Aufstand der Verdammten - Glenn Stirling - ebook

Aufstand der Verdammten ebook

Glenn Stirling

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Der Inhalt dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten. Historischer Roman über die Ereignisse um den Widerstand der Sioux-Indianer gegen die Weißen am Little Big Horn. Glenn Sterling lässt neben General Custer auch die großen Häuptlinge Sitting Bull, Crazy Horse und Rain-in-the-Face wiederauferstehen und schildert die dramatischen Ereignisse jener Zeit aus dem Blickwinkel einer Siedler-Familie.

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Glenn Stirling

Aufstand der Verdammten

Historischer Western

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Aufstand der Verdammten

Historischer Western

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

 

Historischer Roman über die Ereignisse um den Widerstand der Sioux-Indianer gegen die Weißen am Little Big Horn. Glenn Sterling lässt neben General Custer auch die großen Häuptlinge Sitting Bull, Crazy Horse und Rain-in-the-Face wiederauferstehen und schildert die dramatischen Ereignisse jener Zeit aus dem Blickwinkel einer Siedler-Familie.

 

 

 

 

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1

Mrs. Hendree band sich die Schürze ab und trat ans Fenster. Durch die regennassen Scheiben blickte sie hinaus in den Morast des vom tagelangen Regen aufgeweichten Hofes. Sie sah den Reiter, der langsam den Hang heraufkam und zusammengekrümmt im Sattel saß. Von der Ölhaut, die sich der Mann umgehängt hatte, rann das Wasser in kleinen Bächen.

Sie sah, wie er vor dem Stall anhielt, absaß und das Pferd durch die Tür führte. Nun drehte sie sich um und rief: „Ann, er ist gekommen. Bringt die Suppe auf den Tisch!“

Zwei Mädchen erschienen mit Tellern und einer Terrine, um sie auf den langen Eichenholztisch zu stellen. Beide waren noch jung, etwa siebzehn und achtzehn. Und beide hatten sie ihr helles Blondhaar in langen Zöpfen über die Schultern hängen. Die ältere der beiden aber war von strenger Schönheit, die jüngere hingegen wirkte weicher und fraulicher.

„Ist Paul mitgekommen?“, fragte Ann, die ältere der beiden.

Die Frau schüttelte den Kopf. „Nein, du weißt doch, dass er bei den Jungpferden bleiben muss.“

Die jüngere sagte: „Bei dem Regen, der arme Paul.“

„Pah“, meinte Ann. „Paul ist schließlich nicht aus Zuckerguss. Was du dich immer um ihn sorgst, Su. Was soll denn erst George sagen, der muss viel mehr ausstehen bei der Armee.“

„Streitet euch nicht, Ann! Jetzt flott den Tisch gedeckt. Dad hat es nicht gerne, wenn wir damit nicht fertig sind, wenn er kommt.“

Sie sah wieder durch die Scheiben und beobachtete den Mann, wie er jetzt über den Platz schritt, die Schultern leicht vorgeschoben, als trüge er eine Last.

Mrs. Hendree wunderte sich, dass ihr Mann nicht wie sonst mit schnellen Schritten auf das Haus zuging, wie es seine Art war. Ihr schien, er hätte wirklich eine Last zu schleppen, und sie spürte mit dem feinen Gefühl einer erfahrenen Frau und Mutter, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte.

Die rundliche Su trat neben die Mutter und blickte wie sie hinaus auf den Hof. „Was ist, Ma? Du machst ein so trauriges Gesicht.“

Mehr zu sich als zu ihrer Tochter erwiderte Mrs. Hendree: „Dad macht mir Sorgen ...“

Sie sah das hagere, von Falten durchzogene Gesicht ihres Mannes, als er dicht vor dem Haus war, und dann hörte sie seinen schweren Schritt auf den Bohlen der Veranda. Umständlich zog er sich die lehmbeschmierten Stiefel aus und kam dann auf Socken ins Haus.

Die jüngere Su lief ihm entgegen und half ihm aus der Ölhaut. Sie nahm seinen Hut, schüttelte das Wasser ab und hängte ihn auf.

Auch jetzt hatte Mrs. Hendree erneut Grund, sich zu wundern. Bis jetzt war ihr Mann nie mit solcher Hilfe einverstanden gewesen. Und diesmal ließ er sich von Su helfen. Da musste etwas los sein. Vielleicht war er krank?

Sie ging auf ihn zu, und er sah sie mürrisch an, lächelte dann aber, doch ihr erschien es wie ein Lächeln unter Schmerzen.

„Ist was, John?“

Er zuckte die Schultern und streifte das graue Haar aus der Stirn. „Später, erst wollen wir essen.“

Sie fand es grausam, noch länger warten zu müssen, denn nun war sie sicher, dass irgendetwas geschehen war. Noch glaubte sie, es beträfe ihn selbst. Doch als sie dann aßen und sie seinen guten Appetit bemerkte, kam sie auf andere Gedanken. War etwas mit Paul, ihrem zweitältesten Sohn, passiert?

John Hendree aß. Er sprach nicht ein Wort dabei, und sein hageres Gesicht wirkte dabei wie gemeißelt. Scheu sahen ihn die Töchter an, und voller Sorge betrachtete ihn die Frau.

Endlich legte er das Besteck zur Seite und lehnte sich zurück. Sie holte ihm die Tabakdose, Ann zündete am Ofen den Fidibus an.

Als die Pfeife dampfte, sagte John Hendree in die atemlose Stille hinein: „George wird morgen hier sein ...“

Mrs. Hendree rief voller Freude: „John, warum hast du das nicht gleich gesagt? George wird kommen; nein, ist das eine Überraschung!“

Die Mädchen schwatzten durcheinander, und John Hendree vermochte zunächst nicht, den Satz zu vollenden, der für ihn noch gar nicht fertig gewesen war. Ohne in den Jubel einzustimmen und mit todernstem Gesicht fuhr er fort: „ ... er wird hier sein, aber nicht allein. Mit seiner Schwadron. Es ist ein dienstlicher Besuch.“

Die Frauen begriffen den Sinn nicht, verstanden nicht, warum Mr. Hendree dabei ein so finsteres Gesicht machte. Vor allem verstand Mrs. Hendree es nicht. Ihr Sohn war ein halbes Jahr nicht da gewesen. Und nun würde er kommen. Das war doch ein Fest, und warum nur freute ihr Mann sich nicht?

John Hendree sah sie der Reihe nach an, dann sagte er mit rauer Stimme: „Ihr werdet nicht mehr lachen, wenn ihr erst einmal angefangen habt, darüber nachzudenken. Seit vier Jahren führt die Armee Krieg gegen die Dakotas. Seit vier Jahren geht der Krieg an uns vorbei wie um eine Insel, als gäbe es hier nur Bäume. Keine weißen Siedler. Und wir sind dabei mitten im Indianerland ...“

„Du hast ja auch mit ihnen einen Vertrag geschlossen.“ Mrs. Hendree sah ihren Mann stolz an, weil er es war, der mit Crazy Horse verhandelt hatte und gute Beziehungen zu den Dakotas pflog.

„Ja“, erwiderte John Hendree unwirsch. „Aber das setzt voraus, dass die Armee sich auch an den Vertrag halten wird. Bis jetzt hat General Sheridan das getan. Und sein Truppenführer General Terry auch. Jetzt aber haben sie einen neuen Mann. Ein gewisser General Custer. Jung und ehrgeizig, will sich Orden und Ruhm einsammeln. Er hält die Dakotas für Tiere, die Verträge mit ihnen für nicht bestehend, und ist der Ansicht, dass Frieden nur mit den Sioux sein kann, wenn es keine Sioux mehr gibt.“

Nun begannen die Frauen zu ahnen, was kommen würde.

Er fuhr fort: „Mein Sohn George ist durch einen teuflischen Zufall Lieutenant in dieser Truppe. Und er und seine Kameraden sind auf dem Wege hierher, um die Dakotas zu vertreiben. Es ist eine Schwadron zu sechzig Reitern. Und heute Morgen noch habe ich Crazy Horse gesehen. Ihn und etwa zweitausend Krieger. Sie haben sich auf den Höhen um unser Tal gruppiert und warten nur auf die sechzig Selbstmörder.“

„Mein Gott, John, du musst etwas unternehmen! Reite doch George und seinen Leuten entgegen und ...“ Die Frau konnte vor Aufregung kaum sprechen.

Er winkte ab. „Ich habe schon mit einem Captain gesprochen, der eine Patrouille führte und heute Morgen in unser Camp bei den Jungpferden kam. Nein, die begreifen nichts. Er hat mich ausgelacht, als ich es ihm gesagt habe. Und er meinte: ,Unsinn, Crazy Horse ist vierzig Meilen von hier, das wissen wir genau.‛“ Er machte eine Pause und paffte ein paar dicke Wolken aus seiner Pfeife. Schließlich sagte er, während ihn die anderen gespannt anblickten: „Sie wissen alles besser, diese jungen Leute. Und es ist ihnen völlig egal, ob wir dabei unsere Existenz verlieren oder nicht.“

„Hast du mit George gesprochen?“, fragte Mrs. Hendree hastig.

„Nein, er kommt mit dem Gros der Truppe. Morgen. Und vielleicht sehen wir ihn dann noch einmal ...“ Er vollendete den Gedanken nicht, aber alle wussten, was er damit meinte.

Es waren bittere Gedanken, die John Hendree spann. Und er hatte Grund genug dazu. Aber er überlegte sie nur und sprach sie nicht mehr aus. Seine Töchter wussten wenig darum, mehr jedoch seine Frau.

„Und was sagt Paul?“, fragte sie.

Der Mann lächelte entspannt. „Er ist der Einzige von unseren Kindern, der es begriffen hat.“

Die Mädchen sahen ihn ob dieser unfreundlichen Bemerkung erschrocken an. Dann erwiderte Ann, die immer auf Georges Seite stand: „Begriffen? Was sollen wir denn begreifen, Dad? Ist es unsere Schuld, dass wir aus Texas weggegangen sind? Wir konnten nicht bestimmen, wohin du mit uns gehen würdest. Nun sind wir hier, und wenn die Armee die Sioux vertreiben will, dann geht es um nationale Interessen. Da müssen wenige ihren Egoismus schon zurückstecken.“

Der Mann lachte rau auf, aber es war keine Freude darin. „Du dummes Gör! Nationale Interessen, was weißt du davon? Der weiße Mann hat den Dakotas nicht nur Land und Lebensgrundlage geraubt, er hat auch jedes Abkommen gebrochen, das mit ihnen in den letzten zweihundert Jahren geschlossen wurde. Er hat angefangen damit, ihre Dörfer niederzubrennen, ihre Familien zu morden, und das Skalpieren ist keine Erfindung der Roten. Weil Manitu nach dem Indianerglauben den toten Krieger am Schopf in seine ewigen Jagdgründe zieht, haben weiße Trapper damit begonnen, den toten Indianern den Skalp abzuziehen. Erst daraufhin haben sich die Indianer besonnen, es mit den toten oder gefangenen Weißen ebenso zu machen.

Die Armee ist dazu da, die Siedlungen zu schützen. Das genügt. Aber damit sind die Herren Offiziere nicht zufrieden. Im Frieden sind keine Orden zu gewinnen. Also wird gekämpft, wird immer unter einem Vorwand angegriffen. Das sind die nationalen Interessen.“

„Du warst ja selbst Offizier“, erwiderte Ann angriffslustig. „Und ihr habt auch Menschen getötet.“

„Das war ein richtiger Krieg. Wir haben für eine Idee gekämpft.“

„Und verloren“, entgegnete Ann und sah ihren Vater mit dem Eifer des Fanatismus an. „Verloren gegen den Norden. Aber du willst es nicht wahrhaben. Noch immer sind Namen wie General Lee oder Stonewall Jackson oder Johnston für dich wie ein Evangelium ...“

„Ann!“, rief die Mutter erbost.

John Hendree schwieg. Aber er sah Ann so starr an, dass sie plötzlich meinte, es kröche ihr eiskalt den Rücken herauf. Und sie stockte und hörte auf, noch weiter gegen ihren Vater zu opponieren. Sie wusste sofort, dass sie ihn schwer beleidigt hatte. Ihn, der jahrelang unter Lee als Offizier gegen den Norden gekämpft hatte, damals vor elf Jahren. Sie wusste auch, dass sie von den Siegern nach dem Kriege ihres Besitzes in Texas beraubt worden waren. Obgleich es ein Bruch des Waffenstillstandsvertrages war. Und damals waren die Hendrees nach Wyoming gezogen. Hatten wieder angefangen von ganz unten, mit nichts als ein paar guten Pferden und einer Axt und einem Spaten. So allmählich nach vielen Rückschlägen hatte John Hendree die Pferdezucht aufbauen können. Und jetzt galt der Brand mit dem schiefen H im Kreis als eine Art Markenzeichen. Wells Fargo kaufte die Pferde mit diesem Brand für seine Expresskutschen. Auch die Armee hatte sie gewollt, doch an sie gab John Hendree kein Tier ab.

Schließlich hatte er aber seinen Sohn an die Armee abgeben müssen. George hatte Offizier werden wollen, war sogar von zu Hause durchgebrannt und hatte Hilfe von einem jüngeren Bruder Johns in Kansas erhalten. George hatte sich später mit seinem Vater wieder versöhnt. Und jetzt war es wieder so weit, dass John Hendree die Stunde verfluchte, da George Offizier geworden war.

Er räusperte sich und sagte mit rauer Stimme: „Der Schneid und die Intelligenz dieses Generals Custer von der US-Army wird dafür sorgen, liebe Tochter, dass Crazy Horse und seine Krieger sich darauf besinnen, dass wir nicht die gleiche Hautfarbe haben wie sie. Wenn du und wir alle übermorgen noch am Leben sind, dann gewiss nicht dank der Armee.“ „John, was tut Paul?“, fragte Mrs. Hendree.

John Hendree lehnte sich weit im Stuhl zurück und sagte langsam: „Paul ist mit dem Captain zurückgeritten, um zusammen mit seinem Bruder dem Irrsinn dieser Aktion Einhalt zu gebieten. Mit anderen Worten, er will diesen Custer umstimmen.“

„Du hast wenig Hoffnung, nicht wahr?“, fragte die Frau zögernd.

Er lachte bitter und sah sie nachdenklich an. „Glaubst du denn daran?“ „Wenn es stimmt, was ihr sagt, wird auch ein General sich umstimmen lassen. Schließlich haben wir keine Idioten als Armeeführer!“, ereiferte sich Ann.

„Das wird sich zeigen, Ann“, brummte John Hendree und stand auf. Mit schweren, wuchtigen Schritten ging er zum Kanonenofen, öffnete die Klappe und klopfte seine Pfeife aus.

 

 

2

Paul Hendree ritt neben dem Captain. Und immer wieder blickte er misstrauisch zu den Höhen hinauf, an denen sie im Tal vorbeiritten. Zu den Höhen und den dichten Tannenwäldern. Irgendwo dort oben waren Augenpaare, viele Augenpaare, und obwohl Paul sie nicht sehen, sondern nur ahnen konnte, war er sicher, dass ihn sein Gefühl nicht trog.

„Sie haben keinen Scout, Sir“, sagte er zu dem missmutig dreinblickenden Captain.

Der Offizier mochte etwa dreißig Jahre alt sein. Er hatte ein blasses Gesicht mit feinen, vornehm wirkenden Zügen. Ein Gesicht, das sich der sehnige und wettergebräunte Paul gut in einem College hinter einem dicken Lehrbuch vorstellen konnte. Nicht das Gesicht eines Frontoffiziers.

Und noch etwas war aus diesem Gesicht zu lesen: Arroganz und eine übertriebene Selbstsicherheit.

„Scout? Meinen Sie, Mister, wir müssten diese Halbwilden überall mitschleppen?“

Paul sah sich um. Hinter ihnen ritten die sechs Männer der Patrouille. Ein Mann so jung wie der andere. Und alle waren sie so seltsam blass.

„Sind Ihre Leute schon lange in diesem Lande?“, fragte Paul, dem eine dumpfe Ahnung aufstieg.

„Muss man etwa hier geboren sein, um hier eine Pest zu bekämpfen?“, erwiderte der Captain feindselig.

„Ich habe nur eine höfliche Frage gestellt, Sir.“

Etwas friedfertiger erklärte der Offizier: „Wir sind vor einer Woche aus Pennsylvania herübergekommen.“

Paul musste es sich verkneifen zu sagen: So seht ihr auch aus. Doch stattdessen meinte er: „Da gibt es keine Rothäute, nicht wahr?“

Der Captain sah ihn nur missbilligend an, schwieg jedoch.

Paul war seit elf Jahren in diesem Land, und jetzt war er fünfundzwanzig. Elf Jahre eines Fünfundzwanzigjährigen, seine entscheidenden Jahre. Er konnte sich nur noch schwach an das Leben in Texas erinnern, an den Grundbesitz, an die Zeit des Wartens auf Vater, an die furchtbaren Monate nach der Besetzung und den Hunger. Die Zeit hier in Wyoming, das war sein Leben. Und er liebte es. Er liebte den Wald, die langen Täler, die Pferde, die den Brand mit dem II im Kreis trugen, er liebte das harte wilde Leben auf den Ranges, und er hatte viele gute Freunde hier oben. Zwei davon waren Dakotas. Männer, die ihm am Anfang exotisch erschienen waren, bis er ihre Bräuche und Sitten kennen und beherrschen gelernt hatte. Er sagte nicht Sioux, wenn er von ihnen sprach. Freunde bezeichnete man nicht mit ihrem Schimpfnamen.

Dieser Captain hier und seine sechs Milchgesichter, was wussten sie von den Wäldern, von den langen Tälern und den Dakotas? Nichts! Und der Wald war voll von Indianern. Ebenso wie der Morast, durch den sie gerade ritten, voll von Huftritten war. Huftritten, aber solchen ohne Eisen. Die Männer in den blauen Röcken sahen nicht einmal die Spuren.

„Sir“, sagte Paul, „ich möchte einen anderen Weg reiten. Ich weiß ja jetzt, wo Sie Ihr Hauptquartier haben. Ich werde selbst hinfinden.“

Der Captain zügelte jäh sein Pferd, sodass der nachfolgende Reiter fast aufgeprallt wäre. „Anderen Weg? Da steckt doch mehr dahinter! Warum wollen Sie nicht weiter mit uns reiten?“ Er sah Paul forschend an, und seine Frage war eine halbe Herausforderung.

Paul blieb ruhig. „Ich will es Ihnen sagen, Sir. Sie sind Captain, und Sie kommen aus Pennsylvania. Sie brauchen keinen Scout, und Sie nennen die Dakotas eine Pest. Gut, das alles müssen Sie für sich und Ihre Männer wissen. Ich aber weiß, dass wir bereits von ein paar Dutzend Dakotakriegern umzingelt sind. Denn ich brauche wirklich keinen Scout in diesem Land. Weil ich es kenne, Sir. Und weil ich die Dakotas nicht als Pest und als wildes Viehzeug betrachte, möchte ich auch nicht mit ihnen kämpfen. Und genau das werden Sie müssen, wenn Sie noch eine Meile auf Ihrem Weg bleiben. Deshalb werde ich einen anderen Weg reiten. Ihr Krieg ist nicht mein Krieg. Wir hier haben Verträge mit den Dakotas. Seit vier Jahren haben sich beide Teile daran gehalten. Nur die Armee will sie jetzt brechen. Für die Dakotas aber gibt es keine zweierlei Weißen. Wenn die Armee einen Vertrag bricht, haben wir ihn auch gebrochen. Trotzdem will ich versuchen, Crazy Horses Leuten klarzumachen, dass Sie und Ihre Leute keine feindlichen Absichten haben. Wie ich auch hoffe, Ihrem General Custer, oder wie er heißt, klarmachen zu können, dass er sich auch eine Kugel in den Kopf schießen kann und ebenso gut seine Leute mit Dynamit in die Luft sprengen könnte, weil es schneller geht, als erst in unser Tal zu reiten.“

„Wollen Sie mir etwa diesen Unsinn allen Ernstes einreden, dass dieser Crazy Horse hier in dieser Gegend ...“

„Dann sehen Sie mal dorthin, Captain!“, sagte Paul und wies zu einem Bergsattel, auf dem im Frühjahr der Wald niedergebrannt war. Zwischen mannshohem Brombeer- und anderem Gesträuch waren Pferdeköpfe und aufgesessene Reiter zu sehen. Bunte Gestalten, die trotz des Regens zum Teil entblößte Oberkörper hatten, von denen die Nässe triefte. Dakotas, Krieger von Crazy Horse. Und es waren mindestens fünfzig Mann.

Bevor der Captain einen Befehl geben konnte, sagte Paul: „Drehen Sie sich um, Captain! Dort hinten!“

Der Captain zuckte herum, und er starrte voller Entsetzen auf drei Dutzend weitere Siouxkrieger, die keine hundert Schritt weit hinter ihnen aus dem Walde geritten kamen.

„Einigeln! Deckung! Absitzen!“, sprudelte der Captain heraus.

3

Während die Soldaten in panischer Hast Deckung suchten und einen Igel bildeten, ritt Paul Hendree auf die Gruppe zu, die hinter ihnen angehalten hatte.

Die Indianer saßen wie Statuen auf ihren Pferden. Aber ihre Blicke waren voller Argwohn auf die Soldaten und auf Paul gerichtet. Paul wusste, dass sie angegriffen hätten und sich nicht erst großartig zeigen würden, wenn sie wirklich kämpfen wollten. Offenbar glaubten sie noch an den Vertrag, doch ihr Misstrauen war geweckt. Soldaten in diesem Gebiet, das widersprach den Verträgen.

Der Führer der etwa fünfunddreißig Dakotas aus Crazy Horses Stamm war ein Unterhäuptling, den Paul flüchtig kannte.