Blutorangen - Verena Boos - ebook

Blutorangen ebook

Verena Boos

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Opis

Verena Boos verbindet großes Erzähltalent mit historischer Präzision.“ Jan Brandt Für die junge Spanierin Maite ist das Studium in München vor allem eine Chance, ihrem konservativen Elternhaus zu entfliehen. Ihre Heimat Valencia, berühmt für den Handel mit makellosen Orangen, wird ihr allmählich fremd. Sie verliebt sich in Carlos, der aus einer deutsch-spanischen Familie stammt, und befreundet sich mit seinem Großvater Antonio. Der alte Emigrant berichtet von nie gehörten Ereignissen und erzählt doch nicht alles. Eines Tages wird aus der Zuhörerin eine Fragerin: Wie gelangte ihr Vater in eine deutsche Uniform? Ausgezeichnet mit dem Mara-Cassens-Preis für das beste Debüt, Debütpreis des Buddenbrookhauses Lübeck, Grimmelshausen-Förderpreis und dem Gerhard-Beier-Preis. "Verena Boos verknüpft deutsche und spanische Geschichte über einen Zeitraum von achtzig Jahren hinweg, mit Eindringlichkeit und narrativer Vielfalt. Der Leser hält einen erstaunlichen und höchst lesenswerten Debütroman in den Händen, der mit einer enormen Stoffvielfalt aufwartet, wie man sie nur von großen Romanciers kennt.“ Thomas Lehr.

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Verena Boos

Blutorangen

Roman

Informationen zum Buch

»Verena Boos verbindet großes Erzähltalent mit historischer Präzision.« Jan Brandt

Für die junge Spanierin Maite ist das Studium in München vor allem eine Chance, ihrem konservativen Elternhaus zu entfliehen. Ihre Heimat Valencia, berühmt für den Handel mit makellosen Orangen, wird ihr allmählich fremd. Sie verliebt sich in Carlos, der aus einer deutsch-spanischen Familie stammt, und befreundet sich mit seinem Großvater Antonio. Der alte Emigrant berichtet von nie gehörten Ereignissen und erzählt doch nicht alles. Eines Tages wird aus der Zuhörerin eine Fragerin: Wie gelangte ihr Vater in eine deutsche Uniform?

»Verena Boos verknüpft deutsche und spanische Geschichte über einen Zeitraum von achtzig Jahren hinweg, mit Eindringlichkeit und narrativer Vielfalt. Der Leser hält einen erstaunlichen und höchst lesenswerten Debütroman in den Händen, der mit einer enormen Stoffvielfalt aufwartet, wie man sie nur von großen Romanciers kennt.« Thomas Lehr

Empathy is, first of all, an act of imagination, a storyteller’s art.

Rebecca Solnit

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

I. DIE LAGEN DES LANDES

Null – August 2004

Die Lage des Landes – März 1939

II. ERKUNDUNG

Der Druck seiner Hände – August 1990

Was übrig bleibt – August 2004

Souveräne Republik – September 1990

So different, this man – August 2004

Münchner Freiheit – Oktober 1990

III. FUNDSCHICHTEN

Konvoi – Juni 1939 bis August 1940

Bäumchen pflanzen – August 2004

Nur Hinfahrt – August 1940

Onkel Hans – November 1990

Orangen für die Front – August 2004

Centro Español – November 1990

Der Druck seiner Hände – März 1939 bis Juli 1941

Grube – 20. Juni 1939

Kriegsheld – Juli bis Dezember 1941 • Dezember 1990

Ja sagen – August 2004

Himmel voller Vögel – 21. Juni 1939

Ja gesagt – August 2004

Kriegsheld – Januar bis Juli 1942 • Dezember 1990

Briefe in Orangenpapier – August 2004

Friede auf Erden und den Menschen – Dezember 1990

Patenehre – Dezember 1990

Zwischen Zeiten – August 2004

Nachbar – August 2004

Nacht – 22. Juni 1939

Free Soloing – August 2004

IV. RÜCKGABEAugust 2004

Erkundung

Sein Gesicht nicht vergessen

Guardia Civil

Hochzeitswalzer

Fundschichten

Nullpunkt

Wie bald vergisst die Welt

Mit abgewandtem Gesicht

Rückgabe

Quellen und Dank

Über Verena Boos

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne ...

I. DIE LAGEN DES LANDES

Null

August 2004

Sieben liegen da. Gleich holt man sie raus.

Es wird still. Es wäre Zeit, Pause zu machen. Jetzt steigen die Archäologen mit ihren Pappkartons hinab, und dann ist die Grube wieder leer.

Auch für sie kommt etwas zu einem Abschluss. Sie ist ganz ruhig. Sie geht in die Hocke und lauscht der eigenen Erschöpfung. Der Himmel so groß, das Land so mächtig. Der Blick geht über die spröde Landschaft, sie sieht den Boden stauben und fühlt die Sonne brennen, hört, wie die Zeit versiegt.

Ein Strauß Nelken liegt mit einem Foto am Grund der Grube. Als die erste Kiste hochgetragen wird, stimmt jemand ein Lied an, die Leute fallen nach und nach ein, ihr Gesang geleitet die Toten zurück ins Leben. Dieser Moment ist das Auge eines Zeitwirbels, der vom Urknall bis ans Ende aller Tage reicht. Diese fünfundsechzig Jahre, in denen die Mörder das Unrecht in Kraft hielten, werden nicht mehr sein als eine Erschütterung, ein Beben im Antlitz der Erde.

Das Telefon in ihrer Hosentasche vibriert. Sie tastet durch den Stoff und drückt den Anruf weg.

Sie hat sich nicht in das Gästebuch eingetragen, das auf einem klapprigen Tisch ausliegt, sich nicht auf Video aufnehmen lassen. Sie muss andere Worte finden, an einem anderen Ort. Wenn sie hier fertig sind, ruft sie an. Vielleicht ist sie willkommen, sitzt heute Abend mit ihnen am Tisch, findet Worte.

Das Telefon vibriert sofort wieder. Sie richtet sich auf und bewegt sich in den Schatten der Steineiche, erkennt erst dort die Nummer ihrer Eltern in Valencia. Sie zögert zu lange. Sie erinnert sich kaum an ihre Stimmen. Sie geht zurück zur Grube und wundert sich, woher sie ihre Nummer haben.

Wenn sie sie zu Hause fragen, was sie hier gemacht habe, sie würde sagen, wir haben eure Toten ausgegraben. Das Leben gefeiert, derer, die hier liegen, und das der anderen, die weitergelebt haben. Sie hat sich hier die Hände schmutzig gemacht und endlich ihre Schuldigkeit getan. Es wird Zeit, dass sie den Boden bestellt, ihr eigenes Haus baut. Er soll seine Schuld selbst tragen. Sie hat das Gefühl, durchlässiger geworden zu sein. Die Verhärtungen sind aufgebrochen, eine Knochenarbeit, wahrscheinlich ist sie deshalb so müde. Sie ist ein Teil dieser Geschichte. Ist durch sie hindurchgegangen.

Es vibriert ein drittes Mal. Sie entfernt sich von den Lebenden und von den Toten. Unter der Steineiche nimmt sie das Gespräch an. Sie lehnt im Schatten am Stamm, massiert ihren wetterfühligen Knöchel und sieht, wie der tätowierte Schmetterling zur Stimme ihrer Schwester mit den Flügeln schlägt.

Ist ein schlechter Moment.

Die Stimme in der Leitung überschlägt sich, von Tränen erstickt und dennoch schneidend: Bei dir ist es immer schlecht. Aber es geht im Leben nicht nur nach dir, Arschloch!

Ihre Schwester hat ihr Vokabular erweitert, sie wildert im fremden Revier.

Und dann weiß sie es.

Sie sieht ihre Hand, ein Nagel ist eingerissen. Sie hat sich die Hände schmutzig gemacht, und es ist alles zu spät. Der Wind zerrt an den Blumen, wirbelt Staub auf, fährt in die Seiten des Gästebuchs und trägt die Worte davon. Ist er gegangen.

Die Lage des Landes

März 1939

Was übrig bleibt: Dynamit, Munition, defekte Gewehre. Alles hinein in die Kuhle. Drei Leute oben, zwei unten. Schnell. Schweigsam. Vom Eselskarren die Kisten abladen. Tastend durch die Dunkelheit. Zum Karren, Kiste greifen, sieben Schritte, acht, dann in die Knie gehen und vorsichtig, vorsichtig nach unten reichen. Das Zeug soll hochgehen, aber nicht zu früh.

So wird es gewesen sein: Einer der italienischen Bomber, gestartet von Mallorca in Richtung Valencia, schoss über sein Ziel hinaus, warf seine Ladung nicht über dem Hafen ab, traf nicht Schiffe oder Fischerhäuser und nicht die Calle de la Paz, sondern erreichte das Hochland. Das ist erst ein paar Wochen her. Eine Geschichte aus einer anderen Zeit. Eine Bombe aus heiterem Himmel. Sie zerfetzte die dünne Schicht Gras, sprengte Steine in alle Richtungen. In der Tiefe dämmte eine kompakte Schicht Lehm ihre Wucht.

Was einmal dämmte, kann es ein zweites Mal. Im Wald vergraben wäre besser gewesen, man wäre wieder rangekommen. Die anderen haben ihn überstimmt. Das Zeug soll weg, ganz weg, es kommt in das Loch draußen auf den Feldern, dort jagt man es in die Luft. Niemand soll rankommen, nicht die Richtigen, nicht die Falschen. Republikanische Soldaten fliehen schon über die Pyrenäen. Frankreich und England haben Franco anerkannt, in den Geschichtsbüchern wird irgendwann einmal, bald schon, ein anderes Datum stehen für das Kriegsende, aber in seinem Buch der Niederlage steht der 27. Februar 1939.

Niemand redet. Die Angst steckt in allen. Man traut nicht einmal mehr den Schäfern, nicht den Schafen, nicht der Erde selbst. Die Räder ächzen über die Böschung. Er setzt sich unter die Steineiche. Die Hände eiskalt, das Hemd klebt ihm am Rücken. Er wartet, bis er sicher sein kann, dass der Esel zurück ist in seinem Stall, die Kameraden in ihren Häusern sind. Sie trauen auch ihm nicht, aber er war bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Vor ein paar Abenden stand Manolo an der Hintertür, Freund aus Kindheitssommern, ein Freund, der noch einen Mann brauchte. Er selbst konnte ein Abenteuer gebrauchen. Dieses Risiko ist seine Rache an der Aussichtslosigkeit, an seinem Vater und seinem Kind und seinen Brüdern, an diesem Leben, das ihn hier hält.

Die Stille zieht wie Unterdruck am Trommelfell. Nach und nach dringen der Wind, das Rascheln von Getier im Gras, das Knarzen seiner Lederschuhe durch. Eine Karawane von Pinien und Eichen auf den Bergrücken schultert die graue Fläche des Himmels. Das Land liegt breit, leicht geneigt. Nach oben hin der Wald. Weit unten ein Gehöft.

Er dürfte gar nicht hier sein. Nicht in diesem Dorf, nicht zu dieser Jahreszeit. Valencia ist voller Soldaten, Politiker, Funktionäre, die alle auf eine Flucht hoffen. Nur sie verschanzen sich in den Bergen. Seine Eltern verstehen nicht, dass weder der Krieg noch das, was auf ihn folgen muss, in Valencia gefährlicher ist als hier.

Hier glauben sie sich sicher. Das Dorf ist das Dorf. Sie antworten ihm nicht auf seine Fragen, was aus der Kanzlei des Vaters werden soll und was aus ihm. Wovon sie leben wollen, ob er wieder Wein anbauen soll wie die Vorfahren. Sie glauben nicht, dass Francos Gesindel auch ihr Schneckenhaus in den Bergen finden und unter einem gewichsten Stiefel zermalmen wird. Der Krieg hat den Vater schier den Verstand verlieren lassen. Ein Sohn zerstört in Francos Namen alles, was die Republik mühsam erschaffen hat. Der andere geriet, wie er sollte, aber was haben sie davon.

Er ist dem Vater als einziger Sohn geblieben, und so sitzt er fest. Sie träumten von Paris, Julia von der Couture, er von der Sorbonne. Er vermisst seine Brüder und bringt es nicht übers Herz zu gehen.

Er steht auf und schüttelt die Kälte aus den Gliedern. Er wiegt die Granate in der Hand wie ein schweres Buch, gerade mal ein Pfund Nitramit. Gerade mal drei Jahre, da hatte er nur Bücher im Kopf. Er hat es denkend und schreibend durch den Krieg geschafft, sie mussten ihm zeigen, wie man entsichert.

Seine Hand zittert. Hoffentlich reicht die Wucht des Aufpralls, um auszulösen, hoffentlich braucht er nicht die Reserve, um das Zeug hochgehen zu lassen, das im Matsch des Grundwassers steht. Der Verschluss löst sich leicht. Vom Rand des Kraters misst er seinen Vorsprung in Richtung Wald. Er zielt und wirft.

Ein Lärm, grandios wie die Böller zu San José. Drei Jahre verflüchtigt in einem einzigen Knall. Die Druckwelle wirft ihn dem Wald entgegen. Die Bäume schimmern im Licht der Explosion. Er hört seinen eigenen Jubelschrei.

II. ERKUNDUNG

Der Druck seiner Hände

August 1990

Kommt er? Irene, der Chauffeur, die Mittagssonne und sie. Warten, ob er nun mitfährt. Die Sommerhitze ist plump, wölbt sich über den Asphalt und verflüssigt sich an den Rändern. Sie verflüssigt auch Geräusche, ein Auto, Liedfetzen, around the world ya ya ya, fährt vorbei. Maite zieht am Ausschnitt ihrer Bluse und lässt Luft an ihre Haut, aber auch das bringt keine Erleichterung. Es sind kaum Menschen auf der Straße. Essenszeit. Ein Hund pinkelt an eine Palme, die Bewässerungsschläuche an den Stämmen sind trocken. Der Chauffeur hat in der zweiten Reihe geparkt und blockiert eine Spur. Irene hält ihr Gesicht in den Luftstrahl der Klimaanlage. Der Chauffeur steht in der Sonne und hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Weil Maite sich nicht in den Wagen setzt, tut er es auch nicht.

Es ist wie immer. Es hätte einfacher sein können. Doch Maite wollte, dass er weiß, dass sie in München nicht ins Spanische Kolleg zum Heiligen Apostel Jakobus zieht. Stattdessen hat sie sich in der Studentenstadt angemeldet. So verlief ihr letzter Vormittag zu Hause wie immer. Seine flache Hand, die auf den Tisch niederfuhr, dass das Besteck klirrte. Seine laute Vaterstimme und ihre schrille Tochterstimme. Irene, die ihren kümmerlichen Hals zwischen die Schultern zog. Der Blick von Mama zu ihr, immer zu ihr, und ihr Machtwort: »¡Teresa!¡Ya está!«

Ihr Vater warf seine Serviette auf den Teller, wo sich das Leinen mit Olivenöl vollsog. Er stand auf und ging, sie hörte die Schlafzimmertür knallen. Ihre Mutter fischte die Serviette aus der goldgrünen Lache.

Immerhin nannte Mama sie noch nicht Maria Teresa. Maria Teresa ist höchste Alarmstufe bei ihrer Mutter und Normalzustand bei ihrem Vater, der auf dem vollen, doppelten, gut katholischen Namen beharrt, so viel Zeit muss sein. Irene ist es egal, sie hat sich an die Kurzform gewöhnt, wie sie sich immer an alles wird gewöhnen können. Sie wird heiraten und unter die Obhut eines anderen Mannes wechseln. Ihr älterer Bruder denkt wie der Vater und ruft sie natürlich auch wie dieser, der andere ist schon so lange fort und so selten hier, dass es keine Rolle spielt, bei welchem Namen er sie nennt. Maribel stellt sich auf niemandes Seite, sie sagt hija mía und mi niña. Mama lässt zumindest die Jungfrau Maria weg.

Sie schaute Maite durchdringend an. »Was ist?«, wiederholte sie Maites Frage, als äffte sie sie nach. Irene kicherte. Sie hatte ihren Hals noch nicht wieder aus den Schultern geschoben. »Und du sei still!« Der militärische Ton hat bei Irene schon immer besser funktioniert. »Im Ernst? Was hast du dir dabei gedacht?«

»Alle Studenten wohnen da. Du bekommst als Erasmus einen Platz, quasi automatisch. Da leben deutsche und ausländische Studenten zusammen. International. Viel gemischter.« Keine Kontrolle. Sie will nicht in einem spanischen Wohnheim wohnen. Wenn sie endlich nach München kommt, noch dazu in dieser aufregenden Zeit, will sie sich nicht in einer Art Konvent einsargen lassen, wo täglich Eucharistie gefeiert wird und Musik auf den Zimmern verboten ist. Könnte sie ja gleich hierbleiben. »Willst du deutsch sprechen oder international gemischt sein? Na?«

Maribel räumte den Tisch ab. Maite schüttelte den Kopf und hielt ihren Teller fest. Sie trägt ihr Geschirr immer selbst in die Küche. Ihr Vater spottete, dann dürfe sie auch nicht essen, was Maribel einkauft und zubereitet, Maite spuckte damals das Essen zurück auf den Teller. Sie kaufte trocken Brot im Laden um die Ecke, musste sich trotzdem zu den Mahlzeiten zu ihnen setzen. Maribel, um die es doch ging, konnte sie nicht verstehen, nannte sie albern und steckte ihr etwas zu, eine Orange hier, ein Sandwich dort. Mama legte eines ihrer Machtworte ein. Seither isst Maite, was auf den Tisch kommt, lässt sich aber nicht von Maribel bedienen und trägt ihr Geschirr selbst in die Küche.

»Lauf nicht wieder davon!« Maite blieb stehen, Teller und Glas in den Händen. »Und verdreh nicht die Augen! Wir hätten darüber reden können.« Das Besteck auf dem Teller klirrte. Maites Stimme rutschte weg. Sie hasste es, wenn sie die Kontrolle verlor. Das Messer glitt vom Teller.

»Ich hätte mit dir reden können? Er hatte das mit der Unterkunft klargemacht, über seine Kontakte zum Opus, was weiß ich. Mich hat keiner gefragt! Mich fragt nie jemand!«

»Das ist doch keine Verschwörung, Teresa. Aber dann seid ihr zwei ja quitt. Auge um Auge. Keiner redet. Jeder tut, was er will. Du bist kein Iota besser, dass du das weißt.«

Sie tat alles, um anders zu sein. Sie reagierte doch nur auf seine Befehle, wenn auch nicht so, wie er das wollte. Sie wäre gern friedlich. Würde Mama nur einmal ihre Partei ergreifen. Ein einziges Mal. »Du hast mich auch nicht gefragt.« Die Wut schob sich nach oben und presste ihr Tränen in die Augen.

Mama rief ihr noch nach: »Wohnen dort Jungen und Mädchen zusammen?«

Maite schloss die Küchentür mit einem Knall und lehnte sich dagegen. Sie glaubte, ein Schnalzen der Zunge zu hören, als wollte Maribel sie tadeln, aber sie war sich nicht sicher. Maribel räumte weiter die Küche auf. Dann halt nicht. Alle schienen froh zu sein, dass sie ging.

»Wo bleiben die denn?« Maite dreht sich nicht zu Irene um. Schneeweißchen mit dem Kirschenmund. Schminkt sich die Lippen knallrot. Wenn sie das täte, würde ihr Vater sagen, sie sehe aus wie eine Hure, sie solle sich das abwaschen. Maite bleibt in der Sonne stehen. Sie kneift die Augen zusammen. Ein Schweißtropfen rinnt zwischen ihren Schulterblättern hinunter. Mit der Zunge bugsiert sie ihren Kaugummi auf die andere Seite. Wenn er zum Fenster hinausblickt, soll er sie hier warten sehen.

Der Hauseingang steht offen. Tief in diesem schwarzen Loch, am Ende des Foyers, vorbei an der Portierskabine, die gewundene Marmortreppe hinauf, einmal um das Metallgehäuse des Aufzugs herum, hinter einer schweren Tür aus poliertem Holz, die er immer mit drei Metallbolzen verriegelt, ringt ihr Vater mit sich.

Maite blickt hoch, als würde die Entscheidung am Fenster getroffen. Soll er halt hierbleiben. Sie wickelt eine Haarsträhne auf, bis die Fingerspitze violett wird.

»Wenn er nicht gleich kommt, müssen wir fahren. Du verpasst deinen Zug!«

»Ihre Schwester hat recht, Señorita Maria Teresa«, sagt der Fahrer. Zwanzig Jahre und formell wie am ersten Tag.

»Kannst ja ein paar Ampeln auslassen.«

Sie zieht eine Locke lang, hebt ihre Haare im Nacken an, doch kein Wind geht. Sie spuckt den Kaugummi aus.

Wäre es nach ihr gegangen, hätte es ein Koffer weniger sein können. Aber ihr Vater hält Deutschland wohl für Sibirien.

Er konnte keine Ahnung haben, was es bedeutet, im Hochsommer Klamotten für einen russischen Winter einzukaufen. Die Kaufhausangestellte brachte eine phänomenale Scheußlichkeit aus dem Lager, so schlimm konnte kein Winter werden, dass sie diesen Pullover brauchte.

»Mama, bitte.«

»Den nehmen wir.«

»Mama, bitte. Gib mir das Geld, ich kauf in München einen.«

»Das kannst du immer noch. Stell dich nicht so an. Er meint es nur gut.«

Das war die Art ihrer Mutter: Er wollte einen warmen Pullover, sie kaufte einen warmen Pullover. Sie fragte sich vermutlich gar nicht mehr, was sie denken würde, wenn sie selbst dächte. Sie klappte die goldene Schnalle ihres Portemonnaies zu, ihr Nagellack passte zur Farbe der Tasche. Der Pullover fuhr mit ihnen im Taxi nach Hause, durch die Julihitze in die abgedunkelte Wohnung, wurde noch einmal neu zusammengelegt und kam zu den anderen warmen Sachen für München. So schlau, ihn einzupacken und erst dort zu entsorgen, war Maite dann doch.

Das Gepäck also voller Winterkleidung, auf die ihr Vater bestanden hat. Dazu Bücher und das große Wörterbuch, der Name »Langenscheidt« ein Zungenbrecher auch nach dem Abitur an der Deutschen Schule. Das Kuschelkissen. Ein Schuhkarton voller Zitronen, von Maribel sorgsam in Zeitungspapier verpackt, sie hat versprochen, bald Orangen zu schicken und darauf zu achten, dass sie in Seidenpapier eingewickelt sind. Schinken, Chorizo und Butifarra. Im fremden Land ein wenig Heimat auf der Zunge. Ein Spürhund würde durchdrehen.

Sie muss klingeln, damit zumindest ihre Mutter zum Bahnhof mitkommt. Da schlägt die Metalltür des Aufzugs. Der Chauffeur öffnet die vordere Tür und nimmt Haltung an. Mama eilt aus dem Hauseingang, schön wie eine Diva aus den Fünfzigern, Ingrid Bergman, nicht ganz so geschmeidig, der Vater ist ja auch nicht Cary Grant. Im Gehen rafft sie ihr geblümtes Kleid, eine Strähne ist aus ihrer Frisur gerutscht. Sie steuert auf Maite zu. Maite steigt ein und rutscht in die Mitte.

Im Hauseingang erscheint ihr Vater. Er blickt sich um, den Gehsteig hinauf und hinunter, als kontrolliere er das Terrain, so viel Zeit muss sein. Er nickt seinem Fahrer zu. Sein heller Sommeranzug sitzt so gut, als wäre er doch Cary Grant. Eine Falte zwischen seinen Augenbrauen. Alles Übrige glatt. In einer kontrollierten Bewegung gleitet er auf den Beifahrersitz. Vom Rücksitz starrt Maite auf sein Ohr, graue Härchen, die sich in der Muschel kräuseln. Er zieht einen Kamm aus der Tasche und glättet seine Frisur. Sie möchte ihm in den Nacken spucken, ihm einen Stoß geben, dass die Haare in breiten Strähnen nach vorn fallen. Aus dem Augenwinkel nimmt sie wahr, dass Mama sich das Haar aus der Stirn streicht, fühlt ihre Hand auf der eigenen. Der Fahrer gibt Gas. »Wenn ich jetzt den Zug ver…«

Der Schmerz ist scharf. Ihre Mutter behält die Hautfalte so lange zwischen den Fingerspitzen, bis sie sicher sein kann, dass sie Maite zum Schweigen gebracht hat.

Am Bahnhof muss alles schnell gehen.

»Du hättest fliegen sollen.«

»Mama!« Flugangst richtet sich nicht nach der Menge Gepäck. »Ich krieg das hin.«

»Nimm dir ein Taxi, wenn du in München ankommst.«

Maite dreht Locken ein.

»Lass das doch.« Mama klopft ihr auf die Hand. Nimmt sie in den Arm. Ihre Stimme nahe an Maites Ohr: »Pass gut auf dich auf, mi vida. Ich hoffe, dass sich deine Träume …«

In der Umarmung riecht Maite das Parfum, das immer dasselbe gewesen ist, und spürt ein Brennen in ihrem Hals. Mamas zierliche, goldberingte Finger, ein Umschlag wechselt die Seiten. Während Maite ihn in ihrer Hosentasche versenkt, schämt sie sich der Tränen, dann scheppert aus den Lautsprechern der letzte, dringende Aufruf für den Zug nach Barcelona.

Ihr Vater tritt vor sie hin. Er fasst sie an den Schultern. Eine Armlänge. Er könnte tatsächlich ihr Großvater sein. Maite blickt ihm direkt in die Augen. Sie ist fast so groß wie er. Sie versteht nicht, was er sieht, wenn er sie anschaut, stolz wird er nicht sein. Warum auch. Ist sie auch nicht.

»Pass auf dich auf«, sagt er. Sie nickt. Ein einziges Mal seinem Blick standhalten.

»Mach was draus.« Sie nickt.

»Komm heil wieder.« Sie schaut auf ihre Schuhe.

»Gott sei mit dir.«

Das musste jetzt noch sein. Der Druck seiner Hände an ihren Schultern. Dann lässt er los.

Was übrig bleibt

August 2004

Einsteigen und Türen schließen. Auch die schlafloseste Nacht mündet irgendwann in einen Morgen, das Taxi wartet vor der Haustür und bringt Antonio zum Bahnhof. Und wie du damals gekommen bist, so trittst du also die Rückreise an. Dieser Gedanke stellt sich Antonio in den Weg, unerbittlich wie die bleischweren Schwingtüren, als er den Münchner Hauptbahnhof betritt.

Er wollte diese Reise mit dem Zug machen. Als könnte er die Entscheidung noch offenlassen, als wäre sie nicht längst seiner Kontrolle entglitten. Gerade du müsstest wissen, dass man aus einem fahrenden Zug nicht mehr aussteigt.

Aus dem Tritt gekommen.

Er hätte den Stock mitnehmen sollen. Antonio stützt sich auf die Brüstung des Abgangs zu den U-Bahnen, um sich nicht an seiner Schwiegertochter festhalten zu müssen. Er sagt, um die Pause zu füllen: Das ist alles, was vom alten Bahnhof übrig ist.

Du und dein Bahnhof. Was meinst du genau?, fragt Margot.

Die zwei Bögen. Links. Sind mir nie aufgefallen, sagt sie. Das letzte gemauerte Überbleibsel, die Ziegel klein wie Spielklötze inmitten der großformatigen Wandplatten des neuen Bahnhofs.

Er hat den alten Bahnhof noch gesehen in seiner italienischen Bauweise und dem ganzen faschistischen Gepränge, damals, auch wenn er das Dekor des Führers nicht so recht wahrnahm. Er war ein bisschen in Eile, damals, musste schauen, dass er fortkam.

Jahre später war der Bahnhof nicht mehr und Hitler auch nicht. Nach dem Krieg kam Julia mit dem Kind aus dem Flüchtlingslager in Angoulême, Julia sah München mit Augen, die den unversehrten Süden Frankreichs auf der Netzhaut bewahrten. Sie fuhren in eine Trümmerlandschaft ein, Häuserreste und einzelne Schornsteine, Kalksteinfelsen in der Landschaft, der Bahnhof ein ausgebranntes Gerippe. Die Stahlkonstruktion warf in der Abendsonne ihren Schatten auf die Reste der Kopfwand, wo eine einzelne Statue in ihrer Nische verblieben war. Geröll wie verschütteter Grieß. Nach dem Bürgerkrieg waren sie auf ihrer Flucht durch Barcelona gekommen, dort fehlten einzelne Häuser, man konnte sich die Stadt zusammenreimen. Hier in München stand nichts mehr, die Menschen sortierten, was einmal Stadt gewesen war, auf kleine Loren, allerorten Holzverschläge und Bretterwände, Schilder nach links und nach rechts, die Julia nicht verstehen konnte, sie mussten anmuten wie Wegweiser ins Verderben.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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