Bodin lacht - Sylvie Schenk - ebook

Bodin lacht ebook

Sylvie Schenk

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Opis

Wer hat Evelyn Gorda ermordet? Die engelsgleiche Pianistin wird eines Tages im Schilf des Blausees tot aufgefunden. Hat Martin, der manchmal auch Martina ist und bei Evelyn Klavierstunden nahm, etwas mit ihrem Tod zu tun? Die Polizistin Liliane Hoffmann glaubt das nicht - ihr schmieriger Kollege hingegen schon. Auch Martins Mutter Paula ist zunächst natürlich überzeugt von der Unschuld ihres Sohnes - als sie aber ihr Whiskyglas beiseite stellt, ist sie nicht mehr so sicher. Sie schickt ihn zu ihrem Exgeliebten Jürgen Bodin zur Psychotherapie, und bald glaubt Martin, in dem verkorksten Therapeuten den Mörder Evelyns zu erkennen. Ist das der wahre Grund für dessen Flucht in ein Schweizer Dorf, vorgeblich auf der Suche nach einer ehemaligen Klientin?Rund um Evelyn Gordas Tod treffen Menschen mit sonderbaren Geschichten aufeinander, Menschen, die diese Geschichten eigentlich niemandem erzählen wollen. Und doch: Unter der Oberfläche lauert die Wahrheit, und tritt sie erst zutage, können Wunden ­heilen und Probleme sich lösen.Klug, raffiniert und unterhaltsam erzählt Sylvie Schenk einen ­spannenden Kriminalfall, der auch einen Mörder, vor allem aber die Verstrickungen menschlicher Beziehungen enthüllt.

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SYLVIE SCHENK

BODIN LACHT

Für Wolfgang

Copyright © 2013 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien Alle Rechte vorbehalten Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien Datenkonvertierung E-Book: Nakadake, Wien ISBN 978-3-7117-5176-8 Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt

Informationen über das aktuelle Programm des Picus Verlags und Veranstaltungen unterwww.picus.at

SYLVIE SCHENK

BODIN LACHT

ROMAN

PICUS VERLAG WIEN

FELD 1: MARTIN/MARTINA IM APRIL

Im Englischen bedeutet »to make up« nicht nur »sich schminken«, sondern auch »sich erfinden«, »sich ausmalen«. To make up a story bedeutet, eine Geschichte erfinden.

NANCY HUSTON, Reflets dans un œil d’homme

Der April blühte und er wollte sich mit seinem schizophrenen Körper verbünden: Er trug ein diskretes Make-up auf, schminkte sich die Augen, sah im Spiegel das Abbild der Mutter in seinem Alter. Er musterte seine Schultern, nicht breit, fein strukturiert, befühlte die Dünen der unbehaarten Brust, das Tierchen zwischen den Beinen, ein Schneckelchen, das sich irrtümlich an ihn gehängt hatte. Am liebsten liebkoste er seine goldene Mitte, den Solarplexus, der das Geflecht der Gefühle vereinigt, die Garbe der Regungen zusammenbindet, den geschlechtslosen Bauch, flach, hart, mit dem Nabel, der ihn an seine Bindung zur Mutter, zur Erde und zum Wasser erinnert. Er streichelte seine glatten Unterschenkel, rutschte mit der Hand weiter nach oben. Die Haut atmete sanft, das Innere der Schenkel fühlte sich zart an. Seine Beine waren schlank und lang, das regelmäßige Schwimmen hatte die Muskulatur nicht zu sehr hervorgehoben. Er zog Nylonstrümpfe an, allein das Abrollen des Strumpfes (mit seidenen Handschuhen) machte ihn zur Frau. Das Mädchenhöschen, aus festem, elastischem Textil, bei Bayer-Tanzladen besorgt, ließ die Geschlechtsknospe abflachen. Der gepolsterte schwarze BH dazu. Sein Trick: Zu dem geblümten Kleid zog er einen Männerhut mit breiter Krempe an: Es verlieh ihm das Aussehen einer jungen Frau aus den fünfziger Jahren, die sich einen männlichen Touch geben möchte. Niemand käme darauf, er sei ein Mann, der sich in der Haut einer Frau erleben wolle. Ein Trenchcoat à la Bogart über dem Kleid. Italienische Schuhe mit Richelieu-Absätzen. Er übertrieb nie. Transvestiten mit gefährlichen Bleistiftabsätzen, übertriebener Schminke und Minirock fallen schnell auf: Transvestiten eben. Er schaute sich an: Ich bin ein Mann und eine Frau, eine Frau in einem Mann, die ab und zu nach Ausgang verlangt.

Was wünscht die Dame?, piepste der Kellner der verruchten und verrauchten Bar Zum roten Ofen. Gelbe Strähnen klebten ihm ein Gitter vor die zugekniffenen Augen, die Martina verschwörerisch festhielten. Was wünscht die Dame? Sein dreieckiges Gesicht beugte sich im fahlen Licht zu ihr, und die Lippen entblößten zwei kräftige Schneidezähne. In einem früheren Leben war der Typ eine Ratte gewesen. Im Schutz des Halbdunkels errötete sie vor Freude über die Taufe, die er ihr spendete, und gurrte blasiert: Einen Whisky on the rocks bitte, und der Mann warf der Frau, die sich hierher verirrt hatte und wie eine Lesbe aus einem Schwarz-Weiß-Film ihr Getränk mit kehliger Stimme verlangte, der Mann warf ihr einen anerkennenden Blick zu. Als er das Whiskyglas brachte und das Eis darin klirren ließ, stellte er sich als »der Ludwig« vor und fragte, ob die Dame zum ersten Mal hier sei. Martina hauchte ein verheißungsvolles Ja und legte eine Zigarette in die Zigarettenspitze, eine filmreife Femme fatale. An der Theke beobachtete sie ein Mann im besten Alter, und Martin wurde jetzt ganz zu Martina, die sich sagte: Ein Mann im besten Alter beobachtet mich. Sie lächelte und wich seinem Blick nicht aus. Als der Ludwig wieder hinter seiner Theke stand, erhob sich der Unbekannte, ging langsam zu ihr, stellte sein Bierglas auf ihren Tisch, stützte sich mit beiden Händen auf das schmierige Holz. Darf ich? Er roch nach Chemikalien, Äther vielleicht, ein leicht unangenehmer Geruch, den Martina nicht definieren konnte. Sein Magen, sein Atem vielleicht. Seine leicht geröteten Augen tränten, womöglich eine Bindehautentzündung, eine Allergie gegen den Rauch, die Brauen nicht buschig, gut geschnitten, die Frisur – sein Haar nach hinten gekämmt – wirkte altmodisch; grobporig glänzte die Haut unter der Schirmlampe. Er sah aus wie jemand, der aus dem Wasser gestiegen war, aus einem trockenen Wasser, ach, wie komme ich auf so absurde Ideen, schmunzelte Martina, die sich als Kind gewundert hatte, dass Wasser auf Gemälden trocken war, da sich da nie etwas wie Wasser anfühlte, vielleicht ihre erste Erfahrung als Kind mit der Malerei, eine Einsicht, die sie der Mutter verdankte, die ihr ein Bild von Arnold Böcklin gezeigt hatte: Die Kunst macht aus Nassem Trockenes, aus Tiefem Flaches, aus Bewegungen Erstarrung, und doch schafft es die Kunst, Nasses, Tiefes und Bewegung herzuzaubern. Der Typ, der sie ansah und seinen Dunst ausstrahlte (oder roch er nur etwas säuerlich nach Schweiß?), war kein schöner Mann, auch kein richtig gräulicher, aber wegen des zerknitterten graugrünen Hemdes und der weit auseinanderstehenden Augen ordnete ihn der Biologiestudent Martin in die Ordnung der Froschlurche ein. Er betrachtete diesen großen grauen Kopf zwischen den massiven Schultern aus so großer Nähe, wie man ein erstarrtes Tier beobachten würde, und er hatte die Vision des Amplexus, des Zustands der Weibchen, die von den Männchen während der Paarungszeit umklammert werden und diese dann huckepack zum Teich oder See bringen müssen. Er oder sie dachte sofort: Ich muss hier weg. Der Mann war aus einem alten Gemälde ausgestiegen und suchte im Nebel ihrer Zigarette nach Worten. Das erste klang wie ausgehustet und hieß Süße, na, Süße, und Martina kam ihm zuvor, benutzte ihn als Testperson: Ich bin ein Mann, sagte die Provokateurin und lächelte süß. Und die Testperson lachte: Na ja, das möchten viele Mädel sein, für schöne Frauen wie Sie aber ein unfrommer Wunsch. Er richtete sich auf und Martina berührte spontan seine Hand und sagte: Man macht, was man kann. Der Frosch lachte wieder, neigte sich noch einmal zu Martina und flüsterte: Ich bin der Franz. Ich muss gehen, sagte Martina oder eher Martin, es war nett, dich kennenzulernen. Der Frosch rückte näher, bückte sich wieder, wollte Martinas Blick auffangen, sie ließ es geschehen und spürte Martins Herz wild klopfen. Ich muss hier weg, weg, weg. Dann gib mir doch deine Nummer, schöne Frau! Und sie wühlte verwirrt, blindlings eine Visitenkarte aus der Handtasche: Evelyn Gorda, Pianistin und Musikpädagogin.

Martin hatte Evelyn Gorda immer bewundert, Evelyn Gorda zu sein wäre sicher sein Wunsch gewesen. Er war aber Martin Vanderbeke, und es war auch gut so.

FELD 2: MARTIN IM SCHILF

Nur ein Schilfrohr, das zerbrechlichste in der Welt, ist der Mensch, aber ein Schilfrohr, das denkt und verdrängt.

Frei nach PASCAL

Der Herbst wechselte die Farben und trieb die Wolken. Er radelte zum Blausee. Seit der Kindheit war der See sein Gebiet: Wenn er lange genug die bebenden Spiegelbilder der Bäume anschaute, atmete er wieder ruhig; er roch an den Baumstämmen, an dem Harz, an dem Moos, tauchte gern in das dunkle Wasser und ließ den Biss der Kälte zu, während ihn das Wasser nach und nach von den Zehen bis zum Hals umschmiegte. Er schwamm durch gespiegelte Wolken, und später beobachtete er die Vögel und die Welt der Wassertiere.

Er sagte den Wildenten und den Wildgänsen Adieu, die kreischend abreisten.

Sie nahmen den Sommer mit. Er blieb, die Nase in der Höhe, bis sie verschwanden. Um ihn herum schwankten die leeren Felder und der See und das gelbe Schilf, die Farben verschwammen, und alles war nur Himmel, ein blasser Himmel mit langschwänzigen, erstarrten Wolken und den majestätisch gleitenden Vögeln. Er konnte ihre langen Hälse sehen, lugte auf die Verspäteten, die zu den Ersten schnellten, ein weiteres phänomenales V, V wie veloce, wie Verantwortung, jetzt alle zusammen ein überirdisches W, W wie West und Wind und Wald, Wandeln und Werden, ein Wille der Welt. Am anderen Ende des Fernglases Martin, chaotischer Wurm, begaffte die Abstimmung dieser Ordnung, verlor sich darin, bis sie mit der untergehenden Sonne verschmolz. Er hätte gern gewusst, wo sie übernachteten, die Wildgänse, gern hätte er dort ein Igluzelt aufgeschlagen, um morgen früh herauszuschlüpfen und zuzusehen, wie sie sich schnatternd versammelten und weiterflogen. Sie hatten Mitte August die Tundra verlassen und würden am Niederrhein überwintern.

Er hörte einen Knall.

Dann sah er sie auf dem Weg liegen, eine verletzte Graugans. Ihre Federn glänzten silbergrau und schwarz. Sie flatterte kurz mit den Flügeln, ohne sich zu erheben. Ein Wunder, dass sie es geschafft hatte, noch zu landen. Als Martin sich näherte, durchzog eine schaudernde Woge ihr Gefieder, und er glaubte, ihren schrägen Blick zu spüren. Ihre schwarze Pupille flehte um Gnade, dachte Martin, der sich oft trotz wissenschaftlicher Ambitionen dabei überraschte, die Tierwelt zu vermenschlichen. Die Gans stieß einen rauen Laut aus.

Sie versuchte sich wieder aufzurichten, schien den Hals herauszustrecken aus dem grauen Anzug und quakte flatternd. Sie tat ihm leid mit ihrer Plumpheit, die kein Attribut der wilden Gänse ist, mit ihrem eisernen Willen, aus der verzweifelten Lage herauszukommen. Er näherte sich vorsichtig und sprach sie leise an, hallo Angela, ich will dir nur Gutes tun, lass mich mal gucken. Der Vogel hatte gar keine Schussverletzung erlitten, er gehörte auch gar nicht zu den Wildgänsen, die vorhin vorbeigezogen waren, eine hiesige Gans war es und ein Angelhaken steckte in einem Fuß und eine Nylonschnur, um das Bein gewickelt, hatte sich in das Fleisch hineingefressen. Verdammte Angler. Wahrscheinlich erlitt der Vogel Höllenschmerzen und hatte keine Kraft sich aufzurichten, nach Nahrung zu suchen und davonzufliegen. Martin kramte in seinem Rucksack nach einem Messer, um die Schnur zu lösen, zerstreute seine Siebensachen auf der Wiese, fand keines, packte dann vorsichtig die wehrlose Gans in seine Jacke, legte sie in den Fahrradkorb, und so fuhren sie zur Mutter, die ganz in der Nähe wohnte und sich mit Tierpflege auskannte. Um ihren Fängen zu entkommen, hatte Martin eine kleine Dachwohnung in der Stadt gemietet. Sie bezahlte die Miete.

Der Weg zu ihrer Villa führte an einem Ausflugsparkplatz entlang, wo mehr Wagen als sonst parkten, Wagen, die er zuerst für die Fahrzeuge der Spaziergänger und Jogger hielt, aber es fuhren neue dazu, darunter ein Polizeiwagen und ein Leichenwagen. Sein Kopf füllte sich mit Bildern von Ertrunkenen (das wäre nicht das erste Mal, dass ein Unglücklicher seinem Leben in diesem See ein Ende machte), und er dachte auch an den Schuss, den er vorher gehört hatte, und der die Gans doch nicht getroffen hatte. Er fuhr schnell vorbei und wollte solche bedrückenden Gedanken wegjagen, denn in puncto Verdrängung war Martin unbestreitbar normal: Er beschäftige sich nicht gern mit dem Tod und trat also heftig in die Pedale. Ließ gern seine Beinmuskeln spielen, spürte gern den Wind um die Ohren. Bald radelte er in die Allee hinein, einen geraden, mit hohen Platanen gesäumten Weg, der zum Haus seiner Mutter führte. Abgefallene gelbe Blätter raschelten unter den Fahrradreifen, und es wehte ein vertrauter Duft von Herbst.

FELD 3: LILIANE HOFFMANN IM SCHILF

Als Schiedsrichter zwischen Pan und Apollo vergab König Midas den Preis für die schönste Musik an Pan. Wütend zog Apollo darauf Midas’ Ohren zu zwei Eselsohren lang. Midas’ Frisör verriet ihn nicht, er musste aber das Geheimnis loswerden; also grub er ein Loch in die Erde und schrie es hinein und machte das Loch wieder zu. Später aber wuchs ein Schilf heraus, welches das Geheimnis dem in die Welt pfeifenden Wind nachplapperte.

Frei nach OVID

Hauptkommissar Christoph Angler fuhr den Wagen, neben ihm Jurek, der Praktikant, ein eifriger Schleimer. Liliane Hoffmann und Andreas Moser saßen hinten, zwischen ihnen ein leerer Sitz, doch meinte Liliane, Andreas’ Körperwärme zu spüren und seinen Geruch. Sie kurbelte das Fenster herunter. Es zieht, klagte er sofort. Sie reagierte nicht. Sollte er sich den Tod holen. Sie schaute die Landschaft an. Alles flach. Hörst du schlecht? Er beobachtete sie von der Seite, ironisch. Sie spürte diesen Blick, ein mit all den Erinnerungen an die vorige Nacht beladener Blick. Etwas knarrte gerade im Funk, Andreas nutzte Anglers Ablenkung und die des Praktikanten, die dazu Kommentare austauschten, um sich zu Liliane zu beugen: Was ist los mit dir, war’s gestern nicht schön? Er stieß sie am Arm. Sie wandte sich zum Fenster hin, er erfasste ihr Bein, ein Flüstern durch geschlossene Lippen, es war doch geil, oder? Sie kräuselte den Mund in seine Richtung, er las fälschlicherweise ein »Ja« heraus: Wer aus einem Nein ein Ja herausschälen möchte, konnte das leicht. Andreas triefte vor Unaufrichtigkeit, sein ganzes Wesen bestand aus Unaufrichtigkeit, er war die Unaufrichtigkeit in Person. So reichte das Kräuseln der Lippen, um ihn zu beruhigen, um ihn zu bestätigen, na also, wusste ich’s doch, er setzte sich wieder zufrieden gerade hin. Wir sind da, sagte Hauptkommissar Angler, also los. Sie stiegen aus und ein uniformierter Kollege, der auf sie gewartet hatte, lotste sie weiter. Ab hier muss man zu Fuß, sagte er, ein Spaziergänger hat sie gefunden, ja, er wartet auf Sie. Die Frau trieb am Schilf. Ist anscheinend unmittelbar am Ufer ertrunken. Oder ertränkt worden. Kein schöner Anblick. Die Art von Sprüchen, die Liliane wie Küchenschaben gern zerdrückt hätte, die sie aber alle in solchen Situationen sagten, irgendetwas wollte gesagt werden. Die Schönheit der Heide, das Glitzern des Sees, die Weite des Himmels mussten jetzt nicht kommentiert werden. Sie verließen den Pfad, sie trampelten das gelbe Gras nieder, Liliane hörte das Reiben des Stoffes von Andreas’ Hose. Am Rand des Weges konnte man verblasste Sandnelken erkennen und getrocknetes Heidekraut. Liliane kannte diese Pflanzen, sie mochte sie und füllte ihren Blick damit, gleich musste sie sich Fürchterliches ansehen. Ein schöner Ort, der Blausee. Ein Ort, wo an Windtagen Kinder Drachen steigen ließen, junge Paare sich in einer kleinen Bucht verkrochen, um einander am Ufer zu befummeln. Sie schaute zum Himmel hinauf, wo große Wolken sich wälzten und vom Wind zerrissen wurden, Gänse flogen vorbei oder Enten, sie spürte einen starken Impuls zu fliegen und eine Sehnsucht nach Glück, aber ein Blick auf den Typen, der vor ihr lief, löschte jedes Verlangen. Andreas drehte sich um, Gänse oder Enten?, fragte er. Keine Ahnung, murmelte sie, ach ja, sagte er und lief weiter, den Kopf nach hinten gedreht, mit Vögeln kennst du dich nicht aus. Er lachte laut, die anderen drehten sich um und Liliane spürte, wie sie vor Wut und Scham errötete. Sie wünschte sich, gestern Nacht wäre nicht gewesen. Aber gestern Nacht war gewesen. Sie linste auf seinen Hintern, auf den Jeansstoff, so gestrafft, die Naht schien bald zu platzen, der Mann war nicht dick, aber kräftig. Die Bein- und die Armmuskulatur verrieten seine täglichen Kraftübungen. Von nichts kommt nichts, wiederholte er und blies die Bizepse auf. Dennoch wartete der Bauchansatz nur drauf, zuzulegen. Das Bier. Sie wusste, wie er roch, wenn er schwitzte, kannte die Wölbung der Baumwollstretchunterhose, den sauren Duft seiner Achsel in dem gerippten Hemd, der ihr wieder in die Nase stieg, warum, warum ist sie auch mit ihm gegangen, wollte sie denn eine andere Frau sein, eine freie, die einen Tropfen Parfum in ihr Dekolleté gleiten lässt, eine lockere, die weiß, worauf es im Leben ankommt, sie fand sich hier nicht wieder, ich bin nur frei, wenn ich das tue, worauf ich Lust habe, Binsenweisheit, aber wichtige Wahrheit, warum also folge ich diesem einfachen Prinzip nicht, das ich verdammt noch mal seit Jahren verinnerlicht habe. Musste sie Prinzipien untreu werden, die gut und hilfreich waren? Ihre Prinzipien hatte sie sich immer als kleine Freunde vorgestellt, Zwergprinzen, die sie durch das Dickicht des Privat-, Berufs-, Stadt- und Landlebens lotsten. Ohne sie gehorchte man irgendwelchen Kräften, irgendwelchen Einflüssen, man ordnete sich der allgemeinen Blödheit unter. Sie musste schnell die Nacht vergessen, schließlich war es keine Tragödie, nur ein Fehler ihrerseits. Außerdem musste sie sofort diese Gedanken verdrängen, freier atmen, gleich musste sie arbeiten. Ihre drei K waren: kühl, klar, klug.

Andreas’ Arsch verstellte aber den Horizont. Es war nicht nur Andreas, der sie unglücklich machte, sie war immer noch unfähig, das Leben schlicht und einfach zu genießen, nein, das stimmte nicht, sie dramatisierte einen kleinen Unfall, sie hatte im Lauf der Zeit wieder gelernt, sich zu freuen, sie konnte sich beim Skifahren freuen, sie ging gern spazieren, sie mochte die Natur, das Wasser, die Berge, sie sehnte sich nach entfernten Ländern, sie würde, sobald sie ein bisschen mehr Geld hätte, eine große Reise unternehmen. Ach, auch das stimmte nicht wirklich, in der schönsten Landschaft roch sie manchmal ihre eigene Leiche. Unsinn! Es hatte nichts mit ihrem Beruf zu tun, sie arbeitete gern, Verbrechen aufdecken war sogar eine Befreiung. Und sie lachte gern mit Freundinnen, ging gern in eine Kneipe, ins Kino, ach was, sie hatte keine echten Freundinnen, das Lachen kam aus einer anderen, nicht aus ihr, wie gestern Abend, sie wollte gestern Glück oder ein wenig Leichtigkeit erleben, es hatte kein Glück gegeben, nur eine große Schwere, eine Demütigung, denn sie schämte sich jetzt nur, ihm lustlos nachgegeben zu haben. Sie hatte ihn nie gemocht. Sie war nur geschmeichelt gewesen, dass er sie ausgesucht hatte. Oder auch nicht. Sie hatte es satt, allein zu sein, sie wollte starke Arme um sich spüren, ein Nest, nichts als das Klassische wollte sie, dass ihr eigener Geruch sich mit dem Geruch eines anderen mischt. Der alte Traum der Vermischung, der Vereinigung. Sie hatten gesoffen, Bier, Schnaps, Wodka. Sie sah noch die Flaschen auf dem grauen Teppichboden. Sein Mund an ihrem, hungrig, tierisch, er stieß raue Laute aus, sie küsste einen Hund. Der Hund biss, sie wischte sich seine Spucke um ihren Mund mit dem Betttuch ab.

Beinahe wäre sie gestolpert, sie hielt sich an Andreas’ Ärmel, der vor ihr stehen geblieben war, an, sie scherte aus und blinzelte in der untergehenden Sonne auf den großen, glitzernden See, und dann sah sie vor ihren Füßen die Frauenleiche und schrie auf. Hast du sie noch alle?, grinste Andreas. Die anderen drehten sich erschrocken um.

Windstille. Die Tote lag da. Das Schilf schwieg.

FELD 4: OTTA

Wer einen Engel sucht und nur auf die Flügel schaut, könnte eine Gans nach Hause bringen.

CHRISTOPH LICHTENBERG

Seine Mutter wohnte längst allein in der Villa, aber in der Diele des Hauses stand ein hölzerner Garderobenständer mit einem Mantel, einer Jacke und einem Blouson. Lumpen der Verschollenen: Der grüne Loden ihres verstorbenen Mannes nahm seit fünfzehn Jahren Staub an, die Hausjacke hatte Hausfreund, Arzt und Psychotherapeut Doktor Jürgen Bodin nach ihrer Trennung hier hängenlassen, und Martins zerschlissener Lederblouson erzählte ihr von ihrem missratenen Sohn. Es gefalle ihr, an diesen Ständer ihren eigenen Mantel zu hängen, wenn sie nach Hause komme, als bestünde hier noch eine Hausgemeinschaft. Alle gehörten noch zu ihrem Leben, es tue ihr gut, sie fühle sich weniger allein. Seine Mama hatte Sinn für Pathetisches. Man könnte auch denken, sie wälze sich gerne in welken Erinnerungen, oder sie hege eine Art Fetischismus, oder sie sehe diese Klamotten als Trophäen ihrer Eroberungen. Nichts dergleichen. Sie waren irgendwie alle noch ein bisschen da, in ihrem Lebenssystem eingeschlossen. Sie (auch das Putzmädchen Simone, dessen Schürze ebenfalls dort hing) waren systemische Teile ihres romanhaften Lebens. Vor dem Garderobenständer zwinkerte Bodin Martin zu: Paula lässt uns hängen, weil wir sie haben hängenlassen.

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