Achtsam leben - wie geht das denn? - Thich Nhat Hanh - ebook

Achtsam leben - wie geht das denn? ebook

Thich Nhat Hanh

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Opis

Ich bin Lehrerin an einer städtischen Schule. Obwohl ich Ärger in meinen Schülern nicht unterstützen will, stelle ich fest, dass sie jedes Recht haben, wütend über ihre Bedingungen und ihre Diskriminierung zu sein. Für viele ist diese Wut über ihre Lebensbedingungen die Energie, die sie dazu antreibt, positive Handlungen anzugehen. Kann ich ihren Ärger auf positive Art ermutigen und nähren? Ich glaube, ich verstehe die Frage - aber die gute Absicht kann hier in die falsche Richtung gehen, Ärger oder Wut zu ermutigen und zu nähren. Die Frage ist, wie man die Energie der Wut nutzen kann, um positive Dinge zu tun? Wir wissen, dass wir Kraft haben, wenn Wut in uns ist, denn Wut ist Energie. Aber die Energie der Wut ist blind. Solange Sie nicht wissen, wie Sie diese Energie bändigen und kanalisieren können, kann sie sehr zerstörerisch sein. Das Problem ist, wie wir diese starke Energie der Wut in die Energie des Verstehens, des Mitgefühls verwandeln können. Wenn Verständnis und Mitgefühl in Ihnen sind, haben Sie einen klaren Blick, dann sind Sie in der Lage, intelligente Strategien und Pläne zu entwickeln.

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Thich Nhat Hanh

Achtsam leben –wie geht das denn?

Theseus Verlag

Theseus im Internet: www.theseus-verlag.de.

Bibliografische Informationen der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Print 978-3-89901-574-4ISBN E-Book 978-3-89901-937-7

E-Book Ausgabe 2014

Zusammenstellung, Übersetzung und Bearbeitung: Ursula HanselmannLektorat: Ursula Richard

Fotos im Innenteil mit freundlicher Genehmigung von Christian Käufl;die Fotos entstanden anlässlich einer Vietnamreise mit Thich Nhat Hanh im Frühjahr 2005.

Copyright © 2005 Theseus inJ. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeldwww.weltinnenraum.de

Alle Rechte vorbehalten

Die Verwertung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohneZustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt auchfür Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen undfür die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld, www.mbedesign.deunter Verwendung eines Fotos von © Hildegard MorianGestaltung und Satz: AS Typo & Grafik, BerlinE-Book Gesamtherstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt a. M.

Inhalt

Vorwort von Ursula Hanselmann

Die Übung der Achtsamkeit

Wie wir das Leiden überwinden können

Ein heilsamer Umgang mit Emotionen und Gefühlen

In harmonischen Beziehungen leben

Es gibt kein Werden, kein Vergehen

Fragen von Kindern

 

Vorwort

Thich Nhât Hanh beschreibt in seinen Vorträgen oder in vielen seiner Bücher, wie ein achtsames Leben aussehen kann: Wie wir achtsam Tee trinken, uns achtsam die Zähne putzen, achtsame Schritte tun und unsere alltäglichen Verrichtungen mit Achtsamkeit begleiten können, um sie zu einer ganz besonderen Erfahrung werden zu lassen. Seine Bücher sind Erinnerung, Ermutigung und Hilfe, die Kunst des achtsamen Lebens zu erlernen.

Nachdem wir seine Worte gehört oder gelesen haben, bemühen wir uns dann oftmals sehr darum, unser Leben achtsamer zu gestalten, aber manchmal kommen wir nicht recht weiter, bleiben gefangen in alten Gewohnheitsmustern, sind ungeduldig und wollen sofort oder möglichst schnell die Ergebnisse unseres Bemühens sehen.

Unser Umfeld scheint zuweilen mit unserer Achtsamkeit nicht Schritt halten zu können oder zu wollen, und wir möchten ihnen gerne beibringen, wie sie achtsamer sein könnten. Das geht aber nur selten gut.

Eines Tages stehen wir dann plötzlich da; unser Achtsamkeitspflänzchen ist Wind und Wetter ausgesetzt, während andere Samen (oftmals negative) allmählich wieder kräftiger zu sprießen beginnen, und unsere Achtsamkeit tut sich schwer, dazwischen noch ein Plätzchen zu finden.

Dann wird es Zeit, wieder genauer hinzuschauen und zu fragen: »Achtsam leben – wie geht das denn?« Wir können und sollten selbst nach Wegen suchen und Dinge ausprobieren, wir haben aber auch die Möglichkeit, Thich Nhât Hanh persönlich Fragen zu den Schwierigkeiten und Problemen mit der Achtsamkeit zu stellen – nach Vorträgen, während Retreats oder Tagen der Achtsamkeit oder bei einem Aufenthalt in Plum Village.

Es gehört allerdings ein wenig Mut dazu, nach vorne zu gehen, in ein Mikrofon zu sprechen, sein ganz persönliches Anliegen vorzubringen – vor einer oft recht großen Zuhörerschaft.

»Lieber Thay, liebe Sangha …«

und dann werden oft Fragen gestellt, die tief berühren, die traurig sind, von Angst getragen, die aber auch hoffnungsvoll auf Thich Nhât Hanhs Antworten auf einen Lösungsvorschlag, auf eine neue Blickrichtung ausgerichtet sind.

All den Fragen liegt letztendlich die kleine und doch so große Frage zugrunde: »Achtsam leben – wie geht das eigentlich?« Und Thich Nhât Hanh weist uns Wege, altbekannte, manchmal auch ganz neue, unerwartete. Er gibt uns Hilfestellungen, unsere eigene Achtsamkeit zu erkunden, zu erproben und dabei zu bleiben – mit Geduld und liebevoll mit uns selbst.

Für mich waren anfangs die »Frage und Antworten«-Teile bei den Veranstaltungen Thich Nhât Hanhs eher eine Pflichtübung. Weder Neugier noch Begeisterung hielten mich auf meinem Kissen, weil ich voller Überheblichkeit dachte, die Fragen hätten ja konkret mit mir gar nichts zu tun – wenn auch die eine oder andere mich durchaus erschüttern oder tagelang begleiten konnte. Es waren für mich dennoch immer die Fragen anderer.

Eines Morgens hörte ich mir zu Hause eine CD mit Fragen und Antworten von und für Kinder an. Die erste Frage eines Jungen lautete: Thay, die Moskitos quälen mich so, kann ich nicht wenigstens ein paar umbringen?« Die Frage wurde begleitet vom Kichern anderer Kinder, und auch Thay lachte auf seine ganz besonders herzliche Art mit.

Seine Antwort auf diese Frage war wundervoll.

Er bestätigte dem Kind, dass er das Problem selbst sehr gut kenne und machte Vorschläge, wie man sich behelfen könne, ohne zu töten. Er erzählte dann anschließend noch den Kindern (und Erwachsenen) eine Geschichte über Mitgefühl, über Freude und Intersein (dem Miteinander-Verbundensein aller Dinge) am Beispiel einer Schlange, die unter einer Hängematte lag. In dieser Geschichte ist ein solcher Reichtum enthalten, dass sie noch heute viele meiner eigenen, ganz anders lautenden Fragen beantwortet.

So lernte ich nach und nach, »Fragen und Antworten« mit Thay zu lieben, lernte zu verstehen, dass alle, wirklich alle Fragen in irgendeiner Weise mit mir zu tun haben, auch wenn sie sehr weit von meiner eigenen Lebensrealität entfernt scheinen. Wenn ich genau hinhöre, kann ich in jeder Antwort Hinweise finden, kann sich mein Blick weiten, und ich sehe meine Situation oft von einer ganz anderen Warte. Die Antworten erschließen sich mir nicht immer sofort. Manchmal trage ich sie eine ganze Weile spazieren, bevor ich etwas verstehe, was mir noch verborgen war. Manchmal treffen sie so konkret meine derzeitige Situation, dass ich beinahe erstaunt bin, woher Thich Nhât Hanh wissen kann, dass ich genau diese Antwort jetzt brauche.

Meine kleine Vorliebe gilt den Fragen der Kinder, die teilweise sehr tief sind, manchmal auch traurig, manchmal lustig, manchmal schon sehr »erwachsen«, und oft kann man spüren, wie die Samen, die Thich Nhât Hanh sät, schon kleine Knospen bei ihnen hervorbringen.

Mögen viele Knospen und Früchte für uns in den »Fragen und Antworten« dieses Buches liegen und uns unterstützen, unseren ganz eigenen Weg der Achtsamkeit zu gehen – mit Freude und Geduld und viel Mitgefühl für uns selbst und andere.

Ursula Hanselmann

 

Eine gut gestellte Frage kann für viele Menschen hilfreich sein.

Stellen Sie Fragen, die uns helfen können, die Ihnen helfen können, die den Menschen, denen Sie sich verbunden fühlen, helfen können, aus schwierigen Situationen herauszufinden. Fragen, die helfen, den Pfad der Praxis zu erkennen, den Pfad der Transformation zu sehen, um unser Glück, unsere Kommunikation und unsere Harmonie wiederherzustellen.

Stellen Sie solche Fragen, die das Reine Land, das Königreich Gottes zurückbringen, die unser Herz wieder mit Leben erfüllen können.

Thich Nhât Hanh

 

Die Übung der Achtsamkeit

 

Lieber Thay,meine Frage ist sehr einfach, sie stellte sich mir während des heutigen Frühstücks.

Ich habe mich an einen der langen Tisch gesetzt. Da waren andere Personen neben mir und eine, die mir gegenüber saß. Ich schaute auf meinen Apfel, den ich ganz still und achtsam aß. Als ich wieder aufschaute, saß jemand ganz anders mir gegenüber. Ich hatte nicht wahrgenommen, dass die Person, die vorher da saß, weggegangen war und eine neue Person sich hingesetzt hatte. Meine Frage ist: Wenn ich versuche, achtsam zu sein, ganz bewusst, muss ich mir dann all dessen bewusst sein, was sonst noch um mich herum geschieht?

Nein, nein. Es geschehen viele Dinge zur gleichen Zeit im gegenwärtigen Moment, und Sie können sich entscheiden, sich nur auf eine Sache zu konzentrieren. Achtsamkeit ist die Fähigkeit, sich bewusst zu werden, was im gegenwärtigen Moment geschieht. Sie erlauben sich einfach, präsent zu sein und festzustellen, was Sie mehr beschäftigt, was mehr im Vordergrund steht; Sie können nicht alles wahrnehmen, was geschieht. Wenn Sie dann aufschauen und eine neue Person ent -decken, sagen Sie sich: »Oh, eine neue Person« – das ist bereits Achtsamkeit. Einige Minuten zuvor war das Objekt Ihrer Achtsamkeit ein anderes. Jetzt hat Ihre Achtsamkeit ein neues Objekt. Das ist Achtsamkeitsübung ohne jegliche Vorgabe.

Die Übung der Achtsamkeit kann ebenso gut eine Vorgabe haben, eine Art Programm. Es bedeutet, dass Sie bei einem Objekt für fünfzehn, zwanzig oder dreißig Minuten verweilen möchten. Sie möchten nur mit diesem einen Objekt sein – wie zum Beispiel dem Atem. Sie möchten sich jetzt auf Ihren achtsamen Atem konzentrieren und alle anderen Objekte erst einmal nicht beachten. Es ist so ähnlich, wie wenn Sie morgens einen Packen Briefe erhalten, Sie gehen ihn schnell durch und entscheiden sich, welchen Brief sie zuerst lesen. Das heißt nicht, dass Sie den Rest nicht lesen werden. Sie haben lediglich beschlossen, diesen einen Brief zuerst zu lesen. Dies ist die Achtsamkeitsübung mit Vorgabe. Sie greifen ein Objekt heraus, von dem Sie glauben, Sie sollten sich jetzt darauf besinnen, weil Sie es gerade jetzt brauchen, weil Sie das Nährende und Heilende, das daraus erwachsen

kann, jetzt benötigen. Sie suchen sich also ein Thema, ein Objekt der Achtsamkeit aus, Sie werden Ihre Aufmerksamkeit auf keine anderen Objekte richten. Das ist in Ordnung. Das ist nicht mangelnde Achtsamkeit, denn Sie praktizieren auf diese Art und Weise wirklich Achtsamkeit.

Lieber Thay,bitte sagen Sie etwas über Satori, Kensho und Erleuchtung.

Satori heißt Erwachen. Es ist kein abstrakter Begriff. Man kann Satori mehrmals am Tag erfahren. Wenn Sie Ihren Tee trinken und sich beim Teetrinken bewusst werden, dass Sie Tee trinken, dann ist das bereits Satori. Wenn Sie gehen und sich bewusst werden, dass Sie gehen, dann ist das Satori. Satori ist nicht etwas, das man nach zum Beispiel achtjähriger Praxis erfährt. Es sollte eigentlich mehrmals täglich passieren. Arrangieren Sie Ihr Leben, Ihren Alltag so, dass Satori jede Minute geschehen kann.

Kensho bedeutet Einsicht in die eigene Natur. Der ganze Sinn der Übung, der Sitzmeditation, des Atmens, des Gehens ist, tief zu schauen und Einblick in die eigene Natur zu gewinnen. Auch Ihre wahre Natur ist nichts Abstraktes. Der Buddha ist sehr hilfreich ge -wesen, denn er hat uns Hinweise gegeben, wie wir unserer Natur auf den Grund gehen können. Unsere Natur ist die Natur der Vergänglichkeit, unsere Natur ist vom Wesen her Nicht-Selbst und Intersein, unsere Natur ist vom Wesen her Nirwana. Sie sollten Ihr tägliches Leben so leben, Ihre Praxis so gestalten, dass Sie keine Konzepte entdecken, wenn Sie tief schauen, sondern dass Sie wirkliche Einsichten haben.

Wenn Sie nur sitzen und darauf warten, dass Kensho sich einstellt, dann bezweifle ich, dass das geschieht.

Sitzen ist sehr wichtig, aber es ist wesentlich, auf eine Art und Weise zu sitzen, dass Konzentration und tiefes Schauen möglich sind. Wenn Achtsamkeit und Konzentration wirklich stark und unerschütterlich werden, dann kann man tief schauen und Einsichten in das eigene Wesen gewinnen. Wenn während des Sitzens die Konzentration und die Energie der Achtsamkeit nicht in Ihnen vorhanden sind, dann wird Kensho nie geschehen, ganz egal wie viele Stunden Sie sitzen.

In der Soto-Tradition des Zen gibt es eine besondere Art zu sitzen, Shikantanza oder Nur-Sitzen. Das bedeutet, nur zu sitzen ohne Erwartung, dass irgendetwas geschieht. In einem buddhistischen Kontext bedeutet Sitzen vollständig präsent zu werden. Wenn man mit dieser Konzentration sitzt, mit dieser Präsenz, sitzt man im Erwachen. Wenn Sie in Gedankenlosigkeit sitzen wie in einer dunklen Höhle und weiterleiden, zum Beispiel wegen körperlicher Schmerzen, bezweifle ich, dass Kensho sich einstellt.

Sie sind intelligent und Sie sollten Ihre ganze Intelligenz ins Sitzen einbringen.

Ich sitze neben Ihnen, bin etwas nervös, aber mein Herz ist voller Freude. Ich habe Sie schon vor langer Zeit in Ihren Büchern getroffen und möchte Ihnen danken für das, was Sie mir gegeben haben, die Gedanken, die hilfreichen Worte, Sie haben mir viel Kraft gegeben.

Das Thema, das ich gerne weiter verfolgen möchte, ist die Gemeinschaft, die Sangha.

Wir wissen, dass es wichtig ist, in schwierigen Zeiten zusammen zu sein, aber auch in schönen Zeiten. Aber ich weiß, dass es auch einige gibt, die Schwierigkeiten haben mit der Struktur und den Ritualen, die zum Teil während der gemeinschaftlichen Treffen durchgeführt werden.

Vielleicht können Sie mir einige Einsichten vermitteln, wie wir gut kommunizieren können, gut zuhören können, gut reden können, rechte Rede üben können, wie wir uns in der Sangha gegenseitig auch helfen können.

Wenn zwei Menschen sich treffen, dann winken sie einander entweder zu oder sie schütteln sich die Hände oder verbeugen sich voreinander. Das sind Ausdrucksarten, Verhaltensweisen, die wir brauchen, um uns auszudrücken. Wir sind nicht der Meinung, dass das Zusammenlegen der Hände und das Verbeugen die bessere Art ist, sich zu begrüßen, als Händeschütteln.

Wenn man seine Hände zusammenlegt und sich vor einer anderen Person verbeugt, dabei aber nicht achtsam ist und sich der Gegenwart des anderen gar nicht bewusst ist, dann macht diese Verbeugung überhaupt keinen Sinn. Wenn Sie dagegen die Hand einer Person nehmen und denken »Wundervoll, er ist immer noch am Leben, ich habe die Möglichkeit, seine Hand zu halten, wie glücklich bin ich darüber!«, dann ist das viel besser, als sich ohne jegliche Achtsamkeit zu verbeugen.

Deswegen ist »sich zu verbeugen oder sich nicht zu verbeugen« nicht die Frage. Sie mögen von dieser Art Ritual befremdet sein. Aber die Menschen drücken damit ihre Achtsamkeit aus. Sie müssen nicht dasselbe tun, wichtig ist nicht die Form, sondern ob Sie achtsam sind oder nicht. Sind Sie achtsam, dann wissen Sie, dass Sie wirklich präsent im Hier und Jetzt sind, und Sie genießen das Zusammensein mit anderen Praktizierenden.

Wenn wir gehen, können wir langsam gehen oder sehr langsam oder auch schnell, das hat überhaupt nichts zu sagen. Es kommt darauf an, ob Sie das Gehen genießen können oder nicht. Im Winter üben wir in Plum Village nicht nur Gehmeditation, wir üben auch Laufmeditation, Jogging-Meditation.

Eine gute Praxis steckt nicht in der Form fest. Wir können viele Formen der Praxis nutzen, wir sollten aber nicht in einer Form stecken bleiben, nicht anhaften. Wenn wir wirklich frei sind, dann haften wir an nichts an, zum Beispiel nicht an der Farbe der Robe, das alles spielt keine Rolle.

Wichtiger ist, dass wir als Sangha, als Gemeinschaft, zusammenkommen. Jeder und jede von uns trägt mit der eigenen Praxis zur kollektiven Energie bei, die heilend und hilfreich für alle ist.

Durch meiner Art zu atmen, zu sitzen, zu gehen trage ich meinen Teil bei; durch Ihre Art zu atmen, wie Sie Ihren Tee trinken, tragen Sie Ihren Teil bei, dass wir als Gemeinschaft harmonisch zusammen sein können.

Wenn eine Person viele negative Samen von ihren Eltern geerbt hat – wie kann man diese Samen ruhen lassen und wie kann man verhindern, dass diese Samen den eigenen Kindern oder anderen Personen, die um uns sind, übertragen werden?

Die Antwort lautet: Umfeld und Sangha.

Um zu verhindern, dass unsere negativen Samen zu stark gewässert werden, sollten wir unser Umfeld verändern, wir sollten jede Anstrengung unternehmen, um das Umfeld zu verändern. Mit Menschen zu leben, die wissen, wie sie ihre positiven Samen wässern können, ist sehr wichtig. Deshalb sollten wir uns zusammenfinden und eine Gemeinschaft gründen, die ein achtsames Leben, ein glückliches, ein gesundes Leben ermöglicht. Eine Sangha aufzubauen, die aufgrund dieser Einsicht praktiziert, ist etwas sehr wichtiges.

Wir sollten das für uns als Individuen tun, und wir sollten versuchen, es auch vielen anderen Menschen zu ermöglichen, denn für viele von uns ist unser Umfeld nicht so förderlich. Wenn wir in einem solchen Umfeld einfach nur so weiterleben, dann werden unsere negativen Samen fortwährend gewässert und die positiven Samen werden keine Chance haben. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe, unser Umfeld zu verändern, ein gesundes, gutes Umfeld zu gestalten und Sanghas aufzubauen, d.h. Gemeinschaften von Menschen, die achtsam leben.

In den letzten Jahren haben wir versucht, in Großstädten Achtsamkeitszentren aufzubauen, in denen die Achtsamkeitspraxis in einer offenen, nicht sektiererischen Art angeboten wird, damit auch Menschen, die keine Buddhisten sind, sich wohl fühlen und ganz natürlich praktizieren. Jede und jeder kann hier achtsames Gehen, achtsames Essen, achtsames Sitzen, achtsames Sprechen üben, und diejenigen, die in diese Achtsamkeitszentren kommen, werden von dem Wunsch motiviert, diese Art des Lebens in ihre Familie hinein zu tragen, Gruppen zu bilden, die sich treffen, um das gegenseitige Wässern der positiven Samen zu üben.

An den Universitäten können Studenten Gruppen bilden, in denen man sich gegenseitig mit der Achtsamkeitspraxis hilft. In jeder Universität, in jeder Schule ist es möglich, einen Ort zu finden, der ein Ort der Achtsamkeit werden kann, damit Lehrer, Professoren und Studenten jederzeit die Möglichkeit haben, sich in der Kunst des achtsamen Lebens und in der Praxis des Wässerns der guten Samen zu üben.

In Plum Village unterlassen wir (so gut es geht) das Wässern der negativen Samen und üben ausgiebig das Wässern der positiven Samen – wir nennen das dann »selektives Wässern«. Wenn wir uns zu einer Gruppe zusammenfinden, die Achtsamkeit praktiziert, haben wir eine Chance, das selektive Wässern zu üben. Das ist sehr wichtig. Wenn die Samen des Glücks, des Verstehens, des Mitgefühls auch nur eine Woche lang gewässert werden, können wir uns bereits verändern. Wir können den anderen Menschen ändern. Diese Übung ist gar nicht schwierig. Wir nehmen die guten Samen in dem oder der anderen wahr und gießen sie. Bereits eine Stunde des »Blumengießens« kann die andere Person verändern, kann sie glücklicher machen. Es ist wundervoll. Wenn wir in einer Situation sind, in der unsere positiven Samen überhaupt nicht gewässert werden, an keinem Tag, sollten wir uns entschließen, unser Umfeld sofort zu verändern.

Wenn Sie an einen Ort wie Plum Village kommen, werden Sie feststellen, dass die Kinder hier sehr glücklich sind, auch wenn sie nicht fernsehen. Wenn wir fernsehen erlauben wir, dass unsere Samen von Gewalt, Gier und Ärger sehr stark gegossen werden.

Vor einigen Jahren kam ein Junge nach Plum Village. Als er sich den Tagesplan ansah, wurde er sehr wütend auf seine Mutter, die ihn hierher gebracht hatte. Es gab kein Fernsehen und der Tagesablaufplan bestand aus Sitzen, Gehen und stillen Mahlzeiten. Er hielt diesen Ort für eine Art Gefängnis. Er dachte, er könne ohne Fernseher nicht überleben. Seine Mutter war verzweifelt und bat um Hilfe. Schwester Chân Không schlug ihm vor: »Okay, bleib einen Tag und eine Nacht hier, und wenn es dir nicht gefällt, fährst du am nächsten Tag zum Strand.« Er nahm den Vorschlag an. Schwester Chân Không bat andere Jungen und Mädchen seines Alters, mit ihm zu spielen. In den nächsten Stunden war er völlig in die Aktivitäten der jungen Menschen in Plum Village einbezogen. Als es am nächsten Tag Zeit für ihn war, Plum Village zu verlassen, um an den Strand zu fahren, wollte er gar nicht mehr weg. Er sagte, es sei ganz in Ordnung hier, er bliebe. Und er überlebte ohne Fernseher. Während der Wochen, die er in Plum Village verbrachte und an den Aktivitäten der jungen Leute teilnahm, war es möglich, gute Samen in ihm zu wässern, so dass eine große Veränderung in ihm stattgefunden hatte, als er wieder nach Hause fuhr.

Kann ich jeden Menschen lieben, kann ich für jeden Menschen Mitgefühl empfinden, auch wenn ich ihn nicht mag?

In der buddhistischen Tradition kennen wir die Lehre der Vier Brahmaviharas, die Lehre über die Liebe. Die vier Elemente wahrer Liebe sind »liebende Güte«, »Mitgefühl«, »Freude« und »Nicht-Unterscheidung«. Am Anfang wird Ihre Liebe nur für eine Person ausreichen, aber wenn Sie den Lehren entsprechend praktizieren, wird Ihre Liebe mehr und mehr Menschen einschließen. Sie werden fähig sein, auch die Menschen zu lieben, die nicht sehr liebenswert sind. Denn der Prozess der Liebe ist auch ein Prozess des tiefen Schauens. Wenn wir tief in eine Person hineinschauen, die wir hassen, können wir ihr ganzes Leiden und ihre Schwierigkeiten sehen. Diese Person hat vielleicht anderen Menschen viel Leid zugefügt, aber sie hat auch sich selbst viel Leiden geschaffen. Diese Person hatte vielleicht keine Eltern, die ihr helfen konnten, keine Freunde, die ihr eine Richtung gezeigt haben. Wenn wir das erkennen, werden wir sie nicht länger tadeln, wir werden dann sehen, dass sie Hilfe braucht. Auf einmal können wir diese Person dann in unsere Liebe mit einschließen.

Die Vier Brahmaviharas werden manchmal auch als die Vier Unermesslichen bezeichnet. Das bedeutet, es gibt auch eine Liebe ohne jede Begrenzung. Das ist die Liebe des Buddha. Sie alle sind zukünftige Buddhas und deshalb haben Sie die Fähigkeit, alle Wesen in Ihrer großen Liebe zu umarmen. Für Praktizierende ist es nur eine Frage der Zeit.

Die Frage betrifft die erste der Fünf Betrachtungen, die wir vor dem Essen sprechen. (»Diese Nahrung ist ein Geschenk des ganzen Universums und das Ergebnis von viel Liebe und Mühe.«) Könnten wir vielleicht sagen, dass die Nahrung nicht das Geschenk von Himmel und Erde ist, sondern die Frucht der gegenseitigen Abhängigkeit verschiedener Elemente?

Wir könnten das wohl sagen, aber es ist sehr schön, Dankbarkeit zu fühlen. Wenn wir eine Orange genießen, sie essen, können wir dem Orangenbaum danken, der viel Zeit aufgewendet hat, eine schöne Orange für uns hervorzubringen.

Wenn wir sehen können, dass es Geben und Empfangen gibt, können wir eine tiefere Art von Beziehung zu dem Orangenbaum entwickeln. Wir wissen, dass auch der Orangenbaum vieles von den Wolken, dem Sonnenschein, der Erde und so weiter empfängt. Tatsächlich ist es so, dass alles, was ist, auf alles andere angewiesen ist, damit es wachsen und sein kann. Deswegen bin ich nicht nur voller Dankbarkeit für den Orangenbaum, sondern auch für Wolken, Sonne, Erde und so weiter. Es ist eine schöne Vorstellung, dem Kosmos dankbar zu sein, allem gegenüber, das sich uns als Nahrung anbietet. Deswegen organisieren wir in Plum Village einen Erntedank-Tag, an dem wir unseren Dank darbringen: zuerst unserem Vater und unserer Mutter, die uns das Leben geschenkt haben, dann unserem Lehrer, der uns ein spirituelles Leben ermöglicht und der uns gelehrt hat, im Hier und Jetzt zu leben; wir danken unseren Freunden, die uns auch dann unterstützen, wenn es uns nicht gut geht, und wir danken jedem Lebewesen in der Tier-, Pflanzen- und Mineralienwelt dafür, dass sie uns unterstützen und erhalten.

Und so feiern Buddhistinnen und Buddhisten auch Erntedank – mit dieser Form von Einsicht. Während wir Erntedank feiern, treten wir in Beziehung zu allem, was uns umgibt. Dies ist eine sehr gute Übung, die uns hilft, uns nicht aus der Realität zu entfernen. Das Gefühl der Dankbarkeit unterstützt uns dabei, erinnert uns, Mitgefühl und liebende Güte zu kultivieren.

Sie sprechen nie über Karma. Warum nicht?

Ich spreche die ganze Zeit über Karma. Es gibt keinen Augenblick, in dem ich nicht über Karma sprechen würde. Karma bedeutet handeln, tätig sein. Eine Handlung kann sich sowohl in Form eines Gedankens, eines Wortes oder einer körperlichen Tätigkeit ausdrücken. Wenn ich also über achtsames Atmen spreche, ist das gutes Karma. Achtsames Atmen ist eine sehr gute Handlung, um Ihren Körper und Ihren Geist zusammenzubringen, damit Sie ganz hier sein können, um das Leben tief zu berühren. Wenn ich über die Fünf Achtsamkeitsübungen1 spreche, spreche ich über Karma, denn Karma ist Tun – wenn Sie im Geiste der Fünf Achtsamkeitsübungen denken oder sprechen, werden Sie gute Resultate hervorbringen können: Frieden, Freude, Glück werden Ihnen gehören. Ich benutze das Wort Karma nicht als Terminus, aber ich sprechen andauernd über Karma und über die Nahrung des Karma, genannt karmaphala. Und auch über gutes und negatives Karma. Wir sollten uns nicht von Worten oder Begriffen gefangen nehmen lassen, auch nicht von Ideen. Wir sollten unsere gegenwärtigen Probleme anschauen und unsere Übung ganz stark werden lassen und uns nicht zu vielen Ideen und Betrachtungen hingeben.