französischen Pension gewesen, sich auf einen Teutschen Namen besinnen, oder wenn sie sich ja darauf besonnen, ihn goutiren können?

Candide war, munkelten die alten Bedienten im Hause, eine heimliche Liebesfrucht von ebenbesagter Schwester des Herrn Barons und einem guten ehrlichen Schlage von Landjunker aus der Nachbarschaft. Zum Gemal hatte ihn die gnädige Barones nie gemocht, weil der arme Schlukker seinen Adel mit nicht mehr als einundsiebenzig Ahnen belegen konnte, und weil der Rest seines Stammbaums durch den scharfen Zahn der Zeit war aufgenagt worden.

Der Herr Baron, Hans, Jost, Kurt von Donnerstrunkshausen war einer der Matadore in Westphalen, denn sein Schlos hatte Thür und Fenster, ja sogar einen austapezirten Saal. Seine Kettenhunde stellten, wenn Not an Mann kam, eine Jagdkuppel vor, seine Stallknechte die Jäger und der Priester im Dorfe den Oberschloskapellan. Alt und Jung nennte den alten Herrn Ihro hochfreiherrliche Gnaden, und wollte vor Lachen bersten, wenn er etwas erzälte.

Die Frau Barones stand in gar grossem Ansehn, denn sie wog richtig ihre dreihundert und funfzig Pfund, wo nicht noch mehr, und wußte die Honneurs mit einer Würde zu machen, die ihr noch grössre Hochachtung verschafte.

Ihre Tochter, die Barones Kunegunde, war ein munters, rundes, rothbäkkiges Ding, siebzehn Sommer alt, und gar lieblich anzuschauen; Junker Polde, ihr Bruder, ein würdiges Ebenbild des gnädigen Herrn Papa. MagisterPanglos, der Hofmeister der jungen Herrschaft, stellte das Hausorakel vor. Der junge Candide schlukte jegliche seiner Lehren mit der Treuherzigkeit hinter, die seinem Alter und Karakter gemäs war.

Panglos lehrte die Metaphysiko-theologo-kosmolo-nigologie; bewies mit der stärksten philosophischen Suade, daß ohne Ursach keine Wirkung sein könne, und daß in dieser besten aller möglichen Welten das Schlos des gnädigen Herrn Barons das schönste aller Schlösser sei und die gnädige Frau die beste aller möglichen Baroninnen.

Es ist bereits klärlich dargethan, hub er zu demonstriren an, daß die Dinge nicht anders sein können, als sie sind; denn alldieweil alles, was da ist, zu einem Endzweck geschaffen worden, so zielt nothwendig alles zu dem besten Endzwek ab. Gebt nur Acht, und Ihr werdet diese Grundwahrheit durchgängig bestätigt finden. Betrachtet zum Beispiel Eure Nasen. Sie wurden gemacht, um Brillen zu tragen, und man trägt auch welche. Eure Beine: Ihr empfingt sie, um sie zu bestrümpfen und zu beschuhen, und Ihr bestrümpft und beschuht sie. Seht die Quadersteine an! Sie wachsen, um zersägt, behauen, und zum Bau der Palläste verwandt zu werden, derohalben hat unser gnädiger Herr Baron einen gar herrlichen Pallast von Quadersteinen; der grösste Baron im ganzen Herzogthume mus die beste, bequemste Wohnung haben, und hat sie auch. Die Schweine schuf Gott, damit der Mensch sie ässe; essen wir nicht Schweinfleisch Jahr aus Jahr ein? Folglich ist es Thorheit mit einigen zu behaupten, daß alles gut gemacht ist; aufs Beste ist alles gemacht, muß man sagen.

Das fing der junge Candide mit beiden ofnen Ohren auf, und glaubte es in seiner Herzenseinfalt steif weg, denn er fand Barones Gundchen ausserordentlich schön, ob er gleich nie den Mut gehabt hatte, es ihr zu sagen. Er schlos, die erste Stufe irrdischer Glükseligkeit wäre Freiherr auf und von Donnerstrunkshausen, die zweite Barones Kunegunde zu sein, die dritte, sie täglich zu sehen, die vierte, den Magister Panglos zu hören, den grössten Philosophen im ganzen Westphälischen Kreise, folglich auch in der ganzen Welt.

Eines Tages, als Barones Kunegunde in dem kleinen Gehölze am Schlosse spazieren ging, das man den hochfreiherrlichen Park nannte, erblikte sie hinter dem Gesträuch den Herrn Magister Panglos, der mit ihrer Frau Mutter Kammerjungfer einem gar niedlichen und gar gefügen braunen Dirnchen, Versuche aus der Experimentalphysik anstellte.

Die junge Barones lauscht' und lauschte mit dem leisesten Athemzuge, und beobachtete – denn sie hatte ungemeine Anlage zu den Wissenschaften – all' die Experimente, die der Magister von Zeit zu Zeit wiederholte; sahePanglosens zureichenden Grund, die Ursachen und Wirkungen gar deutlich, und schlich in tiefen Gedanken fort. Ihr war so wohl und so weh um's Herz; ihre Seele war voll von der Begier gelehrt zu werden, und dem Gedanken: sie könnte wohl des jungen Candide zureichender Grund werden, und er der ihrige.

Beim Hereintreten in's Schlos, begegnete ihr Candide! sie ward rot, Candide auch. Guten Morgen Candide! stammelte sie. Und Candide schwazte mit ihr, ohne zu wissen was. Den folgenden Tag, nach aufgehobner Mittagstafel, befanden sich Kunegund' und Candide hinter einer Spanischen Wand; Kunegunde lies ihr Schnupftuch fallen, Candide hob es auf; sie nam ihn in aller Unschuld bei der Hand, er, auch in aller Unschuld, küßte der jungenBaronesse die ihrige, und das so warm, so herzlich! O es war keiner von Euren Theaterküssen! Ihre Lippen begegneten einander, ihre Augen erglühten, ihre Kniee bebten, ihre Hände verirrten sich.

In eben dem Nu ging der Herr Baron von Donnerstrunkshausen bei dem Schirm vorbei. Da er diese Ursach' und diese Wirkung erblikte, jagt' er Candiden mit derben Fustritten zum Schlosse hinaus. Gundchen sank in Ohnmacht; sobald sie sich ein wenig erholt hatte, ward sie von der gestrengen Frau Mama wieder völlig in's Leben zurückgeohrfeigt, und in dem schönsten und anmutigsten aller Schlösser herrschte Bestürzung über Bestürzung.

Zweites Kapitel

Wie's Candiden unter den Bulgaren geht

Vertrieben aus seinem irdischen Paradiese wanderte Candide mit weinendem Auge fort, ohne zu wissen wohin. Er blikte oft gen Himmel, noch öfter nach dem Pallaste, der die schönste aller jungen Baronessinnen in sich schlos. Mit leerem Magen legt' er sich mitten im Felde hin, zwischen zwei Furchen. Es schneite die Nacht durch heftig; ganz erstarrt schlich Candide mit dämmerndem Morgen nach einer benachbarten Stadt. Sterbensmatt vor Hunger und Strapaze, nicht einen Heller Geld bei sich, macht' er vor der Thür eines Wirthshauses höchst betrübt Halte.

Zwei Blaurökke wurden ihn gewahr. Ha! ein hübscher Kerl, Herr Bruder! sagte der eine. Wie'n Rohr gewachsen! Just so gros wie wir'n brauchen! Sie gingen auf Candiden los und baten ihn sehr höflich zu Mittag mit ihnen zu speisen. Ich finde mich ungemein durch Ihre Einladung beehrt, meine Herren, sagte Candide mit einem bescheidnen Ton, der gleich seine Nation verriet, allein ich habe kein Geld, kann meine Zeche nicht zahlen. Ach! was Geld! was Zeche zahlen! sagte einer von den Männern, das haben solche wohlgewachsne, artige junge Herrn, wie Sie, nicht nötig. Sie messen sechs Zoll? Die mess' ich, meine Herren, sagte er mit einer Verbeugung. „Hurtig, mein Herr! zu Tische. Wir zahlen nicht allein die Zeche für Sie, wir werden auch sorgen, daß es einem Manne, wie Sie, nie an Gelde fehlt. Wozu sind die Menschen in der Welt, als einander beizustehn, unter die Arme zu greifen?“

Wohl wahr! sagte Candide, so hat mich der Herr Magister Panglos immer gelehrt, und ich sehe wohl ein, daß alles auf's Beste gemacht ist. Man drang ihm etliche Thaler auf; er wollt' ihnen dafür Schwarz auf Weis geben; sie wollten's nicht. Man sezt sich zu Tische, iss't, trinkt. Nicht wahr, fängt der Eine an, Sie sind ihm recht herzlich gut dem ... Dem herzensguten englischen Kunegundchen? antwortet' er. Wohl bin ich's; ich liebe sie; bete sie an. „Nicht doch! den König der Bulgaren meinen wir, ob Sie dem recht herzlich gut sind?“ Was wollt' ich? Ich kenn' ihn gar nicht, antwortete jener; hab' ihn nie gesehn. „Kennen ihn gar nicht! Haben ihn nicht gesehn! Den Mann nicht! Teufel! das ist der treflichste Herr auf Gottes Erdboden! solchen König giebt's gar nicht mehr! Allo! Er soll leben!“ Das soll er! rief Candide aus vollem Herzen, und sties an. Wie er geleert, hies es: Na, so wär's denn geschehn! Nun sind Sie Held! die Säule der Bulgaren! Ihr Schuz und ihr Schirm! Die Schranken der Ehre stehn vor Ihnen geöfnet! Lorbeern ohne Zahl erwarten Ihrer!

Sogleich legte man ihm Schellen an die Füsse und führte ihn zum Regimente. Da lernt' er das Rechts und Links um kehrt euch, Gewehr hoch, Gewehr beim Fus, Feuer, Marsch, und empfing dabei dreissig Prügel; den andern Tag exerzirt er schon ein wenig besser und bekömmt nur zwanzig; den Tag darauf gar nur zehne, und all' seine Kameraden gaften ihn als ein blaues Meerwunder an.

Candide war noch ganz bestürzt, konnte gar nicht recht begreifen, wie er so im Hui zum Helden geworden sei. An einem schönen Frühlingsmorgen fällt's ihm ein, spazieren zu gehn. Er schlendert grade vor sich hin, der Meinung: die Menschen hätten so wohl wie die Thiere das Vorrecht, sich ihrer Beine nach Belieben zu bedienen. Kaum hat er zwei Meilen gemacht, wie ein Bliz sind ihm vier andre sechsschuhige Helden auf den Hals, binden ihn, und werfen ihn in ein Loch, wohin nicht Sonne nicht Mond kam.

Ein wohllöbliches Kriegsgericht fragte ihn, was er lieber wollte, sechsunddreissigmal Spiesruten laufen oder sich drei bleierne Kugeln mit eins in's Gehirn jagen lassen. Candide hatte gut sagen, daß des Menschen Wille frei sei und daß er keins von beiden möchte; das half nichts, er mußte wälen. Sonach entschlos er sich denn, kraft der lieben Gottesgabe, Willensfreiheit genannt, sechsunddreissigmal Spiesruten zu laufen.

Zweimal hatte er die Wandrung gemacht, Gass' auf, Gass' ab; und weil das Regiment aus zweitausend Mann bestand, hatt' er seine viertausend Hiebe richtig weg. Alle Mäuslein und Spannadern vom Nakken an bis zum Wirbelbein des Rückens herab, lagen ganz blank und baar da. Wie er den dritten Gang machen sollte und nicht konnte, erbat er sich's zur Gnade, erschossen zu werden. Man gestand's ihm zu; verband ihm die Augen, lies ihn niederknien.

In eben dem Nu reitet der König der Bulgaren vorbei, frägt, was der arme Sünder begangen und nimmt aus allen Umständen ab, denn er war ein grosses Genie, daß Candide ein junger Metaphysiker sei, dabei noch völlig Neuling in der Welt, und begnadigte ihn mit einer Milde, die Welt und Afterwelt in Journälen und Chroniken preisen wird.

Ein braver Kompaniefeldscheer kurirte Candiden binnen drei Wochen mit erweichenden Mitteln, nach der Vorschrift des grossen Dioskorides. Haut hatte Candide bereits schon ziemlich, und marschieren konnt' er auch schon, als der König der Bulgaren dem Könige der Abaren ein Treffen lieferte.

Drittes Kapitel

Wie Candide den Bulgaren entkam und wie's ihm nachher erging

So flink und flimmernd, so wohlgeordnet, so stattlich hatte man noch nie Armeen gesehn als diese beiden. Trompeten und Pfeiffen, Hoboen und Trommeln, Mörser und Kanonen machten ein so vollstimmiges Konzert, als selbst Satanas in der Hölle nicht geben kann.

Zuerst rissen die Kanonen auf jeder Seite, so ein sechstausend Mann nieder, alsdann säuberte das Musketenfeuer die beste aller möglichen Welten von so ein neun bis zehntausend Schurken, die deren Oberfläche angesteckt hatten. Das Bajonet war gleichfalls ein zureichender Grund, daß einige tausend Menschen umkamen. Die ganze Summe mochte sich wohl auf ein dreissigtausend Seelen belaufen.

Candide, der als echter Philosoph zitterte und bebte, lies die heroischen Mezger immer fortmezeln und verbarg sich, so gut er konnte.

Endlich hatte die Fehd' ein Ende; die beiden Könige liessen das Te Deum in ihren Lägern anstimmen. Derweil faßte unser Candide den Entschlus, in andern Gegenden über Wirkungen und Ursachen zu philosophiren; stieg über die Haufen der Todten und Sterbenden weg, und arbeitete sich in einen nahbelegnen Aschenhaufen von Dorfe hinein. Es hatte vor Kurzem den Abaren gehört, und die Bulgaren hatten es, dem Völkerrechte gemäs, abgebrannt.

Greise lagen hier, die Wund' an Wunde hatten, und neben sich ihre zermezelten Weiber mußten hinsterben sehn, an deren blutenden Brüsten ihre Säuglinge zappelten; dort gaben Jungfrauen ihren Geist auf, von denen jede einem Halbduzend Helden ihre Naturbedürfnisse hatte stillen müssen, und nachher war entbaucht worden; hier schrieen andre, deren Leichnam halbverbrannt war: man möcht' ihnen nur den Rest geben. Die ganze Erde war mit Gehirnen und Armen und Beinen besäet.

Candide floh in voller Hast in ein andres Dorf. Es gehörte den Bulgaren, und die Helden unter den Abaren hatten ihnen kein Haar besser mitgespielt. Noch immer mußte der arme Flüchtling über zukkende Glieder gehen, und über Schutt und Graus. Endlich sah' er sich ausserhalb des Kriegstheaters. Er hatte in seinem Schnappsak etwas weniges Mundproviant, und in seinem Herzen die ihm unvergesliche Barones Gundchen.

Als er in Holland ankam, war er mit seinem Proviant zu Rande; da er aber gehört hatte, hier sei jedermann reich und Christ, so dacht' er, es würd' ihm hier so gut gehn, als im Schlosse des Herrn Barons, bevor er BaronesGundchen's schöner blauer Augen halben daraus war gejagt worden.

Er sprach viele gravitätsche Alongeperüken, die sich bei ihm vorbeischoben, und viele ehrbare alte Hauspostillen, die bey ihm wegtrippelten, um einen Zehrpfennig an; allein diese so wohl wie jene rükten mit nichts hervor, als mit der Ermahnung: diese Lebensart fahren zu lassen, sonst würde man ihn im Raspelhause unterbringen.

Hierauf wandt' er sich an einen Mann, der eine Stunde lang ganz allein in einer grossen Versammlung über christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit gesprochen hatte. Dieser Redner sah' ihn über die Schulter an, und sagte: Freund, warum seid Ihr hieher kommen? Um Euch zu dem kleinen Häuflein der Gerechten und Stillen im Lande zu gesellen? Oder waserlei ist die Ursach?

Jegliche Wirkung hub Candide in bescheidnem Tone an, hat ihre Grundursach; jegliche Begebenheit unsers Lebens ist ein nothwendiges Glied in der Kette der Dinge; ist selbiger auf's geschikteste, beste eingepasst. Ich mußte von Barones Kunegunden fortgejagt werden, mußte Spiesruten laufen, und mus so lange mein Brod betteln gehn, bis ich welches verdienen kann; das alles konnte nicht anders kommen.

Glaubt Ihr denn, mein Freund, sagte der Redner zu ihm, daß der Pabst der Antichrist sei? Davon hab' ich noch nie gehört, antwortete jener, auch gilt's mir ganz gleich, sei er's oder sei er's nicht; hätt' ich nur Brod. Auch nicht der Brosämlein einen verdienst Du, heilloser Bube, die von der Herren Tische fallen, sagte der Schwarzrok. Heb' Dich aus meinen Augen, Du Schalk Du! du Belialsbrut!

Des Redners Frau, die den Kopf zum Fenster hinausgestekt und vernommen hatte, daß es einen Menschen gab, der an der Antichristheit des Pabsts zweifelte, leerte über sein Haupt einen vollgerüttelten und geschüttelten ***. Gott, wie weit geht der Religionseifer bei den Damen!

Ein niegetauftes Geschöpf, ein wakrer Wiedertäufer, Namens Jakob Schwezinger, sahe, wie hartherzig, wie äusserst schimpflich man einem seiner Brüder begegnete, einem zweifüssigen, federlosen Geschöpfe, das doch eine Seele hatte; und es jammerte ihn sein, und er führte ihn hinab in sein Haus und säuberte ihn, und gab ihm Brod zu essen und Bier zu trinken, und schenkte ihm zwei Gulden; auch wollt' er ihn sogar in seiner Fabrik arbeiten lehren, woselbst mitten in Holland Persische Stoffe verfertigt wurden.

Candide wollte sich ihm zu Füssen werfen und schrie: Er hat wohl Recht der gute Herr Magister! Diese Welt ist die beste! Ihr ausserordentlicher Edelmuth macht tiefern Eindruk auf mich, als die Hartherzigkeit des Herrn Schwarzmantels und seiner Frau Gemalin.

Den folgenden Tag sties er beim Spazierengehen auf eine wahre Lazarusfigur von Bettler. Über und über mit Schwären bedekt war sein Aug erloschen, die Nasenspize weggefressen, der Mund ganz verzogen, die Zähne kohlschwarz. Er gurgelte und hustete jedes Wort hervor; und sein Husten war so heftig, daß er jedesmal einen Zahn ausspiee.

Viertes Kapitel

Wie Candide seinen alten Lehrmeister zu der Philosophie, den Magister Panglos wiederfand und was weiter geschahe

Candide, der mehr Mitleid als Entsezen bei diesem Anblik empfand, gab dem Scheusal von Bettler die zwei Gulden, die ihm der biederherzige Wiedertäufer Jakob gegeben hatte. Diese Jammergestalt sah' ihn starr an, Thränen rannten von ihren Wangen, und sie fiel Candiden um den Hals, der vor Schrek zurükbebte.

Und Ihr kennt Euren lieben Panglos nicht mehr? sagte der eine Unglükliche zum andern Unglüklichen. „Was hör ich? Sie sind's, mein lieber Lehrer? Sind in solch gräsliches Elend gesunken? Wodurch das? Und weshalb nicht mehr in dem schönsten aller Schlösser? Was ist aus Barones Kunegunden geworden, der Perl' aller Mädchen, dem Meisterstükke der Natur?“ Mit mir ist's aus, rief Panglos, und sank um.

Alsbald schleppt' ihn Candide in des Wiedertäufer's Stall und gab ihm ein Paar Bissen Brod, und als er sich wieder ein wenig erquikt hatte, fragt' er ihn: Nun, und Kunegunde? Ist todt, erwiederte jener. Bei diesen Worten sankCandide in Ohnmacht; sein Freund brachte ihn mit einem Paar Tropfen verdorbnen Weinessig wieder zu sich, der sich von ungefähr im Stalle befand.

Candide (die Augen aufschlagend): Todt! Kunegunde todt! O wo bist'u beste der Welten? – Aber woran starb sie? Gab ihr das den Tod, daß sie mich aus ihres Herrn Vaters schönem Schlosse mit derben Fusstössen hinausjagen sahe?

Panglos. Das nicht! Bulgarische Soldaten schlizten ihr den Bauch auf, nachdem sie selbige zuvor auf's möglichste genotzüchtigt hatten; den Baron, der ihr beistehn wollen, hatten sie vor'n Kopf geschossen; die Frau Baronin in Stükken zerhauen; meinen armen Untergebnen nicht besser mitgespielt, als seiner Barones Schwester; und was das Schlos anlangt, da ist kein Hammel, keine Ente am Leben geblieben; kein Stein auf dem andern, keine Scheune, kein Stall, kein Baum auf seinem alten Flek. Wir haben aber Genugthuung bekommen, völlige Genugthuung. Die Abaren haben's auf einem benachbarten Bulgarischen Rittersiz eben so gemacht.

Candide sank bei der Erzälung abermals in Ohnmacht; nachdem er aber wieder zu sich gekommen war, und ein gehöriges Lamento angestimmt hatte, erkundigt' er sich nach der Ursach und Wirkung und dem zureichenden Grunde, der Panglosen in einen so erbärmlichen Zustand versezt habe.

Panglos. Ach Liebe war's, Liebe, sie, die Trost auf das ganze menschliche Geschlecht herabströmt, das ganze Universum umfasst und erhält, sie, der Lebensquell aller fühlenden Geschöpfe; Liebe war's, der zärtlichste aller Affekte.

Candide. Auch ich hab sie gekannt, diese Liebe, sie, die alle Herzen beherrscht, Leben und Licht in unsre Seele bringt; und der Lohn, den sie mir gab, bestand aus einem Kus und zwanzig Fustritten in den Hintern; ein bessrer Lohn ward mir nie. Wie konnte aber diese schöne Ursach so abscheuliche Wirkungen bei Ihnen hervorbringen?

Panglos. Sie haben doch die Gertrud gekannt, lieber Candide, das niedliche Zöfchen von dem königlichen Weibe der alten Baronessin? In ihren Armen hab' ich Paradieseswonne geschmekt, und eben die hat das Höllenfeuer in all' meinen Adern angefacht, das mich jezt so wütig verzehrt. Das arme Mädchen war angestekt und ist vielleicht schon nicht mehr.

Gertrud hatte von einem hochgelahrten Franziskanermönch dies Geschenk, das er aus der ersten Hand bekommen hatte; denn er hatte es von einer alten Reichsgräfin, die Gräfin von einem Dragonerhauptmann, der Hauptmann von einer Marquise, die Marquise von einem Pagen, der Page von einem Jesuiten, und der Jesuit noch in seinem Probestande recta via von einem Gefärten des Christoph Kolumbus. Ich meines Orts, werd's niemanden mittheilen, denn ich sterbe.

Candide. O Panglos! Eine gar sonderbare Sippschaft! Der Teufel ist wohl gar der Stammvater?

Panglos. Behüte! Die beste aller möglichen Welten konnte ohne diese Krankheit nicht bestehn; sie war ein unumgänglich nötiges Ingredienz; denn hätte nicht Kolumbus in einer Amerikanischen Insel diese Seuche geholt, die den Zeugungsquell vergiftet, seine Wirkungen oft völlig entkräftet und dem großen Zwek der Natur augenscheinlich entgegenarbeitet, so hätten wir weder Schokolate noch Koschenille.

Überdies mus man bemerken, daß sie lediglich nur uns Europäern anhängt, so wie die Sucht zu polemisiren. Türken und Indier, und die da wohnen in Schina und Siam und Japan, wissen davon noch nichts bis auf den heutigen Tag. Indes giebt's einen zureichenden Grund, daß in den Folgejahrhunderten auch an diese Völker die Reihe kommen wird, sie kennen zu lernen. Derweil' aber macht sie bei uns ganz erstaunend schnelle Fortschritte, zumal in den grossen Armeen, welche aus lauter wakkern, wohlerzogenen Mietlingen bestehn, die das Schiksal der Staaten entscheiden. Man kann behaupten, wenn dreissigtausend Mann gegen eine eben so starke Armee in Schlachtordnung stehn, daß sich auf jeder Seite ungefähr an die zwanzigtausend befinden, die die Fr**n haben.

Candide. Alles gut, lieber Magister, aber jetzt müssen Sie auf Ihre Kur denken.

Panglos. Auf meine Kur denken, und habe keinen Heller. Sie müssen wissen, liebes Kind, auf Gottes weitem runden Erdboden giebt's keine Seele, die einem zur Ader lässt oder ein Klistier sezt, wenn man's nicht bezahlen kann, oder nicht einen hat, der's an unsrer Stelle thut.

Panglosens lezte Worte bestimmten Candiden; er flog zu seinem mitleidigen Wiedertäufer