Alemannischer Totentanz - Petra Gabriel - ebook

Alemannischer Totentanz ebook

Petra Gabriel

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Opis

Eine junge Frau taucht bei der Lörracher Mordkommission auf. Sie will die Leiche ihrer verstorbenen Großmutter als vermisst melden. Die Ermittlungen fördern illegale Geschäfte mit Toten zutage. Wurde die alte Frau deshalb ermordet? Wer hat den drogensüchtigen Ex-Chirurgen umgebracht? Und was haben zwei reizende alte Damen, ihr seltsamer Neffe, deren Beerdingungsinstitut und ein weiterer Mord damit zu tun? Kriminalhauptkommissarin Iris Terheyde findet die Antworten auf ihre Weise: sportgeschädigt, nägelkauend, stur, mit Gespür für Fettnäpfchen und im Dauerclinch mit ihrem Kollegen.

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Petra Gabriel wuchs in Stuttgart und am Bodensee auf. Über fünfzehn Jahre lang war sie Redakteurin in der Lokalredaktion des Südkurier in Bad Säckingen, die meiste Zeit als stellvertretende Leiterin. Seit 1982 lebt sie als freie Journalistin und Schriftstellerin mit ihrer Familie in Laufenburg.www.petra-gabriel.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2014 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagzeichnung: Heribert Stragholz eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-689-8 Der Badische Krimi 18 Originalausgabe

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Für Moni und Walter,

auf deren Unterstützung ich immer zählen konnte

1

Panik überflutete sie. Der Mann war wieder hinter ihr her. Sie konnte seinen Atem schon in ihrem Nacken spüren. Gleich würde er ihr den Hanfstrick um die Kehle legen und zuziehen. Sie bekam keine Luft mehr. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie aus Blei. Verzweifelt hastete sie weiter zur nächsten Straßenecke. Nein, das war auch nicht die richtige. Wieder eine andere Ecke, andere Häuser, neue Haustüren. Wo war nur der Eingang? Sie musste ihn finden, ihr Leben hing davon ab. Die Glocken kamen näher, wurden immer lauter. Die Schwingungen echoten in ihrem Kopf, ihr Schädel drohte zu platzen. Sie presste die Hände gegen die Schläfen. Wenn sie nicht bald die gesuchte Tür fand, war es um sie geschehen. Diese Glocken! Warum konnte der Mann mit dem Seil nicht endlich aufhören zu läuten?

Iris Terheyde, Kriminalhauptkommissarin A11, schreckte schweißüberströmt hoch. Das Telefon! Wieso läutete es mitten in der Nacht? Schlaftrunken tastete sie nach dem Mobilteil auf ihrem Nachttisch.

»Was ist?«

»Einen wunderschönen guten Morgen. Es wird ein sonniger Tag! Na, verschlafen? Zu viel gefeiert am Wochenende?«

»Wieso verschlafen? Spielen Sie jetzt den Wetterbericht?« Sie schaute auf das Zifferblatt des Weckers. »Mist!«

»Dachte ich mir's doch«, stellte Martin Felix fröhlich fest. Felix, ihr Assistent, Felix, der stete Stachel in ihrem Fleisch. »Übrigens, hier in Lörrach wartet eine junge Frau.«

»Felix am Morgen bringt Kummer und Sorgen«, murmelte Iris vor sich hin. Sie klemmte sich das Mobilteil zwischen Ohr und Schulter und versuchte sich aus ihrem Nachthemd zu winden. Flanell, gestreift und etwas eng. Eigentlich wirkte es wie ein Herrenhemd. Eine wohlmeinende Verwandte hatte es ihr vor Ewigkeiten geschenkt. Damals war sie noch jünger und schlanker gewesen. Wenigstens hielt es warm. Sie verhedderte sich in einem Ärmel. Wieso bekam sie das blöde Ding nicht über den Kopf? Dieses Nachthemd entwickelte die Eigenschaften eines Kraken.

»Was sagten Sie?«, erkundigte sich Felix.

»Ach nichts«, nuschelte Iris unter dem Flanellstoff hervor. Dann hatte sie es geschafft. Sie atmete durch. »Was will sie?«

»Es geht um den Tod ihrer Großmutter.«

»Verdammt!« Jetzt wollte der zweite Ärmel nicht vom anderen Arm. Zerren half nichts. Sie musste den Knopf am Handgelenk aufbekommen. Endlich.

»Was sagten Sie? Ich verstehe Sie heute Morgen so schlecht!«

»Ach egal, erklären Sie mir nachher, was los ist. Ich komme, so schnell ich kann. Ich muss allerdings vorher noch zum großenM., bin zum Rapport bestellt. Eigentlich sollte ich in zehn Minuten bei ihm sein. Sagen Sie ihm Bescheid, dass ich… dass der Zug Verspätung hatte. Denken Sie sich etwas Nettes aus. Nein, sagen Sie einfach, ich hätte verschlafen.«

»Aber…«

Sie drückte auf die Taste mit dem roten Telefon.

Die Hauptstraße hinunter, die Hauptstraße herauf, eine umgekehrte Parabel A aus Kopfsteinpflaster: Wie jeden Morgen auf dem Weg zum Laufenburger Westbahnhof versuchte Iris, den Schwung aus dem Abwärts mit ins Aufwärts zu nehmen. Hoffentlich erreichte sie den Zug noch!

Die Sonne tat ihr Möglichstes, um den Tag und die Stimmung der Menschen aufzuhellen. Sie hatte eine für diese Jahreszeit überraschende Kraft und erreichte Iris' Gesicht, als sich die linke Zeile der alten Häuser an der Hauptstraße kurz vor der Rheinbrücke zum Fluss hin öffnete.

Iris' Magen muckte. Er vertrug Stress am frühen Morgen nicht. Das galt besonders für den Montagmorgen. Die hastig getrunkene Tasse Kaffee half da nur ansatzweise. Zu niedriger Blutdruck, obwohl er bei den Pfunden, die sie auf die Waage brachte, gemäß den ärztlichen Statistiken eigentlich zu hoch sein müsste. Ihr Kreislauf scherte sich nicht um medizinische Theorien. Ihr komplettes System war morgens heruntergefahren. Vielleicht waren das ja die Überbleibsel eines früheren Lebens als Wüstenmaus. Sie hatte einmal gelesen, dass diese Tiere ihren Kreislauf nachts auf ein Minimum reduzierten, um in der Kälte der Wüstennacht nicht zu viel Wärme zu verbrauchen. Tagsüber waren sie dafür sehr wendig.

Sie passierte das Haus gegenüber der Brücke. Dort, im dritten Stock, war der alte Satorius getötet worden. Iris dachte an Max Trautmann, angeheirateter Sohn des Alten und Schwarm ihrer Jungmädchentage. Bis heute war sie sich nicht sicher, ob er seinen Stiefvater nicht doch erschlagen hatte. Die Ermittlungen waren eigentlich abgeschlossen, Schuldige gefunden. Aber der Zweifel nagte weiter. Damals, während der Untersuchungen, hatten sie stillschweigend vom Du zum Sie gewechselt. Dabei war es geblieben.

Iris war an diesem Morgen nicht nur für den Sonnenschein, sondern auch für die Romantik der mittelalterlichen Innenstadt von Laufenburg verloren, für den Anblick der Burgruine auf dem gegenüberliegenden Burgberg, die von der morgendlichen Brise samt dem darunterliegenden Schweizer Laufenburg langsam aus dem Morgennebel geschält wurde; verloren für das Vogelgezwitscher und das Versprechen von Frühling, das in der Luft lag.

Ihre Miene passte eher zu einem grau nieselnden Novembertag. Sie hatte Muskelkater. Am Abend zuvor hatte sie in einem Anfall von Selbsterkenntnis alle gymnastischen Übungen durchgeturnt, die ihr eingefallen waren. Mehrfach. Jetzt bekam sie die Quittung. Jede Faser ihrer Muskeln protestierte, als sie das steile Stück zwischen Rheinbrücke und Laufenburger Westbahnhof emporschnaufte. Schon nach wenigen Schritten war sie außer Atem und fühlte sich, als bestiege sie den Mount Everest. Dabei waren es noch nicht einmal dreißig Meter.

Die Mechanik der Halbschranke gab den ersten einer Serie von Plings von sich und begann sich zu senken, während das Geplinge, durch den Fluss verstärkt, in Richtung des anderen Ufers hallte. Es hatte von den Anwohnern »dännet em Rhy«, den Bürgern, die in den Altstadthäusern des Schweizer Laufenburg ihre Ruhe haben wollten, ihren ungestörten Morgenschlaf, ihren Mittagsschlaf, ihr Abendnickerchen, deshalb schon Proteste gehagelt. Sie hatten ihren eigenen Bahnhof, ihr eigenes Pling. Sie wollten nicht auch noch das der deutschen Seite. Die Bahn ignorierte das, die Züge fuhren trotzdem von West nach Ost und von Ost nach West, mindestens jede halbe Stunde, nachts etwas weniger, manchmal auch Güterzüge mit Fracht aus oder für die Schweiz, darunter Gefahrgut, das die Eidgenossen lieber über die deutsche Seite rollen sahen. Und so plingte die Anlage brav weiter, mahnte die Übermütigen, die Eiligen, die Zuspätkommer, die Morgenmuffel zur Vorsicht, wenn sie sich senkte. Und zur Geduld, bevor sie sich wieder hob.

Iris legte notgedrungen einen Zahn zu und verzog das Gesicht. Ihre übersäuerten Muskeln protestierten erneut, ihr wurde noch flauer im Magen. Sie hatte das Gefühl, langsamer zu laufen statt schneller. Gleich würde der Zug, der sie von Laufenburg nach Basel Badischer Bahnhof bringen sollte, durch den Rappensteintunnel dröhnen. Sie musste sich vorher an der Halbschranke vorbei und über die Gleise auf den richtigen Bahnsteig schlängeln– den, der direkt am alten Bahnhofsgebäude lag. Es war ihr in diesem Moment völlig gleichgültig, dass Bahnhof und Tunnel ein denkmalgeschütztes Ensemble bildeten, entstanden gegen Ende der achtziger Jahre des 19.Jahrhunderts. Ihr einziger Gedanke war die Frage, ob sie den Zug noch erreichte.

Nach der Zugfahrt ging es vom Badischen Bahnhof in Basel mit der S6 weiter Richtung Wiesental/Zell bis zum Halt Schillerstraße. Die S-Bahn fuhr alle fünfzehn Minuten. Anschließend waren es gute fünf Minuten Fußmarsch zur Polizeidirektion an der Weinbrennerstraße in Lörrach.

Während sie über die Gleise zum Bahnsteig1 hastete, erinnerte sich Iris an eine Frau, die bei genau solch einer Überquerungsaktion bei geschlossener Halbschranke vom Zug erfasst und schwer verletzt worden war. Doch sie hatte keine Wahl, auch wenn sie damit ein schlechtes Vorbild abgab. Jeder in Laufenburg wusste natürlich, dass sie »bei der Polizei« arbeitete. Normalerweise kam es nicht so darauf an, wenn sie einen Zug verpasste, sie hatten Gleitzeit. Doch heute war sie zum großenM. bestellt. Manfred Jäger, Leiter der Mordkommission der Polizeidirektion Lörrach, legte – bei aller unbestreitbaren und oft bewiesenen Langmut ihr gegenüber– nun einmal Wert auf Pünktlichkeit. Sie konnte sich auf eine Standpauke gefasst machen.

Verdammt, dieser Muskelkater! Iris stolperte. Unwillkürlich sah sie nach unten. In diesem Moment wurde sie von einem Entgegenkommenden angerempelt, der sich offenbar ebenso wenig von Halbschranken aufhalten ließ wie sie.

»Können Sie nicht aufpassen!«

Ihr Blut geriet in Wallung, sie setzte zu einer spitzen Replik an. Diese blieb ihr jedoch im Halse stecken. Denn das Gesicht des Mannes hellte sich bei ihrem Anblick sofort wieder auf. Max Trautmann! Ausgerechnet. Was machte der Typ um diese Uhrzeit hier? Soweit sie wusste, hasste er es mindestens ebenso wie sie, in aller Herrgottsfrühe aufzustehen. Eine durchzechte Nacht bei einem der Bewohner des Westbahnhofs? Die Bahn hatte das Gebäude schon vor Jahren aufgegeben und dem Immobilienmarkt überlassen. Inzwischen war das Haus renoviert und zu Wohnungen umgebaut worden. Trautmann sah frisch und munter, sogar glücklich aus. Das ging ihr gegen den Strich. Warum hatte er es eigentlich so eilig? Egal.

Trautmann schob seine Brille zurecht. »Iris Terheyde! Wir wohnen einander gegenüber und sehen uns doch kaum. Sie hatten versprochen, sich zu melden.« Seine dicken Brillengläser gaben ihm das Aussehen eines erstaunten Kindes.

»Bald, Ehrenwort!«, antwortete sie, nicht ganz so gereizt, wie sie sich eigentlich fühlte, und machte sich hastig auf die letzten fünf Meter zum Bahnsteig. Es war höchste Zeit. Sie konnte das Donnern des herannahenden Zuges bereits hören.

Trautmann musste spurten, um von den Gleisen zu kommen.

Der Zug schob sich zwischen sie. Die Bremsen quietschten ohrenbetäubend. Das war ihr sehr recht. Sie wollte nicht mit ihm reden. Und ihn auch nicht treffen. Dieser Mann gefährdete ihren Seelenfrieden.

Iris stieg hastig ein und ließ sich auf den nächstbesten Sitz fallen. Ihre gemarterten Muskeln gaben endlich Ruhe. Seit dieser einen, dieser bestimmten Nacht war sie Trautmann wo immer möglich aus dem Weg gegangen. Gut, es war nichts passiert zwischen ihnen. Aber fast. Dieses Fast kam auch jetzt wieder hoch, steckte wie ein Kloß in ihrer Kehle. Wie jeden Morgen, wenn sie von ihrem Badezimmerfenster aus über die Hauptstraße hinüber auf seinen Balkon über dem oberen Brunnen und das Wohnzimmer dahinter schaute.

Sie lenkte sich mit dem Gedanken an all die sportlichen Übungen ab, die sie zwecks Stärkung der Kondition in der nächsten Zeit zu machen gedachte. Nein, nicht noch einmal ins Fitnessstudio, das reichte wirklich ein für alle Mal. Eigentlich spielte sie gerne Tischtennis, und das nicht schlecht, wäre am liebsten in den TVLaufenburg-Rhina eingetreten. Doch der Dienst hatte ihr immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Was wiederum den Vereinstrainer mürrisch gemacht hatte, weil sie nicht zu den festgesetzten Trainingsstunden erschienen war. Aerobic– das hatte sie auch versucht. Sie war sich vorgekommen wie beim Damenkränzchen. Ständig ging es danach und auch davor in den Gesprächen um Kinder, Haushalt, Männer und Diäten. Sie hatte nichts von alldem vorzuweisen außer jeder Menge an Pfunden zu viel, blieb also meistens stumm und schwänzte die Treffen irgendwann.

Iris kaute am Nagel ihres linken Ringfingers und fasste einen heroischen Vorsatz: Nichts Süßes mehr. Auch keine Currywurst. Keine Hamburger. Keine Chips. Ihr Magen knurrte.

Da fiel ihr das Sportstudio ein, das sie auf ihrem Weg zur PDLörrach immer passierte. Es bot auch Kurse im Kickboxen an. Kicken und Boxen– das konnte sie. Verbal und auch sonst.

***

»Verdammt noch mal, Mädchen, jetzt lassen Sie sich nicht so gehen!« Manfred Jäger, Leiter der Mordkommission der Polizeidirektion Lörrach, hielt, was sie sich von ihm versprochen hatte. Sie kam nach dem gemurmelten »Guten Morgen« überhaupt nicht mehr zu Wort. »Ich habe alles getan, um Sie zu fördern. Ihren Ermittlungsergebnissen nach müssten Sie längst Hauptkommissarin nach A12 sein! Aber nein, Sie stehen sich und allen Wohlmeinenden ständig im Weg. Erst unlängst haben Sie dem Leitenden Staatsanwalt durch die Blume erklärt, er sei ein Idiot. Ihre Schießleistungen sind ja gerade noch erträglich, Ihre körperliche Kondition aber ist für eine Waffenträgerin inakzeptabel. Das hat mir der Polizeiarzt gestern bestätigt. Tun Sie etwas, sonst muss ich das melden. Oder wollen Sie beruflich auf der Stelle treten? Keine Kondition, keine Beförderung zur Kriminalhauptkommissarin A12, das wissen Sie doch! Und das ist im gehobenen Dienst nun mal die Mindestvoraussetzung, um weiterzukommen. Außerdem sollten Sie endlich lernen, pünktlich zu sein. Ich habe Sie übrigens fürs Amok-Training angemeldet. In drei Wochen. Wenn Sie bis dahin nicht mehr Kondition haben, japsen Sie sich bei den Übungen zur Terroristenbekämpfung die Lunge aus dem Leib. Glauben Sie ja nicht, dass Sie sich schon wieder davor drücken können. Sind Sie sich zu schade für ein normales Fitnessstudio? Dann gehen Sie eben in eine Damen-Gymnastikgruppe.«

Iris schob das Kinn nach vorne. Niemals! Sie öffnete den Mund.

»Nein! Ich will nichts hören. Hören Sie auf, sich ständig wie die Rächerin aller Enterbten zu gebärden.«

Iris klappte den Mund wieder zu und senkte den Kopf.

Der großeM. ließ sich durch ihre klägliche Haltung nicht von seiner Gardinenpredigt abbringen. »Verdammt, Sie wissen doch, was auf dem Spiel steht. Sie könnten sogar meine Nachfolgerin als Leiterin der Mordkommission werden. Doch dafür brauchen Sie mindestens die Einstufung in A12, und zwar schnellstens. Es gibt genügend Kollegen, die Schlange stehen und sich ebenfalls um meinen Posten bewerben werden, wenn ich in einem halben Jahr aufhöre. Ich weiß, was Sie können, Mädchen. Ich fordere doch nichts Unmögliches: nur etwas Sport und ein kleines bisschen Diplomatie hin und wieder. Warum fällt Ihnen das so schwer? Sie sind doch eine Frau, und Frauen sind angeblich die besseren Diplomaten. Aber Sie…«

Der großeM. im Ruhestand. Das konnte er sich wahrscheinlich ebenso wenig vorstellen wie sie. Sie würde ihn vermissen.

Es klopfte. Martin Felix streckte den Kopf zur Tür herein. Jäger musterte ihn ärgerlich. »Sie auch noch! Können Sie nicht warten, bis ich ›Herein‹ sage? Im Moment passt es überhaupt nicht.«

Felix blieb gelassen. Kein Millimeter seines männlich schönen Gesichts verzog sich, jedes einzelne der ordentlich geschnittenen und für einen Mann durchaus zahlreichen Haare, die haarscharf am Kragen seiner teuren Lammlederjacke endeten, saß, wie es sollte. Wieder einmal kam sich Iris hässlich vor. Ihre schulterlangen, mausgrauen Haare hatte sie mangels Zeit für eine Wäsche mit Hilfe eines Gummibandes irgendwie am Hinterkopf zusammengezwirbelt. Sie war ungeschminkt, trug wie üblich einen Schlabberpulli und Jeans. Auch wenn der großeM. das nicht gesagt hatte, sie war sich durchaus bewusst, dass sich bei ein wenig mehr an modischem Auftreten, ein wenig mehr Betonung der weiblichen Attribute, dafür weniger an Pfunden auf den Hüften, ihre Chancen auf Beförderung durchaus erhöht hätten. Doch dazu war sie zu stolz. Sie hatte Verstand und war eine gute Ermittlerin– das musste genügen. Und nur danach wollte sie beurteilt werden.

Iris hasste es, sich lieb Kind zu machen, sich anzubiedern. Sie wollte geliebt, na ja, zumindest respektiert, also schön, wenigstens geduldet werden, wie sie war. Und sie war Praktikerin. Das hieß: auf zur Ochsentour vor Ort, der tägliche Kampf gegen den männlichen Überlegenheitswahn, ackern bis zum Umfallen für den Aufstieg nach A12 und später A13. Zumindest, wenn sie weiterkommen wollte. Das wusste sie ja auch.

»Sie haben doch Verstand und sind eine verdammt gute Ermittlerin«, bestätigte der großeM. ihre Gedanken. »Ich kenne Sie nun schon seit Ihrer Ausbildungszeit. Sie waren meine beste Schülerin… Was ist, Felix, warum stehen Sie noch immer da?«

»Es ist wichtig. Möglicherweise ein neuer Fall. Draußen wartet eine Frau, sie sagt, ihre Großmutter… Jedenfalls ist es eilig. Ich brauche dringend Frau Terheyde«, antwortete Iris' Assistent. Sie bevorzugte diesen Ausdruck noch immer. Auch wenn sie inzwischen, nach zwei Jahren mehr oder eher weniger reibungsloser Zusammenarbeit, eigentlich Partner waren.

»Na gut, dann gehen Sie schon, Terheyde. Und nehmen Sie wirklich die Kurse im Kickboxen, für die Sie mir ständig diese Visitenkarte unter die Nase halten. Damit können Sie wenigstens auf Ihrer Ausbildung aufbauen. Ich will Fortschritte sehen.«

Iris nickte und folgte Felix aus dem Zimmer. Es gab nur einen Menschen auf dieser großen weiten Welt, von dem sie sich so abkanzeln ließ, und das war der großeM., einer der wenigen Männer, die sie achtete, ihr Vorbild, ihr väterlicher Freund. Sie hatte viel von ihm gelernt. Sie wusste, dass er ihr bei aller Kritik wirklich wohlgesonnen war. Allerdings hätte sie auf das Väterliche in ihrer Beziehung schon mehr als einmal gerne verzichtet. Vor vielen, vielen Jahren, als junge Polizeischülerin, hatte sie sich gewünscht, er wäre nicht so ein treuer Ehemann gewesen. Er war es noch immer. Ihr war klar, dass ein Nachfolger nicht so geduldig mit ihr sein würde. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie es selbst sein sollte.

»So, Kickboxen, aha.« Martin Felix, wie immer süffisant, unterbrach ihre Überlegungen. »Warum wollen Sie denn nicht Ringerin werden? Schlammcatchen wäre doch auch etwas.«

Der Glückliche hatte ein Abonnement auf diese Art von Bemerkungen, was seine Chefin mit schöner Regelmäßigkeit auf die Palme trieb. Ja, und diese Besserwisserei! Seine Überheblichkeit war manchmal noch schwerer zu ertragen als seine Sticheleien. Er war kürzlich zum Kriminaloberkommissar befördert worden und würde sicher eine glänzende Karriere machen. Seitdem plusterte er sich noch mehr auf. Er hatte noch alle Chancen, konnte ohne Weiteres auf die Führungsakademie in Münster. Und dann würde er als Kriminalrat zurückkommen, an ihr vorbeiziehen, am Ende vielleicht sogar Leiter der Polizeidirektion Lörrach werden. Ein schrecklicher Gedanke.

Aber noch war sie die Vorgesetzte.

»Hören Sie auf mit Ihren blöden Anspielungen. Ringerin? Weil ich mich dann einfach auf die Leute setzen und sie mit meinem Gewicht zu Tode drücken kann? Meinen Sie das? Ach, halten Sie besser die Klappe, ich will es gar nicht wissen.«

Felix grinste. »Ich wollte nur freundlich sein. So wird es mir also gedankt, dass ich Sie vor einem längerem Anschiss des Alten gerettet habe.«

»Sie und freundlich! Also ob Sie das könnten.« Am liebsten hätte Iris sich auf die Lippen gebissen, die Worte zurückgenommen. Ihr war klar, dass sie sich wieder einmal idiotisch benahm. »Also, was ist?«

»Haben Sie meinen Anruf schon vergessen? Da ist doch diese junge Frau, Felicia Herbst…«

»Wie könnte ich eine solch freudige Überraschung am frühen Morgen vergessen. Und was will sie?«

»Ihre Großmutter– aber hören Sie sich am besten selbst an, was sie zu sagen hat. Sie lässt sich sowieso nicht abwimmeln.«

Die Besucherin war blond, saß schmal und blass auf dem wackeligen Holzstuhl, ein Relikt aus den Anfängen der Polizeiarbeit, vor Iris Terheydes plastikgrauem Schreibtisch. Sie mochte etwa zwanzig sein, hatte die Schultern hochgezogen, als friere sie trotz des dicken Wollschals, den sie um sich gewickelt trug. Es war wirklich kühl im Raum, das Heizen wurde immer teurer, die Durchschnittstemperatur in den Büros war von offizieller Seite deshalb um ein Grad gesenkt worden. Der Kontrast des dunklen Schals zum weinroten Pullover und zum hellen Schopf machte sich gut, fand Iris unwillkürlich. Sie entdeckte das zusammengeknüllte Papiertaschentuch in der Hand der Frau. Die gerötete Nase und die dunklen Ringe unter den Augen deuteten darauf hin, dass sie entweder Schnupfen oder in der letzten Zeit des Öfteren geweint hatte. Sie saß da wie ein kleines Vögelchen, verwirrt, fast hilflos. Ein Fall für Felix, dachte Iris.

Sie setzte sich hinter ihren Schreibtisch. Ihr Stuhl, mit schwarzem Lederimitat überzogen, war etwas neueren Datums. »Mein Kollege sagte, es sei dringend, was kann ich für Sie tun?«

Die großen blauen Augen füllten sich mit Tränen. »Meine Großmutter ist verschwunden. Es ist so furchtbar.« Die Frau schluchzte auf.

Iris bemühte sich, ihre Ungeduld zu zügeln. Auf ihrem Schreibtisch stapelten sich die Akten. Seit im Jahr 2004 zwei Bereiche zur neuen InspektionI zusammengelegt worden waren, hatte sich ihr Arbeitsfeld beträchtlich erweitert. Jetzt musste die Mordkommission außer Tötungsdelikten auch Fälle von Vergewaltigung, Brandstiftung, Landfriedensbruch und anderes mehr bearbeiten. Außerdem waren da noch die Ermittlungen bezüglich der Anfang Januar verschwundenen Zeitungsausträgerin aus Rheinfelden. Die Suche nach der Achtundvierzigjährigen war inzwischen ins benachbarte Ausland ausgedehnt worden, was die Angelegenheit zusätzlich verkomplizierte. Bisher keine Spur. Auch die Suche in »AktenzeichenXY… ungelöst« hatte nichts gebracht. Sie gingen inzwischen von einem Gewaltverbrechen aus.

Sie betrachtete die junge Frau auf der andere Seite des Schreibtisches. Solche Weibchen waren nichts für sie. Diese bestimmte Form der weiblichen Hilflosigkeit machte sie unweigerlich gereizt. Im nächsten Moment schalt sie sich innerlich als ungerecht. Die Frau schien wirklich Angst um ihre Großmutter zu haben, sie war sicher nicht auf Show aus.

»Wir beschäftigen uns hier nur mit schweren Delikten und Kapitalverbrechen. Hat mein Kollege das nicht gesagt? Ihr Fall wäre bei der Vermisstenstelle besser aufgehoben. Waren Sie schon dort?«

Felix, der Glückliche, holte Luft, als wolle er etwas sagen. Ein Blick von Iris brachte ihn zum Schweigen.

Die junge Frau schluchzte erneut auf. Die Tränen kullerten über ihr Gesicht. Sie schniefte ins Taschentuch, das danach noch zerrupfter aussah. »Nein, wissen Sie, wir vermissen sie nicht… also nicht im üblichen Sinne. Meine Großmutter ist seit zwei Tagen tot.«

Iris war verwirrt. »Was wollen Sie damit sagen? Ist sie ermordet worden?«

Wieder schüttelte die junge Frau den Kopf. »Unser Hausarzt sagte, es war ein Herzinfarkt.«

»Und wie kann sie dann verschwinden, wenn sie tot ist?«

»Das ist es ja! Ich verstehe das auch nicht! Sie ist einfach weg. Das Beerdigungsinstitut hat sie verloren. Ich wollte sie vor der Einäscherung noch einmal sehen. Als eine der beiden alten Tanten vom Beerdigungsinstitut mich zu ihr bringen wollte, lag sie einfach nicht mehr in ihrem Sarg!«

Iris schluckte trocken und war kurz davor, zu bemerken, dass das dann wohl eine Sache fürs Fundbüro sei, hielt sich aber zurück. »Das tut mir leid. Die Mordkommission kann dabei allerdings nichts tun. Wir ermitteln nur, wenn die Todesursache unklar ist. Wie wäre es denn mit den Kollegen vom Diebstahl? Ich bringe Sie gerne zu ihnen.«

»Überall werde ich nur abgewiesen, jeder hält mich für verrückt. Warum hilft mir denn niemand? Ist das denn normal, dass eine alte Frau nach ihrem Tod verschwindet?« Jetzt wurde sie energisch.

»Nein, normal ist das nicht, einen solchen Fall hatten wir noch nie«, schaltete sich Kollege Felix ein. Iris begriff, er hatte schon Feuer gefangen.

»Also ich weiß nicht…«, begann sie lahm.

»Ich lasse mich nicht so einfach abwimmeln!«

Hoppla, die junge Frau hatte Temperament.

»Sie sagen, Sie beschäftigen sich nur mit Menschen, bei denen die Todesursache unklar ist? Gut. Dann melde ich hiermit den Mord an meiner Großmutter. Wenn ich Anzeige erstatte, dann müssen Sie etwas tun, oder?«

Iris war verblüfft. »Sagten Sie nicht, es war ein Herzinfarkt?«

»Ich habe plötzlich starke Zweifel daran.«

»Anzeige? Gegen wen?«

»Gegen unbekannt?«, schlug Martin Felix vor. »Meistens kennen wir die Täter am Anfang nicht.«

Iris wusste, wann sie geschlagen war. Felix hatte die junge Frau also schon geeicht. Der Blick auf die Akten, die sich auf ihrem Schreibtisch stapelten, half ihr bei der Entscheidung. Es gab nichts Schlimmeres als diesen Papierkram. Anstatt anständige Ermittlungsarbeit zu leisten, beschäftigte sie sich rund die Hälfte ihrer Zeit damit, Formulare auszufüllen. Und täglich wurden es mehr. Sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass irgendwo in den oberen Etagen jemand saß, dessen einziges Lebensziel es war, sich ständig neue Formulare auszudenken und diese gleich mit einer mehrseitigen Ausfüll- und Ausführungsverordnung zu versehen, was an wen in welcher Zeit mit welcher Zahl von Ausfertigungen zu gehen hatte. Wenn die junge Frau Anzeige erstattete, dann kam noch weiterer Papierkram hinzu, der sie von ihrer eigentlichen Arbeit abhielt. Wozu gab es denn eigentlich diese verdammten Computer?

»Also gut. Wir werden uns um Ihre Oma kümmern. Um welches Beerdigungsinstitut handelt es sich?«

Die großen blauen Augen schauten so dankbar, dass Iris schon fast ein schlechtes Gewissen bekam.

Die Stimme war männlich und kam vom Band. Iris empfand den Ton als unangenehm freundlich. »Leider haben wir heute aus familiären Gründen geschlossen. In Notfällen wenden Sie sich bitte an das Beerdigungsinstitut Roser, Untereckstraße6. Wir sind morgen gerne wieder für Sie da. Falls Sie uns eine Nachricht hinterlassen wollen, sprechen Sie bitte nach dem Signalton.«

Iris wartete den Piep ab. »Terheyde, Polizeidirektion Lörrach. Wir hätten einige Fragen an Sie. Mein Kollege und ich werden morgen im Laufe des Tages bei Ihnen vorbeischauen.«

»Niemand zu Hause?«, fragte der Glückliche.

»Wie Sie hören.«

»Na ja, mit Gewalt können wir uns ja schlecht Zutritt verschaffen. Es sei denn, wir hätten einen Durchsuchungsbefehl.«

»Hm.« Sie betrachte das Chaos auf ihrem Schreibtisch. Aktenberge waren wie schmutziges Geschirr. Je höher sie sich stapelten, umso geringer wurde ihre Lust, sich damit zu beschäftigen.

Sie seufzte und hoffte auf ein Wunder.

Es geschah. Der großeM. streckte den Kopf zur Tür herein. »Die Kollegen im Vermisstenfall brauchen Unterstützung. Haben Sie Zeit?«

Iris sprang auf. »Klar.«

***

Max Trautmann saß in seinem Wohnzimmer am PC. Er rief die Datei mit seinen Haikus auf und suchte ein ganz bestimmtes. Eines jener dreizeiligen Gedichte aus der japanischen Tradition des Zen, die so einfach waren, so klar, die in wenigen Worten eine Geschichte erzählten. Drei Wortgruppen, siebzehn Silben in der Anordnung fünf – sieben– fünf, die kleinste lyrische Form, die in der Weltliteratur zu Bedeutung gelangt war. Ihr Haiku war auch darunter.

Gänseblümchen blüht

zwischen Halmen. Kaum jemand

sieht den Sternenkranz.

Gänseblümchen. Das war sein Name für sie. Eine eher unscheinbare und doch wunderbare kleine Pflanze. Sie war krautig und zäh, gedieh fast überall, trotzte Trockenheit und Kälte, war eine der Ersten, die im Frühling blühte. Manche nannten sie auch Tausendschön oder Maßliebchen. Er sah natürlich auch, dass Iris zu füllig war, ihr Haar zu dünn und ihre Gesichtshaut etwas teigig um die Nase. Und sie kaute Nägel. Das hatte sich seit damals nicht geändert. Doch gerade ihre Fehler machten sie anziehend. In der Gegenwart von perfekt gestylten Frauen fühlte Max sich ausgesprochen unwohl. Für ihn hatte sie etwas Leuchtendes. Er verstand gut, warum sie ihn mied, warum sie sich nicht auf ihn einlassen konnte. Ob sie ihn noch immer verdächtigte, den Alten getötet zu haben? Doch den Max Trautmann von damals gab es nicht mehr, er hatte ihn abgestreift. Ein Schmetterling war nicht geschlüpft. Eher ein dicker Brummer.

Er würde so gerne einen Weg finden, um seinem Gänseblümchen wieder öfter nahe zu sein. Vielleicht gab es ja eine Möglichkeit ohne die Gefahr, gleich als Stalker zu gelten. Was machte ein vergleichsweise schüchterner Mann, der dazu nicht gerade Adonis glich, um eine Frau für sich einzunehmen? Iris wurde von forschen Avancen schnell verschreckt. Ebenso wenig wie er selbst vermochte sie daran zu glauben, dass jemand sie liebenswert und anziehend finden könnte, vermutete sofort irgendwelche üblen Absichten und ergriff die Flucht. Das hatte er bei seinen mehr oder weniger direkten Annäherungsversuchen immer wieder zu spüren bekommen. Vielleicht waren sie sich in diesem Punkt auch einfach ähnlich. Wie er hatte sie wohl nie gelernt, mit Zuneigung umzugehen. Psychologen bezeichneten so etwas als gestörtes Urvertrauen. Max, streng dich an, sagte er sich und legte sich aufs Bett, um in Ruhe nachzudenken. Er hatte noch nie versucht, eine Frau zu erobern. Bisher hatten die Frauen immer ihn erobert. Na ja, zumindest seine Ex. Und das war nicht gut gegangen. Nein, überhaupt nicht.

Ein Haiku fiel ihm ein.

Im leeren Zug herrscht

Dämmerlicht. Den Mann wärmt der

Frühlingssonnenschein.

Er öffnete eine neue Word-Datei und tippte die Zeilen. Schön, es war nicht sein bestes Haiku. Aber es hatte etwas. Er erinnerte sich gut an die innere Dunkelheit, an dieses Kind der Einsamkeit. Sie überfiel ihn immer wieder, besonders wenn er versuchte, vor ihr fortzulaufen. Er würde einen Weg zu seinem Gänseblümchen finden. Wozu war er schließlich Schriftsteller und hatte Phantasie.

Max gähnte. Es war aber auch eine lange Nacht gewesen, einer seiner Streifzüge durch Basel. Am Ende hatte er mit einem sympathischen Schweizer Arzt die ganze Nacht durchdiskutiert. Über Frauen, Steuern, Politiker, den Imperialismus (insbesondere den amerikanischen und was wohl Barack Obama diesbezüglich tun würde), die kommenden Großmächte (vor allem China und Indien), die Frage, ob es nun einen Gott gab oder nicht, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu. Ja, es war eine lange Nacht gewesen. Max hatte versprochen, sich zu melden, wenn er wieder einmal einen Ausflug nach Basel machte. Also bald. Was sollte er mit seinen Abenden auch sonst anfangen? Kein Mensch konnte ständig Western-Romane oder Haikus schreiben. Und das Fernsehprogramm wurde auch immer schlechter. Falls es jemals besser gewesen war.

2

Das Haus in der Brombacher Straße, in dem die Lörracher »Jenseitswelten« ihre Kunden willkommen hießen, machte von außen einen gediegen-gepflegten Eindruck. Die Fassade war offenbar erst jüngst in frischem Gelb gestrichen worden und hob sich dadurch wohltuend von den etwas schmuddelig wirkenden Gebäuden in der Umgebung ab, die aus den verschiedensten Jahrzehnten stammten. Vom Ruß aus unzähligen Auspuffrohren angegraute Gründerzeitfassaden prunkten mit ihrem Stuck neben nüchternen Nachkriegsbauten. Die Straße war der Traum jedes Verkehrsbündelungsverfechters– vierspurig, begleitet von einem Schienenstrang samt Tram-Haltestellen; auch für die S6, Richtung Zell, Wiesental und Schopfheim, die Iris jeden Morgen zur Station Schillerstraße brachte. Die Bündelung war so gut gelungen, dass der ständig strömende Verkehr die Stadt Lörrach in zwei Hälften zerschnitt. Meist fuhren die Autos und Lastwagen dicht an dicht, zu Stoßzeiten war ständig Stau. Auch die etwas mickrigen Bäume konnten den Eindruck einer tristen und menschenfeindlichen Durchgangsstraße nicht mildern, die Unterführungen ebenso wenig.

Das Gebäude der »Jenseitswelten« lag nicht weit von der Abzweigung zur Lasser Brauerei entfernt. Um an der Gründerzeitvilla Aichele vorbei zum Meeraner Platz und zum Polizeigebäude an der Weinbrennerstraße zu kommen, musste man die andere Richtung einschlagen, über die Straße sprinten oder eben die Unterführung nehmen.

Das Haus des Beerdigungsinstitutes stammte wohl aus den sechziger Jahren. Eine geschickte Hand hatte mit fröhlichen Blumensträußen dafür gesorgt, dass die Schaufenster nicht trist, sondern sogar aufmunternd wirkten. Ein Paravent verwehrte Passanten den Blick ins Innere. Trauernde legten keinen Wert auf Öffentlichkeit.

»Das hat Stil«, formulierte der Glückliche die Gedanken seiner Vorgesetzten. »Und dann auch noch so nah am Friedhof! Wie praktisch.«

»Stimmt auffallend.«

Das Klanggeriesel eines Traumfängers aus Federn und Glöckchen empfing sie, als sie die Tür öffneten. Auch drinnen sah es ganz anders aus als bei den Bestattungsunternehmen, die Iris kannte. Sie kamen in die plüschige Atmosphäre eines Wohnzimmers mit Möbeln im Gründerzeit-Stil, daneben grünte ein Gummibaum. Ein rotes Sofa mit bestickten Häkelkissen lud ein, es sich bequem zu machen. Auf dem Tisch lag ein Spitzendeckchen. Die Jugendstillampen im Raum verströmten ein angenehm warmes Licht, nicht zu hell, aber auch nicht zu dunkel. Neben dem Sofa entdeckte sie eine kleinen Kommode mit mehreren Schubladen. Iris fühlte sich unversehens in den alten Schwarz-Weiß-Film »Arsen und Spitzenhäubchen« versetzt. Hatte nicht Cary Grant darin die männliche Hauptrolle gespielt? Die des jungen Mannes, der von der unorthodoxen Einstellung seiner Tanten zum Thema Leben und Tod überrascht wurde?

»Kommen Sie doch näher. Nur keine Scheu. Und setzen Sie sich. Welcher liebe Angehörige ist denn gestorben? Ach, was bin ich doch für eine schlechte Gastgeberin– möchten Sie etwas zu trinken? Einen Tee, einen Kaffee, vielleicht einen kleinen Likör zur Aufmunterung?«, zwitscherte eine Stimme.

Tatsächlich, »Arsen und Spitzenhäubchen«! Als sich der Vorhang vor einem Durchgang im hinteren Bereich des Raumes komplett zur Seite geschoben hatte, erschien eine ältere Dame in schwarzem Satin, die vollendet in diesen Film gepasst hätte. Das Kleid wirkte, als wäre es um die Wende des vorletzten Jahrhunderts herum geschneidert worden. Iris sah ein plissiertes Oberteil mit gerafftem Schößchen, weiße Spitzen und ein ebenfalls mit weißen Spitzenapplikationen besetztes Häubchen, das keck auf dem sorgsam hochgesteckten weißen Haar der winzigen Person saß, die ihnen da entgegenkam. Freundliche blaue Augen strahlten Iris an. Sie leuchteten in einem Gesicht, dessen etwas pergamentene Haut zwar von gelebten Jahren erzählte, aber kaum eine Runzel aufwies. Iris fühlte sich willkommen. Ziemlich erstaunlich für ein Beerdigungsinstitut, fand sie.

»Willkommen, gnädige Frau. Und das ist der Sohn?«, flötete die Stimme weiter.

Der Glücklich feixte und ergriff das Wort. »Tut mir leid, nein, das ist Kriminalhauptkommissarin Iris Terheyde, ich bin Kriminaloberkommissar Martin Felix, Mordkommission Lörrach.«

Die blauen Augen wurden groß und fragend, eine schmale, gepflegte Hand wies auf das Sofa. »Ja, der Telefonanruf auf dem Anrufbeantworter. Ich erinnere mich. Sie sind von der Mordkommission! Es wird doch nichts Schlimmes geschehen sein? Ach, es sind schon furchtbare Zeiten, in denen wir leben.«

Iris hatte sich von ihrer kurzen Verstimmung wegen des »Sohnes« erholt und beschlossen, dass dies eine der nettesten alten Damen war, die sie kannte.

»Nein, soweit wir wissen, ist nichts Schlimmes geschehen. Und wahrscheinlich ist dies alles auch nur ein Irrtum. Aber ehe ich es vergesse, warum hatten Sie denn gestern geschlossen?«

»Ach, meine Liebe, alte Frauen haben eben ab und zu ein Zipperlein hier und ein anderes da. Nichts Schlimmes, nur ein Anflug von Erkältung. Ist schon wieder vorbei. Ein anständiges Wannenbad und viel Schlaf wirken da Wunder. Aber bitte, setzen Sie sich doch!«

Die beiden Besucher folgten der Einladung und sanken nebeneinander auf das Sofa.

Die blauen Augen schauten sie erwartungsvoll an.

»Es geht um eine junge Frau. Sie war gestern bei uns und behauptete, Sie hätten ihre Großmutter verloren.«

»Ihre tote Großmutter natürlich«, ergänzte der Glückliche.

Die alte Dame blickte, unverkennbar bis ins Mark getroffen, auf ihre beiden Gäste. »Wir sollen eine Großmutter verloren haben? Niemals! So etwas geschieht nicht bei uns, das kann wirklich nur ein Irrtum sein.«

»Meine Liebe, ich sehe, wir haben Gäste. Wie nett. Willkommen in den ›Jenseitswelten‹. Wir werden alles tun, um Ihnen über die schweren Zeiten zu helfen. Vertrauen Sie uns.«

Iris und Felix starrten perplex in Richtung des Vorhangs, hinter dem offenbar ein reger Verkehr herrschte, denn sie konnten Geräusche hören, die zumindest vom Rumoren eines weiteren Menschen stammen mussten. Im Türrahmen erschien eine exakte Kopie der alten Dame, mit der sie sich gerade unterhielten.

Diese wandte sich um. »Nein, meine Liebe, keine Kunden. Stell dir vor, es gibt jemanden, die behauptet, wir hätten ihre Großmutter verloren! Die beiden Herrschaften hier sind von der Polizei. Denk dir, Annegret, diese Dame hier, das ist eine zweite Miss Marple. Sie müssen wissen, meine Schwester Annegret liebt diese Detektivin. Wir lesen beide gerne Kriminalromane. Ich bin ja mehr ein Fan von Hercule Poirot.«

Felix grinste. Iris konnte in Gedanken schon hören, wie er den Kollegen davon erzählte. Miss Marple! Das war eine alte Schachtel, eine, die zwar alle austrickste, aber nichtsdestotrotz eine alte Schachtel. Die Kollegen würden das begeistert aufgreifen.

»Oh, meine Liebe! Eine Tote verloren? Welch schrecklicher Vorwurf«, zwitscherte die Kopie zurück. »Wer kommt nur auf solch fürchterliche und ehrenrührige Gedanken, Maria?«

Beim Anblick dieser beiden alten Damen konnte Iris das ebenfalls nicht verstehen. Auch wenn sie der einen die Miss Marple schon noch nachtrug.

»Ach, meine Liebe, was sollen wir nur tun? Einen solch fürchterlichen Verdacht können wir doch nicht auf uns sitzen lassen!«, piepste Annegret unglücklich.

»Den müssen wir ausräumen, meine Liebe«, erwiderte Maria mit ihrer hohen Stimme.

»Das ist eine gute Idee, meine Liebe. Wie hieß die junge Frau denn? Vielleicht können wir einfach mal in den Büchern nachsehen, ob eine Angehörige von ihr hier ist?«, schlug Annegret vor.

»Da wären wir Ihnen sehr verbunden«, erklärte Iris. »Schauen Sie doch bitte nach. Martha Baumann. Sie muss jetzt etwa drei Tage tot sein.«

»Martha Baumann, ja, ich erinnere mich, meine Liebe. Sie heißt schließlich genau wie meine Schwester mit zweitem Vornamen«, erklärte Annegret.

»Martha Baumann. Stimmt, meine Liebe. Ich erinnere mich jetzt auch. Da müssen wir überhaupt nicht nachschauen. Seltsam, das ist doch so eine nette Familie, besonders die Enkelin. Sie war doch erst gestern da und hat noch einmal nach ihrer Großmutter gesehen.«

»Die Tote ist also demnach noch hier?«, folgerte Felix. »Das heißt, die Enkelin hat ihre Großmutter gesehen?«

»Natürlich«, zwitscherte Maria.

»Wie sollte es auch anders sein?«, zirpte Annegret. »Sie liegt bei uns in ihrem Sarg. Heute Nachmittag ist die Beerdigung.« Sie klang jetzt ehrlich entrüstet.

»Sie wird aber doch verbrannt, meine Liebe.«

»Ach ja, meine Liebe, wie konnte ich das nur vergessen. Jedenfalls liegt sie friedlich in ihrem Sarg, eine wirklich schöne Leiche. So schöne Leichen haben wir nicht oft. Kommen Sie, meine Lieben, lassen Sie uns nach hinten gehen. Wenn Sie Martha Baumann sehen, dann werden Sie das bestätigen. Sie sieht so glücklich aus.«

In diesem Moment ertönte aus dem hinteren Teil ein lautes Rumpeln. Dann das Geräusch schneller Schritte. Und schließlich huschte ein Schatten an der Vordertür mit der Milchglasscheibe vorbei.

Martin Felix reagierte sofort. Nach einem kurzen Blickwechsel mit Iris stürzte er zur Tür und rannte dem Schatten hinterher.

»So etwas, heute ist aber ein verrückter Tag.« Annegret schüttelte den Kopf. »Was hat er nur, meine Liebe?«

»Das weiß ich auch nicht, meine Liebe. Aber er ist ja noch jung und deshalb manchmal sehr ungestüm. Vielleicht hat er eine Verabredung?« Maria hielt die Hand vor den Mund und kicherte wie ein junges Mädchen.

Annegret tat es ihr nach.

Iris war auf dem besten Wege, sich in diese beiden alten Damen zu verlieben.

Maria fasste sich als Erste. »Aber lassen Sie uns doch nach hinten gehen.«

»Von wem war denn gerade die Rede?«, fragte Iris, die schon interessierte, wer sich da so hastig davongemacht hatte. Sie fand dieses Verhalten seltsam.

»Unser Neffe, Pascal. Er hilft uns. Tote sind manchmal sehr schwer, müssen Sie wissen. Aber als Kommissarin von der Mordkommission kennen Sie das ja«, antwortete Annegret.

»Da haben Sie aber einen interessanten Beruf, meine Liebe! Das ist bestimmt nicht einfach. Was wäre unsere Welt, wenn es nicht Menschen wie Sie gäbe, die bereit sind, ihre ganze Kraft und ihr Leben dem Dienst an der Gerechtigkeit zu opfern!«, fügte Maria hinzu.

Annegret und ihre Zwillingsschwester trippelten zielstrebig in einen Nebenraum und dort auf einen Kirschbaumholzsarg zu. Er stand in der hinteren Ecke des etwa dreißig Quadratmeter großen Zimmers auf einem Wagen zwischen zwei hohen Kandelabern, in denen jeweils fünf weiße Kerzen brannten. Um dieses Arrangement herum waren zahlreiche Blumengebinde angeordnet, Sträuße und Kränze. Aus einem Lautsprecher klang unaufdringlich klassische Musik. Mozart, vermutete Iris. Aber sie kannte sich da nicht so aus. Sie konnte nur zwei Werke auf Anhieb identifizieren. Die »Carmina Burana« von Orff und »Die Moldau« von Smetana.

»Die Familie hat sich wirklich einen schönen Sarg für die liebe Verstorbene ausgesucht«, zwitscherte Annegret.

»Ja, die Glückliche. Da wird sie sich bestimmt freuen. Und so viele Blumen! Ihre Angehörigen müssen sie sehr vermissen.« Maria sprach von der toten Martha Baumann, als lebe sie noch. Iris fragte sich, was so ein teurer Sarg sollte, wenn die Tote sowieso verbrannt wurde. Ehe sie es sich versah, war ihr die Frage herausgerutscht.

»Oh, meine Liebe, nein, der Sarg wird nach der Trauerfeier nicht mit verbrannt. Und die Blumen wandern aufs Grab. Die Angehörigen wollen schließlich überwiegend die Asche ihrer geliebten Toten in der Urne.«

»Es ist also so eine Art Leihsarg?«

»Ja«, antwortete Maria, während sie an den Schrauben auf der einen Seite drehte und ihre Zwillingsschwester an denen auf der anderen. »Das wäre sonst auch Verschwendung. Kirschbaumholz ist nicht billig.«

Iris fand das ziemlich seltsam, erkundigte sich aber lieber nicht danach, was die beiden netten Damen den Angehörigen von Martha Baumann für den Sarg berechneten. Sie wollte ihre gute Meinung über die Schwestern behalten. Und außerdem schienen sich die Anschuldigungen ohnehin in Luft aufzulösen.

»Können Sie uns bitte mit dem Sargdeckel helfen, meine Liebe? Wie schade, dass unser Neffe so eilig fortmusste.«

»Und Ihr Kollege auch, nicht wahr, meine Liebe?«

Gemeinsam wuchteten sie den schweren Deckel hoch. Er rutschte ihnen aus den Händen und polterte zu Boden. Die beiden alten Damen kreischten.

»Nein, so ein Schreck!«, zwitscherte Annegret.

Iris bückte sich. Das Holz schien keinen Schaden davongetragen zu haben. Sie richtete sich wieder auf.

»Oh«, sagte Annegret in diesem Moment.

»Oh«, echote Maria.

Iris begriff schnell, warum: Im Sarg lag unverkennbar eine »schöne Tote«, wohl die selige Martha Baumann. Und auf ihr, in grotesker Haltung, eine weitere Frau. Diese war ebenfalls und unverkennbar aus dem Leben geschieden. Iris hatte genug Tote gesehen, um zu erkennen, dass die Leichenstarre bereits eingetreten war. Sie begann meist zwei bis vier Stunden nach dem Todeszeitpunkt, sechs bis acht Stunden danach war sie voll ausgeprägt und löste sich zwei bis drei Tage nach dem Ableben. Die oben liegende Tote hatte wirres rotes Haar, das wie eine Perücke aussah, und war von ausgesprochen kräftiger Statur. Sie kauerte halb seitlich, halb auf dem Bauch; ein Bein umklammerte die tote Martha Baumann.

In diesem Moment stieß der keuchende Martin Felix zu ihnen. »Ich habe niemanden erwischt«, schnaufte er und trat zum Sarg.

Dann sagte er dasselbe wie die beiden alten Damen. »Oh!«

Iris hatte sich am schnellsten wieder gefasst. Sie angelte die Latex-Einmalhandschuhe, die sie immer bei sich trug, aus ihrer Manteltasche, zog sie an und schob die Haare der Toten ein wenig zur Seite. Sie sah nur einen Teil des Gesichts. Offensichtlich war die Frau stark geschminkt. Sie trug einen Schal. Vielleicht war sie ja erwürgt worden. Ob sie den Körper umdrehen und nachschauen sollte? Sie entschied sich dagegen. Vielleicht zerstörte sie damit Spuren. Auf den ersten Blick fand sie allerdings keine Hinweise auf ein Gewaltverbrechen. Sie konnte weder Blut noch Verletzungen entdecken. Vielleicht war hier einfach eine Leiche aus Versehen in den falschen Sarg geraten oder es gab eine andere Erklärung. Die beiden alten Damen waren so nett. Sie taten bestimmt nichts Illegales. Nein, die Schwestern konnten keiner Fliege etwas zuleide tun. Aber was sollte dann dieser kurze Blickwechsel?

»Weißt du denn, wer das ist?«, fragte Maria kläglich und vergaß sogar, »meine Liebe« zu sagen.

Annegret schüttelte den Kopf. »Nein, wirklich, meine Liebe. Diese Frau gehört da ganz sicher nicht hin. Aber Pascal muss es wissen.«

»Ja, Pascal weiß es sicher.«

»Nichts anfassen«, warnte Iris die Schwestern. »Wir bestellen jetzt die Spurensicherung.«

Martin Felix zückte sein Handy, drückte eine Kurzwahl. Dann verzog er sich in den anderen Raum.

Iris wandte sich wieder an die Schwestern. »Und Sie haben wirklich keine Ahnung, wer die Tote ist und wie sie in den Sarg kommt?«

Die beiden schüttelten stumm den Kopf. »Aber unser Neffe hat ganz bestimmt eine Erklärung, meine Liebe«, wiederholte Annegret, immer noch sichtlich fassungslos.

»Seltsam, dass er vorhin so schnell davongelaufen ist, meinen Sie nicht? Kann ich bitte den Totenschein von Martha Baumann sehen?«

»Ich gehe und hole ihn.« Maria verschwand ebenfalls im anderen Raum. Iris könnte hören, dass eine Schublade herausgezogen wurde. Kurze Zeit später kam Maria mit den Unterlagen zurück. Iris blätterte sie durch. Es stimmte, was die Enkelin erzählt hatte. Der Arzt hatte Herzinfarkt als Todesursache eingetragen. Sie kannte den Mediziner, ein guter Mann, erfahren. Er irrte sich nicht so leicht. Also war Martha Baumann mit großer Sicherheit eines natürlichen Todes gestorben. Blieb die Frage, ob sie nun verschwunden gewesen war oder nicht. Wer log? Und warum? Und wer war die andere Tote in dem Sarg?

Martin Felix kam zurück. Iris schaute ihm fragend entgegen. Er nickte ihr zu.

»Martha Baumann ist laut Totenschein tatsächlich an einem Herzinfarkt gestorben«, klärte sie ihn auf. »Ich denke, darauf können wir uns vorerst verlassen. Wir werden die andere Frau in die Rechtsmedizin bringen lassen, um herauszufinden, wann und wie sie umgekommen ist. Rufen Sie sicherheitshalber Buchmann an. Er soll hier am Sarg wachen, bis dieser abgeholt wird. Und der Raum wird erst einmal versiegelt.«

»Aber bitte, den brauchen wir doch! Wirklich, ich weiß auch nicht, was das soll!«, protestierte Annegret.

Martin Felix hatte sein zweites Telefongespräch bereits geführt. »Polizeihauptwachtmeister Buchmann kommt sofort. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie wir diesen Raum versiegeln sollen, er hat nach vorne ja keine Tür, sondern nur einen Vorhang.«

»Das ist nicht unser Problem«, beschied ihn Iris. »Auf jeden Fall müssen Sarg und Zimmer gesichert werden.«

Dann wandte sie sich wieder an die beiden Schwestern. »Können Sie mir erklären, wieso die Enkelin behauptet, bei ihrem Besuch gestern sei ihre Großmutter nicht im Sarg gelegen? Wieso sollte sie lügen?«

»Meine Liebe, das weiß ich wirklich nicht! Mädchen in diesem Alter sind manchmal durcheinander. Vielleicht wird sie mit dem Tod ihrer lieben Großmutter einfach nicht fertig. Martha Baumann hat ihren Sarg nicht verlassen, seit wir sie hineingelegt haben. Wie sollte sie auch! Das ist ja alles so entsetzlich, meine Liebe! Maria, was sollen nur die Leute von uns denken? Eine zweite Frau im Sarg unserer lieben Verstorbenen, und dazu noch eine Wildfremde! Wie kommt sie nur hinein?«

»Nach Lage der Dinge ist sie wahrscheinlich nicht selbst hineingeklettert und dann eines unerwarteten Todes gestorben«, stellte Martin Felix trocken fest.

»Junger Mann, auf ein wenig mehr Pietät müssen wir schon bestehen«, meinte Maria vorwurfsvoll.

»Besonders pietätvoll scheint mir die Situation ohnehin nicht zu sein. Wenn Sie es nicht waren, dann muss jemand anderes diese Tote auf Frau Baumann gelegt haben. Fällt Ihnen außer Ihrem Neffen noch jemand ein? Hat Pascal vielleicht irgendwo eine Nachricht hinterlassen, bevor er so unvermittelt aufgebrochen ist? Hat außer Ihnen sonst jemand einen Schlüssel zum Beerdigungsinstitut?«

»Jetzt ist sie genau so streng wie Miss Marple. In die Zange nehmen heißt das doch, oder?«

Maria war schnell wieder in der Lage zu scherzen, fand Iris. »Das ist alles überhaupt nicht komisch.«

»Die Kommissarin hat recht, meine Liebe. Das ist nicht komisch. Nein, außer Pascal und uns hat niemand einen Schlüssel«, flötete Annegret.

Maria senkte den Kopf, als wäre sie beim Äpfelstehlen erwischt worden. »Ich gehe mal schauen, ob ich einen Zettel finde«, zwitscherte sie dann, ihre Stimme zitterte ein wenig.

»Haben Sie denn keine Putzfrau, die Ihnen wenigstens die schweren Arbeiten abnimmt?«, erkundigte sich Iris.

»Wo denken Sie hin, meine Liebe! Stellen Sie sich einmal vor, unseren lieben Verstorbenen geschieht etwas, nur, weil eine Putzfrau unachtsam ist. Nein, wir machen hier alles selbst.«

Iris fand diese Besorgnis um das Wohlergehen von Toten angesichts der Umstände bemerkenswert.

Sie warteten auf dem Sofa, bis Polizeihauptwachtmeister Buchmann einige Minuten später schnaufend eintraf. Ein bedachtsamer Mann, Iris arbeitete gerne mit ihm zusammen. Er war etwa fünfzig Jahre alt, hatte eine Halbglatze, sehr kurz geschorene graue Haare und einen nicht unbeträchtlichen Bauch. Er war einer der wenigen, die die sperrige Kriminalhauptkommissarin Terheyde wirklich mochten. Sie kamen jedenfalls gut miteinander aus, jeder respektierte die Fähigkeiten des anderen.

Iris setzte ihn kurz ins Bild, zusammen mit den Zwillingsschwestern gingen sie wieder zum Sarg.

»So etwas, nein, so etwas«, klagte Annegret erneut.

»Furchtbar, wirklich furchtbar«, stimmte Maria ein. »So eine schöne Tote und nun das!«

»Ach, meine Liebe, ob schön oder nicht, das ist jetzt nun sicher nicht wichtig«, fiel ihr die Schwester ins Wort. »Und die andere Tote kennen wir ganz bestimmt nicht. Ich schwöre.«

»Wir werden sehen.« Iris reichte Annegret ihre Visitenkarte. »Ich erwarte Sie beide morgen früh in meinem Büro. Acht Uhr dreißig. Und bringen Sie Ihren Neffen mit. Unser Kollege Buchmann wird Ihre Personalien aufnehmen, während Sie warten, bis die Spurensicherung sich alles angeschaut hat und der Sarg abgeholt ist.«

»Etwa von der Konkurrenz? Von einem anderen Beerdigungsinstitut?«, fragte Maria empört.

»Natürlich von der Konkurrenz«, erwiderte Martin Felix.

Der Anruf des Rechtsmediziners aus Freiburg kam noch am selben Abend. Er erreichte Iris auf dem Diensthandy, sie war gerade auf dem Weg ins Bett.

»Das ist schon eine seltsame Tote«, sagte eine männliche Stimme.

Iris erinnerte sich. Das war der muffige junge Assistent, dem sie vor etwa zwei Jahren im Fall der Frau begegnet war, die sich von der Laufenburger Rheinbrücke gestürzt hatte. Jener Fall, in den auch Max Trautmann verwickelt, genauer, in dem er ihr Hauptverdächtiger gewesen war. Danach hatten sie nur noch telefonisch miteinander zu tun gehabt. Bis Freiburg waren es von Lörrach aus immerhin rund siebzig Kilometer. Robert, mit Nachnamen Meister. Nomen est Omen. Er schien jetzt im Institut für Rechtsmedizin das Sagen zu haben. Nun ja, die Dinge änderten sich, und manche Menschen machten eben Karriere.

»So, und wieso?«

»Also, ich habe noch nicht allzu viele Fakten. Aber die Frau ist in Wirklichkeit ein Mann. Etwa vierzig Jahre alt, schätze ich. Über den genauen Todeszeitpunkt kann ich wegen der Kürze der Zeit noch nichts Genaues sagen. Er ist vermutlich am Sonntagabend gestorben, irgendwann zwischen siebzehn und zweiundzwanzig Uhr. Die Kollegen von der KT haben mir bisher noch einige wichtige Daten vorenthalten, die ich für die weitere Eingrenzung des Todeszeitpunktes benötige. War es kalt oder warm am Fundort? Feucht oder trocken? Sie wissen schon…«

»Und woran ist sie gestorben? Ich meine, er? Verdammt, nun machen Sie es nicht so spannend!«

»Ungeduldig wie eh und je. Der Mann wurde erschossen. Ein Schuss in den Kopf. Kleines Kaliber. Aus nächster Nähe. Von hinten. Ich habe ihm die Kugel aus dem Hirn geholt. Das sieht fast aus wie eine Hinrichtung. Selbstmord scheidet nach Lage der Dinge jedenfalls aus. Das alles erst einmal unter Vorbehalt. Nach der Tat hat ihm jemand die rote Perücke aufgesetzt. An der finden sich keinerlei Beschädigungen.«

»Ich habe keinen Einschuss gesehen.«

»Wie auch. Ich sagte doch, die Wunde befand sich unter der unversehrten Perücke am Hinterkopf. Haben wir es hier mit einem Sexualdelikt unter Schwulen zu tun?«

»Woher soll ich das wissen? Wir fangen mit unseren Recherchen erst an«, knurrte Iris gereizt.

»Ach so. Den Abschlussbericht bekommen Sie demnächst. Es stehen noch Untersuchungen aus. Der Tote war bis unter die Halskrause mit Drogen vollgepumpt.« Das klang pampig, offenbar hatte sie ihn beleidigt.

»Was für Drogen?«

»So eine Art Cheese vermutlich, aber das muss ich noch verifizieren.«

»Wie bitte?«

»Das ist der Begriff für eine Mischung aus Erkältungsmedizin und Heroin. Ist 2005 in den USA aufgetaucht.«

»Ja, ich weiß.«

»Warum fragen Sie dann? In unserem Fall scheint es sich aber um eine Mischung aus Erkältungsmedizin, 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin, kürzer MDMA – so wie in Ecstasy– und einem Opiat zu handeln, vermutlich Morphium. Eine ziemlich wilde Kombination. Haben Sie eigentlich irgendwo Blut entdeckt?«

»Nein, zumindest nicht mit bloßem Auge. Wir vermuten, dass der Mann nicht dort umgebracht wurde, wo wir ihn gefunden haben. Um ganz sicher zu sein, müssen wir ebenfalls noch den Bericht der Spurensicherung abwarten.«