Bube, Dame, Killer: 12 Thriller aus der Serie Kommissar X in einem Band - Alfred Bekker - darmowy ebook

Bube, Dame, Killer: 12 Thriller aus der Serie Kommissar X in einem Band ebook

Alfred Bekker

0,0

Opis

Ein Geschäftsmann wird ermordet, ein Mörder in der Uniform eines Cops geht um und ein unschuldiger Todeskandidat muss vor der Giftspritze gerettet werden - das sind Fälle für Jo Walker alias KOMMISSAR X. Zahlreiche Romane und Filme erschienen zu dieser Romanserie. In diesem Band sind 12 Fälle von KOMMISSAR X gesammelt, allesamt aus der Feder von Top-Autor Neal Chadwick, der sie mit Tempo und Action in Szene gesetzt hat. ÜBER 1200 NORMSEITEN THRILLER-SPANNUNG! Über den Autor: Neal Chadwick ist das Pseudonym des Schritstellers Alfred Bekker. Unter diesem Namen begann der bekannte Autor von Fantasy-Romanen, Jugendbüchern und Krimis seine Karriere. Seine Romane um DAS REICH DER ELBEN, die GORIAN-Trilogie und die DRACHENERDE-SAGA machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er schrieb für junge Leser die Fantasy-Zyklen ELBENKINDER, DIE WILDEN ORKS, ZWERGENKINDER und ELVANY sowie historische Abenteuer wie DER GEHEIMNISVOLLE MÖNCH, LEONARDOS DRACHEN, TUTENCHAMUN UND DIE FAKLSCHE MUMIE und andere. In seinem Kriminalroman DER TEUFEL AUS MÜNSTER machte er mit dem Elbenkrieger Branagorn eine Hauptfigur seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einem höchst irdischen Mordfall. Cover: STEVE MAYER

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 1338

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Alfred Bekker

Bube, Dame, Killer: 12 Thriller aus der Serie Kommissar X in einem Band

1200 Seiten Cassiopeiapress Spannung

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

BUBE, DAME, KILLER

Alfred Bekker schreibt als Neal Chadwick

zwölf Thriller aus der Serie KOMMISSAR X in einem Band

 

IN ALTER DEUTSCHER RECHTSCHREIBUNG

 

© 1991, 1992, 1994, 1996, 2004, 2012, 2015 by Alfred Bekker (Neal Chadwick)

Die vorliegenden Werke erschienen ursprünglich innerhalb der Romanserie KOMMISSAR X, einzelne Titel auch zusammengefasst in über den Versandbuchhändler Weltbild vertriebenen Hardcover- und Paperback-Ausgaben der Verlage Moewig und Zsolnay sowie im Verlag Readersplanet und in tschechischer und englischer Übersetzung. Von dem Roman DOPPELTES SPIEL erschien eine Hörbuchbearbeitung bei Nocturna Medien.

Die vorliegenden Werke erschienen auch unter anderen Titeln und in bearbeiteter und veränderter, von den Serien-Elementen gereinigten Form unter den Namen Henry Rohmer und Brian Carisi, zwei Pseudonymen desselben Autors und der Serienbezeichnung NEW YORK DETECTIVES, unter der auch Hörbuchbearbeitungen aller Romantitel veröffentlicht wurden. Eine personalisierbare Buchfassung erschien bei Personalnovel.

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

[email protected]

 

Die Benutzung des Serientitels KOMMISSAR X erfolgte mit freundlicher Genehmigung der Verlagsunion Pabel-Moewig KG, Rastatt.

Alle Rechte vorbehalten.

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 1247 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Ebook beinhaltet folgende zwölf Romane:

Bube, Dame, Killer

Der Amokläufer

Der Killer-Cop

Der Tod des Predigers

Der Todeskandidat

Die namenlose Tote

Doppeltes Spiel

Duell am East River

Flammentod

In der Hölle von Belfast

Stirb, Schnüffler!

Kinder des Satans

 

 

 

Kommissar X - Bube, Dame, Killer

Als Larry Kostler sich an diesem Morgen von seinem Chauffeur ins Büro fahren ließ, war seine Laune nicht gerade besonders gut.

Es gab Ärger in seiner Firma und wie es schien, würde er mit dem eisernen Besen fegen müssen, um da wieder aufzuräumen.

Aber im Augenblick schienen seine Gedanken ganz woanders zu sein. Er blickte nachdenklich aus dem Fenster, während der Chauffeur die schwarze Limousine durch den New Yorker Stadtverkehr lenkte.

Es gab einen Punkt, an dem man sich fragte: Wozu das alles? Und vielleicht war Larry Kostler an diesem Punkt.

Zwischendurch schaute er kurz auf die Uhr.

Er war spät dran. Wenn man hinaus in den Regen sah und auf die Blechlawine schaute, die sich durch die Straßen quälte, konnte man auf die Idee kommen, daß es damit zu tun hatte, daß Larry Kostler heute zum ersten Mal seit Jahren nicht pünktlich war.

Aber daran lag es nicht.

Kostler hatte seinem Notar noch einen kurzen Besuch abgestattet. Auch eine Sache, die ihm nicht angenehm gewesen war und die er lange vor sich hergeschoben hatte.

Was soll's! dachte er. Jetzt habe ich wenigstens das hinter mir!

Und die Firma lief ihm schließlich nicht davon.

Wenn es sich einer leisten konnte, spät dran zu sein, dann er, denn er war der Boß.

Es dauerte nicht mehr lange und der Wagen hielt vor dem mächtigen Gebäude, in dessen Mauern die Kostler Holding Company ihre Büros hatte.

Der Wagen hielt; der Chauffeur stieg als erster aus, um seinem Boß die Tür zu öffnen.

Die Tür ging Sekunden später auf.

"Vielleicht brauche ich Sie in einer halben Stunde wieder!" meinte Kostler zum Chauffeur. "Halten Sie sich also bereit.

"Jawohl, Sir!"

Kostler stieg mit umständlichen, etwas ungeschickt wirkenden Bewegungen aus.

Er hatte mindestens ein Dutzend Kilo Übergewicht und das machte ihn langsam. Er keuchte erbärmlich und sein Gesicht war puterrot angelaufen, als er schließlich neben seinem Chauffeur stand.

Dann geschah es.

Kostler hörte quietschende Reifen und das Heranbrausen eines anderen Wagens.

Er drehte sich unwillkürlich dorthin um. Es war ein zweisitziger Sportwagen mit verdunkelten Scheiben, soviel sah er noch.

Alles Weitere dauerte nur Sekunden!

Eine der Scheiben ging ein Stück hinunter, etwas Längliches schob sich einige Zentimeter hindurch und dann blitzte es auf einmal.

Es war ein Mündungsfeuer ohne Schußgeräusch. Nur ein Klacken des Abzugs, das durch die Geräusche der Umgebung fast völlig verschluckt wurde.

Und trotzdem war es ein Geräusch, das Larry Kostler das Blut in den Adern gefrieren ließ, denn er kannte es nur zu gut...

Es war ein verdammt häßliches Geräusch, auch wenn es kaum zu hören war.

Larry Kostler sah eine Kugel am Lack der Limousine kratzen, direkt vor seinen Augen, oben auf dem Dach.

Und noch ehe er wirklich begriffen hatte, was vor sich ging, und daß der Fahrer des fremden Wagens es ganz offensichtlich auf sein Leben abgesehen hatte, wurde ein zweiter Schuß abgefeuert. Und ein Dritter und dann noch ein Vierter.

Kostler sah den Chauffeur mit einem kleinen, runden Loch im Kopf auf dem Pflaster liegen.

Die Augen starrten weit aufgerissen in den smogverhangenen Himmel. Er war tot.

Kostler war wie gelähmt.

Dann fühlte er einen höllischen Schmerz in der linken Schulter. Die Wucht des ersten Treffers riß ihn herum. Die zweite Kugel fuhr ihm seitlich in den Brustkorb.

Das letzte, was er fühlte, war Schwindel.

Alles begann sich drehen.

Und dann kam die Schwäche.

Seine Beine knickten ihm unter dem Körper weg, und er sackte zu Boden. Er hörte noch wie Leute zusammenliefen und aufgeregt durcheinander redeten.

Irgendjemand schrie hysterisch.

Und dann hörte Kostler die quietschenden Reifen des Sportwagens mit den verdunkelten Scheiben, der offensichtlich davonraste.

Dann wurde es auf einmal stumm in seiner Umgebung und dunkel vor seinen Augen.

Sehr, sehr dunkel...

*

Die Tür flog auf und Jo Walker kam schwungvoll herein.

Er hatte den Mantel bereits ausgezogen, knöpfte sich nun den obersten Hemdknopf auf und lockerte dann seine Krawatte etwas.

"Guten Morgen, April!" grüßte er gutgelaunt April Bondy, seine Assistentin.

"Tag, Jo!"

"Ich weiß, ich bin etwas spät dran. Aber dieser verdammte Verkehr!"

April erhob sich von ihrem Platz und trat zu Walker heran, der unterdessen seinen Mantel irgendwo abgelegt hatte.

"Du hast Glück, Jo!"

"Inwiefern?"

"Die Klientin, die seit fast einer Stunde in deinem Büro wartet und der ich bereits die dritte Tasse Kaffee aufgebrüht habe, sieht dermaßen verzweifelt aus, daß sie wahrscheinlich auch noch ein paar weitere Stunden auf sich genommen hätte!"

Jo zuckte mit den Schultern.

"Leute, die ein sorgloses Leben führen und keinerlei Probleme haben sind ja auch nicht gerade die typische Kundschaft eines Privatdetektivs, oder?"

Als Jo Walker einen Moment später sein Büro betrat, wußte er, was April gemeint hatte.

Da saß eine junge Frau vor ihm im Sessel, die wirklich alles andere als ein glückliches Gesicht machte. Sie hatte ausdrucksstarke, grün-graue Augen, ein feingeschnittenes Gesicht und das lange blonde Haar fiel ihr auf die Schultern herab.

Sie gefiel Jo.

Aber es war ihrem Gesicht anzusehen, daß sie große Sorgen haben mußte.

Jo grüßte höflich.

"Tag, Miss..."

"Geraldine Kostler!" sagte sie.

Jo gab ihr die Hand und versuchte zu lächeln.

"Angenehm."

"Sie sind Jo Walker, der Privatdetektiv?"

"Richtig."

"Eigentlich eine dumme Frage. Ich habe Ihr Bild nämlich vor ein paar Tagen in der Zeitung gesehen... Sie sollen der Beste sein, Mr. Walker!"

"Man tut was man kann!" erwiderte Jo bescheiden und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. "Aber nennen Sie mich Jo! Und dann sagen Sie mir bitte, was Sie auf dem Herzen haben, Miss!"

"Vielleicht haben Sie schon einmal den Namen meines Vaters gehört - Larry Kostler."

Jo überlegte kurz, aber dann schüttelte er den Kopf.

"Nein, tut mir leid. Jedenfalls fällt es mir im Moment nicht ein."

"Larry Kostler von der Larry Kostler Holding."

"Ich lese zwar nicht regelmäßig den Wirtschaftsteil in der Zeitung, aber den Namen der Firma habe ich schon gehört. Was ist mit Ihrem Vater?"

"Auf ihn wurde gestern ein Mordanschlag verübt. Es steht heute in den Zeitungen."

Jo sah das zusammengefaltete Exemplar der New York Times auf seinem Tisch liegen.

"Ich bin heute noch nicht dazu gekommen, in die Times zu sehen!" gab er zu.

"Ein Wagen kam vorbei. Mit verdunkelten Scheiben. Und dann wurde geschossen. Der Chauffeur ist dabei ums Leben gekommen, aber es sieht wohl ganz so aus, als hätte man es eigentlich auf Dad abgesehen gehabt... Mein Vater liegt jetzt noch immer auf der Intensivstation. Er ist noch nicht über den Berg."

"Hat die Polizei schon...?"

"Die können nicht viel machen."

"Aber..."

"Es ist nicht der erste Versuch, Dad umzubringen, Mister Walker - ich meine: Jo!"

"Ach, nein?"

"Nein. Einmal hat jemand seinen Wagen in die Luft gesprengt. Das ist drei Wochen her. Er hatte Glück, denn er ist noch mal ausgestiegen, weil er etwas vergessen hatte. Da ist der Wagen in die Luft gegangen."

"Das sieht nach der Arbeit von Profis aus!" meinte Walker.

Geraldine Kostler nickte.

"Ja, das haben die Leute von der Polizei auch gesagt."

"Haben Sie eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte?"

"Ja. Die Sache ist ziemlich eindeutig."

Jo runzelte die Stirn.

So etwas hatte man selten.

"Und wer?"

"Tony Maldini. Ich denke, daß er hinter den Killern steckt!"

Jo pfiff durch die Zähne.

"Maldini?" Er atmete tief durch. "Wenn das der Maldini ist, den ich im Auge habe, dann hat Ihr Dad aber keinen besonders guten Umgang, Miss!"

"Ich weiß, Jo."

"Haben Sie Polizeischutz für Ihren Vater gefordert?"

"Nein."

"Warum nicht?"

"Er hat seine eigenen Bewacher und Sicherheitsleute!"

"Die kann Maldini mit seiner Portokasse kaufen!"

"Das könnte er auch bei einem Polizisten, oder etwa nicht?"

Da mußte Jo ihr Recht geben.

"Stimmt. Aber er ist in Gefahr. Und Sie auch."

"Ich bin nicht ängstlich!"

"Das sollten Sie in diesem Fall aber. Maldini war schon eine große Nummer in der Unterwelt, als ich noch bei der New Yorker Polizei war. Man konnte ihm allerdings nie etwas nachweisen, obwohl jedem klar war, daß seine Geschäfte faul waren. Waffen, Drogen, Prostitution, Schutzgelderpressung - der hat seine Finger überall, wo es viel zu verdienen gibt." Jo beugte sich etwas vor. "Was hatte Ihr Vater mit Tony Maldini zu tun? Wie kommt es, daß Maldini ihn tot sehen will. Vorausgesetzt es stimmt, was Sie mir da erzählt haben."

Geraldine schwieg.

Jo lehnte sich zurück und legte etwas die Stirn in Falten.

Etwas war faul an der Sache. Etwas stimmte hier nicht, vielleicht betraf das nicht die junge Frau, die vor ihm saß, aber bestimmt ihren Vater.

"Dazu möchte ich nichts sagen", meinte sie. "Und ich denke, Sie müssen das auch nicht wissen! Ich möchte einfach nur, daß Sie dafür sorgen, daß mein Vater am leben bleibt. Mehr nicht!"

"Warum können das nicht die Sicherheitsleute Ihrer Firma?"

"Sie können das schon, aber ich traue ihnen nicht."

"Aber mir trauen Sie?"

Sie zuckte mit den Schultern.

"Vielleicht. Irgendetwas muß man ja unternehmen!"

Jo sah sie einen Moment lang nachdenklich an.

Dann sagte er: "Sie sollten mir sagen, was zwischen Ihrem Vater und Maldini war und wodurch er ihm auf die Füße getreten hat!"

Einen Moment lang schien sie unschlüssig zu sein.

Dann schüttelte sie mit Entschiedenheit den Kopf.

"Nein", sagte sie. "Das kommt nicht in Frage!"

"Dann kann ich leider nichts für Sie tun!"

"Aber..."

"Ich muß wissen, worum es geht, wenn ich Ihren Vater schützen soll! Jedenfalls ungefähr! Wenn Sie nur einen Mann brauchen, der mit einer Kanone umzugehen versteht, sollten Sie sich jemand anderen suchen!"

Jo hatte sich erhoben.

"So war das nicht gemeint!" beeilte sich Geraldine. "Kann ich mich auf Ihre Diskretion verlassen?"

"So, als wenn Sie zur Beichte gehen würden."

Sie schluckte.

*

Als Geraldine gegangen war und bei Miss Bondy ihre Adresse sowie die Adresse des Krankenhauses, in dem sich ihr Vater befand, hinterlassen hatte, wußte Jo Walker, daß sie ihm nicht alles gesagt hatte, was sie wußte.

Fest stand wohl, daß Larry Kostler nicht immer jener seriöse Geschäftsmann gewesen war, als der er heute auftrat.

Die Tatsache allein, daß Kostler mit einem Mann wie Tony Maldini in Beziehung stand, belegte das noch nicht, denn Maldinis Unternehmen teilten sich in einen legalen und einen kriminellen Zweig - sowie alles, was dazwischen denkbar war.

Geraldine hatte gesagt, es sei vor vielen Jahren um ein illegales Waffengeschäft gegangen, bei dem Kostler dann ausgestiegen sei.

Und das hätte Maldini ihm nicht verzeihen können. Aus seinem Syndikat stieg man nicht so einfach aus. Kostler - er hatte damals diesen Namen noch nicht getragen - war untergetaucht und hatte unter neuer Identität von vorne angefangen.

Aber jetzt - nach all den Jahren - schien Maldini auf ihn aufmerksam geworden zu sein...

Der Instinkt sagte Walker, daß da noch mehr war... Er konnte das nicht begründen, jedenfalls nicht logisch. Es war einfach so ein Gedanke, der ihn angeflogen hatte und sich nun hartnäckig in seinem Gehirn festsetzte.

Wie beiläufig griff Jo zum Telefon und wählte eine Nummer - eine Nummer, die er im Schlaf kannte.

"Hallo?" kam zwischen seinen Lippen hindurch, als auf der anderen Seite jemand den Hörer abnahm.

"Wer spricht dort?"

Es war eine unfreundliche, gestreßte Männerstimme, die er da auf der anderen Seite hörte. Aber sie gehörte nicht dem Mann, den er jetzt sprechen wollte.

"Hier ist Jo Walker. Ist Captain Rowland zu sprechen?"

"Nein, Sir. Ist nicht da. Vielleicht kann ich Ihnen helfen!"

"Wann kommt Rowland zurück?"

"Keine Ahnung. Könnte länger dauern. Vielleicht am Nachmittag."

Walker verzog ärgerlich das Gesicht.

"Wiederhören!" brummte er und legte auf.

Dann erhob er sich ging hinaus zu April.

"Du kannst etwas für mich tun!" meinte er.

April lächelte von einem Ohr zum anderen.

"Aber immer, Jo!"

"Bring alles in Erfahrung, was sich über Larry Kostler in herausbekommen bringen läßt! Das dürfte nicht allzu schwierig sein, schließlich ist er relativ bekannt!"

"Okay, Jo. Und wohin gehst du?"

"Kleiner Ausflug!" meinte er nur und grinste. Und dabei hatte er schon den Mantel gegriffen. Draußen regnete es Bindfäden.

*

Es war eine ziemlich heruntergekommene Bar. Dicke Rauchschwaden hingen über den einfachen Tischen. An der Theke saßen ein paar Damen des horizontalen Gewerbes herum und tranken mit verkaterten Gesichtern Kaffee. Es war noch zu früh am Tag. Zu früh, um zu arbeiten, zu früh für Kundschaft.

Ein Stockwerk höher war das, was sich offiziell ein Hotel nannte. Dort hatten die Frauen ihre Zimmer.

Der dicke Barkeeper hinter dem Schanktisch, der höchstwahrscheinlich auch sein eigener Rausschmeißer war, hatte durchgehend geöffnet. Er konnte es sich nicht leisten, auch nur einen Cent zu verschenken, den irgendein Zecher hier vertrinken wollte.

Als Jo Walker den Laden betrat, glitt sein Blick schnell durch den Raum. Dann, als er zum Billardtisch sah, hatte er gefunden, was er suchte.

Ein kleiner, fast kahlköpfiger Mann versuchte sich dort in verschiedenen Kunststößen.

Er spielte allein.

Das war der Mann, den Walker gesucht hatte!

"Tag, Brady!" meinte der Privatdetektiv knapp, als er zu ihm an den Billardtisch ging.

Brady blickte auf und runzelte zunächst die Stirn. Dann entspannte sich sein Gesichtsausdruck ein wenig. Schließlich grinste er von einem Ohr bis zum anderen.

"Tag, Walker. Wie geht's?"

"Ich kann nicht klagen. Und Ihnen?"

"Die Zeiten sind hart für Leute wie mich!"

"Für Leute wie Sie gibt's doch immer ein paar Schleichwege - oder irre ich mich da etwa?"

Walker hatte damit rechnen können, Brady um diese Zeit hier anzutreffen.

Er war ein Hehler, der Geschäfte mit allem machte, was sich zu Geld machen ließ.

Roy Brady war fünf Nummern kleiner als Leute vom Schlage eines Tony Maldini, aber mit diesen hatte er gemein, daß die eine Hälfte seiner Geschäfte diesseits, die andere Hälfte jenseits der Grenze lag, die das Gesetz zog.

Brady handelte mit allem.

Auch mit Informationen und genau das war der Grund, weshalb Jo Walker ihn ab und zu aufsuchte.

Jo blickte sich nach den Mädchen an der Theke um, aber die kümmerten sich nicht um ihn oder Brady.

Und auch der Barkeeper machte sich - nach ein paar anfänglichen mißtrauischen Blicken - an seinen Gläsern zu schaffen.

Er spülte ab und schepperte dabei so laut herum, daß das allein schon einen guten Schutz gegen unliebsame Zuhörer bedeutete.

"Ich schätze, Sie sind nicht gekommen, um mir beim Billard zuzusehen!" meinte Brady.

"Nein, das ist richtig."

"Kommen Sie! Es ist langweilig, allein zu spielen!"

"Nein, danke. Ich habe es ziemlich eilig."

Brady ließ die Kugeln über den Tisch sausen, dann richtete er sich auf und stützte den Kö auf den Boden.

"Also... Zur Sache, Walker! Was wollen Sie wissen?"

"Tony Maldini...", murmelte Jo.

Brady pfiff durch die Zähne.

"Wie kommen Sie denn an den?"

"Meine Sache."

"Gut, aber Auskünfte über Maldini sind nicht billig, Walker!"

"Ich verstehe..."

Jo Walker griff in seine Manteltasche und holte ein paar Scheine heraus, von denen er Brady einige auf den Billardtisch legte.

Brady zählte nach und steckte das Geld weg. Aber sein hungriger Blick blieb bei den Scheinen, die Jo noch in den Händen hielt.

"Was wollen Sie über Maldini wissen?"

"Alles. Was macht er im Moment so?"

"Sie sind doch mal bei der Polizei gewesen, oder?"

"Ja..."

"Dann dürfte Ihnen der Name Maldini doch geläufig sein, Mister Walker!"

"Ist er mir auch. Ich möchte aber wissen, was er jetzt so treibt."

"Dasselbe wie eh und je. Aber er bemüht sich nun sehr darum, saubere Finger zu behalten. An seinen Händen klebt kein Blut, nicht einmal Dreck. Da achtet er sehr drauf. Wollen Sie genau wissen, in welchen Geschäften er im Moment drinhängt?"

"Ja, das kann nicht schaden. Hören Sie sich in der Szene um!"

"Gut, ich rufe Sie dann an, Walker. War's das?"

"Nein. Da ist noch etwas Spezielles..."

Brady zog die Augenbrauen hoch.

"Raus damit, Walker!"

"Irgendjemand hat es auf Larry Kostler von der Larry Kostler Holding abgesehen. Gestern ist auf ihn geschossen worden, jetzt liegt er in der Intensivstation..."

"Und Sie denken, daß Maldini dahintersteckt."

"Ja."

"Das ist 'ne heikle Sache!"

"Ich weiß."

"Wenn Maldini tatsächlich dahintersteckt, macht er das so, daß niemand die Sache mit ihm in Verbindung bringen kann. Profis, Sie verstehen?"

"Natürlich. Versuchen Sie trotzdem, etwas aufzuschnappen."

"Dafür reicht das aber nicht, was Sie mir gerade gegeben haben!"

Jo Walker lachte und legte Brady die restlichen Scheine hin, die er noch in der Hand hielt. Dann drehte Jo sich um und ging.

*

Draußen war das Wetter immer noch hundsmiserabel. Aber immerhin war der Platzregen von einem beständigen Nieseln abgelöst worden.

Jo Walker schlug sich den Mantelkragen hoch und beeilte sich damit, hinter das Steuer seines 500 SL zu kommen.

Eine halbe Stunde später war Jo Walker auf der Intensivstation jener Klinik, die Geraldine ihm angegeben hatte.

Als er das rotgeweinte Gesicht der jungen Frau sah, wußte er, daß etwas geschehen war. Es war nicht schwer zu erraten, was...

Jo legte ihr den Arm um die Schulter und gab ihr sein Taschentuch.

"Er ist tot", murmelte sie. "Dad ist tot! Er ist seinen Verletzungen erlegen, hat der Arzt gesagt. Sie konnten nichts mehr machen..."

"Es tut mir leid für Sie, Geraldine!"

Sie blickte auf und Jo Walker geradewegs in die Augen. "Jetzt ist ein Mordfall daraus geworden, nicht wahr?"

Jo nickte.

"Ja."

"Ich möchte, daß Sie den finden, der meinen Vater umgebracht hat. Geld spielt dabei keine Rolle!"

"Ich werde tun, was ich kann, Miss!"

"Tun Sie das, Jo!"

"Sind Sie mit dem Taxi gekommen, daß da draußen wartet?"

"Ja."

"Soll ich Sie nach Hause bringen?"

Zwei Sekunden lang schien sie unschlüssig zu sein und zu überlegen.

Aber dann nickte sie schließlich.

"Ja."

Es machte den Eindruck, als wären ihre Gedanken weit weg. Sehr weit...

*

Sie fuhren durch den dichten Stadtverkehr und den Regen. Beide schienen innerhalb der letzten halben Stunde wieder zugenommen zu haben.

Sie sprachen kaum mehr als das Nötigste.

Geraldine wohnte in der Villa ihres Vaters, draußen auf Long Island.

Und genau dorthin ging es jetzt.

Vielleicht würde es etwas bringen, sich dort etwas umzusehen, irgendetwas - und wenn es nur eine Kleinigkeit war...

Wenn es wirklich Maldini war, der hinter diesem Mord steckte, dann würde die Schwierigkeit darin bestehen, es ihm zu beweisen. Zumindest, daß er den Auftrag gegeben hatte.

Den Mann, der den Abzug der Schalldämpfer-Pistole betätigt hatte, würde man wahrscheinlich in hundert Jahren nicht in die Hände bekommen.

Der hatte sich wahrscheinlich längst abgesetzt und war über alle Berge. Und irgendwann würde er dann wieder aus dem Nichts heraus auftauchen, um einen anderen Menschen umzubringen, für einen anderen Auftraggeber...

Aber vielleicht hatten sie Glück und es handelte sich um einen Killer, der öfter für Maldini arbeitete, einen aus seinem eigenen Stall.

In dem Fall gab es vielleicht eine Fährte, die nicht schon völlig kalt war.

Und vielleicht war in Larry Kostlers Haus, in seinen Unterlagen, privaten Aufzeichnungen, irgendwo etwas zu finden, daß auf Maldini hindeutete.

Während der 500 SL über die Straße glitt, blickte Jo kurz zu Geraldine hinüber, die mit in sich gekehrtem Gesicht neben ihm auf dem Beifahrersitz saß und hinaus aus dem Fenster blickte.

Direkt in den trostlosen Regen hinein.

Und genau so sah es auch wohl in ihrem Inneren aus.

Jo hatte Verständnis dafür. Aber vielleicht war es an der Zeit, sie ein wenig abzulenken.

"Hat die Polizei Sie eigentlich schon vernommnen, Miss?" fragte er plötzlich und unterbrach damit das Schweigen.

"Ja, kurz. Gerade eben im Krankenhaus. Der Mann ist gegangen, bevor Sie kamen, Jo..."

"Und?"

"Der Kerl hat mir wenig Hoffnung gemacht. Er meinte, so etwas würde in New York jeden Tag passieren. Jemand wird auf offener Straße erschossen und es kommt nie heraus, wer das war und wer den geschickt hat, der es war. Bandenmorde, Amokschützen, Psychopathen, Profikiller... Er hat mir alles Mögliche erzählt."

"Wie hieß der Mann?"

"Ich glaube Cummings. Kennen Sie ihn, Jo?"

"Nein."

"Einen sehr aufgeweckten Eindruck machte der jedenfalls nicht."

"Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich in den Sachen Ihres Vaters herumstöbern würde, Miss?"

"Nein. Was hoffen Sie denn zu finden?"

Er zuckte mit den Schultern.

"Vorher weiß man das nie so genau!"

*

Die Villa der Kostlers war gut gesichert, das fiel Jo sofort auf. Es war das Haus eines Mannes, der in ständiger Angst davor gelebt haben mußte, daß er eines Tages unliebsamen Besuch bekommen würde.

Jedenfalls machte es ganz den Anschein.

Eine hohe Mauer umgab das Anwesen und ein Wachmann öffnete für Jo Walkers 500 SL das Tor, nachdem Geraldine sich an einem Sprechgerät zu erkennen gegeben hatte.

Ein massives, gußeisernes Tor ging zur Seite und Jo fuhr den Wagen bis vor das Haus, das von einem weiträumigen Garten umgeben wurde.

Jo blickte sich kurz um und bemerkte die Video-Anlage, die das Grundstück überwachte. Irgendwo bellte ein Hund. Es war ein aggressives Geräusch und klang ganz und gar nicht nach einem Schoßhund.

Vielleicht ein Dobermann, überlegte Jo. Irgend so etwas in der Art mußte es sein!

"Kommen Sie, Jo!" meinte Geraldine und öffnete die Tür. Sie stiegen beide aus, die Türen klappten zu.

Ein paar Stufen führten zu einem großen Portal und wenig später waren sie dann drinnen.

Ein Hausmädchen empfing sie bei der Tür.

Als sie dann in das große Wohnzimmer kamen, erstarrte Geraldine plötzlich.

Auf dem Sofa lag ein Mann.

Er lag ausgestreckt da, hatte die Schuhe ausgezogen und über den Teppich verstreut. Auf dem Tisch standen ein paar Flaschen, alles Spirituosen und ein Tropfen edler als der andere.

"Brian!" entfuhr es Geraldine Kostler völlig überrascht.

Jo Walker hob die Augenbrauen und wartete ab.

Geraldine ging auf Brian zu, der sich - offenbar mit einiger Mühe - aufsetzte. In der Rechten hatte er ein Glas.

Er rülpste ungeniert. Anscheinend hatte er ein paar Gläser zu viel zu sich genommen.

"Tag, Geraldine!" murmelte er. "Wie geht's dir?"

Sie schien alles andere als erfreut zu sein.

"Seit wann bist du hier, Brian?" erkundigte sie sich dann in einem ziemlich reservierten Tonfall.

"Ein paar Stunden schon..."

"Was willst du hier? Geld?"

"Ich habe das mit Vater gehört und da..."

"Im Krankenhaus bist jedenfalls noch nicht gewesen!"

Ihr Gesicht war eisig geworden und ihr Gegenüber mußte ihre letzten Worte wie ein Schlag ins Gesicht empfinden.

Aber Brian zuckte nur mit den Achseln, als wäre es nichts.

"Na, und? Ich dachte mir, ich komme erst einmal hier her!"

"Vater ist inzwischen gestorben!"

Zunächst verursachte diese Nachricht bei Brian keine sichtbare Reaktion.

Dann zuckte er erneut mit den Schultern.

Geraldine wandte sich zu Jo herum.

"Das ist Brian Kostler - mein ehrenwerter Herr Bruder!"

Jo nickte ihm zu und Brian hob sein Glas.

"Angenehm!" rief er und stand dann auf. Er war sichtlich unsicher auf seinen Füßen. "Vielleicht sagst du mir mal, wen du da mitgebracht hast, Schwesterherz! Ein Geliebter vielleicht?"

"Du bist geschmacklos, Brian!"

"War ja nur eine Frage!"

"Das ist Jo Walker. Er ist Privatdetektiv und soll herausfinden, wer Vater umgebracht hat!"

Brian Kostler verzog das Gesicht.

Dann brummte er: "Das liegt doch auf der Hand! Maldini hat ihn endlich erwischt! War ja letztlich auch nur eine Frage der Zeit!" Er rülpste erneut.

"Das ist eine Vermutung", erklärte Jo Walker. "Mehr nicht."

"Klar, ich verstehe!" meinte Brian. "Sie wollen auch Ihr Geld verdienen. Habe ich Verständnis für! Bestimmt! Und unser alter Herr war ja auch kein armer Mann! Da können Sie gesalzene Honorare einfordern!" Er wandte sich an Geraldine. "Du mußt wissen, was du tust, Schwester!"

"Ich weiß sehr genau, was ich tue!" versetzte Geraldine bissig.

Brian wandte sich ab, nahm eine der Flaschen vom Tisch und verließ den Raum. Irgendwo hörte man ihn eine Treppe hoch schlurfen.

"Ihren Bruder haben Sie mir bisher verschwiegen, Miss!" meinte Jo.

"Sie haben mich bisher auch nicht danach gefragt!"

"Eins zu Null für Sie, Geraldine! Ihr Verhältnis scheint nicht das Beste zu sein, habe ich Recht?"

Sie atmete tief durch.

"Brian hat ein paar Probleme." Sie deutete auf die Flaschen und Jo verstand, was sie meinte.

"Das ist nicht zu übersehen", meinte er.

"Er trinkt unmäßig, ist über dreißig und hat bisher immer nur von dem gelebt, was Dad ihm geschickt hat."

"Er lebt nicht in New York, nicht wahr?"

"Nein, in San Francisco. Dort hat er studiert - oder besser gesagt: Er hat dort das getrieben, was er so zu nennen pflegt! Es wundert mich, daß er offensichtlich genug Geld zur Hand gehabt haben muß, um sich einen Flieger von Frisco nach New York zu leisten."

"Wir sollten uns jetzt beeilen, Miss!" meinte Jo.

"Beeilen?"

"Ja, mit der Durchsicht der Sachen Ihres Vaters. Wenn die Polizei erst einmal alles in Unordnung gebracht hat."

"Sie meinen, daß die noch kommen?"

"Es ist ein Wunder, daß sie noch nicht da waren! Wahrscheinlich sehen die sich erst einmal die Büro-Räume der Larry Kostler Holding an!"

*

Die Durchsicht der Privatsachen von Larry Kostler brachte kaum neue Erkenntnisse.

Sie wollten es schon aufgeben, da tauchte ein merkwürdiger Brief auf. Geraldine fand ihn in einem der Jacketts ihres Vaters. Die Buchstaben waren aus Zeitungen und Magazinen herausgeschnitten und auf ein weißes Blatt Papier geklebt worden:

ENDLICH HABE ICH DICH GEFUNDEN, DU RATTE!

DEIN LEBEN IST KEINEN CENT MEHR WERT!

Geraldine gab Jo das Papier und dieser las mit nachdenklichem Gesicht die zwei Zeilen.

"Könnte Maldini sein, nicht wahr?" meinte Geraldine.

Jo Walker nickte.

"Ja, es paßt alles zusammen..."

Als Jo und Geraldine wieder ins Wohnzimmer zurückkehrten, klingelte es an der Tür.

Das Hausmädchen machte die Tür auf.

Wenig später geleitete das Mädchen zwei Männer ins Wohnzimmer.

Einer von ihnen trug eine Polizeiuniform, der andere war in Zivil.

Aber in was für einem Zivil!

Jo Walker mußte unwillkürlich etwas Schmunzeln.

Der Mann trug einen riesigen Stetson auf dem Kopf und eine kurze braune Jacke, dazu Blue Jeans und Cowboystiefel. Er sah aus, als wäre er einem Wildwest-Film entstiegen.

Lediglich die Rolex an seinem Arm störte diesen Eindruck ein wenig.

Er zog seine Marke hervor und hielt sie Jo und Geraldine entgegen.

"Cummings, Kriminalpolizei!" raunte er.

Er hatte einen furchtbaren Akzent.

Vielleicht Texas, vielleicht New Mexico - Jo war sich nicht ganz sicher. Vielleicht handelte es sich um eine Mischung.

Jedenfalls lag sein Geburtsort sicher sehr, sehr weit südlich.

Cummings holte ein Papier aus der Tasche und hielt es Geraldine unter die Nase.

Jo brauchte gar nicht erst hinzusehen. Er wußte auch so, worum es sich handelte. Solche Blätter hatte er oft genug gesehen!

Jo lächelte dünn, während Cummings eine überaus wichtige Miene aufsetzte und sich breitbeinig aufbaute.

Er wandte sich an Geraldine.

"Wir haben einen Durchsuchungsbefehl, Miss Kostler. Ich denke, Sie machen uns keine Schwierigkeiten!"

Sein Tonfall war ziemlich scharf und Geraldine Kostler machte einen teils überrumpelten, teils verwirrten Eindruck.

"Nein, natürlich nicht! Warum sollte ich?" meinte sie und hob dabei die Augenbrauen.

Cummings zuckte mit den Schultern.

"Hätte ja sein können." Dann wandte er sich an Jo. "Darf ich fragen, wer Sie sind und was Sie hier zu suchen haben?"

Die burschikose Art seines Gegenübers sagte Jo nicht allzu sehr zu. Aber er sagte sich, daß dahinter vermutlich eine große Unsicherheit verborgen lag.

Jo hoffte nur, daß sich mit diesem Cowboy zusammenarbeiten ließ, denn schließlich waren sie beide hinter demjenigen her, der Larry Kostler auf dem Gewissen hatte.

Jo stellte sich vor.

"Mein Name ist Walker", sagte er. "Ich bin Privatdetektiv."

"Zeigen Sie mal ihren Ausweis!"

Jo holte ihn hervor und hielt ihn Cummings hin. Dieser nahm ihn mit einer nachlässigen Geste an sich. Cummings warf einen Blick auf das Dokument, nickte dann und gab es seinem Besitzer zurück.

"Okay. Und was tun Sie hier?"

"Miss Kostler hat mich engagiert, um den Mörder ihres Vaters zur Rechenschaft zu ziehen!"

Cummings schob sich den riesigen Stetson in den Nacken und verzog das Gesicht.

Die Anwesenheit des Privatdetektivs schien ihm nicht so recht zu schmecken.

"Sie vertrauen der Arbeit der Polizei nicht?" brummte er. "Ist ja reizend..."

"Nehmen Sie es nicht persönlich!" meinte Jo und lächelte dünn.

Cummings machte eine großspurige Geste.

"Wie käme ich dazu!" meinte er sarkastisch.

Er nahm es sehr wohl persönlich, das war ihm deutlich anzusehen.

"Dann ist ja alles in Ordnung!" murmelte Jo und dabei dachte er: Der Mann hat etwas von einem bissigen Terrier, der um jeden Preis sein Revier verteidigt!

"Ich glaube, Captain Rowland hat Ihren Namen mal erwähnt, Walker..."

"Grüßen Sie ihn von mir, wenn Sie ihn sehen!"

"Ich sehe ihn öfter, als mir lieb ist!" Er atmete tief durch. "Ich schätze, Sie haben hier schon alles durchgewühlt."

"So ist das nun einmal, wenn man zu spät dran ist, Mister Cummings!"

"Wir waren in den Büroräumen."

"Habe ich mir gedacht."

"Haben Sie irgendetwas gefunden, daß für den Fall von Interesse sein könnte? Sie wissen, daß das Zurückhalten von Beweismaterial strafbar ist, nicht wahr?"

"Mister Cummings, ich schlage vor, daß wir zusammenarbeiten!"

Cummings lachte rauh.

"Wie stellen Sie sich das konkret vor?"

"Ein Deal, Cummings! Sie sagen mir, was in den Büroräumen gefunden wurde, und ich sehe dann, was ich für Sie tun kann!"

"Oh, nein, Walker! So nicht!"

"Bitte, wie Sie wollen! Aber Sie könnten vielleicht eine Menge Zeit sparen!"

Cummings schien unsicher.

Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Dann nickte er.

"Gut. Erst Sie, Walker!"

"Nein, umgekehrt!"

"Sie sind eine harte Nuß, Walker!"

"Wollen Sie weiter lamentieren, oder Ihre Pflicht tun und etwas unternehmen, damit ein Mörder gefaßt wird!"

Cummings bleckte die Zähne. Dann seufzte er hörbar.

"Sie haben gewonnen, Walker! Aber wehe, wenn Sie dann am Ende nichts vorzuweisen haben!"

"Schießen Sie los!"

"Wir haben die Leute in der Firma vernommen und die Büroräume durchsucht. Die Kostler Holding hat nicht mehr als zwei Dutzend Angestellte, obwohl sie einen Umsatz von mehreren hundert Millionen Dollar im Jahr hat. Diese Firma besitzt ihrerseits wiederum erhebliche Beteiligungen an verschiedenen Firmen und bestimmt zum Teil auch deren Firmenpolitik."

"Was für Firmen?"

"Quer durch den Garten. Von der Seifenfabrik bis zur Elektronik. Offensichtlich gab es Ärger in der Firma. Larry Kostler war mit einigen Angestellten nicht zufrieden und hat offenbar daran gedacht, sie zu feuern. Und dann hat es den Anschein, daß einer der Angestellten in die eigene Tasche gewirtschaftet hat... Ein gewisser Arthur Dickson."

"Ja", meinte Geraldine plötzlich. "Das stimmt! Dad hat herausbekommen, daß er mit Firmengeldern spekuliert hat."

"Und warum hat Ihr Dad diesen Dickson nicht entlassen?"

"Um einen Skandal zu vermeiden. Die Kostler-Aktien wären sofort in den Keller gegangen, wenn etwas durchgesickert wäre. Dad wollte mit ihm ein Arrangement treffen..."

Cummings machte eine unbestimmte Geste mit der Hand.

"So, Walker! Jetzt sind Sie dran!"

"Ein bißchen dünn, was Sie da geboten haben, finden Sie nicht auch?" Er holte den zusammengeklebten Brief aus der Tasche und reichte ihn dem Kriminalbeamten. "Hier!"

"Was ist das?"

"Sehen Sie es sich das erst einmal genau an, bevor Sie fragen. Miss Kostler hat es in einem Jackett ihres Vaters gefunden!" Jo wandte sich an Geraldine. "Sie sollten dem Herrn jetzt sagen, was Sie wissen, Geraldine. Auch von ihrem Verdacht gegen Maldini..."

"Aber..."

"Ihr Dad ist tot und selbst wenn er sich in einem früheren Leben die Hände schmutzig gemacht hat - es kann ihm nun nicht mehr schaden, wenn es irgendjemand erfährt."

Cummings runzelte die Stirn.

"Habe ich da eben 'Maldini' gehört?"

"Haben Sie", nickte Jo.

"Ich bin noch nicht lange hier in New York, aber selbst in der kurzen Zeit ist mir dieser verdammte Name schon ein paarmal zu Ohren gekommen!"

Jo zuckte mit den Schultern.

"Das wäre kein Wunder!" meinte er.

Und dann machte Geraldine ihre Aussage und Cummings anschließend ein langes Gesicht.

"Üble Sache!" meinte er. Er hob den Brief in die Höhe und fuhr dann fort: "Scheint wirklich alles darauf hinzudeuten, daß Maldini dahintersteckt... Welchen Namen trug Ihr Vater, bevor er seine Identität wechselte?"

Sie errötete und mußte schlucken. Aber sie behielt die Fassung.

"Paul Thorrell", sagte sie dann.

*

Wenig später brachte Geraldine Jo Walker zur Tür.

"Was werden Sie jetzt unternehmen, Jo?"

Aber Jo gab ihr keine Antwort, sondern stellte seinerseits eine Frage.

"Wo wohnt Mr. Dickson?"

Geraldine hob die Augenbrauen.

"Wollen Sie seine Adresse?"

"Ja, ganz richtig..."

"Er hat ein Apartment in der 27.Straße. Aber im Moment dürften sie ihn in seinem Büro antreffen. Sie wissen ja, wo das ist..."

"Ja."

"Was wollen Sie von Dickson?"

"Mit ihm reden!" gab Jo lakonisch zurück.

"Maldini ist der Mann, den Sie sich vorknöpfen müssen!" gab sie ihrer Überzeugung Ausdruck. "Ich glaube nicht, daß Dickson etwas mit Dads Tod zu tun hat!"

"Er hatte aber ein Motiv!"

"Sie meinen die Veruntreuung? Ich sagte doch, daß Dad ein Übereinkommen mit ihm treffen wollte. Sein Tod konnte ihm höchstens Nachteile bringen!"

"Ich möchte mich trotzdem mit ihm unterhalten. Wer weiß, was dabei herauskommt..."

"Und ich sage Ihnen, Sie irren sich, Jo!"

Jo lächelte.

"Versuchen Sie nicht, mir vorzuschreiben, wie ich meine Arbeit zu machen habe, Geraldine!"

"Die Sache ist doch klar! Kümmern Sie sich um Maldini!"

"Soll ich vielleicht in Maldinis Büro spazieren - vorausgesetzt ich komme soweit - und ihn fragen, ob er zufällig der Mörder Ihres Vaters ist? Nein, so einfach geht das nicht! Das fängt man anders an..."

"Und wie?"

"Jedenfalls nicht, indem man vorzeitig sämtliche Pferde scheu macht!"

Sie atmete tief durch. Dann begegneten sich ihre Blicke. Sie sah ihn einen Augenblick lang ruhig an und meinte dann: "Vielleicht haben Sie recht, Jo! Vielleicht sollte ich Ihnen mehr vertrauen!"

Das war auch Jos Meinung und so nickte er.

"Ja, Geraldine, das sollten Sie! Ich verstehe meinen Job!"

"So war das nicht gemeint!"

"Das weiß ich!"

"Sie sind ein toller Kerl, Jo!"

Und dann schlang sie plötzlich ihre schlanken Arme um seinen Hals und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuß.

Alles ging viel zu schnell.

Bevor Jo so recht gemerkt hatte, was hier gespielt wurde und den Zungenschlag erwidern konnte, war es auch schon vorbei.

Sie hatte sich von ihm gelöst und war etwas zurückgetreten. "Machen Sie Ihre Sache gut, Jo!"

"Das verspreche ich Ihnen hiermit!" murmelte Jo der noch immer ein wenig verwirrt war.

*

Jo Walker traf Arthur Dickson nicht in seinem Büro an, sondern in einem Restaurant in der Umgebung.

Ein kleiner, dicker Mann saß vor einem riesigen Steak und Jo dachte sich, daß dieser Mann Arthur Dickson mußte.

"Mister Dickson?"

Der Mann blickte auf, kaute seinen Bissen zu Ende und murmelte dann: "Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht!"

Jo setzte sich zu ihm an den Tisch.

"Ich Sie auch nicht, aber die Beschreibung Ihrer Sekretärin paßt auf Sie..."

Dickson verzog das Gesicht.

"So?"

"Mein Name ist Jo Walker. Miss Kostler hat mich engagiert wegen der Sache mit ihrem Vater."

Dickson blickte auf und nahm einen Schluck aus dem Glas Rotwein, das neben seinem Teller stand. Dann wischte er sich mit der Hand den Mund ab und schob den halb abgegessenen Teller ein Stück von sich weg.

Aus irgendeinem Grund schien ihm der Appetit mit einem Mal vergangen zu sein.

"Was wollen von mir, Mister Walker? Ich bin ein vielbeschäftigter Mann, und wenn Sie mir schon meine Mittagspause stehlen, dann haben Sie dafür hoffentlich einen guten Grund!"

"Ich habe ein paar Fragen", erklärte Jo sachlich. "Und diese Fragen halte ich für einen guten Grund!"

Dickson machte ein zweifelndes Gesicht.

"Ich habe eigentlich keine Lust, mich mit Ihnen zu unterhalten!"

"Sie haben Gelder der Larry Kostler Holding veruntreut, nicht wahr?"

Er runzelte die Stirn, dann löste er den obersten Hemdknopf, so daß sein Doppelkinn etwas mehr Platz bekam. Dickson schien sich sichtlich unwohl in seiner Haut zu fühlen und Jo konnte das durchaus nachvollziehen.

"Sie können es ruhig zugeben, Mister Dickson. Ich weiß es, die Polizei weiß es."

"Es hat mich niemand angeklagt."

"Weil niemand einen Skandal wollte."

"Sehr richtig. Mr. Kostler und ich waren uns einig, daß..."

"Was, wenn Kostler und Sie sich doch nicht so einig gewesen sind, wie Sie es allgemein glauben machen wollen und er Sie auf irgendeine Art und Weise ans Messer liefern wollte."

"Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen, Mister Walker. Ich habe aber nicht die Absicht, dieses Spiel mitzumachen!"

"Es ist kein Spiel, Dickson!"

Der dicke Mann zuckte mit den Schultern.

"Wie dem auch sei." Dann verengte er die Augen und fixierte Jo Walker mit einem ärgerlichen Blick. "Sie wollen doch nicht behaupten, daß ich in dem Wagen gesessen habe, von dem aus auf Mister Kostler geschossen wurde!"

"Sie hätten vielleicht ein Motiv!"

"Aber ich habe ein handfestes Alibi! Ich war auf einer Konferenz, als es passierte! Dafür gibt es ein halbes Dutzend Zeugen!"

"Sie könnten die Tat in Auftrag gegeben haben, Mister Dickson!"

Er wurde noch bleicher, als er ohnehin schon war. Dann bleckte er wütend die Zähne.

"Guten Tag, Mister Walker! Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen!"

Walker erhob sich.

"Ich schätze, daß ich nicht der einzige bleiben werde, der Ihnen diese Fragen stellt!"

Dicksons Gelassenheit machte auf Walker einen gespielten Eindruck.

"Abwarten, Walker!"

"Auf wiedersehen, Mister Dickson. Es würde mich nicht wundern, wenn wir uns in nächster Zeit noch öfter über den Weg laufen!"

Während Walker schon in Richtung Tür unterwegs war, knurrte Arthur Dickson noch etwas Unverständliches vor sich hin. Aber es hörte sich alles andere als freundlich an.

*

Tom Rowland war nicht gerade gut gelaunt, als Jo ihn auf dem Flur abpaßte.

"Ah, Jo! Du hast mir heute noch gefehlt!" Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Du solltest langsam mal ans Abnehmen denken, Tom! dachte Jo bei sich, aber er hütete sich davor, es auch laut auszusprechen.

"Hey, Tom! Was soll denn das heißen? Ich dachte, wir sind Freunde!"

"Klar, sind wir auch! Aber wenn du hier auftauchst, dann gibt das garantiert Arbeit für mich! Und stecke schon bis über beide Ohren drin! Bis über beide Ohren, hörst du, Jo?"

Rowland stemmte die Arme in die Hüften und baute sich breitbeinig auf.

Jo wollte nicht wissen, auf welche Werte der Blutdruck des Polizei-Captains in den letzten zwanzig Sekunden gestiegen war.

Rowland atmete tief durch und quetschte dann zwischen den Lippen hindurch: "Also schieß los! Worum geht's?"

"Es geht um den Mordfall Kostler."

"Larry Kostler?"

"Ja, welcher Kostler wohl sonst!"

"Ein Mann aus meinem Revier bearbeitet den Fall. Er heißt Cummings. Sieht ein bißchen merkwürdig aus, aber er soll ein ganz toller Hecht sein. So viele Belobigungen in einer Personalakte habe ich selten gesehen..."

"Ich habe mit Cummings bereits gesprochen. Die Sache ist die: Hinter dem Mord steckt wahrscheinlich Tony Maldini. Und ich möchte wissen, was der im Augenblick so treibt."

Rowland pustete wie ein Walroß.

"Komm mit!" meinte er. "Wozu habe ich schließlich so ein gastliches Büro?"

Wenig später saßen sie sich dann in Rowlands Büro gegenüber.

Der Captain lehnte sich zurück und kratzte sich im Genick.

"Der Name Maldini dürfte dir doch noch von früher her geläufig sein, Jo!" meinte er.

Walker nickte.

"Ist er auch. Aber das ist schließlich schon eine ganze Weile her!"

"Aber einer wie Maldini ändert sich nicht. Der steigt entweder auf oder endet vorher als Wasserleiche im East River - mit einem schönen, runden Loch in der Stirn!"

Jo Walker zog die Augenbrauen in die Höhe.

"Nach allem, was man hört ist Maldini aufgestiegen!"

"Kann man wohl sagen! Früher haben wir ja immer vermutet, daß er illegal Elektronik in den Ostblock exportiert hat. Aber das ist lange her. Heute vermutet man ihn hinter Waffenschieber- und Drogenringen. Aber wir konnten dem verflixten Hund bisher nichts nachweisen. Er ist einfach zu geschickt! Strohmänner machen die Drecksarbeit für ihn und die schweigen eisern, denn jeder von ihnen weiß, daß ein toter Mann ist, sobald er singt. Sein Arm reicht bis in die Gefängnisse hinein - vielleicht sogar bis in die Polizei und die Staatsanwaltschaft."

"Dann gibt es also im Grunde genommen nichts Neues!"

"Nein. Was Maldini angeht nicht. Es ist alles nur ein paar Nummern größer geworden."

"Nichts Konkretes?"

"Jo, wenn ich etwas Konkretes hätte, würde er nicht mehr frei herumlaufen und seine unsauberen Geschäfte machen!"

"Verstehe..."

"Dann ist da allerdings noch etwas, das dich interessieren könnte."

In Jos Augen blitzte es.

"Heraus damit, Tom!"

"In den letzten Wochen gibt es eine Art Mord-Serie. Alle begangen in der Art von professionellen Killern - so, wie es auch bei Larry Kostler der Fall zu sein scheint. Alle Opfer hatten etwas gemeinsam: Sie machten Geschäfte mit Tony Maldini!"

"Eine Säuberungsaktion?"

"Ja, so etwas in der Art muß es wohl sein."

"Ich möchte eine Liste der Opfer."

"Kannst du haben!"

Tom Rowland stand auf, holte eine Akte aus dem Schrank und knallte sie vor Walker auf den Tisch. "Schreib dir die Namen heraus, wenn es dir Spaß macht!"

"Danke!"

"Was willst du damit, Jo?"

Walker zuckte mit den Schultern.

"Mal sehen. Ich weiß es noch nicht."

*

Es war bereits ziemlich dunkel und es regnete wieder, als Roy Brady ins Freie trat und sich nach rechts und links umdrehte.

Er schlug sich den Mantelkragen hoch und schlang sich den Schal vor den Mund.

Es war hundekalt und dennoch stand Brady der Schweiß auf der Stirn, als er die Straße überquerte. Es war kalter Angstschweiß und sein Gesicht war von nackter Furcht gezeichnet.

"Oh, mein Gott!" flüsterte er kaum hörbar in seinen Schal hinein, obwohl er eine Kirche zum letzten Mal von innen gesehen hatte, als seine Mutter ihn zur Taufe getragen hatte.

Er schluckte.

Ich hätte mich nie auf diese Dinge einlassen sollen! durchfuhr es ihn.

Aber nun war es zu spät.

Einfach zu spät.

Bis zum Hals steckte er im Sumpf und er sah nicht die geringste Chance, sich selbst wieder herauszuziehen.

Brady fühlte seinen Puls bis zum Hals schlagen. Überall konnte er auf ihn lauern.

Er mußte auf der Hut sein und aufpassen.

Er mußte hinüber zur Telefonzelle auf der anderen Straßenseite.

Er wollte auf jeden Fall ungestört sein, wenn er den Hörer abnahm.

Brady atmete schwer.

Er war derart nervös, daß ihn beinahe ein Auto erwischte, das dann hupend weiterfuhr.

Oh, verdammt! schoß es ihm durch den Kopf. Ich beginne bereits die Nerven zu verlieren!

Jetzt hieß es kühlen Kopf zu bewahren. Nur dann hatte er noch eine Chance. Kühlen Kopf und stahlharte Nerven. Aber wie es schien, hatte er weder das eine noch das andere.

Schließlich hatte er die andere Straßenseite erreicht.

Noch einmal blickte er sich nach allen Seiten um. Er sah einen Stadtstreicher mit speckigem Parka, vor Dreck starrenden Jeans und einer schmuddeligen Wollmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte.

Der Mann hob eine Zeitung vom Boden auf, die irgendjemand achtlos weggeworfen hatte und blätterte darin.

Keine Gefahr! dachte Brady bei diesem Anblick oder besser: Er versuchte, es sich einzureden. Immer wieder: Keine Gefahr!

Außer dem Stadtstreicher sah er niemanden in der Nähe.

Er öffnete die Tür des Telefonhäuschens, ließ sie dann hinter sich zuschlagen und fingerte mit zitternden Händen ein paar Münzen aus der Manteltasche heraus.

Dann begann er eine Nummer zu wählen. Wieder und wieder drehte sich die Wählscheibe vor und zurück und schließlich kam das Freizeichen.

Mach schon! rief es in ihm. Verdammt noch mal, nun nimm doch endlich ab!

Sein Stoßgebet wurde im nächsten Moment erhört. Eine weibliche Stimme meldete sich.

"Ist da das Büro von Jo Walker?"

"Ja. Wer spricht dort, bitte?"

"Hier ist Roy Brady. Ich habe Mr. Walker etwas Wichtiges mitzuteilen. Ich..."

"Kann ich Mr. Walker etwas ausrichten, Mr. Brady? Hallo... Sind sie noch dran?"

Brady war noch dran, aber ihm waren die Worte vor Entsetzen buchstäblich im Halse steckengeblieben, als er sich umgewandt und in das Gesicht des Stadtstreichers geblickt hatte, der urplötzlich vor der Telefonzelle aufgetaucht war.

Alles, was dann geschah, dauerte kaum länger als eine Sekunde.

Plötzlich war Brady klar, daß dieser Mann gar kein Stadtstreicher war, sondern sich nur so aufgemacht hatte.

Der Kerl hatte hier auf ihn gewartet, ihn wahrscheinlich schon längere Zeit beobachtet und nun war seine Chance gekommen!

Der Mann hatte ein kalt glitzerndes Augenpaar, das ihn geschäftsmäßig musterte.

Eine häßliche Narbe, die vermutlich von einer Messerstecherei herrührte, zog sich von der Stirn über das Auge und fast die gesamte rechte Wange.

Der Mann verzog das Gesicht und bleckte die Zähne.

Brady sah die Zeitung seines Gegenübers, jene Zeitung, die dieser vom Boden aufgesammelt hatte.

Die Zeitung glitt zur Seite und die Mündung einer Automatic mit Schalldämpfer wurde für den Bruchteil eines Augenblicks sichtbar.

Bradys Augen waren vor Schreck weit aufgerissen.

"Nein!" flüsterte er fast tonlos, aber da hatte sein Gegenüber bereits abgedrückt.

Am Ausgang des Schalldämpfers blitzte ein Mündungsfeuer.

Es gab ein häßliches, dumpfes Geräusch.

Das Projektil durchschlug die Scheibe der Telefonzelle, ließ das Glas splittern und fuhr Brady dann direkt in die linke Brust.

Brady wurde durch die Wucht des Geschosses nach hinten gerissen, ließ den Hörer fallen und ächzte noch einmal unterdrückt.

Der Killer wollte sichergehen.

Ein zweiter Schuß traf Brady mitten in der Stirn, bevor er dann mit starren, weit aufgerissenen Augen zu Boden rutschte.

Der Killer steckte die Waffe in die weite Seitentasche seiner Parka, beugte sich nieder, hob den Hörer auf und hängte ihn die Gabel.

*

Das Autotelefon schnurrte und Jo nahm augenblicklich den Hörer ab.

Es war April.

"Was gibt es?" fragte Jo.

"Ein Mann namens Roy Brady hat angerufen. Er ist ein Informant, nicht wahr?"

"Ja, was hat er gesagt?"

"Er ist nicht mehr dazu gekommen, etwas auszupacken. Es sei sehr wichtig hat er gesagt, und dann gab es ein merkwürdiges Geräusch - wie aus einer Schalldämpferpistole. Ich fürchte, er lebt nicht mehr, Jo!"

Jo atmete tief durch.

"Das fürchte ich auch, April."

"Er hat aus einer Zelle angerufen!"

"Ich kann mir denken, wo das ist", flüsterte Jo, mehr zu sich selbst als zu seiner Gesprächpartnerin an der Strippe. "Hast du die Polizei schon benachrichtigt?"

"Nein. Ich dachte mir, ich sage erst dir bescheid."

"Okay, dann werde ich das von hier aus erledigen..."

Zwei Sekunden später hatte Jo Walker aufgelegt. Er suchte eine Seitenstraße, in der er seinen 500 SL drehen konnte.

Verdammt! dachte er.

Brady war umgelegt worden und es gab sicher ein paar Dutzend Leute, die dafür in Frage kamen. Aber einer von ihnen war Tony Maldini!

Jo Walker dachte an die Liste, die Captain Rowland ihm gegeben hatte. Brady paßte vorzüglich in diese Liste von Leuten hinein, die zwei Dinge gemeinsam hatten: Sie hatten mit Maldini zu tun und sie waren mausetot.

So viele Zufälle kann es nicht geben! dachte Walker. Brady hatte ihm etwas Wichtiges zu sagen gehabt, was nur heißen konnte, daß er etwas über Maldini herausgefunden haben mußte.

Eine andere Möglichkeit gab es kaum.

Endlich hatte Jo eine Möglichkeit zum Drehen gefunden. Es dauerte ein bißchen, bis er sich wieder in den Verkehr - diesmal in entgegengesetzte Richtung - einfädeln konnte. Dann wählte er an seinem Autotelefon die Nummer der Polizei.

*

Es war ganz so, wie Jo Walker gedacht hatte.

Brady war in der Telefonzelle ermordet worden, die der Kaschemme gegenüber lag, in der man ihn sonst immer antreffen konnte.

Wahrscheinlich hat er ungestört mit mir sprechen wollen! kam es Jo in den Sinn, als er seinen Wagen an der Seite abstellte, die Tür öffnete und die zerschossene Zelle sah.

Brady lag mit seltsam verrenkten Armen und Beinen in der Zelle. Seine Augen blickten Jo starr an, während sich mitten auf seiner Stirn ein kleines, rotes Loch befand.

Jo schluckte.

Er kannte Brady schon einige Jahre und der kleine Hehler hatte ihn immer mit wertvollen Informationen über die New Yorker Unterwelt versorgt.

Nicht alles, was Brady getan hatte, war legal, aber im Grunde war er nur ein ganz kleiner Fisch. Und ein solches Ende hatte er in keinem Fall verdient.

Niemand hatte das.

Jo Walker ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten und fühlte Grimm in sich hochsteigen.

Wer immer dahinter steckte und die Fäden zog: Es mußte sich um jemanden handeln, der buchstäblich über Leichen ging.

Jo blickte sich dann etwas nach Spuren um.

Aber da war auf den ersten Blick nichts zu sehen, daß irgendeinen Hinweis geben konnte. Mit was für einer Waffe Brady erschossen worden war, das würde später die Polizei feststellen. Doch viel würde dabei vermutlich auch nicht herauskommen.

Dies schien Jo das Werk von Profis zu sein. Man konnte Bradys Augen noch ansehen, wie überrascht er gewesen sein mußte.

Jo beugte sich nieder und drückte ihm die Lider zu. Mehr konnte er nicht mehr für ihn tun - außer vielleicht denjenigen zu finden, der dafür verantwortlich war.

Eine Weile verharrte Jo Walker so bei dem Toten, dann nahm er mit den Augenwinkeln plötzlich eine Bewegung in der Nähe war.

Blitzartig war seine Rechte unter den offenen Mantel und das Jackett gefahren und hatte mit unwahrscheinlicher Schnelligkeit die Automatic aus dem Schulterholster gerissen und in Anschlag gebracht.

"Nicht schießen, Mister!"

Der Mann, der da zitternd vor Jo Walker stand, wirkte wie eine Jammergestalt. Er hatte die Hände gehoben, in der Rechten hielt er eine Bierflasche.

Jo blickte in ein stoppelbärtiges Gesicht mit einer roten Trinkernase.

"Bitte, nicht schießen!" wiederholte er noch einmal. Ihm schlotterten vor Angst schier die Knie und Jo ließ die Waffe sinken.

"Keine Angst!" meinte er. "Ich schieße nicht."

Der Mann drehte sich und wollte sich wohl davonmachen. Aber Jo hatte noch ein paar Fragen an ihn.

"Hey, stehen bleiben!"

Der Kerl zuckte zusammen und drehte sich vorsichtig herum. Erleichtert stellte er fest, daß Jo seine Waffe inzwischen wieder eingesteckt hatte.

"Ich tue Ihnen nichts!" versicherte Jo noch einmal, denn er sah deutliches Mißtrauen in den Augen seines Gegenübers.

Jo kam ein paar Schritte heran.

"Was ist noch? Was wollen Sie?"

"Nur ein paar Fragen!"

"Wer sind Sie?"

Jo kam noch näher heran und hielt ihm seine Lizenz unter die Nase. "Privatdetektiv!" fügte er noch als Erklärung hinzu.

Der Mann atmete auf.

"Gott sei Dank. Ich dachte schon, Sie gehörten zu ihm!"

Jo runzelte die Stirn.

"Wer ist das?"

"Schließlich tragen Sie auch eine Waffe..."

"Von wem, zum Teufel, haben Sie gerade gesprochen?"

Er deutete auf die Telefonzelle.

"Sie haben ja gesehen, was hier passiert ist, Mister..."

"Allerdings!"

"Ich spreche von dem Mann, der das getan hat!"

"Sie haben ihn gesehen?"

"Ich habe alles beobachtet!"

"Raus mit der Sprache!"

Jo hatte selbst gemerkt, daß in seiner Stimme ein Quentchen zuviel Ungeduld mitgeschwungen hatte. Und das hatte sein Gegenüber genauestens registriert.

Der Mann zögerte mit seiner Antwort, rieb sich mit der Linken die rote Nase und trank dann seine Bierdose leer. Die Büchse warf er auf den Bürgersteig und meinte: "Ich habe nichts mehr zu trinken, Mister..."

Jo begriff, worauf er hinauswollte.

Er gab ihm zwanzig Dollar.

"So!" meinte der Privatdetektiv. "Jetzt will ich aber auch eine überzeugende Story hören! Sonst hole ich mir die zwanzig Mäuse zurück!"

"Ich habe alles gesehen, Mister!"

"Das sagten Sie bereits!"

"Der Kerl ist seinem Opfer bis zur Telefonzelle gefolgt und dann hat er geschossen."

"Haben Sie den Schuß gehört?"

"Nein. Man konnte nichts hören. Aber ich habe die Waffe gesehen und ich sah es in der Dunkelheit aufblitzen..."

"Wie sah der Mann aus?"

"Er hatte eine Narbe quer über das Gesicht..." Und dabei zog er mit dem Finger eine Linie von der Stirn über das Auge und die rechte Wange.

Jo runzelte die Stirn.

"Von wo aus haben Sie das alles beobachtet?"

"Von der anderen Straßenseite aus. Als es dann passiert war, bin ich schließlich hergekommen, um..."

Er zögerte und Jo vollendete schließlich: "... um die Leiche zu fleddern, nicht wahr?"

"Unsereins muß auch leben!"

Jo warf einen kurzen Blick hinüber.

Dann meinte der Privatdetektiv ziemlich ungehalten: "Das ist unmöglich. Auf die Entfernung und bei diesen Lichtverhältnissen konnten Sie unmöglich die Narbe des Mannes sehen! Sie erzählen mir was!"

"Nein, Sir! Das war anders! Ich habe die Narbe des Mannes vorher gesehen."

"Wann vorher?"

"Als wir ein Bier zusammen getrunken haben, drüben vor der Snack Bar."

"Sie haben ein Bier zusammen getrunken?"

"Ja, er sah aus wie einer von uns. Wie einer, der auf der Straße lebt. Und dann haben wir einen zusammen gehoben. Aber in Wirklichkeit hat er wohl die ganze Zeit über nur auf den gewartet, der da jetzt mausetot in der Telefonzelle liegt..."

Jo nickte.

"Okay", murmelte er.

Wenn der Täter wirklich eine so auffällige Narbe hatte, wie dieser Mann behauptete, dann war das vielleicht eine Spur. Und wenn er bereits einschlägig in Erscheinung getreten war, dann würde man das Rätsel um seine Identität auch bald lüften können.

Das Heulen von Polizeiwagen ließ Jo Walker herumfahren und als er dann eine Sekunde später den Blick zurück zu seinem Gegenüber schnellen ließ, da hatte sich dieser bereits davongemacht.

Jo sah keine Spur mehr von ihm.

Er konnte in eine der dunklen Nischen zwischen den Häusern geflüchtet sein. Es gab hier Dutzende von Orten, an denen man sich verkriechen konnte.

Und dann wurde der Privatdetektiv durch das grelle Scheinwerferlicht der Polizei geblendet.

Der Mann war über alle Berge.

Offensichtlich legte er keinen Wert darauf, mit den Gesetzeshütern zusammenzutreffen, aus welchem Grund auch immer. Vielleicht hatte er schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht, vielleicht hatte er auch selbst irgendwelche kleineren Sachen auf dem Kerbholz.

Ein paar uniformierte Beamte sprangen aus den heulenden Streifenwagen. Und dann kamen auch Männer in Zivil.

Ein paar Augenblicke nur und die Nacht schien zum Tag zu werden.

Aus den umliegenden Häusern liefen die Leute zusammen, um zu sehen, was sich dort abspielte.

Ein paar Augenblicke später sah Jo dann die massige Gestalt von Captain Rowland zum Tatort wanken.

"Hey, Tom! Was machst du denn hier? Ist das nicht eher etwas für deine Sklaven?"

Rowland verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Ein müdes, gequältes Lächeln ging über seine Züge, bevor er dann einen hörbaren Seufzer ausstieß.

"Diese Mordserie scheint inzwischen auch ein paar Etagen über mir Unruhe auszulösen! Und so, wie du es am Telefon dargestellt hast, paßt dieser Mord hier genau ins Raster!" preßte Rowland heraus. "Die Sache ist jetzt mein Job. Und zwar höchstpersönlich!"

"Armer Tom!"

"Auf dein Mitleid kann ich verzichten, Jo!" In seinen Augen blitzte es giftig. "Ich hoffe, du hast nichts angefaßt."

"Ich bin ja kein Anfänger!"

"Dann ist es ja gut. Sag mal, was könnte Brady denn über Maldini herausgefunden haben? Du hast am Telefon nicht mehr darüber gesagt..."

"Ich weiß auch nicht mehr darüber, Tom. Er wurde zuvor erschossen."

Sie gingen zur Telefonzelle, an der sich bereits ein paar Leute von der Spurensicherung zu schaffen machten. Blitzlichter von Fotoapparaten leuchteten auf.

"Sag mal, kennst du einen Mann, der eine Narbe hat, die etwa so verläuft?" Und dabei fuhr Jo sich mit dem Finger über die rechte Gesichtshälfte.

Captain Rowland runzelte die Stirn.

"Was soll das für einer sein?" murmelte er dann.

"Ein Killer!" erklärte Jo.

*

"Wir sollten uns Bradys Wohnung vorknöpfen!" meinte Jo etwas später an Rowland gewandt.

Der Captain nickte.

"Alles zu seiner Zeit. Wenn wir hier fertig sind, Jo!"

Aber Jo Walker war damit überhaupt nicht einverstanden.

"Dann kann es zu spät sein!" meinte er.

Rowland runzelte die Stirn.

"Wie kommst auf diese Idee?"

"Brady war ein Informant von mir. Er sollte sich mal umhören, was Maldini so in letzter Zeit treibt. Und kurz bevor er April am Telefon etwas sagen konnte, wurde er erschossen."

"Du meinst, daß er etwas herausgefunden hatte!"

"Warum hätte er sonst mein Büro anrufen sollen."

"Worum könnte es sich dabei handeln, Jo?"

"Ich habe nicht die geringste Ahnung. Aber vielleicht finden wir etwas in seiner Wohnung, daß uns Aufschluß geben könnte. Aber wenn wir zu langsam sind, dann könnte uns der zuvorkommen, der Brady umgebracht hat!"

"... und vielleicht verhindern wollte, daß er dir eine Nachricht zukommen läßt!"

Jo nickte.

"Ja, das könnte sein."

"Sieht ganz nach Maldini und seinen Leuten aus, nicht wahr?"

"Ja, scheint so."

Dann machte Jo sich endgültig davon. Bevor er in den 500 SL stieg rief er noch zu Rowland hinüber: "Falls du mit deiner Meute doch noch nachkommen willst: Brady trägt einen Führerschein bei sich, da steht seine Adresse drin!"

Rowland zog eine Grimasse.

*

Walker parkte den 500 SL am Straßenrand, wobei er wußte, daß es schon fast einer Provokation gleichkam, einen solchen Wagen in einer Gegend wie dieser abzustellen.

Aber was sollte er machen?

Sich eigens für seinen Abstecher zu Bradys Wohnung einen anderen, weniger auffälligen Wagen zulegen?

Jo öffnete die Tür und stieg aus.

Es war finster hier, die Straßenlaternen waren zerschlagen.

In einiger Entfernung sah Jo ein ausgebranntes Telefonhäuschen, an dem irgendeine der unzähligen Straßengangs wohl ihren Zorn ausgelassen hatte.

Jo verschloß sorgfältig den 500 SL, obwohl er wußte, daß das im Ernstfall wenig nützen würde.

Dann blickte er sich um.

Diese Straße hatte schon bessere Zeiten gesehen, das ließen die Fassaden der Häuser erahnen, die jetzt sämtlich herunterblätterten.

Aber das mußte schon lange her sein.

Jetzt wohnten hier vor allem jene, die es sich nicht leisten konnten, anderswo zu wohnen.

Brady wohnte in einem dreistöckigen Haus, daß seit zwanzig Jahren nicht mehr gestrichen worden war. Von irgendwoher waren Stimmen zu hören.

Jo ließ den Blick schweifen, sah aber zunächst nichts.

Dann bogen drei hochgewachsene, kräftig wirkende Kerle um die nächste Straßenecke.

Es waren Weiße. Sie trugen dunkle Lederjacken mit martialischen Totenkopfemblemen, die bei allen dreien identisch waren.

Es war kurz vor dem Haus, in dem Bradys Wohnung war, als Jo mit ihnen zusammentraf.

Sie bedachten den Privatdetektiv mit einem überheblichen Grinsen. Einer der Kerle einen Schlagring, ein anderer wedelte mit einer Eisenkette herum.

Jo begann sich darauf einzustellen, daß es Ärger geben würde.

Sie kam in breiter Front nebeneinander auf Jo zu und blieben dann vor ihm stehen.

"Vielleicht haben Sie sich in der Straße geirrt, Mister!" meinte einer von ihnen.

Es war der Mittlere, ein massiger Blondschopf mit einem gemeinen Zug um die Mundwinkel.

"Macht keinen Ärger!" warnte Jo.

Die Kerle kamen noch etwas näher heran.

Der Blondschopf machte eine unbestimmte Geste, zeigte einen Moment lang die Zähne und meinte dann: "Es war ein verdammter Fehler, in diese Straße zu kommen! Dies ist nämlich unsere Straße!"

"Der sieht aus, als hätte er Geld!" meinte der Rechte.

Der Blondschopf grinste häßlich.

"Er könnte uns ja etwas davon abgeben - und wir vergessen dafür, daß er hier nichts zu suchen hat!"

"Besser, ihr geht mir aus dem Weg!" warnte Jo, aber als er ihre Gesichter studierte, wußte er, daß das in den Wind geredet war.

Auf diesem Ohr waren sie taub.

Jo musterte sie einen nach dem anderen und versuchte sie abzuschätzen. Sie fühlten sich sehr sicher. Einer gegen drei, das schien eine klare Angelegenheit zu sein.

Für den Bruchteil eines Augenblicks hing alles noch in der Schwebe. Noch war nichts geschehen, hatte niemand einen Finger gerührt.

Dann packte der Blondschopf Jo an den Mantelkragen, um ihm die Brieftasche abzunehmen.

Jo hörte rechts das Rasseln der Kette. Und der Kerl auf der linken Seite holte nun einen kurzläufigen Revolver aus dem Hosenbund und richtete ihn auf Jo.

Jo Walker reagierte blitzschnell.

Er packte den Blondschopf beim Handgelenk und verpaßte ihm gleichzeitig einen Handkantenschlag, der ihn rückwärts, in Richtung seiner Komplizen taumeln ließ.

In der nächsten Sekunde schon sah er dann das Aufblitzen des Revolvers, aber er hatte sich rechtzeitig zu Boden geworfen und auf dem Pflaster abgerollt, so der Schuß über ihn hinwegpfiff.

Jo mußte erneut herumrollen.

Dicht neben ihm, nur Zentimeter von seinem Körper entfernt schlug ein Projektil ein und sprang dann als Querschläger weiter.

Indessen hatte Jo die Automatic herausgerissen und ballerte zurück.

Sein Gegenüber schrie und hielt sich den Arm.

Der Revolver fiel zu Boden.

"Der Kerl hat eine Waffe!" hörte Jo einen der Kerle rufen und da schwang so etwas wie Entsetzen im Tonfall mit.

"Verflucht! Das muß ein Bulle sein!" rief ein anderer.

Und dann sah Jo sie einen Augenblick später in die Dunkelheit davonrennen, auch den, den er am Arm erwischt hatte.

Jo erhob sich und steckte seine Waffe weg. Dann klopfte er sich Dreck von den Sachen und ging zu dem noch immer auf dem Pflaster liegenden Revolver, bückte sich und steckte diese Waffe ebenfalls ein.

So konnte jedenfalls niemand mehr Unfug damit machen.

Als Jo Walker sich dann umwandte sah er dort, wo Bradys Wohnung sein mußte, eine Bewegung am Fenster.

Einen Moment lang war das Licht angewesen, aber jetzt war alles dunkel.

Soweit Jo wußte, war Brady unverheiratet und lebte allein. Der Privatdetektiv ließ noch einmal den Blick über jene dunklen Fenstern schweifen, hinter denen Bradys Wohnung liegen mußte.

Nichts regte sich.

Aber Jo mochte nicht daran glauben, daß er sich so getäuscht haben sollte.

Vielleicht war er schon zu spät dran.

*

Jo hetzte die Treppe hinauf und befand sich wenig später vor der Tür von Bradys Wohnung. Auf dem Weg dorthin war ihm niemand begegnet.

Jo wußte nicht, ob es einen zweiten Ausgang gab, aber sofern sich tatsächlich jemand in Bradys Wohnung befand, so mußte davon ausgegangen werden, daß er noch dort war.

Die Tür war verschlossen, aber für Kommissar X war es kein Problem, sie mit Hilfe eines kleinen Stück Drahtes, daß er aus der Manteltasche zog, zu öffnen.

Knarrend ging die Tür auf und Jo nahm seine Automatic in die Rechte.

Drinnen herrschte gähnende Finsternis.

Jo wußte, daß er vorsichtig sein mußte.

Er lauschte angestrengt, aber es war nirgends etwas zu hören. Dann suchte er den Lichtschalter und fand ihn schließlich auch.

Jo Walker blickte sich um und sah eine halboffene Tür, die in einen dunklen Nachbarraum führte. Jo schlich sich an die Tür heran, die Automatic im Anschlag.

Es schien alles in Ordnung zu sein.

Mit der Automatic in Schußposition kam er in den Raum und riß die Tür zu Seite. Aber da lauerte niemand auf ihn. Er ließ die Waffe sinken, ging zum Fenster und blickte von dort aus hinunter auf die Straße.

Als er sich dann wieder herumdrehte, erstarrte er mitten in der Bewegung.

Jo Walker starrte direkt in die Mündung eines Revolvers Kaliber 38 Special.

Die Hand, die diese Waffe auf Jo gerichtet hielt war sehr zart, die Fingernägel lackiert.

"Waffe weg!" sagte eine weibliche Stimme, deren Tonfall es an Entschlossenheit nicht mangeln ließ und so legte Jo eine Automatic-Pistole erst einmal auf den nahen Glastisch, der in der Mitte des Zimmers stand. "Schön langsam und vorsichtig!"

Jo lächelte dünn.

"Bleibt mir wohl nichts anderes übrig!" meinte er.

"Und jetzt die Hände hoch, Mister! Schön hochhalten und oben lassen!"

Jo atmete tief durch und gehorchte.

Die Frau, die da mit der 38er vor ihm stand, mochte Mitte zwanzig sein, war ziemlich klein und grazil. Mochte der Teufel wissen was sie hier suchte, aber es sah ganz danach aus, als würde Jo zunächst keine Gelegenheit bekommen, ihr seine Fragen zu stellen.

"Wer sind Sie?" fragte sie und kam einen Schritt näher.

"Bevor wir uns unterhalten, tun Sie besser das Ding da in ihrer Hand weg!"

Sie verzog ihren Schmollmund zu einer Grimasse.

"Das hätten Sie wohl gerne! Sie dringen hier so einfach in die Wohnung ein... Was glauben Sie, was Sie hier hätten stehlen können?" Sie sah an ihm herunter. Dann meinte sie: "Sie sehen mir nicht wie einer aus, der es nötig hätte, den Leuten, die hier wohnen und schon wenig genug haben, noch etwas wegzunehmen!"

Jo nickte ihr zu.

"Gut beobachtet!" meinte er nicht ohne Ironie.