Ash Mistry und der Zorn der Kobra - Sarwat Chadda - ebook

Ash Mistry und der Zorn der Kobra ebook

Sarwat Chadda

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Opis

Kali liebt den Tod. Zurück in Indien muss Ash ihr dienen. Und als er Parvatis Hilfe am meisten braucht, zerstreitet er sich mit ihr. Dabei wollte er doch nur Savage finden. Das läuft alles nicht nach Plan. Eine spannende Trilogie für Jungen und Mädchen ab 11 Jahren, die indische Mythologie und Kultur mit einer fantastischen Abenteuergeschichte verbindet, in der sich der Held Ash gemeinsam mit seiner Freundin Parvati im Kampf gegen launenhafte Götter und böse Dämonen vergangener Zeiten behaupten muss. Ein packender und temporeicher Schmöker, der auch für ältere Leser sehr zu empfehlen ist!

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Als die Sterne Speere schossen Und in den Himmel Tränen gossen, War Er über sein Werk glücklich? Schuf der, der Lämmer schuf, auch dich?

Kapitel 1

»Ich kann das nicht«, sagte Ash. Er hatte einen Dämonenfürsten vernichtet. Er hatte sich einem unsterblichen Magier in den Weg gestellt. Er hatte die Welt gerettet. Streng genommen sollte er vor rein gar nichts Angst haben. Doch nun ergriff ihn die Furcht mit eisigen Fingern und krallte sich in seiner Brust fest. »Das ist Selbstmord.«

»Hab dich nicht so, Ash«, sagte Akbar. »Jetzt oder nie.«

Josh stimmte halblaut zu.

»Na schön. Ich mach’s.« Falls er nicht vorher an Herzversagen starb. »Wie sehe ich aus?«

Akbar verzog das Gesicht. »Ehrlich? Als wär dir schlecht.«

»Stimmt«, fügte Josh hinzu. »Total grün im Gesicht.«

»Ihr seid echt ’ne Wahnsinnshilfe«, fuhr Ash sie an. Seine Freunde sollten ihm den Rücken stärken und nicht sein Grab schaufeln! Er schluckte und wartete, bis seine Knie zu zittern aufhörten. »Ich zieh das durch. Jetzt.«

Akbar schob sich sein langes strähniges Haar aus dem Gesicht. »Lass dir Zeit«, sagte er.

Josh schenkte Ash nur ein spöttisches Grinsen. Gemeinsam mit Sean, der gerade irgendwo im Naturwissenschafts-Flügel steckte und sich ein paar Bonuspunkte verdiente, bildeten sie zu viert die Nerd-Fraktion: die cleversten, fleißigsten, sozial unfähigsten und körperlich ungeschicktesten Schüler, die durch die heiligen Hallen der West Dulwich High wandelten.

Josh rempelte Ash leicht an. »Jetzt mach endlich.«

»Alles klar. Sofort«, murmelte Ash. »Ich bin schon weg.«

Er blickte sich in der großen, überfüllten Schulcafeteria um.

Welches ist der längste Weg der Welt?

Der zwischen dir und deinem sehnlichsten Wunsch.

Gemma saß bei ihren Freunden. Sie lachte gerade über etwas, das Anne gesagt hatte. Ash beobachtete gebannt, wie sie ihr goldenes Haar aus der Stirn strich. Bildete er sich das nur ein oder glänzte es heute besonders kräftig?

»Mann, Ash«, murrte Josh. »Du seufzt schon wieder.«

»Ich bitte sie nicht wirklich um eine Verabredung. Das ist euch schon klar, oder?« Ash nippte noch einmal an seinem Wasser. Wie konnte sein Hals nur so trocken sein? »Ich frage sie nur, ob sie heute Abend schon was vorhat.«

»Nah. Das klingt kein bisschen nach ’ner Verabredung«, meinte Josh.

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass sie und Jack nicht mehr zusammen sind. Jamies beste Freundin hat es vom Freund ihrer Schwester erfahren«, fügte Akbar hinzu.

»Dann stimmt es also. Das Traumpaar hat Schluss gemacht.« Josh beugte sich ein Stück vor und schaute sich hastig in der Cafeteria um. »Also, wenn du sie um ein Date bitten willst – was du natürlich nicht vorhast –, dann wäre jetzt die perfekte Gelegenheit … oder eben die schlechteste, weil du sie ja gar nicht fragen willst.«

»Was soll’s.« Ash stand auf. Die Metallbeine seines Stuhls quietschten über den Boden. Komisch, wie so etwas Normales wie zum Beispiel laufen, urplötzlich so schwierig werden konnte. Linker Fuß, rechter Fuß, bloß nicht stolpern oder gegen einen Tisch rennen. Warum standen hier eigentlich so viele Tische im Weg? Und Stühle? Und Menschen? Er würde es nie bis zu ihr schaffen!

Oh Gott, sie hat mich gesehen!

Cool bleiben. Denk dran, wer du bist.

Ash Mistry. Ewiger Krieger. Die Dämonen der Hölle machen sich vor Angst ins Höschen, wenn sie deinen Namen hören.

Gemma unterhielt sich noch immer mit Anne, doch jetzt hatte sie den Kopf leicht zur Seite geneigt und blickte ihn an. Sie lachte leise. Warum lachte sie? Hatte Anne etwas Witziges gesagt oder lag es an ihm? Selbst aus dieser Entfernung konnte Ash deutlich die hellen Funken in Gemmas haselnussbraunen Augen sehen. Sie hatte unglaubliche Augen, manchmal grau, manchmal grün, manchmal braun. Unglaubliche Augen …

Aber warum schaut sie mich so komisch an?

Oh nein, hängt mir vielleicht Rotz aus der Nase? Steht mein Hosenstall offen?

Hätte er nur beides noch einmal überprüft. Aber sicher hätte ihn einer seiner Kumpels darauf aufmerksam gemacht, oder?

Nein! Diese Schleimscheißer! Wetten, dass sie sich gerade darüber schlapp lachten, während er mit einem Popel im Gesicht zu seiner Angebeteten marschierte? Oder schlimmer noch: während seine Dr.Who-Boxershorts aus seiner Hose lugte. Vielleicht könnte er in Richtung Flur abbiegen und noch schnell eine Ganzkörperuntersuchung vornehmen, bevor er …

»Hi, Ash«, sagte Gemma.

»Äh, hi, Gemma.«

Der gesamte Tisch verstummte. Sämtliche Freunde Gemmas hörten auf zu essen, zu tratschen oder SMS zu schreiben und richteten all ihre Aufmerksamkeit auf Ash.

Warum, warum nur hatte er nicht bis nach dem Unterricht gewartet? Er hätte Gemma auf dem Heimweg abfangen können – oder in Mathe … In Mathe saß sie neben ihm. Mathe wäre perfekt gewesen!

»Alles okay mit dir?«, fragte sie. »Du siehst so blass aus.«

Ash starrte auf ihren Mund. Ihre Zähne waren wie wunderschöne kleine Perlen und ihre Lippen schimmerten rot. Zwei Grübchen erschienen, als ihr Lächeln breiter wurde. Er konnte das leichte, blumige Aroma ihres Parfüms riechen, das ihn an Frühling und hellen Sonnenschein erinnerte. Himmel, sie duftete nach Frühling und Sonnenschein? Er musste sich unbedingt eine kräftige Ohrfeige verpassen, bevor er der Versuchung erlag, ein Gedicht zu schreiben. Schon wieder.

»Mir geht’s gut. Total gut«, stammelte er. »Und wie geht’s dir? Alles klar so weit?«

Hast du das wirklich gerade gesagt? Wie lahm!

Gemma hob erwartungsvoll die Augenbrauen. »Wolltest du was Bestimmtes?«

Frag sie, ob sie mit dir ausgeht. Frag einfach!

»Ich habe mich gefragt«, setzte er an und machte eine Pause, um sich über seine so unsäglich trockenen Lippen zu lecken. »Also, wegen der Bonfire-Night-Feier heute Abend. Du weißt schon … Also heute ist ja Bonfire Night. Heute Nacht.«

Aaaah. Absolute Katastrophe!

»Ja?« Sie rückte ein Stück auf ihrem Stuhl herum. Dabei hüpften ihre blonden Locken zur Seite, während sie erwartungsvoll zu ihm aufblickte.

Oh mein Gott! Hatte sie ihre Haare zur Seite geworfen? Das war so eine Art Geheimcode. Haare zur Seite werfen hatte etwas zu bedeuten – Ash hatte das in einer der Zeitschriften seiner Schwester gelesen. Aber was? Er steckte bis zum Hals in völlig fremdem Terrain: der Welt der Mädchen.

»Also, ich habe mich gefragt, ob du hingehst«, platzte er heraus. »Zu dem großen Feuer im Dulwich Park. Heute Abend.«

»Heute Abend«! Als wüsste sie das nicht schon längst. Du Depp!

»Warum? Gehst du?«

Jetzt fragt sie mich? Was hat das nun wieder zu bedeuten?

»Ich dachte –«

»Aus dem Weg, Loser.«

Jack Owen ließ seinen Rucksack auf den Boden fallen und pflanzte sich auf einen leeren Stuhl. Lässig auf den hinteren Stuhlbeinen kippelnd, zückte er sein Handy – das neueste iPhone – aus seiner Lederjacke von Prada. Während er eine SMS verfasste, warf er einen betont coolen Blick über die Schulter. »Bist du immer noch da?«

Jack Owen. Ashs Todfeind. Der Todfeind der gesamten Nerd-Fraktion. Gebräunt und lächerlich gut aussehend – auf diese langweilige Viel Muskeln, perfekter Körperbau, gerade Nase und trendiger Haarschnitt-Art. Ach ja, natürlich war er auch noch Kapitän der Fußball-, Rugby- und Kricket-Mannschaft. Und dank seines Dads, der Chef bei irgendeiner großen Firma war, besaß er alle Spielereien, die man für Geld kaufen konnte.

Ja und? Ich bin Ash Mistry. Ich habe Dinge getan, die Jacks Hirn zum Schmelzen gebracht hätten. Ich habe Ravana bekämpft, das schlimmste Monster, das die Welt je gesehen hat! Ich habe ganze Dämonenvölker besiegt!

Trotzdem ist mir gerade eher nach Kotzen zumute …

Ash trat einen halben Schritt zurück, ganz wie der alte Ash, der immer den Kopf in den Sand steckte und sich geschlagen gab. Doch dann erhob sich der neue Ash, wie eine schwarze Schlange, die aus seinem Bauch aufstieg und brodelnde, unerbittliche Wut in seine Kehle spritzte. »Ich habe mich gerade mit Gemma unterhalten!«

»Und jetzt machst du’s nicht mehr.« Langsam stand Jack auf und blickte Ash fest in die Augen.

Gemma hielt Jack am Handgelenk fest. »Komm schon, Jack, das ist doch bescheuert.«

Jack musterte Ash abschätzig.

»Da schau an, hast du endlich abgenommen. Hast ein bisschen was von dem Walblubber in Muskeln verwandelt, was?« Jack lehnte sich vor und flüsterte in Ashs Ohr. »Meinst du, jetzt kannst du’s mit mir aufnehmen? Glaubst du das? Bist jetzt einer von den harten Kerlen, oder was?«

Jack hatte ja keine Ahnung.

So viele Möglichkeiten, dich zu töten.

Zwei helle goldene Lichter ließen sich auf Jacks Hals nieder – einer direkt unterhalb seines hervortretenden Adamsapfels, der andere in der Nähe des Kiefers.

Und so leicht.

Ash schloss die Augen, sah die leuchtenden Punkte jedoch auch noch durch die geschlossenen Lider. Er legte sich die Hände vors Gesicht, aber auch das half nicht.

Jack lachte. »Schaut euch den an. Gleich fängt er an zu heulen.« Er stieß Ash einen Finger in die Brust. »Buhuu.«

»Lass ihn in Ruhe, Jack. Das ist voll daneben!«

»Himmel, Gemma, ich will das Weichei ja nur ein bisschen abhärten.« Einer der anderen am Tisch lachte. »Jeder weiß, dass er total in dich verknallt ist. Stimmt doch, oder, Ash?«

»Lass ihn in Frieden, Jack. Ich warne dich!«

Jack ignorierte sie. »Na komm, Ash. Wir wissen doch alle, dass du auf sie stehst. Sei ein Mann und gib’s zu.« Er fasste nach Ashs Kinn und klappte seinen Mund auf und zu. »Sag’s schon: Gemma, ich liebe dich sooo sehr.« Er verstärkte seinen Griff und grub die Nägel in Ashs Haut. »Sag es!«

Ash schlug die Augen auf und starrte auf die strahlenden Lichtpunkte, die sich wie eine ganze Galaxie von Sternen über Jack ausgebreitet hatten. Sie glitzerten entlang seiner Schlagader. Sie leuchteten über seinem Herz, seiner Lunge. Die Gelenke funkelten. Jacks Augen strahlten hellgold.

Die Chinesen nannten es Dim Mak, die Kunst der tödlichen Berührung. Doch Ash kannte es als Marma-Adi, die 108Tötungspunkte. Er kannte sie alle – all die Schwachpunkte, die jedes Lebewesen innehatte – und er konnte diese Punkte nutzen, um zu verletzen, außer Gefecht zu setzen oder zu töten. Bei jedem Menschen lagen sie an anderen Stellen und waren verschieden intensiv ausgeprägt. Die Alten, Schwachen und kleinen Kinder hatten sogar weit mehr als 108. Jack hatte weniger – er war jung, kräftig und fit. Trotzdem wäre es ausreichend.

Jacks Kopfseite glühte. Ash bräuchte nur einen dieser Punkte zu berühren, nicht einmal sehr fest. Nur mit ausreichend Druck, um im Gehirn ein Blutgerinnsel auszulösen. Jack wäre innerhalb von fünf, vielleicht sechs Sekunden tot.

Es würde wie ein Unfall aussehen.

»An deiner Stelle würde ich loslassen, Jack«, sagte Ash kalt. Das war fair.

»Sonst was?«

Ash schauderte. Doch nicht Angst ließ sein Herz schneller schlagen, sondern Aufregung. Langsam hob er die rechte Hand. Er könnte den Punkt mit dem Finger antippen, nur ganz kurz …

»Mir reicht es.« Gemma stand auf und schnappte sich ihren Rucksack. »Komm, Anne.«

»Von mir aus«, sagte Jack und ließ Ash los. Er grinste seinem Publikum zu und erntete für seine Vorstellung verlegenes Gekicher.

Gemma warf Jack einen vernichtenden Blick zu, während sie sich ihren Rucksack über die Schulter warf und davonrauschte, wobei sie um ein Haar einen jüngeren Schüler umgerannt hätte. Jack drehte sich zu Ash um und zwinkerte ihm zu.

»Das kannst du vergessen – sie spielt in einer ganz anderen Liga.« Dann griff er sich seinen eigenen Rucksack, wobei er darauf achtete, auch sichtbar seinen Bizeps anzuspannen. »Überlass die heißen Bräute Typen wie mir und halte dich ans Kleinvieh.« Dann schlenderte er davon und nachdem das Unterhaltungsprogramm zu Ende war, widmeten sich auch die Übrigen am Tisch schnell wieder ihrem eigenen Kram und strömten einer nach dem anderen davon. Anne blickte Ash noch kurz schulterzuckend an, bevor sie Gemma hinterhereilte.

Kurz darauf stand Ash vor einem leeren Tisch. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er starrte seine Hand an, als gehörte sie einem Fremden. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte Jack getötet. Und aus welchem Grund?

Josh gesellte sich zu ihm. »Krasser Schuss in den Ofen, Alter.«

Ash sah ihn an. Lunge, Herz … Knoten von Energie tanzten auf Joshs Hals und auf beiden Augen. So viele … Ash wich ein Stück zurück, aus Angst, eine zufällige Berührung könnte seinem besten Freund das Leben kosten.

»Geht’s dir gut?«, fragte Josh.

Ash stützte sich am Tisch ab. »Ich muss nur … kurz verschnaufen.« Die Vision verging. Die dunkle Wolke, die seine Seele verfinstert hatte, verzog sich. In letzter Zeit hatte er öfter Marma-Adi-Erlebnisse. Er musste vorsichtig sein.

»Das war knallig«, meinte Josh.

»Knallig? Was soll das denn heißen?«

»Mann, Ash, wo warst du den ganzen Sommer lang? Ach ja, im todlangweiligen Indien. Das sagt man jetzt so. Knallig – beeindruckend. Von epischer Tragweite.«

»Was? Echt jetzt? Den Auftritt fandest du beeindruckend?« Ash blinzelte, völlig überrascht über diese Einschätzung. »Ich dachte, ich hab mich zum letzten Affen gemacht.«

»Du schon«, stimmte Josh zu. »Ich meinte Jack. Das war ein ziemlich cooler Spruch, findest du nicht? Der über Kleinvieh. Sicher ist er da nicht selbst draufgekommen, aber er bringt ihn gut rüber.«

»Ich wünschte nur, ich hätte mit irgendwas Intelligentem und echt Fiesem gekontert«, jammerte Ash.

Josh nickte. »So was wie ›Halt deine dreckige Klappe, Jack?‹ Das käme ziemlich cool.«

»Ja, wenn man sieben ist!« Ash blickte zum Cafeteria-Eingang und hoffte, Gemma würde noch einmal zurückkommen. Tat sie natürlich nicht. »Warum ist es so schwer, mit Mädchen zu reden?«

Josh boxte Ash in die Seite. »Weil wir Nerds sind. Uns in der Nähe von Mädchen wie Volldeppen aufzuführen, ist unsere Superkraft. Aber vergiss Gemma mal für ’ne Sekunde. Kommst du nächsten Dienstag vorbei?«

»Dienstag?«, fragte Ash.

»Dungeons and Dragons, Mann – wie in alten Zeiten! Wir sind im letzten Level der ›Katakomben des Verderbens‹‛ und wir brauchen dich, Ash.«

Stimmte ja, Dungeons and Dragons. Joshs Dad hatte ihm jede Art von Computerspiel verboten – er war sogar so weit gegangen, ihn von Computern im Allgemeinen zu verbannen. Josh hatte nicht mit der Sprache herausgerückt, warum, aber Akbar vermutete, dass er sich auf ein paar Webseiten herumgetrieben hatte, die so gar nicht für sein Alter gedacht waren. Also hatten sie ihre alten Rollenspiele und Miniaturfiguren herausgekramt und entstaubt. Dienstagabend war nun immer D&D angesagt.

Josh legte Ash den Arm um die Schulter. »Das wird knallig bis zum Umfallen. Du wirst gegen den Dämonenfürsten der Hölle kämpfen.«

»Hab ich schon hinter mir.«

»Was?«

»Ach nichts.« Ash befreite sich von Joshs schwerem Arm. »Hilf mir doch mal auf die Sprünge: Warum hänge ich mit dir rum?«

Josh stieß ein gespieltes Schluchzen aus. »Was? Nach allem, was ich für dich getan habe? Denk dran, wenn ich nicht gewesen wäre, hätte Gemma längst vergessen, dass du überhaupt existierst. Dieses Gedicht, das du für sie geschrieben hast, war megaknallig.«

»Es auf den Schul-Blog hochzuladen, war nicht so ganz das, was mir dafür vorgeschwebt hat.«

»Dann solltest du dir ein besseres Passwort als GEMMA aussuchen, Alter.«

Kapitel 2

Auf dem Heimweg kickte Ash gegen eine vollgestopfte Mülltonne. Sie musste über zwanzig Kilo wiegen – trotzdem flog sie in hohem Bogen über eine lange Reihe Eichen, einen Häuserblock und die Stadtstraße. Er hörte, wie sie einen knappen Kilometer weiter irgendwo im Dulwich Park in einen Teich platschte.

Das konnte er, aber ein Mädchen auf ein Date einzuladen, brachte er nicht zustande. In ihm brodelte Wut, die er nur mit Mühe im Zaum halten konnte.

Andererseits – vielleicht wollte er sich ja gar nicht abregen. Vielleicht sollte er Jack und allen anderen mal zeigen, wozu er fähig war. Dann würden sie ihn mit anderen Augen sehen!

Jupp, sie würden ihn mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen ansehen.

An manchen Tagen kam es ihm so vor, als wäre nie etwas geschehen und er noch ein ganz normaler vierzehnjähriger Junge, der versuchte, keinen Scheiß zu bauen. Er war weder so außergewöhnlich intelligent wie Akbar noch so cool wie Jack, sondern irgendwo in der Mitte und sorgte nie für großes Aufsehen.

Doch an anderen Tagen kamen die Träume. Träume voller Blut und Tod.

Dann wurde Ash wieder schmerzhaft bewusst, was er war.

Der Kali-Aastra, die lebendige Waffe der Todesgöttin Kali. Er hatte den Dämonenfürsten Ravana umgebracht und dessen übernatürliche Energien in sich aufgenommen. Mit nur einem einzigen Satz konnte er hohe Gebäude überspringen und noch vor dem Frühstück fünf Dinge tun, die eigentlich völlig unmöglich waren. Am Wochenende auch mal sechs.

War das alles erst vergangenen Sommer passiert? Es fühlte sich an, als wäre seither ein ganzes Leben vergangen. Es war ein ganzes Leben vergangen. Ash berührte die Narbe auf seinem Bauch, die er sich zugezogen hatte, als sein altes Leben im wahrsten Sinne des Wortes ein Ende gefunden hatte. Seit seiner Wiedergeburt waren drei Monate vergangen und seine Kräfte hatten ein wenig nachgelassen, aber das war in etwa so, als würde man sagen, der K2 wäre kleiner als der Mount Everest. Trotzdem war es nämlich ein verdammt hoher Berg, genauso wie Ash noch immer weit davon entfernt war, normal zu sein.

Er musste an jenen Abend im September denken, als er joggen gegangen war – kurz nach seiner Heimkehr aus Indien. Ravanas Mächte waren durch jedes Atom seines Körpers gerauscht, mit solcher Wucht, als wollten sie aus ihm herausplatzen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als diese Energien irgendwie rauszulassen. Also rannte er. Und rannte und rannte. Erst als er in Edinburgh ankam, stoppte er – fast tausend Kilometer später. Er war auf das alte Schloss geklettert, dann den ganzen Weg zurückgesprintet und noch vor Sonnenuntergang zu Hause gewesen.

Aber rohe Gewalt war nun einmal nicht alles. Man musste auch in der Lage sein, seine Kräfte zu kontrollieren. Daher schlich sich Ash jeden Morgen vor der Dämmerung in den Park oder den nahe gelegenen Wald von Sydenham, um zu trainieren. Man hatte ihm die Grundlagen von Kalari-payit beigebracht, der uralten indischen Kampfkunst. Einmal hatte er sogar einen Blick auf Kali selbst erhaschen und sie beim Kämpfen beobachten können. Irgendwo in seiner DNA waren sämtliche Kampfkünste angelegt. Hohe und tiefe Tritte, weit ausholende Schwünge, Schläge, Speer-Attacken und Blockaden. Mit instinktiver Anmut vollführte er die verschiedenen Bewegungen wie in einem Fluss. Der Rhythmus, der Tanz Kalis, fiel ihm immer leichter.

Würde er jemals wirklich »normal« sein? Nein. Die Todesenergien, die er von Ravana aufgenommen hatte, würden mit der Zeit nachlassen, doch wann? Es konnte Jahrzehnte dauern. Jahrhunderte. Keine Waagschale der Welt konnte die Kraft des Dämonenkönigs messen. Und wenn – falls – Ravanas Kräfte verebbten, würde Ash doch für alle Zeit frische Energien in sich aufnehmen. Auf den Tod war Verlass und jeder Tod stärkte ihn.

Der Tod war überall.

Jetzt im Winter hatten die Bäume entlang der Alleen ihr Sommerkleid abgeworfen und die Rinnsteine lagen voller feuchter goldener Blätter, die allmählich verrotteten, allmählich starben. Sogar wenn Ash an den zerfallenden Haufen vorüberging, drang ein winziges bisschen Energie in seine Fingerspitzen ein. Nachts betrachtete Ash die Sterne und fragte sich, ob irgendwo da draußen im Universum gerade eine Supernova stattfand, das Sterben eines Sterns. Oder das Verlöschen eines Solarsystems, das ganze Tsunamis an Energie ausstrahlen musste. Machte auch der Himmel ihn stärker?

Manchmal erschien ihm all das zu groß – was er war und was das bedeutete. Deshalb verhielt sich Ash in der Schule nur zu gern völlig normal. Deshalb versteckte er seine Kräfte. Es tat ihm gut, so zu tun, als ob – zu entfliehen, auch wenn es nur für ein paar Stunden am Tag war.

Ash spürte die Kälte des frühen Abends, doch sie machte ihm nichts aus. Seinen Pulli trug er nur noch zur Show. Es war kurz nach halb fünf und lange Herbstschatten geleiteten ihn nach Hause.

Einmal blieb Ash stehen und blickte suchend die Straße auf und ab. Wozu? Glaubte er im Ernst, dass Gemma ihm gefolgt war? Verdammt unwahrscheinlich nach seiner jämmerlichen Aktion in der Mittagspause.

Du hast es vermasselt.

So viel um ihn herum hatte sich verändert und dann auch wieder nicht. Mathe war ihm immer noch ein Rätsel und er hatte anschaulich bewiesen, dass er es nach wie vor nicht schaffte, ein Date zu bekommen.

Als er in die Croxten Road einbog, entdeckte er einen verbeulten weißen Lieferwagen vor der Einfahrt seines Zuhauses. Musste wohl zur Hausnummer 43 gehören – die Nachbarn ließen ihr Haus neu streichen. Ash würde die Handwerker bitten umzuparken, bevor sein Dad heimkam. Sollten sie sich weigern, konnte er es auch selbst erledigen. Das Fahrzeug wog wahrscheinlich drei Tonnen – also kein Problem.

Bevor Ash auch nur anklopfen konnte, riss Lucky bereits die Haustür auf. Seine Schwester trug ihre Schuluniform: einen grünen Pullover, einen grauen Rock und dazu graue Kniestrümpfe. Ihr langer schwarzer Pferdeschwanz wippte hin und her, während sie sich immer wieder umdrehte. »Ash –«

»Bevor du dir die Mühe machst zu fragen – die Antwort lautet: Nein.« Ash ging ins Haus und warf seinen Rucksack in die Ecke. »Ich habe Gemma nicht gefragt, ob sie mit mir ausgeht.«

»Ash –«

»Gib Ruhe, okay? Wer sagt denn überhaupt, dass ich sie mag?« Er lief durch den Flur in die Küche. Was er jetzt dringend brauchte, war etwas Seelenfutter und die Packung Donuts im Naschregal wäre optimal geeignet. Doch als er den Türknauf drehen wollte, hielt Lucky ihn am Arm fest.

»Ash!«

»Was?«

Lucky war die Einzige, die wusste, was er in Indien durchgemacht hatte, und trotzdem behandelte sie ihn kein Stück anders als früher. Obwohl sie elf war und viel zu neunmalklug, würde er darum sein Leben für sie geben.

Genau genommen hatte er sein Leben für sie gegeben.

Man sollte doch annehmen, dass sie ihm das irgendwie anrechnete, oder? Stattdessen war sie – zumindest im Augenblick – eine typische kleine Schwester, die ihm tierisch auf die Nerven fiel.

Lucky starrte ihn fest an, als versuche sie, ihre Gedanken direkt in seinen Kopf zu senden. Ash konnte zwar mit einer einzigen Berührung töten, doch Gedankenlesen gehörte nicht zu seinen neuen Fähigkeiten. Vielleicht kam das noch.

»Was denn?«, blaffte er sie an. Dann hielt er inne und schnüffelte. »Hat Dad wieder angefangen zu rauchen? Und dann auch noch im Haus – Mum flippt aus!«

»Mit Dad hat das nichts zu tun.« Lucky blickte ihn mürrisch an und verschränkte die Arme. Nicht gut. »Du hast Besuch.« Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und stapfte beleidigt nach oben in ihr Zimmer. Das ganze Haus wackelte, als sie die Tür hinter sich zuknallte.

Gemma? War sie gekommen, um ihn zu sehen? Sie wohnte in der Nachbarschaft. Bestimmt war sie es. Diesmal stellte Ash sicher, dass sein Hosenstall geschlossen war und ihm kein Schnodder aus der Nase hing. Dann öffnete er die Küchentür.

Also mit Gemma hatte das nun gar nichts zu tun. An der Spüle lehnte eine hagere alte Frau und blies Zigarettenrauch aus dem halb offenen Fenster. Ihre Haare hätten einer Hexe alle Ehre gemacht: wild, dick wie ein Gebüsch und grau wie Schiefer. Sie warf ihren Zigarettenstummel in Ashs Yoda-Tasse, wo er zischend ausging.

Die Alte lächelte Ash an, wobei ihre dünnen Lippen gelbe Zahnreihen offenlegten. Kein schöner Anblick. Dann durchwühlte sie die Taschen ihrer übergroßen Strickjacke und holte eine Packung Zigaretten heraus. Sie ließ ihr Feuerzeug aufschnappen und innerhalb zweier Züge glühte eine neue Zigarette in ihrem Mund.

»Sie dürfen hier drin nicht rauchen«, sagte Ash. Man hatte ihn dazu erzogen, ältere Menschen zu respektieren – so hielten es die Inder –, doch diese Frau war selbst ganz und gar respektlos.

»Du bist also Ash Mistry«, sagte sie. »Der Kali-Aastra.«

Ash verspannte sich. »Kenne ich Sie?«

»Ich bin Elaine.«

»Ich kenne keine Elaine.«

»Sie ist eine Freundin.«

Beim Klang der neuen Stimme wirbelte Ash herum. Diese Stimme kannte er.

Hinter der Küchentür trat ein indisches Mädchen hervor. Er hatte sie beim Reinkommen nicht sehen können. Außerdem war sie ohnehin ein Profi darin, sich unsichtbar zu machen. Sie spielte mit einem silbernen Medaillon und betrachtete ihn durch eine große schwarze Sonnenbrille. Zu einer dunkelgrünen Hose trug sie ein schwarzes Baumwollhemd, dessen Kragen und Bündchen mit ineinander verschlungenen Schlangen bestickt waren. Jeder Fremde hätte sie auf etwa fünfzehn geschätzt – wobei er auch nur rund viertausend Jahre danebengelegen hätte.

Sobald sie die Brille abnahm, weiteten sich ihre Pupillen. Ihre Augen waren ohne jeden Anflug von Weiß, vollkommen beherrscht von einer grünen Iris, in der ein schwarzer senkrechter Schlitz prangte. Als ihre Lippen sich zu einem Lächeln teilten, erspähte Ash ein Paar halb ausgefahrener Giftzähne, wo sonst die Eckzähne saßen.

Sie ähnelte einem Vampir, kalt und von einer erschreckenden Schönheit. Doch kein Vampir könnte ihr auch nur das Wasser reichen. Sie war die Tochter des Dämonenfürsten und geboren, um den Tod zu bringen.

»Namaste«, begrüßte Parvati ihn.

Kapitel 3

Reglos sahen sie sich an. Dann trat Ash vor und umarmte Parvati ungeschickt.

Sie ging einen Schritt auf Abstand und musterte ihn.

»Du hast dich verändert«, stellte sie fest.

»Zum Besseren, oder?«

»Das wird sich noch zeigen.«

Ich find’s auch total toll, dich wiederzusehen, Parvati.

»Wie geht’s dir so?«, fragte er. »Ich hab seit Ewigkeiten nichts von dir gehört.«

»Du hast mich vermisst? Wie nett.«

»Das habe ich nicht gesagt. Aber du hättest dich ab und zu melden können.«

»Du solltest dankbar sein, dass nur ein paar Monate vergangen sind.« Sie runzelte die Stirn, als zählte sie die Tage nach. Dann schüttelte sie den Kopf. »Zeit vergeht so schnell. Ein Jahr. Ein Jahrzehnt.«

»Mann, Parvati!« Er hatte vergessen, dass die sterbliche Zeitrechnung für sie keine Rolle spielte. »Alles, was ich damit sagen will: Schön, dich zu sehen.«

»Also wer ist diese Gemma?«, fragte sie. »Hast du die wahre Liebe gefunden?«

»Was?« Woher wusste sie von Gemma? Ach ja. Er hatte mit Lucky über sie gesprochen. »Sie ist nur ein Kumpel.«

»Ist sie diejenige, für die du das Gedicht geschrieben hast?«

Trotz der kühlen Brise, die durchs Fenster hereinwehte, fing Ash auf einmal an zu schwitzen. »Du weißt davon?«

»Ich hab mich auf dem Laufenden gehalten. Habe die Blogs und Pinnwände verfolgt. Wir in Indien haben Internet, falls du es noch nicht gehört hast.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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