Austanzt - Ella W. Anders - ebook

Austanzt ebook

Ella W. Anders

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Opis

Im Nobel-Hotel BAYERN-Inn sind die fünf Sterne am Sinken. Ein zweifacher Mord ängstigt die Gäste und lässt sie in Panik aus dem »Mord-Hotel« in die umliegenden Pensionen fliehen. Die Stunde ist günstig für Ludwig Kugelmoser, den verwitweten Alleininhaber des Nachbarhotels BUCHENHAIN. Er wuselt geschäftig durch sein nun voll belegtes Haus und lebt frei nach seinem Lieblingsmotto »Des einen Freud ist des andern Leid«. Aber hat der Kugelmoser jetzt möglicherweise mit all den Gästen aus dem BAYERN-Inn auch den heimtückischen Mörder aufgenommen? Unter den Geflohenen sind drei emsige Frauen, Eva, Barbara und Maria, die vom Mörder verfolgt und mit Entführung bedroht wurden. Doch die drei gejagten Damen halten inne, sammeln sich, drehen den Spieß um und nehmen die Fährte des Mörders auf…

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Vollständige eBook Ausgabe 2017

 

 

© 2017 SPIELBERG VERLAG, Neumarkt/Regensburg

Umschlaggestaltung: Spielberg Verlag

Umschlagfotos: bedya, fotolia.com

 

Alle Rechte vorbehalten

Vervielfältigung, Speicherung oder Übertragung

können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

 

(eBook) ISBN: 978-3-95452-080-0

 

www.spielberg-verlag.de

 

 

Ella W. Anders (Ps.) war viele Jahre in einer Anwaltskanzlei tätig und arbeitete als Chefsekretärin bei einem Internisten. Später leitete sie über ein Jahrzehnt ein Hotel in Bad Füssing.

 

 

Für Helmut, Katja, Lea und Luca

 

 

 

Geschichte und Personen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.

 

Austanzt

Ein Niederbayern-Krimi aus Bad Füssing

von Ella W. Anders

 

 

In eine weiche Decke im Schottenkaro gekuschelt, lümmelte Eva Bauer auf der bequemen breiten Sitzbank am Fenster ihres Hotelzimmers und blickte nachdenklich hinaus in die Nacht. Dichtes Schneetreiben hüllte den weltbekannten Kurort in Niederbayern ein und verhinderte die Sicht auf das Fünf-Sterne-Hotel BAYERN-Inn, welches seit Wochen traurige Berühmtheit genoss. Man hatte Eva Bauer gerufen, als absehbar war, dass die polizeilichen Ermittlungen wegen Mordes in dem Nobel-Hotel ins Leere laufen. Sie war umgehend angereist, hatte sich aber aus gutem Grund im benachbarten HAUS BERNSTEIN einquartiert.

Leises Klopfen an der Tür unterbrach ihre Gedanken. Sie erhob sich und griff nach dem Glas mit heißem Punsch, das ein Zimmerkellner diskret herein reichte.

Eigentlich war der Fall sonnenklar: männlicher Kurgast, nicht mehr ganz jung, sehr vermögend, lag röchelnd am Beckenrand der berühmten Therme, stammelte den Namen des Nobel-Hotels BAYERN-Inn, in dem er erst wenige Stunden zuvor abgestiegen war und flüsterte mit erstickender Stimme die Zimmernummer. Dann hatte er sich mühsam aufgerichtet, war ausgestreckt in das dampfende Wasser gefallen und trieb als Leiche der Umwälzanlage entgegen.

Das muss doch ein Unglücksfall sein? Es gäbe keine Zweifel, wenn der Bademeister nach dem Rettungssprung nicht das letzte und sehr aufschlussreiche Wort »Mord« aus dem Mund des Sterbenden gehört zu haben glaubte.

»Es ist spät«, gähnte Eva nach einem Blick auf ihre Uhr. Dann erhob sie sich und schlenderte in das angrenzende Badezimmer. Vor dem großen Spiegel an der Garderobe blieb sie stehen und warf einen prüfenden Blick auf ihr Äußeres. Eine mittelgroße, agile, dunkelhaarige Frau im interessanten Alter von achtundvierzig Jahren blickte ihr entgegen, deren wahre Identität aber unbedingt geheim bleiben sollte. Sie atmete tief ein und öffnete die Tür zum Badezimmer. »Die besten Ideen habe ich meist in der Badewanne«, murmelte sie im Selbstgespräch. Dann rauschte das Wasser. Ein sehr angenehmer Duft breitete sich aus und der Schaum des teuren Cremebades bedeckte die schlanke Figur, deren Gehirn nun in der entspannten Atmosphäre zu rattern begann.

 

Das Frühstücks-Buffet am nächsten Morgen ließ keine Wünsche offen. Sportlich gekleidet und hellwach überblickte Eva ziemlich erfreut das vegetarische Angebot und griff zu. Während sie mit dem gefüllten Teller in der linken Hand einen geeigneten Sitzplatz suchte, überflog ihr Blick das geschmackvolle Ambiente im Frühstücksraum, schätzte rasch die Anzahl der Kurgäste, deren Niveau und ihr Durchschnittsalter.

»Ein gutes Haus«, fand sie anerkennend. Dann ging sie gezielt an einen Tisch mit drei Frauen knapp an die Fünfzig und einem nur wenig älteren, aber ziemlich gut aussehenden Begleiter.

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?« fragte Eva locker und der Mann erhob sich:

»Aber selbstverständlich.«

Die Frauen musterten sie freundlich aber eindringlich, rückten höflich zusammen und ein Platz in Kaminnähe wurde frei.

»Ich möchte mich vorstellen: Eva Bauer«.

Der Mann sah sie verblüfft an.

»Er kennt mich«, befürchtete sie verunsichert. Doch er lächelte schon wieder:

»Das sind Barbara Berger, Maria Werner und Margot Römer. Mein Name ist Maximilian Kessler«.

»Ich korrigiere«, ergänzte die schöne, aber sehr arrogant wirkende Margot Römer kühl:

»Dr. jur. Maximilian Kessler. Ein berühmt berüchtigter Strafverteidiger aus München.«

Kesslers Lächeln gefror und eine gezwungene Konversation begann.

»Wir kennen uns seit zwei Wochen«, erzählte schließlich die seriös und gut aussehende Barbara Berger. »Zunächst wohnten wir drüben im BAYERN-Inn, dem sogenannten »Mord-Hotel«. Dort ereigneten sich jedoch äußerst merkwürdige Dinge. Wir zogen es deshalb vor, das Hotel zu verlassen und buchten hier im HAUS BERNSTEIN. Unter der Hotelleitung von Frau Henny Börner sind wir bestens betreut.«

Da schien Dr. Kessler nervös zu werden. Hastig schob er den Ärmel des maßgeschneiderten braunen Jacketts zurück, blickte auf seine wertvolle Uhr am linken Handgelenk und drängte zum Aufbruch. Damit war das Gespräch abrupt zu Ende. Ziemlich zufrieden fragte Eva noch rasch in die aufbrechende Runde, ob sie sich der Gruppe gelegentlich anschließen dürfe. Die Frauen stimmten ohne Einwand zu. Dr. Kessler nickte etwas zerstreut, aber wohlwollend und Eva war begeistert. Hier war sie offensichtlich durch Zufall genau den richtigen Menschen begegnet. Man verabredete sich noch rasch zum gemeinsamen Abendessen im Kur-Restaurant um 19 Uhr und ging auseinander.

Eva blieb allein am Tisch zurück und überflog die Schlagzeilen der lokalen Tageszeitung vom Montag, dem 9.November. Der Mord im Niederbayerischen Bäder-Dreieck schien wieder vergessen zu sein. Andere Schlagzeilen bedienten die Sensationsgier und so legte sie die Passauer Neue Presse zur Seite. Dann suchte sie ihr Zimmer auf. Sie trat auf den geräumigen Südbalkon hinaus, sog die frische kalte Luft ein und blickte sich um. Ein wunderschöner Tag! Die Sonne schien und es hatte aufgehört zu schneien. Bad Füssing lag in seiner weißen Pracht unter dem blauen Himmel vor ihr. Und am Horizont zeigten sich deutlich die Berge der Alpenregion. Sie kleidete sich warm an und verließ das BERNSTEIN. Ihre Nachforschungen mussten beginnen.

 

Die Rezeption des nur fünf Gehminuten entfernten Nobel-Hotels BAYERN-Inn war ein Meisterstück des einheimischen Innenarchitekten Konrad Lechner. Sein moderner sachlicher Stil und die unaufdringliche Eleganz des Mobiliars ergaben eine vornehme, äußerst angenehme Atmosphäre. Eva saß an diesem Montagvormittag beobachtend im Foyer des sogenannten »Mord-Hotels«. Sie lehnte sich an die weichen Polster der großen Luxus-Couch und blätterte scheinbar interessiert im Prospekt des Hauses. Bedauernd stellte sie fest, dass das Hotel aber nur mäßig belegt zu sein schien. Das professionelle Personal agierte sehr zuvorkommend, wirkte aber eine Spur zu reserviert und irgendwie leicht verstört. Oder irrte sie sich?

Das Telefon an der Rezeption klingelte und Eva hörte die zwar gedämpfte, aber auffallend genervte Stimme einer Frau:

»Nein, es ist nicht erwiesen, dass unser Gast ermordet wurde. Er verstarb nicht in unserem Hause und auch nicht im hauseigenen Thermalbad sondern am Beckenrand eines Hallenbades der Therme«. Dann legte sie etwas unsanft den Hörer auf.

»Leiten Sie künftig solche Telefonate an die Direktion weiter«, zischte im Hintergrund eine verärgerte männliche Stimme. »Es ist nicht Ihre Aufgabe, Auskünfte über negative Vorkommnisse in unserem Hause zu erteilen oder diesbezügliche Fragen zu kommentieren!«

Betretene Stille folgte. Dann hörte Eva die Flüsterstimme der Frau, die das Telefonat geführt hatte: »Das halte ich nicht mehr aus. Dem Druck bin ich nicht länger gewachsen.«

Eine andere weibliche Stimme beschwichtigte: »Nimm dich zusammen. Beim nächsten interessanten Vorfall irgendwo in der Welt lässt die Presse wieder von uns ab. Dann bereust du eine vorschnelle Reaktion.«

Eva erhob sich, blickte sich unauffällig um und vergewisserte sich, dass der ihr persönlich bekannte Hoteldirektor Krenner nicht anwesend ist. Sie trat an die Rezeption und umgehend kam eine junge Frau im hellgrauen Kostüm mit weißer Bluse und aufgestecktem schwarzen Haar auf sie zu.

»Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?«

Eva blickte in freundliche braune Augen. »Mein Name ist Bauer. Ist es denn möglich, ein Gästezimmer zu besichtigen?«

»Aber natürlich, Frau Bauer. Unser Hausdiener wird Sie gerne begleiten.«

 

Gegen Mittag kehrte Eva aus dem BAYERN-Inn in ihre Unterkunft im HAUS BERNSTEIN zurück. Erwartungsgemäß hatte ihr üppiges Trinkgeld den Mitarbeiter des BAYERN-Inn dazu verführt, ihr das Zimmer des mutmaßlichen Mordopfers zu zeigen. Eva hatte sich darin sehr genau umgesehen.

»Hier wohnte also Denis Leonhard?«

Der Hausdiener bejahte recht zögernd: »Hier war nur sein Gepäck abgestellt. Er selbst hat hier nicht übernachtet. Er bezog am Vormittag seines Todestages dieses Zimmer und verstarb kurz danach in der Therme.«

Eva war ziemlich erstaunt:

»Aber das ist doch Zimmer 118. Ich dachte, er hatte 158 gebucht.«

Der Angestellte tat wichtig: »Der Ärmste muss sich wohl in seiner letzten Sekunde in der Nummer geirrt haben. Denn in der Tat hat er am Beckenrand der Therme dem Bademeister »158« zugeflüstert.«

Eva blieb in der Mitte des Raumes stehen. »Kannten Sie das Mordopfer?«

»Nein. Ich habe Herrn Leonhard noch nie in diesem Hotel gesehen.«

Nachdenklich wiederholte Eva in Gedanken diese neue Information. Irgendwie könnte sie von Bedeutung sein. Vielleicht aber auch nicht.

 

Nach einem ziemlich knappen Mittagessen, das lediglich aus einem kleinen Salatteller bestanden hatte, schlenderte zeitgleich die groß gewachsene, schlanke Barbara Berger im hellbeigen Wintermantel eine belebte Einkaufsstraße des Kurortes entlang. Ihre Gedanken waren abgeschweift. Sie wechselten zwischen dem beabsichtigten Kauf einer Handtasche und dem merkwürdigen Erlebnis in Zimmer 157, das sie zur Zeit des Mordes an dem Schweizer Denis Leonhard im Luxushotel BAYERN-Inn bewohnt hatte. Sie war am Tag des Mordes an D. Leonhard gegen zwei Uhr morgens durch ein undefinierbares Geräusch aufgewacht, hatte kurz die erregte, raue Stimme einer männlichen Person gehört, dann ein gurgelndes Stöhnen, ein dumpfes Poltern und Sekunden später lautes Türenschlagen. Sie war in jener Nacht heftig erschrocken. Hastig war sie aus dem Bett gesprungen, hatte rasch den Bademantel übergeworfen und war zur Tür gerannt um zu lauschen. Doch da war die Ruhe schon wieder eingekehrt. Beim Frühstück gegen zehn Uhr hatte sie allerdings geglaubt, im Stimmengewirr des Frühstücksraumes die markante, maskuline Stimme noch einmal zu hören. Neugierig hatte sie sich umgesehen, aber nur eine harmlose Gruppe Männer wahrgenommen, die fröhlich zum benachbarten Tisch grüßten. »Wie dumm von mir.« Sie war über sich selbst wütend. »Vielleicht hatte sich in der Nacht nur ein alkoholisiertes Pärchen gestritten und ich mache mir darüber Gedanken.« Am Nachmittag desselben Tages hatte sich aber dann die erschreckende und zugleich sensationelle Nachricht wie ein Lauffeuer im Kurort ausgebreitet: Ein Kurgast des BAYERN-Inn, der erst am Morgen eingecheckt war, soll wenig später am Beckenrand der Therme verstorben sein. Er war wahrscheinlich ermordet worden! Kurz danach waren die Paparazzi wie ein Heuschreckenschwarm im Kurort eingefallen und hatten sich auf fast alle umliegenden Hotels, Pensionen und Privatunterkünfte verteilt. Alle Gäste hatten damals nur noch ein Thema und viele Vermutungen. Und irgendwer aus der Regenbogen-Presse erfand für das sehr angesagte, hochmoderne Fünf-Sterne-Nobelhotel BAYERN-Inn die geschäftsschädigende Bezeichnung »Mord-Hotel«.

Abrupt blieb Barbara Berger stehen. Im Schaufenster vor ihr lag die Handtasche, auf die sie schon vor Tagen ein Auge geworfen hatte. Aber noch bevor sie das Geschäft betreten konnte, rief von der gegenüberliegenden Straßenseite eine Stimme: »Hallo Frau Berger, einen kleinen Moment bitte!« Und schon stand die gut gelaunte Eva Bauer vor ihr. »Haben Sie auch Lust auf eine Tasse Kaffee?«

Unschlüssig blickte Barbara Berger auf den goldfarbigen Knauf der Eingangstür, auf den sie bereits ihre Hand gelegt hatte. »Eigentlich wollte ich hier eine Handtasche kaufen.«

»Lassen Sie sich nicht davon abhalten«, lächelte Eva Bauer. »Der Kaffee kann warten.«

Während Barbara Berger zustimmend nickte, in das Geschäft eintrat und sich umsah, blieb Eva Bauer sehr zufrieden am Schaufenster zurück. Ihr war ein kleines und recht gemütliches Café bekannt, das außerhalb des Kurortes in idyllischer Landschaft lag. Sie wollte Frau Berger einladen und das Gespräch vom Vormittag fortsetzen. Nur zu gerne hätte sie gewusst, was genau Frau Berger dazu bewogen hatte, aus dem BAYERN-Inn in das HAUS BERNSTEIN umzuziehen. Möglicherweise waren diese Informationen für Evas Auftrag von Bedeutung.

 

Das wie verzaubert wirkende Café »Zum alten Forsthaus« lag ungewöhnlich malerisch unter hohen und tief verschneiten Bäumen. Obwohl, oder vielleicht weil es so abgelegen war, wirkte es auf viele Kurgäste wie ein Magnet. Unter den Einheimischen hingegen galt es hinter vorgehaltener Hand als das »geheimnisvolle alte Forsthaus«, um welches sich einige schaurige Legenden rankten. Man hütete sich aber, den Gästen auch nur eine davon zu erzählen.

Die kleinen und meist vollbesetzten Räumlichkeiten dieses uralten, aber mit viel Geschick renovierten Hauses, vermittelten ein Gefühl der Verschwiegenheit und des Geborgenseins. Ein großer gemauerter, weiß gekalkter Kachelofen verbreitete wohlige Wärme. Und ein dezenter Blick in die ungewöhnlich modern ausgestattete Backstube legte deren kompromisslose Sauberkeit offen. Das Zentrum des heimelig dekorierten Kaffeehauses bildete jedoch die Kuchen- und Tortentheke. Ihr Anblick ließ die Herzen der Genießer höher schlagen und die Kurgäste zugreifen. Eva klopfte im Eingangsbereich des Hauses den Schnee von den Stiefeln und Barbara schüttelte die Eiskristalle aus ihrem dunkelblonden Pagenschnitt. Beide überreichten der Garderobenfrau ihre Mäntel und setzten sich in einem der gemütlichen kleinen Räume an einen Fenstertisch. Eva hatte ihre Leidenschaft, den doppelstöckigen Mohnkuchen, bereits geordert, aber Barbara Berger war immer noch unschlüssig. Zögernd legte sie schließlich die Kuchen- und Getränkekarte auf die königsblaue Tischdecke zurück. Sie hatte sich für Tee und einen Diätkuchen entschieden.

Eva war überrascht. »Sind Sie denn wegen einer Erkrankung zur Schonkost gezwungen?«

Frau Berger verneinte. »Ich achte nur sehr auf meine Figur.«

»Mir ergeht es nicht anders«, gestand Eva. »Aber wenn ich Ihnen raten darf: Genießen Sie die Annehmlichkeiten der Kur und kontrollieren Sie sich daheim.«

Barbara Berger war skeptisch. »Das ist leider nicht möglich. Ich bin Wirtschaftsprüferin und kann nicht gleichzeitig arbeiten und fasten. Da streikt mein Gehirn.«

»Machen Sie vielleicht nur heute eine Ausnahme?«

Eine kurze Denkpause folgte. Dann erhob sich Barbara Berger auffallend schnell: »Gut, Sie haben mich überzeugt. Ich nehme Kaffee und sehe mich an der Kuchentheke um.«

Es dauerte wegen des Andranges zwar eine ganze Weile, aber dann wurde Barbara Berger eine Rumtorte serviert, die ihresgleichen suchte. Glücklich saß die Stuttgarterin auf einem weiß-blau gestreiften Sitzkissen. Ihr Kaffee duftete verführerisch und der Alkohol in der Torte lockerte ein wenig die angeborene Zurückhaltung. Hinter den kleinen Fenstern mit weißen, blau gepunkteten Vorhängen begann es schon wieder leise zu schneien. Sie unterhielten sich ziemlich lange und Barbara Berger erzählte ausführlich von ihrem Erlebnis in der Nacht vor dem Tod des Denis Leonhard. Eva war beeindruckt. Ihre Einladung schien sich gelohnt zu haben.

»Haben Sie denn Ihre Wahrnehmung der Polizei mitgeteilt?«

Barbara Berger wehrte ab: »Zum Glück nein!«

Eva war erstaunt. »Warum denn nicht? Vielleicht wäre dies wichtig gewesen.«

»Ich habe diesen Vorfall nur meiner Kosmetikerin Mariana anvertraut«, erzählte Barbara Berger weiter. »Diese versprach mir, einen Kontakt zu einem Rechtsanwalt Dr. Kessler herzustellen, der zufällig ebenfalls im BAYERN-Inn kurt und der gelegentlich das dem Hotel gehörende Kosmetikstudio aufgesucht haben soll. Als Jurist würde er mir sicher den richtigen Rat erteilen. Ich war natürlich einverstanden.«

Eva unterbrach ein wenig ungeduldig. »Wie kam dann dieser Kontakt zustande?«

»Dr. Kessler hat sich mir vorgestellt, als wir beide zufällig am nächsten Tag mit anderen Gästen und Katja, der Personal-Trainerin des BAYERN-Inn, eine Schneewanderung unternahmen.«

Evas Neugierde steigerte sich: »Und wie wertete er den Vorfall?«

Barbara zuckte mit der Schulter. »Er maß ihm, juristisch betrachtet, keine Bedeutung bei. Dennoch riet er mir dringend davon ab, mich der Polizei anzuvertrauen. Es könnte nämlich durchaus sein, dass ich, anstatt einen unbeschwerten Kuraufenthalt zu genießen, nur den unangenehmen Fragen der Mordkommission ausgesetzt bin. Aus beruflicher Erfahrung könne er nicht ausschließen, dass ich sogar mit Verdächtigungen gegen meine Person rechnen müsse.«

Eva fand diese Ansicht ziemlich übertrieben, unterließ aber eine Kommentierung.

»Und warum wechselten Sie schließlich das Hotel?«

Frau Berger zögerte kurz und nahm einen Schluck Kaffee. »Herr Kessler schlug mir vor, möglichst umgehend aus zu checken und die Kur in einem anderen Hotel ungestört fortzusetzen. Er selbst wollte für seine Person gleich von vornherein alle Unannehmlichkeiten ausschließen und sich daher umgehend in das HAUS BERNSTEIN zurückziehen.«

»Ein sehr merkwürdiger Ratschlag«, dachte Eva und fragte nach: »Und diesem Vorhaben schlossen Sie sich an?«

Barbara Berger lächelte verlegen. »Dr. Kessler sagte mir, dass er sich sehr freuen würde, wenn auch ich mich für dieses Haus entscheiden könnte und man sich so wieder träfe. Selbstverständlich war ich da geschmeichelt. Dieser Mann macht auf mich einen hervorragenden Eindruck. Ich habe sogar ganz stark das Gefühl, dass ich ihm nicht gleichgültig bin.«

Eva verstand. »Ja, er ist in der Tat ein beeindruckendes männliches Exemplar.«

Dann fuhr sie fort: »Hatten Sie denn im BAYERN-Inn das Gefühl einer persönlichen Bedrohung?«

»Aber nein«, beeilte sich Barbara Berger zu versichern.

»Ich kure seit Jahren regelmäßig in Bad Füssing und wohnte immer nur im BAYERN-Inn.« Sie senkte die Stimme. »Aber es ist sicher verständlich, dass ich als allein reisende Frau ungern weiterhin in einem Hotel wohnen wollte, in welchem möglicherweise im Appartement gegenüber der Mord an einem Kurgast vorbereitet worden ist. Auch bei dem Gedanken, dass sich der Mörder womöglich immer noch im Hotel aufhält, schauderte ich. Ein weiterer Verbleib stand für mich nicht mehr zur Debatte. Ich nahm Dr. Kesslers Einladung gerne an und zog um.«

Eva lehnte sich auf ihrem gemütlichen Stuhl zurück. Sie war von der Informationsfülle und natürlich auch ein wenig von Dr. Kessler beeindruckt.

Zufrieden stapften die beiden Frauen schließlich nebeneinander durch den knirschenden Neuschnee zurück in das HAUS BERNSTEIN, um sich für das vereinbarte Abendessen mit Dr. Kessler, Maria Werner und Margot Römer ansprechend zurechtzumachen.

 

Dieses Mal rauschte nur das Duschwasser viel länger als üblich. Eva versuchte, unter dem heißen Wasserstrahl zu kombinieren. Warum rief der Tote unmittelbar vor seinem Hinscheiden zwar den richtigen Namen seines Hotels, nannte aber, wie sie erst seit heute weiß, eine falsche Zimmernummer? Warum ist das erstklassige Personal des sogenannten »Mord Hotels« BAYERN-Inn so hochgradig genervt? Was weiß es? Was verschweigt es? Woran ist es evtl. sogar beteiligt? Eva schüttete großzügig Honigshampoo in ihre dunkelbraun getönten Haare und massierte mit kreisförmigen Bewegungen sehr sorgfältig die Kopfhaut. Im Kopfinneren dagegen kreiselten schwerwiegende Gedanken. Was bedeuten die Geräusche in den frühen Morgenstunden des Todestages von Denis Leonhard? Barbara Berger bewohnte Zimmer 157. Dieses liegt jenem mysteriösen Zimmer 158 gegenüber. Aber kam der Lärm denn tatsächlich aus 158? Andererseits kann die nächtliche Störung unmöglich mit dem Toten im Zusammenhang stehen. Wie Eva nun definitiv wusste, checkte der Schweizer erst sechs Stunden nach diesem Vorfall ein und erhielt Zimmer 118. Oder war sie hinsichtlich der Ankunft nicht richtig informiert? Fragen über Fragen. Sie wollte pünktlich sein, entstieg der Dusche und stand tropfend auf der gelben Badematte. Ihre Gedanken wechselten das Thema. Für diesen Abend, insbesondere aber für Dr. Kessler, sollte ihr Make up professioneller ausfallen. Der glatte Kurzhaarschnitt war für diesen Anlass zu schlicht. Sie frisierte ihr Haar besonders sorgfältig und dann stand sie überlegend vor dem Kleiderschrank. Warum Barbara Berger das Hotel gewechselt hatte war nun klar. Aber warum hielten es auch Maria Werner und Margot Römer für angebracht, das BAYERN-Inn zu verlassen? Was veranlasste aber vor allem Dr. Kessler, beim Eintreffen der Kripo-Sonderkommission sofort umzubuchen? Die Begründung, die er Barbara Berger gegeben hatte, war Eva zu fadenscheinig. Sie fragte sich: »Was muss passieren, damit ein Jurist das Weite sucht?« Noch merkwürdiger: Warum versammelte er alle in einer Gruppe unter seiner ganz offensichtlichen Kontrolle? Da läuteten in Evas Kopf alle Alarmglocken. Möglicherweise war es aber auch nur der Wecker, den sie gestellt hatte, um das Abendessen um 19 Uhr nicht zu versäumen. Pünktlichkeit war nämlich nicht immer ihre Zier.

Die mit dem Durchschnittsalter von Fünfzig schon ein wenig in die Jahre gekommenen Damen der Tischgemeinschaft entstiegen einem Taxi und schwebten gemeinsam, aufgepeppt und stilvoll im Kurrestaurant ein. In diesem hatte Dr. Kessler für 19 Uhr reserviert und erwartete sie bereits. Der Tisch war aufwendig und geschmackvoll dekoriert und auf jedem Gedeck für die Damen lag auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin und ohne Rücksicht auf die Jahreszeit eine rote Rose ohne Dornen. Die Mitte des runden Tisches zierte ein sehr auffälliges und wertvoll aussehendes, etwa 28 cm hohes, kunstvoll bemaltes Porzellan-Tanzpaar in Tangopose. Als seine weiblichen Gäste nahten, erhob sich der wendige, große und gut aussehende Mann, ging ihnen entgegen und begrüßte jede einzeln mit angedeutetem Handkuss.

»Was für ein Gentleman!« Eva lächelte in sich hinein. Dann rückte er jeder Frau den Stuhl zurecht und verkündete, noch ehe er selbst neben Barbara Berger Platz genommen hatte, dass er sich diese passende Gelegenheit nicht entgehen lassen möchte, um die Damen als seine Gäste zum Abendessen einzuladen. Die bewundernden Blicke der Frau Berger und die anhimmelnden der Maria Werner umschmeichelten ihn. Ein Schatten huschte daraufhin über Margot Römers schmales Gesicht.

Aus dem Abend der großen Erwartungen wurde ein Abend der Gaumenfreuden. Aber wenn Eva Bauer geglaubt hatte, nun auch Dr. Kessler ungeniert befragen zu können, hatte sie sich gewaltig geirrt. Dabei hatte alles so spannend begonnen. Das Menue war in Evas Fall wieder vegetarisch und schmeckte außergewöhnlich gut. Mehrfach hatte sie versucht, das Tischgespräch auf das BAYERN-Inn zu lenken, aber Dr. Kessler erwies sich als äußerst gewiefter Stratege. Er wich ihren Fragen überlegen aus und Eva wurde bald klar, dass dieses Thema in seiner Gegenwart tabu sein musste, damit sie nicht selbst in den Verdacht kam, ein persönliches Interesse zu verfolgen. Der grauhaarige, zurückhaltende Mann mit den klugen Augen wurde für sie von Minute zu Minute interessanter. Eva begann ihn genau zu studieren. Schließlich entschloss sie sich, in die weibliche Trickkiste zu fassen und Harmlosigkeit vorzutäuschen: »Waren Sie schon öfter hier im Ort zur Kur, Dr. Kessler? Und wie kommen Sie mit dem Thermalwasser zurecht?«

Bedächtig nahm der Angesprochene zuerst einen Schluck Wein, dann blickte er sie aufmerksam an: »Ja, ich war schon öfter in verschiedenen Kurorten. Man muss einen Überblick bekommen, welches Wasser und welches Klima man am besten verträgt.«

Eva bewunderte seine Diplomatie und hörte aufmerksam zu, was er zu Bayerns unterschiedlichen Thermen und ihre gesundheitliche Bedeutung zu sagen wusste. Dann entstand eine Pause, die Eva umgehend nutzte.

»Sind Sie noch berufstätig oder privatisieren Sie?«

Seine Miene blieb undurchsichtig. Er senkte den Blick und schob in aller Ruhe mit dem Messer die restlichen Gemüsestückchen auf seine Gabel. Margot Römer saß zu seiner linken Seite und sah ihn sehr aufmerksam an. Er blieb undurchschaubar: »Ich will mich nicht auf das Golfen und Thermalbaden beschränken, aber permanent im Arbeitsleben möchte ich auch nicht mehr stehen.« Eva brauchte einen kleinen Anlauf. Sie holte tief Luft und zog nach: »Sind Sie etwa alleinstehend?« Wie auf Kommando hefteten sich alle Blicke auf ihn. Er tat, als bemerkte er es nicht, schob sein Besteck zur Seite und philosophierte: »Man ist selten ganz allein. Nahestehende Menschen gibt es meist immer. Wirklich allein könnte man nur sein, wenn man diesen Zustand absichtlich anstrebte.« Margot Römer richtete sich auf und musterte ihn forschend. Sein Gesicht zeigte keine Regung und eine nachdenkliche Gesprächspause trat ein. Er schien die Absicht zu haben, sein Privatleben mit allen Mitteln zu verschleiern. Aber warum? War er womöglich verheiratet und musste einen Skandal vermeiden oder wollte er sich nur aufdringliche Frauen vom Leibe halten? Evas prüfender Blick in die Runde ergab, dass Barbara Berger und ganz besonders Maria Werner diese Frage liebend gerne beantwortet gesehen hätten, während der Blick Margot Römers zu Boden gesenkt war und ihre Finger eine Serviette zerknüllten.

Der Abend ging um 22.30 Uhr zu Ende. Schlagartig leerte sich das voll besetzte Restaurant. Dr. Kessler beglich die Rechnung und geleitete seine Gäste sicher auf dem zwischenzeitlich schneefreien Gehweg zurück in das belebte, warme Foyer des Vier-Sterne-Hotels HAUS BERNSTEIN. Dort sah er jeder der vier Frauen charmant in die Augen. »Ich bedanke mich sehr für den schönen Abend in Ihrer angenehmen Gesellschaft.«

Eva hätte wetten mögen, dass der auf sie gerichtete Blick ziemlich amüsiert war. Er hatte sie ganz offensichtlich ausmanövriert und freute sich darüber.

»Und wir bedanken uns für Ihre Einladung«, entgegnete die grauhaarige, ein wenig herb wirkende Maria Werner unverhohlen angetan. Dann reichten sich alle zum Abschied die Hand. Nur der Händedruck zwischen Dr. Kessler und Frau Römer schien Eva seltsam oberflächlich zu sein. Aber unbestritten ist, dass Eva Bauer schon oftmals irrte.

Zum Ausklang dieses Abends kuschelte sich Eva erneut in ihre weiche Lieblingsdecke im auffallenden Schottenkaro und lümmelte wie am Vorabend auf der bequemen breiten Sitzbank am Fenster ihres Hotelzimmers. Dieses Mal schneite es nicht Die Nacht war sternenklar und sie hatte freie Sicht auf die geheimnisvolle dunkle Silhouette des BAYERN-Inn. Wenn dieses Hotel tatsächlich etwas verbirgt, wird sie es finden. Dessen war sie sich beinahe sicher.

 

Ein neuer Tag war angebrochen. Eva war alles andere als eine Frühaufsteherin. Aber sie hatte sich schließlich überwunden und nach dem Motto »Der frühe Vogel fängt den Wurm« bereits um sieben Uhr in der großzügig gestalteten und durch drei Treppenstufen höher gelegten Leseecke im BERNSTEIN - Foyer Platz genommen, von der aus auch der Frühstücksraum gut eingesehen werden konnte. Ohne Zweifel hatte sie einen perfekten Beobachtungsposten gewählt. Sie gähnte noch ziemlich unausgeschlafen hinter vorgehaltener Hand und der aktuellen Passauer Neuen Presse vom Dienstag, dem 10. November. Mittlerweile hatte sie bereits alle lokalen Zeitungen vergeblich auf Informationen zum Mordfall Denis Leonhard durchgeblättert. Nun lehnte sie sich zufrieden auf ihrem Stuhl zurück und genoss die angenehme Atmosphäre des Hauses. Sie blickte sich um. Alle anwesenden Gäste hatten eine Lektüre zur Hand und waren darin vertieft. Aber eine Person, die nur wenige Tische von ihr entfernt saß, las in einer auffallend hoch gehaltenen Zeitung, als wollte sie sich hinter dieser verbergen. Eva hatte ein fotografisches Gedächtnis und sah nun genauer hin. Die sichtbaren Körperteile konnten nur zu Margot Römer gehören. Plötzlich hellwach und ziemlich neugierig geworden, blätterte Eva noch bis 7.30 Uhr in verschiedenen Gazetten und blickte dazwischen immer wieder auf Margot Römer, deren Körperhaltung sich kaum veränderte.

Punkt sieben Uhr dreißig trafen am gewohnten Tisch im Frühstücksraum Maria Werner und Barbara Berger ein. Dr. Kessler unterhielt sich währenddessen im belebten Foyer ziemlich angeregt mit einer überstylten, übermäßig geschminkten, wasserstoffblonden Frau im Look der Marylin Monroe, deren aufdringliches Gelächter störend bis in den letzten Winkel, auch den der Leseecke, drang. Die »Süddeutsche« vor dem Gesicht Margot Römers sank schlagartig. »Die Welt« auf dem Tisch Eva Bauers schnellte hoch und Margot Römer erhob sich gelassen. Sie postierte sich ruhig neben Dr. Kessler und hakte sich vertraut bei ihm unter. Dann blickte sie herablassend auf sein weibliches Gegenüber und höhnte: »Selbst wenn Sie diesen Mann bis zum St. Nimmerleinstag verfolgen, Gnädigste, Ihr Schnabel bleibt trocken.«

Kesslers Haltung war bewundernswert. Mit einer kleinen Geste der Verabschiedung zur überraschten und nun verstummten Blondine wandte er sich ab und schritt mit undurchsichtiger Miene – und Margot Römer am Arm – in den Frühstücksraum. Barbara Berger und Maria Werner blickten ihnen bereits neugierig entgegen.

Einer spontanen Eingebung folgend erhob sich auch Eva Bauer.

»Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche«, wandte sie sich an die zur Salzsäule erstarrte, ca. 55-jährige Frau: »Sind Sie etwa auch eine Bekannte Dr. Kesslers?« Ein intelligenterer Gesprächseinstieg war Eva auf die Schnelle nicht eingefallen.

Die Blondine seufzte und strich mit der Hand über die kunstvoll aufgesteckte Mähne: »Ich war jahrelang seine Mandantin und würde ihn gerne auch privat näher kennenlernen. Er weiß das auch. Aber dieses penetrante Weib verhindert regelmäßig, dass er mehr als nur einen persönlichen Satz mit mir spricht.«

Der etwas ordinär aussehende, aber dennoch echte und offenbar sehr teure Ohrschmuck funkelte im empörten Zucken ihres Kopfes. »Sie muss von meinen Gefühlen für ihn im indiskreten Kosmetikstudio des BAYERN-Inn erfahren haben, das ich regelmäßig aufsuche. Dort lässt sich diese unverschämte Person leider ebenfalls behandeln.«

Die Gekränkte wandte sich grußlos ab und Eva sah ihr nach. Eine Serviererin ging in diesem Moment vorüber und Eva berührte spontan deren Arm: »Bitte verraten Sie mir doch wie diese Dame heißt.« »Das ist Johanna Bi. Ländinger.«

»Gut«, dachte Eva, »den Namen werde ich mir merken. Im Kosmetikstudio des BAYERN-Inn laufen scheinbar interessante Informationen zusammen. Ich werde wohl nicht umhin kommen, es mit einem Besuch zu beehren. Und das gleich nach dem Frühstück.«

Von dieser Absicht erwähnte Eva auch gegenüber der Frau Berger kein Wort, als sie einvernehmlich mit der Gruppe frühstückte.

Kessler wirkte irgendwie abwesend und verhielt sich auffallend distanziert. Kein Wunder, nach dieser Blamage!

Eva grübelte beim Kaffee der Frage nach, was der Auftritt der Römer bedeuten könnte und warum sich Kessler nicht zur Wehr gesetzt hatte. Aber Dr. Kesslers zwischenmenschliche Beziehungen sollten ihr gleichgültig sein. Der ihr intern erteilte Auftrag lautet, ausschließlich den Tod des D. Leonhard inoffiziell aufzuklären.

Nachdem die Gruppe noch rasch auf die Anregung Frau Römers hin vereinbart hatte, sich bereits um 18 Uhr zum gemeinsamen Abendessen im Restaurant des BERNSTEIN einzufinden und im Anschluss daran ein Tanzlokal aufzusuchen, ging man auseinander.

Dr. Kessler wirkte plötzlich besänftigt. Er war wieder ganz der interessierte Kavalier, der seine Tischdamen nun höflich in das Foyer des BERNSTEIN begleitete und dann allein in den Lift stieg.

 

Das Kosmetikstudio im BAYERN-Inn war ein hoteleigener Betrieb und befand sich im ausgedehnten, bis ins Detail ausgeklügelten Wellnessbereich, der im Sommer in den idyllischen Garten mündete. Im Treppenhaus des Hotels musste man nur dem angenehmen Parfumduft folgen, der wie ein Wegweiser in die phantasievolle Schönheits-Traumwelt lockte, die allerdings ihre Werbeversprechen nicht immer hielt.

Ein auffallender Empfangstisch im Empire-Stil mit Flakons und eingerahmt von überladenen Kosmetikregalen signalisierte der Kundschaft, dass sie angekommen war. Eva sah sich um. Überraschend und zu ihrer großen Freude zeigte eines der riesigen Werbe-Poster an den Wänden ihre Nichte Lea als amtierende Bayerische Jugendmeisterin im Damen-Golf, die neben ihrer Schwester Luca einen Golfball einlocht. Stolz betrachtete Eva die kunstvolle Aufnahme. Dann wandte sie sich höflich der Kosmetikerin zu, die abwartend herangetreten war: »Guten Tag! Sie und das Studio sind mir sehr empfohlen worden.«

Das übertriebene Make-up der Angesprochenen erstrahlte und Eva fuhr fort.

»Ich bin heute zum Abendessen eingeladen und möchte dem Mann gerne in Erinnerung bleiben. Haben Sie zufällig einen Termin frei?«

»Aber ja, vor wenigen Minuten wurde der jetzige gecancelt.«

Eva nickte erfreut und die junge Frau stellte sich vor: »Ich bin Mariana und arbeite schon über ein Jahr in diesem wunderbaren Haus.«

Eva nannte ihren Namen und fragte: »Reicht die Zeit für eine Ganzkörper-Behandlung?«

Mariana blätterte im tibetisch bebilderten Terminplaner und nickte. »Wir beginnen mit einer kleinen, auflockernden Massage.«

Eva entkleidete sich teilweise und schwang sich in den ergonomisch ausgerichteten Behandlungsstuhl.

Als Mariana zwei Stunden später die Gesichtsbehandlung zelebrierte, war Eva trotz der einschläfernd wirkenden, fernöstlich klingenden Hintergrund-Entspannungsmusik hellwach und kannte nun den internen Klatsch des letzten halben Jahres aus dem BAYERN INN und ebenso den aus dem Kurort. Mariana berichtete sogar von Vorkommnissen, die lange vor ihrer Zeit im Hotel stattgefunden hatten. Diese Informationen hatte sie von zwei indiskreten weiblichen Angestellten aus der Chefetage des BAYERN-Inn erhalten und mit Gratisbehandlungen, die von der Geschäftsleitung ausdrücklich untersagt waren, belohnt.

Eva war von der grünen Algenmaske begeistert und unter dieser schwer erschüttert.

 

Wie Dreißig aussehend traf sie danach in ihrem Hotelzimmer im BERNSTEIN ein, setzte sich an den Schreibtisch und versandte folgende E-Mail an ihre Auftraggeber:

»Liebe Gastro- und Geschäftsfreunde, in der Tat haben wir uns nicht umsonst Sorgen gemacht. Es ist sehr wichtig, der Sache um unser BAYERN-Inn umfassend auf den Grund zu gehen. Die Informationen, die ich gestern und vor allem heute Vormittag gesammelt habe zeigen, dass unsere geheimen Befürchtungen noch übertroffen werden könnten. Beste Grüße, Eva.«

Sie klappte das Notebook zu und warf einen Blick auf ihre dekorative Armbanduhr. Für ein Mittagessen an diesem Dienstag war es schon ein wenig spät. Aber für einen schnellen Snack reichte die Zeit noch. Eva bestellte im hauseigenen Restaurant des BERNSTEIN eine Gemüseplatte mit einem kleinen, alkoholfreien, bayerischen Bier.

Während sie interessiert die Details der ungewöhnlichen Innenausstattung bewunderte, wankte plötzlich ein kreidebleicher Dr. Kessler im exakt sitzenden grauen Trainingsanzug durch die Verbindungstüre aus dem Foyer herein. Er blickte sich suchend um, stürzte auf Eva zu und ließ sich neben ihr auf einen Stuhl fallen.

»Ich hatte sehr gehofft, Sie hier anzutreffen«, keuchte er.

Eva konnte das nicht glauben. »Mich?«

»Exakt Sie!«

»Wie das?«

Sie wartete vergeblich auf die Beantwortung dieser Frage. Stattdessen zog er ein Handtuch aus der Badetasche und trocknete sein erschöpft wirkendes Gesicht.

»Ich komme soeben vom Kurmittelhaus. Denken Sie nur! Der Bademeister, der das Mordopfer Denis Leonhard hatte retten wollen, ist vor einer halben Stunde an gleicher Stelle tot am Beckenrand der Therme zusammengebrochen! Was sagen Sie zu dieser Parallele?«

»Das kann kein Zufall sein«, murmelte Eva fassungslos und Kessler nickte zustimmend. »Das meine ich auch. Da muss es einen Zusammenhang geben. Nur welchen?«

Dr. Kessler war schwer mitgenommen: »Ich denke, dass der Bademeister über irgendwelche Informationen, den Tod des Herrn Leonhard betreffend, verfügte und nun – von wem auch immer – aus dem Weg geräumt wurde.«

Eva wollte sich keiner Spekulation öffnen. »Das kann natürlich sein, aber sollte man nicht zunächst das Ergebnis der Obduktion abwarten?«

Kessler nickte. »Natürlich, aber dennoch muss man befürchten, dass jede weitere Person, die möglicherweise über interne Informationen zum Mordfall Leonhard verfügt oder etwas ahnt, demnächst über die Klinge springt.«

Eva wollte ihn beruhigen, aber Kessler fuhr fort: »Ich persönlich glaube ja nicht, dass Herr Leonhard seine ausschlaggebende Verletzung im BAYERN-Inn erhielt. Ich vermute vielmehr ein Vorkommnis in der Therme selbst. Das würde auch zu meiner Theorie um den Tod des Bademeisters passen.«

Dr. Kessler schien sich wieder zu fassen. »Welche Meinung vertreten Sie, Frau Bauer?«

Eva war ein wenig verwirrt. »Ich verstehe nicht ganz was Sie meinen.«

Dr. Kessler sah sie sehr nachdenklich an und erhob sich. »Wir sehen uns dann beim Abendessen wieder.«

Eva war merkwürdig berührt. Nach außen wirkte sie zwar cool, aber innerlich tobte ein Sturm. Sie war am Sonntag wegen der Aufklärung des Todes von D. Leonhard angereist und nun hatte sich nur zwei Tage später ein weiterer, sehr ähnlicher Vorfall ereignet. Hatte der Bademeister über eine Information verfügt, die den Tod von Denis Leonhard betraf? War ihm das nun selbst zum Verhängnis geworden?

Eva brauchte dringend frische Luft. Obwohl bereits tief hängende Wolken den Himmel verbargen und damit baldigen Schneefall ankündigten, wanderte sie mit Schal und Mütze vermummt durch den verschneiten Kurort. Sie begegnete nur wenigen Gästen, da Winterkuren nicht so populär waren wie die im Sommer. Ihr persönlich sagte das heiße Thermalwasser in der kalten Jahreszeit sehr zu.

Während sie noch über die unerhörten Neuigkeiten aus dem Kosmetikstudio nachsann und in Grübeleien um den Tod des bedauernswerten Bademeisters versunken dahin schritt, überholte sie zwei Männer, die heftig debattierend stehen geblieben waren. Sie blickte kurz auf und zuckte erschrocken in den hohen Kragen ihres Mantels zurück. Das waren doch Fritz Krenner, der Direktor des BAYERN-Inn, und sein Restaurantleiter Siegel. Warum stritten sie sich auf offener Straße?

Der erwartete heftige Schneefall setzte ein und sie kehrte hastig um. Im Hotelzimmer beschloss Eva, sich in aller Ruhe für das Abendessen umzukleiden. Auf die Dusche wollte sie aus purer Eitelkeit verzichten. Dadurch hatte das kunstvolle Make-up aus dem Kosmetikstudio und damit ihr gutes Aussehen eine Chance, den Abend zu überleben. Ziemlich eitel stand sie einige Sekunden länger vor dem Spiegel als üblich und bedauerte, dass es Mariana nicht gelungen war, auch noch die überflüssige Stirnfalte weg zu zaubern.

»Aber wem sollte die schon auffallen?«, dachte sie. Die Frauen ihrer Gesellschaftsrunde im BERNSTEIN waren selbst nicht mehr taufrisch und es gab keinen Grund, für Dr. Kessler interessant zu sein. Eva errötete. Oder etwa doch?

Das Abendessen sollte heute im Restaurant des BERNSTEIN stattfinden. Da das Haus nicht völlig ausgebucht war, blieben genügend ansprechende Tische zur Wahl. Zum Glück! Denn Dr. Kessler hatte vergessen, reservieren zu lassen. Dies war sicher ziemlich ungewöhnlich für ihn, aber nach dem Vorfall in der Therme auch irgendwie verständlich.

Die Gruppe saß nun an einem üppig dekorierten Tisch am großen Fenster und hatte einen ungetrübten Blick auf die wunderschön beleuchtete Kulisse Bad Füssings mit seinen Hotels, Pensionen, Kaufhäusern und Privatunternehmen. An der Wand gegenüber loderten sehr stimmungsvoll die elektrischen Flammen in einer Kamin-Attrappe und verbreiteten ein Gefühl der wohligen Wärme. Es hätte alles so schön sein können. Die vier Frauen waren im Hinblick auf das zu erwartende anschließende Tanzvergnügen absichtlich overdressed und sahen nun wesentlich jünger, forscher und unternehmungslustiger aus. Das Umfeld passte vorzüglich, aber die Stimmung am Tisch ließ dank Dr. Kessler bald zu wünschen übrig. Er hatte sich offensichtlich wieder gefangen. Unbeeindruckt dozierte er während des Abendessens über die Entstehung des Kurortes und gab Anekdoten zum Besten. Vor allem aber: er ließ niemand zu Wort kommen. Frau Römer hörte höflich zu, stocherte in ihrem Gemüse und starrte hin und wieder in Gedanken verloren aus dem Fenster. Barbara Berger und Maria Werner genossen das Abendessen und lauschten höflich interessiert seinen Erzählungen. In Wahrheit verschwendeten beide aber mehr Aufmerksamkeit an seine tadellos gekleidete Person als an den Inhalt seiner Worte. Eva Bauer hingegen bewunderte die Fassung, die Kessler so schnell wieder erlangt hatte. Jeder vermied jedoch, über den verblichenen Bademeister zu sprechen. Dieser wurde im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen.

Nach der Beendigung des Abendessens brachen sie auf, um endlich den vereinbarten Tanzabend zu genießen. Vor der Hoteltüre war bereits ein gepflegter Kleinbus der Firma Fahrdienste H. Peter aus Pocking vorgefahren. Das einige Kilometer entfernte Tanzlokal war schnell erreicht und sie betraten erwartungsvoll das von Kurgästen und Einheimischen gleichermaßen äußerst gern und stark frequentierte PARADISO.

Der herbeigeeilte Kellner schien Dr. Kessler gut zu kennen und geleitete seine Gäste an einen bevorzugten Tisch, von dem aus das gesamte voll besetzte Lokal ziemlich gut überblickt werden konnte, soweit dies das gedämpfte Licht zuließ.

Überrascht starrte Eva auf die riesige Wand hinter der weiß gekleideten Vier-Mann-Tanzkapelle, die großformatig über die gesamte Fläche bemalt und indirekt angestrahlt war. Sie stellte im Großen exakt dasselbe auffällige Tanzpaar dar, das den Tisch beim gestrigen Abendessen im Kurrestaurant in der Porzellanausführung geziert hatte. Die Stimmung stieg und eine erwartungsvolle Spannung legte sich über die Gäste. Da verstummte die Musik wie auf ein geheimes Zeichen und dann erklang zu Dr. Kesslers Begrüßung ein Tangooo...

Der Geehrte schmolz dahin, erhob sich freudestrahlend und grüßte dankend in die Richtung des Kellners. Dieser lächelte verschmitzt zurück. Eva war überrascht. Was bedeutete diese offenkundige Ehrerweisung? Mit verklärtem Gesicht trat Dr. Kessler an den Rand der Tanzfläche und beobachtete mit Kennerblick die spontane Tanzeinlage des hiesigen Tangoclubs.

Ein anderer, fast gleichaltriger und ebenfalls ziemlich gut aussehender Mann tauchte währenddessen unvermittelt aus dem roten Schummerlicht auf und nutzte seine Chance. Er verneigte sich vor Margot Römer und bat sie um diesen Tanz. Maria Werner blickte erstaunt auf das Paar, aber Eva und Barbara überraschte das ganz und gar nicht. Margot Römer war eine schlanke, schwarzhaarige, auffallende Frau um die Achtundvierzig, die offenbar ziemlich viel wertvollen Schmuck besaß und dies auch gerne zeigte. Sie wandte sich dem Kavalier sofort zu und zum ersten Mal an diesem Abend zog ein Lächeln über das schmale, schöne Gesicht, so als hätte sie soeben einen lieben Bekannten getroffen. Dann folgte sie ihm in ihrem eng anliegenden, aufreizenden roten Kleid auf sehr hohen Absätzen – knapp an Dr. Kessler vorbei – auf die Tanzfläche. Dessen Mimik verfinsterte sich spontan.

Als Frau Römer von ihrem Verehrer an den Tisch zurückgebracht wurde, erhob sich Kessler von seinem Stuhl und fauchte ihn in Augenhöhe an: »Scheren Sie sich zum Teufel und suchen Sie Ihre Opfer woanders. Die Damen in meiner Gesellschaft sind für Sie tabu!«

Ungerührt verbeugte sich der Beschimpfte vor seiner Tanzpartnerin und verließ seelenruhig die Szene.

Frau Berger und Frau Werner schauten sich entgeistert an. War das der immer höflich auftretende Dr. Kessler? Was war denn in den gefahren?

Kessler wandte sich Frau Römer zu und herrschte sie an: »Haben Sie denn immer noch nicht bemerkt, dass dieser Kerl nur an Ihrem Schmuck interessiert ist? Der weibliche Instinkt und Ihre berufliche Erfahrung sollten Sie schon längst gewarnt und Ihnen gesagt haben, dass es sich bei diesem aufdringlichen Mann um einen Heiratsschwindler handelt!«

Frau Römer antwortete nicht.

Der Kellner erschien mit den bestellten Getränken und Dr. Kessler übernahm die Zeche.

Die eisige Stille am Tisch war nur durch die fetzige Tanzmusik erträglich. Um die Situation zu entschärfen, erhob sich Kessler, knöpfte sein Jackett zu und bat Frau Römer, als Friedensangebot sozusagen, um den nächsten Tanz. »Sie haben mich soeben vor Heiratsschwindlern gewarnt«, biss sie zurück. »Ich werde dies beherzigen und muss daher künftig auch Ihnen einen Korb geben.«

Drei imaginäre, große Fragezeichen schwebten über den anderen weiblichen Köpfen. Was wollte Frau Römer damit sagen?

Nach langen Minuten des erneuten Schweigens und eines dadurch entstandenen unguten Gefühls in der Runde fragte Dr. Kessler, ob man diesen Abend aus Pietätsgründen mit Blick auf den neuen Mordfall – diesmal am Bademeister – gemeinsam abbrechen und bei besserer Gelegenheit nachholen sollte.