Auf Gottes Wegen - Bjornstjerne Bjornson - ebook

Auf Gottes Wegen ebook

Bjørnstjerne Bjørnson

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Opis

Differenzen über die Religion führen zu bitteren Anfeindungen zweiter ehemaliger Freunde, eines Geistlichen und eines Doktors. Erst teuer erkaufte Einsichten zeigen ihnen auf das Gott immer da ist, wo gute Menschen sind.

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Auf Gottes Wegen

Bjornstjerne Bjornson

Inhalt:

Bjornstjerne Bjornson – Biografie und Bibliografie

Auf Gottes Wegen

Vorbemerkung

Schulzeit.

1

2

3.

Jugendzeit.

1.

2.

Mannesalter.

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Auf Gottes Wegen, B. Bjornson

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849605063

Cover Design mit Erlaubnis der norwegischen Nationalbibliothek, Bild #no-nb_blds_01191

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Bjornstjerne Bjornson – Biografie und Bibliografie

Norweg. Dichter, geb. 8. Dez. 1832 in Österdal als Pfarrerssohn, verlebte seine Kindheit in der mächtigen Natur von Romsdal, studierte in Christiania seit 1852, begann seine literarische Tätigkeit mit Kritiken und Feuilletons, eroberte sich das ganze Publikum mit der originellen Bauerngeschichte »Sýnnöve Sólbakken«, debütierte als Bühnendichter mit dem Einakter »Zwischen den Schlachten« (gedruckt 1858) und wurde 1857 als Theaterdirektor nach Bergen berufen. Als Redakteur der »Bergenspost« (1858) verwickelte er sich in leidenschaftliche Polemiken und zog, um Muße für seine dichterische Tätigkeit zu gewinnen, nach Rom, Deutschland und Frankreich (1860–63). In dieser Zeit entstanden seine epochemachenden Bauerngeschichten: »Arne« (1858), »Ein frischer Bursche« (1860) u. a., die Dramen: »Hinkend'-Hulda« (1858), »König Swerre« (1861) und die Trilogie »Sigurd Slembe« (1862). Kurz nach seiner Rückkehr gewährte ihm das Storthing eine Dichtergage (1800 Kronen), auf die B. 1885 verzichtete, weil sie Kielland verweigert wurde. 1865 bis 1867 leitete er das Theater zu Christiania, gab 1866–71 das »Norwegische Volksblatt« heraus, bildete 1870 eine Art freie Bühne, hielt in Skandinavien literarische Vorträge und zog 1873 wieder nach Deutschland und Rom. 1875 erwarb er ein Gut in Gudbrandsdal und wohnt jetzt abwechselnd dort und im Auslande, vorzugsweise in Paris. In Björnsons Schaffen lassen sich zwei Entwickelungsstufen unterscheiden: 1) eine romantisch-religiöse bis 1874, in der er, außer den oben erwähnten, die folgenden Werke schuf: die historischen Dramen »Maria Stuart in Schottland« (1864) und »Sigurd Jorsalfar« (1872), das seine Lustspiel »Die Neuvermählten« (1865, 10. Aufl. 1891), das Epos »Arnljot Gelline« (1870) und die kernigen »Gesammelten Gedichte und Gesänge« mit der Nationalhymne Norwegens (1870); 2) eine realistisch-kritische seit 1874. Seine feine psychologische Beobachtungsgabe und sein scharfer Wirklichkeitssinn führen ihn künstlerisch dem Naturalismus zu. Er wird aggressiv, reformatorisch, polemisch. Die Bühnenwerke dieser Periode sind: »Ein Fallissement« (1874), »Der Redakteur« (1875), »Der König« (1877), »Leonarda« (1879), »Das neue System« (1879), »Ein Handschuh« (1883; die darin ausgesprochene Keuschheitsforderung für Männer rief eine Flut dichterischer Entgegnungen hervor), »Über die Kraft« (1. Teil 1883, 2. Teil 1895), das treffliche Lustspiel »Geographie und Liebe« (1885), das politische Schauspiel »Paul Lange und Tora Parsberg« (1898), zuletzt »Laboremus« (1901); die Romane: »Magnhild« (1877), »Kapitän Mansana« (1879), »Det flager i byen og paa havnen« (1884; deutsch von Jonas: »Das Haus Kurt«, Berl. 1886, und von W. Lange: »Thomas Rendalen«, das. 1902); »Ragni« (»Paa Guds veje«, 1889), die »Neuen Erzählungen« (1893). Björnsons Stil ist bei allem Detailreichtum kurz, knapp. Er besitzt eine mächtige Rednergabe, vermöge deren er im Kampf um seine Ideale: Norwegens politische Selbständigkeit und die nationale Hebung des Bauernstandes, viele Siege über seine zahlreichen Gegner davongetragen hat. Fast alle Werke sind mehrfach übersetzt (deutsch von Lobedanz, Jonas u. a., zum größten Teil in Reclams Universalbibliothek). Seit 1900 erscheint in Kopenhagen eine Volksausgabe seiner »Samlede Værker«. Vgl. G. Brandes, B. og Ibsen (Kopenh. 1882); Derselbe, Moderne Geister (4. Aufl., Frankf. 1901); Chr. Collin, B. B. (deutsch, Münch. 1903, 2 Bde.).

Auf Gottes Wegen

Vorbemerkung

Björnstjerne Björnson, neben Ibsen der größte lebende Dichter Norwegens, wurde am 8. Dezember 1832 als Sohn des Pastors von Kvikne im Österdal geboren. Rauh war die Gegend; im Winter reichte der Schnee oft bis ans erste Stockwerk; rauh waren die Bewohner, und nur die Riesenkraft ihres Seelenhirten vermochte ihren widerspenstigen Sinn zu zügeln. Im Jahre 1838 wurde der Pastor in das Romsdal versetzt und die herrliche Landschaft mit dem gut bebauten Talgrund, den übereinandergetürmten Bergen, dem Gewirre von Flüssen und Wasserfällen und dem prächtigen Fjord wirkte durch den Gegensatz um so tiefer. Oft, wenn der Knabe auf seinen Schneeschuhen dahergefahren kam und die Gegend im Spiele der Sonnenstrahlen dalag, ergriff ihn dies mit solcher Macht, daß er zugleich mit aller Schönheit auch die tiefste, schmerzlichste Sehnsucht empfand. Das reichbewegte Volksleben um ihn herum, die offenen, lebhaften, hitzigen und launenhaften Romsdaler – all dies bot Gelegenheit zu sehen und zu hören und den Dichtergeist zu nähren. In der Schule zu Molde lernte er wenig, las aber um so mehr – Romane, Märchen, Volkslieder und die alten Sagen. Mit siebzehn Jahren kam er nach Christiania; sein Redetalent, sein feuriger Charakter machten ihn bald zu dem einflußreichsten Jüngling der Universität. Der Besuch des Theaters wirkte stark auf ihn ein und er begann Kritiken zu schreiben, – nicht, weil er dafür eben Beruf fühlte, »sondern weil es ihm in den Fingern kribbelte«. Er schrieb Lieder, welche die Bauern daheim sangen, er schrieb ein Schauspiel, das angenommen wurde, welches er aber zurückzog und vernichtete, und dann mit größerer Reife und Einsicht in 14 Tagen das kleine Drama: »Zwischen den Schlachten«. Damit war sein wirklicher Beruf entschieden. Mit »Synnöve Salbakken« betrat er 1857 zum erstenmal das Gebiet der Bauernnovelle. Gleich der erste Wurf ist ein Meisterstück; ohne Mühe, wie im Spiel hatte er für seinen Gegenstand die rechte Form gefunden. Er schildert den Trotz und die Weichheit, das Wilde und Rohe, das Zarte und Scheue; in der starren Felsenbrust stießen tausend heimliche Quellen des Gefühls und der Poesie und sein Dichterohr hört sie rauschen. Eine mächtige Naturempfindung, ein Familiensinn, wie er nur in engen Verhältnissen gedeiht, und die tiefste Religiosität sind die Elemente dieser Erzählungen; eine naive Sprache, die Sprache der Saga, eine Sprache, welche jeden Gedanken durch ein Bild ausdrückt und jede Idee in ein Märchen hüllt, eine Sprache voll stiller Größe und keuschen Gefühls hebt den einfachen Inhalt und überall durchblüht ihn das Lied, bald schalkhaft, bald sehnsuchtsvoll innig. Daß er selbst einem Bauerngeschlechte entsprossen, gibt ihm Verständnis für das Denken und Fühlen der Bauern und die Wirklichkeitszüge; allein daß er nicht selbst mit ihnen gearbeitet und gelitten, daß Romsdal ihm nur die Jugendzeit, Ferienzeit bedeutete, entrückt diese so runden Bauerngestalten der zähen Scholle und der kleinlichen Enge ihres Anschauungskreises. Überall hin, wo die Kultur ihrer selbst überdrüssig geworden, brachten Björnsons Bauernnovellen die frohe Kunde von reinem Menschentum und einfacher Größe, von idyllischem Glück und von Poesie, die in den Bergen wohnt. Man vergaß, daß Björnson aus dem eigenen Herzen geschöpft hatte.

Nun entstanden seine Gedichte, seine Dramen. Die Stoffe der letztern waren dem alten Sagenkreise entnommen; allein nichts mehr von der Weichlichkeit eines Öhlenschläger! Gestalten, wie die lahme Hulda im gleichnamigen Stücke, welche ihrer dämonischen Liebe alles opfert, sogar den Geliebten, und dann mit ihm den Feuertod im Balkenhause teilt; wie Helga und Frakirk in der Sigurd-Trilogie, welche kein Verbrechen scheuen, wenn es die Größe des Geschlechtes gilt und dadurch das Geschlecht selbst vernichten, und der feine, melancholische Harald, den diese entsetzliche Familienliebe tötet, und Sigurd selbst, dessen Kopf von den Wohlfahrtsplänen für sein Land glüht, und welcher aus diesen heraus die Verpflichtung ableitet, ohne Rücksicht und Menschlichkeit, durch Feuer und Blut zum Throne zu schreiten ... all dies und Szenen, wie die zwischen Harald und seinem Knaben, zwischen Sigurd und dem Finnenmädchen hatte niemand vor Björnson geschrieben. Zugleich versuchte Björnson sein organisatorisches und schauspielerisches Talent als Theaterdirektor, 1857-59 in Bergen, 1865-67 in Christiania und zwei dramatische Arbeiten dieser Zeit, »Maria Stuart in Schottland« (1864) und »Die Neuvermählten«, haben sich seit damals auf der Bühne erhalten, ohne gerade bedeutende neue Elemente zu besitzen. Überhaupt schien der Kreis Björnson'scher Gestalten und Vorstellungen erschöpft; »der Brautmarsch« wirkte matt gegen die frühern Arbeiten und die nachfolgenden grenzten an Manier. Und endlich schwieg Björnson. Seit 1867 lebte er meist im Auslande, war 1869-72 Mitredakteur der in Kopenhagen erscheinenden Zeitschrift »For Ide og Virkelighed,« kehrte 1875 nach Norwegen zurück und ließ sich in Gausdal, in der Gegend von Lillehammer, nieder.

Inzwischen war in Dänemark eine Bewegung entstanden, welche sich rasch nach Norwegen fortpflanzte: die neue Zeit und die neuen Ideen waren daselbst eingebrochen. Strauß und Renan, Darwin und Spencer, Taine und die französischen Realisten hielten ihren Einzug und die Thore der großen Welt schlugen sich weit auseinander vor Björnson. Der neue Gedankeninhalt forderte dichterische Gestaltung; weg mit dem Altertum, weg mit den Bauerngeschichten, weg mit dem Sagastil! Moderne Stoffe, moderne Formen! »Ein Fallissement« und »Der Redacteur« (1875), »Der König« (1877), »Leonarda« und »Das neue System« (1879), »Ein Handschuh« und »Über Vermögen (1883), sowie »Geographie und Liebe« (1885); von Erzählungen: »Maguhild« (1877), »Kapitän Mansana« (1879), »Staub« (1882) und »Man flaggt in Stadt und Hafen« (1884) – welche Fülle, welch ein zweiter Frühling! Und ob nun Björnson die innere Fäulnis des Großhandels und Zeitungswesens beleuchtet; ob er zeigt, wie verschieden der Maßstab ist, mit welchem man die Moral der Frau (s. »Leonarda«) und des Mannes (»Handschuh«) mißt; ob er sich auf das politisch-philosophische Gebiet wagt oder nur einfach dem Drange darzustellen folgt – stets sind seine Arbeiten durchdrungen von der Forderung nach Wahrheit. Wahrheit im Denken, Wahrheit im Fühlen, Wahrheit im Handeln, männliche Wahrheit, sittliche Wahrheit – denn die erforschte Wahrheit bleibt ja doch immer nur relativ. Und durch diese Forderung ist Björnson seinem Volke nicht bloß ein Dichter, sondern auch ein Erzieher geworden. Sein Ideal ist, die »Masse« der Nation »zu Individuen zu erziehen«, die Ergebnisse von dem, was uns heute als wahr und recht erscheint, zum »Volkswillen« umzusetzen, jene Zukunft ins Leben zu führen, von der wir alle träumen und an welcher wir andern verzweifeln. Doch er verzweifelt nicht; die engen Verhältnisse schrecken ihn nicht; die Dummheit, welche ihn außer Landes getrieben, verbittert ihn nicht. »Jene große Aufgabe kann nur ein kleines Volk lösen, welches abseits von dem Weltgetriebe in Ruhe seine Fähigkeiten entwickelt,« – so sagt er, und hofft und arbeitet.

Also sehen wir Björnsons Dichterwirksamkeit in zwei Epochen zerfallen: die erste, in welcher er glaubt und schwärmt, in Norwegen die ganze Welt sieht und in naiver Schaffensfreude vollkommene Werte hervorbringt; und eine zweite, wo er zweifelt, lernt, prüft, alles Menschliche erkennen will, in alle Fernen greift und die ganze Welt Norwegen zu Füßen legt. In dieser Zeit der drängenden Fragen und Probleme, da kämpft oft der Dichter mit dem Denker; bald schlägt die Phantasie der Vernunft ein Schnippchen und »die Fülle der Gesichte« stört das Problem; die Antwort spottet des Fragers; bald wieder durchbricht der innere Drang des Denkers Charaktere und Situationen und Björnson sagt, wie in der herrlichen Schlußscene des »Königs«, was ihm so warm am Herzen liegt. Die Zwiespältigkeit der Gesichtspunkte zerstört – wer vermöchte es zu leugnen? – die künstlerische Einheit der Form. – Allein wer wollte deshalb auf das herrliche Schauspiel dieses ringenden Dichtergeistes verzichten; wer opferte nicht gern etwas vom Künstler, um den Menschen um so uneingeschränkter lieben zu dürfen? Allerdings hat die agitatorische Wirksamkeit, die er in den letzten Jahren zu Gunsten einer norwegischen Republik entfaltete, ihm vielfache Anfeindungen zugezogen. So steht er auch augenblicklich bei den norwegischen Sonderbestrebungen, Schweden gegenüber, wieder in erster Reihe.

Der vorliegende Roman »Auf Gottes Wegen« giebt in modernem Gewande eine fesselnde, vielfach erschütternde Darstellung des Konfliktes zwischen dem Kirchenglauben und der ewig giltigen Moral. Björnson zeigt sich auch hier wieder als der vollendete Forscher des Seelenlebens, als Anatom der Seele, möchte man sagen, der mit dichterischer Kraft und packender Wahrheit das Innere der handelnden Personen vor uns aufrollt. Die Darstellung und die Schlichtheit der Sprache verraten in jeder Zeile den Meister, der alle Einzelheiten seinem Zwecke unterordnet und auch in den knapp eingeflochtenen Schilderungen diesen niemals aus den Augen verliert.

Schulzeit.

1

Im schmelzenden Schnee auf der Bergkuppe nach dem Meere zu stand in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne, ganz in sich versunken, ein vierzehnjähriger Knabe. Er sah nach Westen über das Meer hinaus; er sah nach Osten auf die Stadt, den Strand und die breiten Felsen; Spitzen von noch höhern ragten hinter ihnen empor, alles in klarer Luft.

Der Sturm hatte lange angedauert; es war auch der schrecklichste gewesen, dessen sich ältere Leute entsinnen konnten. Trotz der neuen Mole hatten sich im Hafen Schiffe losgerissen, und einige waren untergegangen. Der Telegraph meldete Strandungen längs der Küste und hier in der Nähe waren Netze gesprengt und fortgetrieben, Bootsbrücken verschwunden; und dabei fürchteten die Leute, das Schlimmste noch nicht gehört zu haben.

Erst vor ein paar Stunden war es vorüber; der Sturm hatte nachgelassen, die Windstöße, die ruckweise auf einander folgten, waren auch vorüber – bis auf den letzten Nachhall.

Aber das Meer wollte nicht gehorchen; es geht nicht an, die Tiefen aufzurühren und dann seiner Wege zu laufen. Wogen kamen in unübersehbarer Länge, mehr als haushoch, in endloser Folge mit schaumweißen Kämmen und mit krachendem Fall. Das Getöse davon erschallte über Stadt und Strand, gewaltig und dumpf rollend, so daß man an Land denken mußte, das sich in der Ferne losriß.

Jedesmal, wenn die Wellen in voller Höhe den Berg stürmten, spritzte der Schaum mehrere Klafter empor; in der Entfernung sah es aus, als ob die weißen Meerungeheuer der Sage gerade an dieser Stelle ans Land steigen wollten. Aber ganz erreichten es nur einige salzige Tropfen; dort, wo er stand, brannten sie dem Knaben an der Wange, aber er rührte sich nicht von der Stelle.

Gewöhnlich wurde gesagt, nur der schlimmste Westwind könne den Meeresschaum so hoch werfen; jetzt kam er bei Windstille; das hatte nur einer erlebt, und das war er.

Ganz weit draußen flossen Himmel und Meer in der Glut der untergehenden Sonne zusammen. In der Richtung sah es aus wie ein goldnes Friedensreich, alle die meerschwarzen, weiß schäumenden Wogen, die sich, soweit der Blick reichte, von dort heranwälzten waren vertriebene Aufrührer; sie kamen einer nach dem andern mit millionenmündigem Protest.

Jetzt gerade wer der Farbengegensatz auf seinem Höhepunkte, jetzt war es mit aller Vermittlung vorbei; nicht einmal ein roter Schimmer gelangte bis hier herüber. Dort die warme Glut, hier das kalte Schwarzblau über dem Meere und dem schneebedeckten Ufer; was man von der Anhöhe aus von der Stadt sah, kroch zusammen und ward kleiner, so oft er sich von draußen weg nach dieser Richtung wandte. Aber jedesmal fühlte er sich auch unruhiger; das meldete etwas Schlimmes an; sollte wirklich noch mehr kommen? Seine Phantasie war erregt und übernächtig wie er war, hatte er keine Widerstandskraft.

Die Pracht da draußen begann zu erlöschen; alle Farben schwanden gleichmäßig. Das Gebrüll von dort unten, wo die Ungeheuer herauf wollten, machte sich lauter vernehmbar; oder hatte sich jetzt sein Gehör verschärft?

Galt das ihm? Was hatte er nun wieder gethan? Oder sollte er nun bald dazu kommen, etwas zu thun? Schon früher war ihm unklare Angst ein Vorzeichen gewesen.

Nicht der Sturm allein hatte ihn erregt; kurz zuvor hatte ein Laienprediger prophezeit, nun werde die Welt untergehen; alle Anzeichen der Bibel träfen gerade ein, und die Zahlen bei Jeremias und Daniel wären nicht zu mißdeuten. Das erregte so viel Lärm, daß sich die Blätter damit abgeben mußten und mitteilten, dasselbe wäre schon unendlich oft prophezeit worden und immer hätten die Zahlen bei Jeremias und Daniel gestimmt. Aber als dann der Orkan kam und ärger wurde als seit Menschengedenken, und die Schiffe sich losrissen und gegen die Landungsbrücken trieben, zermalmten und zermalmt wurden, und besonders als sich die Nacht darüber breitete und keine Laterne leuchtete – als man die Sturzwellen hörte, aber nicht sah, die Kommandorufe, die Schreie, das Tosen und das langgezogene Jammern – und in den Straßen drinnen das Entsetzen, wenn die Dächer in ganzer Länge abgehoben wurden, die Häuser erbebten, die Scheiben klirrten, die Steine fegten, Leute flüchteten und ferne Schreie die Angst vermehrten – ja, dann erinnerten sich viele der Worte des Laienpredigers: Gott helfe uns, das ist gewiß der jüngste Tag; nun fallen bald die Sterne. Die Kinder besonders fürchteten den Tod. Die Eltern hatten nicht Zeit, bei ihnen zu sitzen, noch in der letzten Stunde der Welt zweifelte man nämlich, ob das auch wirklich die letzte Stunde der Welt wäre, und aus alter Gewohnheit blieb die Sorge für das irdische Besitztum bis zum Schlusse das sicherste. Man mußte bergen und verschließen und laufen und nach dem Feuer sehen und überall sich zu schaffen machen. Aber den Kindern gab man Gebet- und Gesangbücher und hieß sie lesen, was da von Erdbeben und andern Plagen und vom jüngsten Tag stand; man suchte ihnen eilig die Stellen auf und lief. Als wenn die Kinder jetzt hätten lesen können!

Sie verkrochen sich lieber ins Bett und zogen die Decke über den Kopf; einige nahmen den Hund oder die Katze mit; das war sicherer, und sie wollten zusammen sterben. Aber oft wollten Hund und Katze nicht unter der Decke sterben, und dann entstand Kampf.

Der, der jetzt auf dem höchsten Gipfel des Berges stand, war vor Schreck ganz von Sinnen gewesen. Aber er war einer von denen, die das Entsetzen von einem Orte zum andern trieb, vom Hause auf die Straße, von der Straße nach dem Hafen und wieder nach Hause; nicht weniger als dreimal war sein Vater hinter ihm her gewesen und hatte ihn eingefangen, ja, alle Thüren vor ihm verschlossen; aber er war hinausgekommen. So etwas geschah sonst nicht gratis; kein Junge wurde strenger gehalten oder bekam so reichliche Prügel als Eduard Kallem; aber ein gutes brachte der Sturm mit sich: die Nacht wurde nicht geprügelt.

Die Nacht ging und die Sterne erschienen; der Tag kam und die Sonne war strahlend wie vorher; der Sturm ging auch und mit ihm der letzte Rest der Furcht.

Aber hat sie einmal so grenzenlos über das Gemüt eines Menschen geherrscht, dann bleibt später Schreck vor dem Schrecken bestehen. Nicht bloß in bösen Träumen; auch am Tage, wenn man sich am allersichersten wähnt, lauert sie in unsrer Phantasie, um sich beim geringsten Ungewöhnlichen auf uns zu stürzen, uns mit tückischen Augen und giftigem Hauch zu verschlingen, zuweilen um uns in Wahnsinn zu hüllen.

Der Knabe stand und fühlte sich übel zu Mute beim Sonnenuntergang und dem Gebrüll – und sofort war die Höllenangst über ihm; die Schrecken des jüngsten Tages sausten heran. Er verstand nicht, wie er so unglücklich hatte sein können, sich hier herauf zu wagen, und noch dazu allein! Er stand wie gelähmt, er getraute sich nicht, den einen Fuß vor den andern zu setzen, es wäre vielleicht bemerkt worden; hier waren feindliche Mächte ringsum. Er betete heimlich zu seiner verstorbenen Mutter: Wenn das das Letzte wäre und die Auferstehung sie erlöste, dann solle sie zu ihm heraufkommen und bei ihm sein; – nicht bei seiner Schwester, denn die hätte ja Rektors; aber er hätte niemand. –

Alles verblieb, wie es war. Nur daß im Westen die Farben verblichen und es im Osten finster wurde. Die Kälte ging unerschütterlich weiter und wurde Alleinherrscher; das gab beständigere Größe und das sichere Gefühl der Einheit. Nach und nach gewann er seinen Mut so weit wieder, daß er freier atmete – erst versuchsweise, dann ganz tief, und zwar viele Male; dann begann er sich zu rühren, leise und kaum merkbar und nicht ohne Furcht davor, die unsichtbaren Geister hier oben, die, die ihn haben wollten, könnten Verdacht schöpfen. Behutsam glitt er dem Abstieg näher. Keine Flucht, keineswegs! Er wußte nicht einmal, ob er gehen wollte; er wollte es nur versuchen; wohl möglich, daß er wieder kam. Aber der Abstieg war hier verwickelt, und eigentlich hätte er vor dem Eintritt der Dunkelheit ausgeführt werden sollen; es wurde jetzt so rasch finster. Wenn er nur erst so weit war, daß er wieder auf dem Wege stand, der von dem Fischerdorf dort unten auf den Berg heraufführte, ja, dann war keine Gefahr mehr; aber hier –, ach, vorsichtig, vorsichtig, einen kleinen winzigen Schritt, und noch einen kleinen, ganz kleinen dazu! Nur einen Versuch; er wollte schon wiederkommen!

Kaum hatte er auf diese Weise den höchsten und schwierigsten Teil des Hügels zurückgelegt und stand gegen die Mächte dort oben geschützt, mit denen er gefeilscht hatte – als er sie gründlich betrog; sprungweise ging's abwärts; wie ein Gummiball sprang er von einem Absatz zum andern – bis er weiter unten eine Zipfelmütze auftauchen sah, so weit entfernt, daß er sie gerade erkennen konnte. Augenblicklich blieb er stehen! Alle Flucht, alles Entsetzen, alles Vorhergegangene war fort; kein Gedanke daran. Nun wollte er erschrecken; auf den Jungen hatte er die ganze Zeit gewartet. Bewegung, Augen, Stellung zeigte, welche Freude ihm die Gewißheit machte, daß er ihn nun bald in Schußweite hatte; jetzt sollte er's bekommen!

Der andre kam, ohne die Gefahr zu ahnen, der er sich näherte; langsam und gleichsam seine Freiheit und Einsamkeit genießend, kam er angeschlürft; bald wurden seine schweren Stiefel hörbar, der Klang seiner eisenbeschlagenen Absätze auf den Steinen.

Ein wohlgebauter Junge, blond und vielleicht ein Jahr älter als der wartende; in weiten Frieskleidern, einen wollenen Shawl um den Hals; an den Händen große Fausthandschuhe; er trug einen von den auf dem Lande gebräuchlichen Körben, blaubemalt und mit weißgelben Rosen verziert.

Ein großes Geheimnis ging nun seiner Lösung entgegen; mehrere Tage war die Schule darauf gespannt gewesen, mit wem, wo und wie der jetzt drohende Zusammenstoß sich ereignen – wann der feierliche Moment der Entscheidung kommen würde, da Ole Tust einem der pflichteifrigen Aufpasser der Schule endlich gestehen mußte, wo er sich nachmittags und abends aufhielt und was er dann vornahm.

Ole Tust war das einzige Kind eines wohlhabenden Bauern draußen vom Strande. Sein vor einem Jahr verstorbener Vater war der angesehenste Laienprediger im Westland gewesen und hatte seinen Sohn frühzeitig zum Prediger bestimmt, weshalb dieser jetzt die Lateinschule besuchte. Ole war begabt, fleißig und seinen Lehrern gegenüber so ehrfurchtsvoll, daß er unbedingt ihr Liebling wurde.

Aber trau, schau, wem! Dieser treuherzige, höchst ehrerbietige Junge blieb plötzlich von den Nachmittagsspielen der Kameraden fort. Er war nicht zuhause (er wohnte bei seiner Tante), nicht bei Schulzes, wo er den Kindern Nachhilfestunden gab; das machte er gleich über Mittag ab, – auch nicht bei Rektors, das will heißen zusammen mit der Pflegetochter des Rektors, Josefine Kallem, der Schwester Eduards; Ole und sie hielten eng zusammen. Zuweilen sahen ihn die Jungen dort hineingehen, aber nicht wieder herauskommen, und trotzdem war Josefine immer allein, wenn sie hinterher visitierten; sie hatten nämlich ihre Wachen ausgestellt, die Untersuchung ging methodisch vor sich. Bis in das Schulhaus konnten sie also seine Spur verfolgen; aber dann verschwand sie; – er konnte doch nicht in die Erde versunken sein? Das Haus wurde von dem einen Ende zum andern durchsucht, jede Ecke, jeder Schlupfwinkel mehrmals. Josefine führte die Jungen selber umher, ja, auf die obersten Böden hinauf, in die Keller hinunter, in alle Räume, in denen sich die Familie nicht selber aufhielt, und versicherte auf Ehre und Gewissen, daß er nicht da wäre; sie könnten ja selbst sehen. Wo in aller Welt war er?

Der Primus gewann in diesen Tagen durchs Los Les trois mousquetaires von Alexandre Dumas dem ältern, ein Prachtwerk mit Illustrationen; da er aber bald entdeckte, daß das sein Buch für einen Gelehrten war, setzte er es dem Kameraden als Prämie aus, der entdecken würde, wo sich Ole Tust nachmittags und abends aufhielt und was er da vornähme. Der Preis zündete in Eduard Kallems Phantasie; er hatte nämlich bis vor etwa einem Jahre in Spanien gelebt; er las französisch wie norwegisch, und daß Les trois mousquetaires der herrlichste Roman der Welt wäre, das hatte er immer gehört. Jetzt stand er für Les trois mousquetaires auf der Wacht, ein Hurra denn für alle drei; nun hatte er sie.

Leise, leise schlich er vorwärts, bis er den Weg erreichte, der Sünder war ganz nahe.

Der Kopf Eduard Kallems hatte etwas raubvogelartiges: die Nase glich einem Schnabel; die Augen waren wild – an und für sich und da sie ein wenig schielten. Die Stirn war scharf und kurz und von hellbraunem kurzgeschnittenen Haar eingefaßt. Eine auffällige Beweglichkeit ließ ahnen, wie geschmeidig er war. Er wollte letzt still stehen; aber der Körper bog sich, die Füße rührten sich, die Arme bewegten sich, als wollten sie sich im nächsten Augenblick emporschnellen.

»Bah!« schrie er aus Leibeskräften; der Herankommende zuckte zusammen – fast hätte er den Korb fallen lassen. »Ja, jetzt habe ich dich! Nun nützt dir's nicht länger, zu schweigen!«

Ole Tust stand wie versteinert. »Ja, nun stehst du da! Hoho! – Was hast du dort im Korbe?« Er stürzte sich über ihn; aber der andre nahm den Korb rasch aus der rechten in die linke Hand und hielt ihn hinter sich; es war Eduard unmöglich, ihn zu fassen. »Was denkst du. mein Junge? Meinst du etwa letzt noch, davon kommen zu können? Her mit dem Korbe!« – »Nein, du bekommst ihn nicht!« – »Willst du nicht gehorchen? Dann gehe ich gleich hinunter und frage.« – »Ach nein!« – »Ja, das thue ich wahrhaftig.« – »Du wirst doch nicht?« – »Ich thue es!« Er wollte sofort vorbei und hinunter.

»Ich will dir's sagen, aber du mußt darüber schweigen.« – »Schweigen? Bist du närrisch?« – »Ja, du mußt!« – »Wie kannst du auf solchen Unsinn verfallen? Her mit dem Korbe, oder ich gehe! schrie er. – »Ja, wenn du es nicht sagen willst – ?« Ole traten die Thränen in die Augen. »Ich verspreche nichts.« – »Aber du sagst nichts, Eduard?« – »Ich verspreche nichts. »Heraus mit dem Korbe; mach schnell!« – »Ja, es ist nichts Schlimmes dabei. – Hörst du, Eduard!« – »Wenn's nichts Schlimmes ist, dann kannst du auch damit herauskommen! Mach schnell!« Dies nahm Ole nach Knabenart für ein halbes Versprechen: er sah ihn flehentlich an und ermannte sich zu dem Geständnis: »Ich gehe dort hinunter um – um ja, du verstehst – auf Gottes Wegen.« Das letzte sagte er verschämt und brach in Thränen aus. – »Auf Gottes Wegen?« fragte Eduard, aber unsicher; er war im höchsten Grade erstaunt.

Er erinnerte sich, daß der Geographielehrer einmal in einer schläfrigen Stunde gefragt hatte: »Welche Wege sind die besten?« Im Buche stand: »Zum Warentransport sind die Seewege immer noch die besten.« – »Nein, – welche Wege sind die besten? du, Tust?« »Gottes Wege« antwortete Tust. Im Nu war die Klasse völlig wach; ein brüllendes Gelächter gab davon Kunde.

Aber trotz alledem wußte Eduard Kallem wirklich nicht, was »Gottes Wege« bedeuten sollte. Ole unten im Fischerdorfe auf Gottes Wegen? Die Neugier ließ ihn vergessen, daß er Sittenpolizist war; ganz geradezu, wie ein andrer Junge, sagte er: »Ich verstehe dich nicht, Ole. Auf Gottes Wegen, sagst du?« Der Kamerad merkte die Veränderung wohl; die eben noch so wilden Augen waren freundlich; nur hatten sie den wunderlichen Glanz, den sie niemals verloren. Von allen Schulkameraden bewunderte Ole heimlich Eduard Kallem am meisten. Der Bauernjunge litt furchtbar unter dem überlegenen Scharfsinn und der Gewandtheit der Städter, und diese Eigenschaften hatten ihren allervornehmsten Repräsentanten in Eduard Kallem. Weiterhin umgab sein Haupt ein Glorienschein: er war der Bruder seiner braungelockten Schwester.

Einen unausstehlichen Fehler hatte er: er neckte gern. Dafür bekam er seine Prügel – bald von den Lehrern, bald von seinem Vater und den Kameraden; aber eine Minute später fing er wieder von neuem an. Dieser Mut ging weit über den Verstand des Bauernjungen hinaus. Deshalb wirkte ein freundliches Wort, ein Lächeln von Eduard Kallem mit mehr als seinem Inhalt; es hatte den Sonnenschein der Gnade, der Vornehmheit. Diese einschmeichelnden, sanften Fragen, die jetzt das frühere Raubtier stellte, (davon war nur der Schnabel noch übrig), strahlten mit dem Glanz der Augen zusammen; Ole gab nach. Sofort als Eduard die Taktik änderte und unschuldig darum bat, den Korb sehen zu dürfen, lieferte er ihn aus und fühlte sich derart sicher, daß er mit seinen großen Fausthandschuhen die Augen trocknete, den einen Handschuh auszog und sich mit den Fingern schneuzte. Da erinnerte er sich, zu diesem Zweck ein gewürfeltes Taschentuch erhalten zu haben, suchte danach, fand es aber nicht.

Eduard hatte den Deckel geöffnet; bevor er ihn aufhob, sah er auf: »Willst du nicht – ?« – »Nein, thu du's nur!' – Eduard schob den Deckel zur Seite, und hob ein Tuch auf: darunter lag ein großes Buch; es war die Bibel. Er wurde verlegen, fast ehrerbietig. Unter der Bibel lagen mehrere uneingebundene Hefte; er nahm ein paar heraus, wandte sie um und legte sie wieder hinein; es waren fromme Traktate. Die Bibel legte er vorsichtig wieder an ihren alten Platz, breitete das Tuch darüber und schloß den Deckel. Eigentlich war er so klug als zuvor, oder vielmehr noch neugieriger.

»Du liest doch nicht etwa den Leuten dort unten die Bibel vor;« fragte er. Ole Tuft errötete: »Ja, zuweilen –.« – »Wem?« – »Ach, den Kranken; aber oft komme ich nicht so weit.« – »Besuchst du die Kranken?« – »Ja. ich gehe zu den Kranken.« – »Zu den Kranken? du? Aber, lieber Ole, was machst du bei den Kranken?« – »Ach, ich helfe ihnen – – so gut ich gerade kann.« – »Du?« fragte Eduard mit all der Verwunderung, deren er fähig war. Nach einer Pause fügte er hinzu: »Womit? Mit Essen?« – »Damit auch. Ich helfe ihnen mit dem, was sie brauchen – ich bette sie um –.« – »Du bettest sie um?« – »Ja, sie liegen auf Stroh; und sie liegen so lange darauf, verstehst du, bis es riecht; zuweilen beschmutzen sie es auch, wenn sie krank sind und sich nicht selber helfen können; denn tagsüber ist oft niemand bei ihnen; die Leute sind auf Arbeit und die Kinder in der Schule. Und wenn ich dann nachmittags komme, dann gehe ich an den Strand hinaus zu den Booten, die mit Stroh fahren; dort kaufe ich und trage das Stroh hinauf und dann nehme ich das alte weg.« – »Woher bekommst du denn das Geld dazu?« fragte Eduard. – »Die Tante sammelt Geld für mich, und Josefine auch.« – »Josefine?« rief der Bruder. – »Ja; – ja, ich hätte es vielleicht nicht sagen sollen.«

»Von wem bekommt Josefine das Geld?« fragte Eduard mit der wachsenden Strenge des älteren Bruders. Ole bedachte sich, dann antwortete er fest und bestimmt: »Von deinem Vater?« – »Vom Vater?«

Eduard wußte, daß der Vater, selbst wenn Josefine darum bat, sein Geld nicht unnütz ausgab; erst untersuchte er, wozu er es gab. Der Vater hatte also gutgeheißen, was Ole betrieb, und damit war es in Eduards Augen über allen Zweifel erhaben. Ole fühlte sofort den vollständigen Umschlag; er sah es auch an den Augen. Nun bekam er Lust, mehr zu erzählen, und das that er. Er erklärte, daß er oft so viel Mühe hatte, wenn er kam; er mußte Feuer machen und anrichten und kochen. – »Kannst du kochen?« – »Ja freilich! Und rein machen und das Nötige kaufen, und den einen oder den andern, der hinüber rudert, in die Apotheke schicken; denn der Arzt kann etwas verschrieben haben, aber es ist nicht geholt worden.« – »Zu alldem hast du Zeit?« – »Bei Schulzes mache ich meine Stunden gleich über Mittag ab und des Nachts meine eignen Arbeiten.« Er erzählte des weitern und breitern, bis er selbst daran erinnerte, daß sie noch vor Einbruch der Dunkelheit den Berg hinunter müßten.

In Gedanken versunken ging Eduard voran, der andre mit dem Korbe hinterdrein.

Hier, wo der Berg abfiel, hörte man das Getöse des Meeres, als wenn es von oben käme; wie das Sausen eines durch die Luft ziehenden Schwarms, aber ganz hoch oben. Nun wurde es kalt; den Mond sah man, aber die Sterne noch nicht – ja doch einen einzelnen. »Wie verfielst du darauf?« fragte Eduard, und wandte sich um; Ole blieb auch stehen. Er nahm den Korb aus der einen Hand in die andre und wieder umgekehrt. Sollte er darauf eingehen und alles sagen? Eduard merkte sofort, daß hier etwas dahinter stak, und zwar das Wichtigste. »Kannst du es nicht sagen?« fragte er, als wenn es ihm gleichgültig wäre. – »Ja, das kann ich schon.« Aber er fuhr fort, den Korb aus der einen Hand in die andre zu nehmen, ohne weiter ein Wort zu sagen. Da konnte Eduard nicht länger an sich halten, sondern begann Ole ordentlich zu nötigen, und das gefiel diesem auch ganz gut, aber er war doch noch bedenklich. »Ja, es ist doch wohl nichts Häßliches?« – »Nein, häßlich ist es nicht.« Nach einer Pause fügte er hinzu: »Eher ist es etwas Großes – ja, etwas wirklich Großes sogar.« – »Etwas wirklich Großes?« – »Eigentlich das Größte in der Welt.« – »Aber was meinst du denn?« – »Ja, wenn du es nur nicht erzählen wolltest?« »Um keinen Preis, verstehst du? Dann kann ich's schon sagen.« – »Was ist es, Ole?« – »Ich will Missionar werden.« – »Missionar – ?!« »Ja, Heidenmissionar, bei den Wilden: weißt du, bei denen, die Menschen fressen.« Er sah, daß Eduard kaum noch mehr ertragen konnte; deshalb beeilte er sich, etwas über Cyklone, wilde Raubtiere und giftige Schlangen hinzuzufügen. »Zu so etwas muß man sich einüben, siehst du.« – »Sich einüben – ? Gegen reißende Tiere und giftige Schlangen – ?« Eduard fing an, alles mögliche zu glauben. »Das Schlimmste sind die Menschen,« sagte Ole, er überging die Tiere; – »das sind entsetzliche Heiden, diese Leute, und wild und grausam und häßlich sind sie auch. Deshalb kann man nicht so ohne weiteres hinlaufen. Man muß schon Übung, haben.« – »Aber wie kannst du die hier unten bekommen? Die Leute dort unten im Fischerdorfe sind doch keine Heiden?« – »Nein, aber sie können einen schon lehren, von allem Möglichen etwas zu dulden; da kann man die Hände nicht in den Schoß legen, sondern muß das Schmutzigste verrichten. Wenn sie krank und mürrisch sind, dann sind sie auch so mißtrauisch. Ja, manche sind ordentlich bösartig. Denke dir, neulich abend wollte mich eine Frau schlagen.« – »Dich schlagen?« – »Da betete ich zu Gott, sie solle es nur thun: aber sie fluchte nur.« Oles Augen glänzten, sein Gesicht war verzückt. »Hier in einem Traktat, den ich im Korbe habe, steht, das wäre der Fehler an unsern Missionaren, daß sie ohne vorherige Übung ans Werk gehn. Denn es ist eine schwere Kunst, Leute zu gewinnen, steht dort; die schwerste von allen Künsten aber, sie für Gottes Reich zu gewinnen. Eigentlich müßten wir uns dazu von Jugend aus üben, ja, von Kindesbeinen an; so steht dort und das will ich thun. Denn Missionar zu sein, das ist nun doch das Höchste auf Erden. Größer als König zu sein, größer als Kaiser und Papst zu sein; das steht hier im Traktat. Da steht, daß ein Missionar sagte: und wenn ich zehn Leben hätte, ich gäbe sie alle zehn für die Mission. Das will ich auch thun.«

Sie waren Seite an Seite gekommen. Ole hatte, ohne es zu wissen, sich den aufgehenden Sternen zugewandt; beide standen kurze Zeit und starrten ins Weite. Unter ihnen lag der Hafen mit den Schiffen in halbklarer Zeichnung, die Brücken niedrig und in träger Ruhe, die Stadt mit einzelnen verstreuten Lichtern; weiter draußen der Strand, schmutzig grau vom Schnee, und dann das schwarze Meer; hier hörte man es wieder, aber schwächer. Das einförmige Getöse paßte zu dem sterngeschmückten Halbdunkel. Zwischen den Knaben liefen unsichtbare Fäden hin und wieder; Gefühle verknüpften sich. Von keinem andern hätte Ole so sehr gewünscht, gut beurteilt zu werden, als von dem da in der leichten Pelzmütze, und Eduard dachte, um wie viel Ole besser wäre als er; denn daß er ein schrecklicher Junge war, das wußte er, das hörte er alle Tage. Er sah den Bauerknaben seitwärts an; die Zipfelmütze bis tief über die Ohren hereingezogen, die großen Fausthandschuhe und der plumpe Shawl, die Friesjacke wie die Frieshosen zu weit, die großen eisenbeschlagenen Stiefel – allein die Augen wogen das alles auf. Und das treuherzige Gesicht, wenn es auch etwas altklug war – Ole mußte ein großer Mann werden.

Sie trabten weiter, Eduard voran, Ole hinterher, hinunter nach der »Bergstadt«, wie der Stadtteil genannt wurde, der an den Berg angrenzte und der im wesentlichen aus Arbeitshäusern, kleinen Werkstätten und kleineren Fabriken bestand. Hier waren noch keine ordentlichen Straßen angelegt und auch für Beleuchtung war noch nicht gesorgt; jetzt, wo es taute, lag ein entsetzlicher Schmutz, der in der Abendkälte zu gefrieren begann. Die wenigen Laternen, die vorhanden waren, hingen an Stricken, die von dem einen Hause zum gegenüberliegenden gespannt waren, mitten über den Straßen und konnten auf und nieder gezogen werden. Sie waren vom Qualm geschwärzt, ungeputzt und, daher in schlechter Laune. Die eine und die andre kleine Werkstatt hielt selbst eine Laterne, und diese war draußen über der Treppe angebracht. Unter einer von diesen blieb Eduard stehen; nun mußte er wieder fragen. Wer es nämlich wäre, dessen sich Ole hier unten annahm? War es jemand, den sie beide kannten?

Frohgemut setzte Ole den Korb auf die Treppe und stützte sich mit der Hand darauf; er lächelte: »Ja, du kennst doch die Marthe auf der Werfte?« Sie kannte die ganze Stadt; es war eine tüchtige Frau, aber sehr dem Trunke ergeben: manchmal hatten die Schuljungen Samstags abends ihren Spaß, wenn sie an einer Mauer stand und sie ausschalt, bis sie sich umdrehte und als Zeichen ihrer Achtung – ja, wie dies Zeichen aussah, läßt sich nicht beschreiben. Darauf hatten indessen die Jungen gerade gewartet; es wurde immer mit Jubel begrüßt.

»Die Marthe auf der Werfte!« schrie Eduard; »kannst du die Marthe auf der Werfte bekehren?« – »Still! Nicht so laut,« bat Ole, er war glühendrot geworden und sah sich erschrocken um. – Eduard wiederholte flüsternd: »Glaubst du, daß irgend jemand die Marthe bekehren kann?« – »Ich glaube, nahe daran zu sein,« flüsterte der andre geheimnisvoll. – »Nein, das glaube ich nicht! Nein, entschuldige –.« Die Augen schielten, der Mund verzog sich zu einem Lächeln. – »Ja, höre nur! du weißt, im Winter fiel sie beim Glatteis und verletzte sich schwer.« – Ja. das wußte er. »Ja, sie liegt auch jetzt noch und nun haben es alle satt bekommen ihr zu helfen, sie ist so bös und abstoßend. Anfangs war sie schlimm, mir gegenüber – ach, es war kaum auszuhalten; aber ich ließ mir nichts anmerken und jetzt heißt es nur: ›mein Schutzengel,‹ ›mein Lamm,‹ ›mein Goldsohn‹ und ›gutes Kind.‹ Denn ich hab' sie umgebettet, habe Kleider, Essen und Bettzeug für sie gesammelt und das Allerschlimmste auf mich genommen; ja, das habe ich. Aber trotzdem wollte sie mich eines Abends schlagen, als ich ihr aufhelfen wollte und sie dabei ihrem kranken Fuße wehe that. Sie schrie und erhob die Krücke – aber dann faßte sie sich und begann zu fluchen und mich ordentlich auszuschimpfen. Jetzt ist sie wieder ganz gut geworden, und neulich habe ich mich daran gewagt, ihr aus der Bibel vorzulesen.« – »Der Marthe auf der Werfte?« – »Die Bergpredigt, und sie weinte, du.« – »Sie weinte? Verstand sie es denn?« – »Nein, sie weinte so, daß sie sicherlich nicht viel davon hörte. Aber es war doch immerhin die Bibel, verstehst du. Sie fing schon an zu weinen, als ich sie herausnahm.«

Die Jungen sahen einander an; aus dem Hofe erklangen Hammerschläge und in weiter Entfernung eine Dampfpfeife; dann gegenüber das leise Schreien eines Kindes. »Sagte sie etwas?« – »Sie sagte, sie wäre viel zu elend, es anzuhören. Und ich erklärte, daß Gott gerade die Schlechtesten haben wolle. Aber sie that, als hörte sie es nicht. Sie hieß mich nur gehen, dabei sollte ich auch beim Wasch-Lars nachsehen, ob er nachhause gekommen wäre.« – »Beim Wasch-Lars?« schrie Eduard und Ole mußte ihn wieder bitten, leiser zu reden; Wasch-Lars war nämlich ihr guter Freund. – »Ja. Willst du es glauben? Er ist in dieser Zeit sehr vernünftig gewesen Der Wasch-Lars hat vieles Gute an sich, das sagen alle. Er kommt alle Abende und hilft. Heute abend kam er früher als gewöhnlich; deshalb konnte ich gehen; sonst bleibe ich viel länger dort.« – »Hast du ihr öfter vorgelesen?« – »Ja, heute. Sie fing sofort an zu weinen; aber heute, glaub' ich, hat sie gehört; denn ich las vom verlornen Sohn und sie sagte, ich bin wohl eins von seinen Schweinen.« Beide Jungen lachten. »Da sprach ich denn mit ihr und sagte, das könnte ich nicht glauben. Nun wollte ich versuchen zu beten. Ach, das nützt gewiß nicht viel, sagte sie; als ich aber dann mit dem Vaterunser begann, wurde sie ganz verrückt, gradezu wie furchtsam und erhob sich und rief, davon wolle sie gar nichts wissen – ganz und gar nichts. Und dann legte sie sich nieder und heulte.« – »Es wurde also nichts?« – »Nein, dann kam Wasch-Lars und da hieß sie mich gehen. Aber siehst du, wie es wirkte? Glaubst du nicht, daß es sich machen wird?« Eduard wußte das nicht ganz sicher.

Es war klar, daß seine Bewunderung einen kleinen Riß bekommen hatte.

Kurz darauf trennten sie sich.

2

In den höhern Schulen kann zuweilen ein Geist herrschen, der dem der Stadt, worin die Schule liegt, völlig widerspricht, und es ist auch die Regel, daß die Schule in gewissen Beziehungen unter selbständigen Einflüssen steht. Ein einziger Lehrer kann die Schüler auf seinen Weg führen, ebenso wie es auf einen oder mehrere Kameraden ankommt, ob unter den Jungen ein Geist ritterlicher und gehorsamer Gesinnung oder das Gegenteil herrscht. In der Regel übernimmt ein einzelner die Führung. Auch in sittlicher Hinsicht ist es so. Die Knaben arten ihrem Vorbilde nach, und meist hat einer oder auch mehrere die Kraft, es zu geben.

Zu dieser Zeit hatte der Primus Andreas Heppe teilweise die oberste Leitung. Kein kenntnisreicherer Knabe hatte die Schule seit ihrer Gründung besucht; er blieb noch ein Jahr länger als nötig, nur um der Schule den Glanz eines unzweifelhaften »prae ceteris zu verschaffen. Die Knaben waren auf ihn unglaublich stolz; sie erzählten bewundernd, wie er die Lehrer dazu gebracht, daß er die Stunden nach seinem Willen wählen und gehen und kommen konnte wie er gerade Lust hatte. Er arbeitete meistenteils für sich selbst. Er hatte eine Bibliothek deren Regale längst die Wände gefüllt hatten, so daß sie nun in die Stube hineinreichten. Ein langes Regal stand zu beiden Seiten des Sophas, Es wurde erzählt, die kleinsten Knaben dürften zu ihm kommen und sich die Bücher ansehn. Und dort gerade vor dem Fenster saß er da und rauchte: in einen bis auf die Füße reichenden Schlafrock gehüllt, das Geschenk einer verheirateten Schwester, auf dem Kopf eine Sammetmütze mit Goldquaste, das Geschenk einer Tante, an den Füßen gestickte Pantoffeln, das Geschenk eines Onkels. Er war ein Damenprodukt, wohnte bei seiner verwitweten Mutter, und fünf ältere Verwandte bezahlten seine Bücher, kleideten ihn und versorgten ihn mit Taschengeld.

Ein großer, wohlbeleibter Kerl mit regelmäßigen, fein geschnittnem Gesicht, das die Züge eines alten Geschlechts trug. Das Gesicht wäre schön gewesen, wenn die Augen nicht vorgestanden und zugleich etwas Gieriges, Spähendes gehabt hätten. Etwas ähnliches galt von seinem wohlgeformten Leibe; er würde einen stattlichen Eindruck gemacht haben, wenn er nicht oft krumm gegangen wäre, als wenn er eine Last auf dem Rücken trüge, und einen ungleichen Gang gehabt hätte. Seine Hände und Füße waren zierlich; er ließ sich nicht gern anrühren, war verfroren und zimperlich; und sein Geschmack war durchgehends weiblich.

An alles, was ihm einmal gesagt worden, erinnerte er sich, an Großes und Kleines ohne Unterschied; oder wenn ein Unterschied bestand, so war es der, daß ihm das kleine das wichtigste war. Wenig Dinge entgingen ihm. Heimlich stahl er sich in das Vertrauen eines Menschen ein; es geschah nicht ohne Kunst. Er kannte Familiengeschichten aus dem ganzen Lande, kannte auch die fremder Länder. Sie zu erzählen und am liebsten Skandale zu erzählen und dazusitzen und noch mehr einzufangen, war seines Lebens intimste Freude. Hätten die Lehrer erkannt, wie diese bewunderungswürdige Schubladeneinrichtung mit all ihrem Inhalt die Luft der Schule verdarb, so hätten sie ihn kaum noch ein Jahr behalten. Die Schule war lauter Kritik und Zweifel; Geschwätz und Neckerei waren Hoftugenden, die am leichtesten zu Gunst führten; ansteckende Geschichten, Festunterhaltung. Gierig nach neuem saß er zuhause in seinem Rauchgespinnst zwischen den Bücherregalen, wenn ihn jemand besuchte. Und als heute abend Eduard kam und ihm erzählte, nun wisse er, wohin Ole ginge, nun wisse er, was er vornehme, nun wolle er seine Prämie haben! – da stand Andreas auf und bat ihn, nur einen Augenblick zu warten, er wolle Bier holen, nun wollten sie sichs gemütlich machen.

Das erste Glas schmeckte vortrefflich, ein weiteres halbes Glas gleichfalls und dann erzählte Eduard zuerst, daß Ole die Kranken unten im Fischerdorfe pflege.

Andreas wurde ungefähr so verlegen wie Eduard damals, als er die Bibel sah. Eduard lachte herzlich. Aber es dauerte nicht lange, so äußerte Andreas einen kleinen Zweifel. Da hätte ihm Ole gewiß etwas vorgemacht, um nur leichter davon zu kommen; dahinter stecke etwas; die Bauerjungen wären so heimlich. Und als Beweis hierfür erzählte er ein paar ganz amüsante Geschichten aus der Schule. Eduard konnte sein ewiges Zweifeln nicht leiden, und um kurz abzuschneiden (im Grunde genommen war er so müde!) theilte er mit, daß sein Vater alles wisse, ihm gefiele es und er unterstütze Ole mit Geld. Da zweifelte natürlich Andreas auch nicht länger. Aber auch so konnte noch etwas dahinterstecken. Die Bauerjungen hätten so etwas heimliches an sich.

Das wurde aber Eduard zu viel; er sprang auf und fragte, ob er glaube, daß einer von ihnen lüge.

Andreas trank ruhig einen Schluck Bier, während die Augen vorsichtig rollten. »Lüge!« Das wäre ein so merkwürdiger Ausdruck. Könne er nicht erfahren, mit welchen Kranken Ole sich abgebe?

Darauf war Eduard nicht gefaßt. Er hatte sich vorgenommen, gerade so viel zu sagen, als nöthig war, um die Prämie zu bekommen, und kein Wort mehr.

Er stand wieder auf. Wenn Andreas nicht glauben wolle, so könne ers ja bleiben lassen: aber die Prämie wolle er haben.

Es war nicht Andreas Heppes Gewohnheit, mit jemand zu brechen, was auch Eduard wohl wußte. Natürlich sollte Eduard das Buch bekommen. Aber nun sollte er eine amüsante Geschichte hören, wie sich die Kranken draußen im Fischerdorfe aufführten. Der Armenarzt und seine Frau waren gestern bei seiner Mutter, und da fragte jemand nach der Martha aus der Werft, die man lange nicht gesehen hatte. Lag sie noch von dem Fall im Winter her? »Ja, das thäte sie, und sie litte keine Not, denn die Leute schickten ihr unbegreiflicherweise alles, was sie brauchte, und Wasch-Lars bringe ihr Abend für Abend Branntwein, so daß sie es sich oft gemütlich machen könnten. Sie stünde gewiß nicht so bald auf.

Eduard wurde feuerrot, und Andreas bemerkte das. Gehörte vielleicht Martha auf der Werft zu denen, denen Ole half?

– Ja freilich.

Die Augen erweiterten sich, um diese Beute aufzunehmen Eduard sah, daß sie verschlungen und verschluckt wurde, und es war ihm, als ob er selber mitgenommen, zerrissen und gegessen würde.

Aber wenn es etwas giebt, was Schuljungen nicht leiden können, so ist es: in ihrer Arglosigkeit gefangen zu werden. Er beeilte sich, den beleidigenden Verdacht von sich abzuwälzen, daß er das thörichte Benehmen Ole Tusts nicht durchschaue. »Denke dir, er las der Martha auch aus der Bibel vor!« – »Las er ihr auch aus der Bibel vor?« Die Augen erweiterten sich wieder, um wieder zu verschlingen, zogen sich aber schnell zusammen. Das Lachen faßte ihn; er mußte gerade herausplatzen – und Eduard mit.

Ja, er las der Werft-Martha aus der Bibel vor. Er las von dem verlornen Sohn, und Eduard erzählte, was Martha dazu sagte. Sie lachten beide im Chor und tranken den Rest des Biers. Alles, was an Andreas liebenswürdig und amüsant war, kam zum Vorschein, wenn er lachte. Das Lachen selbst hatte einen leichten Beiklang, wie wenn man jemand am Halse kitzelt. Es lud zu noch mehr Spaß ein, zu noch viel mehr Spaß. Nun mußte Eduard alles erzählen – und noch ein bischen dazu.

Als er später mit dem Prachtband unterm Arme nachhause sprang, hatte er ein unangenehmes Gefühl. Der Bierdunst war verflogen; das Lachen reizte nicht länger, und der verletzten Eitelkeit war Genüge geschehen. Aber Oles gute Augen begegneten ihm gleichsam sofort, als er an der frischen Luft war. Er stieß den Gedanken daran von sich; er war so entsetzlich müde, heute abend konnte er nicht mehr denken – aber morgen; ja morgen wollte er Andreas bitten darüber zu schweigen.

Aber am nächsten Morgen schlief er zu lange; er konnte gerade noch die Kleider anziehen – dann fort mit einem Butterbrot im Munde und einem flüchtigen Gedanken daran, daß jetzt Les trois mousquetaires sein Eigentum waren; nachmittags wollte er sie lesen. In der Schule schlug er sich Stunde für Stunde mit Angst und Bangen durch; denn er konnte keine einzige Aufgabe, und Sonnabends gab es so viele. Er war immer in Anspruch genommen bis auf zwei Stunden vor Schulschluß. Da hatten sie Französisch und Naturgeschichte, und in beiden Fächern war er frei – und die Treppe hinunter eher als jeder andere.

Wie er eben vor der Thür des Schulhauses stand, sah er Andreas von der andern Seite kommen. Dieser sollte nun eine Stunde in der ersten Klasse haben. Sofort erinnerte sich Eduard des vergangenen Tages, und es befiel ihn ein Schrecken, was Andreas nun wohl erzählen könne. Aber im selben Augenblick erkannte er zwischen zwei Brücken ein Ungeheuer von einem Dampfschiff, ein Wrack, das langsam in den Hafen schlich. Noch niemals sei ein so großes Schiff im Hafen gewesen, sagten die Leute, die vorüberrannten. Mastlos mit zerbrochener Schanzverkleidung, gestützten Essen, bis oben hinauf weiß vom Salzwasser, gerade noch fähig sich zu rühren – so kam es angezogen. Vielleicht wurde es von einem andern Dampfboot geschleppt. Eduard konnte der Brücken wegen nichts sehen; die Leute liefen hinunter, er mit! –

Unterdessen ging Andreas durch das Thor. Als er öffnete, entleerten sich gerade die Klassen; ihr Inhalt stürzte die Treppe herunter in den Hof wie durch lange Trichter; ein Unwetter in einem Riesenleibe – das Haus erdröhnte; zuerst erklang ein einzelner scharfer Schrei – der erste verkündete jubelnd sein Kommen – dann ein Gemisch von Diskant- und Altstimmen, dann gebrochene Übergangsstimmen, dann ein gemeinsames Aufleuchten wie von einem zum Himmel flammenden Feuermeer, bald ein halbes Verlöschen auf der einen Seite, eine lustig aufsteigende Feuersäule auf der andern; dann wieder einheitlicher, breiter Glanz über dem ganzen Hofe.

Andreas kam ruhig heran; er war nicht wie in einem Feuermeer; es war, als würde er durch gefährliche Brandungen hindurch von der einen Seite zur andern gehoben und geworfen. Doch hatte er sein bestimmtes Ziel; er wollte sich vorsichtig bis zu den Holzhaufen am Plankwerk des Nachbars durchschlagen; dort war es still und dort konnte er sich ein wenig anlehnen.

Als er diesen Rückenhalt gewonnen hatte und die Augen vorsichtig ringsumher spähten, ob es auch sicher war, da glitten sie vergnügt über die Menge; er fühlte die reizende Gewißheit, daß er diesen Aufruhr mit bloßen drei – vier Worten, die er seinem Nachbar ins Ohr flüsterte, dämpfen konnte. Wie Öl auf rasende See würden sie wirken, der Lärm würde sich legen, sobald sich die wenigen Worte verbreiteten. Wo war Ole? Ein großer Junge hielt ihn fest; sie hatten sich an den Rockkragen gepackt und wirbelten rundum; der große versuchte den kleinen zufalle zu bringen und half mit dem Fuße nach. Die schweren Stiefeln Oles schwangen durch die Luft, die eisenbeschlagnen Absätze blitzten; er lachte aus vollem Halse; denn der Kamerad wurde eifriger und erregter, ohne ihn zufalle bringen zu können.

Da beugte sich Andreas zu seinem nächsten Nachbar heran, und sagte: »Nun weiß ich, was Ole Tust abends anfängt!« – »Ach Unsinn!« – »Ja, nun weiß ichs.« – »Wer hat es denn herausgebracht?« – »Eduard Kallem.« – »Eduard Kallem? Und er hat das Buch bekommen?« fragte der andere schnell. – »Jawohl!« – »Nein, also Eduard Kallem – !«

»Eduard Kallem? Was giebts mit Eduard Kallem?« fragte ein dritter, herantretend, und der, der es eben erfahren hatte, erzählte. Ein vierter, fünfter, sechster eilte fort, um es zu verkünden: »Eduard Kallem hat die Prämie gewonnen, Jungen; Andreas Heppe weiß nun, was Ole Tust abends anfängt.« Überall wo das bekannt wurde, erstarb wirklich der Lärm; sie mußten es hören und stürzten auf Andreas Heppe zu.

Kaum war ein Viertel der Jungen gekommen; da hörten auch die andern drei Viertel in ihrem Treiben auf; was mochte nur dort am Holzhaufen los sein? Warum liefen alle dorthin? Sie scharten sich alle um Andreas, sie kletterten, so viele als Raum hatten, den Holzstoß hinan: »Was giebt's?« – »Eduard Kallem hat die Prämie gewonnen. – Eduard Kallem?« Wieder flammte es auf; alle fragten, alle antworteten – alle außer Ole Tust: er blieb stehen wo ihn der Kamerad losgelassen hatte.

Dann war es mäuschenstill, Andreas Heppe erzählte. Er hatte recht dazu; er hatte es ja sich etwas kosten lassen. Er erzählte gut, in klarem, trocknem Tone, so daß alles einen Schimmer von Zweideutigkeit bekam; erzählte erst, wo Ole wäre und was er anfinge – er bettete die Werft-Martha um, ging für sie Wege, kochte für sie Essen und sprang in die Apotheke nach Medizin; – dann, weshalb er das that; er wollte Missionar werden, er wollte sich unten bei der Werft-Martha üben, er las der Martha die Bibel vor, und Martha weinte, und wenn dann Ole gegangen, dann kam Wasch-Lars mit Branntwein, und der Wasch-Lars und Marthe hielten denn nach dem Bibellesen ein tüchtiges Trinkgelage. Zuerst standen die Jungen ganz still – so etwas hatten sie noch niemals gehört. Sie faßten es meistenteils als Spiel, und wie es erzählt wurde, konnte es auch nicht anders verstanden werden; aber niemals hatten sie gehört, daß einer Missionar und Bibelleser gespielt hätte; das war amüsant, zugleich aber etwas andres, was sie nicht sofort erfaßten. Als nicht gelacht wurde, ging Andreas weiter. Weshalb sei nun Ole darauf verfallen? Ja, er war ehrgeizig und wollte Apostel werden; und das war etwas höheres als König und Kaiser oder Papst zu werden, das hatte Ole selber zu Eduard Kallem gesagt. Aber um das zu werden, mußte er »Gottes Wege« finden, und diese Wege – begannen unten bei der Werft-Martha. Dort wollte er sich einlernen, Wunder zu thun, mit Heiden und wilden Tieren und giftigen Schlangen sich herumzuschlagen und Zyklone zum Stehen zu bringen. Nun ging ein Gebrüll los. Aber da läutete es auch; die Jungen konnten nur lachend an Ole vorbei eilen.

Schon einmal in seinem jungen Leben hatte Ole Tust in einen bodenlosen Abgrund hinuntergestarrt; an jenem Wintertage, als er vor dem Grabe seines Vaters stand und die ersten gefrorenen Erdschollen auf den Sarg rollen hörte; die Wolken trieben am Himmel, und das Meer war schwarz wie Pech. Alles, was er an Kummer kannte, sammelte sich um diese Stunde; jetzt stand er wieder dort; jetzt hörte er die Kirchenglocke von dort. Gerade als das hohle Dröhnen auf den Treppen und Gängen der Schule vorbei, der letzte Nachzügler drin war, die letzte Thür geschlossen – auf einmal alles still – da, in der schweigenden Leere, hörte er eine Glocke, ding – dang, und wurde an die Holzkirche am Strande versetzt; die langarmigen alten, laublosen Birken an der Mauer sausten und die ehrwürdige Tanne vor dem Portal; grell und dünn zogen die Glockenklänge durch die Luft, und die scharfen Erdschollen auf dem Sarge schlugen ihm Erinnerungswunden für das ganze Leben; das unaufhörliche Weinen der Mutter – sie hatte es bis jetzt zurückgehalten; vorher kein Laut, nicht am Bett, nicht als sie ihn hinaustrugen – aber jetzt mit einem male – ach so unaufhaltsam ... ach, Vater, Mutter, Mutter, Vater! – Und auch er brach in Thränen aus.

Schon aus dem Grunde konnte er nicht mit den Kameraden hinaufgehen; er wollte auch niemals wieder in die Schule. Nach dem, was geschehen, konnte er keinem wieder begegnen, nicht einmal in der Stadt bleiben; in zwei Stunden würde es bekannt sein, würden alle gaffen, fragen und grinsen. Nun war ja auch dem was er wollte die Weihe genommen; was sollte es nun nützen zu studieren; er wollte auch in keine andere Stadt, nein, nachhause, nachhause, nachhause.

Wenn er aber hier länger stehen blieb, so wurde einer aus der Klasse heruntergeschickt, um ihn zu holen; er mußte gleich forteilen – nicht erst nachhause zu der Tante; dort mußte er erzählen; nicht durch das Hauptthor und über die Hauptstraße; dort gingen viele Leute, und er, der so sehr weinte! Nein, er mußte das kleine Schlupfloch finden, das Josephine für ihn hergerichtet hatte und wodurch sie ihn immer nachmittags entschlüpfen ließ, ohne daß es die Jungen sahen.

Das Holz war an dem Plankwerk des Nachbars aufgestapelt; aber rechts bildete es mit der Planke einen Schuppen, und in diesen sprang Ole. Er löste zwei Bretter in der Wand, die dem Holzhaufen zugewendet war, kroch hindurch und schloß hinter sich. Dieses Kunststück hätte nicht ausgeführt werden können, wenn auf der andern Seite nicht freier Raum gewesen wäre, und dieser war dort infolge eines großen Naturhindernisses in Gestalt eines Steines, der höher als der Knabe war, aber ein Stück von der Wand entfernt stand. Wäre der Stein nicht dagewesen, so hätte die zweite Holzschicht sich an die erste gelehnt und ganz abgeschlossen; so aber blieb zu beiden Seiten des Steines und darüber freier Raum. Hier hatten sich die Kinder Stuben eingerichtet, auf jeder Seite eine und eine auf dem Steine; die entfernteste war die bequemste; dort gab es ein Brett zum Sitzen, und wenn es in den Holzhaufen zu beiden Seiten befestigt war, konnten die Kinder zur Not aneinander vorüberkommen. Oben drüber hatten sie Bretter gelegt und darauf wieder Holz, so daß niemand Verdacht schöpfen konnte; die Kinder hatten sich eine schwere Arbeit gemacht. Weiter hell war es ja nicht; aber das gehörte dazu, um es gemütlich zu machen. Hier erzählte sie ihm von Spanien und er ihr von den Erlebnissen der Missionare; sie von Stiergefechten, er von Kämpfen mit Tigern, Löwen, Schlangen, von fürchterlichen Zyklonen und Wasserhosen, von wilden Affen und Menschenfressern. Seine Erzählungen hatten allmählich den ihrigen den Rang abgelaufen; sie waren stärker und hatten ein bestimmtes Ziel; sie lebte von Erinnerungen, er von allem, was seine Phantasie zusammenraffen konnte, und er selber wollte mitten drin sein. Er schilderte so lange und so glühend, daß sie endlich auch mit wollte. Zuerst schickte sie einige vorsichtige Fragen voraus, ob es auch möglich sei, daß Frauen Missionare würden. Das wußte er doch nicht; das war sicherlich nur Männerarbeit; aber sie konnten ja Ehefrauen der