Ash Mistry und der Dämonenfürst - Sarwat Chadda - ebook

Ash Mistry und der Dämonenfürst ebook

Sarwat Chadda

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Opis

Indien: Land der Götter, Tempel und Schlangenbeschwörer. Hier erwachen die Dämonen und Helden vergangener Zeiten zum Leben. Und mitten in ihren Kampf gerät ein ganz normaler Junge. Jetzt muss er die Welt retten. Dabei hat Ash Mistry darauf doch eigentlich gar keine Lust. Eigentlich will Ash nur möglichst schnell wieder nach England zurück. Das bunte, exotische Indien ist einfach nicht sein Ding - es ist viel zu heiß und chaotisch. Doch dann gerät er plötzlich in den Besitz einer alten Waffe der Götter und wird von Dämonen und dem bösen Magier Lord Savage gejagt. Das war es dann wohl erst einmal mit der Heimreise. Jetzt muss Ash nicht nur sein eigenes Leben retten, sondern ganz nebenbei auch noch die ganze Welt.

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Ich bin der Tod, der alles verschlingt.

Kapitel 1

»Wenn das eine Kobra ist, fress ich ’nen Besen!«, sagte Ash voller Überzeugung. Schließlich war es völlig ausgeschlossen. Waren Kobras nicht sogar vom Aussterben bedroht? Jedenfalls durfte man sie nicht als Haustier halten, nicht einmal hier in Indien.

»Und ob das eine Kobra ist«, widersprach seine Schwester Lucky.

Ash beugte sich weiter vor. Im Takt der Flötenmusik eines Schlangenbeschwörers wiegte sich die Schlange geschmeidig hin und her. Langsam blinzelnd beobachtete sie Ash aus smaragdgrünen Augen, während ihre Schuppen im grellen Sonnenlicht moosgrün und schwarz glitzerten.

»Glaub mir, Lucks«, sagte Ash. »Das ist keine Kobra.«

In diesem Moment blähte die Schlange ihre Haube auf.

Und ob es eine Kobra war.

»Hab ich dir ja gleich gesagt«, meinte Lucky.

Auf der ganzen weiten Welt gibt es nur eine Sache, die schlimmer ist als eine neunmalkluge Schwester. Und das ist eine drei Jahre jüngere neunmalkluge Schwester.

»Was ich meinte, war: Klar, natürlich ist es eine Kobra. Aber eben keine echte Kobra«, entgegnete Ash schnell, fest entschlossen, nicht klein beizugeben. »Man hat ihr die Giftzähne gezogen, das macht man bei allen so, also kann man sie kaum noch eine Kobra nennen. Sie ist viel eher ein langer Wurm mit Schuppen.«

Als hätte die Schlange das Gespräch mitverfolgt, zischte sie laut und zeigte ihre beiden langen, nadelspitzen Giftzähne.

Lucky winkte ihr zu.

»Wenn ich du wäre, würde ich das nicht –«

Schneller, als Ash schauen konnte, schnellte die Kobra auf ihn zu und landete zwischen ihm und seiner Schwester auf dem Boden. Ash starrte auf das weit aufgerissene Maul und die zwei klaren Gifttropfen, die an den Zähnen hingen.

»Parvati!«, schimpfte der Schlangenbeschwörer, woraufhin die Kobra wenige Zentimeter vor Ashs Hals innehielt.

Mann, war das knapp!

Der Schlangenbeschwörer klopfte mit seiner Flöte herrisch gegen den Korb neben sich. Mit einem letzten Blick auf Ash schlängelte die Kobra hinein und rollte sich zusammen. Der Mann schloss den Deckel.

Erleichtert fing Ash wieder an zu atmen und sah Lucky an. »Alles okay?«

Sie nickte.

»Hey, ich habe dir gerade das Leben gerettet!«, verkündete Ash stolz. »Ich habe mich praktisch zwischen dich und diese unfassbar giftige Schlange geworfen. Legendär tapfer nenne ich das!« Und legendär dämlich, gestand er sich ein, nachdem sein Herz nicht mehr wie verrückt hämmerte. Aber seine kleine Schwester zu beschützen, war nun einmal seine Aufgabe. Genauso wie es ihre war, so viel Ärger wie nur möglich anzustiften.

Der Schlangenbeschwörer sprang auf. Er hatte O-Beine, war uralt und kaum mehr als ein Bündel Knochen, verpackt in faltige, schmutzige, dunkle Haut und einen safrangelben Lendenschurz. Außer seiner Schlange und der Flöte besaß er nur noch eine Art Umhängebeutel, der aus einem alten Sack genäht war, und einen Gehstock aus Bambus. Lange Dreadlocks hingen ihm bis zur Hüfte.

Er war ein Sadhu, ein heiliger Mann, von denen es in Varanasi Tausende gab. Varanasi war die heiligste Stadt in ganz Indien, erbaut an den Ufern des heiligen Flusses Ganges. Eine alte Legende der Hindu besagt, dass man auf direktem Weg in den Himmel kommt, wenn man hier stirbt – ganz ohne Umwege über die ständige Wiedergeburt. Deshalb tummelten sich auf den Straßen unzählige alte Menschen, die allesamt nach der landestypischen Redewendung lebten: Varanasi sehen und sterben.

Abgesehen von den Alten war die komplette Stadt wie ein einziges, lebendig gewordenes Museum. In jeder Ecke gab es einen uralten Tempel oder irgendeinen halb verfallenen Palast. Und Ash war verrückt nach Geschichte. Nichts liebte er so sehr, wie Schlösser zu erkunden oder in Museen herumzustreifen und dort die Waffenausstellungen zu bestaunen. Der erste Tag in Varanasi war ein aufregendes Abenteuer gewesen: Er hatte die schmuddeligen Gassen und verwinkelten Seitenstraßen durchforstet und das eindrucksvolle, fast schon überwältigende Leben Indiens aus nächster Nähe erlebt.

Aber jetzt?

Jetzt, zwei Wochen später, fühlte Ash sich erdrückt von der schwülen Hitze, dem Gestank, den Menschenmassen, den Schwarzhändlern und dem allgegenwärtigen Tod.

Die schmalen Straßen glühten in der Julihitze. Autos, Rikschas, Bettler, Händler, Pilger und heilige Männer bevölkerten dicht gedrängt die Gassen und Fußwege. Plötzlich ratterte ein Motorroller an Ash vorbei, dessen Fahrer kräftig auf die quakende Hupe drückte, weil er einer unterernährten Kuh ausweichen musste. Diese hatte beschlossen, mitten auf der Straße ein Nachmittags-Nickerchen zu halten, und der Roller geriet heftig ins Schlingern.

»Wo bleibt nur dieses Auto?« Ashs Onkel Vik fluchte leise, während er auf der überfüllten Straße ungeduldig nach dem bestellten Taxi Ausschau hielt, das sie zur Party bringen sollte. Onkel Vik nahm das Taschentuch aus seiner Brusttasche, breitete es aus und wischte sich damit den Schweiß von der glitzernden Glatze.

»Da drüben hockt eine Kuh und blockiert den Weg«, sagte Ash. »Sitzt da wie ein Klotz, mit der Zunge in der Nase!«

Der Kuh fehlte ein Horn und die Haut hing ihr von den Hüftknochen und schaufelgroßen Schulterblättern. Gelassen rekelte sie sich, während rings um sie herum die wütenden Fahrer von Vespas, Autos und Motorrädern brüllten und zeterten.

Onkel Vik schnaubte laut. »Das ist gar nicht gut. Wir kommen zu spät.«

»Warum kann ich nicht einfach zurück zum Haus?«, fragte Ash. »Ich verstehe echt nicht, was ich auf so einer langweiligen Party soll.«

Seine Tante Anita seufzte. Sie hatte ihren besten Sari angezogen und kämpfte darum, den Staub von ihm fernzuhalten. »Lord Savage ist ein äußerst wichtiger Gentleman«, erklärte sie. »Und er hat uns persönlich gebeten zu kommen.«

Lord Savage war ein reicher Aristokrat aus England, der in ganz Indien, sogar in der ganzen Welt, Ausgrabungen finanzierte. Nachdem Onkel Vik als Professor für Indische Frühgeschichte an der Universität von Varanasi arbeitete, war es wohl nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich die Wege der beiden kreuzten. An einem von Savages Projekten beteiligt zu sein, könnte für Onkel Viks Karriere wahre Wunder bedeuten.

»Hier geht es immerhin auch um dein Erbe, lieber Neffe.« Die tiefbraunen Augen von Onkel Vik leuchteten, als er Ash eine Hand auf die Schulter legte. »Wir reden vom Land unserer Herkunft.«

»Also ich komme aus West Dulwich in London«, stellte Ash trocken fest.

»Warum kannst du nicht wenigstens versuchen, die Zeit hier zu genießen – so wie deine Schwester?«

Lucky winkte gerade der Kuh, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, doch das Tier stieß nur ein hochnäsiges Schnauben aus.

»Ihr gefällt es hier, weil sie erst zehn ist und obendrein ziemlich dumm.«

»Ich bin überhaupt nicht dumm!« Lucky verpasste ihm mit dem Ellbogen einen Stoß in die Rippen.

»Ach, sollte das etwa wehtun?«, spottete Ash. »Ich hab kaum was gespürt.«

»Das liegt nur daran, dass du so dick bist.«

»Ich bin nicht dick!« Ash brodelte.

»Um Himmels willen, hört endlich auf, ihr zwei!«, schimpfte Tante Anita. »Es ist viel zu heiß zum Streiten.«

Ash hielt die Klappe. Onkel Vik hatte ja recht.

Seine Begeisterung für Geschichte und alte Kulturen hatte Ash vor allem ihm zu verdanken. Bis zu diesem Jahr hatten sie sich noch nie persönlich getroffen, weil Flüge von Indien nach England einfach viel zu teuer waren für jemanden, der nur ein Dozentengehalt verdiente. Aber seit Ash denken konnte, hatte sein Onkel ihm regelmäßig Briefe, Bücher, Fotos und E-Mails geschickt, in denen er ihm all die großartigen Geschichten über Indiens Vergangenheit erzählte: Legenden über Maharadschas, Tigerjagden und sagenumwobene Kriege zwischen Helden und furchtbaren Dämonen. Ashs Zimmer zu Hause in London war voller Bücher über indische Waffen und Mythen und die meisten davon hatte er von seinem Onkel geschenkt bekommen.

Als die Sommerferien vor der Tür standen und seine Eltern, die beide Vollzeit arbeiteten, vorgeschlagen hatten, dass er und Lucks ihre Verwandten in Indien besuchen könnten, hatte Ash praktisch auf der Stelle seine Koffer gepackt.

Doch das war vor der höllischen Hitze, den Mücken und den Kobras gewesen.

Wie sollte er hier nur weitere vier Wochen überstehen?

»Da ist er ja endlich.« Vik zeigte in Richtung Straße. Irgendwo in der wabernden Hitze entdeckte Ash ein altes schwarz-gelbes Ambassador-Taxi.

Allerdings steckte es fest, denn die Kuh hatte den Verkehr inzwischen vollständig zum Erliegen gebracht. Zwei Männer zerrten an dem Seil, das um ihren Hals gebunden war, aber das weiße, sture Tier bewegte sich nicht von der Stelle.

Da schlenderte der alte Schlangenbeschwörer zu ihnen herüber und verbeugte sich mit aneinandergelegten Händen.

Onkel Vik gab ihm einen Zehn-Rupien-Schein. »Ich gebe Ihnen hundert, wenn Sie es fertigbringen, diese Kuh dort wegzuschaffen.«

Der Sadhu nickte dankbar und trottete auf das Tier zu.

»Was hat er vor?«, fragte Lucky.

Der Sadhu wedelte gemächlich mit seinem Bambusstock vor der Kuh in der Luft herum. Sie blinzelte, dann schwenkte sie im Rhythmus mit dem Stab den Kopf hin und her und folgte ihm mit den Augen, während der alte Mann immer weiter ausholte.

Plötzlich schlug er dem Tier auf die Nase.

Laut muhend sprang die erschrockene Kuh auf, und als der Sadhu ihr erneut einen Hieb verpasste, stolperte sie einige Schritte nach hinten. Nur Sekunden später wurden unter ohrenbetäubendem Hupen die Motoren gestartet und der Verkehr setzte sich wieder in Bewegung.

Mit einem breiten Grinsen kam der Sadhu zurück.

Vik stieß Ash an und drückte ihm einen Hundert-Rupien-Schein in die Hand. »Schnell, gib ihm das.«

Ash runzelte zögerlich die Stirn, übergab dem alten Mann jedoch gehorsam das Geld. Als sich ihre Blicke trafen, hielt Ash gebannt inne. Die Augen des Sadhus unter den dichten Brauen waren strahlend blau.

Langsam nahm der Mann den Schein aus Ashs starren Fingern.

Als Ash kurz darauf endlich in das Taxi kletterte, blickte er sich noch einmal um und sah, dass der Sadhu ihnen mit dem Gehstock über der Schulter hinterherstarrte, bis die Menschenmassen auf die nun offene Straße strömten und den Alten verschluckten.

Zehn Minuten später hatten sie die Stadt hinter sich gelassen und rollten über eine staubige Landstraße. Ash schloss die Augen, lehnte sich aus dem Fenster und ließ sich den trockenen Fahrtwind ins Gesicht wehen. Noch hatte die Hitze die ausgedörrte Landschaft fest im Griff, doch in einer Stunde würde die Sonne untergegangen sein und Ash eine Auszeit von den sonst herrschenden Backofentemperaturen gönnen.

Sicher hingen seine Kumpel in London gerade zusammen ab. Wäre Ash bei ihnen, hätten er, Akbar und Sean hundertprozentig ihre Computer miteinander vernetzt, um sich einige ganztägige Zocker-Sessions zu liefern – und das vermutlich jeden Tag der Woche. Den vergangenen Sommer hatten sie praktisch vollständig bei Sean verbracht, denn sein Keller war das reinste Gamer-Paradies, da sein Dad der IT-Chef irgendeiner Bank war.

Den ganzen Tag lang Computer spielen, zwischendurch zu McDonald’s, freitags dann Kino – es gab nichts Besseres im Leben.

Oh, abgesehen natürlich von Gemma. Die war der letzte Neuzugang auf Ashs Favoriten-Liste.

Ash musste es sich eingestehen: Indien war einfach nicht sein Ding. Je früher dieser Urlaub vorbei war, desto besser. Denn den ganzen Schweiß, die Hitze und die Mücken war das alles hier wirklich nicht wert.

Na ja, so ganz stimmte das nicht. Die Schlösser fand Ash schon ziemlich cool. England hatte natürlich auch Schlösser, aber nicht solche wie Indien. Die Schlösser hier hätten geradewegs dem Herrn der Ringe entsprungen sein können, so gigantisch und verschachtelt waren sie. In ihnen gab es Gänge voller Statuen und Brunnen, außerdem Gärten mit zahllosen herumstolzierenden Pfauen. Und die Burgen waren nicht für Pferde, sondern für Elefanten konstruiert. Mit »klein, gemütlich und zurückgezogen« hatte Indien nichts am Hut. Angefangen bei den Schlössern, über die Paläste, bis hin zum Himalaja im Norden und der Wüste Thar im Westen war Indien ganz großes Kino mit Trompeten und ohrenbetäubendem Lärm.

»Geht’s dir gut?«, fragte Ash Lucky. Sie sah blass aus. »Setz dich hier hin«, sagte er und tauschte mit ihr den Platz, damit sie am Fenster sitzen und etwas frische Luft schnappen konnte. Anders als er hatte sie sich an das landestypische Essen nicht so gut gewöhnt und das dauernde Geschaukel des Wagens tat ihrem Magen auch keinen Gefallen.

Die Sonne versank und hinterließ einen blutroten Streifen am Horizont. Ihr Chauffeur Eddie Singh verließ die Hauptstraße und bog auf einen holprigen Seitenpfad ab. Das Auto schien eine übernatürliche Begabung dafür zu haben, ausgerechnet über die größten Steine und durch die tiefsten Schlaglöcher zu poltern. Der alte Ambassador war eben kein Wagen für offenes Gelände – mit Müh und Not schaffte er es über die normalen Straßen.

»Taxifahrt inklusive kostenloser Ganzkörpermassage«, scherzte Eddie, während er mit dem Lenkrad kämpfte.

»Muss das denn wirklich sein?«, fragte Tante Anita, die sich vergeblich darum bemühte, dass ihr Sari nicht verknitterte. »Ich dachte, die Hauptstraße führt bis zur Brücke.«

»Die Brücke ist gesperrt. Loses Fundament oder so was in der Art«, erklärte Vik. »Lord Savage hat andere Vorkehrungen getroffen.«

»Was für Vorkehrungen?«, wollte Ash wissen.

»Da, schau!« Lucky deutete nach vorne.

Am Flussufer vor ihnen standen zahlreiche Autos, deren Fahrer in Grüppchen plauderten und Zigaretten rauchten. Eine Frau in einem weißen Baumwollanzug dirigierte die Gäste in eine Flotte von Ruderbooten, die an einem klapprigen Steg vertäut waren. Ein Schwung Gäste nach dem anderen wurde ans gegenüberliegende Ufer gerudert, während Jungen mit Laternen hin und her rannten und ihnen leuchteten. Eddie parkte neben den übrigen Wagen.

Verdammt, tut das weh! Nachdem Ash aus dem Auto gestiegen war, streckte er sich erst einmal und bog die Wirbelsäule durch, in der Hoffnung, dass kein bleibender Schaden entstanden war. Sein Hintern fühlte sich an, als hätten die Sitzfedern dort tiefe Abdrücke hinterlassen.

In einem nahen Busch raschelte das trockene Laub. Etwas darin bewegte sich. Lucky griff erschrocken nach Ashs Arm, als ein dürrer Aasgeier seinen Kopf aus dem Gebüsch hob und sie anstarrte. Aus seinem Schnabel hing ein blutiges Stück Fleisch, das dem Vogel gut zu schmecken schien.

Ash trat näher, um sich das Festessen genauer anzusehen. In der matschigen Uferböschung lag ein toter Wasserbüffel, dessen Hinterläufe fehlten. Seine weit aufgerissenen Augen schimmerten schwarz. Der Geier pickte mit dem Schnabel hinein und riss den Augapfel aus seiner Höhle.

»Das ist so eklig.« Angewidert verzog Lucky das Gesicht und schaute weg.

»Professor Mistry?«

Die Frau in Weiß kam nun auf sie zu und lächelte zur Begrüßung. Sie war eine Europäerin, aber ziemlich sonnengebräunt, und trotz der aufziehenden Dämmerung trug sie eine schicke Sonnenbrille. Ihr dickes, ungekämmtes Haar wurde nur lose von Haarnadeln aus Elfenbein zusammengehalten. Sie legte die Handflächen aufeinander. »Namaste. Ich bin Jackie, die persönliche Assistentin von Lord Savage.« Sie hatte einen britischen Akzent und sprach ganz schön geschwollen.

»Vikram Mistry, zu Ihren Diensten.« Ashs Onkel nahm Tante Anita an der Hand. »Und das hier ist meine Frau.«

»Namaste, MrsMistry«, begrüßte Jackie auch sie.

»Nennen Sie mich doch Anita«, antwortete Ashs Tante, während sie sich die Falten aus ihrem Seidensari strich, dessen Stoff die Farbe von schimmernden Silberperlen hatte und mit Goldfaden bestickt war. Diesen Sari trug Tante Anita nur zu besonderen Anlässen. Also zum Beispiel, wenn sie reiche Adelige besuchen ging.

»Was für ein bildschönes Kind«, schwärmte Jackie, als sie Lucky entdeckte. Sie kniete sich hin und streichelte Lucky mit einem langen Fingernagel über die Wange, während ihr Lächeln noch breiter wurde. »Du siehst ja wirklich zum Anbeißen aus.«

Lucky zuckte erschrocken zusammen und versteckte sich hinter Ash. Jackies Lächeln schrumpfte nahezu unmerklich, dann stand sie auf und wandte sich an Onkel Vik.

»Lord Savage freut sich schon sehr, Sie kennenzulernen«, berichtete sie. »Er ist ein großer Bewunderer Ihrer Arbeit.«

»Ich fühle mich geschmeichelt.«

Jackie wies auf die Boote. »Es tut mir so leid, Ihnen diese Umstände machen zu müssen, aber ich hoffe, dass Sie es uns nicht zu übel nehmen. In letzter Zeit wurde die Brücke wegen der Ausgrabungen von den vielen schweren Lkw, die am Tag mehrmals hin- und herfahren, stark in Mitleidenschaft gezogen. Heute Morgen schließlich ist ein Wagen seitlich eingebrochen und abgestürzt. Keine schöne Sache.« Sie schnippte mit den Fingern und auf der Stelle erschien ein einheimischer Junge mit einer Kerosinlampe in der Hand. »Bis die Brücke repariert ist, wird es wohl eine Weile dauern.«

»Ausgrabungen?«, hakte Vik nach. »Ich wusste gar nicht, dass man in Varanasi gräbt.«

»Nicht nur in Varanasi«, erklärte Jackie. »Die Familie Savage setzt sich schon seit Jahrhunderten stark für indische Archäologie ein. Die Waffensammlung von Lord Savage gehört zu den größten der Welt.«

Waffensammlung?, dachte Ash. Vielleicht würde der Abend doch kein totaler Reinfall werden.

»Will Lord Savage sich deshalb mit mir treffen?«, fragte sein Onkel.

»Eins nach dem anderen, Professor.«

»Was ist denn da passiert?«, wollte Ash wissen und zeigte auf den halb aufgefressenen Büffel.

»Sumpfkrokodile. In diesem Fluss gibt es einige davon«, klärte Jackie ihn auf. »Kein guter Platz, um schwimmen zu gehen.«

Ash fiel auf, dass ihr Blick ungewöhnlich lange auf dem toten Tier hängen blieb. Und leckte sie sich etwa über die Lippen? Diese Frau war ja wohl nicht ganz dicht. Wahrscheinlich hatte sie zu viel von der indischen Sonne abbekommen.

Jackie führte sie zum Steg, der wenig mehr war, als eine Reihe schlampig zusammengebundener Bretter – noch dazu war das Seil schimmlig. Das einzig Solide waren zwei aus Stein gehauene Elefanten, die in Form von Säulen das äußere Ende begrenzten, wo bereits ein Boot und ein Schiffer auf sie warteten.

Das Boot sah aus wie einer der Kähne, in denen Ash einmal bei einem Ausflug nach Cambridge gefahren war: Es war ziemlich flach und schwamm dicht am Wasser. Alles in allem nicht sehr krokodilabweisend.

»Also sicher sieht das nicht aus«, meinte Ash. »Wo sind denn die Rettungswesten?«

Tante Anita schüttelte tadelnd den Kopf. »Jetzt steig endlich ein.« Sie ging voraus und brachte das kleine Boot bereits mit dem ersten Schritt ins Wanken. »Und haltet die Finger nicht ins Wasser.«

Der Fährmann stieß den Kahn mit seinem Ruder vom Steg ab und schon glitten sie davon. Ash spähte zu den verstreut geparkten Autos, bis ihre Scheinwerfer nur noch kleine Punkte in der Dunkelheit waren.

»Guck mal!« Lucky sprang auf und das Boot schaukelte gefährlich.

»Setz dich!«, fuhr Tante Anita sie an.

Am anderen Ufer beleuchtete eine Reihe Laternen eine breite Steintreppe. Daneben ragte eine hohe und massige Wand steil wie eine Klippe aus dem Wasser. Entlang der Festungsmauer brannten züngelnde Fackeln, in deren Licht polierter Marmor und die weichen Umrisse eines ovalen Daches glänzten. Die riesigen Mauern waren von Lianen und sonstigen Kletterpflanzen überwuchert und zwischen dem Grün glitzerte das Glas der Fenster wie schwarze Diamanten.

Onkel Vik hatte ihnen erzählt, dass das Gebäude früher einmal dem Maharadscha von Varanasi gehört hatte, dann aber jahrzehntelang verlassen gewesen und dem Verfall preisgegeben war. Jetzt sollte der gigantische Palast prächtiger denn je werden. Er hatte einen neuen Besitzer und einen neuen Namen.

Schloss Savage.

Als sie aufs Ufer zuglitten, ragten hoch über ihnen die von Fackeln beschienenen Zinnen auf. Abgesehen vom Palast selbst, gab es hier weder Häuser noch Leben. Es schien, als hätte Schloss Savage alles andere verschlungen und nur ausgetrocknete Flussbetten und ein paar verkümmerte Bäume zurückgelassen. Nur sehr weit entfernt sah man noch etwas, das wie eine kleine Barackensiedlung aus Zelten und windschiefen Verschlägen aussah. Auf der Straße parkten zahlreiche Lastwagen, außerdem sah Ash einige Bulldozer, die vermutlich zu dem Ausgrabungsprojekt gehörten, das Jackie erwähnt hatte.

»Ich frage mich, was da draußen ist«, murmelte Vik. Er putzte seine Brille und warf einen kritischen Blick auf das weite Feld. »Was er auch vorhat, er macht keine halben Sachen.«

Der Kahn hatte inzwischen die breiten Stufen des Anlegers erreicht, die zu einem Tor führten. Als sie hinaufstiegen, entdeckte Ash über dem Durchgang ein großes Steinschild, in das drei bauchige Blumen und zwei gekreuzte Schwerter gemeißelt waren.

»Was ist das?«, fragte er. »Sollen das Disteln sein?«

Onkel Vik setzte sich die Brille wieder auf. »Nein, das sind Mohnblumen. Die Familie der Savages hat ihr erstes Vermögen im Opiumkrieg mit China gemacht.«

»Und der Spruch da?« Ash las die Inschrift unter dem Schild vor: »Ex dolor advebo opulentia?«

»Durch Leiden entsteht Wohlstand.«

Wie nett.

Sie mühten sich einen steilen, feuchten Pfad hinauf und kamen wenig später in einem überfüllten Innenhof an, der für eine Party dekoriert war. In Weiß gekleidete Diener mit goldenen Turbanen und Schärpen trugen Silbertabletts mit Getränken und Häppchen durch eine Wiese aus Farben: Wie bunte Tupfen standen zahlreiche seidene Pavillons auf dem begrasten viereckigen Hof.

An die hundert Gäste waren anwesend und schon bald tummelten sich Ashs Onkel und Tante mitten unter ihnen. Lucky hatte eine Gruppe kleinerer Kinder entdeckt und war losgerannt, um mit ihnen zu spielen.

Ash dagegen beschloss, sich auf Entdeckungstour zu begeben.

Von einem der vielen versteckten Balkone drang klassische indische Musik, deren verträumte Klänge perfekt hierher passten. In allen Ecken des Innenhofs standen Marmorstatuen und mächtige Fresken von Helden und Monstern zierten die Wände. Ash erkannte Szenen aus der indischen Mythologie. Auf einer Mauer war ein Kampf abgebildet, der aus dem Nationalepos Ramayana stammte – die vermutlich bekannteste Legende Indiens und obendrein Ashs Lieblingsgeschichte.

Das Zentrum des Gemäldes nahm ein riesiger goldener Krieger ein, dessen Augen vor Zorn blitzten, während er den Mund zu einem wütenden Schrei aufgerissen hatte. Er schwang zwei gewaltige Schwerter, mit denen er links und rechts Männer abschlachtete.

Überall um ihn herum lagen Tote und hinter ihm hatte sich seine Armee von Dämonen versammelt: hässliche Mischwesen, die halb Mensch, halb Tier waren, mit Schuppen oder Fell, Schwänzen oder Flügeln.

Dies war Ravana, der Dämonenfürst.

Am hinteren linken Ende der Mauer, so weit entfernt, dass man hätte meinen können, er gehöre gar nicht dazu, stand ein Krieger mit Pfeil und Bogen, der auf Ravana zielte. Den Pfeil hatte der Künstler besonders sorgfältig ausgearbeitet: Um die Spitze loderten Flammen und die Innenfläche war mit Blattgold ausgelegt, denn dies war nicht irgendein Pfeil. Es war ein Aastra, eine Waffe, in der die Macht eines Gottes schlummerte.

Die Szene stellte den letzten Augenblick im Leben des Dämonenkönigs dar. Gleich würde der Pfeil, der Aastra, losfliegen und sein Herz durchbohren, um ihn zu vernichten – eine Heldentat, die nur ein Einziger vollbringen konnte: der Held Rama.

»Wie findest du es?«, ertönte hinter ihm eine Stimme.

Jemand trat aus den Schatten und kam langsam auf Ash zu.

»Namaste«, begrüßte er den Fremden, der eindeutig Engländer war: Er trug einen feinen weißen Leinenanzug und dazu ein helles Seidenhemd. Die einzigen zwei Farbtupfer waren seine blauen Augen, zwei strahlende Splitter aus Eis. Ash stockte der Atem, als der Mann in den Schein einer Laterne trat.

Es war, als hätte man sein Gesicht zerschmettert und dann tollpatschig wieder zusammengefügt. Die Haut war durchzogen von tiefen, ungleichmäßigen Furchen und schimmerte transparent wie Wachs, sodass man darunter das zarte Aderwerk sah. Von der mit Leberflecken übersäten Glatze sprossen spröde Büschel aus weißem Haar.

Seine Hand, die in einem Handschuh steckte, umklammerte den silbernen Tigerkopf-Knauf seines Gehstocks. Die Rubinaugen des Tiers funkelten, als würden sie Ash mit ihrem Blick durchbohren wollen. Der Mann neigte den Kopf zum Gruß.

»Ich bin Alexander Savage.«

Kapitel 2

»Ash Mistry«, erwiderte Ash leise.

»Er ist prachtvoll, nicht wahr?«, meinte Savage und strich mit den Fingern über die Züge des Dämonenfürsten. »Selbst so kurz vor seinem Untergang kämpfte er bis zum Letzten.«

»Er ist grauenhaft.« Ash war selbst nicht sicher, ob er damit das abstoßende Fries oder Savage meinte.

»Findest du? Warum?«

»Er war der Dämonenfürst. Er wollte die ganze Welt vernichten.«

»Und die Welt ist ja ein so schöner Ort, nicht?«

Ash schaute sich erneut die wütenden Augen von Ravana an. Das Gesicht schien nahezu lebendig, wie eine Fratze aus arrogantem Zorn und purem Hass. »Wenigstens ist sie keine Hölle. Aber das war es, was Ravana vorhatte – eine Welt für Dämonen erschaffen.«

Savage betrachtete ihn forschend und tappte dann mit seinem Gehstock auf den Steinweg. »Gut gesprochen, Junge, gut gesprochen.«

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