Augustus - Karl Galinsky - ebook

Augustus ebook

Karl Galinsky

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Opis

Augustus ist einer der bedeutendsten Herrscher der Weltgeschichte – und einer der faszinierendsten zugleich! Er setzte dem Jahrhundert der Bürgerkriege ein Ende und schuf die als Pax Augusta bekannte langanhaltende innenpolitische Friedenszeit. Nach außen hin stabilisierte er das Reich durch die Sicherung der Grenzen und vergrößerte es in einem später nie mehr erreichten Maße. Mit der Einführung des Prinzipats begründete er zudem eine neue Epoche der europäischen Geschichte. Karl Galinsky ist einer der international renommiertesten Kenner der augusteischen Zeit. Er geht in dieser packenden und prägnant geschriebenen Biographie dem Leben Augustus‘ bis zu dessen posthumer Vergöttlichung nach. Es entsteht ein lebendiges Bild von den Herausforderungen, Rückschlägen und Erfolgen, die Augustus‘ öffentliches wie auch privates Leben prägten.

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filiis meis

Karl Galinsky

Augustus

Sein Leben als Kaiser

Aus dem Englischen von Cornelius Hartz

 

 

 

 

 

 

Impressum

Originalausgabe: Augustus. Introduction of the life of an emperor,First Edition was originally published in English in 2012.Copyright © Cambridge University Press 2012

Deutsche Ausgabe © 2013 Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt/MainzISBN: 978-3-8053-4677-1

Gestaltung: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. DonauUmschlaggestaltung: Jutta Schneider, Frankfurt am MainUmschlagabbildung: Büste des Augustus, um 40/50 n. Chr., Marmor, 43 cm; © akg-imagesDruck: betz-druck GmbH, Darmstadt

Alle Rechte vorbehalten.

Weitere Publikationen aus unserem Programm finden Sie unter: www.zabern.de

Lizenzausgabe für die WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), DarmstadtISBN: 978-3-534-26202-1

Umschlagmotiv: Augustus von Primaporta/Kopf, ProfilBild: © akg-imagesUmschlaggestaltung: Peter Lohse, Heppenheim

www.wbg-wissenverbindet.de

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-8053-4725-9 (Buchhandel)eBook (epub): 978-3-8053-4726-6 (Buchhandel)eBook (PDF): 978-3-534-73809-0 (für Mitglieder der WBG)eBook (epub): 978-3-534-73810-6 (für Mitglieder der WBG)

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Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Inhalt

Vorwort

1 Vom Kleinstädter zum Erben Caesars

2 Machtkämpfe und Bürgerkrieg

3 Politisches Experiment: das Prinzipat

4 Die Herausforderungen der pax Augusta

5 Augustus’ Freunde und Familie

6 Lebendige Kultur

7 Das Reich unter Augustus: Einheit und Vielfalt

8 Die letzten Tage und eine Bewertung

Stammbaum

Chronologie

Hinweis zu wichtigen antiken Quellen

Literaturverzeichnis

Personen- und Sachregister

Register der Textstellen und Inschriften

Bildnachweis

Karte 1. Das Reich unter Augustus und seine Provinzen.

Karte 2. Rom 14 n. Chr.

Vorwort

Augustus’ Lebensgeschichte ist genauso erstaunlich wie seine Leistungen. Als schwächlicher Jüngling von gerade einmal 18 Jahren betrat er die Bühne der Geschichte, als Caesar (an den Iden des März 44 v. Chr. ermordet) ihn, seinen Großneffen, der damals noch Octavius hieß, sozusagen posthum als seinen Erben einsetzte und ihn adoptierte. Hätte der junge Mann auf seine Mutter und seinen Stiefvater gehört und das Erbe ausgeschlagen – die Geschichte hätte einen anderen Verlauf genommen, und dieses Buch (und viele andere) wäre niemals geschrieben worden. Er hatte zu dieser Zeit in seinem Leben noch nichts geleistet, aber gerade einmal 13 Jahre später besiegte er Antonius und Kleopatra und hatte, in seinen eigenen Worten, „Macht über alle Dinge“. Er war der alleinige Herrscher des Römischen Reichs, das sich rund ums Mittelmeer erstreckte, und er gab dem Reich und seiner Kultur eine völlig neue Form. Im Laufe dieses Prozesses erfand er sich selbst immer wieder neu und wurde vom mörderischen Kriegsherrn, der keine Gefangenen machte, zum vorbildlichen, effektiven Führer, der Rom fast zwei Jahrhunderte politischer Stabilität bescherte. Keine Frage: Er war nicht nur eine Schlüsselfigur der klassischen Antike, sondern ist eine der wichtigsten Gestalten der Weltgeschichte überhaupt.

Angesichts seines tumultartigen Aufstiegs zur Macht, der Bandbreite seiner Maßnahmen und politischen Entscheidungen, seines immensen Einflusses und der vielen verschiedenen Seiten seiner Persönlichkeit kann man kaum erwarten (oder sich auch nur wünschen), dass Biographen und Historiker einer Meinung sind, sei es hinsichtlich der Vielzahl von Einzelfragen, die sich auftun, oder in Hinblick auf Augustus’ Leistungen insgesamt. Indes wollte er nicht anderen überlassen, darzustellen, was die Nachwelt von diesen Leistungen zu halten hätte, und so ließ er zu diesem Zweck die größte Monumentalinschrift der Römerzeit anfertigen, die Res Gestae. Diese Inschrift ist jedoch keine Autobiographie (eine solche schrieb er auch, sie ist leider verloren), und der Fokus liegt auch nicht auf persönlichen Details; seine Frau Livia zum Beispiel wird gar nicht erwähnt, obwohl sie einen außerordentlich großen Einfluss auf sein Leben besaß.

Das bringt mich zu der Entstehung dieses Buchs. Im Laufe der Jahre hatte ich mich mit vielen Aspekten der augusteischen Epoche beschäftigt. Für die Forschung ist dies eine äußerst faszinierende Zeit, wegen ihrer großen Kreativität, Dynamik und den vielen Dimensionen in allen Bereichen kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Lebens. Als meine Freundin Beatrice Rehl von der Cambridge University Press an mich herantrat und mir von ihrer neuen Buchreihe über Schlüsselfiguren der Antike erzählte, erhielt ich die Möglichkeit, mich auf Augustus’ Leben und Wirken zu konzentrieren. Davon handelt dieses Buch also größtenteils. Wie immer gab es aber auch eine besondere Herausforderung: Wie jeder Gelehrte weiß, ist es oft einfacher, längere Bücher als kürzere zu schreiben. Zu beinahe jedem Punkt in diesem Buch gibt es umfangreiche wissenschaftliche Debatten und Diskussion, angefangen mit der Herkunft und Zuverlässigkeit unserer Quellen. Jedem Satz, den ich schrieb, hätte ich drei oder vier weitere hinzufügen können, von wissenschaftlichen Fußnoten ganz zu schweigen. Die Reihe schrieb jedoch ein anderes Format vor, und so versuchte ich dem Rat zu folgen, den mir vor Jahren meine äußerst produktive Kollegin Erika Simon, die ich schon immer bewundert habe, gab: „souverän auswählen“ (und nicht zurückschauen). Das Buch hat das Ziel, eine prägnante und informative Einführung zu bieten, ein paar Akzente zu setzen und den Leser anzuregen, einzelne Themen weiter zu erforschen. Ein weiterer erfreulicher Schwerpunkt dieser Reihe ist aufzuzeigen, woher wir wissen, was wir wissen, daher die relativ große Anzahl an „Kästen“.

Ein paar Monate nachdem ich den Verlagsvertrag unterschrieben hatte, erhielt ich eine gut dotierte Auszeichnung von der Max-Planck-Gesellschaft für ein multidisziplinäres Forschungsprojekt über die Rolle der Erinnerung im antiken Rom. Die Konzeption und Durchführung des Projekts, an dem inzwischen etwa 30 Stipendiaten mitarbeiten, mit den Apparaten zweier staatlicher Universitäten in verschiedenen Ländern im Hintergrund, war eine weitere Herausforderung für mich. Ich bin diesem Sponsor jedoch überaus dankbar, dass er mich eine Zeitlang mit Bezahlung freigestellt hat, wovon dieses Buches eindeutig profitiert hat. Ich möchte zudem mehreren Personen für ihre mannigfaltige Unterstützung danken: Beatrice Rehl und Amanda Smith für ihre Beratung, dem/der Gutachter/-in des Verlags für seine/ihre konstruktiven Vorschläge, Peter Wiseman für seinen Rat bei einigen der kontroverseren Punkte sowie Darius Arya, Robert Daniel, Erica Firpo, Andrea Morgan, Stefan von der Lahr und Henner van Hesberg für ihre Hilfe bei einigen der enthaltenen Abbildungen. Mein größter Dank indes geht an Dr. Douglas Boin, dessen scharfes Auge das Manuskript in vielerlei Hinsicht verbesserte und dessen effiziente Hilfe bei einigen Forschungsproblemen und bei der Koordination der Genehmigungen für die Abbildungen unbezahlbar war.

Sis felicior Augusto, melior Traiano („Habe [noch] mehr Glück als Augustus und sei besser als Trajan“) – das war die Formel, mit der der Senat jeden neuen Kaiser nach Trajan bei Amtseinführung begrüßte. Ein Bereich, in dem Augustus sich nicht zu den Glücklichen zählte, waren seine Kinder. Er hatte keine Söhne und nur eine Tochter, und die bereitete ihm ebenso viele Probleme wie er ihr; umso vernarrter war er in seine Enkel, die aber beide früh starben. So bin ich felicior Augusto und als solchermaßen glücklicher Mensch widme dieses Buch meinen zwei wunderbaren Söhne und Freunden, Robert und John.

Karl Galinsky

1

Vom Kleinstädter zum Erben Caesars

Die Kindheit und Jugend einer Person, die man in unserer Zeit als die „prägenden Jahre“ ansieht, interessierten römische Biographen nicht annähernd so sehr wie ihre modernen Kollegen. Die Beschäftigung mit der Entwicklungspsychologie war bestenfalls gering; genau wie die meisten Figuren der antiken Literatur als voll ausgebildete Charaktere dargestellt werden, bei denen lediglich die verschiedenen Facetten ihres Charakters beleuchtet werden, so stellt auch die römische Kunst Kinder im Allgemeinen als kleine Erwachsene dar. Zuverlässige Informationen über die frühen Jahre im Leben des Augustus sind daher spärlich und konzentrieren sich auf einige grundlegende Daten, wie etwa seine Geburt, und auf bemerkenswerte Ereignisse wie die Grabrede, die er in jungen Jahren in Rom zu Ehren seiner Großmutter Julia hielt. Darüber hinaus gibt es (wie man es angesichts seiner späteren Prominenz auch erwarten darf) eine stattliche Anzahl von offenbar viel später erfundenen Ereignissen, die ihm zugeschrieben werden und von denen die meisten etwas mit Zeichen und Wundern zu tun haben – denn für solche gab es immer ein Publikum.

Augustus „erwacht zum Leben“

Doch wie immer gibt es auch hier die sprichwörtliche Ausnahme von der Regel. In diesem Fall ist es die etwa um 20 v. Chr. verfasste Biographie eines Zeitgenossen des Augustus, Nikolaos von Damaskus. Nikolaos, ein äußerst gebildeter Grieche, war nicht nur ein sehr vielseitiger Autor, sondern auch ein enger Berater Herodes’ des Großen und Teilnehmer diverser diplomatischer Missionen, und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass er auf einer dieser Reisen Augustus kennenlernte. Der vollständige Titel seines Werkes ist bezeichnend: Vom Leben des Caesar Augustus und seiner agōgē; das griechische Wort agōgē bedeutet „Erziehung“, „Bildung“, „Anleitung“. Angesichts der Bedeutung und des Einflusses von Augustus könnte man erwarten, dass ein solches Werk ein Bestseller geworden wäre, aber das war nicht der Fall. Tatsächlich wird es von keinem antiken Autor zitiert und verdankt sein (partielles) Überleben nur einem byzantinischen Herrscher des 10. Jahrhunderts n. Chr. Er ließ es exzerpieren und dieses Exzerpt dann noch einmal exzerpieren – die verschiedenen (mitunter stark verkürzten) Passagen wurden 53 Themenkategorien zugeordnet, wie „Tugend und Laster“ und „Verschwörungen gegen Könige“. Das Leben des Caesar Augustus, wie wir es heute daraus rekonstruieren können, bricht mitten in den Ereignissen ein paar Monate nach Julius Caesars Tod ab. Trotzdem muss man Nikolaos’ Werk eine große Bedeutung beimessen, denn es beruhte zu einem großen Teil auf der Autobiographie, die Augustus, der ewige Innovator, nicht etwa im Greisenalter verfasste, sondern mit Mitte dreißig. Unter dem Titel De vita sua ist diese Schrift ein weiteres Werk aus der Antike, das nicht erhalten geblieben ist. Sueton benutzte es noch, hat aber in seinem Leben des Augustus nirgends direkt daraus zitiert.

Nikolaos’ Leben des Caesar Augustus ist also die bei Weitem vollständigste Darstellung der frühen Jahre des Augustus, aber wie vertrauenswürdig ist es? „Bloß keinen Superlativ auslassen!“, scheint eine von Nikolaos’ Maximen gewesen zu sein, ist seine Behandlung des jungen Augustus doch geradezu hymnisch. Man erkennt darin den Tenor von Augustus’ eigener Vita: Immer wieder wird die Gerechtigkeit seiner Handlungen betont, was wohl nach 13 Jahren Bürgerkrieg auch nötig war, und sei es nur, um der Öffentlichkeit ein gewisses Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten zu vermitteln, jetzt, wo er Alleinherrscher war. Aber gerade bei Augustus als Kind und Heranwachsendem ist es unmöglich zu sagen, wo Augustus’ Vita aufhört und Nikolaos’ Phantasie beginnt. Mag sein, dass Nikolaos beschloss, noch dicker aufzutragen. Das Ergebnis ist ein Junge, der so vorbildlich erscheint, dass seine Redlichkeit in keinem Moment angezweifelt werden kann.

Dennoch können wir Nikolaos’ Werk verwenden, denn einige Themen, wie der Einfluss von Augustus’ Mutter, der Respekt des jungen Mannes gegenüber seinen Lehrern und seine kränkliche Verfassung – all das klingt durchaus authentisch. Es gibt genügend Material für einen Mittelweg zwischen einer nichtssagenden Zusammenfassung der feststehenden Daten und einer übertriebenen Nacherzählung von Nikolaos bzw. Augustus. Ein historisch akkurates Psychogramm wird sich daraus nicht ergeben, aber das ist nicht unbedingt ein Nachteil; der Hintergrund des späteren Kaisers wird mit Sicherheit einen Teil zu dessen Mentalität und dadurch zu bestimmten Haltungen und Handlungen beigetragen haben.

Augustus kam am 23. September zur Welt – einige Wissenschaftler sind seit Kurzem der Meinung, es sei der 22. September gewesen (siehe Kasten 1.1 mit Abb. 1.) –, und zwar nicht als Augustus, diesen Namen verlieh ihm der Senat erst im Jahre 27 v. Chr., sondern als Octavius. Dies folgte römischem Brauch: Die Familie, in die er hineingeboren wurde, waren die Octavii, und wie es oft der Fall war, gab man dem erstgeborenen (und wie sich in diesem Fall herausstellte, einzigen) Sohn den Vornamen des Vaters, Gaius (abgekürzt C). Die Familie stammte nicht aus Rom, sondern aus Velitrae (heute: Velletri), einer kleinen Stadt in Latium, etwa 25 Meilen südöstlich der Hauptstadt. Es kann gut sein, dass Octavius tatsächlich dort geboren wurde, auch wenn andere Quellen seine Geburt nach Rom verlegen, unweit vom Palatin, wo er später als Kaiser leben sollte; dies mag vom Versuch zeugen, ihn von der Wiege an mit Rom in Verbindung zu bringen. Wie dem auch sei, Rom gewann diesen „Kampf“ um den Geburtsort: In der Hauptstadt zeigte man Besuchern sein Geburtshaus, und man machte eine Art Heiligtum daraus, während alles, was die Touristen in Velitrae zu sehen bekamen, ein winziger Raum in der Familienvilla war. Dennoch kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass sich zumindest ein Teil der Jugendzeit des Octavius hier, in der Kleinstadt Velitrae, abspielte.

1.1. Augustus’ Sternzeichen: Warum Steinbock?

Abbildung 1. Denarius, geprägt in Spanien ca. 17–15 v. Chr., Münzkabinett Berlin.

Augustus wurde am 22. oder 23. September geboren. Sein Sternzeichen war also die Waage. Warum aber erscheint dann auf Münzen, Gemmen (wie der Gemma Augustea, vgl. Kasten 5.8), Schmuckstücken aus Glaspaste und architektonischen Verzierungen ausgerechnet der Steinbock als das Sternzeichen seiner Geburt? Der Steinbock war sein Mondzeichen, aber es gibt kaum Belege dafür, dass die Menschen in der Antike, geschweige denn die Herrscher, dem Mondzeichen Bedeutung beimaßen. Und doch bestätigen alle antiken Quellen, auch Augustus selbst, das Geburtsdatum im September – selbst Sueton (Augustus 94.12), der angibt, der Steinbock sei Augustus’ Geburtszeichen gewesen. Eine Erklärung für diesen scheinbaren Widerspruch ist, dass nach der durch Julius Caesar durchgeführten Kalenderreform Augustus’ Geburt rückwirkend auf die Zeit um die Wintersonnenwende gefallen wäre und somit der Steinbock sein Sternzeichen gewesen wäre. Eine andere Lösung ist, dass der Steinbock die Zeit der Empfängnis des Augustus bezeichnet, die gemäß einem antiken Arzt stets 273 Tage vor dem Geburtsdatum lag. Das könnte passen, selbst wenn wir die Tatsache berücksichtigen, die alle Eltern kennen, dass kaum ein Kind am zuvor berechneten Tag zur Welt kommt; diese Art zu rechnen war dennoch sehr selten, auch wenn sie im Zusammenhang mit Romulus’ Geburt begegnet und mit der Verbindung, die man zwischen dem Gründer Roms und Augustus herstellte.

Des Rätsels Lösung mag aber auch eine ganz andere sein: Tamsyn Barton (1995, S. 44) schreibt, dass das genaue Geburtsdatum den antiken Astrologen gar nicht so wichtig gewesen sei; sie waren durchaus bereit, das Horoskop den Umständen des Kunden anzupassen. Dass das Tierkreiszeichen Steinbock so beliebt war, ist bezeichnend für die augusteische Zeit; es war polyvalent und konnte ganz verschiedene Bedeutungen haben, je nachdem, wen man fragte – so wie der Begriff der „Freiheit“ in der Politik, der in Vergils Dichtung und am Altar des augusteischen Friedens (Ara Pacis) jeweils etwas anderes bedeutete. Außerdem verhieß der Steinbock Glück; tatsächlich ist der Steinbock im Horoskop für den 22. September zwar nicht das maßgebende Sternzeichen, aber er beeinflusst die glückverheißenden Aspekte. Weitere Konnotationen sind die Herrschaft über den Westen und sogar die Rache an den Mördern Julius Caesars (über die Assoziation mit der Ermordung des Osiris, die von Horus gerächt wurde).

Letzten Endes gleicht der augusteische Steinbock dem Logo in einer modernen Werbekampagne. Typisch ist auch, dass seine Darstellungen eher verspielt und nicht allzu ernst daherkommen (wie z.B. auch der pummelige Amor und die gequetschte Schnauze des Delfins zu Füßen der berühmten Augustus-Statue von Primaporta, siehe Kasten 3.4). Die oben dargestellte Münze, geprägt in Spanien zwischen 17 und 15 v. Chr., illustriert dies sehr schön: Der Steinbock hält einen Globus zwischen den dürren Vorderbeinen, und über seinem Rücken schwebt ein Füllhorn.

HauptquellenT. Barton, „Augustus and Capricorn: Astrological Polyvalency and Imperial Rhetoric“, Journal of Roman Studies 85 (1995), S. 33–51.A. Schmid, Augustus und die Macht der Sterne (Köln 2005).

Das war eine Erfahrung, die er mit den meisten Einwohnern Italiens teilte; wie sich herausstellte, begriff er ihre Gefühle viel besser als die meisten Politiker aus der Stadt, und sein Sieg, wie Ronald Syme mit Recht betont, war ein Sieg der unpolitischen Klassen Italiens – wenigstens zum größten Teil. Natürlich gibt es keine „typisch“ italische Stadt – man neigt vielfach dazu, Pompeji in dieser Hinsicht zu überschätzen –, und die Geschichte von Velitrae verlief nicht isoliert, sondern stand unter dem Einfluss der verschiedenen Wechselfälle, Strömungen und Völker, die das Schicksal der italischen Halbinsel bestimmten. Zuerst einmal bestand Italien nicht aus „Italienern“ bzw. Italikern, geschweige denn aus Römern. Stattdessen lebte dort eine ganze Reihe von Völkern, Stämmen und Ethnien, die alle ihre eigene Kultur und Sprache hatten. Ein solcher Volksstamm waren die Volsker. Sie gründeten Velitrae, auch wenn die Latiner später behaupteten, sie seien die Stadtgründer gewesen. Wie dem auch sei, kurze Zeit nach 500 v. Chr. trat Velitrae dem Latinischen Bund bei, zu dem etwa 30 Städte gehörten, unter anderem Rom; bereits wenige Jahre später eroberte Rom Velitrae. Es gab jedoch immer wieder Unruhen, bis die Römer im Jahr 338 v. Chr. durchgriffen, die Befestigungen von Velitrae niederrissen und die Stadtväter mit ihren Familien zwangsumsiedelten, „auf die andere Seite des Tiber“ – und das war in jenen Tagen mit Sicherheit ziemlich weit. Wie viele andere Orte wurde aus der Stadt ein municipium unter römischer Kontrolle, und die dort lebenden Männer besaßen kein Wahlrecht. Das änderte sich nach dem Bundesgenossenkrieg (90–88 v. Chr.), als sich ganz Italien aufgrund eben dieses Problems von Rom lossagte. Erst ab da wurde Italien wirklich römisch.

Man darf annehmen, dass all dies – das Leben in einer Kleinstadt mit vielfältiger kultureller und politischer Geschichte, von der dort herrschenden Frömmigkeit ganz zu schweigen – die Ansichten des Octavius prägte. Das gilt auch für seine Familie, die nicht der römischen Aristokratie angehörte, weder durch Abstammung noch durch Vermögen. Es gab Mitglieder der Familie der Octavii in Rom, aber in welcher Beziehung sie zu den Octavii von Velitrae standen, wissen wir nicht. Allerdings waren Status und Snobismus keine unumgänglichen Voraussetzungen für ein bequemes Leben, und in ein solches wurde Octavius hineingeboren. Sein Großvater war „Bankier“ und Mitglied der städtischen Aristokratie von Velitrae; er hatte keine weiter gehenden Ambitionen und erreichte ein hohes, glückliches Alter. Sein Sohn, Octavius’ Vater, wollte höher hinaus. Der Reichtum der Familie qualifizierte ihn für den Senatorenstand in Rom. Der Vater begab sich auf den ehrenwerten cursus honorum (Ämterlaufbahn) und erreichte 61 v. Chr. den Rang des Prätors, das Amt direkt unterhalb der zwei höchsten römischen Beamten, der Konsuln. Er hatte den Posten für die traditionelle Frist von einem Jahr inne, dann verlieh man ihm die Würde des Statthalters von Makedonien. Auf dem Weg dorthin schlug er einen Sklavenaufstand in Süditalien nieder; noch größere militärische Erfolge feierte er in seiner Provinz, und sie qualifizierten ihn für einen späteren Triumph in Rom. Auch seine Zivilverwaltung war mustergültig; Cicero betrachtete ihn in dieser Hinsicht als Vorbild, im Gegensatz zu seinem etwas weniger vorbildlichen Bruder Quintus, der zu jener Zeit Statthalter der benachbarten Provinz Asien (in der heutigen Türkei) war.

Vater Octavius war jedoch nicht mehr in der Lage, seinen Triumph zu feiern – er starb ganz plötzlich, nach seiner Rückkehr nach Nola bei Neapel im Jahr 59 v. Chr. Er wurde etwa 42 Jahre alt. Bedenkt man die vorherrschenden Bedingungen hinsichtlich Gesundheit, Hygiene und des medizinischen Wissens – und das ist einer der wichtigsten Unterschiede zwischen der römischen Welt und der unseren –, war die Todesursache wahrscheinlich etwas ganz Banales wie eine Infektion. Im Allgemeinen nimmt man an, dass die durchschnittliche Lebenserwartung im Römischen Reich etwa 35 Jahre betrug; dass Väter und Mütter starben, als ihre Kinder noch im Säuglingsalter waren, war alles andere als ungewöhnlich (siehe Kasten 1.2). Ebenso üblich war, dass verwitwete Mütter schnell wieder heirateten. Octavius hatte nach dem Tod seiner ersten Frau Ancharia, mit der er eine Tochter, Octavia die Ältere, hatte, wieder geheiratet. Dann hatte er Atia geehelicht und zwei Kinder mit ihr gezeugt, Octavia die Jüngere, 69 v. Chr. geboren, und Octavius; Letzterer hatte also zwei ältere Schwestern. Atia heiratete im Jahr 58 v. Chr. Lucius Marcius Philippus, ein Mitglied des römischen Adels, der 56 v. Chr. Konsul wurde.

1.2. Die Lebenserwartung im alten Rom

Einer der Aspekte, in denen sich unsere Welt fundamental von der des alten Rom unterscheidet, ist die viel höhere Lebenserwartung, die wir heute in den entwickelten Ländern haben. In der Weltgeschichte ist dieser demografische Wandel eine relativ neue Entwicklung, die erst mit dem Durchbruch zum Tragen kam, den die wissenschaftlichen Entdeckungen von Forschern wie Louis Pasteur und Alexander Fleming mit sich brachten.

Gerade in der letzten Zeit hat man viel zur Lebenserwartung und Sterblichkeit im Römischen Reich geforscht; aufgrund der geringen Zahl an Belegen lassen sich angesichts einer so vielfältigen Bevölkerung, die in die Millionen ging, hierzu natürlich keine genauen Angaben machen. Grabinschriften und auch Skelettanalysen sind nicht der Weisheit letzter Schluss. In Analogie zu anderen vormodernen Bevölkerungen wird die Lebenserwartung bei der Geburt wahrscheinlich zwischen 20 und 40 Jahren gelegen haben, wobei die Mehrheit wohl am unteren Ende der Skala angesiedelt war. Verantwortlich dafür ist vor allem die hohe Kindersterblichkeit in Rom; man hat errechnet, dass von 100 Neugeborenen 30 starben.

Weitere Hinweise bietet uns ein Verzeichnis des römischen Juristen Ulpian (verfasst im frühen 3. Jahrhundert n. Chr.), das man als eine Art „Lebenstafel“ verwenden kann. Es geht aus von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa 21 Jahren ab Geburt; hatte man jedoch erst einmal das zehnte Lebensjahr erreicht, standen die Chancen gut, dass man noch etwa 35 Jahre weiterlebte. Doch galt das sicher nicht für alle Bewohner des Reichs, und es gab andererseits auch viele Menschen, die erheblich länger lebten – wie z.B. Augustus und sein Großvater. Man muss sich klarmachen – und auch dies ist nur eine ganz grobe Schätzung –, dass im Alter von 20 Jahren nur ein Fünftel der römischen Frauen noch einen Vater hatte. Die durchschnittliche Lebenserwartung wird heute meist als grundlegender Maßstab für Lebensqualität angesehen (vgl. Frier 1999, S. 89), und wenn wir vom „Goldenen Zeitalter“ des Augustus reden, sollten wir diesen Aspekt der Lebensbedingungen der Menschen nicht aus den Augen verlieren. Umso besser kann man allerdings auch verstehen, wie froh und erleichtert die Bevölkerung des Imperiums gewesen sein muss, als der jahrzehntelange verheerende Bürgerkrieg endlich beendet war.

HauptquellenB. Frier, „Roman Demography“, in: D. Potter (Hrsg.), Life, Death and Entertainment in the Roman Empire (Ann Arbor 1999), S. 85–109.T. G. Parkin, Demography and Roman Society (Baltimore 1992).

Familienbande

An dieser Stelle sollten wir kurz innehalten und uns das Netzwerk ansehen, in das der junge Octavius eingebunden war. Zwar war er ignobilis loco („nichtadlig per Herkunft“), wie sein späterer Rivale Marcus Antonius spöttisch anmerkte, aber das bedeutete nicht, dass er keine Verbindungen besaß. Octavius’ Ehe mit Atia verband nicht nur die beiden führenden Familien von Velitrae und der Nachbarstadt Aricia, sondern etablierte eine Verbindung mit zwei der mächtigsten Persönlichkeiten Roms: Atias Mutter Julia war eine Schwester Julius Caesars, und die Mutter ihres Mannes Atius war die Tante von Pompeius Magnus. Der Clan der Julier hatte in Rom schon lange großen Einfluss; er führte seinen Stammbaum bis auf Julus zurück, dem Sohn von Aeneas, dem mythischen Stammvater Roms aus Troja, dessen Mutter die Göttin Venus war. Wie andere römische gentes (Familien) hatten auch die Julier ihre Höhen und Tiefen durchlebt, und gegen Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. waren sie ein wenig in den Hintergrund getreten. Schon bald gewannen sie wieder an Profil, jedoch nur, um in den Bürgerkriegen zwischen Sulla und ihrem Verbündeten Marius einige wichtige Mitglieder der Familie zu verlieren. Ihr prominentester überlebender Spross, Julius Caesar (geb. 100 v. Chr.), ging während Sullas Proskriptionen in den Untergrund; im selben Jahr, in dem der kleine Octavius zur Welt kam, 63 v. Chr., kehrte Caesar unangefochten auf die politische Bühne zurück: Er wurde zum pontifex maximus gewählt und war damit verantwortlich für den weitreichenden Apparat der römischen Religion, die ein integraler Bestandteil des römischen Staats und seiner Politik war. Zur gleichen Zeit war Pompeius nach einer Reihe atemberaubender militärischer Siege praktisch so etwas wie Roms Statthalter im östlichen Mittelmeer und im Nahen Osten geworden. Er und Caesar taten sich vier Jahre später zusammen, um mit Crassus, Roms größtem Finanzier, das sogenannte erste Triumvirat zu bilden. Das Triumvirat sollte nicht Roms Verfassung außer Kraft setzen, vielmehr war es eine Art Junta, die die Staatsgeschäfte abwickelte. Das Bündnis zerbrach im Jahrzehnt darauf, während Rom und Italien in einer Menge Schwierigkeiten steckten. Bei seiner Rückkehr aus Gallien überquerte Caesar Anfang 49 v. Chr. den Rubikon, marschierte auf Rom und besiegte Pompeius im August 48 v. Chr. bei Pharsalos in Nordgriechenland.

Die Vaterfigur für den jungen Octavius, der in dieser turbulenten Zeit aufwuchs, war sein Stiefvater Lucius Marcius Philippus – auch er war alles andere als ignobilis. Die gens Marcia war eine der berühmtesten und am besten vernetzten Familien Roms. Im 3. Jahrhundert v. Chr. hatte sich eines ihrer männlichen Mitglieder anstelle des bis dahin üblichen Beinamens (cognomen) „Tremulus“ für „Philippus“ entschieden, wahrscheinlich als Hommage an Alexander den Großen, den Sohn Philipps II. Lucius Marcius war indes alles andere als ein kühner Feldherr wie Alexander; vielmehr tat er sich, als führendes Mitglied des römischen Senats, während der gefährlichen Partisanenkämpfe dadurch hervor, dass es ihm gelang, durch umsichtiges Manövrieren und sein weitreichendes Netzwerk jedem Ärger aus dem Weg zu gehen. Über Atia war er auch mit Julius Caesar verbunden, zugleich aber Schwiegervater des jüngeren Cato, eines der unerbittlichsten Feinde Caesars. Was eigentlich der Selbsterhaltung diente, sah für andere mitunter aus, als treibe er ein doppeltes Spiel; in der Öffentlichkeit aber galt er als vorsichtiger Mensch, der Fehltritte vermied und sich am Ende stets durchzusetzen vermochte. So erreichte er, dass sein beträchtliches Privatvermögen nicht der Proskription zum Opfer fiel – dem beliebtesten Mittel des politischen Fundraising im Rom der Bürgerkriege (vgl. Shakespeare, Julius Caesar, Akt 4, Szene 1).

Wenn wir, ohne diesen Punkt über Gebühr zu strapazieren, beurteilen wollen, wie diese verschiedenen Aspekte den künftigen Kaiser beeinflusst haben, ergibt sich folgendes Bild, das zumindest halbwegs realistisch scheint (auf seine Mutter und seine Lehrer werden wir noch zu sprechen kommen): Er war zwar in einer italischen Kleinstadt zu Hause und kannte die Denkweise der Menschen dort sehr gut, das galt aber auch für Rom, wo er die Vorgänge in der Politik von außen beobachtete und aus erster Hand erfuhr, in welch fragilem Zustand sich die Republik befand. Sein Großvater wird ihn dadurch beeindruckt haben, wie gut er mit großen Summen umgehen konnte, und sein Stiefvater demonstrierte ihm, wie man umsichtig durch politische Minenfelder navigierte und sich nicht allzu großen Gefahren aussetzte. Die Octavii gehörten nicht zum alten Adel, und Octavius’ Vater war, wie Cicero, einer der vielen „neuen Männer“ (novi homines), die aus eigener Kraft ihren Weg in höchste Regierungsposten fanden. Gleichzeitig hatte der junge Octavius über Marcius Philippus aber auch Zugang zum traditionellen Establishment. Dieser so vielfältige Hintergrund und die damit einhergehenden unterschiedlichen Erfahrungen – all das sollte ihm später zugutekommen.

Der Einfluss der Mutter

Auch seine Mutter leistete ihm gute Dienste. Während die gesetzlichen Rechte von Frauen im alten Rom nach modernen Standards eher gering waren (immerhin durften sie Testamente aufsetzen, Geschäfte abschließen und Bautätigkeiten in Auftrag geben), lag ihre wirkliche, durchaus beträchtliche Macht in der auctoritas – das bedeutet nicht nur „Autorität“, sondern auch „Durchsetzungsvermögen“ oder „Einfluss“. Im Gegensatz zur potestas, der gesetzlichen Verfügungsmacht, die sie ergänzte, lag ihr kein formales Regelwerk zugrunde; die auctoritas war viel weitreichender und dynamischer, Ausdruck einer materiellen, intellektuellen und moralischen Dimension der Initiative und Überlegenheit. Diese Qualitäten waren die traditionellen Attribute einer römischen mater familias, und da die auctoritas keine rechtliche, sondern eine kulturelle Einrichtung war, musste sie immer wieder neu bekräftigt werden – und wurde so ihrem Namen gerecht, der von augēre abgeleitet ist, was „vermehren“, „vergrößern“ oder einfach „immer weiter an etwas arbeiten“ bedeutet. Die Unterscheidung zwischen potestas und auctoritas bestand auch im öffentlichen Leben: Der römische Senat zum Beispiel war, im Gegensatz zu seinen modernen Pendants, kein Gremium mit legislativer Kompetenz, sondern übte seinen Willen mittels seiner auctoritas aus – und wie wir sehen werden, sollte die auctoritas auch zu einem entscheidenden Faktor in Augustus’ Herrschaft werden.

In diesem Licht betrachtet, kann die häufige Erwähnung seiner Mutter in den Erzählungen über seine Jugend kaum überraschen. Atia war eine Figur mit starker auctoritas. Sie beteiligte sich sehr intensiv an der Ausbildung des jungen Octavius, besprach sich mit seinen Lehrern und trat selbst dann noch als seine Beraterin auf, nachdem er 48 v. Chr. die toga virilis anlegt hatte, was den formalen Beginn des Erwachsenenalters markierte. Als er sich Ende 47 Caesars Feldzug in Afrika anschließen wollte, äußerste Atia große Vorbehalte, und Octavius blieb daheim. Und als er Anfang 45 nach Spanien ging, um Caesar zu treffen, wollte Atia ihn begleiten (wovon er sie schließlich abbringen konnte). Sie war indes nicht einfach eine besitzergreifende Person: Mit der Gesundheit und Konstitution ihres Sohnes stand es nicht zum Besten, und manchmal ignorierte er, wie wir sehen werden, seine Schwäche und brachte sich dadurch in Gefahr.

Auch trat Atia sofort nach Caesars Ermordung mit Octavius in Kontakt, als bekannt wurde, dass er Caesars Erbe sei. Sie hatte Sorge, dass man auch ihm nach dem Leben trachtete, und bat ihn, Zuflucht bei ihr und „ihrem ganzen Haus“ zu suchen, was verschiedene Wohnsitze einschließen kann. Ihr Mann Philippus riet Octavius sogar nachdrücklich, Caesars Erbe nicht anzutreten und sich für ein ruhiges Leben zu entscheiden. Aber es ist bezeichnend, dass Augustus in diesem Fall der Selbststilisierung, mag sie auch durch Nikolaos’ Biographie gefiltert sein, seiner Mutter einen Ehrenplatz einräumt. Ihre auctoritas setzt sich durch; sie erkennt Octavius’ großes Potenzial, sieht aber auch die großen Risiken und Gefahren, die vor ihm liegen. Daher rät sie ihm weder dazu, das Erbe anzunehmen, noch dazu, es abzulehnen, sondern überlässt die Wahl ganz ihrem Sohn; dennoch ist sie die Erste, die sich dafür ausspricht, dass er auch Caesars Namen annimmt. Sie bleibt die ganze Zeit über präsent, bis zu dem Punkt, an dem Nikolaos’ Bericht abbricht – zuletzt bei Octavius’ Entscheidung, nach Kampanien zu gehen, um aus Caesars Veteranen eine Privatarmee zu rekrutieren. Er will sie in die Entscheidung nicht einbinden, weil er, wie Nikolaos berichtet, der Meinung ist, dass „ihre mütterliche und weibliche Zuneigung ein Hindernis für seine großen Pläne“ wären. Stattdessen tut er ihr gegenüber so, als versuche er lediglich, ein paar Immobilien seines Vaters in der Region zu verkaufen. Doch leider ist er „nicht in der Lage, sie vollständig zu überzeugen“.

Bei alledem ist weniger die absolute historische Genauigkeit wichtig, als vielmehr das Bild, das Augustus von seiner Mutter und seiner Beziehung zu ihr zeichnet. Das allein verrät uns bereits einiges über den Einfluss, den sie auf ihn ausübte. Sie hatte einen wichtigen Platz in seinem Leben – selbst Tacitus, der nicht gerade ein begeisterter Anhänger von Augustus war, lobt sie dafür (Dialog über die Redner, 28.6) – und war jemand, dessen Ratschläge er sehr ernst nahm. Das Gleiche sollte in jeder Hinsicht für seine spätere Frau Livia gelten, Roms erste Kaiserin. Es kann daher kaum überraschen, dass Augustus der erste römische Staatsmann war, der Mütter und ihre Kinder auf einem öffentlichen Denkmal darstellen ließ, der Ara Pacis, dem Altar des augusteischen Friedens (vgl. Abb. 20).

Ausbildung

Da er in einem aristokratischen Haus aufwuchs, erhielt Octavius selbstverständlich eine erstklassige Ausbildung. Bezüglich seiner Lehrer erfahren wir aber auch von einem eher ungewöhnlichen Detail, das erneut seinen Respekt vor den Personen spiegelt, die an seiner Erziehung beteiligt waren. Den Elementarunterricht besorgte in Philippus’ Haushalt ein griechischer Sklave namens Sphairos, allerdings in enger Zusammenarbeit mit den Eltern – ein altbekanntes Erfolgsrezept und alles andere als eine moderne Entdeckung. Der grammaticus Sphairos lehrte den Jungen Lesen, Schreiben und Rechnen – und Griechisch, schließlich waren die römischen Aristokraten kosmopolitisch orientiert, und die griechische Kultur war bereits seit mehr als zwei Jahrhunderten integraler Bestandteil der römischen, eine Synthese, die in der Dichtung, der bildenden Kunst, der Architektur und Religion der augusteischen Zeit einen neuen Höhepunkt erreichen sollte. Wie andere Adelige auch, konnte Octavius/Augustus nie so fließend Griechisch sprechen wie ein griechischer Redner, baute aber ganz gewohnheitsmäßig immer wieder griechische Phrasen und Wörter in seine lateinische Korrespondenz ein und versuchte sich sogar an Gedichten auf Griechisch. Was Sphairos angeht, so schenkte ihm Octavius später die Freiheit und gewährte ihm im Jahr 40 v. Chr. sogar ein Staatsbegräbnis, obgleich er sich mitten in den Wirren des Bürgerkriegs befand.

Als Octavius zum Teenager herangewachsen war, erhielt seine Schulbildung einen deutlichen Schwerpunkt auf griechischer Philosophie und Rhetorik. Auch für diese Zeit kennen wir die Namen seiner Lehrer – Alexander hatte seinen Aristoteles, aber Octavius hatte ein ganzes Team. Seine beiden Philosophielehrer, Areios von Alexandria und Athenodoros von Tarsos (dem Geburtsort des Apostels Paulus) waren prominente Vertreter der führenden philosophischen Schule ihrer Zeit, des Stoizismus. Die Stoa setzte unter anderem auf ethische Verantwortung und betonte die göttliche Ordnung des Universums. Typischerweise waren diese Philosophen nicht weltfremd; Augustus blieb später mit beiden in Verbindung und beauftragte sie mit diplomatischen und administrativen Aufgaben auf Sizilien und im Osten. Ein weiteres Beispiel für diese fortgesetzte Nähe war, dass Athenodoros Octavia der Jüngeren, deren Sohn Marcellus mit gerade einmal 19 Jahren starb, eine seiner Abhandlungen widmete. Eine andere bezeichnende Episode erzählt davon, dass Athenodoros, der aus einem Teil der Welt kam, der von hellenistischen Monarchen regiert worden war, Sorge hatte, dass man sich Augustus allzu leicht nähern konnte. Um die Sicherheitslücken rund um den Kaiser zu verdeutlichen, verkleidete er sich einmal als Frau und wurde in einer überdachten Sänfte in Augustus’ Zimmer gebracht. Er sprang heraus, ein Schwert in der Hand, und schrie den Kaiser an: „Hast du keine Angst, dass jemand auf diese Weise zu dir kommt und dich tötet?“ Augustus reagierte laut Dio (56.43.2) folgendermaßen: „Weit davon entfernt, wütend zu sein, dankte er ihm für die Anregung.“ Das war die übliche Reaktion auf gut gemeinte Ratschläge eines alten Lehrers, und es scheint, als habe er daraufhin keinen Befehl erteilt, den Personenschutz zu verbessern. Später stellte er eine Leibwache ein, die aus mehreren Germanen bestand, doch nach dem Germanenaufstand im Jahr 9 n. Chr. entließ er sie wieder.

Eine professionelle Rhetorikausbildung war für jeden Römer, der in der Öffentlichkeit stand und eines der höheren Ämter anstrebte, eine conditio sine qua non. Ein Problem definieren und eine Rede konstruieren zu können, Vertrautheit mit literarischen Tropen und verschiedene Sprechtechniken – all dies waren Bestandteile der Kenntnisse und Fähigkeiten, die ein effektiver Redner systematisch zu meistern hatte. Selbstverständlich gab es dabei miteinander konkurrierende rhetorische Schulen und Praktiken. Zunächst war die Rhetorikausbildung ein Monopol griechischer Lehrer gewesen, doch zu Octavius’ Zeit boten bereits seit mehreren Jahrzehnten lateinische Rhetoriker ihre Dienste an, und er selbst hatte einen lateinischen und einen griechischen Lehrer. Beide waren führend auf ihrem Gebiet: Marcus Epidius, der auch Antonius und vielleicht sogar Vergil unterrichtete, und der noch berühmtere Apollodor von Pergamon, dessen Lehrbuch ins Lateinische übersetzt wurde und der einen klaren, direkten Stil befürwortete, frei von Schwulst und Künstlichkeit. Dass Octavius in der Lage war, ihm ansehnliche Summen zu zahlen, kann man daran ablesen, dass Apollodor seine Schule in Rom verließ und Caesars Schützling Ende 45 v. Chr. nach Apollonia (im heutigen Albanien) begleitete. Dort wollte Octavius vor einem geplanten Feldzug gegen den größten Feind Roms im Osten, die Parther, mit Soldaten Caesars trainieren; und dort erfuhr Octavius auch von Caesars Ermordung.

Diese Tatsache zeigt aber auch, dass Octavius regelmäßigen Rhetorikunterricht benötigte. Befehle zu geben und in der Öffentlichkeit zu sprechen fiel ihm nicht leicht, denn es schlug ihm leicht auf die Stimme. Doch es war typisch für ihn (und beispielhaft für sein ganzes Leben, nicht nur in Bezug auf die Rhetorik), dass er nicht aufgab und sein naturgegebenes Defizit mit Hartnäckigkeit auszugleichen verstand; Nikolaos berichtet sogar, dass Octavius ein ganzes Jahr lang auf Sex verzichtet habe, um seine Stimme und seine allgemeine Konstitution zu stärken (vgl. Kasten 1.3), vielleicht eines der besten Beispiele für den erfolgreichen Einsatz der Abstinenz, das wir kennen. Auch wenn Sueton und andere Historiker bezeugen, dass er gut aus dem Stegreif sprechen konnte, und nicht wenige der von ihm überlieferten Zitate seine Schlagfertigkeit beweisen (siehe Kasten 5.10), brachte er jede seiner Reden ganz methodisch zu Papier – im auffallenden Gegensatz zur damals gängigen Praxis. Indes war dies nicht das einzige Beispiel für seinen Hang zum Nonkonformismus.

Ein weiterer Aspekt seiner Ausbildung war das körperliche Training. In den frühen Jahren oblag diese Aufgabe in Rom in der Regel den Vätern oder ihren gesetzlichen Stellvertretern, später übernahmen Profis den Sportunterricht. Römische Adlige sollten als Offiziere in der Armee dienen und mussten im Nahkampf ausgebildet werden. Die körperliche Ertüchtigung umfasste Schwimmen, Reiten, Fechten und Speerwerfen. Doch auch hier machte ihm die Natur einen Strich durch die Rechnung: Neben anderen körperlichen Schwächen hatte Octavius ein schwächeres linkes Bein, das ihn manchmal hinken ließ, und er war krankheitsanfällig und neigte zu hitzebedingter Erschöpfung. Doch auch hier blieb er hartnäckig, auch wenn er es hin und wieder übertrieb und die Anstrengung ihn überwältigte, zum Beispiel als Caesar seinem gerade einmal siebzehnjährigen Großneffen (anstelle eines Magistrats) die Organisation der griechischen Spiele in Rom übertrug, die im Zusammenhang mit Caesars Triumphzügen abgehalten wurden. Der überlastete Octavius brach zusammen, wahrscheinlich aufgrund eines Hitzschlags, und musste einige Zeit das Bett hüten. Doch er lernte dazu: Es gab in seinem späteren Leben exponentiell mehr Fälle von großer Belastung, und dennoch lebte er für einen Römer der damaligen Zeit erstaunlich lange. Er wurde 76 Jahre alt, und das war zweifellos nur möglich mit einem gehörigen Maß Selbstdisziplin. Seine schwache Konstitution war für Octavius indes kein Hindernis für Beziehungen zum anderen Geschlecht, weder in seiner Jugend noch später in seinem Leben; Nikolaos berichtet ganz pflichtgemäß, dass Octavius’ Mutter auch in dieser Hinsicht ihre schützende Hand über ihn hielt, hübsch und begehrt, wie der junge Mann war (Kasten 1.3).

1.3. Nikolaos über den jungen Octavian

„Er ging an den üblichen Tagen zu den Tempeln, aber (erst) nach Einbruch der Dunkelheit, wegen seines jugendlichen Charmes, da er wusste, dass sich viele Frauen von seinem hübschen Äußeren und seiner edlen Abstammung angezogen fühlten; auch wenn er oft in Versuchung geführt wurde, scheint es, als habe er ihr nie nachgegeben. Nicht nur das wachsame Auge seiner Mutter, die ihn beschützte und jede Herumtreiberei verbot, wachte über ihn, auch er selbst wurde vernünftiger, als er heranwuchs. Während des Latinerfestes, als die Konsuln den Albaner Berg bestiegen, um die üblichen Opfer darzubringen, und die Priester die Aufgaben der Konsuln übernahmen, saß Octavius auf dem Tribunal mitten im Forum. Und es kamen viele Menschen mit rechtlichen Fragen zu ihm und viele, die gar kein Anliegen hatten, sondern lediglich den jungen Mann sehen wollten; denn er war sehenswert, vor allem, als er die Würde eines offiziellen Amtes bekleidete.“

FGrH (= Fragmente der griechischen Historiker, hrsg. von F. Jacoby) 90 F127.5

„Octavius lebte nüchtern und maßvoll; seine Freunde wissen noch etwas anderes über ihn, das bemerkenswert ist. Ein ganzes Jahr verzichtete er, in einem Alter, in dem Jugendliche, insbesondere solche aus reicher Familie, am meisten zu Ausschweifungen neigen, auf sexuelle Befriedigung, aus Rücksicht auf seine Stimme und seine körperliche Stärke.“

FGrH 90 F129

„Danach feierte Caesar seine Triumphe für die Kriege, die er in Libyen und anderswo geführt hatte, und er befahl dem jungen Caesar, den er inzwischen adoptiert hatte und der in gewisser Weise auch von Natur aus sein Sohn war, aufgrund ihrer engen Beziehung zueinander seinem Wagen zu folgen, nachdem er ihm militärische Auszeichnungen verliehen hatte – ganz so, als wäre er im Krieg sein Zeltgenosse gewesen. Und auch bei den Opferhandlungen und beim Betreten der Tempel behielt er ihn an seiner Seite, und er befahl den anderen, ihm den Vortritt zu gewären. Caesar hatte bereits den Rang des Diktators inne, den nach römischer Sitte höchsten Rang überhaupt, und er war im Staat hoch geschätzt. Der junge Mann war sein Begleiter im Theater und bei Banketten, und er erkannte, dass Caesar sich so freundlich mit ihm unterhielt, als wäre er dessen eigener Sohn. Er gewann mehr Selbstvertrauen als viele seiner Freunde, und Bürger baten ihn, bei Caesar als Fürsprecher für sie aufzutreten, in Angelegenheiten, bei denen sie Hilfe brauchten. Er wartete auf den günstigsten Augenblick, fragte respektvoll an und hatte Erfolg; er besaß großen Wert für seine Verwandtschaft, denn er stellte sicher, dass er Caesar niemals zu einem ungünstigen Zeitpunkt oder dann, wenn es Caesar verärgert hätte, um einen Gefallen bat. Und er stellte oftmals seine Freundlichkeit und seine angeborene Intelligenz unter Beweis.“

FGrH 90 F127.8

Wie viele andere herausragende Herrscher war Augustus jedoch kein Naturtalent. Seine intellektuellen Fähigkeiten waren zwar beträchtlich, jedoch wurden sie von antiken Schriftstellern in hagiographischer Absicht maßlos übertrieben. Nikolaos bietet mit dem Wunderknaben Octavius ein genaues Gegenbild zu Lukas’ Darstellung des jungen Jesus im Tempel (2.46–47): In einer Szene beantwortet der Siebzehnjährige auf ganz fachmännische Weise juristische Fragen, als er einen Tag lang den Stadtpräfekten spielt, während sich die Konsuln außerhalb Roms aufhalten (Kasten 1.3). Er war kein begabter Redner, und seine körperliche Verfassung war alles andere als gut. Dass er dennoch so erfolgreich war, lag daran, dass er mit diesen Schwächen umzugehen lernte und sie mit Entschlossenheit und durch permanente Anstrengungen zu kompensieren verstand. Dadurch erregte der Großneffe schon bald Julius Caesars Aufmerksamkeit, der ihn schließlich als seinen Erben einsetzen sollte.

Octavius und Caesar

Unsere Quellen wissen nichts von einem bestimmten Treffen oder Vorfall zu berichten, der Caesar die Qualitäten des Octavius offenbart hätte, und die moderne Forschung betont auch nicht annähernd genug, dass Caesar während dieser Jahre zumeist weit weg war von Rom. Zwischen dem Überschreiten des Rubikon in der Nacht des 11. Januar 49 v. Chr. und seiner Rückkehr aus Spanien, wo er Anfang Oktober 45 die letzte Armee seiner Gegner besiegte, war er nur selten in der Stadt – Ende 47 für zwei Monate und im Jahr 46 für etwa vier Monate. Octavius schloss sich Caesar in Spanien im Juni 45 an und reiste bereits im Herbst nach Apollonia ab, wo er blieb, bis Caesar starb. Sicher war sich Nikolaos dieser Lücken bewusst, und wahrscheinlich füllt er sie deshalb mit zahlreichen lebendigen Details, die Octavius’ Nähe zu Caesar dokumentieren sollen; doch hierin sollten wir ihm besser nicht folgen. Zudem waren viele von Octavius’ profilierteren Auftritten in der Öffentlichkeit, wie die Grabrede auf seine Großmutter Julia im Alter von zwölf Jahren (bei Nikolaos ist er fälschlicherweise sogar erst neun) oder seine Position als Stadtpräfekt für einen Tag im Alter von 17 Jahren keine so seltenen Ehren, dass man Caesars Zutun hineininterpretieren müsste (außerdem befand sich Caesar beispielsweise zur Zeit von Julias Begräbnis in Gallien). Andere indes schon, wie seine Aufnahme in die renommierteste römische Priesterschaft, das Kollegium der pontifices. Die pontifices hatten die Gesamtaufsicht über die römische Religion inne, die, wie bereits erwähnt, eng mit dem politischen Leben verflochten war. Es war ein Amt auf Lebenszeit, und bei Antritt war Octavian gerade erst 16 Jahre alt. Und dann war da noch seine Aufnahme in die Reihen der Patrizier, den höchsten Rang der römischen Gesellschaft, im Alter von 17 Jahren. Ferner übertrug Caesar Octavian, wie wir gesehen haben, die Organisation der wichtigsten Spiele, die normalerweise in den Zuständigkeitsbereich eines Magistrats fielen, und nach seiner Rückkehr aus Spanien ritt er zusammen mit Brutus hinter Caesars Wagen, direkt hinter Antonius und Caesar.

Das letzte und markanteste Beispiel der zunehmenden Bekanntheit und Prominenz von Octavius war, dass Caesar ihn zum magister equitum machte. Wörtlich bedeutet das „Meister der Reiterei“, und Octavius wurde ordnungsgemäß nach Apollonia geschickt, zum Manöver mit Caesars Legionen. Dennoch war dieses Amt traditionell eher ein politisches als ein militärisches. Der magister equitum war Stellvertreter des Diktators, einer Instanz in der römischen Verfassung, die für Notzeiten vorgesehen war; die Amtszeit war auf sechs Monate begrenzt. Doch wie so viele Bestimmungen der Verfassung, wie die jeweils auf ein Jahr begrenzte Amtszeit der Konsuln, war auch diese im Laufe des unruhigen 1. Jahrhunderts v. Chr. auf der Strecke geblieben; zum Zeitpunkt von Octavius’ Ernennung zum magister equitum befand sich Caesar in seinem fünften Jahr als Diktator, und an den Iden des Februar 44 v. Chr. erklärte man ihn zum Diktator für den Rest seines Lebens – das genau einen Monat später endete. Jedenfalls konnte es kaum einen Zweifel daran geben, welche Rolle Caesar Octavius zugedacht hatte.

Doch als Caesar Ende 45 v. Chr. seinen letzten Willen verfasste, erzählte er Octavius nichts davon. Das Testament sah vor, dass Octavius drei Viertel von Caesars Vermögen erbte (der Rest wurde zwischen zwei Neffen aufgeteilt) und seinen Namen annahm. Voraussetzung war jedoch, dass Caesar keinen Sohn hatte (sein Sohn mit Kleopatra, Caesarion, hatte keine Rechtsansprüche); im Falle, dass Octavius starb oder das Erbe ausschlug, sollte Marcus Antonius das Erbe antreten. Octavius erfuhr von all dem kurz nach den Iden des März aus einem Brief seiner Eltern. Nachdem er wieder in Süditalien gelandet war, erfuhr er weitere Details.

Erbe Caesars

Die Wahl, vor der Octavius stand, war tatsächlich monumental. Caesars Erbe zu sein – was genau würde das bedeuten? Den meisten seiner Zeitgenossen muss klar gewesen sein, dass es hier um mehr ging als einen privaten Nachlass, der lediglich Caesars Vermögen beinhaltete. Das Ganze hatte nämlich eine unmittelbare offizielle und weitreichende öffentliche Dimension: Dem Erben wurde auferlegt, den Hausherren der 250.000 Haushalte der römischen Plebejer je 300 Sesterzen auszuzahlen. Das war eine ungeheure Menge Geld, die dem Jahressold von fast 85.000 Legionären entsprach – ein wahrlich beispielloses Konjunkturprogramm. Und es gab noch weitere Verpflichtungen, die den Erben mitten auf die öffentliche Bühne stellen würden. Brutus und Cassius mochten triumphieren und von Befreiung reden – Tatsache war: Caesar war ermordet worden, und sein Erbe hatte die Pflicht, ihn zu rächen und die Mörder vor Gericht zu stellen. In dieser Hinsicht wie in vielen anderen Bereichen unterschieden sich die Sitten im alten Rom von unseren (einige moderne Interpretationen der Aeneis, des augusteischen Epos schlechthin, vernachlässigen solche Unterschiede leider), und dieses Problem nimmt in unseren Quellen zu Octavius’ Entscheidung einen prominenten Platz ein. Sie geben sich alle Mühe, es so darzustellen, als habe er sorgfältig abgewogen und sich von verschiedener Seite beraten lassen. Seine endgültige Entscheidung lag zwischen zwei Extremen – das eine wäre gewesen, das Erbe auszuschlagen (wozu ihm sein Stiefvater dringend riet), das andere, sofort eine private Armee aus Caesar-Veteranen zu rekrutieren und nach Rom zu marschieren, um die Caesarmörder zu jagen. Octavius trat das Erbe an und ließ das Testament Anfang Mai ordnungsgemäß durch den zuständigen Magistrat, einen Prätor, der zufällig einer der Brüder von Marcus Antonius war, amtlich bestätigen.

Allerdings hatte das Testament natürlich noch eine ganz andere Dimension: Octavius wurde zum Erben von Caesars politischem Vermächtnis. Als Caesar starb, war er nichts weniger als der Herrscher der bekannten Welt. Kein anderer Römer war jemals in der Lage gewesen, so viel Macht in seiner Person zu vereinen; zudem hatte er endlich auch in seinen militärischen Erfolgen Pompeius übertroffen, und neben seinen vielen anderen Leistungen zählte selbst Cicero ihn zu den besten Rednern seiner Zeit. Wenn das das Vermächtnis war – wie konnte irgendjemand erwarten, dass ein Achtzehnjähriger (ein „Junge“, wie Antonius und Cicero ihn sofort nannten) ohne jegliche militärische und politische Erfahrung, mit schwacher Konstitution und kaum überzeugendem rhetorischen Geschick in diese Fußstapfen trat? Und wie würde er mit den vielen Altlasten umgehen, die der Diktator zugleich mit seinen Leistungen im Laufe der Zeit angesammelt hatte? Niemand hätte auch nur im Entferntesten ahnen können, wie sich die Dinge dann tatsächlich entwickeln würden. Natürlich wissen wir heute, was geschah; genau das ist es, was die Beschäftigung mit der Geschichte so faszinierend macht, und was nun folgte, ist noch immer eines der erstaunlichsten Kapitel der Weltgeschichte. Um es aus Octavius’ Perspektive zu betrachten: Als er in einer öffentlichen Rede später im selben Jahr vor einer teils fassungslosen Menschenmenge verkündete, er habe vor, „dem ehrenvollen Vorbild“ seines Vaters nachzueifern, muss ihm selbst klar gewesen sein, dass er keine Kopie von Julius Caesar werden würde. Stattdessen wollte er seinen eigenen Weg gehen, und das tat er auch. Die Dynamik zwischen den beiden Alternativen, Caesars Vermächtnis fortzuführen und seine eigene Identität zu finden, war ein wesentliches Merkmal seiner frühen Karriere als Herrscher.

Abbildung 2. Marmorkopf des Octavian. Kopie aus den 30er Jahren v. Chr. eines Originals aus der Zeit seiner politischen Anfänge. Der Schleier kennzeichnet ihn als Angehörigen einer Priesterschaft. Privatsammlung in La Alcudia, Mallorca.

Da der junge Mann bis zu den Iden des März 44 v. Chr. keinerlei bemerkenswerte Leistungen vorzuweisen hatte, lag viel Wahres in dem spöttischen Kommentar von Antonius: „Junge, alles hast du Caesars Namen zu verdanken“ (siehe Kasten 1.4). Wie wir gesehen haben, hatte Caesar in seinem Testament verfügt, dass sein Erbe seinen Namen annahm, und das tat Octavius auch und nannte sich umgehend „Gaius Julius Caesar“. Um Verwechslungen mit, nun ja, Gaius Julius Caesar zu vermeiden – es gab keine Möglichkeit, sich als Sohn „Jr.“ zu nennen – begannen Cicero und andere Zeitgenossen damit, ihn neben dem informellen Spitznamen „der junge Caesar“ als „Gaius Caesar Octavianus“ zu bezeichnen, nach seiner tatsächlichen Abstammung. Man muss an dieser Stelle betonen, dass Octavius diesen Namen niemals selbst benutzt hat. Wer das ebenfalls nicht tat, war Brutus, der ihn weiterhin „Octavius“ nannte und damit implizierte, dass er Caesars Testament ebenso wenig anerkannte wie seine Reinkarnation. Dennoch setzte sich der Name „Octavian“ durch, und so nannte man ihn ab dem Tod Caesars bis zum Januar 27 v. Chr., als der Senat ihm offiziell den Namen „Augustus“ verlieh, „Octavian“.

1.4. Cicero greift Antonius dafür an, dass er Octavian „Junge“ genannt hat

„Aber du, der du nicht verleugnen kannst, dass du ebenfalls durch Caesar berühmt geworden bist, was wärest du, wenn er dir nicht so viele Liebenswürdigkeiten erwiesen hätte? Wohin wärest du allein durch deine eigenen Qualitäten gelangt? Wohin hätte dich deine Abstammung geführt? Du hättest dein Mannesalter in Bordellen und Spelunken zugebracht, beim Spielen und Trinken, so wie du es stets tatest, als du dein Gehirn und dein Kinn im Schoß von Schauspielerinnen zu vergraben gewohnt warst.

‚Und auch du, Junge …‘

Er nennt ihn ‚Junge‘ – ihn, den er nicht nur als Mann erlebt hat und noch oft erleben wird, sondern als einen der tapfersten Männer überhaupt. Dem Alter nach wäre diese Bezeichnung durchaus passend, aber du bist der letzte Mensch auf der Welt, der sie benutzen sollte, da es doch dein eigener Wahnsinn ist, der diesem Jungen den Weg zum Ruhm eröffnet hat.

‚Alles hast du [Caesars] Namen zu verdanken …‘

Er hat ihm in der Tat alles zu verdanken, und er erweist sich seiner auf die edelste Weise würdig. Denn als er [Caesar] der Vater seines Landes war, wie du ihn nennst – ich werde später klarstellen, was ich davon halte –, warum ist dieser junge Mann dann nicht in noch höherem Maße unser Vater, er, dem wir heute unser aller Leben schulden, das er deinen verbrecherischen Händen entrissen hat?“

Philippica 13.11.24–25

Damit war das Kapitel aber noch nicht abgeschlossen. Adoptionen funktionierten in Rom ein wenig anders als heute. Im Mittelpunkt standen dabei nicht etwa kleine Kinder, die ein neues Zuhause brauchten, sondern erwachsene Männer, zumeist aus Familien der Oberschicht, die mit Zustimmung der Eltern in eine andere Familie aus derselben Schicht, der ein Erbe fehlte, aufgenommen wurden. Zumeist wurde dieser Vorgang von einem Adoptivelternteil durchgeführt, das noch am Leben war. Testamentarische Adoptionen waren ungewöhnlich, aber kamen durchaus vor, und es gibt weder bei Freund noch Feind, geschweige denn seitens der Veteranen Caesars oder der Bevölkerung, einen Hinweis darauf, dass Octavians Adoption als ungültig angesehen wurde. Dennoch wollte Octavian sie formell ratifizieren lassen, von Roms ältester – wenn nicht antiquierter – Versammlung, der Comitia Curiata. Diese führte ihre Anfänge bis in die Zeit des Romulus zurück, und die meisten ihrer ursprünglichen Funktionen, wie die Wahl von Magistraten, war im Laufe der Zeit von anderen Versammlungen übernommen worden.