Atlantis – Jenseits der Säulen des Herakles - Peter W.F. Heller - ebook

Atlantis – Jenseits der Säulen des Herakles ebook

Peter W.F. Heller

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Opis

Um das Rätsel von Atlantis aufzuspüren, führt Heller den Leser mit angemessener Balance zwischen wissenschaftlicher Korrektheit und Allgemeinverständlichkeit erneut tief in die Geschichte. Sind die Beweise für die Existenz Atlantis echt, lag hier die Wiege aller Zivilisationen, wurde hier die erste Schrift geschaffen? Verfügte Atlantis über Computer, elektrische Energie, Strahlenwaffen und Flugmaschinen? Gibt es in der Bibel Hinweise auf Atlantis? Und wo lag Atlantis wirklich? Nicht alles erweist sich am Ende als Wahrheit, was man anfangs glaubt zu sehen... – Dr. Peter W.F. Heller, Jahrgang 1948, Archäologe und Autor, untersucht in diesem populärwissenschaftlichen Werk spannend und unterhaltsam die Erzählung von der sagenhaften Insel Atlantis, die »an einem einzigen Tag und einer einzigen Nacht« für immer untergegangen sein soll. Und mit ihr eine Technologie, wie sie höher entwickelt kaum vorstellbar ist.

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Peter W.F. Heller

Atlantis – Jenseits der Säulen des Herakles

Engelsdorfer Verlag

2012

Bibliografische Information durch

die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte bei Peter W. F. Heller

Fotos: Jingru Yang-Heller

Zeichnungen: Natascha Weber

Der Titel zeigt einen Korinthischen Helm um 500 v. Chr.

(Sammlung Heller)

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Einführung
Noahs Teller
Der Schatz vom Oxos
Am Anfang war das Wort
Die Lust am Sagenhaften
Glossar
Bibliographie
Leseproben

Mein besonderer Dank gebührt Herrn Prof. Dr. Wilhelm Kaltenstadler für seine interdisziplinären Anregungen, Herrn Prof. Dr. Norman Hammond von der Boston University, Herrn Dr. Simon St. Clair vom Britischen Museum und Herrn Prof. Dr. Josef Riederer sowie Herrn Kapitän Karl-Günter Mundt für den fachlichen Beistand.

Peter W.F. Heller

Wir lernen alles aus dem Schutt der Zeit,

und aus Ruinen hebt sich die Vergangenheit.

Carl Ludwig Schleich,

deutscher Arzt, Erfinder der Anästhesie

und Schriftsteller, 1859 – 1922.

Auf dieser Insel Atlantis vereinte sich auch eine große, wundervolle Macht von Königen, welcher die ganze Insel gehorchte sowie viele andere Inseln und Teile des Festlandes; außerdem herrschten sie auch innerhalb, hier in Libyen bis Ägypten, in Europa aber bis Tyrrhenien. Diese in eins verbundene Gesamtmacht unternahm es nun einmal, euer und unser Land und das gesamte diesseits des Eingangs gelegene durch einen Heereszug zu unterjochen. Da nun, o Solon, wurde das Kriegsheer eurer Vaterstadt durch Tapferkeit und Mannhaftigkeit vor allen Menschen offenbar. Denn indem sie durch Mut, und die im Kriege anwendbaren Kunstgriffe alle übertraf, geriet sie, teils an der Spitze der Hellenen, teils, nach dem Abfalle der übrigen, notgedrungen auf sich allein angewiesen, in die äußersten Gefahren, siegte aber und errichtete Siegeszeichen über die Heranziehenden, hinderte sie, die noch nicht Unterjochten zu unterjochen, uns übrigen insgesamt aber, die wir innerhalb der Heraklessäulen wohnen, gewährte sie großzügig die Befreiung. Indem aber in späterer Zeit gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen eintraten, versank, indem nur ein schlimmer Tag und eine schlimme Nacht hereinbrach, eure Heeresmacht insgesamt und mit einem Male unter die Erde, und in gleicher Weise wurde auch die Insel Atlantis durch Versinken in das Meer den Augen entzogen.

Platon,

griechischer Philosoph, etwa 427 – 347 v. Chr.

Einführung

Die Erzählung von der sagenhaften Insel Atlantis, die „an einem einzigen Tag und einer einzigen Nacht“ für immer untergegangen sein soll, steht seit mehr als einem Jahrtausend im Fokus mehr oder weniger kritischer Fragen. Und mit ihr eine vermutete Technologie, wie sie höher entwickelt kaum vorstellbar ist.

An erster Stelle stand und steht die Frage, ob es Atlantis überhaupt gegeben hat, verbunden mit dem Standort.

Der römische Gelehrte Plinius der Ältere lehnte im 1. Jahrhundert die Existenz Atlantis glattweg ab; der griechische Philosoph Krantor von Soloi, selbst Platoniker und zeitlich nicht weit von Platon entfernt, er wirkte im 3. Jahrhundert v. Chr., schließt sie nicht aus; der Historiker und Universalgelehrte Poseidonios hält im 1. Jahrhundert v. Chr. die Existenz der Insel für immerhin denkbar und erhält dabei rund 50 Jahre später Unterstützung vom griechischen Geschichtsschreiber und Geographen Strabon.

Das Mittelalter hatte andere Probleme, Atlantis geriet zwar nicht völlig in Vergessenheit, zählte aber weder an den Höfen noch im Volk zu den diskussionswürdigen Themen.

In der Renaissance erinnerte man sich wieder an Platons Insel und der deutsche Jesuit und Universalgehrte Athanasius Kircher fügte im 17. Jahrhundert seinem Spektrum wissenschaftlicher Schriften eine Abhandlung bei, in welcher Lage und Topographie Atlantis genauestens beschrieben waren.

Die späte Renaissance trieb seltsame Blüten, so erklärte Ende des 17. Jahrhunderts Olof Rudbeck, Rektor der Universität zu Uppsala, kurzerhand Schweden zu Atlantis und Uppsala zur atlantidischen Hauptstadt, wobei er auch noch „bewies“, daß die Runen Vorläufer der phönizischen und griechischen Buchstaben wären.

Seit Beginn der Neuzeit wird der Komplex Atlantis vornehmlich von Kreisen vorgetragen, die der Esoterik und dem Okkultismus zugeneigt sind und das Thema mit den jeweiligen Vorstellungen von einer höheren kosmischen oder jenseitigen Ebene überlagern.

In diesem Kontext erweisen sich die Worte des 1947 verstorbenen, morbiden Tausendsassas des Okkulten, Aleister Crowley, als zumindest nicht fehl am Platz[1]:

Soll es einem solch hohen Zweck an Nacheiferern fehlen, soll solches Gelingen und Beispiel uns nicht zu gleichem Streben anregen? Dann laßt die Erde tatsächlich von ihrem hohen Platz im Himmel herabfallen und die Menschheit für immer aus der Sonne ausgestoßen sein!

Mensch der Erde! Suche die Erben von Atlas; laß sie dich in eine Phalanx einordnen, laß sie dich in eine Pyramide einbauen, die das Anvisierte, welches dich erwartet, durchbohren soll, um eine neue Dynastie von Atlantern zu begründen, um Stütze und Triebfeder der Erde zu sein, die Pioniere auf ihrem eigenen Pfad zum Himmel und zu unserem Herrn und Vater, der Sonne! Und er legte seine Hand auf seinen Schenkel und schwor es.

Beim unaussprechlichen …, Tla, und beim heiligen Zro schwor er es und trat in den Körper des neuen Atla ein, das auf Erden lebendig ist.

Inzwischen hat sich die Atlantis-Idee verselbständigt, was zur Frage nach der für das Inselreich behaupteten Hochtechnologie führt.

Es mangelt nicht an Beweisen für das Vorhandensein von elektrischer Energie, Computern, Strahlenwaffen und Flugmaschinen in vorgeschichtlicher Zeit, die auf allem anderen als auf Platons Erzählung beruhen und bei gründlicher Betrachtung häufig kommerzielle Interessen erkennen lassen.

Die Lager Pro und Contra liegen weit auseinander und die Fronten sind verhärtet; was von wissenschaftlicher Seite als Humbug und Aberglaube abgetan wird, liefert den Verfechtern der Atlantis-Technologie die Basis für das Argument, die Wissenschaft würde der Öffentlichkeit bewußt entsprechende Forschungsergebnisse unterschlagen. – Gemeint sind vor allem die Altertumswissenschaften.

Wie alle Wissenschaften ruht die Altertumswissenschaft nicht statisch in sich selbst, sondern ist einem ständigen Prozeß der Überprüfung und Erneuerung, des Verwerfens und der Weiterentwicklung unterworfen. Diese Evolution wird zum einen durch immer wieder verbesserte Methoden und Techniken in Gang gehalten, zum anderen aber vor allem durch die Natur der Wissenschaft selbst, nämlich der permanenten Antwortsuche auf die Fragen nach dem Warum und Wieso.

Waren die Antworten über Jahrhunderte durch klerikalen Dogmatismus festgeschrieben, öffneten sich, wenn zunächst noch zögernd, mit dem aufkommenden Humanismus und der Aufklärung im siebzehnten Jahrhundert die geistigen Tore. Aus der Idee des Humanismus heraus gehört es zu den Selbstverständnissen der Wissenschaft, gefundene Antworten immer wieder auf den Prüfstand und damit in Frage zu stellen.

Der wohl bekannteste Teil der Altertumswissenschaft, die Klassische Archäologie, konzentriert sich auf die Kulturen des Mittelmeerraumes, insbesondere der griechischen und römischen Antike, den Vorstufen und Nachwirkungen sowie den Wechselwirkungen mit anderen Kulturen. – Und ist damit für die Beantwortung der Fragen rund um Atlantis besonders prädestiniert.

In Verbindung mit benachbarten Disziplinen wie der Altorientalistik, Ägyptologie, Alten Geschichte, Theologie und Religionswissenschaft, Vor- und Frühgeschichte, Vergleichender Sprachwissenschaft und Ethnologie, liefern die Archäologen der Klassik ihre Synthesen und Einzelergebnisse für größere historische und kulturhistorische Zusammenhänge.

Vorbei sind, allen romantischen Vorstellungen zum Trotz, die Zeiten, in denen einzig Schaufel, Pinsel, Schlapphut und festes Schuhwerk zur wesentlichen Ausstattung der Archäologen gehörten. Vielmehr kommt es in immer umfangreicherem Maß zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit mit völlig anderen Fachgebieten wie zum Beispiel der Geologie, Physik, Meteorologie, Biologie, Medizin und den technischen Wissenschaften.

Die Archäologie ist keine Abenteuerwissenschaft, sie beruht auf Disziplin, langwieriger Kleinarbeit und einem gerüttelten Maß an kritischer Wertung dessen, was offengelegt wird.

Doch gerade bei Atlantis bedarf es nicht immer der Wissenschaft, mitunter genügt ein Quentchen Verstand und ein gesundes Mißtrauen, denn nicht immer erweist sich am Ende als Wahrheit, was man anfangs glaubt zu sehen.

P L A T O N

Noahs Teller

Das Wissen über Atlantis übermittelt der griechische Philosoph Platon in seinen um 360 v. Chr. verfaßten Dialogen „Timaios“ und „Kritias“, geprägt von den politischen Zuständen Athens.

Nach dem für die Spartaner 404 v. Chr. siegreich beendeten Peloponnesischen Krieg beginnt in Athen die von Sparta gestützte Schreckensherrschaft der dreißig Oligarchen; die 403 v. Chr. wiederhergestellte Attische Demokratie steckt für Platon voller Mängel.

Bereits die Hinrichtung seines Lehrers Sokrates im Jahre 399 v. Chr. wegen verderblichem Einfluß auf die Jugend sowie Mißachtung der Götter, war von Platon als Ausdruck moralischer Verkommenheit des politischen Systems des Stadtstaates Athen empfunden worden und hatte ihn zum scharfen Zeitkritiker gemacht.

Letzteres war gefährlich für Leib und Leben; dessen bewußt, versteckte Platon seine Staatskritik im „Timaios“ und im „Kritias“, fiktiven Dialogen zwischen Sokrates, Timaios von Lokri, Sokrates, dem athenischen Politiker, Philosophen und Dichter Kritias sowie dem syrakusanischen General und Staatsmann Hermokrates. Es sind bedeutende Persönlichkeiten der Vergangenheit und zu Lebzeiten Platons schon lange verstorben.

Platon unterläßt es, den Mächtigen Athens zu drohen und präsentiert statt dessen die Sage von einem reichen und übermächtigen Inselstaat, der trotz aller Herrlichkeit innerhalb „eines schlimmen Tages und einer schlimmen Nacht“ für immer im Meer versank.

Erfahren hat die Geschichte Atlantis der rund 200 Jahre zuvor verstorbene athenische Staatsmann und Lyriker Solon von Priestern der Neith[2] im unterägyptischen Sais, welcher dieses Wissen über Generationen weitergab, bis es schließlich zu Kritias gelangte, der es nun in das Wechselgespräch einbringt[3]:

Demnach erregen viele und große von euch hier aufgezeichnete Heldentaten eurer Vaterstadt[4] Bewunderung, vor allem aber zeichnet sich eine durch ihre Bedeutsamkeit und den dabei bewiesenen Heldenmut aus; denn das Aufgezeichnete berichtet, eine wie große Heeresmacht dereinst euer Staat überwältigte, welche von dem Atlantischen Meere übermütig gegen ganz Europa und Asien heranzog. Damals war nämlich dieses Meer schiffbar; denn vor dem Eingange, der, wie ihr sagt, die Säulen des Herakles heißt, befand sich eine Insel, größer als Asien und Libyen zusammengenommen, von welcher den damals Reisenden der Zugang zu den übrigen Inseln, von diesen aber zu dem ganzen gegenüberliegenden, an jenem wahren Meer gelegenen Festland offenstand. Denn innerhalb jenes Einganges, von dem wir sprechen, Befindliche erscheint als ein Hafen mit einer engen Einfahrt; jenes aber wäre wohl wirklich ein Meer, das es umgebende Land aber mit dem vollsten Rechte ein Festland zu nennen. Auf dieser Insel Atlantis vereinte sich auch eine große, wundervolle Macht von Königen, welcher die ganze Insel gehorchte sowie viele andere Inseln und Teile des Festlandes; außerdem herrschten sie auch innerhalb, hier in Libyen bis Ägypten, in Europa aber bis Tyrrhenien. Diese in eins verbundene Gesamtmacht unternahm es nun einmal, euer und unser Land und das gesamte diesseits des Eingangs gelegene durch einen Heereszug zu unterjochen. Da nun, o Solon, wurde das Kriegsheer eurer Vaterstadt durch Tapferkeit und Mannhaftigkeit vor allen Menschen offenbar. Denn indem sie durch Mut, und die im Kriege anwendbaren Kunstgriffe alle übertraf, geriet sie, teils an der Spitze der Hellenen, teils, nach dem Abfalle der übrigen, notgedrungen auf sich allein angewiesen, in die äußersten Gefahren, siegte aber und errichtete Siegeszeichen über die Heranziehenden, hinderte sie, die noch nicht Unterjochten zu unterjochen, uns übrigen insgesamt aber, die wir innerhalb der Heraklessäulen wohnen, gewährte sie großzügig die Befreiung. Indem aber in späterer Zeit gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen eintraten, versank, indem nur ein schlimmer Tag und eine schlimme Nacht hereinbrach, eure Heeresmacht insgesamt und mit einem Male unter die Erde, und in gleicher Weise wurde auch die Insel Atlantis durch Versinken in das Meer den Augen entzogen. Dadurch ist auch das dortige Meer unbefahrbar und undurchforschbar geworden, weil der in geringer Tiefe befindliche Schlamm, den die untergehende Insel zurückließ, hinderlich wurde.

Der Vortrag ist für einen Athener durchaus schmeichelhaft und auch der Hinweis auf die Göttin Neith dürfte seine Wirkung nicht verfehlt haben, sahen doch die Griechen in der ägyptischen Neith ihre Göttin Pallas Athene[5].

Die vom Seefahrervolk der Phönizier übernommene Ortsangabe „Jenseits der Säulen des Herakles“ läßt Zweifel aufkommen. Zur Saitenzeit waren zwar auch den ansonsten allen Seemännischen ziemlich abgeneigten und im wahrsten Sinne des Wortes „bodenständigen“ Ägyptern die „Säulen des Herakles“ ein Begriff, doch ist nicht auszuschließen, daß dieser auch als Redewendung im Sinne von „Ziemlich weit weg“ benutzt wurde.

Um es ebenso vulgär wie deutlich auszudrücken, die Ortsangabe „Arsch der Welt“ wird keinen vernünftigen Menschen zur Suche nach einem tiefeingeschnittenen Tal zwischen zwei gleichmäßig gerundeten Hügeln veranlassen, zumindest nicht heute.

Explizit nennt Platon an keiner Stelle Atlantis als Einzelbegriff, die Rede ist immer von der „Insel Atlantis“, wenn auch nur in den Übersetzungen. Im Original taucht die Insel als „Atlantis Nesos“ auf, als die „Insel des Atlas“, wörtlich die „Insel des Trägers“, als die Insel jenes Titanen der griechischen Mythologie, der das Himmelsgewölbe am westlichsten Ende der zu Platons Zeiten bekannten Welt trägt, eine Personifizierung des Atlasgebirges.

Der griechische Reiseschriftsteller, Geograph und Völkerkundler Herodot[6] gebraucht den Begriff „Atlantis“, bzw. „atlantisch“, schon eine Generation vor Platon[7]:

Die anderen Meere, also das von den Hellenen befahrene und das jenseits der Säulen des Herakles beginnende sogenannte atlantische und ferner das Rote Meer sind alle nur ein einziges Meer.

Auch in seinem altgriechischen Originaltext steht „Atlantis“ nicht allein, sondern ist an „Thalassa“ gebunden, „Atlantis Thalassa“, „Meer des Atlas“.

Als hilfreich bei der Lokalisierung der „Insel des Atlas“ erscheint die ausführliche Beschreibung der Hauptinsel, doch der Schein trügt, gleicht doch das Inselreich in nahezu allen notwendigen Grundlagen des Lebensbedarfs einem Schlaraffenland und gewinnt damit den Charakter eines Märchens[8]:

Zuerst, was da an Starrem und Schmelzbarem durch den Bergbau gewonnen wird, und auch die jetzt nur dem Namen nach bekannte Art – damals dagegen war mehr als ein Name die an vielen Stellen der Insel aus der Erde gegrabene Gattung des Bergerzes, welches unter den damals Lebenden, mit Ausnahme des Goldes, am höchsten geschätzt wurde. Ferner brachte die Insel auch alles in reicher Fülle hervor, was der Wald für die Werke der Bauverständigen liefert, und an Tieren eine ausreichende Menge wilder und zahmer. Und so war denn auch das Geschlecht der Elefanten hier sehr zahlreich; bot sie doch ebenso den übrigen Tieren insgesamt, was da in Seen, Sümpfen und Flüssen lebt und was auf Bergen, und in der Ebene haust, reichliche Nahrung wie auch in gleicher Weise diesem von Natur größten und gefräßigsten. Was ferner jetzt irgendwo die Erde an Wohlgerüchen erzeugt an Wurzeln, Gräsern, Holzarten und Blumen oder Früchten entquellenden Säften, das erzeugte auch sie und ließ es wohl gedeihen, sowie desgleichen die durch Pflege gewonnenen Früchte; die Feldfrüchte, die uns zur Nahrung dienen, und das, was wir außerdem – wir bezeichnen die Gattung desselben mit dem Namen der Hülsenfrüchte – zu unserem Unterhalt benutzen; was Sträucher und Bäume an Speisen, Getränken und Salben uns bieten, die uns zum Ergötzen und Wohlgeschmack bestimmten, schwer aufzubewahrenden Baumfrüchte und, was wir als Nachtisch dem Übersättigten, eine willkommene Auffrischung des überfüllten Magens, vorsetzen; dieses alles brachte die heilige, damals noch von der Sonne beschienene Insel schön und wunderbar und in unbegrenztem Maße hervor.

Fragen wirft das genannte Bergerz auf, welches als „wie Feuer glänzend“ beschrieben und im altgriechischen Text als „Orei-chalkos“ bezeichnet wird[9]:

Den ganzen Umfang der den äußeren Gürtel umgebenden Mauer versahen sie mit einem Überzuge von Kupfer, übergossen den des inneren mit Zinn, den um die Burg selbst aufgeführten aber mit wie Feuer glänzendem Bergerz.

Gold und Silber waren bekannt, das Kupfer ebenfalls und die Bronze gehörte zum Alltäglichen.

Ein wie Feuer glänzendes Metall ist das aus Kupfer und Zink legierte Messing, härter als reines Kupfer, weicher als Bronze und bei einem Zinkgehalt bis 37 % kalt verformbar.

Dagegen spricht zum einen, daß Messing nicht durch Bergbau, sondern Legieren gewonnen wird; zum anderen, daß auch Messing in der griechischen Antike nicht unbekannt war und keinesfalls den Rang direkt hinter dem Gold verdiente. So erwähnt der Universalphilosoph Aristoteles[10] in seiner „Lehre vom Erkennen“ das Messing als täuschenden Ersatz[11]:

Auch bei leblosen Dingen findet sich das Gleiche; manches von ihnen ist echtes Silber oder Gold; anderes ist keines von beiden, aber hat ein solches Aussehen, wie z.B. das Gerät aus Messing oder aus einer Mischung von Zinn und Silber, oder das von einer goldgelben Farbe.

An Tragfähigkeit verliert die Vermutung des Messings zusätzlich durch die Aussage des Übergießens, daß nämlich der die Burg umgebende Mauerring mit „Oreichalkos“ übergossen wurde.

Beim im selben Satz genannten Zinn ist das technisch kein Problem, hat doch Zinn einen Schmelzpunkt von nur knapp 232 °C, Messing hingegen von mehr als 900 °C.

In der Klassischen Antike bekannt und geschätzt war der goldgelbe bis goldbraune Bernstein mit mattem Fettglanz, ein geheimnisvoller „Stein“, von dem kaum jemand wußte, woher er stammte und ob es sich tatsächlich um einen Stein und nicht eher um ein Metall handelte.

Bernstein läßt sich einfach schmelzen und vergießen, käme also als „Oreichalkos“ in Frage, wenn nicht die Bezeichnung „Bernstein“ wäre. Die leitet sich von den mitteldeutschen Begriffen „Börnen“, Brennen, und „Steen“, Stein, zusammen „Börnesteen“, ab und bekundet eine der wesentlichen Charaktereigenschaften des fossilen Harzes, die hohe Brennbarkeit.

Ein solcher Brandbeschleuniger wäre zwar ein kostbarer, jedoch mehr als ungeeigneter Überzug für die Mauer einer Burg.

Und warum sollte Platon den als „Elektron“ bekannten Bernstein als „Oreichalkos“ bezeichnen?

Lange vor Platon erwähnt der um 700 v. Chr. vermutlich im böotischen Askra geborene Dichter Hesiod bereits das geheimnisvolle Metall in seinem Heldengedicht „Der Schild des Herakles“, dazu auch noch das „Elektron“, welches damit deutlich vom „Bergerz Oreichalkos“ unterschieden ist[12]:

Also der Held; und Schienen von hellgeglättetem Bergerz

füget' er rasch um die Beine, das Wundergeschenk des Hephaistos.

Weiter umhüllt' er die Brust ringsher mit dem prangenden Harnisch,

ganz aus Golde gebildet, dem künstlichen: welchen ihm vormals

Pallas Athene geschenkt, die Tochter Zeus', da zuerst er

strebete vorzudringen in jammererregende Kämpfe.

Jezo hängt' um die Schulter sein graunabwehrendes Eisen

jener gewaltige Mann; um die Brust auch den bergenden Köcher warf er sich hinten herum; viel waren darin der Geschosse,

schreckenvoll, und Geber des stimmeberaubenden Todes:

Alle vorn mit Tode bewehrt, und triefend von Tränen;

aber glatt in der Mitt', und langgeründet; doch hinten

eingehüllt in Gefieder des schwarzgeflügelten Adlers.

Dann umfaßt' er den mächtigen Speer mit der Schärfe des Erzes;

auch das gewaltige Haupt mit dem stattlichen Helme bedeckt' er,

kunstreich, aus Diamant, und wohl um die Schläfen sich schmiegend,

welcher das Haupt umschirmte dem göttergleichen Herakles.

Jezo ergriff er den Schild voll Herrlichkeit, welchen ihm niemand

weder durchbräche mit Wurf, noch zerschmetterte, schön zur Bewundrung.

Ganz umher war die Scheibe von Schmelz und hellem Elektron,

schimmerndem Elfenbein, und feurigem Glänze des Goldes,

überstrahlt; und von Streifen des bläulichen Stahls durchzogen.

Die Suche nach einem Etwas, das sich als dauerhafter Schutz flüssig auf Holz und Stein auftragen läßt, in der Antike bereits bekannt und teuer sowie innen und außen verwendbar war, dazu noch goldkupfer- oder goldgelbfarben, zeitigt auch recht unkonventionelle Ergebnisse.

So wird beispielsweise der aus dem Wundsaft des Lackbaumes, Rhus vernicifera DC, gewonnene China- oder Japanlack genannt, der als Schutzanstrich durchaus geeignet ist, da er nach dem Eintrocknen weder schrumpft noch Risse bildet und sich durch eine hohe Beständigkeit gegen Wasser, Salzlösungen, Alkohol und sogar die meisten Säuren auszeichnet.

Naturbelassen hat der flüssige Lack eine helle graugelbliche Farbe, die sich nach dem Trocknen zu Schwarz verändert; ein Makel, der problemlos durch die Beigabe von entsprechenden Pigmenten, beispielsweise Goldstaub, beseitigt werden kann.

Sollte dieser Lack die Lösung des „Rätsels Oreichalkos“ sein, enthüllt sich eine neue Sicht auf die altgriechische Wehrtechnik gleich mit, nämlich daß es sich bei jenen von Hesiod als „Wundergeschenk des Hephaistos“ gerühmten Beinschienen um eine Teillackierung von Knie, Waden- und Schienenbein gehandelt haben muß.

Abb. 1: Die Linearschrift B

Ernstzunehmende Überlegungen gehen auf anderen Wegen in eine ganz andere Richtung.

In der vom 15. bis ins 12. vorchristliche Jahrhundert vom minoischen Kreta ausgehenden, auf dem griechischen Festland geschriebenen, sogenannten Linearschrift B (Abb. 1) werden die Silben „Ka-Ko“ als mit „Bronze“ zu übersetzen angenommen.

Lautmäßig nicht weit davon entfernt ist der altgriechische Ausdruck für „Bronze“, „Khalkos“, und der wiederum liegt in der sprachlichen Nähe von „Oreichalkos“.

So gewinnt die Annahme an Belastbarkeit, daß mit „Oreichalkos“ eine spezielle Bronzelegierung oder aber eine allgemeine Legierung mit Kupfer, wie beispielsweise Messing, gemeint ist, lautet doch das neugriechische Wort für „Messing“ ebenfalls Oreichalkos.

Abb. 2: Der Diskos von Phaistos

Im Archäologischen Museum von Heraklion auf Kreta befindet sich ein bronzezeitliches, scheibenförmiges Objekt, dessen Beschriftung immer wieder zu Spekulationen Anlaß gibt, der „Diskos von Phaistos“, gelegentlich auch als „Diskus von Atlantis“ bezeichnet (Abb. 2).

Gefunden wurde der „Diskus“ 1908 im Nordosttrakt des minoischen Palastes[13] von Phaistos und leider nur der eine.

Beifunde lassen eine Datierung auf die Zeit zwischen 1650 und 1600 v. Chr. zu, doch besteht in diesem Fall keine höchstmögliche Sicherheit, da der leitende Archäologe nicht persönlich anwesend war und der Fund von Arbeitern aufgenommen und weitergegeben wurde.

Zu den Beifunden gehört auch eine zerbrochene, in der Linearschrift A beschriebene Keramiktafel, was die Sache rätselhaft macht, ist doch der „Diskos“ spiralförmig und auf beiden Seiten mit einer völlig anderen, unbekannten Schrift bedeckt, die sich bislang jedem seriösen Übersetzungsversuch verweigert hat.

Doch 2001 präsentierte der Wissenschaftsjournalist Erdoan Ercivan des Rätsels Lösung[14]:

Jede Seite des Diskus ist mit 30 Strophen beschrieben, die meiner Ansicht nach vom Zentrum nach außen gelesen werden müssen. Der Diskus berichtet in der Tat in der Strophe I.a-III.a, von einer »Zivilisation, die vom Wasser kam und nach einer anderen Zivilisation suchte«, und wie sie fündig wurde. Danach ist in Strophe V.a-VI.a überliefert, wie die anderen den Spähern in ihren »fliegenden Häusern in das neue Land folgen«, und wie sie »über den Seeweg auch die Bevölkerung der neuen Zivilisation in die alte Heimat mitnehmen«, so daß eine Art »Handelsabkommen« begann. Die Strophe XXVII.b berichtet, daß nach einer langen Zeit des Zusammenlebens Kriege ausbrechen und die Eindringlinge die kretische Urbevölkerung unterjochen und sie danach gefangennehmen. In der Strophe XXIX.b-XXX.b, wird die Heimat der Eroberer als »Planet« bezeichnet, zu dem sie in ihren »fliegenden Häusern« wieder zurückgekehrt sind. Die Abschlußstrophen erzählen schließlich, wie die Fremden in ihren fliegenden Häusern später auch Kreter, die sich nicht in Gefangenschaft befinden, zu ihrem Planeten mitnehmen.

Übersetzt hat Ercivan den vieldiskutierten Diskustext nicht selbst, was eventuell auch besser ist, sondern er hat ihn nach eigenem Bekunden vom „französischen Archäologen Dr. Leon Pomerance, einem hervorragenden Kenner der minoischen Kultur“[15], übernommen.

Dr. Pomerance war weder Franzose noch Archäologe, sondern wurde 1907 in Brooklyn, New York, geboren und war Zeit seines Berufslebens Geschäftsmann und zuletzt Präsident der von seinem Vater gegründeten „Forest Paper Company“, einer Papierfabrik; sein 1928 an der New York University erlangter akademischer Grad war der eines Doktors der Jurisprudenz.

Das hinderte ihn aber nicht, sich als begeisterter Hobbyarchäologe mit besonderer Neigung zur minoischen Kultur als Treuhänder und Schatzmeister für das Amerikanische Archäologische Institut[16] zur Verfügung zu stellen und dessen Feldarbeit auf Kreta mit großzügigen Spenden seiner Papierfabrik zu unterstützen.

Zwischen 1962 und 1971 legte er bei den Grabungen auf der Mittelmeerinsel zusammen mit seiner Frau Harriet selbst Hand an, zumindest in den Sommerurlauben für jeweils vier Wochen im Jahr.

Dr. Leon Pomerance kann zu seiner Übersetzung nicht mehr befragt werden, 1988 verstarb er in Manhattan im Alter von 81 Jahren.

Ein weiterer Übersetzungsvorschlag dürfte dem Stand der Dinge näher kommen, nämlich der des niederländischen Schriftstellers Harry Mulisch[17]:

Diese Inschrift kann nicht entziffert werden.

Im „Kritias“ wird der Zentralbereich der Hauptinsel (Abb. 3) in allen Details beschrieben[18]:

Zuerst überbrückten sie die um den alten Hauptsitz laufenden Gürtel des Meeres, um nach außen und nach der Königsburg einen Weg zu schaffen. Diese Königsburg erbauten sie aber sogleich vom Anbeginn in diesem Wohnsitze des Gottes und ihrer Ahnen; indem aber der eine von dem andern dieselbe überkam, suchte er durch jedesmalige Weiterausschmückung des Wohlausgeschmückten seinen Vorgänger nach Kräften zu übertreffen, bis sie ihre Wohnung zu einem durch Umfang und Schönheit Staunen erregenden Bau erhoben. Denn vom Meere aus führten sie einen 300 Fuß breiten, 100 Fuß[19] tiefen und 50 Stadien[20]