Bedürfnisbegegnung in der stationären Altenpflege - Inga Meyer-Kühling - ebook

Bedürfnisbegegnung in der stationären Altenpflege ebook

Inga Meyer-Kühling

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Opis

In der stationären Altenpflege stehen professionell Pflegende vor der Herausforderung, ihren Handlungen durch verbale und nonverbale Kommunikation einen Rahmen zu geben. Sie müssen die Bewohner anleiten, informieren, motivieren und sollten ihnen zugleich auf einer psychosozialen, wertschätzenden Ebene zugewandt sein Denn das "Ich sein Dürfen" pflegebedürftiger älterer Menschen erfordert eine persönliche Zuwendung, die weit über eine bloße Befriedigung ihrer physischen Bedürfnisse hinausgeht. Bereits die allererste, bewusste Reaktion des professionell Pflegenden auf implizite wie explizite Bedürfnisäußerungen der Bewohner ist vor diesem Hintergrund als essentiell für die Bestätigung ihrer Person zu bewerten. In einer qualitativen Studie untersucht Inga Meyer-Kühling den Umgang mit Bedürfnisäußerungen aus der Perspektive von Bewohnern und professionell Pflegenden. Welche Möglichkeiten sehen sie im Pflegealltag für eine allererste Reaktion auf Bedürfnisäußerungen, speziell in der morgendlichen Pflegesituation? Und welche individuellen und strukturellen Rahmenbedingungen haben auf den Umgang mit Bedürfnisäußerungen einen besonders großen Einfluss? Die hier gewonnenen Erkenntnisse bündelt die Autorin zu praxisnahen Handlungsempfehlungen und bietet somit wertvolle Anregungen für professionell Pflegende und auch für alle anderen, die an der Betreuung und Versorgung pflegebedürftiger Menschen beteiligt sind.

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Inga Meyer-Kühling

Bedürfnisbegegnung in der stationären Altenpflege

Inga Meyer-Kühling

Bedürfnisbegegnung in der stationären Altenpflege

Eine qualitative Studie zum „Ich sein Dürfen“ von Pflegeheimbewohnern

Tectum Verlag

Die vorliegende Veröffentlichung wurde 2015 als Dissertation unter dem Titel „Ich-Sein-Dürfen“ – Bedürfnisbegegnung in der stationären Altenpflege im Fach Gerontologie an der Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg angenommen.

Inga Meyer-Kühling

Bedürfnisbegegnung in der stationären Altenpflege. Eine qualitative Studie zum „Ich sein Dürfen“ von Pflegeheimbewohnern

© Tectum Verlag Marburg, 2016

Zugl. Diss. Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 2015

ISBN: 978-3-8288-6526-6

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter

der ISBN 978-3-8288-3786-7 im Tectum Verlag erschienen.)

Umschlaggestaltung, Satz und Layout: Sabine Borhau | Tectum Verlag

Umschlagabbildung: © mit freundlicher Genehmigung

von Angelika Schilling

www.angelikaschilling.de

Alle Rechte vorbehalten

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www.tectum-verlag.de

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind

im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Meinen Großeltern gewidmet

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: „Ich sein Dürfen“ als Grundlage dieser Arbeit

1.Theoretischer Teil: Kommunikation und Beziehung in der Pflege

1.1Perspektivenwechsel: Einzug in eine stationäre Pflegeeinrichtung

1.2Die Notwendigkeit des „Ich sein Dürfens“ pflegebedürftiger Menschen

1.3Bedingungen pflegerischen Handelns

1.4Kommunikation in der Pflege

1.4.1Formale Störungen in der Kommunikation

1.4.2Störungen des Beziehungsaspekts und Gefahr der Depersonalisierung

1.4.3Kommunikationsmuster in der Pflege

1.5Durch wertschätzende Kommunikation einen Zugang zum Bewohner finden

2.Theoretischer Teil: Bedürfnisse älterer pflegebedürftiger Menschen

2.1Was ist ein Bedürfnis?

2.2Organisation menschlicher Bedürfnisse bei Abraham Maslow

2.3Die Abgrenzung des Bedürfnisses vom Pflegebedarf

2.4Die Differenzierung physiologischer und nicht- physiologischer Bedürfnisse

2.5Psychosoziale Bedürfnisse pflegebedürftiger Menschen

2.6Zur Integration psychosozialer Bedürfnisäußerungen in das alltägliche Pflegehandeln

2.6.1Die Frage nach dem Stellenwert psychosozialer Bedürfnisäußerungen in der Pflege

2.6.2Beweisbare Pflegehandlungen und „Glücksmomente“

2.6.3Berücksichtigung psychosozialer Bedürfnisse in der Pflegeplanung

2.6.4Mögliche Folgen des Nicht-Eingehens auf psychosoziale Bedürfnisäußerungen

2.6.5Der verdeckte Appell: Die Schwierigkeit, implizite Äußerungen psychosozialer Bedürfnisse zu erkennen

2.6.6Die Deutungsleistung professionell Pflegender als Voraussetzung für die Reaktion auf (implizite) Bedürfnisäußerungen

2.7„Bedürfnisorientierung“ als mögliche Grundlage für pflegerisches Handeln

3.Theoretischer Teil: Prämissen für eine bewusste Begegnung pschosozialer Bedürfnisse in der Pflege

3.1Darstellung der vier Prämissen

3.2Zusammenfassung der Prämissen und Hinleitung zum methodischen Teil

4.Methodischer Teil

4.1Forschungsziele und -fragen

4.2Methodische Vorüberlegungen: Forschungsfeld und Beschreibung der Erhebungsmethoden

4.3Der qualitative Forschungsansatz

4.4Teilnehmende Beobachtung

4.5Qualitative Interviews mit Bewohnern und professionell Pflegenden

4.5.1Mögliche methodische Schwierigkeiten bei der Befragung der Zielgruppen

4.5.2Konstruktion des Interviewleitfadens

4.6Gütekriterien

4.7Methodisches Vorgehen: Darstellung der Erhebung

4.7.1Beschreibung der Stichprobe

4.7.2Ethische Implikationen bei der Rekrutierung demenziell erkrankter Bewohner

4.8Darstellung der Datenauswertung (Auswertungsmethoden)

4.8.1Auswertung der teilnehmenden Beobachtungen

4.8.2Auswertung der Interviews mittels der qualitativen Inhaltsanalyse

4.8.2.1Was ist „Qualitative Inhaltsanalyse“?

4.8.2.2Qualitative Inhaltsanalyse: Darstellung der Untersuchungsschritte

4.8.2.3Bestimmung des Ausgangsmaterials

4.8.2.4Aufbereitung des Datenmaterials: Inhaltliche Zusammenfassung der Interviewantworten

4.8.2.5Bestimmung der Analyseeinheiten, Analyserichtung und Ziele der Analyse

4.8.2.6Kategorienbildung und kritische Reflexion

5.Darstellung der Ergebnisse

5.1Ergebnisse der teilnehmenden Beobachtungen

5.1.1Darstellung der beobachteten Pflegesituationen

5.1.2Zusammenfassung der Pflegesituationen: Eine kritische Gegenüberstellung

5.2Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse der Interviews

5.2.1Darstellung des Kategoriensystems

5.2.2Beschreibung aller Haupt- und Unterkategorien

5.3Anwendung der inhaltsanalytischen Gütekriterien

5.4Beantwortung der Forschungsfragen

6.Diskussion: Diskussion der Ergebnisse unter Einbezug der im Theorieteil beschriebenen Prämissen

6.1Zusammenführung von Theorie und Praxis: Bedürfnisbegegnung in der Pflege

6.2Zusammenfassung und Ableitung von Handlungsempfehlungen

6.3Einschränkungen dieser Arbeit und mögliche weitere Untersuchungen

7.Schlussbetrachtung: Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Danksagung

Von einer bloßen theoretischen Fragestellung hat sich diese Arbeit im Laufe der Zeit zu einer Herzensangelegenheit entwickelt, mit dem Ziel, etwas Positives zum Beruf der Altenpflege beizutragen. An dieser Stelle möchte ich mich bei vielen Menschen bedanken, die ganz maßgeblich daran beteiligt waren, dass ich meine Arbeit zum Abschluss bringen konnte.

Zunächst möchte ich von ganzem Herzen meinem Doktorvater Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse für seine großartige Unterstützung meines Vorhabens danken. Nach unseren angeregten fachlichen Diskussionen bin ich stets motiviert an meinen Schreibtisch zurückgekehrt. Haben Sie vielen Dank für Ihr Vertrauen, das Sie in mich und meine Arbeit setzen.

Bei Herrn Prof. Dr. Hartmut Remmers bedanke ich mich ganz herzlich für die Übernahme des Zweitgutachtens.

Ein ganz großer Dank gilt allen Bewohnern und Pflegenden, die sich bereit erklärt haben, bei meiner Untersuchung mitzuwirken. Es ist mir wirklich eine Ehre, dass Sie mir so viel Vertrauen geschenkt und offen über Ihre Bedürfnisse beziehungsweise die Unwägbarkeiten im Pflegeberuf gesprochen haben. Auf diesem Wege durfte ich großartige Persönlichkeiten kennenlernen, die mich nachhaltig beeindruckt haben. Dafür mein herzlichster Dank.

Bei Herrn Prof. Dr. Johannes Schröder möchte ich mich vielmals für die organisatorische Unterstützung meines Untersuchungsvorhabens bedanken.

Ein Dankeschön gilt meinen lieben Kollegen aus der Sektion Gerontopsychiatrie und dem Institut für Gerontologie für die fachlichen Diskussionen und die netten Mittagspausen. Allen voran danke ich Petra Wetzel, Claudia Frankenberg und Juliane Gall.

Meinen Eltern Margret und Otto Meyer-Kühling mein aufrichtiger Dank für Euer großes Interesse an den Inhalten meiner Arbeit und für Eure vielen Anregungen. Meinem Bruder Borris ein Dankeschön für die praktischen Ratschläge.

Ein besonderer Dank gilt meinem Mann Stefan. Nicht nur für den einen oder anderen Kaffee, den Du mir an den Schreibtisch gebracht hast, sondern für Deine liebevolle Unterstützung in allen Lebenslagen.

Inga Meyer-Kühling            Heidelberg, 09.02.2015

Einleitung:„Ich sein Dürfen“ als Grundlage dieser Arbeit

Ich darf ich sein.

Mit all meinen Stärken und

all meinen Schwächen.

Ich muss nicht erst werden,

sondern darf sein wie ich bin.

Das lässt mich erst werden […]

Ich-Sein-Dürfen,

so wie ich geschaffen, wie

ich geworden bin.1

Dies ist ein Auszug aus den „Gedanken zum Ich-Sein-Dürfen“, die auf den englischen Kardinal John Henry Newman (1801-1890) zurückgehen und in der Zeitschrift „Augenblicke“ des Franziskuswerks dargelegt werden. Es ist ein Leichtes, diese Worte auf die Perspektive hilfs- und pflegebedürftiger Menschen zu übertragen: Man selbst sein zu dürfen, angenommen zu werden mit allen Stärken und Schwächen, sollte gerade dann nicht an Gültigkeit verlieren, wenn man abhängig von der pflegerischen Versorgung durch Andere ist. Eine noch höhere Bedeutung gewinnen die Zeilen, wenn man an die Pflege demenziell erkrankter Menschen denkt: Sie verweisen auf die zentrale Stellung einer pflegerischen Versorgung, die nicht nur körperliche oder kognitive Defizite sieht, sondern klar den Betroffenen als Menschen berücksichtigt – und dies auch dann, wenn im Zuge einer Demenz die Persönlichkeit desjenigen für Außenstehende kaum noch wieder zu erkennen ist. Ganz unabhängig vom kognitiven Status einer pflegebedürftigen Person ist das Ich als „Subjekt aller Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gedanken, Gefühle [und] Handlungen“ (Bayer 2014, S. 755) zu verstehen.2 „Ich sein“ zu dürfen meint zweierlei: auf der einen Seite beschreibt es die subjektiv empfundene Möglichkeit und die Willensfreiheit der Person, ihr „Ich sein“ zum Ausdruck zu bringen; auf der anderen Seite weist es darauf hin, dass das „Ich sein“ eines pflegebedürftigen Menschen nicht losgelöst von seinem Gegenüber, der Interaktion mit diesem sowie den äußeren Rahmenbedingungen betrachtet werden kann und hierdurch unter Umständen Begrenzungen erfährt.

In den obenstehenden Zeilen deutet „Das lässt mich erst werden [...]“ darauf hin, wie wesentlich das „Ich sein Dürfen“ für die Weiterentwicklung der eigenen Person ist. Der Mensch mit seiner Persönlichkeit, seinen Vorstellungen und Erfordernissen steht hier im Vordergrund. Um die Person eben darin zu unterstützen, sind in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Ansätze und Maßnahmen im Pflegealltag etabliert worden, die gerade im Hinblick auf die Versorgung demenziell erkrankter Menschen eine große Rolle spielen.3 Viele dieser Möglichkeiten haben eines gemeinsam: der Beziehungsaspekt und damit eine wertschätzende Haltung des Betreuenden gegenüber dem Pflegebedürftigen treten in den Vordergrund. Auf der einen Seite haben Pflegende die Aufgabe, der Person Halt und Orientierung zu bieten. Auf der anderen Seite liegt der große Anspruch darin, dem älteren Menschen mit Einfühlungsvermögen zu begegnen, dessen Perspektive anzunehmen und sich nicht nur seinen körperlichen, sondern auch seelischen Bedürfnissen zu stellen.

Dies führt zu der Überlegung, wie ein Pflegealltag gerade unter den Bedingungen der stationären Langzeitversorgung aussehen kann, der die Person in den Mittelpunkt rückt und so ihrem „Ich sein Dürfen“ gerecht wird. Gemäß der oftmals auf die Pflege übertragenen Forderung, mit „Kopf, Herz und Hand“4 zu handeln, gilt es, nicht nur den Versorgungsakt als solchen auszuführen, sondern dem Pflegebedürftigen ebenso auf emotionaler Ebene zugewandt zu sein. Dies macht erforderlich, auch während der direkten Pflege angemessen auf das Verhalten der Person zu reagieren, sich ausschließlich auf sie und die Situation zu konzentrieren und sie so in ihrem „Ich sein Dürfen“ zu unterstützen. Damit im Zusammenhang steht, was die Pflege tun kann, um die individuellen Bedürfnisse pflegebedürftiger Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren. Gerade wenn sie ihre aktuellen psychosozialen Belange – etwa Bedürfnisse nach Nähe, Zugehörigkeit oder Sicherheit – verbal oder nonverbal, direkt oder indirekt zum Ausdruck bringen, erfordert dies eine adäquate Reaktion der Pflegenden.

Die vorliegende Arbeit setzt sich die Begründung eines Konzepts zum Ziel, das eine an den akuten, psychosozialen Bedürfnisäußerungen der pflegebedürftigen Person ausgerichtete professionelle Pflege unter den besonderen Rahmenbedingungen der stationären Langzeitversorgung beinhaltet. Wesentlich ist, dass hierbei nicht die unmittelbare Befriedigung des Bedürfnisses im Fokus stehen soll, da sich dies in der Pflegepraxis in manchen Fällen als schwer umsetzbar erweisen kann. Vielmehr geht es um die Vorstufe, die erste Reaktion auf und somit den Umgang mit psychosozialen Bedürfnisäußerungen von Pflegeheimbewohnern5. Dabei soll es ebenso um explizit geäußerte Bedürfnisse gehen wie um implizite, das heißt, bestimmte Verhaltensweisen und Aussagen der Person, die auf ein Bedürfnis schließen lassen. Letztendlich soll das Pflegepersonal Formen von Bedürfnisäußerungen nicht nur als solche erkennen, sondern diese auch wahr-nehmen und in der aktuellen Situation eine erste Lösung für sie suchen. Es reicht damit nicht, eine Pflege auszuüben, die sich an den mutmaßlichen Bedürfnissen des älteren Menschen orientiert – wesentlich ist, dass derjenige spürt, dass man ihn aktuell in der Situation in seinen Sorgen, Ängsten und Wünschen ernst nimmt, daran teil hat und ganz und ausschließlich bei ihm ist. Bedeutsam ist also, dass im Zuge der Bedürfnisäußerung zwischen dem Bewohner und dem professionell Pflegenden eine Begegnung stattfindet, die ein unmittelbares, offenes und aufeinander bezogenes Handeln mit einschließt. Die aktive und bewusste Begegnung der Person und ihrer Bedürfnisse soll als handlungsweisend und somit als Voraussetzung für das „Ich sein Dürfen“ und die Wahrhaftigkeit einer Pflegesituation konstatiert werden. Der professionell Pflegende als Person, die in der Lage ist, unter Berücksichtigung der strukturellen Rahmenbedingungen der stationären Pflege parallel zu handeln, sich von den Bedürfnisäußerungen des Anderen leiten zu lassen und eine empathische pflegerische Versorgung zu leisten, soll herausgestellt werden. Mit der persönlichen Forderung an das Pflegepersonal, dies leisten zu können: umzuschalten, abzuwägen, Prioritäten zu setzen sowie sensibel und flexibel auf die Bedürfnisäußerungen pflegebedürftiger Menschen zu reagieren, wird der Rahmen dieser Arbeit gesteckt.

Der erste Teil der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich grundlegend mit der Kommunikation und Interaktion zwischen Bewohnern und professionell Pflegenden. Hierbei soll eine gelingende Kommunikation der Beteiligten als ausschlaggebend für die Möglichkeit zur Reaktion auf Bedürfnisäußerungen des pflegebedürftigen Menschen betrachtet werden.

Der zweite Teil nimmt die psychosozialen Bedürfnisse von Bewohnern und hierbei insbesondere implizite wie explizite Bedürfnisäußerungen in den Blick. Weiterhin sollen zum einen mögliche Probleme der Integration psychosozialer Bedürfniszuwendung (und -befriedigung) im alltäglichen Pflegehandeln benannt werden. Zum anderen wird der Begriff der „Bedürfnisorientierung“ als mögliches pflegerisches Vorgehen näher beleuchtet.

Der dritte Teil der Arbeit befasst sich mit der Frage, unter welchen theoretischen Bedingungen eine adäquate Reaktion der Pflegeperson auf Bedürfnisäußerungen des Bewohners während der pflegerischen Versorgung erfolgen kann. Für ihre Realisierung werden vier Prämissen aufgestellt, die für eine gelingende Interaktion zwischen den Beteiligten erforderlich erscheinen.

Mit dem vierten Kapitel beginnt der empirische Teil der Arbeit, die sich einem qualitativen Forschungsansatz verschrieben hat. Mithilfe von teilnehmenden Beobachtungen morgendlicher Pflegesituationen und anschließenden Interviews mit den Beteiligten werden Daten zum Umgang mit psychosozialen Bedürfnisäußerungen in der Pflege erhoben. Die Auswertung erfolgt mit der qualitativen Inhaltsanalyse.

Das fünfte Kapitel schließt mit einer Darstellung der Ergebnisse, die zunächst anhand der in der Inhaltsanalyse gebildeten Kategorien und Erkenntnissen aus den teilnehmenden Beobachtungen aufgezeigt werden.

Im sechsten Teil der Arbeit werden unter Zuhilfenahme der in Kapitel 3.1 aufgestellten Prämissen die empirischen Erkenntnisse in Form von Handlungsanweisungen für die Pflegepraxis prägnant zusammengefasst.

1Nach John Henry Newman, dargestellt in Franziskuswerk. (2001). Augenblicke. Schönbrunn, S. 2. Vgl. auch Kleinschmidt, H. (2004). Pflege und Selbstbestimmung. Pflegerische Interaktionen und ihre aktive Mitgestaltung durch den Patienten. Bern: Huber, S. 55.

2Vgl. hierzu Kapitel 1.2.

3Als Beispiele sind etwa Validation (Feil 2013, 1982), das mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell (van der Kooij 2010, 1997) oder der person-zentrierte Ansatz nach Kitwood (2013, 1997) zu nennen. Letzterer wird in Kapitel 1.2 aufgegriffen und mit dem oben genannten „Ich sein Dürfen“ der Person in Bezug gesetzt.

4Zurückgehend auf Heinrich Pestalozzi (1746-1827), im Kapitel „Pädagogische Auseinandersetzung mit Pfarrer Karl Witte", Sämtliche Werke 17A, 1805, S. 167. Vgl. hierzu bspw. auch Krimmer, E., Kaplan, M. & Schlipf, M. (2014). Modul 1. „Gute Pflege“ in interreligiösen Zusammenhängen. In: H. Merkt et al. (Hrsg.), Ethische und interreligiöse Kompetenzen in der Pflege: Unterrichtsmaterialien für die Pflegeausbildung (S. 11-27). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

5Aus Gründen der Erleichterung des Leseflusses wird im Folgenden das Maskulinum verwendet (Bewohner, Pflegender). Es sind stets beide Geschlechter gemeint. Im Methoden- und Ergebnisteil ist es zwecks der besseren Nachvollziehbarkeit an manchen Stellen erforderlich, auf das Geschlecht der jeweiligen Person einzugehen.

1.Theoretischer Teil Kommunikation und Beziehung in der Pflege

Das folgende Kapitel setzt den Fokus auf die Interaktion zwischen pflegebedürftigen Menschen und Pflegenden in der stationären Langzeitversorgung. Zunächst soll die Perspektive des Bewohners betrachtet werden: Welche Sorgen, Ängste und Bedürfnisse birgt der Eintritt in eine stationäre Pflege? Die Bedeutung des „Ich sein Dürfens“ und die damit verbundene Notwendigkeit der Bestätigung der Person werden dargestellt. In diesem Zusammenhang wird skizziert, unter welchen Bedingungen pflegerisches Handeln stattfindet und welche Anforderungen an die Pflegebeziehung der Beteiligten gestellt werden. An dieser Stelle sollen die Kommunikation und mögliche Schwierigkeiten der Verständigung zwischen Menschen mit Pflegebedarf und Pflegenden in den Mittelpunkt gerückt werden. Das Kapitel schließt mit ersten Überlegungen zu einem wertschätzenden (kommunikativen) Zugang zu pflegebedürftigen Bewohnern.

1.1Perspektivenwechsel: Einzug in eine stationäre Pflegeeinrichtung

Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.6

Mit dem Eintritt von Pflegebedürftigkeit stürzt eine Fülle von Einschränkungen und Verlusten auf den Betroffenen ein. Eine intensive Auseinandersetzung „mit der eigenen Person [...] sowie mit den Anforderungen und Möglichkeiten der persönlichen Lebenssituation“ (Kruse 2005, S. 281) wird notwendig. Das Erfordernis, bei körperlichen Einschränkungen Hilfe in Anspruch zu nehmen, verlangt eine persönliche Reflexion darüber, wie die eigene Pflegesituation zufriedenstellend gestaltet werden kann. Bedeutend ist hierbei, inwiefern es dem älteren Menschen gelingt, Einbußen und erforderliche Hilfestellungen zu akzeptieren und inwieweit er sich darum bemüht, sein Leben weiterhin selbstbestimmt und selbstverantwortlich zu gestalten (Kruse 1996). Wenn der Eintritt von Pflegebedürftigkeit eine stationäre Langzeitversorgung erforderlich macht, hat dies für die betroffene Person damit nicht nur Konsequenzen auf räumlicher Ebene. Oftmals geht die neue Situation mit starken Veränderungen, sogar einem Bruch mit der vorherigen Lebensweise einher und widerspricht damit der Erwartungshaltung vieler Personen, den eigenen, individuellen Lebensstil im Rahmen institutioneller Bedingungen aufrechterhalten zu können (vgl. Schilder 2007; Thiele et al. 2002; Düx 1997). Ein Heimeinzug hat einen bedeutenden Einfluss auf alle Bereiche der weiteren Lebenssituation und kann sogar zu einer existenziellen Krise führen. Jegliche für die Person zuvor klar feststehenden Gewohnheiten, Rituale und Erfordernisse geraten durch die neue Situation „ins Wanken“ (Pamminger 2005, S. 311): Zweifel an der Kontinuität der Grundversorgung (etwa Essen, Trinken, Schlafen) können ebenso auftreten wie Fragen nach dem Erhalt von Selbstbestimmung. Der Wunsch nach sozialen Kontakten und nach Sicherheit kann plötzlich eine neue, größere Bedeutung einnehmen. Die durch den Heimeinzug entstehenden Änderungen gesundheitsbezogener, materieller und sozialer Bereiche gehen immer auch mit Identitätsverlusten einher und wirken sich auf das Selbsterleben der Person aus (Düx 1997; vgl. auch Schilder 2007). Bewusst oder unbewusst – der pflegebedürftige Mensch trägt die Sorge, ob er in seinen Bedürfnissen, Vorstellungen, Sorgen und Ängsten (weiterhin) ernst genommen, von seinem Umfeld akzeptiert und als Person bestätigt wird.

Gerade weil die stationäre Pflegeeinrichtung für die betroffene Person oftmals die einzige Alternative zum Leben in den eigenen vier Wänden bildet, ist der Wunsch, sich heimisch zu fühlen, wesentlich. Nach Fink (2011, S. 268) ist nicht die Umgebung, in der man sich befindet, dafür ausschlaggebend, „sich in der Fremde zu Hause [zu] fühlen“, sondern: „zu Hause ist man da, wo man sich sicher, geschützt und geliebt fühlt.“ Vor allem die Pflegenden ersetzen neben Mitarbeitern der Alltagsbegleitung und Betreuung mit ihrer ständigen Anwesenheit für viele Bewohner die Rolle der nahen Verwandten (Umoren 1992) und werden dadurch zu Bezugspersonen. Menschen, die durch den Eintritt von Pflegebedürftigkeit und den Einzug in ein Pflegeheim „bleibende Verluste verarbeiten müssen, die für immer einen Teil ihrer selbst verloren haben, brauchen Unterstützung auf der Suche nach einer neuen Perspektive, einer neuen Sinngebung“ (van der Kooij 2012, S. 23). Sie benötigen Personen um sich, die ihnen helfen, in ihrem Leben trotz Einbußen einen Sinn zu sehen, mit ihnen gemeinsam neue Wege auftun und ihr „Ich sein Dürfen“ bestärken und fördern. Das Empfinden der Bewohner, sich in der Einrichtung zu Hause zu fühlen, hängt sehr von der Beziehung zu den Pflegenden ab. Diese wird davon beeinflusst, mit welcher Einstellung und mit welchem Grad an bewohnerzentrierter Pflege sie den pflegebedürftigen älteren Menschen gegenübertreten (Schilder 2007; Kleinschmidt 2004; de Veer & Kerkstra 2001).

Und so liegt es auf der Hand, dass Pflegende in der Sorge um das Wohlbefinden des pflegebedürftigen Menschen tragend sind (vgl. Schwerdt 1998). Wenn Heimat da ist, „wo man sich nicht erklären muss“7 oder anders formuliert: „wo ich verstehe und wo ich verstanden werde“8, weist dies auf die Bedeutung des „Ich sein Dürfens“ der Person als Voraussetzung für Wohlbefinden und Lebensqualität. An dieser Stelle wird erstmals der besondere Auftrag der Pflegeperson deutlich, der über eine körperliche Versorgung hinausgeht.

1.2Die Notwendigkeit des „Ich sein Dürfens“ pflegebedürftiger Menschen

Was hat es mit der Forderung nach dem „Ich sein Dürfen“ von Menschen mit Pflegebedarf auf sich? Ihren Ausgangspunkt findet diese im person-zentrierten Ansatz nach Tom Kitwood (2013, 1997): Ihm zufolge geschieht Pflege nach dem wichtigen Prinzip, Menschen mit Demenz „in ihrem vollen Menschsein anzuerkennen“ (Kitwood 2013, S. 30), und sie, wie eingangs in den Zeilen zum „Ich-Sein-Dürfen“ (Franziskuswerk 2001) beschrieben, mit ihren Stärken wie Schwächen zu akzeptieren. Dazu zählt, dass Pflegende den Betroffenen darin unterstützen, sein Personsein zu erhalten, zu fördern und – wenn notwendig – auch wieder herzustellen. Das Personsein beschreibt Kitwood (2013, S. 31) als „Stand oder Status, der dem einzelnen Menschen im Kontext von Beziehung und sozialem Sein von anderen verliehen wird“. Es impliziert „Anerkennung, Respekt und Vertrauen“ (Welling 2004, S. 1) durch den Pflegenden und erfordert von ihm eine positive Grundhaltung und bedingungslose Akzeptanz des pflegebedürftigen Menschen, so dass dieser sich nicht verstellen, nicht „werden“ muss, sondern so sein darf, wie er ist (Franziskuswerk 2001, S. 2).

Der Personbegriff wird weit gefasst und beinhaltet Aspekte wie „Gefühle, Handlung, Zugehörigkeit, Bindungen an andere Personen und Identität“ (Welling 2004, S. 1; vgl. auch Bradford Dementia Group 1997, S. 10). Die Ausweitung des Personbegriffs ist gerade im Hinblick auf an Demenz erkrankte Menschen essentiell, da sie damit nicht allein über ihre „kognitive Qualität“ (Kruse 2011, S. 299) definiert werden: Vielmehr ist das Selbst einer Person „als das Gesamt jener Merkmale [...], die für deren Art des Erlebens und Erfahrens, des Erkennens und Handelns sowie des Verhaltens von grundlegender Bedeutung sind“ (ebd., S. 297) zu beschreiben. Damit geht der Personbegriff weit über Attribute, die bei demenziellen Erkrankungen zunehmend eingeschränkt sind, etwa Sprache und Urteilsvermögen, hinaus. Notwendig ist der ausgeweitete Begriff des Personseins deshalb, „um die ganze Existenz eines immer auch in soziale Strukturen eingebundenen Individuums im Sinne einer unverwechselbaren, vielleicht brüchigen, aber dennoch faktischen Einheit zu begreifen“ (Birkenstock & Rentsch 2005, S. 246).

Die einleitenden Zeilen verweisen auf das „Ich sein Dürfen“ der Person, nicht nur wie sie geschaffen wurde, sondern auch: wie sie „geworden“ ist (Franziskuswerk 2001, S. 2). Dies meint die Anerkennung des Menschen auch bei Eintritt von Pflegebedürftigkeit und den damit einhergehenden Veränderungen hinsichtlich körperlicher Funktionen und der Persönlichkeit. Damit ist die Betrachtung des pflegebedürftigen Menschen als Ganzes auch fernab demenzieller Erkrankungen das wesentliche Merkmal des „Ich sein Dürfens“. Insofern geht es über den person-zentrierten Ansatz Kitwoods hinaus, dass es das Personsein von Menschen mit Pflegebedarf generell und nicht nur bei Demenz in den Vordergrund stellt. Das „Ich sein Dürfen“ verweist auf die Bedeutung einer pflegerischen Versorgung, die weder die kognitiven noch die körperlichen Defizite, sondern klar das Individuum in den Mittelpunkt rückt. Das „Ich“ als Subjekt sämtlicher Gefühle, Sinneseindrücke, Gedanken und Handlungen wird betont (vgl. Bayer 2014). Das „Dürfen“ beschreibt die von der Person selbst wahrgenommene Möglichkeit, ihr „Ich sein“ zum Ausdruck zu bringen sowie ihre Willensfreiheit, dies auch zu tun. Auf der anderen Seite wird im „Ich sein Dürfen“ die Rolle des Pflegenden deutlich: Das subjektive Empfinden des Pflegebedürftigen, „Ich sein“ zu dürfen, wird von der Art der Interaktion in der Pflege und den dazugehörigen Rahmenbedingungen beeinflusst. Eine bedingungslose Akzeptanz der pflegebedürftigen Person in ihrer Krankheit und Verletzlichkeit durch den professionell Pflegenden gibt dieser die Möglichkeit, sich daran weiterzuentwickeln; wie eingangs beschrieben: „Das lässt mich erst werden“ (Franziskuswerk 2001, S. 2). Die Bestätigung des „Ich sein Dürfens“ durch die Unterstützung des professionell Pflegenden wird an dieser Stelle als existenziell und damit als Voraussetzung für Wohlbefinden und Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen konstatiert (vgl. Kitwood 2013; Welling 2004).

Damit Bewohner in ihrem „Ich sein Dürfen“ bestätigt werden können, erfordert es nicht nur „Menschen, die fähig und bereit sind, ihr Personsein anzuerkennen“, sondern es auch „fortwährend zu nähren“ (Welling 2004, S. 1). Es setzt damit eine Interaktion voraus, bei der dem pflegebedürftigen Menschen „im Hier und Jetzt die volle Aufmerksamkeit“ geschenkt wird (Elzer 2007, S. 238). Kleinschmidt (2004, S. 56) spricht in dem Zusammenhang von der Gewährleistung wahrhaftiger Situationen, in der der Person das Recht auf Selbstbestimmung nicht aberkannt und durch ein Recht der „Scheinmitentscheidung“ ersetzt wird. Indem Pflegende einen wertschätzenden, einfühlsamen Kontakt zu der Person aufrechterhalten, besteht die Möglichkeit, mit ihr in eine „lebendige Beziehung“ einzutreten (Welling 2004, S. 1). Die von einem zwischenmenschlichen Vorgehen bestimmte Beziehung zwischen Pflegenden und pflegebedürftigen Personen soll nun näher betrachtet werden.

1.3Bedingungen pflegerischen Handelns

Die Pflegesituation, in die die Beteiligten jeden Tag aufs Neue eintreten, setzt sich nach Ida Jean Orlando (1996) aus dem Verhalten des Bewohners9 sowie aus der Reaktion und schlussendlichen Handlung des professionell Pflegenden zusammen. Letztere geschieht entweder nach Absprache und deckt somit die unmittelbaren Bedürfnisse der betreffenden Person – oder aber die Handlung geschieht unwillkürlich und es wird unabhängig vom Bewohner entschieden. Bedeutsam ist dabei die Beziehung zwischen beiden Parteien: Nur in einer gefestigten Pflegebeziehung kann der Bewohner seine Anliegen klar benennen. Der Pflegeperson kommt hierbei die Aufgabe zu, ihm dabei behilflich zu sein, seine Bedürfnisse zu ergründen und zu artikulieren, um ihm so die benötigte Hilfe zusichern zu können. Gerade bei Menschen, die nicht oder lediglich eingeschränkt in der Lage sind, verbal zu kommunizieren, erfordert es jedoch professionell Pflegende, die sich bemühen, sich in die betreffende Person hineinzuversetzen, um nach ihrem mutmaßlichen Willen handeln zu können. Mithilfe biografischer Anhaltspunkte, Informationen der Angehörigen sowie anhand des aktuellen Verhaltens, beispielsweise in Form von Mimik und Gestik, muss der Pflegende die Leistung vollbringen, Anliegen, Erfordernisse, Emotionen, Einverständnis und Abwehrverhalten der Person einordnen zu können.

Im Unterschied zu anderen Berufsgruppen stehen Pflegende vor der besonderen Herausforderung, eine „intime“, jedoch gleichzeitig „professionelle“ Dienstleistung direkt am Menschen zu vollbringen (Pohlmann 2005, S. 17). Einerseits muss sie so ausgeübt werden, dass sie einer „Entpersonalisierung“ (Proft 2010, S. 348) der pflegebedürftigen Person entgegensteht, gleichzeitig dürfen aber nicht die betrieblichen Rahmenbedingungen außer Acht gelassen werden. In einer professionellen Pflege soll das Wissen über Pflegehandlungen und den Umgang mit fremden, pflegebedürftigen Menschen im Allgemeinen mit Kenntnissen über den individuellen Einzelfall, beispielsweise in Bezug auf dessen Lebenssituation und soziales Umfeld, vereinbart werden. Ferner besteht die Herausforderung, dieses eigene pflegerische Fachwissen in der Pflegeinteraktion anzuwenden und verständnis- wie bewohnerorientiert zu vermitteln (Elzer 2007). Darüber hinaus verlangen die Rahmenbedingungen, eine „geplante, dokumentierte und wirtschaftliche Pflege“ (Entzian 2002, S. 15, zit. in Kämmer 2002, S. 187) zu vollbringen. Und dabei darf der Pflegende nicht das „Gefühl und Gespür für die Eigenart und die Bedürfnisse“ (Knobling 1999, S. 61) der pflegebedürftigen Menschen verlieren.

Dieser „Pflegefachlichkeit“ (Kämmer 2002, S. 187) steht das Erfordernis einer empathischen Grundhaltung gegenüber, so dass Pflegehandlungen letztendlich in einem Spannungsbogen von Anteilnahme, Rollendistanz und Leistungserbringung vollbracht werden müssen (Proft 2010).

Ruth Schröck (1988, S. 87, zit. in Pohlmann 2005, S. 17) bezeichnet pflegerisches Handeln als „[...] die intimste Dienstleistung sowohl im physischen wie im emotionalen Sinn, die ein Erwachsener von einem anderen Menschen annehmen kann.“ Pflegende kommen in „[...] keinem anderen Beruf [...] Menschen in all ihrer Verletzbarkeit so nahe“ (van der Kooij 2012, S. 53). Nach Proft (2010, S. 347) hebt sich die professionelle Pflege aus dem Grunde von einer bloßen „funktionalen Dienstleistung“ ab, weil sie vom Pflegenden ein „personales Einstehen“ für den Betroffenen erfordert. Und dieses personale Einstehen zeigt sich eben im Auftrag, Bewohnern dabei behilflich zu sein, ihre Bedürfnisse zu ergründen und zu artikulieren, um ihnen so die benötigte Unterstützung zusichern zu können (Orlando 1996).

„[…] Schwestern und Pfleger haben die Aufgabe, die Grundidee des Pflegens zu realisieren, nämlich auf die spontan geäußerten Bedürfnisse des Kranken und auf seine Nöte des Augenblicks einzugehen.“ (Schröck 1988, S. 87, zit. in Pohlmann 2005, S. 17). Das hier als Grundidee der Pflege benannte Empfangen von und Umgehen mit (unmittelbaren) Bedürfnisäußerungen ist ein wichtiger Punkt in einem von Zwischenmenschlichkeit geleiteten pflegerischen Vorgehen. In einer als ganzheitlich zu bezeichnenden Pflegesituation bildet die Berücksichtigung psychosozialer Bedürfnisse10 von Menschen mit Pflegebedarf eine Grundlage für den Erhalt ihres Personseins, indem dadurch nicht nur ihre Körperlichkeit sondern auch ihr subjektives, psychisches Wohlbefinden fokussiert wird. Essentiell ist somit, sämtliche Betreuungs- und Pflegehandlungen an der „gesamtheitlichen Bedürfnislage“ des pflegebedürftigen Menschen anzusetzen und diesen als Subjekt, das heißt „in seinem subjektiven So-sein“, wahrzunehmen (Mistlbacher 2006, S. 356).

Nach Kitwood (2013, S. 144) kann ein Individuum, dessen psychische Bedürfnisse nicht befriedigt werden, „nicht einmal minimal als Person funktionieren“. Die Autorin trifft darüber hinaus die Annahme, dass ein Mensch in seinem „Ich sein Dürfen“ bereits dadurch bestätigt werden kann, wenn man sich seinen unmittelbaren seelisch-geistigen Belangen überhaupt zuwendet und auf diese adäquat reagiert – ganz gleich, ob diese Bedürfnisse implizit oder explizit geäußert werden.

Damit ist nicht erst die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern bereits die erste Reaktion auf eine Bedürfnisäußerung maßgeblich für die Bestätigung der Person.

Denn gerade in der Situation der körperlichen Pflege vermittelt die Hinwendung zu akuten psychosozialen Bedürfnisäußerungen der Person, dass sich das Gegenüber für sie interessiert, sie ernst nimmt und wertschätzt.

Um Bedürfnisäußerungen pflegebedürftiger älterer Menschen überhaupt als solche wahrnehmen und erkennen zu können, spielt die gegenseitige Verständigung zwischen den Beteiligten eine wesentliche Rolle. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Kommunikation zwischen Menschen mit Pflegebedarf und professionell Pflegenden. Mögliche Störungen in der Verständigung der an der Pflege Beteiligten sollen dargestellt und die Bedeutung des Beziehungsaspekts hervorgehoben werden.

1.4Kommunikation in der Pflege

Die wichtigste Funktion einer Sprache soll Verständigung sein.11

In der Pflegesituation spielt die Kommunikation und damit das Beziehungsgeschehen zwischen den Beteiligten eine entscheidende Rolle. Einen großen Teil der Pflege eines Menschen nehmen sowohl die nonverbale als auch verbale Kommunikation ein. Pflegehandlungen geschehen letztlich nie ohne ihre Begleitung. Gestik, Mimik und paraverbale Äußerungen (etwa der Tonfall) können zusammen mit bis zu 90 Prozent einen enormen Anteil daran haben, wie die Botschaft einer Person vom Gegenüber aufgenommen wird (Alspach 2007, zit. in Tewes 2010, S. 108). Hier kommt Paul Watzlawicks vielfach zitiertes „Man kann nicht nicht kommunizieren“12 zum Tragen, denn auch eine scheinbar stumme pflegerische Handlung, die nicht durch verbale Kommunikation begleitet wird, transportiert auf der Beziehungsebene zahlreiche Informationen.

Neben dem konkreten sachlichen Inhalt einer dargebotenen Mitteilung spricht dieser Aspekt das Wie der Darbietung an (Watzlawick, Beavin & Don Jackson 2011, 1967). Gerade in der Betreuung demenziell erkrankter Menschen spielt er eine wesentliche Rolle. Als manchmal „einzige Brücke zwischen Ich und Du“ (Kojer 2011, S. 11) bildet empathische Kommunikation die Möglichkeit, sich mit seinem Gegenüber zu verständigen, und ist so Voraussetzung für Orientierung, Hilfestellungen und Sicherheit. Eine gelingende Kommunikation in der Pflege kann als Voraussetzung für die Deutung von und Reaktion auf Bedürfnisäußerungen der Bewohner betrachtet werden und stellt somit einen wesentlichen Teil der Bestätigung des „Ich sein Dürfens“ der Person dar. Im folgenden Kapitel sollen zunächst Störungen der Kommunikation auf der formalen wie der Beziehungsebene zwischen Bewohner und Pflegeperson thematisiert werden. Im Weiteren gilt es, verschiedene Kommunikationsmuster während der pflegerischen Versorgung darzustellen. Das Kapitel schließt mit Überlegungen zu einem wertschätzenden kommunikativen Umgang in der Pflegesituation.

1.4.1Formale Störungen in der Kommunikation

Die gegenseitige Verständigung zwischen älteren pflegebedürftigen Menschen und professionell Pflegenden kann auf verschiedene Weise gestört sein: Zum einen, wenn die Fähigkeit zur verbalen Mitteilung reduziert ist. Dies kann auf Seiten des Bewohners durch sensorische und/oder kognitive Einschränkungen bedingt sein, die beispielsweise in einem beeinträchtigten Hörvermögen, nachlassender Konzentrationsfähigkeit oder schnellerer Ermüdbarkeit resultieren (vgl. Knäuper, Schwarz & Park 2002). Auch Wortfindungsstörungen oder eine verringerte Anpassungsfähigkeit an das Sprechtempo des Gegenübers können älteren Menschen den Gesprächskontakt erschweren. Weiterhin kann die „gemeinsame Sprache“ (Kojer 2005, S. 32; vgl. auch Gatterer & Croy 2007, S. 193) der an der Pflegesituation Beteiligten verloren gehen beziehungsweise gar nicht erst vorhanden sein, wenn ein unterschiedliches Verständnis von Sprache vorliegt: Inhaltlich können Verständigungsschwierigkeiten sowohl auf Seiten der Bewohner als auch der Pflegenden beispielsweise wegen ihres kulturellen Hintergrunds oder der Verwendung der Nicht-Muttersprache auftreten (Alban et al. 2000). Auf formeller Ebene können etwa die Geschwindigkeit des Sprechens oder neue Sprachformen wie Anglizismen Probleme hervorrufen. Eine mangelnde Anpassung an die Fähigkeiten und Ressourcen der Person, wenn ihr zum Beispiel nicht genügend Zeit eingeräumt wird, auf Fragen zu antworten, generell zu schnell und zu laut gesprochen wird oder zu viele und komplexe Fragen auf einmal gestellt werden, bei der auch jede gesunde und junge Person ihre Schwierigkeiten mit der Beantwortung hätte, kann zu größeren Störungen in der Kommunikation führen. Eine wesentliche Rolle spielt auch immer die nonverbale Kommunikation: Die Begleitung verbaler Sprechinhalte mit Mimik und Gestik kann nicht nur die Intention des Sprechers, sondern auch seine Haltung zum Empfänger der Mitteilung unterstreichen. So ist wichtig, inwiefern verbale und nonverbale Kommunikation miteinander übereinstimmen. Jede noch so höflich formulierte Bitte gewinnt eine völlig andere Bedeutung, wenn sie beispielsweise mit verschränkten Armen oder ohne zuvor aufgenommenen Blickkontakt gestellt wird. Gerade wenn eine Person über ein eingeschränktes Hörvermögen verfügt oder aber wenn sie kognitiv beeinträchtigt ist, wird sie verstärkt auf begleitende nonverbale Akte achten, um die an sie gerichtete Kommunikation besser verstehen und einordnen zu können (Kojer 2011).

Formale Störungen der Kommunikation können somit eine erste wesentliche Barriere in der Verständigung von Bewohnern und Pflegenden bilden und insofern der Äußerung von Bedürfnissen und der Reaktion auf diese im Wege stehen.

1.4.2Störungen des Beziehungsaspekts und Gefahr der Depersonalisierung

Kommunikation verläuft neben der inhaltlichen auch auf der emotionalen Ebene. Damit ist das Wie der Darbietung angesprochen, das gerade beim Fortschreiten demenzieller Erkrankungen eine Rolle spielt, wenn die Sprache an sich immer mehr an Bedeutung verliert: Nicht der sprachliche Inhalt einer Mitteilung, sondern das Gefühl, das in dieser Mitteilung des Informationssenders mitschwingt, wird bedeutsam. Der Beziehungsaspekt der Kommunikation lässt die Person erspüren, wie ihr Gesprächspartner über sie denkt (vgl. Watzlawick, Beavin & Don Jackson 2011). Verstellt sich dieser und täuscht falsche Freundlichkeit vor oder versucht er, ihr seine Realität aufzuzwängen, wird es diese verunsichern. Ein Mangel an entgegengebrachtem Respekt, beispielsweise, indem das Gegenüber die erkrankte Person wie ein Kind behandelt und eine entsprechende Kommunikation an den Tag legt (hohe Stimme, „Baby Talk“13), wird der Betroffene spüren. In der konkreten Situation der pflegerischen Versorgung äußert sich ein unterschiedliches Verständnis von Sprache auf der Beziehungsebene im Sinne einer respektlosen Kommunikation (Kojer 2011). Beispielsweise besteht eine solche Kommunikations- und damit Beziehungsstörung darin, dass sich der Pflegende über den Kopf des Bewohners hinweg mit Kollegen oder Angehörigen unterhält, ohne ihn in das Gespräch mit einzubeziehen. Eine Steigerung dessen ist eine Unterhaltung, die sich direkt auf den Bewohner bezieht, aber den Anschein erweckt, als wäre dieser nicht im Raum (Kojer 2005). Hierzu zählen etwa Formulierungen wie: „Hat er durchgeschlafen?“ oder auch „Sie ist heute wieder sehr unruhig.“ Verliert eine pflegebedürftige Person in vielen Lebensbereichen ihre Selbstständigkeit, erhöht dies die Gefahr solcher „unreflektierter Übergriffe“ (Kojer, Schmidl & Gutenthaler 2005, S. 130), die sich nicht nur auf verbaler Ebene abspielen müssen: Pflegende, die nicht gemeinsam mit der Person handeln, sondern stellvertretend für sie, entziehen ihr auf diese Weise die Entscheidungsfreiheit. Der Betroffene wird nach und nach vom Handelnden zum „Behandelten“ (ebd., S. 131). Gerade bei kognitiv eingeschränkten Bewohnern läuft der Pflegende Gefahr, unmerklich „zu ihrem Besten zu verfügen“ (Kojer 2011, S. 20) und stellvertretend für sie zu sprechen und zu handeln. Nach Kleinschmidt (2004, S. 56) wird der Person so im besten Falle ein Recht zur „Scheinmitentscheidung“ eingeräumt. Durch diese Haltung wird der professionell Pflegende für die Signale des Betroffenen „blind und taub“ (Kojer 2011, S. 20). Dies führt etwa dazu, dass man die Person vor vollendete Tatsachen stellt, sie beispielsweise ohne Vorbereitung anfängt zu waschen oder sie ungefragt mit dem Rollstuhl an einen anderen Platz fährt. Wird die Person mehr und mehr depersonalisiert – zum Objekt gemacht – verliert der Pflegende das Bewusstsein dafür, dass der Betroffene ein Mensch mit Wünschen, Vorlieben, Abneigungen und Bedürfnissen ist. Durch die Objektivierung des Gegenübers wird die Interaktion zur „bloßen Erledigung“ und eine Pflege, die sich von den Hinweisen auf Bedürfnisse dieser Person leiten lässt, kann nicht stattfinden. Gerade bei demenzkranken Menschen hat ein depersonalisierendes Verhalten fatale Folgen – denn sie sind in besonderer Weise darauf angewiesen, dass die Umwelt sie dabei unterstützt, ihre Individualität beziehungsweise ihr „Personsein“ aufrechtzuerhalten (Kojer, Schmidl & Gutenthaler 2005, S. 131).

1.4.3Kommunikationsmuster in der Pflege

Während der pflegerischen Versorgung eines Menschen können die verschiedensten Facetten der Kommunikation zutage treten: Die Kommunikation kann tätigkeitsbegleitend sein oder verrichtungsorientiert, sie kann auf fachlicher und/oder sozioemotionaler Ebene verlaufen und verbal wie nonverbal stattfinden. Verschiedene Faktoren können ein ausgewogenes Verhältnis in der Kommunikation von Bewohnern und Pflegenden beeinflussen und wie oben beschrieben zu formalen Störungen oder Störungen auf der Beziehungsebene führen. Dazu zählt vor allem eine aus strukturellen Gründen von vornherein asymmetrisch angelegte Beziehung der beiden Akteure, die etwa durch die unterschiedliche Körperhaltung und Bekleidung der Beteiligten begünstigt wird (vgl. Sachweh 2012): So sitzt oder liegt der Pflegebedürftige, teils wenig oder gar unbekleidet, während der Pflegende eher in stehender Position beziehungsweise in Bewegung agiert und sich zumeist auch mit seiner professionellen Schutzkleidung abhebt. Auch die Inhalte der Gespräche, bei denen Pflegende gesundheitsbezogene, heikle und tabuisierte Themen ansprechen, würden so umgekehrt vom Bewohner nicht an den Pflegenden adressiert werden. Zudem verfügen die Pflegenden insofern über einen „Informationsvorsprung“ (Matolycz 2009, S. 171), dass sie zumeist darüber entscheiden, wann die Kommunikation beginnt und endet und können sich dieser mit dem „Verweis auf institutionelle Zwänge“ (ebd., S. 225), etwa aufgrund von zeitlichen oder personellen Ressourcen, entziehen. Aber auch abgesehen von der asymmetrisch angelegten Pflegebeziehung stehen Pflegende während der Versorgung vor der Herausforderung einer Kommunikation, die parallel zu den einzelnen Pflegehandlungen verläuft und nicht nur den situativen Gegebenheiten, sondern auch den oben genannten physischen und psychischen Bedingungen des Bewohners angepasst sein muss.

Eine tätigkeitsbegleitende Kommunikation während der Pflege dient der sprachlichen Strukturierung der pflegerischen Tätigkeit. Sie beinhaltet die Ankündigung, Erklärung oder Thematisierung von Pflegehandlungen durch die Pflegeperson, bevor, während oder nachdem diese stattfinden. Ihr Ziel ist neben der Erledigung der Pflegehandlung die Kooperation des Bewohners (Sachweh 2012; Matolycz 2009; Weinhold 1997). Mit einer professionellen Thematisierung der aktuell ausgeführten Pflege können Pflegende beispielsweise dazu beitragen, mögliche Intim- und Schamgrenzen der Bewohner zu überwinden sowie ihre Aufforderungen und Anliegen zu entschärfen und so weniger imperativ klingen zu lassen (Matolycz 2009; Weinhold 1997).

Bereits bei Baltes (1995) wird deutlich, dass eine solche pflegebegleitende und strukturierende Kommunikation in zwei Richtungen verlaufen kann: So gibt es Belege für ein independency-support-script, das der Unterstützung und Stärkung selbstständiger Verhaltensweisen von pflegebedürftigen Menschen dient. Dem gegenüber steht nach Baltes eine Selbstständigkeit missachtende Kommunikation (independency-ignore-script). Diese kann eigentlich nicht notwendige, unselbstständige Verhaltensweisen induzieren oder gar verstärken. Auch in einem Review von Grainger (2004) wird ein abhängigkeitsinduzierendes Sprechen in der Interaktion mit älteren Bewohnern, die stationär versorgt werden, als Kommunikationsmuster thematisiert. Weiterhin beinhaltet das Review Hinweise auf eine verrichtungsorientierte Kommunikation während der Pflege14, bei der die einzelnen Maßnahmen der morgendlichen Pflege den vornehmlichen Kommunikationsinhalt zwischen Bewohnern und Pflegenden bilden. Verbale und nonverbale Kommunikationsmuster der Pflegeperson, die auf einer Verrichtungsebene15