Berliner populäre Irrtümer - Volker Wieprecht - ebook

Berliner populäre Irrtümer ebook

Volker Wieprecht

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Obacht! Dies ist kein Lexikon. Eher eine experimentelle Ode, oder sagen wir: Textsammlung mit wissenschaftlichem Fundament und von historischer Unwucht, ein Pamphlet mit halbbiografischem Anstrich, ein faktenhuberischer Angriff auf unser eigenes Unwissen über den Ort, an dem wir gerne leben, ein offener und bisweilen anekdotischer Diskurs, der das Selbstbild des Berliners auf subtile Art und Weise transformiert. Bisweilen neigt dieses Buch auch zu Übertreibungen. Ganz anders als die Autoren.

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Robert Skuppin, Volker Wieprecht

Berliner populäre Irrtümer

Ein Lexikon

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CDROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

ebook im be.bra verlag, 2014

© der Originalausgabe:berlin edition im be.bra verlag GmbHBerlin-Brandenburg, 2006KulturBrauerei Haus 2Schönhauser Allee 37, 10435 [email protected]: Christian Härtel, BerlinIdee: Ulrich Hopp, BerlinISBN 978-3-8393-4111-7 (epub)ISBN 978-3-8148-0139-1 (print)www.bebraverlag.de

Inhalt

VORWORT

AALRÄUCHEREIEN

AGB – AMERIKA-GEDENKBIBLIOTHEK

AIDS

ALBRECHTS TEEROFEN

AMPELMÄNNCHEN

ARMUT

AVUS

BAHNHOF ZOO

BERGE

BERLIN

BERLINER LUFT

BERLINER UNWILLE

BERLINER WEISSE

BERLINER ZIMMER

BEROLINA

BIERMETROPOLE

BIMMEL-BOLLE

BLOCKADE

BOLLE-BRAND

BONNIES RANCH

BRÜCKEN

BVG

CAFÉ ACHTECK

CURRYWURST

DIALEKT

DÖNER 1

DÖNER 2

DOPPELDECKER

ECKENSTEHER NANTE

EDEKA

EINZIGARTIGKEIT

EISERNE JUNGFRAU

EISHOCKEY

ENGLISCHER GARTEN

FEMINISMUS

FERNSEHTURM

FISIMATENTEN

FLAGGENHISSUNG AUF DEM REICHSTAG

FLUGHAFEN TEMPELHOF

FOLTER

FRIESEN, FRIEDRICH

GEISTERBAHNHÖFE

GENDARMENMARKT

GESUNDHEIT

GETEILTE STADT

GOETHE

GOLDENE ZWANZIGER JAHRE

GROSS-BERLIN

HÄFEN

HAUPTMANN VON KÖPENICK

HAUPTSTADT DER DDR

HAUSBESETZER

HERTHA BSC

HITLER 1

HITLER 2

HUMOR

IQ

KANZLER-U-BAHN

KAPITULATION

KARNEVAL

KLIMA

KOLONIEN

KOMISCHE OPER

KREUZBERG

KRIMINALITÄT

LITFASSSÄULE

LOVEPARADE

LUSTGARTEN

MAUERBAU 1

MAUERBAU 2

MILCHMÄDCHENRECHNUNG

MODESTADT 1

MODESTADT 2

MOHRENSTRASSE

MOSKAUER ZEIT

MÜLL

OLD TEXAS TOWN

PFANNKUCHEN

POKAL-ENDSPIEL

POTSDAMER PLATZ

PRENZLAUER BERG

QUADRIGA

RADIO

RADWEGE

REICHSKANZLEI

REMBRANDT

REVOLUTIONÄRER 1. MAI

RINGVEREIN

ROHRPOST

ROSINENBOMBER

ROTES RATHAUS

SCHREBERGÄRTEN

SCHULDENBERG

SCHWABEN

SCHWANGERE AUSTER

SEIDENPRODUKTION

SELBSTMORD-RATE

SIEGESSÄULE

SPERRSTUNDE

SPREE-ATHEN

STADTPLAN

STADTSCHLOSS

STEGLITZER KREISEL

SÜDOSTEXPRESS

TASMANIA 1900 BERLIN

TAXIFAHRER

TODESSTRAFE

TOTENTANZ

WANNSEE

WASSER

WEDDING

WEHRDIENST

WEIHNACHTEN

WEIN

WESSILAND

WESTBERLIN / WEST-BERLIN / BERLIN (WEST)

WILMERSDORFER WITWEN

WOWEREIT, KLAUS

ZOO

ZYLINDERSTIFTE

17. JUNI 1953

1237

RÄTSELHAFTE URHEBERSCHAFT

NACHBEMERKUNG UND DANK

DIE AUTOREN

VORWORT

»Der Berliner ist grob, zanksüchtig, ohne Sentimentalität, eitel; mit Berlin und dessen Weise ist für den Berliner alles erschöpft, er hat keinen Maßstab als diesen. Er weiß nicht nur alles, er weiß auch alles besser!« Dies schrieb der Schriftsteller und theaterbeflissene Kritiker Heinrich Laube 1837. Das ist natürlich vollkommener, grundsolider Blödsinn. Wenn einem der Widerspruch so leicht gemacht wird, bereitet es kaum Spaß, Irrtümer zu widerlegen.

Das war bei diesem Buch anders. Wir wurden prächtig unterhalten mit den schätzungsweise 3 470 Kilogramm Papier, die unsere im Stahlbad der Fitnesshöllen abgehärteten Rechercheure täglich die Treppen zu unseren kargen Schreibstuben hoch wuchteten.

Ohne die überaus hilfreiche Mitarbeit von Sabine Müller, Matthias Zimmermann, Robert Zagolla und unserem sokratischen Lektor Christian Härtel hätte dieses Buch nur bestätigen können, dass es ein Irrtum ist anzunehmen, dass ein Buch auch immer Inhalt hat und es wert sein muss, veröffentlicht zu werden.

Aber Obacht! Dies ist kein Lexikon. Eher eine experimentelle Ode, oder sagen wir: Textsammlung mit wissenschaftlichem Fundament und von historischer Unwucht, ein Pamphlet mit halbbiografischem Anstrich, ein faktenhuberischer Angriff auf unser eigenes Unwissen über den Ort, an dem wir gerne leben, ein offener und bisweilen anekdotischer Diskurs, der im Verlauf von Generationen das Selbstbild des Berliners auf subtile Art und Weise transformiert. Bisweilen neigt dieses Buch auch zu Übertreibungen. Ganz anders als die Autoren.

Wir leben seit 30 (Volker), beziehungsweise 20 Jahren (Robert) in Berlin. Wir lieben Berlin nicht. Nicht etwa deshalb nicht, weil wir zu Gefühlen der Liebe für Entitäten wie »Stadt«, »Heimat« oder »Lebensmittelpunkt« nicht fähig wären. Eher aus Prinzip. Weil wir keine Lokalpatrioten sein wollen und bevor wir im Chor der Jubelberliner mitsingen, lieber Rilke zitieren:

Der erscheint mir als der Größte,

der zu keiner Fahne schwört,

und, weil er vom Teil sich löste,

nun der ganzen Welt gehört.

(aus Larenopfer, 1895)

Damit dürften wir die Latte hoch genug gehängt haben, die zu reißen wir hier angetreten sind.

Der feste Bodensatz der wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse als Sprungbasis erwies sich mit fortgesetzter Dauer der Übung eher als schlammiges Sediment, in dem wir waten. So findet sich zum Beispiel in der Literatur über den Flughafen Tempelhof immer wieder der Vermerk, es handele sich um den größten Gebäudekomplex Europas. Also schrieben wir das auch. Wurden aber schnell von erfahrenen Forschern belehrt, dass der 1977 vom rumänischen Diktator Nicolae Ceausesşcu projektierte Protzpalast dem Flughafen Tempelhof diesen Rang abgelaufen hat. Überhaupt: Baugeschichte. Es gibt Menschen, die multiple Orgasmen erleben, wenn sie städtebauliche Untersuchungen vornehmen oder ihr Augenmerk darauf lenken, dass 1881 der verputzte Backsteinbau des Konzerthauses am Gendarmenmarkt mit Sandsteinplatten bedeckt wurde. Wir sind dankbar, dass es diese Menschen und ihre Werke gibt. Und noch dankbarer, dass wir es nicht sein müssen.

Was können sie also für einen Nutzen aus diesem Buch ziehen? Nun, am Ende werden sie sagen: »Mein lieber Herr Gesangverein! Goethe, Teltower Rübchen, Schweinekot, Teeröfen, Telespargel und Seidenraupen alles in einem Buch. Die Jungs haben aber auch eine dicke Fresse. Das müssen Berliner sein. Na warte, denen geb ich’s. Mal sehen, ob sich da nicht noch ein Irrtum findet …!«

O.k., sie bestätigen damit zwar das Vorurteil Heinrich Laubes. Aber wie sagte Theodor Fontane doch so schön »Vor Gott sind eigentlich alle Berliner«. Da kiekense aba, wa? Jetzt aber ma ran an die Buletten. Uns kann sowieso keener. Und im Ernstfall könn’se uns alle.

Volker Wieprecht und Robert Skuppin

Berlin, im September 2005

AALRÄUCHEREIEN

Aale, die in Berlin gessen und geräuchert werden, stammen nicht aus heimischen Gewässern

Diese Annahme ist sowohl richtig als auch falsch. Denn bevor der Aal in den Mund oder gar ins Bewusstsein des Berliners gelangt, hat er eine nahezu unfassbare Reise hinter sich. Aber der Reihe nach.

Viele kennen den Aal nur noch als Sushi Unagi, gedämpft mit süßlicher Sauce. Eine im Vergleich zum Schwein des Meeres, Lachs, teure Spezialität, denn – so ein Fischhändler – die »Aalpreise sind in den letzten Jahren explodiert«. Mussten um 1990 für so genanntes »Besatzmaterial«, das heißt bis zu drei Jahre alte Aalbrut von den Küsten Frankreichs und Englands, nur 150 Mark bezahlt werden, lagen die Preise im Frühjahr 2005 bei 1 100 bis 1 200 Euro. Es ist noch nicht gelungen, Aal außerhalb seines natürlichen Lebensraums zu züchten. Der Aal ist ein Wunder. Eines, das gefährdet ist.

Über die Gründe für das stark reduzierte Aufkommen der Spezies rätseln die Wissenschaftler der Fischereiämter und -behörden noch. Weltweit. Die gestiegene Nachfrage ist eines der Probleme, das dem Aal den Garaus macht. Wie auch beim Stahl kauft etwa China gerade den Weltmarktbestand gezielt auf und beliefert ganz Asien, allen voran Japan, mit der fettigen, glitschigen Delikatesse.

Klimatische Veränderungen und damit einher gehende veränderte Meeresströmungen, Umweltverschmutzung, Überfischung, Parasiten, Kormorane und Wasserkraftwerke tun ein Übriges. Die Gattung Aal, als ein hoch sensibler Indikator für intakte Biotope, leidet enorm.

Was in Berlin auf den Fischmärkten ankommt, stammt ursprünglich aus 400 Meter Tiefe der Sargassosee im Golf von Mexiko, gelangt über den Golfstrom binnen drei bis vier Jahren an die Küsten Frankreichs und Englands, wird abgefischt und zu großen Teilen in Aufzuchten in den Niederlanden, Dänemark und Italien hochgepäppelt. Die Sterblichkeitsrate dabei ist enorm.

Entkommt der Jungaal seinen Häschern, wandert er auf der Suche nach Nahrung in die Flussarme, wird damit zum so genannten Steigaal. Schafft er es an den künstlichen Steigungen und Wasserturbinen vorbei gar bis in die Havel, warten in Höhe Potsdam die Reusen von Mario Weber auf ihn. Zwei bis dreimal die Woche leert Weber, der letzte Potsdamer Havelfischer, die Körbe, sechs Monate im Jahr. An guten Tagen tuckert er mit 150, 200 Kilogramm Aal nach Hause. An schlechten Tagen fährt er allein. Vom Landungssteg aus wandert der Aal in regionale Räuchereien, in Restaurants, in Muttis Pfanne und Vatis Wanst.

Was in Berlin und Brandenburg an 50 bis 150 Zentimeter langen (die längeren natürlich wieder die Weibchen) Breit- und Spitzkopfaalen herausgefischt wird, schmeckt nach Ansicht mancher Aalfans moddrig. »Blödsinn«, erwidern die andern, und verweisen darauf, dass der »Brotfisch aller Fischer« nur aus freier Natur überhaupt eine Köstlichkeit sei. »Die Zuchtfische sind fett und fade!« findet Weber.

Die ganze Sehnsucht des nachtaktiven Schlammwühlers gilt derweil dem Fressen und seiner Rückkehr zum Meer. Er futtert Würmer, Kleinkrebse, Insektenlarven, Fischlaich und später jagt er auch Fische. Er frisst sich Fett an für seine Reise. Sind die Tiere gar geschlechtsreif, wandern sie durch die Flüsse zurück in den Atlantik und treten ihre letzte Reise an. Mit dem Golfstrom zurück in die Sargassosee. Dort laichen sie. Und sterben.

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz (Hrsg.): Fische in Berlin. Verbreitung, Gefährdung, Rote Liste. Berlin 1993

AGB – AMERIKA-GEDENKBIBLIOTHEK

Die Amerika-Gedenkbibliothek war ein Geschenk der Amerikaner, das vor allem aus Büchern und Steinen bestand

Was soll schon an Irrtümern dabei heraus kommen, denken wir, angesichts des 3,2 Zentimeter hohen Stapels mit Informationen zur AGB, wenn man sich mit der Schenkung einer Bibliothek beschäftigt? Dass es heimlich die Dänen waren, die das Geld aufgebracht haben? Dass unter dem Gebäude amerikanische Atomsprengköpfe gelagert wurden? Dass der CIA am 23. Juni 1954 eine weitere Filiale eröffnete? Und in der Tat scheint das einzig Skurrile in der ersten hölzernen Übersetzung zu liegen, die ein wackerer Beamter in den fünfziger Jahren vornahm: »American Memorial Library« wurde zu »Amerikanische Gedächtnisbibliothek«.

Fast wider Willen wird während der Lektüre so unpatriotischen Geistern wie den Autoren der Schauer der Freiheit über die schon faltige Haut gejagt, eine Empfindung, der wir durch ideologische Desensibilisierung jahrzehntelang entgingen und die wir in jungen Jahren verpönten: Die AGB war die leibhaftige Vergegenwärtigung des American Way of life, des pursuit of happiness:

»Wir legen heute den Grundstein nicht nur zu einem Gebäude, sondern zu einem Symbol unserer gemeinsamen Sache und unseres gemeinsamen Handelns, das – was vielleicht noch wichtiger ist – zeigt, wie sehr die Freiheit, die wir erstreben, im Grunde eine recht einfache, anspruchslose und persönliche Angelegenheit ist. Es ist die Freiheit zu lernen, zu studieren, die Wahrheit zu suchen. Sie ist das wesentliche Merkmal einer freien Gesellschaftsordnung und der Ursprung unserer größten Kraft … In Amerika versinnbildlicht die public library diese Anschauung.«

So äußerte sich Dean Acheson, Außenminister der Vereinigen Staaten von Amerika, bei der Grundsteinlegung am 29. Juni 1952. Er hatte eine Idee formuliert, die schnell verstanden und noch schneller angenommen wurde. Schon am ersten Tag der Ausleihe, am 17. Dezember 1954, hing das Schild »Wegen Überfüllung geschlossen« an der Tür. Die AGB war eine gut sortierte Freihandbibliothek mit schnellen Ausleihwegen ohne Spezialisierung – jedes Fachgebiet verfügbar – mitten in Berlin, dem Osten nahe, ein Magnet auch für die Bewohner des sowjetischen Sektors. Alle anderen wichtigen und großen Bibliotheken lagen im Osten und der damalige Westberliner Oberbürgermeister Ernst Reuter fürchtete – im tönenden Blechdeutsch der Zeit – einen »Notstand der Versorgung mit geistiger Nahrung«.

Die Grandezza der amerikanischen Politik bestand nicht allein darin, den Berlinern in Ost und West eine Bibliothek zu schenken und dies als kleines Dankeschön für die Durchhaltebereitschaft während der ↑Blockade zu deklarieren. Es waren nicht die fünf Millionen Mark, die diese Public Library kostete. Es war in der Tat das Symbol, das nach dem Mauerbau umso mehr Wertschätzung erfuhr. Die Stein gewordene deutsch-amerikanische Freundschaft, ein pathetisches Statement für die Freiheit.

Die Gegenbewegung folgte in den sechziger Jahren: Die Ausleihziffern sanken im Jahr 1968 dramatisch, Ausleihe in der AGB galt unter Studenten als verpönt. Am 9. März legte eine Stadtguerilla einen Brandsatz in der Lesehalle, 1981 folgte ein weiterer.

Einen Popularitätsschub bekam die Bibliothek nach dem Mauerfall. 1989 kamen 500 Prozent mehr Leser. Einige brachten unter Tränen Bücher zurück, die sie kurz vor dem ↑Mauerbau ausgeliehen hatten. 1995 wurde die Amerika-Gedenkbibliothek (ehemals ↑Westberlin) und die Berliner Stadtbibliothek (ehemals Ostberlin) zur Zentral- und Landesbibliothek Berlin zusammengeführt. Und wir dachten bislang, die AGB sei nur eine Bibliothek gewesen.

Eymar Fertig: Chronik. Daten zur Geschichte der Amerika-Gedenkbibliothek/Berliner Zentralbibliothek. Berlin 1993; Fritz Moser: Die Amerika-Gedenkbibliothek als Idee und Erfahrung, Berlin 1956

AIDS

Die HIV-Gefahr in Berlin ist gebannt

Berlin ist die deutsche Stadt, in der die meisten mit HIV (Human Immunodeficiency Virus) infizierten Menschen leben. 20 Prozent des bundesweiten epidemischen Geschehens vollzieht sich hier. Insgesamt sind in Berlin knapp 9 000 Menschen mit dem Retrovirus infiziert, das sein Genom unauslöschlich in das Genom des Wirtes einbaut. Ein todbringender Gast, auch wenn die Überlebensrate nach Ausbruch der Infektion sich seit Mitte der neunziger Jahre durch neue Medikamente durchschnittlich verdreifacht hat.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts lebten Ende 2004 in Deutschland rund 44 000 Menschen mit HIV, darunter etwa 34 000 Männer, rund 9 500 Frauen und 300 Kinder. Jedes Jahr kommt es zu etwa 2 000 Neuinfektionen. Die Hauptrisikogruppe der schwulen Männer ist in Berlin überproportional stark vertreten: Schätzungen gehen davon aus, dass hier bis zu 80 Prozent aller Infektionen durch homosexuellen Verkehr entstanden sind. 55 Prozent sind es im Bundesdurchschnitt. Die weiteren Ansteckungen sind zu ungefähr 10 Prozent auf Drogenmissbrauch, zu jeweils ca. 20 Prozent auf heterosexuelle Übertragung und »Herkunft aus Ländern mit hoher Epidemiologie« (z. B. Südafrika) zurückzuführen.

War bis 2004 die Zahl der HIV-Neuinfektionen unter schwulen Männern rückläufig, verzeichnete die Deutsche Aidshilfe 2005 einen leichten Anstieg: Es gab 50 Fälle mehr im Vergleich zum Vorjahr. »Statistisch ist das noch nicht signifikant«, sagt Karl Lemmen von der Deutschen Aidshilfe, »aber es ist ein Warnsignal!« Als größten Irrtum bezeichnet er den stillschweigend herrschenden Glauben, man könne vom Aussehen eines Menschen auf eine mögliche Infektion schließen. »Eigentlich weiß jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt hat, dass dieses Virus unsichtbar ist. Dennoch vertrauen die Menschen ihren Augen mehr als ihrem Verstand. Und die Augen sagen: Der sieht doch so gesund aus. Der kann nichts haben.«

www.aidshilfe.de

ALBRECHTS TEEROFEN

Albrechts Teerofen ist eine rauchige Kaschemme in Kohlhasenbrück

Ursprünglich waren Kohlhasenbrück und Albrechts Teerofen zwei kleine, nah beieinander gelegene Siedlungen. Fast zu klein, um die Mühe zweier Namen zu rechtfertigen. Auf der Koordinate 52° 23' 43" N; 13° 10' 5" O im heutigen Bezirk Steglitz-Zehlendorf stand (wahrscheinlich) bis zum Jahr 1783 ein Teerofen, dessen Ausstoß heute an die abwechslungsreichen Menüs der RBB-Teestube im nahe gelegenen Potsdam-Babelsberg erinnert.

Kienöl für Druckereien stellten Herr Albrecht (verstorben 1680) und sein Nachfolger Kockert her, Holzkohle für Gießereien, Pech für den Schiffbau und vor allem Teer, aus dem Schmierstoffe für Wagen gewonnen wurde. Kutscher machten entlang der sandigen Straße halt, fetteten ihre Radlager und gossen sich im nahe gelegenen Krug selber tüchtig einen ein. Schon 1589 werden der Ort Kohlhasenbrück und sein bekanntestes Gewerk, nämlicher Teerofen, synonym verwandt. In einer Steuerliste heißt es: »Kohlhasenbrück oder Teerofen gehört zum kurfürstlichen Amt Potsdam.«

Kohlhasenbrück wiederum hat seinen Namen von Hans Kohlhase (hingerichtet 1540), der wegen erlittenen Unrechts im kurfürstlichen Brandenburg zum Rebellen und erst als »Michael Kohlhaas« in Heinrich von Kleists gleichnamiger Novelle richtig berühmt wurde. Er soll bei der nämlichen Brücke Geld versenkt haben.

Im 18. Jahrhundert kredenzte ein eigens vom großen Kurfürsten importierter Holländer dort frisch gebrautes Bier und einen Wein, der auf den Anhöhen von Stolpe und Glienicke wuchs. Als 1792 eine neue Chaussee für den Weg von Berlin nach Potsdam eingeweiht wurde, ging der Krug ein.

Dem Teerkocher Albrecht zu Ehren fabriziert der Pächter der RBB-Kantine mehrmals jährlich Gemüsespieße vom Grill, die vor allem durch halbrohe Zwiebeln mit Grillanzünderaroma daran erinnern, wie vielseitig verwendbar natürliche Rohstoffe sind.

Karl Wolff: Wannsee und Umgebung. Klein-Glienickes Schlösser und Parks. Pfaueninsel. Nikolskoe. Vergangenheit und Gegenwart. Berlin 1985

AMPELMÄNNCHEN

Der Streit um das Ampelmännchen war ein klassischer Konflikt Ost gegen West

Um es klar vorweg zu sagen: Die erste Ampel in Deutschland wurde nach amerikanischem Vorbild 1924 am Potsdamer Platz aufgestellt. Hier. Das waren wir. Sie galt Autos wie Fußgängern gleichermaßen, wurde von letzteren aber lebhaft ignoriert. Die erste englische Gasampel war schon 1908 explodiert. Unser Modell hingegen stand und stand und stand. Kein Wunder, dass Mitte der neunziger Jahre ein ebenso energischer wie emotionaler Krieg um dieses Leuchtfeuer der Moderne in unserer kleinen Republik ausbrach.

Am 15. Mai 1957 vermeldete der Berliner »Telegraf« Vollzug. Berlins erste reine Fußgängerampel sei in Betrieb genommen worden. In 18 Sekunden musste man die Straße »Unter den Eichen« vor dem botanischen Garten überqueren. Während der nächsten 30 Sekunden ergossen sich die Autoströme an dem schlanken Mann in Rot vorbei. Ein grünes Ampelmännchen gab es noch nicht, der Verkehrssignalgeber aus dem Hause Siemens ließ einen mit dem Wort »Gehe« wissen, wann des Fußgängers Sekündlein geschlagen hatte. Das rote Männchen glich einem sehr schlanken GI in typischer Uniformjacke der vierziger Jahre, mit deutschem Hütlein auf dem zu klein geratenen Kopf.

Sein Ostberliner Brüderchen erblickte erst am 13. Oktober 1961 das Graulicht der Welt. Es hatte nur einen Vater, den Designer Karl Peglau, und war eine echte Kopfgeburt:

»Das Männchen sollte durch konkret anschauliche und gemütlich lustige Figürlichkeit alle Fußgänger ansprechen und die anschauliche Gebundenheit psychischer Erlebens- und Verarbeitungsweise von Kindern, Alten und geistig Behinderten berücksichtigen; durch dicke, ausgebreitete Arme beim frontal stehenden roten Männchen die Funktion des Sperrbalkens, also die Halt-Forderung unterstützen, durch weit ausschreitende Beine in seitlicher Stellung des grünen Männchens die Funktion des dynamisierenden Pfeils, also die Geherlaubnis, unterstützen.«

Die größte Sorge des Schöpfers galt dem kecken Hütchen. Peglau fürchtete, die Parteibonzen könnten darin die Insignie eines verhassten Bourgeois erspähen. Der Hut ging durch, allein sein lebenshungrig geöffneter Schmunzelmund verschwand im Laufe der Jahre. Die Quellen sprechen von Vereinfachung der Darstellung aufgrund »ausleuchtungstechnischer« Gegebenheiten, nicht von Maulsperre.

Da war es also, das Ostampelmännchen, irgendwie lebhafter als sein Westbrüderchen. Es wurde nach der Wende zum Objekt west-östlicher Schrebergartenkriege. Nur kämpften die Ritter des Lichts zeitweise mit geschlossenem Visier, so dass das Objekt der Auseinandersetzung zwar ein klassischer Streitfall zu sein schien, die Protagonisten aber mit verkehrten Rollen agierten.

Der medial wirksamste Kämpfer »gegen« das Ostampelmännchen war der damals einzige Ossi bei der auflagenstärksten Wochenzeitung »Die Zeit«. In der Ausgabe vom 23. August 1996 veröffentlichte Christoph Dieckmann unter dem Titel »Danke, Herr Ampelmann!« eine Satire, die bei den westlichen Lesern nicht als solche verstanden wurde. Die Männchen der Fußgängerampeln im Osten »… zeigten ungesunde Korpulenz (Gemüsemangel) und trugen Herrenhüte, welche Honeckers Staatsvolk in den HO- und Konsument-Geschäften wohl vergeblich suchte. Das grüne Männchen rast in sklavischer Hast: Dawai! Dawai! Das Rote breitete autoritär die Arme: Halt! Stehen bleiben. Die Piktrogramme des Westens hingegen atmen zivile Selbstverständlichkeit.«

Der Proteststurm suchte seines gleichen und blies fast ausschließlich aus westlicher Richtung: »Hetze in Reinkultur«, Sudelei, »beleidigend, platt und arrogant«, antidemokratisch; andere Totschlagargumente westlicher Gutmenschen folgten. Keiner lachte. Einigen Lesern antwortete Dieckmann, dass er heimlich Ossi sei und die erste Bürgerinitiative, die die Ostler nach 1989 unter dem Namen »Komitee Rettet die Ampelmännchen« begründet hatten, zwar von Herzen unterstütze, im Männchen selber aber keineswegs das Potential sehe, Gralshüter der Ost-Identität zu sein. Identität habe man, oder aber nicht.

Die westlichen Ampelmännchen orderte derweil zuhauf der, na? Richtig: Ossi. Der VEB Signaltechnik wurde schon 1990 privatisiert und verlor seine Kunden. »Die Ostdeutschen Kommunen kauften aus den Hochglanzprospekten des Westens. Natürlich auch die mageren Westampelmännchen.« Identität hat man, oder aber nicht.

»Identität haben die armen Ossis wohl nicht! Haben doch so sehr unter uns gelitten. Müssen wir was Gutes tun! Machen wir da, wo es uns nicht weh tut!« So, argwöhnen wir, mögen die unterschwelligen Beweggründe bei dem westlichen Softwarehaus FontShop im Frühjahr 1995 gewesen sein. Dem Ossi muss geholfen werden. »Häuserabriss, Straßenumbenennung, Schildersturm – die Menschen in der Hauptstadt und anderswo haben die Vereinnahmungspolitik langsam satt«, wurde der damalige Marketingleiter des Unternehmens zitiert. Und ebenso verniedlichend fügte der Westgrafiker Erik Spiekermann hinzu: »Der stupsnasige Wichtel erzeugt bei Kindern, aber auch Erwachsenen eine größere Akzeptanz als der steife DIN-Strichmann!«

So wie Schönheit liegt offenbar auch Kindlichkeit im Auge des Betrachters.

Der Tübinger Industriedesigner Markus Heckhausen zog nach Berlin und betrieb einen schwunghaften Handel mit Ost-Ampeln, die er als Wohnzimmerleuchte (Wand/Tisch/Boden) entworfen hatte. FontShop digitalisierte den roten und den grünen Knollnaserich im Rahmen eines »Solidaritäts-Fonts« und schuf einen passenden Schriftzug. Internet und Medien waren dankbare Helfer. Keiner kam mehr an dem Ampelmann vorbei. Die Republik hatte ihr Thema. Unterschwelliger Tenor: Der Westen war schuld, der Westen half schuldbewusst, und so durfte das Ostampelmännchen bleiben. Der grüne Abbiegepfeil mancherorts gleich mit. So kam es, dass der Westen als stärkster Streiter für das Ampelmännchen gegen sich selbst zu Felde zog und den Osten dabei wie immer vereinnahmte. Genau so, wie der Ossi es immer gewollt hatte, in dem er das Gegenteil behauptete, um sich dann gegen die bestehenden Verhältnisse aufzulehnen.

Christoph Dieckmann: Das wahre Leben im falschen. Geschichten von ostdeutscher Identität. Berlin 1998; www.ampelmann.de

ANTIFASCHISTISCHER SCHUTZWALL → GEISTERBAHNHÖFE

ARBEITER- UND BAUERNSTAAT → DIALEKT

ARMBANDUHREN → FLAGGENHISSUNG AUF DEM REICHSTAG

ARMUT

Die ärmsten Berliner wohnen im Osten

Aus westlicher Sicht liegt der Bezirk mit den ärmsten Berlinern zwar im Osten, aber eigentlich ist es ein alter Westberliner Bezirk, der Probleme macht: In Berlin-Neukölln leben die meisten überschuldeten Menschen Berlins. Im Schnitt sind dort 7,5 Prozent aller Haushalte pleite, im Norden Neuköllns ist sogar fast jeder achte Haushalt (12,59 Prozent) zahlungsunfähig. Im Süden von Steglitz-Zehlendorf sind dagegen gerade einmal 1,69 Prozent der Haushalte überschuldet. Auch hinsichtlich der Sozialhilfeempfänger war Neukölln zum Jahresende 2004 führend: Insgesamt waren dort 43 663 Personen betroffen, das sind 143 je 1 000 Einwohner, so die Informationen vom Statistischen Landesamt. In Steglitz-Zehlendorf kommen dagegen nur 40 Empfänger auf 1 000 Bürger. Erschreckend vor allem, dass rund 35 Prozent der Empfänger minderjährig sind.

Bereits in den achtziger Jahren war Berlin-Neukölln ein armes Pflaster, als sparsamer Student lebte ich dort. Zuwenig Geld gab es bereits damals, und für manchen Überschuldeten kam noch das Spießrutenlaufen im Postamt an der Neuköllner Hobrechtstraße hinzu. Jeden Samstag Vormittag standen die sozial Schwachen am Geldschalter. Wer kein Geld hatte, wurde wie heute auch von den Banken abgelehnt. Nur die zu dieser Zeit noch staatliche Post musste für jeden ein Konto führen. Nach über 20 Minuten Wartezeit in einer langen Schlange wurde der Postbarscheck vom Schalterbeamten telefonisch überprüft. Häufig wurde dann nicht das Geld ausgezahlt, sondern der Scheck gestempelt und wegen Illiquidität zurückgegeben. Das bekamen natürlich alle Wartenden mit. Der so vor aller Öffentlichkeit gedemütigte Pleitier musste dann an der ganzen Schlange wieder vorbei, um das Postamt zu verlassen. Dabei wurde er mit Verachtung, Mitleid, Schadenfreude oder auch Entsetzen von den anderen Leidensgenossen angesehen.

Mir ist es etwa fünfmal passiert. Mein Postbank-Konto habe ich zwar behalten, aber ich rede schlecht über die Postbank – und wenn es geht, schreibe ich auch schlecht über sie.

Marc Neller: Noch tiefer in die roten Zahlen. In: Der Tagesspiegel, 23. Juli 2005

AVALON → STEGLITZER KREISEL

AVUS

Berlin hat keine Rennstrecke

Die Deutschen hatten bei Autobau und Autofahren nicht immer die Nase vorn. 1907 gab es das internationale Kaiserpreis-Rennen im Taunus und deutsche Automobile belegten die letzten Plätze. Schnell wurde der Ruf nach einer Übungs- und Teststrecke im Kaiserreich laut. Neben dem Taunus galt die Berliner Gegend als geeignet für einen Rennkurs.

Die Entscheidung fiel zugunsten Berlins. Hier waren die zentralen Automobilclubs, zahlreiche Autofabriken, die alljährliche Automobilausstellung und die meisten Autos. Von den 30 000 Kraftfahrzeugen im Deutschen Reich kurvten alleine 7 000 durch Berlin. 1909 gründete sich die »Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße GmbH«(AVUS). Nach schwierigen Verhandlungen begann 1913 der Bau der Strecke von Charlottenburg nach Nikolassee. Die geplante Eröffnung im Herbst 1914 wurde durch den Beginn des Ersten Weltkrieges verhindert. Erst danach konnte das Projekt mit neuen Geldgebern wie Hugo Stinnes fertig gestellt werden.

Am 23. September 1921 wurde die Deutsche Automobilausstellung in Berlin eröffnet und zum ersten Mal auf der AVUS ein Rennen gefahren. An zwei Renntagen kamen jeweils über 300 000 Besucher zur Strecke. Eine Runde auf der AVUS war 19,6 km lang. Neben den beiden langen Geraden gab es eine Nord- und eine Südschleife. Der erste Sieger war Fritz von Opel mit einem gleichnamigen Auto. Er gewann in der Klasse der Wagen mit bis zu 800 Kilogramm und 8 PS. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag damals bei fast 130 km/h.

Nach der erfolgreichen Eröffnung wurde die Strecke ab Oktober 1921 für den privaten Verkehr freigegeben, allerdings war die Benutzung kostenpflichtig. Nur wenige Menschen konnten sich »Fahrten auf der AVUS« leisten. Und noch schlimmer: Während der »Inflation« demontierte und verkaufte bzw. verheizte der notleidende Teil der Bevölkerung die mobilen Teile der Strecke.

Am 11. Juli 1926 fand dann zum ersten Mal der »Große Preis von Deutschland« auf der AVUS statt. Vor über 230 000 Zuschauern kämpften Rennfahrer aus Frankreich, Italien, der Tschechoslowakei, der Schweiz und Deutschland um den Titel. Gewonnen hat Rudolf Caracciola, von den Berlinern »Caratsch« genannt. Trotz Regen stellte er mit seinem Mercedes einen neuen Rundenrekord (154,08 km/h) auf.

Aber diese Rennveranstaltung stand unter keinem guten Stern. Bei Unfällen starben insgesamt vier Menschen. Es wurde erstmals deutlich, dass bei Planung und Bau der AVUS nur ungenügende Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden waren. Der »Große Preis« wurde in der Folgezeit nur noch auf dem Nürburgring (1927 eröffnet) ausgetragen.

Die AVUS hatte auch große Probleme mit dem Straßenbelag, teilweise bildeten sich Bodenwellen mit bis zu 10 Zentimeter Höhe. In den Folgejahren experimentierte man mit neuen Belägen und gewann wichtige Erkenntnisse für den Straßenbau. 1928 stellte Fritz von Opel mit einem raketengetriebenen Auto (Opel RAK 2) und mit 230 km/h Spitzengeschwindigkeit einen neuen Rekord auf.

Um die Rundengeschwindigkeiten weiter zu erhöhen, wurde die Nordkurve 1937 durch eine Steilkurve ersetzt. Das führte zu einem neuen Rekord: Ein Mercedes Silberpfeil erreichte 260 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit.

1939 wurde die AVUS an das Deutsche Reich verkauft und 1940 als Teilstück der Reichsautobahn mit dem Berliner Ring verbunden. Jetzt war die Rennstrecke in den normalen Autoverkehr von und nach Berlin einbezogen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Teile der Strecke schwer beschädigt.

Am 1. Juli 1951 konnte das erste Nachkriegsrennen gestartet werden. In der Formel-2-Klasse gewann Paul Greifzu, ein Fahrer aus der DDR, mit einem umgebauten Vorkriegs-BMW aus Eisenach. Am 2. August 1959 wurde wieder ein »Großer Preis von Deutschland« auf der AVUS ausgetragen – und wieder gab es einen Toten. Einen Tag vor dem Formel-1-Rennen verunglückte der französische Fahrer Jean Behra. Er schoss mit seinem Auto über die nördliche Steilkurve hinaus. Das Formel-1-Rennen wurde dennoch veranstaltet. Tony Brooks siegte auf Ferrari vor Stirling Moss, Graham Hill und Jack Brabham.

Der Todessturz von Behra führte zu vielen Veränderungen. Die Formel 1 ließ keine Strecken mehr mit Steilkurven zu und die AVUS wurde von 1967 bis 1971 umgebaut, die Steilkurve wurde abgerissen und das Autobahndreieck Funkturm errichtet.

Nach dem Fall der Berliner Mauer stieg der Verkehr auf der AVUS sprunghaft an. Sperrungen für Rennen wurden zunehmend problematischer. Trotzdem gab es sie weiter, obwohl es immer wieder zu schweren Unfällen kam. 1995 verunglückte der Brite Keith Odor bei einem AVUS-Rennen. 1998 fand dann das letzte offizielle Rennen statt.

Heutzutage gilt ein Tempolimit von 100 km/h auf der AVUS – allerdings halten sich nicht viele Fahrer daran. Auch ich möchte mich an dieser Stelle outen: 1996 habe ich das Tempolimit auf der AVUS böse überschritten. Nur so war es mir möglich, die Strecke Berlin-Neukölln, Pannierstraße, nach Potsdam-Babelsberg, August-Bebel-Straße, morgens um 5.20 Uhr in 22 Minuten zu schaffen. Ich bin nicht stolz auf diese Tat, aber der Vollständigkeit halber sollte auch diese Rekordfahrt hier erwähnt werden.

Hans Aschenbrenner: »Mit einer Träne im Knopfloch«. Auf der AVUS rasten 1998 die letzten Rennwagen durchs Ziel. Berlinische Monatsschrift Heft 7/2001

BAHNHOF ZOO

Die Westberliner verabscheuten den Bahnhof Zoo

In Westberliner (↑Westberlin) Zeiten ist der Bahnhof Zoo ein Stachel im Fleisch der westlichen Stadthälfte. Eine schwärende Wunde, die eitert und suppt, notdürftig versorgt vom ideologisch gestählten, medizinisch unzureichend ausgebildeten Personal der Deutschen Reichsbahn.

Obdachlose hausen hier, es riecht nach Pisse, die Scheiben der Haupthalle sind blind, Taubenkot befleckt die Bürgersteige in der Jebensstraße, jedes Jüngelchen, argwöhne ich, hat erhöhte Leberwerte. Entweder von den Drogen oder, was wahrscheinlicher ist, von Geschlechtskrankheiten. Ich weiß Bescheid. »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« ist Pflichtlektüre in der neunten Klasse. Spontan beschließe ich nach der Lektüre, nicht heroinsüchtig zu werden. Sex finde ich trotzdem gut.

Es ist das Jahr 1982. Der Bahnhof Zoo wird 100 Jahre alt. Keiner feiert. Eingeweiht wurde der Bahnhof als Teil des »bedeutungsvollsten und größten Ingenieurbauwerks Europas«: »Die viergleisige Stadtbahn hat eine eminent strategische Bedeutung; sie erleichtert namentlich die beschleunigte Überführung großer Truppenmassen … und ist ferner ein Hauptverkehrsmittel in der Stadt und nach den Vororten«, hieß es 1882 in der »Illustrirten Zeitung«. Kaisers Zeiten: Zivile Zwecke unter ferner liefen.

Soldaten der Bundeswehr gibt es nicht im Berlin der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Jedenfalls nicht in Uniform. Wehrdienstflüchtlinge dafür umso mehr (↑Wehrdienst). Sie sehen alle so aus wie ich und schlimmer: braune Latzhose, graue knöchelhohe Boots, ein weinrotes T-Shirt mit Stickern von The Specials und The Police. Man will sich bei den Punks ja nicht unbeliebt machen.

Ich rauche Camel, die ich an dem winzigen Kiosk am Ende des Bahnsteigs der U-Bahn-Linie 1 gekauft habe: ein quadratisches Loch in der gelb gefliesten Wand, von der Endhaltestelle meiner Buslinie, dem 62er, nur 50 Meter nach rechts und fünf Meter nach unten entfernt. Vom Zoo weht irgendein Lüftchen herbei, das selbst ein Tier nur hinterrücks herausrücken würde. Um die Ecke sind die beiden größten Kinos in meinem Berlin. Ich bin oft hier. Einmal schleiche ich sogar durch die Hintertür ins »Taki«, den Softpornoschuppen am Bahnhof, und begeifere die diensthabenden Nackedeis auf der Leinwand, um mich anschließend abschätzig über die Pornoindustrie äußern zu können. Schlimme Frauenunterdrücker das!

An diesem Tag im Juli aber stehe ich am Gleis 1 des Fernbahnhofs. Im Nachhinein erscheinen die Erinnerungen daran in kaltem Schwarzweiß. Nichts, aber auch gar nichts Originelles ist dabei. Jeder weiß, dass man nach einer Fahrt mit der Reichsbahn den Duft der DDR in Haaren und Kleidung trägt.

Ich bin 15 und fahre zu meiner Großmutter. Ich warte auf Steffi, meine erste Freundin. Jedenfalls wird sie es bald. Es ist die letzte Woche der Großen Ferien. Sie war mit ihrer Familie in Griechenland, ich im Zeltlager. Ich habe ihr geschrieben, braunes, liniertes Briefpapier. Drei Seiten. Mein persönlicher Rekord. Anrufbeantworter und Handys gibt es noch nicht. Ich weiß nicht, ob Steffi meinen Brief rechtzeitig bekommen hat und mich am Zug verabschiedet. Wir haben uns zwei Tage vor ihrer Abreise kennen gelernt. Später werde ich sagen, dass dieses Gefühl Verliebtsein war. Der Nachtzug nach Dortmund wartet auf Abfahrt. Damals finde ich es noch aufregend, eine schlaflose Nacht in einem Abteil zu kauern, in dem die Lieblosigkeit täglich wiedergeboren wird.

Ob ich Steffi anrufe? Schaffe ich das? Die acht Telefonzellen gegenüber vom Bahnhof sind ständig belegt, vor allem am Sonnabend, wenn die »Berliner Morgenpost« ab 20.00 Uhr am Zoo verkauft wird und alle Welt Jagd auf die wenigen anständigen Wohnungen macht. Die Schlauen sind zu zweit: einer in der Schlange für die Zeitung, einer schon in der Telefonzelle.

Die Telefonzellen der einzigen Post, die auch am Wochenende Pakete annimmt und Briefmarken verkauft, sind ebenfalls entweder belegt oder defekt. Also lieber nichts riskieren. Ich warte und streiche an den Waggons vorbei.

Vor 100 Jahren galt die Nutzung des Bahnhofs Zoo als »gefährlich für Frauen, Kinder und schwächliche Personen«, die die Coupés (Abteile) im wahrsten Sinne des Wortes erstürmen mussten, da die Züge nur für rund eine Minute hielten. 1889 berichtete ein Zeitzeuge gar, es seien nur 30 Sekunden, die die 60 000 Reisenden täglich jeweils zum Ein- und Aussteigen haben.

Aus den Kiemen der Diesellok dringt ein Gemisch aus Technischer Notdurft und Abenteuergeist. Eine grimmige Zugabfertigerin der Reichsbahn mit schmalen Lippen schwenkt ihre Pfeife und scheint nichts und niemanden eines Blickes zu würdigen. Wo ist Steffi? Mittlerweile hat sich meine drei Wochen angestaute Sehnsucht in ein schmerzliches Brennen verwandelt. Mein Mund ist vor Qualm und banger Vorfreude ganz trocken. Ein Mann kauft eine Wurst, bricht einen Zipfel ab, tunkt ihn in den Senfhaufen und schiebt einen Teil der dreieckigen Weißbrotscheibe nach. Unter dem Waggon gibt eine Klappe Unansehnliches frei. Dürfen darf man doch erst nach Ausfahrt des Zuges.

Dann endlich kommt Steffi. Zwei Minuten vor der Abfahrt, sie rennt die Treppe hoch, nimmt immer zwei Stufen auf einmal. Ihr himmelblauer Batikrock mit den kleinen Schellen im Saum fliegt, als sie auf mich zu rennt, unter ihrem weißen T-Shirt nur wippende Brüste, kein BH. Die braunen unrasierten Beine in schwarzen, asiatischen Samtschläppchen feinen Riemen über dem Spann.

Ich renne, sie rennt, wir treffen uns auf halbem Wege, dann rennen wir beide wieder in meine Richtung, Hand in Hand. Der Pfiff. »Bis Wannsee kann ich doch mitfahren. Die Schaffner kommen doch nie vor den Vopos!« Wir klettern in den Wagen. Ich sehe Steffis Unterhose unter dem Rock. Dann küsst sie mich. Ich denke nur daran, wer die Strafe bezahlt, wenn jetzt der Schaffner kommt. Vor den schmierigen Zugscheiben zieht das Theater des Westens vorbei. Und Steffi küsst mich.

»Time is a Train, makes the Future The Past«, singen U2 in ihrem Lied über den Bahnhof Zoo. Blödsinn. Bis zum Bahnhof Wannsee stirbt für mich die Zeit. Wie kann man nur mit 15 zu seiner Oma fahren, wenn man noch nicht einmal den Busen seiner Geliebten berührt hat? Darüber singt nie einer was.