Atlan 24: Die letzten Varganen (Blauband) - Clark Darlton - ebook

Atlan 24: Die letzten Varganen (Blauband) ebook

Clark Darlton

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Opis

8000 Jahre vor Beginn der irdischen Zeitrechnung steht das Große Imperium der Arkoniden in der Blüte seiner Entwicklung. Von der Kristallwelt Arkon aus regiert Imperator Orbanaschol III., der seinen Bruder Gonozal VII. ermorden ließ, über Tausende von Planeten. Der Sohn des Ermordeten, Kristallprinz Atlan, ist auf der Flucht. Die Suche nach dem "Stein der Weisen" entwickelte sich für Atlan und seine Freunde zu einem Wettrennen mit Orbanaschol. Stets waren die Widersacher dem Kristallprinzen einen Schritt voraus. Seine Begegnung mit der geheimnisvollen Varganin Ischtar lieferte ihm neue Hinweise, endete jedoch in der Konsequenz mit dem tragischen Tod von Atlans Freundin. Bei der wieder aufgenommenen Suche nach dem "Stein der Weisen" scheint Ischtar eine Schlüsselfigur zu sein. Schon bald bekommt es der Kristallprinz mit dem Henker Magantilliken zu tun, er lernt seinen und Ischtars ungeborenen Sohn Chapat kennen, erfährt erstmals von der Eisigen Sphäre - und er begegnet den letzten Varganen ... Enthaltene ATLAN-Heftromane Heft 172: "Henker der Varganen" von Clark Darlton Heft 174: "Die Insel der goldenen Göttin" von Peter Terrid Heft 177: "Apokalypse für Glaathan" von Dirk Hess Heft 178: "Atlan und der Ungeborene" von Marianne Sydow Heft 180: "In der Hand des Henkers" von Clark Darlton

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Nr. 24

Die letzten Varganen

Vorwort

8000 Jahre vor Beginn der irdischen Zeitrechnung steht das Große Imperium der Arkoniden in der Blüte seiner Entwicklung. Von der Kristallwelt Arkon I aus regiert Imperator Orbanaschol III., der seinen Bruder Gonozal VII. ermorden ließ, über Tausende von Planeten des Tai Ark’Tussan.

Der Sohn und designierte Thronerbe des Ermordeten, Kristallprinz Atlan, ist seitdem auf der Flucht. Inzwischen durch den aktivierten Extrasinn mit einem inneren Ratgeber ausgestattet, ist es sein Ziel, den Tyrannen vom Kristallthron Arkons zu stürzen.

Auf der Welt Kraumon gelang es Atlan und seiner langsam wachsenden Zahl an Mitstreitern, eine Basis zu schaffen und erste erfolgreiche Nadelstichaktionen durchzuführen. Die Suche nach dem »Stein der Weisen« entwickelte sich für Atlan und seine Freunde zu einem Wettrennen mit dem Blinden Sofgart und Orbanaschol. Stets waren die Widersacher dem Kristallprinzen einen Schritt voraus.

Von dem Barbaren Ra hatte Atlan erstmals von der »Goldenen Göttin« Ischtar erfahren, einer rätselhaften Frau aus dem Volk der Varganen, das offensichtlich viele Spuren hinterlassen hat, die letztlich zum »Stein der Weisen« führen sollen. Die Begegnung des Kristallprinzen mit der geheimnisvollen Frau lieferte ihm zwar einen neuen Hinweis, doch der Zweikampf zwischen ihr und Farnathia endete mit dem tragischen Tod von Atlans eifersüchtiger Freundin. Dank Ischtar überlebte Atlan die Konfrontation mit dem Blinden Sofgart, bei der zudem der Chef der gefürchteten Kralasenen umkam.

Zwar endete vorläufig die Suche nach dem »Stein der Weisen«, weil es keine weiteren Hinweise mehr gab. Aber weiterhin scheint Ischtar eine Schlüsselfigur zu sein. Im vorliegenden Buch bekommt es der Kristallprinz mit dem Henker Magantilliken zu tun, er lernt seinen und Ischtars ungeborenen Sohn Chapat kennen, erfährt erstmals von der Eisigen Sphäre – und er begegnet den letzten Varganen.

Es ist der Start des Zyklus »Die Varganen« – ein neuer Handlungsabschnitt der Jugendabenteuer des Kristallprinzen Atlan!

Im Rahmen der insgesamt 850 Romane umfassenden ATLAN-Heftserie erschienen zwischen 1973 und 1977 unter dem Titel ATLAN-exklusiv – Der Held von Arkon zunächst im vierwöchentlichen (Bände 88 bis 126), dann im zweiwöchentlichen Wechsel mit den Abenteuern Im Auftrag der Menschheit (Bände 128 bis 176), danach im normalen wöchentlichen Rhythmus (Bände 177 bis 299) insgesamt 160 Romane. Mit dem vorliegenden Blaubuch haben wir also jenen Abschnitt erreicht, in dem nur noch Jugendabenteuer veröffentlicht wurden, wenngleich nicht alle ausschließlich aus Atlans Sicht geschildert wurden. Andere Hauptprotagonisten – unter anderem Lebo Axton alias Sinclair Marout Kennon, der Magnortöter Klinsanthor und Algonkin-Yatta, der Kosmische Kundschafter – werden wir zu gegebener Zeit kennen lernen.

Um aus fünf Einzelheften einen geschlossenen Roman zu machen, der dennoch dem ursprünglichen Flair möglichst nahe kommen soll, werden die Blaubücher von mir bearbeitet. Folgende Hefte flossen ungeachtet der notwendigen, aber doch möglichst sanften Eingriffe, Korrekturen, Kürzungen und Ergänzungen ein: Band 172 Henker der Varganen von Clark Darlton, Band 174 Die Insel der Goldenen Göttin von Peter Terrid, Band 177 Apokalypse für Glaathan von Dirk Hess, Band 178 Atlan und der Ungeborene von Marianne Sydow sowie Band 180 In der Hand des Henkers von Clark Darlton.

Zusätzlich vorhanden sind jene in Blauband 17 nicht berücksichtigen Passagen der aktuellen Handlung von Band 179 Die Verschwörer von Arkon von Harvey Patton, dessen Hauptteil vorgezogen wurde, weil in ihm die ursprünglich in Band 100 nur kurz erwähnten Ereignisse geschildert wurden, die Atlans Vorgeschichte ausmachten – seine wahre Herkunft als Kristallprinz des Großen Imperiums und die Ermordung seines Vaters. Abschließend findet sich schließlich eine Passage aus Band 181 Der Kristallprinz und der Seher von Peter Terrid.

Wie stets auch der Dank an die Helfer im Hintergrund: Michael Beck, Andreas Boegner, Kurt Kobler, Heiko Langhans, Michael Thiesen – sowie Sabine Kropp und Klaus N. Frick.

Prolog

1182. positronische Notierung, eingespeist im Rafferkodeschlüssel der wahren Imperatoren. Die vor dem Zugriff Unbefugter schützende Hochenergie-Explosivlöschung ist aktiviert. Fartuloon, Pflegevater und Vertrauter des rechtmäßigen Gos’athor des Tai Ark’Tussan. Notiert am 24. Prago des Messon, im Jahre 10.498 da Ark.

Bericht des Wissenden. Es wird kundgegeben: Inzwischen können wir auf ein bemerkenswertes Jahr voller Abenteuer, Rückschläge, aber auch Erfolge zurückblicken. Viel ist geschehen, seit Kristallprinz Atlan nach dem Erringen des dritten Grades der ARK SUMMIA am 24. Prago des Messon 10.497 da Ark öffentlich seinen ihm zustehenden Anspruch auf den Kristallthron des Tai Ark’Tussan verkündete.

Mit Kraumon haben wir eine sichere Basis, von der aus in Zukunft operiert werden kann und deren Ausbau fortschreitet; mit Corpkor konnte ein auf Atlan und mich angesetzter Kopfjäger für unsere Ziele gewonnen werden; eine Flotte von sechshundert Robotschiffen wurde in die Sogmanton-Barriere gelenkt und in der Person von Ka’Mehantis Freemush Ta-Bargks ein Mitglied des Berlen Than ausgeschaltet; schließlich traf es auch einen der Brudermörder persönlich – der Blinde Sofgart ist tot, seine gefürchteten Kralasenen sind ohne Anführer und zeigen unzweifelhaft Auflösungserscheinungen und interne Machtkämpfe!

Zunächst galt Sofgart nur als verschollen, Orbanaschols Ungeduld wuchs allerdings von Prago zu Prago, wartete er doch auf Ergebnisse hinsichtlich der Suche nach dem geheimnisvollen Stein der Weisen. Wir haben den Dicken ziemlich zappeln lassen, bis wir unsere Pläne umsetzten und am heutigen Prago Sofgarts Tod medienwirksam publik machten. Es war nicht leicht, die Vorbereitungen waren eine logistische Meisterleistung – aber es gelang uns, Sofgarts konservierten Leichnam bis ins Arkonsystem nach Arkon II zu schaffen und so zu »platzieren«, dass die Sensationsmeldung verbreitet wurde, ehe Orbanaschol oder die Geheimdienste es verhindern konnten. Das fürchterliche Toben des Fetten soll im ganzen Kugelsternhaufen Thantur-Lok zu hören gewesen sein und dauert weiterhin an …

In den letzten Votanii haben wir uns darauf konzentriert, unsere Basis zu festigen und auszubauen. Logistik, Informanten, Ausweichstützpunkte, Erweiterung von Ausstattung und Ausrüstung – alles Dinge, die unbedingt notwendig, aber in den seltensten Fällen mit spektakulären Aktionen verbunden sind. Atlan widmet sich zwar intensiv diesen Aufgaben, doch ich kann dem Jungen ansehen, dass es nicht »sein Ding« ist. Viel lieber würde er vorstürmen und Orbanaschol eigenhändig an den schwabbeligen Hals gehen; ihm ist allerdings auch bewusst, dass ein solches Vorpreschen keinesfalls zum Ziel führen würde, ganz im Gegenteil.

Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen, unsere Kräfte ausbauen und geschickt platzieren. Je breiter die Basis unserer Möglichkeiten und Unterstützer ist, desto erfolgreicher werden die eigentlichen »Schläge« sein, die wir Orbanaschol und seiner Clique zufügen können. Der Kristallprinz sieht das ein und zügelt seine jugendliche Ungeduld, macht aber auch keinen Hehl daraus, wie sehr er sich im Grunde langweilt, wie ihm alles zu träge und zu langsam voranschreitet. Dutzende Pläne haben wir ausgearbeitet, zum Teil wieder verworfen, andere modifiziert und ergänzt – doch abgesehen vom Transport Sofgarts ins Arkonsystem verzichteten wir bislang auf vorschnelle Einzelaktionen.

Unsere anfänglich nur unbedeutende Streitmacht ist auf dreitausend Intelligenzwesen angewachsen, zum größten Teil Arkoniden, denen Orbanaschol, der Brudermörder, genauso verhasst ist wie Atlan und mir. Sie alle haben dem Kristallprinzen die Treue geschworen und sind bereit, ihr Leben für das große Ziel einzusetzen – und das war schon mehr als nur einmal notwendig gewesen.

Kraumon ist der einzige Planet einer kleinen roten Sonne, eine Welt mit überwiegend wüstenähnlichem Charakter. Auf einen Besucher aus dem Raum wirkt der Planet wenig einladend, da es nur einen schmalen Grüngürtel entlang des Äquators gibt. Doch gerade hier ist der Stützpunkt – Gonozal-Mitte getauft – in einem lang gestreckten Tal mit dschungelähnlichen Wäldern, Flüssen und Seen errichtet worden.

Die Basis entstand in den Jahren um 10.475 da Ark auf Befehl Seiner Erhabenheit, Imperator Gonozal VII., als eine ganze Reihe von über das Große Imperium verstreuten Stützpunkten geschaffen wurde. Im Notfall sollten sie dem Zhdopanthi, seiner Familie und seinem Regierungsstab Unterschlupf und Sicherheit gewährleisten. Die Anlagenwaren für eine halbe Ewigkeit konserviert worden, unzugänglich für unberechtigte oder zufällige Besucher.

Kraumons relative Nähe zum galaktischen Zentrum, 22.130 Lichtjahre vom Kugelsternhaufen Thantur-Lok und Arkon entfernt, verspricht uns ein Höchstmaß an Sicherheit. Der Stützpunkt war ausgelegt, bei Bedarf in den ursprünglich 47 Gebäuden zehntausend oder mehr Dauerbewohner aufzunehmen. Der informierte Kreis jener, die die Koordinaten Kraumons kennen, bleibt weiterhin auf ein absolutes Minimum beschränkt; die Daten in den Raumern sind selbstverständlich verschlüsselt und gegen unbefugten Zugriff gesichert.

Unter der Oberfläche von Kraumon entstanden inzwischen Hangars und Energieanlagen, bombensichere Unterkünfte und positronisch gesteuerte Abwehrforts. Sollte man uns eines Tages entdecken, werden wir dem Gegner empfindliche Verluste zufügen, ehe wir der Übermacht weichen und zu einem neuen Versteck fliehen. Zwanzig Kilometer nordöstlich befindet sich das neu fertig gestellte Raumlandefeld von rund fünf Kilometern Durchmesser.

Langsam vergrößert sich auch unsere kleine »Flotte«: Neben der GONOZAL und der POLVPRON II verfügen wir über die 500 Meter durchmessende KARRETON. Die erste POLVPRON war für uns durch Oghs Aktion im Yagooson-Sektor verloren gegangen. Die GONOZAL ist eine schnelle diskusförmige Jacht der Leka-Baureihe mit ausgezeichneten Flugeigenschaften, einem tadellos funktionierenden Ferm-Taàrk-Transitionstriebwerk und allen nur denkbaren technischen Einrichtungen, die man von einem tüchtigen Kleinraumer verlangen kann – bei fünfzig Metern Durchmesser und zwanzig Metern Höhe.

Wiederholt gab es Flüge zu Richmonds Schloss in der Sogmanton-Barriere; in Hanwigurt Sheeron haben wir einen wertvollen Mitstreiter gefunden. Dank der Unterstützung der Piraten der Sterne ist es gelungen, drei der in die Sogmanton-Barriere gelenkten Robotraumer zu bergen und umzurüsten – einen der 200 Meter durchmessenden Schweren Kreuzer hat Atlan FARNATHIA getauft. Der hohe Automatisierungsgrad sowie leistungsfähige Katastrophenschaltungen ermöglichen es, dass alle unsere Raumer bei Bedarf sogar von einem einzigen ausgebildeten Raumfahrer geflogen werden können.

Die heiße Spur zum Stein der Weisen, der wir unter großen Gefahren gefolgt waren, gibt es nicht mehr. Mit dem Tod des Blinden Sofgart ist auch sie verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Wir alle sindüberzeugt davon, dass es sie gibt und dass wir sie wieder finden müssen, denn der Stein der Weisen soll ein gewaltiges Machtmittel sein. Leider lässt sich aus dem Wust der Legenden und Erzählungen nicht herausfiltern, um was genau es sich bei diesem kosmischen Kleinod wirklich handelt. Die meisten Sucher verbinden mit ihm offenbar Unsterblichkeit. Es könnte aber auch etwas ganz anderes sein, obwohl der Weise Dovreen im Wall der dreißig Planeten eindeutig davon gesprochen hat, dass uns der Stein der Weisen das ewige Leben schenken könne.

Der fünfzehn Kilometer durchmessende varganische Kugelkörper, der im System des Kometen Glaathan als Aktivator für das Quaddin-Zentralorgan gedient hatte, war nach Sofgarts Tod verschwunden, ohne dass wir sagen konnten, ob er nur unseren Ortern und Tastern entzogen war oder das System verlassen hatte. Die neun Raumer der Kralasenen jedenfalls befanden sich noch an ihrer alten Stelle. Seit der Auswertung der gesamten Ortungsdaten gehen wir davon aus, dass Glaathan insgesamt ein künstliches Produkt und keineswegs ein natürlicher Komet ist. In welchem genauen Zusammenhang er mit der Riesenkugel steht, bleibt uns verschlossen.

1.

Aus: Gedanken und Notizen, Bauchaufschneider Fartuloon

Auf den Prago genau vor fünf Votanii nach Arkon-Zeitmaß kam es am 33. des Tedar zur schicksalhaften Begegnung auf Frossargon mit der weiterhin geheimnisvollen Varganin Ischtar, in deren Verlauf die Freundin des Kristallprinzen umkam. Farnathia Declanter starb im Zweikampf mit dem als »Goldene Göttin« umschriebenen Wesen, das den Kristallprinzen auf eine Weise verführt und beeinflusst hat, die mich weiterhin schaudern lässt. Sie behauptete, das Geheimnis des ewigen Lebens zu kennen und es ihrem und Atlans Sohn Chapat vermitteln zu wollen!

Seit Ras Berichten und seiner Besessenheit, sie wieder zu finden, war uns bekannt, welche Macht dieses Weib auf einen Mann haben kann. Mein Fehler war, dass ich es seiner »barbarischen« Natur zugeschrieben habe und nie gedacht hätte, dass es in gleicher Weise auch den Jungen treffen könnte. Ein fataler, unentschuldbarer Irrtum, der Farnathia vermutlich das Leben gekostet hat! Atlan hat mir keine Vorwürfe gemacht, aber ich muss mit der bedrückenden Last leben, die zu den vielen anderen hinzukommt, die sich im Verlauf meines langen Lebens angesammelt haben.

Auf Alfonthome ist der Junge dann allerdings in einem Maß über sich hinausgewachsen, das sogar mir gewaltigen Respekt einflößt. Ich weiß ganz genau, was er da geleistet hat. Dass er die Bewohner einer ganzen Welt gerettet und die von Valvpiesel ausgehende Gefahr beseitigt hat, ist hierbei nur der Sekundäreffekt. Viel wichtiger ist, dass er sich letztlich dem größten Feind gestellt hat, den es für ihn gibt – den aus dem eigenen Ich erwachsenden Ungeheuern. Ich bin überzeugt davon, dass Atlan auf diese Weise auch die zurückliegenden Abenteuer und Tiefschläge aufgearbeitet hat und aus allem gestärkt und gekräftigt hervorgegangen ist.

Kraumon: 1. Prago des Ansoor 10.498 da Ark

Fartuloon nickte mir ziemlich griesgrämig zu, als ich den Konferenzraum betrat. Er saß neben dem leeren Sessel, der für mich bestimmt war, hatte die Hände auf seinem dicken Bauch gefaltet und machte den Eindruck, als habe er gerade ein ordentliches Frühstück hinter sich und gedenke, es in aller Ruhe zu verdauen. Ich grüßte zurück und nahm Platz. Die anderen Teilnehmer der obligatorischen Besprechung waren Techniker, Raumschiffskommandanten, geflohene Orbtonen der arkonidischen Flotte – alles Frauen und Männer, die den Imperator lieber tot als lebendig sahen. Aber bis dahin war noch ein weiter Weg.

Fartuloon war einer der härtesten Kämpfer, die ich kannte. Der anachronistisch wirkende Harnisch und das Dagorschwert wirkten auf den ersten Augenblick skurril und unpassend. Kein Arkonide hätte den korpulenten Mann mit dem schwarzen Vollbart und der spiegelnden Glatze für einen perfekten Bauchaufschneider gehalten. Er eröffnete die Konferenz, indem er heftig auf den Tisch klopfte. »Meine Damen und Herren, ich heiße Sie willkommen«, sagte er ohne Enthusiasmus. »Die übliche Besprechung. Hat jemand eine Mitteilung von Bedeutung zu machen?«

Niemand meldete sich. Das ging nun schon seit vielen Tagen so. »Einer der Gleiter fiel aus«, teilte schließlich ein bärbeißig wirkender Offizier mit. »Er wurde inzwischen repariert.«

Der Bauchaufschneider nickte ihm spöttisch zu. »Großartig, Athor. Das ist eine wichtige Mitteilung, die wir speichern müssen. Sonst noch was?«

Von Morvoner Sprangk kam ein abfälliges Schnaufen. Der Verc’athor war ein harter, narbengesichtiger, kahlköpfiger Kämpfer. Als Kommandant der 5. Raumlandebrigade des 94. Einsatzgeschwaders hatte er unter dem Oberbefehl von De-Keon’athor Sakál einst im Dienst meines Vaters gestanden, ehe er für zwei Jahrzehnte zwischen den Dimensionen verschollen gewesen war.

»Die Kühlanlage in Sektor Drei hat einen Riss«, meldete sich ein anderer. »Ich habe eine entsprechende Anweisung erlassen, damit …«

Das hat alles nichts mit dem zu tun, was wir eigentlich besprechen wollten, kam es mir in den Sinn, aber ich war plötzlich zu träge, eine entsprechende Bemerkung zu machen. Ich saß am Tisch und hatte das Gefühl, alles nur zu träumen. Es war mir völlig egal, was die anderen sagten. Mir schien, als ginge mich das alles nichts mehr an. Ischtar! Warum musste ich ausgerechnet jetzt an sie denken? Eigentlich hatte ich allen Grund, sie zu hassen, denn sie hatte Farnathia getötet – aber ich hasste sie nicht. Ganz im Gegenteil: Ich bewundere sie. Oder liebe ich sie sogar?

Fartuloon stieß mich an. »Was hast du denn? Du bist ganz blass geworden. Ist dir nicht gut?«

Ich hörte seine Worte wie durch Watte, sie drangen kaum bis zu meinem Bewusstsein vor. Ich begriff ihren Sinn, aber der war mir völlig egal. Überhaupt war mir auf einmal alles egal, was hier gesprochen und beraten wurde. Wie unwichtig das alles war, wie nebensächlich und ohne jede Bedeutung. Wichtig war nur noch Ischtar, die Goldene Göttin, in ihrer betörenden Schönheit, die mich verzaubert hatte.

»Alles in Ordnung«, flüsterte ich. »Macht ruhig weiter, ich komme gleich zurück …«

Fartuloon nickte, aber er glaubte mir nicht. Als ich mich ein wenig schwankend erhob, stand auch er auf, um mich zu begleiten. Er machte den anderen ein Zeichen, in der Besprechung fortzufahren, winkte Morvoner und Ra zu – und geleitete mich aus dem Raum. Ich wusste, dass meine drei Freunde bei mir waren, aber ich beachtete sie nicht. »Ischtar«, murmelte ich immer wieder. »Sie hat mir etwas mitzuteilen. Ich muss die Daten speichern.«

Fartuloon sah Ra an, dann Morvoner. »Eine Art Posthypnose vielleicht? Ischtar hat ihm damals offenbar etwas mitgeteilt, und nun kann er sich plötzlich daran erinnern.«

Sie führten mich zur Positronik, wo ich sofort mit einer geheimnisvollen Tätigkeit begann. Es war, als sei ich eine Puppe, die von unsichtbaren Fäden gelenkt würde. Ich fütterte Daten in die KSOL der Hauptkuppel und murmelte unverständliche Worte vor mich hin, deren Sinn unklar blieb. Ich tat das, was Ischtar mir befahl, ich tat es unbewusst, jedoch ohne mich gegen die Beeinflussung zu wehren.

Sie muss dir die Daten ins Unterbewusstsein eingepflanzt haben, flüsterte der Extrasinn. Genau wie sie dich mit dem paranormalen Schutz ausgestattet hat.

Als ich von dem Schaltpult zurücktrat, kehrte ich auch in die Wirklichkeit zurück. Ich wusste plötzlich wieder, wo ich war und was geschehen war. Fartuloon schilderte mir kurz die Einzelheiten meiner Verwandlung. Ich winkte ab. »Schon gut, alter Freund, ich erinnere mich. In der Positronik sind die Daten eines Planeten verankert, den wir aufsuchen müssen. Sie schlummerten in meinem Unterbewusstsein. Ich habe die Koordinaten einer Versunkenen Welt der Varganen gespeichert. Was seht ihr mich so an? Ich bin nicht verrückt. Posthypnose! Vielleicht war ein Stichwort der auslösende Faktor, vielleicht musste auch einfach nur eine gewisse Frist verstreichen. Ich weiß es nicht. Jedenfalls hat mir Ischtar die Daten einer Welt gegeben, und das bestimmt nicht ohne Grund! Wir werden so bald wie möglich starten!«

Der ehemalige Leibarzt meines Vaters hob abwehrend beide Hände. »Willst du wirklich in eine Falle tappen, die dir von dieser … Person gestellt wird? Sie hat dich verführt, um dich für ihre Zwecke einzuspannen, und nun fällst du schon wieder auf sie herein. Ich weiß nicht, was sie wirklich bezweckt, aber es kann nichts Gutes sein.«

Er schielte in Richtung des Computers. Ich murmelte: »Margon heißt der Planet, auf dem ich mich zweifellos einfinden soll. Eine der Versunkenen Welten. Eine Welt, die von den Varganen bewohnt wurde und zu ihrem einstigen Imperium gehörte. Sie haben Margon aus unbekannten Gründen verlassen, wie andere Welten auch. Die Natur hat den Planeten zurückerobert. Die Spuren der Zivilisation liegen vielleicht Dutzende von Metern unter seiner Oberfläche, für alle Zeiten dem flüchtigen Beobachter verborgen.«

»Margon?« Fartuloon schüttelte den Kopf. »Noch nie gehört.«

»Ischtar gab mir den Namen und die Koordinaten. Es handelt sich um eine gelbe Normalsonne mit vier Planeten, Margon ist der zweite. Auf ihm, hoffe ich, werden wir den Beginn einer neuen Spur zum Stein der Weisen entdecken.«

»Du bist verrückt!« Fartuloon klang noch rauer als zuvor. »Nur weil du in Trance ein paar Daten von dir gegeben hast, willst du dich auf ein so ungewisses Abenteuer einlassen?«

»Eine geringe Chance ist besser als gar keine.« Ich wusste, dass mich nichts mehr von meinem Vorhaben abbringen konnte. »Ischtar will mir helfen, ganz sicher. Sie wird schon ihre Gründe haben, dass sie mir die Daten nicht schon damals offen mitteilte. Gute Gründe, nehme ich an.«

Nun kam mir Morvoner zu Hilfe. »Atlan hat Recht, Fartuloon. Warum sollte die Varganin Atlan in eine Falle locken wollen? Sie hat sein Leben gerettet! Ra, was sagst du?«

Der Barbar wirkte nicht gerade begeistert. »Vielleicht hast du Recht. Zumindest sollten wir uns diesen Planeten ansehen. Zur Umkehr ist es dann noch immer früh genug.«

»Du willst ja bloß deine Goldene Göttin wiedersehen«, knurrte Fartuloon ungehalten. »Und dann prügelst du dich wieder mit Atlan.«

Ich winkte ab. »Keine Sorge. Es geht um viel mehr.«

»Richtig!«, bestätigte Ra kurz angebunden, doch in seinen Augen funkelte es plötzlich, während vom Extrasinn ein warnender Impuls in mein Wachbewusstsein drang. Aus den Augenwinkeln musterte ich den mittelgroßen Mann. Er hatte dunkelbraune Haut, bis zum Nacken reichendes schwarzes Haar und schwarze Augen. Unter der Kombination zeichneten sich wahre Muskelpakete ab. Die Stirn war im Vergleich zu uns Arkoniden niedrig. Das wettergegerbte Gesicht mit den Stammesnarben auf der Stirn war das eines Mannes, der unter primitiven Verhältnissen auf einer Welt ohne echte Zivilisation aufgewachsen war.

Seine Heimat umkreiste eine gelbe Sonne, irgendwo in den fremden Weiten der Öden Insel. Deutlich standen mir die Szenen vor Augen, die Ras Erzählungen begleitet hatten. Bei jeder hatte die Türkisperle von Kolchos Auge reagiert und dem akustischen Bericht eine eindringliche zusätzliche Dimension verliehen. Den ersten hatte Ra auf Kraumon abgegeben, zwei weitere im »Ring des Schreckens« des Dreißig-Planeten-Walls. Jedes Mal hatte der Türkisglanz der Perle unsichtbare Fäden gewoben, die uns miteinander verbanden, die Umgebung verschwimmen ließen und Impressionen Platz machten, deren Intensität mich in den Bann zog und nicht mehr losließ.

Ich sah die primitiven Höhlenbewohner in den Felsen des Flusses und den »Mann mit dem Feuer«, Feuer, das die Goldene Göttin Ra geschenkt hatte. Und ich erlebte mit, wie Ra von arkonidischen Raumfahrern gefangen und entführt wurde, die jene Welt zufällig entdeckt und später sicherlich wieder vergessen hatten. Ich erinnerte mich aber auch an Ras ungestüme Wut und Eifersucht auf Frossargon, an die Attacke, die mich fast umgebracht hätte, und dachte an seinen verträumten Blick, sobald Ischtar erwähnt wurde …

Der Bauchaufschneider verzichtete auf weitere Einwände. »Die Kugelraumer sind überholt und einsatzbereit. Ich kümmere mich um die Vorbereitungen.«

Ich sagte: »Wir nehmen die FARNATHIA!«

»Nicht gerade ein glücklicher Einfall, wenn du mich fragst. Wir fliegen zu einem Planeten der Varganin, und das mit einem Schiff, das den Namen ihrer Rivalin trägt. Denkst du, dass sie darüber besonders erfreut sein wird?«

»Sie muss sich damit abfinden«, entgegnete ich kurz angebunden und dachte daran, dass die KARRETON mit Eiskralle und Vorry erst in einigen Tagen von der Sogmanton-Barriere zurückkommen würde. So lange wollte ich nicht warten.

Er zuckte die Achseln. »Also gut, wie du willst. Ich kümmere mich um die Daten und die Startvorbereitungen. Das Schiff hat siebzig Mann Besatzung. Soll das so bleiben?«

Ich war einverstanden.

In dieser Nacht schlief ich unruhig und wurde von grauenhaften Träumen geplagt. Immer wieder erlebte ich Farnathias Tod, aber dann wich ihr liebliches Gesicht mehr und mehr jenem Ischtars, bis die Varganin mein Bewusstsein voll und ganz ausfüllte. Ich konnte an nichts anderes mehr denken – und auch nicht träumen. Ich stand sehr früh und übernächtigt auf, machte Toilette und kleidete mich an.

Die Wachtposten grüßten mich erstaunt, als ich aus dem Gleiter stieg. Ich wollte mich davon überzeugen, dass die Startvorbereitungen während der Nacht nicht unterbrochen worden waren. Die FARNATHIA stand auf ihren Teleskopstützen, aus den offenen Luken drang Licht. Ein Techniker hatte mich bemerkt, kam mir entgegen und sah mich fragend an.

»Wie lange dauert es noch?«, erkundigte ich mich.

»Das Schiff ist einsatzfähig. Eine letzte Routinedurchsicht ist in wenigen Tontas beendet.«

Trotz der beruhigenden Auskunft ließ ich es mir nicht nehmen, mich selbst zu überzeugen. In den Hangars standen die Gleiter und Beiboote, die Kampfanzüge hingen fein säuberlich nummeriert in den Vorkammern der Luftschleusen, die Betten in den Kabinen waren frisch überzogen, und in der Zentrale zeigten die Instrumente volle Funktionsbereitschaft. Ich rief die Daten ab, stellte den entsprechenden galaktischen Sektor unseres Ziels fest, schob den Ausdruck der Sternkarte in die Tasche und kehrte zum Stützpunkt zurück. Unser Ziel war 6701 Lichtjahre von Kraumon entfernt, die Distanz zum eigentlichen Zentrum der Öden Insel betrug 4896 Lichtjahre.

Beim gemeinsamen Frühstück traf ich Fartuloon und Morvoner. Viel Begeisterung sprach nicht aus ihren Worten. Sie waren davon überzeugt, dass wir die Spur zum Stein der Weisen endgültig verloren hatten und auf Margon vermutlich nicht wieder entdecken würden. Ra blieb schweigsam. Ich konnte mir vorstellen, welche Gefühle ihn bewegten und in welcher Richtung seine Gedanken den Ereignissen vorauseilten. Und ich konnte ihn gut verstehen, denn mir erging es ähnlich.

Fartuloon schob mir die Karte zu. »Zum Glück abseits des hauptsächlichen Aktionsgebiets der Flotte. Zehn bis dreizehn Transitionen, über den Daumen gepeilt. Trotzdem die reinste Zeit- und Energieverschwendung, wenn du mich fragst.«

»Die FARNATHIA ist startbereit«, gab ich zurück und lächelte ihn freundlich an. »Wir werden also keine Zeit versäumen.«

»Fangt nicht schon wieder damit an«, bat Morvoner mit gequältem Gesicht.

Ich ließ die Karte wieder in der Tasche verschwinden. »In sieben Tontas also, Freunde. Und über den Wert oder Unwert des Fluges nach Margon unterhalten wir uns, sobald wir ihn absolviert haben. Einverstanden?«

»Von mir aus«, knurrte Fartuloon und stopfte sich den Mund voll.

Die sieben Tontas vergingen schnell, denn ich hatte genug zu tun: zwei Konferenzen mit den Wissenschaftlern, eine mit den militärischen Leitern des Stützpunktes und eine letzte Besprechung mit dem Einsatzstab unserer kleinen »Flotte«. In einem versiegelten Speicherkristall übergab ich ihnen die Position Margons. Nach einer gewissen Frist konnten die Daten abgerufen werden. Saßen wir fest, würde nach einiger Zeit Hilfe eintreffen. Die Gewissheit des Rückhalts beruhigte mich, obwohl ich nicht annahm, dass Ischtar uns in eine Falle locken wollte. Aber ich kannte den Sektor der Galaxis nicht, in den wir vordringen würden. Niemand weiß, was uns dort erwartet.

Eine Tonta vor dem Start war ich an Bord der FARNATHIA und sah zu, wie Morvoner die Speicherdaten noch einmal überprüfte und endgültig bestätigte. Fartuloons Laune schien sich inzwischen gebessert zu haben. Er sah nicht mehr so mürrisch aus, als er sich schwer in seinen Kontursessel fallen ließ. Auch Morvoner nahm Platz.

»Wo ist Ra?«, fragte ich ihn.

»Der ist gleich in seine Kabine gegangen. Der Start wird ihn nicht so sehr interessieren wie unser Ziel.«

Da erging es ihm nicht viel anders als mir, aber er wurde auch nicht in der Zentrale benötigt. Wahrscheinlich hätte ich mich an seiner Stelle auch in die Kabine zurückgezogen.

Die Zeit verstrich mit den letzten Vorbereitungen, dann stieg die FARNATHIA auf und startete außerhalb der Atmosphäre mit hoher Beschleunigung durch. Der Countdown für die erste Transition lief an.

An Bord der FARNATHIA: 3. Prago des Ansoor 10.498 da Ark

Es waren in der Tat dreizehn Transitionen, ehe wir mit knapper Lichtgeschwindigkeit dem vor uns aufgetauchten System entgegenflogen. Die Fernorter meldeten vier Planeten, von denen unser Ziel rechts von der gelben Sonne stand. Die große Sternendichte in diesem Bereich der Öden Inseln, nicht einmal fünftausend Lichtjahre vom exakten Zentrum entfernt, bedingte Einzeldistanzen von zum Teil deutlich unter einem Lichtjahr. Allein fünf der dreizehn Transitionen hatten wir für vergleichsweise kurze Korrektursprünge benötigt. Nun aber war unser Ziel erreicht.

Die Massetaster begannen mit ihrer Arbeit. Aus der Analytischen Abteilung trafen die ersten Ergebnisse der Untersuchungen ein, noch bevor Einzelheiten der Planetenoberfläche auf dem Bildschirm zu erkennen waren. Margon hatte einen Durchmesser von 13.280 Kilometern, eine Achsneigung von 15 Grad und eine Schwerkraft von 1,15 Gravos. Der Umlauf betrug 687,7 Tage zu 12,18 Tontas. Es gab schwache hyperenergetische Emissionen an verschiedenen Orten, deren Quelle stets unter der Oberfläche lag. Die Instrumente zeigten eine üppige Vegetation an und keine Anzeichen einer Zivilisation mit ihren üblichen Begleiterscheinungen. Städte jedenfalls gab es nicht, auch keinen Funkverkehr. Ich hatte es nicht anders erwartet.

»Möchte wissen, was wir hier sollen«, knurrte Fartuloon. »Eine der Versunkenen Welten – na schön. Aber was soll das?«

»Wir sind noch nicht gelandet«, machte ich ihn aufmerksam. »Und wir werden auch nicht mit der FARNATHIA landen. Sie wird in einer Umlaufbahn bleiben, während wir ein Beiboot nehmen. Hast du Lust, dich an einem Erkundungsflug zu beteiligen?«

Ich sah es ihm an, aber er sagte nur: »Wenn du unbedingt meinst, kann ich ja mitkommen. Wer sonst noch? Morvoner und Ra?«

Ich lächelte. »Kannst du dir vorstellen, dass Ra zurückbleiben würde? Ich nicht.«

Nach einer Tonta passierten wir die gelbe Sonne in großer Entfernung und näherten uns dem zweiten Planeten. Auf dem Panoramaschirm waren die Einzelheiten der Oberfläche zu erkennen. Drei größere Kontinente, dazu zahlreiche Inseln. Die Energiestrahlung stammte von der größten der Landmassen, dort würden wir landen. Soweit wir feststellen konnten, war der gesamte Kontinent von dichten Urwäldern und weiten Savannen bedeckt, dazwischen erhoben sich riesige Gebirge, meist kahl und ohne Vegetation. Die Meere selbst waren tief und – wie die Instrumente verrieten – voller Leben. Auch in den Wäldern und Steppen gab es Leben in vielfacher Form.

Es war mir ein Rätsel, warum Ischtar mich ausgerechnet hierher bestellt hatte, es sei denn, die Versunkene Welt barg ein Geheimnis, das es noch zu lüften galt. Gab es dieses Geheimnis wirklich, würde ich es lüften. Dazu war ich fest entschlossen.

Dreimal umrundeten wir Margon, dann sagte ich: »Fartuloon, Morvoner, Ra und ich werden mit einem Beiboot landen. Die FARNATHIA bleibt im Orbit, bis ein gegenteiliger Befehl erfolgt. Für alle Fälle habe ich im Logbuch Anordnungen gespeichert. Sie richten sich nach ihnen, sollten wir nicht zurückkehren. Übernehmen Sie, Athor Kellon.«

Damit erhob ich mich und nickte den beiden Freunden zu. Ra wirkte äußerst ruhig und gefasst. Wir bestiegen das Beiboot – einen Leka-Diskus von zwanzig Metern Durchmesser und acht Metern Höhe –, Morvoner übernahm den Platz des Piloten. Kurz darauf schoss die F-1 aus der Schleuse und entfernte sich schnell von der FARNATHIA.

Unter uns lag der unbekannte Planet. Er sah aus wie tausend andere Urwelten auch, nur wusste ich diesmal, dass auf dieser Welt einst eine technisierte Zivilisation existiert hatte, die aus unbekannten Gründen erloschen war. Die Energiestrahlungen bewiesen, dass noch Reste vorhanden sein mussten. Wir beschlossen, vor der endgültigen Landung eine weitere Umrundung Margons in niedrigem Abstand vorzunehmen. Immerhin bestand die berechtigte Aussicht, Dinge zu entdecken, die wir vorher nicht hatten sehen können. Die Ortergeräte durchdrangen die Vegetationsdecke, ohne allerdings Geheimnisse zu enthüllen. Unter dem Dach des Urwalds existierten noch Gebäudereste, das ergaben die Messungen, aber ihre Unregelmäßigkeit ließ darauf schließen, dass sie längst zerstört und zerfallen waren. Eine Energiestrahlung konnte hier nicht festgestellt werden.

Wir überquerten den Ozean, überflogen ein Gebirge und glitten dann über endlose Savannen hin. Wir sahen gewaltige Herden von grasenden Vierbeinern. In den ruhig dahinfließenden Strömen tummelten sich Tiere aller Arten, ihre Zahl ließ darauf schließen, dass sie sich seit vielen Jahrtausenden ungestört hatten entwickeln können. Wie lange schon ist Margon eine der Versunkenen Welten?

Abermals näherten wir uns dem größten Kontinent, auf dem wir landen wollten. In diesem Augenblick sagte Morvoner von den Kontrollen her: »Vor uns liegt eine Hochebene, zwischen dem Gebirge und der Stromniederung, die mit dichtem Wald bedeckt ist. Sogar ohne Orter sind Gebäude zu erkennen, die von Schutt und Pflanzen befreit wurden. Es sieht alles nicht mehr neu aus, aber ohne jeden Zweifel gab es da unten jemand, der für etwas Ordnung sorgte.«

Ich sah die verfallenen Gebäude und nickte. Der nicht sehr dichte Wald war gerodet, an den Mauern der Gebäude war gearbeitet worden. Unsere Energietaster und Orter registrierten Emissionen, deren Quelle unter der Oberfläche lag. Mehrere lang gestreckte Hallen, einige davon ohne Dach oder mit eingestürzten Wänden, umgaben einen Innenhof, von dem das quaderförmige und schmucklos graue Hauptgebäude aufragte. Insgesamt ein Areal von nicht einmal fünfhundert Metern Durchmesser. Weiter nördlich lockerte der Wald weiter auf und machte kahlen Felsen Platz.

»Eine technische Oase«, prägte Fartuloon eine treffende Bezeichnung. »Möchte wissen, wer da am Werk ist.«

Ischtar? Hat sie dort unten einen geheimen Stützpunkt errichtet? Hat sie mich deshalb gerufen? Was will sie mir mitteilen? Laut sagte ich nur: »Landen!«

Unweit des restaurierten Gebäudetrakts setzte die F-1 auf. Der Antrieb verstummte. Morvoner griff nach seinem Kombistrahler und sagte: »Sehen wir uns das mal an.«

Ra eilte voraus und war als Erster an der Schleuse. Obwohl die Atmosphäre atembar war, trugen wir die leichten Kampfanzüge. Ich öffnete die Außenluke. Laue und wohlriechende Luft schlug uns entgegen, ein wenig mit dem Geruch faulenden Laubes und blühender Blumen vermischt. Ra ließ mich vorbei, so dass ich als Erster die kurze Leiter hinabklettern und den Boden Margons betreten konnte. Es war nicht die erste fremde Welt, die ich betrat, aber es war immer wieder das gleiche erwartungsvolle Gefühl – und diesmal war es besonders stark, denn ich zweifelte keinen Augenblick, dass Ischtar diesen geheimen Stützpunkt restauriert hatte.

Aus welchen Gründen auch immer sie das getan haben mag, dachte ich, sie hat mich hierher bestellt.

Vielleicht genau deswegen?, meldete sich mein Logiksektor. Ein varganischer Stützpunkt mit varganischer Supertechnik würde dir und deinen Plänen zweifellos sehr helfen.

Fartuloon kam zu mir und sagte: »Ischtar muss eine Hilfstruppe oder Arbeitsroboter zur Verfügung haben. Aber ich sehe nichts. Zumindest hätte ich doch ein Empfangskomitee erwartet.«

Morvoner knurrte: »Was ihr so alles verlangt! Seid froh, dass man uns nicht gleich abgeschossen hat, sondern in aller Ruhe landen ließ. Warum sollte sich eine Varganin hier einen Stützpunkt einrichten? Ich nehme also an, dass wir von etwas ganz anderem erwartet werden als von ihr. Jedenfalls rate ich zur Vorsicht.«

Ra sagte: »Warum stehen wir herum? Gehen wir!«

Fartuloon rückte sein Skarg, das geheimnisvolle und äußerst vielseitige Dagorschwert, zurecht. Sein Gesicht zeigte einen grimmigen Ausdruck. Er schien entschlossen zu sein, das Rätsel zu lösen, das uns hierher gelockt hatte.

»Es kann schon Votanii her sein, dass jemand hier war«, vermutete ich. »Aber eine Antwort auf unsere Fragen werden wir nur erhalten, wenn wir uns die Gebäude ansehen. Jedenfalls wächst das Gras hoch, Spuren kann ich auch keine entdecken.«

Mit gezogenen Kombistrahlern setzten wir uns in Marsch, nachdem wir die Luke des Beiboots positronisch gesichert hatten. Ich ging voran und bahnte den Pfad durch das hohe Gras. Die anderen folgten mir dicht auf den Fersen. In der warmen Luft war das Summen von Insekten. Jeden Augenblick rechnete ich damit, dass aus dem Grünzeug eine Schlange geschnellt kam, um uns anzugreifen. Aber nichts dergleichen geschah. Aus der Nähe war zu erkennen, dass die Reparaturarbeiten an den Mauern notdürftig ausgeführt worden waren. Es hatte den Anschein, als sei der ganze Komplex ausgegraben und flüchtig renoviert worden, ohne dass man Wert auf Dauerhaftigkeit gelegt hatte. Ich hatte den Eindruck, dass es nur darum gegangen war, die Mauern am Zusammensturz zu hindern.

Aber unter den Mauern haben wir Energieabstrahlung gemessen. Es muss also unter der Oberfläche noch etwas geben, was arbeitet und funktioniert – etwas, das mit Technik und Zivilisation zu tun hatte. Die renovierten Ruinen scheinen nichts anderes als Tarnung zu sein. Es war mein erster Gedanke. Aber dann verwarf ich ihn wieder. Wozu eine Tarnung? Eine Falle vielleicht …? Eine Falle – für wen? Doch nicht für mich! Warum sollte mich Ischtar in eine Falle locken wollen? Und dazu noch in eine so komplizierte? Das hätte sie sicherlich einfacher und leichter haben können. Was also wird auf Margon wirklich gespielt?

Der Stützpunkt war leer und verlassen. Es gab mehrere Eingänge, die in das Innere des Gebäudetrakts führten. Wir hielten unsere Waffen schussbereit und wagten uns weiter vor. Niemand begegnete uns. Wir gelangten auf den weiten Innenhof, den wir schon von der Luft her gesehen hatten. Von ihm aus war ein halbes Dutzend offener Türen zu erkennen, die weder eine Füllung noch Schlösser besaßen. Aus der Nähe betrachtet, erwies sich der Quader des Hauptgebäudes als Ruine. Risse, klaffende Löcher und Schutthalden am Fuß der Mauern zeugten von der Kraft über Jahrhunderte oder Jahrtausende wuchernder Pflanzenwurzeln und dem Einwirken von Wind und Wetter.

»Wir müssen auf jeden Fall zusammenbleiben«, sagte ich, als ich die zweifelnden Gesichter meiner Freunde bemerkte. »Auf keinen Fall dürfen wir uns trennen. Ich habe ein merkwürdiges Gefühl …«

Das schienen sie alle zu haben, denn sie stimmten mir wortlos zu. Wir standen auf dem Innenhof, in dem das Gras so hoch wuchs, dass es uns bis zum Gürtel reichte. »Nehmen wir den da«, riet Fartuloon und deutete mit dem Skarg auf einen der Eingänge. »Es spielt keine Rolle …«

Der Gang erwies sich als Sackgasse. Wir kamen nur wenige Meter weit, dann war er zu Ende. Schutt der eingestürzten Decke verhinderte das weitere Vordringen. Wir kehrten um und betraten den zweiten Gang. Auch diesmal kamen wir nicht weit, denn ein Trümmerhaufen versperrte ihn dermaßen, dass wir die Hoffnung sofort aufgaben, an dieser Stelle weiterzukommen.

Es begann bereits zu dämmern, als wir den siebten Eingang untersuchten, der einen etwas besseren Eindruck machte. Die Wände waren von Unrat befreit worden. Verwitterungslöcher hatte man mit einer unbekannten Masse gefüllt, ebenso den Boden. Diesmal versperrte uns kein Hindernis den Weg. Wir mussten die Helmlampen einschalten. Der Gang führte leicht abwärts. Meiner Schätzung nach waren wir zweihundert Meter gegangen und befanden uns etwa zwanzig Meter unter der Oberfläche, als wir plötzlich vor einer metallenen Tür standen, die fabrikneu wirkte. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass sie erst kürzlich hier angebracht worden war.

Fartuloon deutete auf den runden Drehknopf in einem Meter Höhe. »Vorsicht!«

Ich sah mir den Drehknopf an. Als ich Ischtars »Gefangener« gewesen war, hatte ich in ihrem Schiff einen ähnlichen Knopf bemerkt. Er musste demnach varganischer Herkunft sein. Fartuloon hinderte mich nicht daran, näher an die Tür heranzugehen und die Hand auszustrecken. Vorsichtig berührte ich den Knopf und drehte ihn nach rechts. Sofort ertönte ein summendes Geräusch, dann glitt die Tür zur Seite und gab den Eingang frei. Dahinter erkannten wir im Licht unserer Lampen einen größeren Raum, der mit Instrumenten aller Art angefüllt war. Schaltpulte und Anzeigetafeln ließen vermuten, dass es sich um eine Art Laboratorium oder Kontrollstelle handelte. Ich konnte nichts entdecken, was sich bewegt hätte. Eine zweite Tür gab es nicht. Aber es gab drei Nischen zwischen den Instrumententafeln, in die Dutzende von Stromleitungen hineinführten – wenigstens nahm ich an, dass es welche waren.

»Zumindest wissen wir jetzt, woher die Energiestrahlung stammt, die wir angemessen haben«, sagte Morvoner mit gepresster Stimme. »Alles automatisch. Oder ferngesteuert.«

»Was ist das hier überhaupt?«, ließ Ra sich endlich auch einmal vernehmen. »Ein technisches Labor?«

Fartuloon sagte gar nichts, sah sich nur aufmerksam um, das Skarg in der Hand. Sein Interesse galt in erster Linie den drei Nischen, in die wir von unserem Standort aus nicht hineinblicken konnten. »Wir werden es gleich wissen«, sagte ich und ging weiter. »Aber wenn mich nicht alles täuscht, haben wir es mit einer Art Konservierungsanlage zu tun. Die Technik der Varganen unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht so sehr von jener der Arkoniden.«

Die Nische, die ich als Erster erreichte, bestätigte meine Vermutung. In ihrer Mitte befand sich eine mehr als zwei Meter lange Wanne, die durch die Leitungen mit der Kontrollstation in direkter Verbindung stand und von einem transparenten Kraftfeld überwölbt war. Im Hintergrund bewegten sich fast unmerklich die Zeiger der Instrumente auf einer Tafel. Über eine Skala lief ein Leuchtpunkt, der in regelmäßigen Zeitabständen steil nach oben stieg und dann wieder zur ursprünglichen Ebene abfiel. In der Wanne lag ein Mann.

Hinter mir hörte ich Fartuloons leisen Ausruf und dann sein heftiger werdendes Atmen. Morvoners Schritte verstummten, Ra blieb wortlos im Hintergrund stehen. Der Mann in der Wanne war nackt, außergewöhnlich groß und sehr schlank. Die rotblonden langen Haare waren in der Mitte gescheitelt. Es wirkte, als hätte er sich seit Fertigstellung der Frisur keinen Millimeter mehr von der Stelle gerührt. Seine Haut besaß einen bronzegoldenen Schimmer, ein markantes Zeichen.

Morvoner war neben mich getreten. »Ein Vargane«, flüsterte er. »Ist er tot?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ganz bestimmt nicht. Das Lebenserhaltungssystem scheint einwandfrei zu funktionieren. Du siehst es an den Instrumenten. Ich frage mich nur, wer die Anlage wartet. Jemand muss es tun, sonst sähe es hier anders aus. Roboter wie in Ischtars Schiff?«

Fartuloon war zu den anderen Nischen gegangen. »Sie sind leer«, sagte er. »Die Wannen sind leer, bei den Instrumenten rührt sich nichts.«

Ich gab keine Antwort. Genau wie ich dachte er zweifellos an die tief schlafende Ischtar, die wir auf Frossargon in ihrem Raumer gefunden hatten. Offenbar griffen die Varganen insgesamt auf diese Methode zurück, um längere Zeitspannen ohne Alterung zu überbrücken. Auch wir Arkoniden kannten den Biotiefschlaf; das Prinzip der suspendierten Animation, dessen Erfindung aus den ersten Jahren der stellaren Raumfahrt stammte, sah eine freie Auswahl der Phasenlänge innerhalb bestimmter Grenzen vor. Als Maximalwert, der ohne gesundheitliche Schäden überstanden werden konnte, galten etwas mehr als vierhundert Arkonjahre.

Um ein über diesen »Scheintod« hinausgehendes völliges Sterben zu verhindern, war natürlich eine permanente medizinische Überwachung notwendig. Dennoch handelte es sich um einen belastenden Vorgang: Je nach Tiefschlaflänge vergingen zwischen 25 und 30 Tontas, bis der Tiefschläfer erstmals wieder das Bewusstsein erlangte. Hierbei war es vor allem für uns Arkoniden notwendig, dass das Erwachen von akustischen und optischen Reizen begleitet wurde, die unmittelbar vor dem Tiefschlaf stattfanden, um das Gehirn zur höheren Aktivität anzuregen: Vor dem Schlaf paramechanisch aufgezeichnete Szenen wurden abgespielt, um den »Anschluss« ans bewusste Leben zu gewinnen, weil ansonsten unter Umständen Wahnsinn drohte. In einem zweiten Schritt musste – abhängig von der Tiefschlafdauer insgesamt – dann der Körper wieder ans bewusste Leben gewöhnt werden: Massagen, Aktivierungsprozeduren und eine langsame Rückgewöhnung an feste Nahrung waren erforderlich. Anschließend folgte das Muskelaufbautraining.

In aller Ruhe studierten wir das System der Anlage. Es würde meinem Lehrmeister sicher nicht schwer fallen, den Schlafenden zu wecken, sollte es sich als erforderlich erweisen. Vielleicht hat Ischtar mich aus diesem Grund hierher bestellt? Will sie, dass ich den Varganen aus seinem Tiefschlaf hole? Aber warum? Hat sie niemanden, der das für sie tun kann? Dann tauchte eine andere Überlegung auf: Der Schläfer ist ein Vargane; sicherlich steht er Ischtar näher als ich oder Ra. Warum soll ich ihn wecken? Soll er uns vielleicht helfen, mit der Technik der Varganenstation zurechtzukommen?

»Was tun wir jetzt?«, riss mich Fartuloons sachliche Frage aus den Gedanken.

Wenn ich das nur selbst wüsste! In meiner Brust fochten die Neugier und aufkeimende Eifersucht einen heftigen Kampf, der vorerst unentschieden blieb. »Ich weiß es noch nicht«, gab ich zu. »Vielleicht sollen wir die Anlage in Gang setzen, damit der Vargane erwacht. Aber ohne einen konkreten Hinweis, dass Ischtar es wirklich will, lassen wir es besser. Ich bin dafür, dass wir warten. Wo immer sie sich auch aufhalten mag, sie wird wissen, dass wir hier sind, und sich melden. Die posthypnotische Weitergabe von Margons Koordinaten war ganz ohne Zweifel an ein Zeitlimit gebunden.«

»Optimist!«, knurrte Morvoner. »Ich würde dem Mann gern ein paar Fragen stellen. Auf jeden Fall möchte ich wissen, wie lange er hier schon schläft. Erst, als man das Labor freilegte? Oder lag er schon hier, als Margon noch kein Versunkener Planet war?«

Der Gedanke ist faszinierend, musste ich zugeben. Stimmte Morvoners kühne Vermutung, lag vor uns der lebendige Zeuge einer Zivilisation, die als untergegangen galt; jemand, der viele Jahrtausende alt sein musste. »Ich stimme dir zu«, sagte ich. »Trotzdem schlage ich vor, dass wir warten. Wir müssen die Anlage gründlicher kennen lernen, ehe wir sie auch nur anrühren. Der geringste Fehler kann den Tod des Schläfers verursachen, und das käme einer Katastrophe gleich, die wir nicht verantworten können. Gehen wir wieder nach oben. Wir bleiben die Nacht über hier.«

Dagegen hatte niemand etwas einzuwenden, und so verschlossen wir die Tür und kehrten zur Oberfläche zurück. Es war inzwischen völlig dunkel geworden, aber die Luft hatte sich kaum abgekühlt. Die Klimadaten ließen eine warme und niederschlagsfreie Nacht erwarten. Fartuloon, der meine Gedanken erriet, schlug vor: »Warum übernachten wir nicht gleich hier im Innenhof? Das Gras ist weich und trocken, es ist warm …«

Wir waren einverstanden, allen voran natürlich unser Barbar. Ich ging noch einmal ins Beiboot und nahm über den leistungsstarken Sender Kontakt mit dem Kommandanten der FARNATHIA auf, um ihm einen kurzen Bericht zu geben. Im Schiff sei alles in Ordnung, erhielt ich zur Antwort. Allem Anschein nach gab es im ganzen System der namenlosen gelben Sonne außer der FARNATHIA kein anderes Raumschiff. Was nicht viel heißt, knurrte der Logiksektor. Ischtars Schiff konntet ihr auf Frossargon ebenfalls nicht orten!

Ich kehrte zu den anderen zurück und setzte mich so ins Gras, dass ich mit dem Rücken gegen die Mauer lehnte. Licht brauchten wir nicht, als wir unsere Konzentrate verzehrten, denn über uns standen die Sterne dicht bei dicht. Wir tauschten noch Vermutungen aus, die Meinungen gingen weit auseinander. Weder Fartuloon noch Morvoner wussten eine eindeutige Erklärung dafür, warum Ischtar uns hierher gelockt haben könnte – sofern es sich nicht um die Station selbst drehte. Auch der Bauchaufschneider spekulierte in diese Richtung: »Wir sollten die Station finden, aus welchem Grund auch immer.«

»Und den Schläfer wecken?«, vergewisserte ich mich.

Er nickte. »Wahrscheinlich. Sobald er erwacht, werden wir mehr erfahren. Das Ganze könnte eine Art Nachrichtenübermittlung sein. Der Vargane kann niemandem außer uns mitteilen, was er weiß. Und vielleicht ist er es, der dir Ischtars eigentliche Botschaft übergibt.«

Das klang vernünftig. Ich erhob keinen Widerspruch, auch Ra sagte nichts dazu. Er war überhaupt sehr schweigsam. Einer nach dem anderen schliefen wir schließlich ein. Wir hatten keine Wachen eingeteilt, denn wir begannen uns auf Margon sicher zu fühlen. Außer uns schien es niemand auf dieser Welt zu geben. Bevor ich endgültig die Augen schloss, sah ich noch einmal hinauf in das Gewimmel der Sterne, und da entdeckte ich einen besonders großen, der langsam vor den anderen vorbeiwanderte.

Die FARNATHIA, dachte ich noch, dann schlief ich ein.

2.

Aus: Gedanken und Notizen, Bauchaufschneider Fartuloon

Bleibt das Problem Ischtar. Langlebige oder gar unsterbliche Varganin; Nin-ana, Herrin des Himmels, die Goldene Göttin, letzte Königin der Varganen …

Vor über fünf Arkonjahren war sie auf Ras Heimatwelt. Irgendwann kam sie nach Frossargon, versetzte die Prulth-Statue, war vielleicht sogar auf Than Ard oder gar in dem Paralleluniversum. Schließlich zog sie sich in die künstliche Hibernation zurück. Kaum zu sich gekommen, machte sie sich an den Kristallprinzen heran, wollte von ihm einen Sohn! Sie war nicht einmal sonderlich verblüfft, Ra gegenüberzustehen. Es gibt keinen Zweifel, dass sie viel mehr weiß, als wir bislang erfahren haben. Ich sehe mich jedoch außerstande, ihre Beweggründe, Motive und Hintergedanken genauer abzuschätzen.

Nachfolgend notiere ich nochmals die aus Ras Bericht stammenden Aussagen und Stichwörter:

»Seit Äonen durchquere ich die Galaxien«, hatte sie dem Barbaren gesagt. »Verstehst du nun, weshalb ich einsam bin? Ich bin eine der letzten lebenden Varganen, als deren letzte Königin man mich einst bezeichnet hat. Sie sind alle verschwunden oder tot. Der letzte, dem ich begegnete, schenkte mir den Himmelsstier. Ich sah sein Raumschiff niemals wieder …«

Sie erwähnte weiterhin den Planeten Tabraczon, die Insel mit ihrer Station, die subplanetarische Fabrik, in der aus Plasma riesenhafte Tierwesen hergestellt werden konnten – ähnlich jener, die wir auf der Dunkelwelt Za’Ibbisch erlebten? Weitere Namen und Begriffe waren Mamrohn, Vargo, Kreton, die Welt Dopmorg sowie der Wall der dreißig Planeten.

Von besonderer Bedeutung schien für die Frau eine »Silberkugel« zu sein – vergleichbar jener, die wir von dem Weisen Dovreen erhielten? –, zu der sie sagte: »Ein altes Geheimnis meines Volkes. Nicht einmal ich kenne die ganze Geschichte. Ich brauchte sehr lange Zeit, um ein wenig über die Kugel zu erfahren. Ich weiß nur so viel, dass es das Bindeglied zu den verschollenen Varganen darstellt. Es wird mir bei der endlosen Suche helfen.«

Für mich steht fest, dass sie ihre eigenen Pläne verfolgt. Ebenso sicher ist aber auch, dass sie dem Jungen das Leben gerettet hat, mehrfach sogar. Sie heilte seine eigentlich tödlichen Wunden auf Frossargon, sie half ihm mit dem posthypnotisch verankerten Schutzfeld und stattete ihn – wie immer das auch im Einzelnen möglich war – mit der Fähigkeit aus, im Falle akuter Lebensgefahr seine Geistesenergie zu einem paranormalen Schockstrahl zu bündeln, der seinen Gegner vernichtete. Sogart starb auf diese Weise. Als sie mit ihrem goldenen Oktaederraumer von Frossargon startete, konnte es die KARRETON nicht einmal anmessen! Das Technologieniveau der Varganen ist beachtlich – es wäre uns eine gewaltige Hilfe, könnten wir auf diese Mittel zurückgreifen.

Margon: 4. Prago des Ansoor 10.498 da Ark

Es war nicht die Sonne, die mich weckte, sondern Fartuloon, der vor mir stand und mich mit dem Fuß nicht gerade sanft anstieß. »Einen Schlaf hast du, um den man dich beneiden könnte. Steh auf, Atlan! Die FARNATHIA meldet sich nicht mehr. Ich habe es zuerst mit dem Minikom versucht, dann mit dem Sender des Beiboots. Kommandant Kellon gibt keine Antwort.«

Ich war sofort hellwach. Ra und Morvoner saßen an der Mauer und frühstückten. Dass sich die FARNATHIA nicht meldete, schien sie nicht sonderlich aufzuregen. Mir aber war sofort klar, dass es kein Zufall sein konnte, wenn der Kommandant weder auf die Anfragen des Telekoms noch des Bordsenders reagierte. Und dass die Funkgeräteinder FARNATHIA ausgefallen waren, schien noch unwahrscheinlicher. Fartuloon half mir auf die Beine. »Jedenfalls eine merkwürdige Geschichte.«

Die Geschichte ist mehr als merkwürdig, fand ich. Ohne fremden Einfluss konnte sie überhaupt nicht stattfinden. »Wann warst du im Beiboot?«

»Vor einer Dezitonta. Ich versuchte es dann noch einmal mit dem Helmsender. Nichts.«

Ich entsann mich meiner Beobachtung vor dem Einschlafen. Der wandernde Stern kann nur ein Raumschiff oder eine Station gewesen sein, betonte der Logiksektor. Ich berichtete Fartuloon von dem dahinziehenden Lichtpunkt.

Er runzelte die Stirn und sah unwillkürlich hinauf in den wolkenlosen Himmel. Wie ich dachte er wohl an den hervorragenden Ortungsschutz, der Ischtars Oktaederraumer auf Frossargon vor unseren Ortungsgeräten verborgen hatte. »Da treibt sich noch jemand hier herum, der sich auf technische Spielereien versteht. Es würde mich nicht wundern, wenn er bald bei uns aufkreuzt. Treffen wir besser unsere Vorbereitungen. Vielleicht wäre es angebracht, wenn wir so schnell wie möglich zur FARNATHIA fliegen, um festzustellen, was passiert ist.«

»Ich kann ja hier bleiben«, erbot sich Ra schnell.

»Na gut«, war ich einverstanden, »aber betrete nicht die Anlage.«

»Ich warte hier«, versprach er feierlich.

Morvoner erhob sich nun ebenfalls. Er sah besorgt aus. Fartuloon ging voran und passierte kaum das Tor, das ins Freie führte, als er mit einem Ruck stehen blieb und die Arme ausbreitete, um uns am Weitergehen zu hindern. Ohne sich umzudrehen, sagte er heiser: »Sie waren schneller als wir!«

Wer, zum Gork?, dachte ich und drängte mich an ihm vorbei, um besser sehen zu können. Immerhin war ich vorsichtig genug, in Deckung zu bleiben. Auch Morvoner schob den Kopf weiter vor.

Schräg aus dem Himmel herab rasten ein Dutzend schalenförmige Gleiter, landeten rings um unser Beiboot und schlossen es regelrecht ein. Dann quollen die Mitglieder der Besatzungen aus den Gleitern und nahmen Aufstellung. Ich stellte auf den ersten Blick fest, dass es sich nicht um Arkoniden, Varganen oder sonstige Intelligenzen handelte, die ich kannte. Sie waren oval, nicht sehr groß, besaßen zahlreiche Laufglieder, Arme und einen kaum erkennbaren Kopf. Roboter konnten es nicht sein, dazu waren ihre Bewegungen nicht gleichmäßig genug, deshalb schloss ich auf Lebewesen, die künstlich erschaffen worden waren. Das erleichterte meinen Entschluss. »Androiden! Wir müssen sie vertreiben, ehe sie sich am Beiboot zu schaffen machen. Wenn sie es zerstören und die FARNATHIA sich nicht meldet, sitzen wir hier fest.«

»Denen werden wir es schon zeigen«, murmelte Fartuloon und zog sein Skarg. »Die sollen mich kennen lernen, diese Käfer!«

Ra war ebenfalls herbeigekommen und betrachtete die Androiden mit einer gewissen Abscheu. Ich entsicherte den TZU-4, schaltete auf Thermomodus und trat vor. Sofort eröffneten sie das Feuer. Das war das Zeichen für Morvoner, den Angriff nach altem Flottenreglement zu eröffnen. Er rannte einige Meter auf die Gruppe der Fremden zu und warf sich dann in die erstbeste Mulde, wo er gegen weitere Strahlschüsse gut gedeckt liegen blieb. Von hier aus eröffnete er das Gegenfeuer, das drei der Androiden das »Leben« kostete.

Fartuloon ließ sein Schwert kreisen: Ich sah blaue Flammenblitze, die aus seiner Schneide drangen, einen Halbkreis beschrieben und in die Reihen der Gegner fuhren, die gleich zu Dutzenden umfielen, ohne jedoch zerstört zu werden. Auch Ra und ich beteiligten uns nun an dem Gefecht. Die Androiden schienen keine gute Ausbildung genossen zu haben, denn sie schossen wild drauflos, ohne zu zielen. Das erleichterte unseren Gegenangriff. Wir drangen vor und waren bald nur noch fünfzig Meter von unserem Leka-Beiboot entfernt.

Da geschah etwas, das unseren Vormarsch jäh stoppte. Es war reiner Zufall, dass ich nach oben sah. Vielleicht wollte ich nur feststellen, ob weitere Gleiter im Anflug waren, um noch mehr Androiden abzuladen. Jedenfalls entdeckte ich einen Punkt, der langsam näher kam, aber es war kein Gleiter. Es war überhaupt kein Fahrzeug, sondern ein wallender Mantel von tiefblauer Färbung, der aus dem Himmel zu uns herabgeschwebt kam. Der Anblick war so verblüffend, dass ich keinen Ton hervorbrachte.

Das Gebilde glich eigentlich mehr einem Umhang, der den Körper eines Mannes umflatterte und diesem die Fähigkeit des Fliegens oder zumindest Gleitens verlieh. Als er näher kam, konnte ich Einzelheiten feststellen. Der Mann war zweifellos ein Vargane, das verriet schon seine goldbronzene Hautfarbe. Er war so groß wie der Schläfer im Labor, aber ein wenig kräftiger gebaut. Er hatte übermäßig lange Arme und Beine und wallendes rotblondes Haar. Der Umhang reichte ihm bis zu den Knien, am Hals war er mit einer silbernen Kette geschlossen. Als er sich einmal zur Seite wandte, sah ich auf dem Umhang in einem schwarzen Kreis das Symbol eines gelben Streifens, der derart verschlungen war, dass er nur eine durchgehende Fläche aufwies.

Der Fremde landete zwischen den Androiden und uns. Meine Freunde stellten das Feuer ein, denn der Geheimnisvolle gab den Androiden einige Befehle, worauf diese sofort zurückwichen und nicht mehr angriffen. Jetzt erst wandte sich der Vargane uns zu, und ich sah, dass er goldene Augen besaß. Er wirkte Ehrfurcht gebietend und so, als sei er das Befehlen von Jugend an gewohnt. In Satron sagte er: »Man nennt mich Magantilliken. Es ist mein Auftrag, die letzten noch lebenden Varganen zu finden, um sie heimzuführen. Ihr habt nichts mehr von meinen Dienern zu befürchten, obwohl ihr einige vernichtet habt.«

Fartuloon hatte sein Schwert in die Scheide geschoben, um seinen Friedenswillen zu bekunden, und betrachtete den Varganen mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Verwunderung, sagte aber nichts. Das überließ er mir.

»Wir sind Arkoniden«, sagte ich. »Wir haben diese Welt zufällig entdeckt und landeten auf ihr. Keineswegs ist es unsere Absicht, Sie in Ihrer Arbeit zu stören. Im Gegenteil, vielleicht können wir Ihnen behilflich sein. Leider haben wir die Verbindung zu unserem Raumschiff im Orbit verloren.«

Magantilliken lächelte. »Keine Sorge, es kann nur keine Funkverbindungen herstellen und vorläufig auch die Umlaufbahn nicht verlassen. Wenn ihr zu ihm zurückkehren wollt, wird euch niemand daran hindern. Ich hebe dann die Neutralisation sofort auf.«

Varganentechnik!, raunte der Extrasinn.

»Darf ich eine Frage stellen?« Ich sah fasziniert in die goldenen Augen, die mich sehr an jene Ischtars erinnerten und mich einen warnenden Impuls des Logiksektors ignorieren ließen. »Sie sagen, dass Sie die letzten lebenden Varganen suchen, um sie heimzuführen. Heimführen – wohin?«

»Unsere Welten versanken, als die Zivilisation erlosch und sie der Natur zurückgegeben wurden. Die letzten Varganen leben in der Eisigen Sphäre, ich handele in ihrem Auftrag. Viele weitere Angehörige unseres Volkes leben noch auf verschiedenen Welten im Universum verstreut. Sie alle will ich heimführen zu den anderen, die in der Eisigen Sphäre auf sie warten. Wie wollt ihr mir dabei helfen?«

Ehe Fartuloon mich daran hindern konnte, erwiderte ich: »Unter uns in einem Labor liegt ein Mann in der Lebenserhaltungsanlage im Tiefschlaf. Wir haben ihn gestern gefunden. Ist es einer von denen, die Sie suchen?«

Magantilliken nickte, ohne das geringste Erstaunen zu zeigen. »Ja. Es ist Meschanort. Er schläft noch, vorläufig werde ich ihn auch in diesem Zustand belassen. Es ist möglich, dass es noch mehr Schläfer auf dieser Welt gibt. In erster Linie aber suche ich Ischtar.«

Es war, als durchzucke mich ein elektrischer Schlag, als er ihren Namen nannte. Ra rührte sich nicht von der Stelle. Fartuloon warf mir einen warnenden Blick zu, mich nicht zu verraten, und ich sah Morvoner an, dass er mir am liebsten auf die Füße getreten wäre. Ich achtete auf keines der warnenden Zeichen und sagte hastig: »Ischtar? Ich kenne sie, wir kennen sie alle. Ihr haben wir es zu verdanken, dass wir hier sind.«

Sofern mir mein Extrasinn zur Vorsicht riet, vernahm ich es nicht. Die Nennung von Ischtars Namen schien eine Art Kurzschluss verursacht zu haben. Jedenfalls verriet Magantillikens Gesicht zum ersten Mal so etwas wie gelindes Erstaunen. Er sah mich aufmerksam an. »Sie kennen Ischtars Namen? Und Sie behaupten, dass Sie es ihr zu verdanken haben, dass Sie hier sind? Das ist seltsam, äußerst seltsam. Sie müssen mir mehr darüber berichten, denn damit helfen Sie mir wirklich, sie zu finden und heimzuführen.«

Nun hielt Fartuloon es nicht mehr länger aus. Ehe ich antworten konnte, rief er: »Heimführen – wohin? In diese Eisige Sphäre? Das hört sich nicht sehr vertrauenerweckend an. Sie müssen uns schon mehr darüber erzählen, ehe wir Ihnen helfen.«

Magantilliken betrachtete ihn aus zusammengekniffenen goldenen Augen. »Sie werden alles früh genug erfahren. Sie müssen mir vertrauen. Sie sind keine Varganen, es ist also besser, wenn Sie sich nicht zu sehr um unsere Angelegenheiten kümmern. Wir kümmern uns auch nicht um die Ihren.« Er sah nun wieder mich an. »Erklären Sie mir, wieso Sie es Ischtar zu verdanken haben, dass Sie jetzt hier sind.«

Diesmal zögerte ich, denn ich wusste, dass ich mich auf Fartuloon und seine Ahnungen verlassen konnte. Seinen Warnungen hatte ich schon mehr als einmal mein Leben zu verdanken. Aber auf der anderen Seite würde ich kein Wort mehr über Ischtar erfahren, errang ich nicht das Vertrauen des Varganen. »Ich habe sie getroffen, dabei muss sie mir einen posthypnotischen Befehl eingepflanzt haben. Sie gab mir die Koordinaten dieses Planeten, den sie Margon nannte. Das ist alles.«

Es war genug, das sah ich ihm an. Aber es reichte auch Fartuloon, der sich mir wütend zuwandte. »Du bist ein leichtsinniger Schwätzer! Du hörst den Namen einer Frau, und schon verlierst du den Verstand. Ich hätte dich für klüger gehalten. Was wissen wir schon von diesem Mann, der sich Magantilliken nennt? Gar nichts!«

Magantilliken hörte dem Wutausbruch mit unbewegtem Gesicht zu, dann lächelte er plötzlich voller Nachsicht. »Ich verstehe Ihre Aufregung und nehme sie Ihnen nicht übel. Sie sollten den Rest des Tages der Erholung widmen und die Nacht in tiefem Schlaf verbringen. Morgen reden wir weiter. Sie werden sehen, dass die Vernunft die Oberhand gewinnt. Allerdings kann ich Ihnen den Funkkontakt zu Ihrem Schiff vorerst nicht gestatten. Morgen werden Sie frei sein und jederzeit zum Schiff zurückkehren können, wobei es keine Rolle spielt, wie Sie sich entscheiden. Aber ich möchte, dass Sie bis dahin den Rest des Tages und die Nacht verstreichen lassen. Jede Übereilung wäre fatal für Sie.«

Sollten seine Worte eine Warnung darstellen, hatte er sie geschickt und fast höflich formuliert, ohne jedoch konkret zu sagen, weshalb er uns den Rückflug verwehrte. Natürlich musste er uns gegenüber vorsichtig sein, das konnte ich durchaus verstehen. Wichtig war für mich, dass er Ischtar suchte und wahrscheinlich mehr über sie wusste als wir alle zusammen. Sicher würde er mir viel über sie berichten können. Fartuloon erriet auch diesmal meine Gedanken und Motive – und er hatte Verständnis für sie. Er sagte zu dem Varganen: »Also gut, wir sind einverstanden. Morgen teilen wir Ihnen unsere Entscheidung mit. Sind Sie allein hier?«

»Sehen Sie noch jemanden?«

»Die Androiden.«

»Oh, das sind meine Diener. Unter der Oberfläche von Margon gibt es gewaltige technische Anlagen. Eine davon neutralisiert übrigens Ihr Kugelschiff. Es wird also besser sein, wenn Sie sich zu einer Zusammenarbeit bereit erklären. Die letzten Varganen werden Ihnen die Hilfe niemals vergessen.«

Fartuloon, der sich leise mit Morvoner unterhalten hatte, machte einen überraschenden Vorschlag: »Ich will versuchen, mein Misstrauen zu unterdrücken. Es würde sogar beachtlich schwinden, böten Sie unserem Freund Sprangk die Gelegenheit, in den Kugelraumer zurückzukehren. Ich hoffe, Sie verstehen …«

»Natürlich verstehe ich das. Ich bringe ihn in Ihr Schiff.«

»Kann er nicht mit dem Beiboot …?«

»Nein, es würde ebenfalls neutralisiert.« Er drehte sich um und schwebte mit wallendem Umhang davon, während die Androiden zurückblieben, sich jedoch nicht mehr rührten.

Am Nachmittag begleitete Morvoner den Varganen zu einem der Gleiter, der sofort startete und im klaren Himmel verschwand. So klein die Fahrzeuge auch sein mochten, sie waren raumtüchtig. Jedenfalls kehrte Magantilliken eine halbe Tonta später ohne Morvoner zurück und berichtete, ihn wohlbehalten abgeliefert zu haben. Als Beweis übergab er mir eine schriftliche Botschaft, in der Morvoner versicherte, an Bord der FARNATHIA sei alles in Ordnung.

Magantilliken sagte: »Ich verlasse Sie nun und melde mich morgen wieder. Verbringen Sie eine ruhige Nacht und denken Sie nach. Jede Drohung ist mir zuwider, aber ich würde sie notfalls doch aussprechen, denn ich benötige Ihre Mitarbeit, um meine Aufgabe zu erledigen. Sie würden im umgekehrten Fall nicht anders handeln.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er davon. Der Umhang wehte hinter ihm her. Der gelbe verschlungene Streifen wirkte auf mich wie eine geheimnisvolle Offenbarung. Wir zogen uns wieder in den Innenhof des halb verfallenen Gebäudekomplexes zurück. Fartuloon streckte sich sofort im Gras aus und tat so, als gäbe es Ra und mich nicht mehr. Er schien tatsächlich so etwas wie beleidigt zu sein. »Hör zu, ich konnte nicht anders handeln«, sagte ich nachdrücklich. »Hätte ich den Mund gehalten, wären wir keinen Schritt weitergekommen.«